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Bundesverwaltungsgericht 09.08.2011 E-4799/2007

9 agosto 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,462 parole·~17 min·2

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Verfügung des BFM vom 15. Juni 2007 i.S. Asyl und Wegweisung

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­4799/2007 Urteil   v om   9 .   Augus t   2011 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Bruno Huber, Richter Maurice Brodard,    Gerichtsschreiberin Sarah Diack. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan,   vertreten durch lic. iur. Brigitt Thambiah, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 15. Juni 2007 / N (…).

E­4799/2007 Sachverhalt: A.  A.a.  Der  Beschwerdeführer  –  ein  aus  B._______,  Provinz  Ghazni,  stammender und der Ethnie der Hazara angehöriger Afghane – verliess  gemäss eigenen Angaben im [Kindesalter] sein Heimatland und reiste mit  seiner Familie über Pakistan in den Iran. Nach zirka drei Jahren verliess  er  am 25. April  2005 den  Iran und gelangte  über  die Türkei  am 23. Juli  2005 in die Schweiz, wo er am 25. Juli 2005 um Asyl nachsuchte. Für die  Dauer des Asylverfahrens wurde er dem Kanton Zürich zugewiesen. Die durch das BFM veranlasste Knochenaltersanalyse vom 29. Juli 2005  ergab ein Knochenalter des Beschwerdeführers von 19 Jahren. Das BFM  befand  im  Anschluss  daran,  dass  das  Alter  nicht  mit  ausreichender  Präzision habe festgestellt werden können. Am 11. August 2005 erfolgte  die Erstbefragung  im Centro di Registrazione di Chiasso  (EVZ) und am  6. Oktober 2005 – dann minderjährigengerecht unter Anwesenheit eines  vormundschaftlichen  Beistandes  –  die  eingehende  Anhörung  zu  seinen  Asylgründen beim Kanton.  A.b.  Der  Beschwerdeführer  brachte  im  Wesentlichen  vor,  den  Iran  verlassen  zu  haben,  weil  ein  Nachbarsjunge  durch  einen  Gasunfall  gestorben sei. Er sei beschuldigt worden, für diesen Unfall verantwortlich  zu sein, und so habe ihm seine Mutter zur Flucht geraten. Im Iran hätten  er  und  seine  Familie  eine Aufenthaltsbewilligung  gehabt,  die  alle  sechs  Monate  zu  erneuern  gewesen  sei.  Diesen  Ausweis  habe  er  allerdings  nicht  mitgenommen,  weil  er  Angst  gehabt  habe,  ihn  zu  verlieren.  In  Afghanistan sei sein Vater ein Mitglied der [Partei] gewesen; er habe den  Befehl  über  eine  20­köpfige  beziehungsweise  zehn­  bis  zwölfköpfige  Gruppe innegehabt und sei für die Papierangelegenheiten in seinem Dorf  zuständig  gewesen.  Diese  Bewegung  habe  bereits  vor  den  Taliban  existiert  und  kollaboriere  heutzutage  mit  der  Regierung.  Als  sein  Vater  eines  Tages  festgenommen  worden  sei,  habe  er  die  Namen  von  zwei  seiner  Parteikollegen  preisgegeben  und  Dokumente  ausgehändigt,  worauf  er  schnell  freigelassen worden  sei  beziehungsweise nach  sechs  Monaten  freigekommen sei. Diese Parteikollegen seien danach von den  Taliban festgenommen worden beziehungsweise wisse er nicht, was mit  ihnen  geschehen  sei.  Sie  hätten  sich  nachher  an  seinem Vater  rächen  wollen, weil sie davon ausgegangen seien, über diese Parteigeheimnisse  wisse  nur  sein  Vater  Bescheid.  Seine  Mutter  habe  zuhause  diverse  Dokumente  aufbewahrt  und  sei  deswegen einmal  inhaftiert worden. Sie 

