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Bundesverwaltungsgericht 09.08.2011 E-4922/2008

9 agosto 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,588 parole·~8 min·2

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 27. Juni 2008

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­4922/2008 Urteil   v om   9 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz), Richter Robert Galliker,  Richterin Emilia Antonioni, Gerichtsschreiber Tobias Meyer. Parteien A._______, geboren (…), und ihre Kinder B._______,  geboren (…), C._______, geboren (…) und D._______,  geboren (…), Eritrea, vertreten durch Samuel Häberli, Freiplatzaktion Zürich,  Rechtshilfe Asyl und Migration, (…),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 27. Juni 2008 / N (…).

E­4922/2008 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführenden  sind  eritreische  Staatsangehörige.  Gemäss  ihren  Angaben  verliessen  sie  ihr  Heimatland  am  23. Juli  2006  und  gelangten über den Sudan, Ägypten und Italien am 2. Oktober 2006 in die  Schweiz, wo sie am gleichen Tag um Asyl nachsuchten. B.  Die Mutter (nachfolgend: die Beschwerdeführerin) wurde am 16. Oktober  2006  im Empfangs­ und Verfahrenszentrum  (EVZ) Chiasso summarisch  befragt und am 30. Januar 2008 in Bern ausführlich zu ihren Asylgründen  angehört. Zur Begründung  ihres Asylgesuchs brachte sie  im Wesentlichen vor,  ihr  Ehemann  sei  am  30. Mai  2006  an  ihrem  gemeinsamen  Wohnsitz  in  E._______ von drei Polizisten verhaftet worden. Zwei Wochen danach sei  sie zu Hause von Polizisten aufgesucht worden, die  ihr mitgeteilt hätten,  ihr Mann sei verschwunden, und sie nach dessen Verbleib befragt und ihr  Haus durchsucht  hätten. Die Polizisten  seien  in  der Folgezeit  noch drei  weitere Male zu  ihr nach Hause gekommen. Am 20. Juli  2006 habe sie  schliesslich eine Vorladung der Polizei erhalten. Darin sei sie aufgefordert  worden,  entweder  ihren  Mann  auf  den  Polizeiposten  zu  bringen  oder  50'000  Nakfa  zu  bezahlen;  sonst  werde  sie  anstelle  ihres  Mannes  inhaftiert. Daraufhin habe sie das Land verlassen. C.  Mit Verfügung vom 27. Juni 2008 – eröffnet am 7. Juli 2008 – stellte das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführenden  erfüllten  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  lehnte  ihre  Asylgesuche  ab  und  wies  sie  aus  der  Schweiz  weg.  Gleichzeitig  verfügte  das  BFM  ihre  vorläufige  Aufnahme  wegen  Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs. Zur  Begründung  der  Ablehnung  des  Asylgesuchs  führte  das  BFM  im  Wesentlichen  aus,  die  geltend  gemachten Vorsprachen  der  eritreischen  Polizei  bei  den  Beschwerdeführenden  stellten  aufgrund  ihrer  Art  und  Intensität  keine  ernsthaften  Nachteile  dar  und  seien  deshalb  nicht  asylrelevant.  Zudem  habe  die  Beschwerdeführerin  auch  keine  begründete  Furcht  vor  zukünftiger  Verfolgung,  da  ihre  Aussagen  bezüglich  der  Verhaftung  ihres  Ehemannes  und  der  Vorladung  auf  den  Polizeiposten unglaubhaft seien.

