RVJ/ZWR 2008 215 KGE (Strafkammer) vom 8. Februar 2007 i.S. X., Y. und Z. c. Amt des kantonalen Untersuchungsrichters (Beschwerde). Anwaltsrecht: Verbot der Doppelvertretung. – Der Anwalt hat nebst der Wahrung der Unabhängigkeit auch die Pflicht, von sämtlichen Aufträgen mit Interessenkonfliktpotential Abstand zu nehmen (Art. 12 lit. c BGFA; E. 2b/aa). – Besondere Umstände ausgenommen, darf ein Anwalt nicht zwei Mitangeschuldigte im gleichen Strafverfahren verteidigen (E. 2b/aa). – Im konkreten Fall Interessenkollision bejaht (E. 2b/bb). Droit de l’avocat : interdiction de la double représentation. – Outre la sauvegarde de son indépendance, l’avocat a aussi le devoir d’éviter tout conflit potentiel d’intérêts entre ses différents mandats (art. 12 let. c LLCA; consid. 2 b/aa). – Sauf circonstances particulières, un avocat ne peut pas défendre deux coaccusés dans une même procédure pénale (consid. 2 b/aa). – Dans le cas d’espèce, admission d’un conflit d’intérêt (consid. 2 b/bb). Verfahren (gekürzt) Im Strafverfahren gegen X. und Y. wegen Vergehens im Sinne von Art. 23 ANAG sowie eventueller Widerhandlungen gegen Strafnormen der Sozialversicherungsgesetze und des Steuergesetzes forderte das kantonale Untersuchungsrichteramt Rechtsanwalt Z. mit Hinweis auf die Rechtsprechung zur Niederlegung eines der beiden Mandate infolge drohender Interessenkollision innert einer Frist von 10 Tagen auf. Dieser ersuchte den Untersuchungsrichter, die Behandlung der Frage der Doppelvertretung bis nach erfolgter Akteneinsicht aufzuschieben. Der Untersuchungsrichter liess Rechtsanwalt Z. das Verfahrensdossier zur Einsichtnahme zukommen, mit dem Hinweis, das 7 Bundesordner umfassende Belegdossier könne auf dem Untersuchungsrichteramt eingesehen werden. Mit Verfügung vom 18. Dezember 2006 aberkannte der Untersuchungsrichter die Vertretungsbefugnis von Rechtsanwalt Z. in der vorliegenden Strafsache. Gegen diese Verfügung reichten X. und Y. sowie Rechtsanwalt Z. Beschwerde bei der Strafkammer des Kantonsgerichts ein. Aus den Erwägungen (...) 2. b) Die Beschwerdeführer rügen ferner die Missachtung der freien Anwaltswahl und bestreiten das Vorliegen einer Interessenkollision im bisherigen Verfahren. ceg Texte tapé à la machine ceg Texte tapé à la machine KGVS P3 07 1 ceg Texte tapé à la machine
aa) Richtig ist, dass der Beschuldigte das Recht auf einen Verteidiger (Art. 49 Ziff. 2 StPO) seiner Wahl hat (Art. 6 Ziff. 3 lit. c EMRK, Art. 14 Ziff. 3 lit. b und d UNO-Pakt II, Art. 32 Abs. 2 BV). Dieses Recht kann jedoch eingeschränkt werden (Bundesgerichtsurteil in: ZWR 1998 S. 165 E. 4a; ZWR 1999 S. 199 E. 1). Seit 1. Juni 2002 untersteht der Anwalt den in Art. 12 und 13 BGFA abschliessend aufgezählten Berufsregeln. Diese bundesrechtlichen Normen, die weitgehend den aufgehobenen kantonalen Vorschriften entsprechen, legen die Grundsätze der anwaltlichen Berufsausübung fest, und für die Kantone verbleibt kein Raum, zusätzliche eigene Berufsregeln zu erlassen (Botschaft des Bundesrates, in: BBl 1999 IV S. 6039 und 6057; Rothenbühler, Freizügigkeit für Anwälte, Bern 1995, S. 255; Nater/Wipf, Internationale Freizügigkeit nach dem Bundesgesetz über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte, in: Bilaterale Verträge Schweiz-EG, Zürich 2002, S. 250; ZWR 2005 S. 196 E. 4a). Die Standesregeln der kantonalen Anwaltsverbände dienen der allenfalls notwendigen Auslegung der bundesrechtlichen Berufsregeln (Botschaft des Bundesrates, in: BBl 1999 IV S. 6039 und 6054; vgl. Fellmann, Kollision von Berufspflichten mit anderen Gesetzespflichten, in: Das Anwaltsrecht nach BGFA, St. Gallen 2003, S. 174). Gemäss den in Art. 12 BGFA umschriebenen Berufsregeln haben Anwältinnen und Anwälte ihren Beruf sorgfältig und gewissenhaft (lit. a), unabhängig, in eigenem Namen und auf eigene Verantwortung auszuüben (lit. b) und jeden Konflikt zwischen den Interessen ihrer Klientschaft und den Personen, mit denen sie geschäftlich oder privat in Beziehung stehen, zu vermeiden (lit. c). Das Gebot zur Vermeidung von widerstreitenden Interessen ist Ausfluss der Unabhängigkeit, die dem Anwalt grösstmögliche Freiheit und Sachlichkeit bei der Interessenwahrung geben soll, und die Voraussetzung für das Vertrauen in den Anwalt und die Justiz ist. Dies bedingt, dass der Anwalt nebst der Wahrung der Unabhängigkeit auch die Pflicht hat, von sämtlichen Aufträgen mit Interessenkonfliktpotential Abstand zu nehmen (Amberg, Das Bundesgesetz über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte, in: Anwaltsrevue 3/2002 S. 11; Studer, Die Doppelvertretung nach Art. 12. lit. c BGFA, in: Anwaltsrevue 2004 S. 234; Werro, Les conflits d’intérêts de l’avocat, in: Schweizerisches Anwaltsrecht, Bern 1998, S. 232; vgl. BGE 130 II 87 E. 4.2). Diese Regel von Art. 12 lit. c BGFA geht nicht weiter als jene des früheren kantonalen Anwaltsgesetzes, wonach der Anwalt Parteien, deren Interessen sich widersprechen könnten, nicht vertreten darf (Art. 19 Abs. 2 aARG; vgl. Spahr, Les règles de la profession d’avocat en droit valaisan, ZWR 1988 S. 424). Die Standesregeln 216 RVJ/ZWR 2008