E­4799/2007 sei  freigelassen worden,  nachdem  sie  einige Namen  preisgegeben  und  gewisse  Dokumente  ausgehändigt  habe.  Nach  dem  Fall  der  Taliban  seien die Pasdaran in seiner Umgebung an die Macht gekommen. Eines  Tages sei sein Vater von seiner [Arbeit] nicht mehr zurückgekehrt, wobei  er nicht wisse, was genau passiert sei. Seine Mutter habe  intensiv nach  seinem  Vater  gesucht,  diesen  aber  nicht  gefunden,  woraus  sie  geschlossen habe, dass dieser umgebracht worden sei, beziehungsweise  gewisse Leute hätten  ihr mitgeteilt,  dass er umgebracht worden sei. Da  sie die Situation für einen Verbleib als zu gefährlich eingestuft habe, habe  sie  sich  Anfang  2002  zur  Ausreise  in  den  Iran  entschlossen  beziehungsweise seien sie im April/Mai 2002 nach Pakistan gereist. Nach  zwei Monaten Aufenthalt seien sie weiter nach Teheran gereist, wo er bis  zu seiner Ausreise am 25. April 2005 gelebt und seinen Lebensunterhalt  als (…) verdient habe. Er habe nie eine Kampfausbildung durchlaufen. Er  nehme an, dass wegen des Gasunfalls eine Strafuntersuchung oder ein  Gerichtsverfahren im Iran gegen ihn hängig sei.  Eines Tages habe er in Iran den Gasherd seiner afghanischen Nachbarn  benutzen wollen, um sich eine Tasse Tee zu kochen. Dafür habe er die  Gasleitung  im  Korridor  geöffnet;  das  Gas  sei  ausgetreten  und  in  den  Raum  des  Nachbarsjungen  gelangt,  worauf  dieser  tot  aufgefunden  worden  sei.  Die  alarmierte  Polizei  habe  gesagt,  der  Schuldige  sei  derjenige,  der  die  Gasleitung  geöffnet  habe.  Dies  sei  vom  ebenfalls  beigezogenen  technischen  Inspektor  bestätigt  worden.  Was  danach  geschehen sei, könne er nicht sagen, da seine Mutter ihm befohlen habe,  sich  zu  entfernen  beziehungsweise  nicht  zu  Hause  zu  erscheinen  und  nicht  zur  Arbeit  zu  gehen.  Er  habe  sich  danach  für  zwölf  Tage  zu  Verwandten in (…) begeben, bevor er in die Türkei ausgereist sei. Seine  Mutter  habe  ihn  informiert,  dass  die  Polizei  ihn  suche  und  eine  Ausreisesperre  gegen  ihn  vorliege.  Er  befürchte,  bei  einer  Rückkehr  in  den Iran inhaftiert oder gar hingerichtet zu werden. Seine Mutter habe ihn  indes kürzlich  informiert, dass die Beamten nach einigen Besuchen, bei  denen sie ihn nicht vorgefunden hätten, nicht mehr zuhause aufgetaucht  seien. Während  seines Aufenthalts  im  Iran habe er  nie  in Erwägung gezogen,  nach Afghanistan zurückzukehren, da dies für ihn zu gefährlich gewesen  sei; die Taliban, die Feinde seines Vaters, seien noch immer vor Ort und  würden die Familien ihrer Feinde gefährden. Auch eine Rückkehr in eine  andere  Gegend  Afghanistans  sei  für  ihn  nicht  möglich,  da  er  als  Minderjähriger nicht an einem beliebigen Ort leben könne. 

E­4799/2007 B.  Mit Schreiben  vom 13. Dezember  2005  reichte  der Beschwerdeführer –  handelnd  durch  seinen  vormundschaftlichen  Beistand  –  ein  Original­ Identitätspapier  (iranische  Identitätskarte  für  afghanische Flüchtlinge)  zu  den Akten. C.  Am  5. Dezember  2006  reichte  der  Beschwerdeführer  einen  an  die  Bezirksvertretung  in  Ghazni  gerichteten  Strafantrag  seiner  Mutter  (ein  schriftliches  Ersuchen,  den Mordfall  ihres Mannes  zu  untersuchen),  die  entsprechende  Antwort  des  Sicherheitsdepartements  von  Ghazni  und  eine Kopie des Zustellungscouverts zu den Akten. D.  Am  12.  Juni  2007  wurde  der  Beschwerdeführer  –  in  der  Zwischenzeit  volljährig  geworden  –  vom  BFM  erneut  zu  seinen  Asylgründen  befragt.  Seine  Asylvorbringen  stellten  im  Wesentlichen  eine  Wiederholung  der  anlässlich  der  ersten  Befragung  am  11. August  2005  gemachten  Ausführungen dar. E.  Mit Verfügung vom 15. Juni 2007 – eröffnet am 18. Juni 2007 – wies das  BFM  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  ab  und  ordnete  die  Wegweisung und deren Vollzug an. F.  Am  13.  Juli  2007  erhob  der  Beschwerdeführer  –  handelnd  durch  seine  Rechtvertreterin  –  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragte  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung,  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  die  Asylgewährung,  eventualiter  die  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  und  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme.  In  formeller  Hinsicht  ersuchte  er  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Dabei  reichte  er  eine  Kopie  seiner  Identitätskarte  ein  und  stellte  das  Original in Aussicht; dieses sei unterwegs.  G.   Mit  Zwischenverfügung  vom 18.  Juli  2007  hiess  die  Instruktionsrichterin 