E­4922/2008 D.  Mit  Eingabe  vom  26. Juli  2008  (Poststempel)  erhoben  die  Beschwerdeführenden  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  gegen  die  Verfügung  des  BFM  und  beantragten,  die  Verfügung  sei  im  Asylpunkt aufzuheben, ihre Flüchtlingseigenschaft sei anzuerkennen und  ihnen sei Asyl zu gewähren. In verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragten  sie die Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung und den Verzicht  auf Erhebung eines Kostenvorschusses. Neben einer Fürsorgebestätigung gaben sie drei  Internet­Ausdrucke von  Berichten  von  Nichtregierungsorganisationen  zu  Eritrea  zu  den  Akten.  Zudem  kündeten  sie  an,  innert  vier  Wochen  die  Vorladung  der  eritreischen Polizei vom 20. Juli 2006 einzureichen sowie einen weiteren  Brief der Sicherheitsbehörden, der in der Zwischenzeit bei der Mutter der  Beschwerdeführerin eingegangen sei, einzureichen. Zur Begründung  ihrer Anträge  führten die Beschwerdeführenden an, sie  hätten sowohl in subjektiver als auch in objektiver Hinsicht eine staatliche  Verfolgung  zu  befürchten.  Anhaltspunkt  dafür  bilde  vor  allem  die  Vorladung vom 20. Juli 2008 [recte: 2006]. Die Beschwerdeführerin hätte,  selbst wenn sie der Vorladung nachgekommen wäre, mit Verhaftung als  weiterer  Reflexverfolgung  aufgrund  des  Handelns  ihres  Ehemannes  rechnen  müssen.  Dass  die  Beschwerdeführerin  nicht  wisse,  wieso  ihr  Ehemann  verhaftet  worden  sei  und  nur  vermuten  könne,  dies  sei  geschehen, weil er keinen Militärdienst geleistet habe, sei zudem auf die  weniger  direkte Kommunikationskultur  in Eritrea  zurückzuführen, wo die  Kommunikation  eher  auf  der  Basis  gemeinsamer  Grundannahmen  funktioniere und deshalb oft keine harten Fakten ausgetauscht würden.  E.  Mit  Verfügung  vom  7. August  2008  gewährte  der  zuständige  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  die  unentgeltliche  Prozessführung  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Zudem  wurden  die  Beschwerdeführenden  aufgefordert, die angekündigten Beweismittel innert Frist einzureichen. F.  Am  8. September  2008  reichten  die  Beschwerdeführenden  zwei  Polizeivorladungen, datiert vom 16. Juli 2006 und vom 30. August 2006,  im Original zu den Akten (inklusive nicht beglaubigte Übersetzungen). 

E­4922/2008 G.  Mit  Verfügung  vom  24. September  2008  lud  der  zuständige  Instruktionsrichter das BFM zur Vernehmlassung ein. Das  BFM  stellte  in  seiner  Eingabe  vom  3. Oktober  2008  fest,  die  Beschwerde  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  die  eine  Änderung  seines  Standpunktes  rechtfertigen  könnten,  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Die  eingereichten  Beweismittel  seien  nicht  geeignet,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  zu  untermauern,  weil  sie  im  Widerspruch  zu  ihren  Aussagen stünden: Sowohl bezüglich des aufgeführten Datums als auch  des  Inhalts  der  Vorladungen  gebe  es  Diskrepanzen  mit  den  Aussagen  der Beschwerdeführerin. H.  Mit  Eingabe  vom  13. Oktober  2008  reichten  die  Beschwerdeführenden  beglaubigte Übersetzungen der beiden Vorladungen ein. I.  Die  Beschwerdeführenden  nahmen  am  5.  November  2008  Stellung  zur  Vernehmlassungsantwort  des  BFM  und  führten  aus,  die  Beschwerdeführerin  habe  an  den  Anhörungen  wohl  das  Datum  der  Zustellung der Vorladung verwechselt. Der Inhalt stimme tatsächlich nicht  mit den Aussagen der Beschwerdeführerin überein. Sie habe ausgesagt,  was  ihr  in  Eritrea  drohe,  und  dabei  die  mündlichen  Aussagen  und  Drohungen  der  Polizisten  und  den  Inhalt  der  schriftlichen  Vorladungen  zusammengemischt.  Der  vom  BFM  geltend  gemachte  Widerspruch  sei  deshalb zu relativieren. J.  Der  Ehemann  beziehungsweise  Vater  der  Beschwerdeführenden  hat  seine Heimat nach seinen Angaben nach einer Flucht aus dem Gefängnis  im August 2008 verlassen und ist am 30. Dezember 2008 in die Schweiz  eingereist, wo er gleichentags um Asyl nachgesucht hat. Das BFM lehnte  sein  Asylgesuch  am  18.  Dezember  2009  ab,  ordnete  die  Wegweisung  des Gesuchstellers aus der Schweiz ab und verfügte gleichzeitig wegen  unzumutbaren  Wegweisungsvollzugs  seine  vorläufige  Aufnahme.  Der  Entscheid des BFM trat unangefochten in Kraft.

E­4922/2008 K.  Am 3. Juli 2009 wurde das dritte Kind, D._______, geboren. Es wird  ins  vorliegende Verfahren eingeschlossen.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates, vor dem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht  richtet sich nach  dem VwVG, soweit das VGG nicht anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 

E­4922/2008 3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen  (Art.  7  Abs.  1  AsylG).  Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substantiiert, in sich  schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen  erschöpfen  oder  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechen, und sie dürfen nicht widersprüchlich sein oder der inneren  Logik  entbehren.  Darüber  hinaus  muss  die  asylsuchende  Person  persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall  ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel  abstützt  (Art. 7  Abs. 3  AsylG),  wichtige  Tatsachen  unterdrückt  oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren zeigt oder die nötige Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung  bedeutet  –  im  Gegensatz  zum  strikten  Beweis  –  ein  reduziertes  Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel  an den Vorbringen des Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt bereits  als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von  ihrer Wahrheit nicht völlig  überzeugt  ist,  sie  aber  überwiegend  für  wahr  hält,  obwohl  nicht  alle  Zweifel  beseitigt  sind.  Für  die  Glaubhaftmachung  reicht  es  demgegenüber  nicht  aus, wenn  der  Inhalt  der Vorbringen  zwar möglich  ist,  aber  in  Würdigung  der  gesamten  Aspekte  wesentliche  und  überwiegende  Umstände  gegen  die  vorgebrachte  Sachverhaltsdarstellung  sprechen.  Entscheidend  ist  im  Sinne  einer  Gesamtwürdigung,  ob  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  sprechen,  überwiegen  oder  nicht;  dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2005  Nr.  21  E.  6.1  mit  weiteren  Hinweisen,  welche  Praxis  vom  Bundesverwaltungsgericht weitergeführt wird).

E­4922/2008 4.  4.1. Das  BFM  sprach  in  der  angefochtenen  Verfügung  den  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  insgesamt  die  Glaubhaftigkeit  ab.  Erstens  sei  nicht  plausibel,  dass  die  Beschwerdeführerin  verdächtigt  worden  sei,  ihren Ehemann zu verstecken, da die eritreische Polizei sie in diesem Fall  bereits  früher verhaftet hätte. Deshalb sei zweitens auch nicht plausibel,  dass  die  Beschwerdeführerin  ein  Schreiben  mit  der  Aufforderung  bekommen habe, entweder  ihren Mann auszuliefern oder eine Busse zu  bezahlen.  Drittens  sei  auch  erstaunlich,  dass  die  Beschwerdeführerin  nicht wisse, aus welchem Grund ihr Ehemann verhaftet worden sei. 4.2.  Die  Beschwerdeführenden  gaben  auf  Beschwerdeebene  zwei  Vorladungen  der  eritreischen  Polizei  zu  den  Akten,  inklusive  amtlicher  Übersetzungen.  Diese  vermögen  allerdings  die  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin,  wie  das  BFM  in  seiner  Vernehmlassung  zu  Recht  ausführt,  nicht  zu  stärken.  Die  Beschwerdeführerin sprach sowohl in der summarischen Befragung vom  16. Oktober 2006 als auch in der Anhörung vom 30. Januar 2008 nur von  einer  Vorladung,  die  sie  am  20. Juli  2006  bekommen  habe  und  mit  welcher sie aufgefordert worden sei, sich noch am gleichen Tag auf dem  Polizeiposten  zu  melden.  Die  erste  der  eingereichten  Vorladungen  ist  jedoch auf  den 16. Juli  2006 datiert  und  fordert  die Beschwerdeführerin  auf, sich am 20. Juli 2006 um 10 Uhr auf dem Polizeiposten zu melden,  was  Zweifel  an  den  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  aufkommen  lässt. Dass es noch eine zweite, vom 30. Juli 2006 datierte Vorladung auf  den  3.  August  2006,  15  Uhr,  gibt,  ist  neu.  Erstmals  wird  in  der  Beschwerdeschrift  erwähnt,  es  sei  nach  Verpassen  des  Termins  –  und  nach  erfolgter  Ausreise  –  bei  der  Mutter  der  Beschwerdeführerin  noch  "ein  weiterer  Brief  von  den  Sicherheitsbehörden  mit  roten  Buchstaben  zugestellt"  worden  (act.  1  S.  4),  bei  welchem  es  sich  (vgl.  Replik  zur  Vernehmlassung  vom 5. November 2008,  act.  10 S.  2)  um diese  zweite  Vorladung  handle.  Zudem  –  und  gewichtiger  –  stimmt  der  Inhalt  der  eingereichten Vorladung nicht mit den Aussagen der Beschwerdeführerin  überein.  Diese  führte  in  der  Anhörung  aus,  sie  sei  in  der  Vorladung  aufgefordert worden, entweder ihren Mann auszuliefern oder eine Busse  von 50'000 Nakfa zu bezahlen, beides unter persönlichem Erscheinen auf  dem Polizeiposten, ansonsten sie inhaftiert werde (A12/11, S. 5). Auf der  Vorladung vom 16. Juli 2006 wird die Beschwerdeführerin jedoch lediglich  aufgefordert,  "wegen  der  Arbeit"  beziehungsweise  –  so  die  nicht  beglaubigte  Übersetzung  –  "für  einige  Abklärungen"  auf  dem  Polizeiposten  zu  erscheinen,  mit  dem  Hinweis,  wer  den  Termin  nicht 