E­4799/2007 das  Gesuch  um  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut und  forderte den Beschwerdeführer  auf,  innert  Frist  das  in  Aussicht  gestellte  Beweismittel  (afghanische  Identitäts­karte im Original) dem Gericht einzureichen. H.  Mit  Briefsendung  vom  24. August  2007  reichte  der  Beschwerdeführer  seine  afghanische  Original­Identitätskarte  samt  Zustellcouvert  aus  C._______,  Pakistan,  und  einen  Artikel  des  "Tages­Anzeiger"  vom  9.  August 2007 betreffend die Entführung von Südkoreanern durch Taliban  in der Provinz Ghazni zu den Akten.  I.   In seiner Vernehmlassung vom 14. September 2007 hielt das BFM an der  Abweisung  der  Beschwerde  vollumfänglich  fest  und  verwies  auf  seine  Erwägungen in der angefochtenen Verfügung. J.  Am  22.  September  2008  reichte  der  Beschwerdeführer  mehrere  Beweismittel  zu  den Akten,  auf  deren  Inhalt  in  den Erwägungen Bezug  genommen wird (vgl. E. 4.3). K.  In einer zweiten Vernehmlassung, datiert vom 14. Oktober 2008, hielt die  Vorinstanz  fest,  dass  der  Herkunftsort  des  Beschwerdeführers  nicht  belegt  sei,  daher  sei  es  auch  möglich,  dass  er  aus  einer  als  sicher  definierten Provinz stammen könne.  L.  In  seiner  Stellungnahme  vom  3. November  2008  argumentierte  der  Beschwerdeführer – unter Hinweis auf die Beweispflicht des BFM –, dass  seine Herkunft aus Ghazni belegt sei. M.  Am 19. April 2011 reichte seine Rechtsvertreterin ihre Kostennote ein. N.  Mit Schreiben vom 26. Mai 2011 reichte der Beschwerdeführer seinen am  (…)  2011  ausgestellten  afghanischen  Pass  zu  den  Akten,  mit  dem  Vermerk,  er  habe  sich  diesen  von  der  afghanischen  Botschaft  in  Genf  ausstellen  lassen,  um  zu  beweisen,  dass  er  aus  der  Provinz  Ghazni  stamme.

E­4799/2007 O.  Auf  die  detaillierte  Begründung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  15. Juni  2007  (Bst.  E),  der Beschwerde  vom 13.  Juli  2007  (Bst.  F),  die  weitere Eingabe des Beschwerdeführers (Bst. H) und den nachfolgenden  Schriftenwechsel   (Bstn.  I  bis  L)  wird  –  soweit  urteilsrelevant  –  in  den  nachstehenden Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und 108 AsylG, Art. 48 Abs. 1, Art. 50 sowie Art. 52 VwVG). Auf  die Beschwerde ist einzutreten.