E­4922/2008 einhalte, mache sich strafbar; erwähnt wird weder ihr Ehemann noch die  angeblich  alternativ  zu  leistende  Zahlung  von  50'000 Nakfa.  Die  zweite  Vorladung,  die  auf  den  30. Juli  2006  datiert  ist,  enthält  den  gleichen  Wortlaut. Diese Unstimmigkeiten können nicht mit dem Hinweis auf eine  andere Kommunikationskultur  in Eritrea  relativiert werden. Da der  Inhalt  der  Vorladungen  in  keiner  Art  und  Weise  auf  die  Verhaftung  ihres  Mannes  Bezug  nimmt  und  auch  keine  Zahlungsaufforderung  enthält,  vermögen  sie  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  nicht  zu  stützen.  Damit  können  die  beiden  Vorladungen,  auch  unter  der  Annahme,  sie  seien  echt,  nichts  zur  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin beitragen und vermögen angesichts ihres harmlosen  Inhalts  und  des  formellen  Vorgehens  der  Behörde  keine  drohende  Verfolgung glaubhaft zu machen.  5.  Zudem  haben  sich  seit  der  vorläufigen  Aufnahme  der  Beschwerdeführenden  zusätzliche  und  erhebliche  Zweifel  an  den  Vorbringen der Beschwerdeführerin ergeben. 5.1.  Am  11. August  2004  gelangte  der  Schwager  der  Beschwerdeführerin, F._______(N […]), in die Schweiz und ersuchte am  gleichen Tag  um Asyl. Das BFM  lehnte  sein Asylgesuch mit Verfügung  vom 4. Februar 2005 ab, wies ihn aus der Schweiz weg und ordnete den  Vollzug  der Wegweisung  an.  Die  Verfügung  erwuchs  unangefochten  in  Rechtskraft. Am  28. März  2005  versuchte  der  Schwager  mit  einem  eritreischen  Reisepass,  der  auf  den  Namen  seines  Bruders  –  des  Ehemannes  der  Beschwerdeführerin – (G._______)  lautete, die Grenze von der Schweiz  nach Frankreich zu überqueren. Dabei wurde er von der Kantonspolizei  des Kantons Basel­Stadt  kontrolliert  und  verzeigt.  Er  gab  an,  er  sei  die  Person  im  Reisepass,  wohne  seit  längerer  Zeit  in  Italien  und  sei  verheiratet.  5.2.  Im  Asylverfahren  des  Ehemannes  der  Beschwerdeführerin  (vgl.  Sachverhalt,  Bst.  J)  erfolgte  die  Ablehnung  seines Asylgesuchs mit  der  Begründung, seine Vorbringen seien unglaubhaft.  5.2.1.  In  Bezug  auf  die  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  ergeben  sich  vor  allem verschiedene Widersprüche  im Zusammenhang mit dem Reisepass des Ehemannes. Konfrontiert mit  dem Umstand,  dass  sein  Bruder mit  seinem Reisepass  in  der  Schweiz 

E­4922/2008 kontrolliert worden sei,  sagte der Ehemann aus, er habe nicht gewusst,  dass sein Bruder mit seinem Pass unterwegs sei. Dieser müsse ihn wohl  während seines Gefängnisaufenthaltes (vom Mai 2006 bis August 2008)  entwendet haben  (B19/14, S. 3). Der Schwager der Beschwerdeführerin  reiste  jedoch  am  11. August  2004  in  die  Schweiz  ein  und  wurde  am  28. März  2005  mit  dem  Pass  ihres  Ehemannes  erwischt.  Er  war  also  bereits knapp zwei Jahre vor der angeblichen Inhaftierung des Ehemanns  im Besitz dessen Passes.  Hinzu kommt, dass  im Pass des Ehemannes die Geburt seines zweiten  Kindes  mit  der  Beschwerdeführerin  eingetragen  worden  war.  Dieser  Eintrag erfolgte am 11. September 2003 durch das eritreische Konsulat in  Mailand, was darauf schliessen lässt, dass sich der Ehemann bereits zu  diesem Zeitpunkt nicht mehr in Eritrea befand, sondern in Italien aufhielt.  Ein solcher Aufenthalt ist natürlich in keiner Weise mit den Aussagen der  Beschwerdeführerin,  ihr  Ehemann  sei  am  30. Mai  2006  in  Eritrea  verhaftet  worden,  in  Einklang  zu  bringen.  Beim  Versuch,  den  Widerspruch  zwischen  der  Passeintragung  und  seines  angeblichen  Ausreisedatums  (September  2008)  zu  erklären,  verstrickte  sich  der  Ehemann zudem in Widersprüche. So gibt er an, sein Bruder habe wohl  die  Eintragung  vornehmen  lassen  (B27/4,  S. 1).  Dieser  befand  sich  allerdings  zu  diesem  Zeitpunkt  nach  eigenen  Aussagen  in  Eritrea  im  Gefängnis  (BFM­Dossier N  […], A10/21, S. 3). Nicht nachvollziehbar  ist,  wieso  der  Bruder  diese  Eintragung  hätte  vornehmen  sollen.  Die  Erklärungsversuche  des  Ehemannes  –  sein  Bruder  habe  wohl  seine  falsche  Identität  zu  stärken  versucht  oder  dem Kind  eine Einreise  nach  Italien  ermöglichen  wollen  (B27/4,  S. 2)  –  sind  unplausibel.  Diese  Unstimmigkeit,  verbunden  mit  der  Annahme,  bei  der  Passeintragung  habe die zuständige italienische Passbehörde eine Identitätsüberprüfung  vorgenommen, deutet darauf hin, dass sich die Beschwerdeführerin und  ihr  Ehemann  schon  längere  Zeit  in  Italien  aufhielten.  Diese  Vermutung  wird zudem durch ein eritreisches Ausreisevisum vom 11. April 2002 und  einen Einreisestempel des Flughafens Frankfurt a.M. vom 18. April 2002  im Reisepass des Ehemannes der Beschwerdeführerin gestützt.  Schliesslich  ist  am  3. Juli  2009  das  dritte  Kind  der  Beschwerdeführerin  und  ihres  Ehemannes  in  der  Schweiz  geboren.  Letzterer  behauptete  jedoch,  erst  am  30. Dezember  2008  in  die  Schweiz  eingereist  zu  sein,  was angesichts des Geburtsdatums des Kindes nicht plausibel ist. 