E­4799/2007 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  4.1.1.  Die  Vorinstanz  begründete  ihren  ablehnenden  Entscheid  im  Wesentlichen  damit,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  seien  unsubstanziert, liessen Realkennzeichen vermissen und würden zum Teil  lediglich auf Vermutungen basieren. So habe er weder zur Gruppierung  [Partei], in die sein Vater angeblich eingebunden gewesen sei, noch über  das Engagement seines Vaters  irgendwelche Angaben machen können.  Bezüglich der Anzahl Personen, die sein Vater befehligt haben soll, seien  die Angaben widersprüchlich ausgefallen. Für den Inhalt der Dokumente,  die der Vater angeblich zuhause aufbewahrt habe, habe er  lediglich die  Vermutung  äussern  können,  dass  es  sich  um  Waffenquittungen  und  Mitgliederlisten gehandelt habe. Des Weiteren seien die Begleitumstände 

E­4799/2007 des Todes  seines Vaters  sehr  vage geschildert worden;  so habe er  die  Namen der zwei Personen, die von seinem Vater verraten worden seien  und die ihm daraufhin nach dem Leben getrachtet hätten, nicht angeben  können.  Auch  die  Erörterungen  der  Nachforschungen  durch  die  Mutter  seien  zu  oberflächlich  ausgefallen.  Da  es  sich  dabei  aber  um  wichtige  Punkte  der Asylvorbringen  handle, wäre  ein  gewisser Detailreichtum  zu  erwarten  gewesen.  Daran  ändere  auch  die  Jugendlichkeit  des  Beschwerdeführers  nichts.  Widersprüchlich  seien  zudem  die  Angaben  bezüglich der Haftdauer seines Vaters, indem er einmal ausgesagt habe,  dieser sei schnell wieder freigekommen, und ein anderes Mal, er sei nach  sechs  Monaten  entlassen  worden.  Diesen  Widerspruch  könne  sein  Argument, er wisse nicht, was unter  "schnell" zu verstehen sei, er habe  sich  die  Daten  nicht  aufgeschrieben,  nichts  ändern.  Weiter  habe  er  einmal  angegeben,  die  beiden  Personen  seien  nach  dem  Verrat  durch  den  Vater  von  den  Taliban  festgenommen  worden,  und  bei  anderer  Gelegenheit ausgesagt, er wisse nicht, was mit ihnen geschehen sei. Auf  die  Ungereimtheiten  hingewiesen,  habe  er  keine  plausible  Erklärung  abgeben können. Insgesamt könnten ihm seine Aussagen nicht geglaubt  werden.  Insbesondere  sei  nicht  glaubhaft,  dass  er  bei  einer  allfälligen  Rückkehr  etwas  seitens  der Gegner  seines Vaters  zu  befürchten  habe.  An dieser Einschätzung vermöchten auch die nachträglich eingereichten  Beweisunterlagen nichts zu ändern, und es erübrige sich angesichts der  Unglaubhaftigkeit  seiner  Aussagen,  näher  auf  diese  einzugehen.  Im  Übrigen  sei  der  Beweiswert  solcher  Dokumente  als  sehr  gering  einzuschätzen,  da  solche  bekanntermassen  sehr  leicht  erhältlich  seien.  Seine Vorbringen in Bezug auf den Iran seien asylrechtlich unbeachtlich,  da sie sich nicht in seinem Heimatstaat zugetragen hätten. Zudem wären  strafrechtliche Massnahmen der iranischen Behörden im Zusammenhang  mit dem Todesfall eines Nachbarsjungen als legitim zu erachten.   4.1.2. Hinsichtlich des Wegweisungsvollzugs äusserte sich die Vorinstanz  dahingehend,  dass  die  Herkunft  aus  Ghazni  nicht  gesichert  sei.  Zwar  seien  Wegweisungshindernisse  grundsätzlich  von  Amtes  wegen  zu  prüfen,  aber  diese  Untersuchungspflicht  finde  ihre  Grenzen  in  der  Mitwirkungs­  und  Wahrheitspflicht  des  Asylsuchenden.  Es  sei  nach  ständiger  Rechtsprechung  der  (ehemaligen)  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)   jedoch  nicht  Aufgabe  der  Asylbehörden,  bei  fehlenden  Hinweisen  seitens  des  Asylsuchenden  nach  allfälligen  Wegweisungshindernissen  zu  forschen,  falls  dieser   –  wie  vorliegend –  seiner  Mitwirkungs­  und  Wahrheitspflicht  in  Rahmen  der  Sachverhaltsermittlung  nicht  nachkomme  und  die  Asylbehörden  zu 