E­4922/2008 Die  festgestellte  Unglaubhaftigkeit  der  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  erscheint  auch  durch  die  vom  Ehemann  in  seinem  Asylverfahren  eingereichten  Beweismittel  nicht  in  einem  anderen  Licht.  Wie  das  BFM  zu  Recht  in  seiner  Verfügung  vom  18. Dezember  2009  betreffend  den  Ehemann  ausgeführt  hat,  können  die  Fotos  und  Filmaufnahmen, die angeblich am 26. Mai 2006 in Eritrea aufgenommen  worden  sein,  ebenso  gut  in  Italien  entstanden  sein.  Den  Taufurkunden  der beiden Kinder  kommt wenig Beweiswert  zu, da diese nur  in Kopien  vorliegen und solche Dokumente leicht gefälscht werden können. 5.2.2. Des Weiteren sagte der Ehemann der Beschwerdeführerin aus, er  sei in Eritrea im Import­/Exportgeschäft tätig gewesen, wo er mit Kleidern  und  Lebensmitteln  gehandelt  habe.  Deshalb  sei  er  sehr  oft  nicht  zu  Hause in Eritrea, sondern geschäftlich zum Beispiel im Sudan unterwegs  gewesen (B1/13, S. 3 und B19/14, S. 4). Die Beschwerdeführerin hatte in  ihrer Anhörung jedoch ausgesagt, ihr Mann habe lediglich "ein wenig" mit  Lebensmitteln  wie  Kartoffeln  und  Zwiebeln  gehandelt  (A12/11,  S.  5).  Dieser  Widerspruch  in  den  Aussagen  der  Eheleute  vermindert  die  Glaubhaftigkeit ihrer Aussagen zusätzlich.  5.2.3. Schliesslich  gab  der  Ehemann  der  Beschwerdeführerin  in  seiner  Anhörung  vom  27. April  2009  an,  er  sei  am  30. Mai  2006  verhaftet  worden,  weil  er  ungerechtfertigterweise  verdächtigt  worden  sei,  Menschen  zu  schmuggeln.  Diese  Verdächtigung  durch  die  staatlichen  Behörden  sei  aufgekommen,  nachdem  er  sich  jahrelang  (seit  2001)  für  die  Durchsetzung  eines  Gerichtsurteils  eingesetzt  habe,  in  dem  ihm  in  einer  geschäftlichen  Angelegenheit  eine  Entschädigung  zugesprochen  worden  sei.  Die  zuständige  Person  habe  dann  die  Sache  gegen  ihn  gedreht und ihn verdächtigt, ein Menschenschlepper zu sein, weshalb er  schliesslich verhaftet worden sei  (A19/14, S. 5). Die Beschwerdeführerin  brachte  in  ihrer  Anhörung  vor,  sie  wisse  nicht,  wieso  ihr  Ehemann  verhaftet worden sei,  vermute  jedoch, es hänge damit  zusammen, dass  er keinen Militärdienst geleistet habe. In Anbetracht des Umstandes, dass  ihr Ehemann in dieser Angelegenheit während Jahren mit den Behörden  in Streit war,  ist es nicht plausibel, dass sie gar nichts von dieser Sache  und  den  Verdächtigungen  gegen  ihren  Ehemann  gewusst  hatte.  Auch  dies lässt ihre Vorbringen unglaubhaft erscheinen. Damit erübrigt sich im  vorliegenden  Urteil  eine  Auseinandersetzung  mit  den  Ausführungen  in  der Beschwerdeschrift zur Bestrafung von Refraktären.

E­4922/2008 Das  BFM  hat  mithin  zu  Recht  festgestellt,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin seien unglaubhaft und es könne ihnen ohnehin keine  Asylrelevanz zukommen. Die Verneinung der Flüchtlingseigenschaft und  die Ablehnung des Asylgesuchs sind zu bestätigen. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Die Beschwerdeführenden verfügen weder über eine ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1  AsylG  und  Art.  32  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über Verfahrensfragen [AsylV 1, SR 142.311]). 6.2.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht  möglich,  regelt  das  BFM  das  Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Das  BFM  ordnete  in  der  angefochtenen  Verfügung  die  vorläufige  Aufnahme  der  Beschwerdeführenden  wegen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  an.  Da  es  sich  bei  den  Wegweisungsvollzugshindernissen  nach  Art. 83  Abs. 1  AuG  um  eine  alternative  Aufzählung  handelt,  erübrigt  es  sich  vorliegend,  eine  eventuelle Unzulässigkeit oder Unmöglichkeit des Wegweisungsvollzugs  zu prüfen. 7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist deshalb abzuweisen. 8.  Bei  diesem Ausgang des Verfahrens  sind die Kosten  grundsätzlich  den  Beschwerdeführenden  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  5  VwVG).  Da 

E­4922/2008 ihnen  jedoch  unentgeltliche  Prozessführung  gewährt  worden  ist,  ist  auf  die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­4922/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Stöckli Tobias Meyer Versand:

E-4922/2008 — Bundesverwaltungsgericht 09.08.2011 E-4922/2008 — Swissrulings