E­4799/2007 täuschen  versuche.  Gemäss  der  Rechtsprechung  der  ARK  sei  die  Wegweisung  in  jene Regionen Afghanistans  grundsätzlich  als  zumutbar  zu  betrachten,  in  denen  seit  2004  keine  bedeutenden  militärischen  Aktivitäten  mehr  bekannt  geworden  und  die  nicht  einer  permanent  instabilen  Lage  ausgesetzt  seien.  Daher  gelte  es  zu  prüfen,  ob  eine  solche Situation auch  im Hazarajat,  in der Provinz Ghazni,  aus welcher  der  Beschwerdeführer  stamme,  vorliege.  Nach  übereinstimmender  aktueller  Einschätzung  aus  Expertenkreisen  gehöre  das  Hazarajat  im  innerafghanischen  Vergleich  zu  den  sichereren  Regionen  des  Landes.  Seit  dem  Sturz  der  Taliban  seien  in  dieser  Region  –  mit  Ausnahme  einzelner  Vorfälle  in  der  Provinz  Day  Kundi  –  keine  nennenswerten  terroristischen  oder  militärischen  Aktivitäten  registriert  worden.  Dementsprechend  könne  im Hazarajat  nach  ihrer  Beurteilung  nicht  von  einer permanent instabilen Lage gesprochen werden. Generell habe sich  die  Lage  seit  dem  Ende  der  Talibanherrschaft  verbessert.  Dem  Beschwerdeführer  könne  nicht  geglaubt  werden,  dass  sein  Vater  verschwunden  sei,  und  daher  sei  davon  auszugehen,  dass  er  in  Afghanistan  über  ein  familiäres  Beziehungsnetz  verfüge.  So  habe  er  selbst angegeben, seine Tante und ein Onkel würden mit ihren Kindern in  D._______(Provinz  Ghazni)  leben.  Daher  sei  der  Wegweisungsvollzug  nach Ghazni zumutbar. 4.2.  4.2.1. Der Beschwerdeführer hielt  dem  in  seiner Beschwerde entgegen,  dass  die  Vorinstanz  in  ihren  Erwägungen  hinsichtlich  der  Substanziiertheit  seiner Vorbringen ausser Acht gelassen habe, dass er  in bescheidenen familiären Verhältnissen aufgewachsen sei, im Zeitpunkt  der zur Diskussion stehenden Ereignisse noch ein (…) Kind gewesen sei  und die Anhörung zudem mehr als fünf Jahre später stattgefunden habe.  Zum  Zeitpunkt  der  Machtübernahme  der  Taliban  sei  er  (…)­jährig  gewesen,  womit  nicht  erstaune,  dass  er  diesen  Zeitpunkt  nicht  kenne.  Auch das Nichtwissen über die Partei seines Vaters und dessen Tätigkeit  könne  ihm  nicht  zum Vorwurf  gemacht werden,  da  er  erstens  noch  ein  Kind  gewesen  sei  und  diese  Tätigkeit  seines  Vaters  zweitens  nur  nebenberuflichen  Charakter  gehabt  habe.  Im  Weiteren  sei  es  realitätsfremd,  anzunehmen,  ein  Vater  vertraue  seinen  Kindern  an,  welche Dokumente  er  für  eine  politische Organisation  aufbewahre,  und  genauso wenig sei davon auszugehen, er würde sie wissen lassen, dass  er  um  sein  Leben  fürchte.  Eine  Mutter  würde  dies  nach  dem  Verschwinden des Vaters ebenso wenig  tun. Bezüglich des Datums des 

E­4799/2007 Verschwindens seines Vaters liege ein Fehler seitens des BFM vor, denn  die Übertragung der persischen Zeitangabe "Ende 1380" in die christliche  Zeitrechnung  ergebe  nicht  das  Jahr  2001,  sondern  März  2002.  Seine  Angaben anlässlich  der  kantonalen Anhörung und der Bundesanhörung  würden  somit  übereinstimmen.  Hinsichtlich  der  unterschiedlich  vorgetragenen  Haftdauer  des  Vaters  (schnelle  Freilassung  beziehungsweise  Freilassung  nach  sechs  Monaten)  betonte  der  Beschwerdeführer,  dass  er  am  5.  Dezember  2006  dem  BFM  verschiedene Unterlagen  habe  zukommen  lassen  und  diesbezüglich  an  der Bundesanhörung vom 12. Juni 2007 erwähnt habe, diese "vor einigen  Tagen" gesandt zu haben. Das mache deutlich, dass sein Zeitgefühl vom  gängigen  beträchtlich  abweiche  und  daher  daraus  nichts  Negatives  abgeleitet werden könne. Hinsichtlich der eingereichten Dokumente rügte  er, Zweifel an der Glaubhaftigkeit  seiner Aussagen entbänden das BFM  nicht davon, eingereichte Unterlagen zu berücksichtigen; es habe daher  seine  Begründungspflicht  verletzt.  Neu  macht  er  in  der  Beschwerde  geltend,  seine  Mutter  sei  inzwischen  mit  seinen  Schwestern  nach  Afghanistan  zurückgekehrt.  Das  persönliche  Umfeld  der  Familie  gehe  davon  aus,  dass  sie  Geld  besässen,  weil  der  Vater  des  Beschwerdeführers  Mitglied  bei  der  [Partei]  gewesen  sei,  welche  Geldsammlungen  durchgeführt  habe.  Einige  Tage  nach  ihrer  Rückkehr  seien seine Mutter und seine Schwester zuhause von zwei unbekannten  bewaffneten  Männern  überfallen  worden.  Diese  hätten  sie  bedroht  und  das Geld, welches sein Vater  für die  [Partei] gesammelt habe, verlangt.  Sie  hätten  der Mutter  eine  Spendenquittung  ausgehändigt,  die  belegen  solle, dass sein Vater diese Spenden erhalten habe. Er reichte als Beleg  Handyfotos  seiner  Schwester  zu  den  Akten,  die  diese  während  des  Überfalls  unbemerkt  habe machen  können. Weiter  führte  er  aus,  seine  Mutter  habe  aus Angst  vor  negativen Konsequenzen,  insbesondere  vor  erneuten  Behelligungen,  keine  Anzeige  erstattet,  sondern  sei  mit  ihren  Töchtern  nach  Pakistan  geflüchtet.  Aufgrund  der  unzureichenden  Sicherheitslage  sei  ihre  Furcht  durchaus  begründet.  Die  Wahrscheinlichkeit  sei  gross,  dass  dem  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  nach  Afghanistan  staatliche  oder  nichtstaatliche  Nachteile  drohen  würden.  Entgegen  dem  unbelegten,  pauschalen  Vorwurf,  er  versuche,  die  Asylbehörden  zu  täuschen  und  komme  seiner  Wahrheitspflicht nicht nach, habe er seine Flucht  in den  Iran belegt und  seine  Zugehörigkeit  zu  der  Ethnie  der  Hazara  sei  aufgrund  seines  Aussehens offensichtlich. Seine Angaben über die Reise  in die Schweiz  seien  zudem  nicht  vage  und  stereotyp,  wie  die  Vorinstanz  erwäge.  Er  habe auch nicht behauptet, nicht daran gedacht zu haben, seine Papiere 

E­4799/2007 mitzunehmen; vielmehr habe er an der Erstbefragung gesagt, er sei nicht  in  der  Lage  gewesen,  irgendetwas  mitzunehmen.  Zudem  hätte  es  vorwiegend  an  seiner  Mutter  gelegen,  daran  zu  denken.  Nachdem  er  erfahren  habe,  dass  seine  Mutter  nach  Afghanistan  zurückgekehrt  sei,  habe er sie gebeten, seine Identitätskarte zu suchen und zu schicken. Die  Postsendung sei unterwegs.   4.2.2. Der Wegweisungsvollzug  sei  indes  –  entgegen  der  Meinung  der  Vorinstanz  –  nicht  zumutbar,  da  sich  die  Lage  gemäss  verschiedenen  offiziellen  Berichten  seit  dem  Sturz  des  Talibanregimes  verschlechtert  habe.  Zudem  verfüge  er  nicht,  wie  behauptet,  über  ein  familiäres  Beziehungsnetz,  welches  ihm  Rückhalt  bieten  könne.  Sein  Vater  sei  vermutlich tot und seine Mutter halte sich in Pakistan auf. Zu seiner Tante  und seinem Onkel habe er seit Jahren keinen Kontakt mehr.  4.3.  Im  Verlaufe  des  Beschwerdeverfahrens  reichte  der  Beschwerdeführer  die  in  Aussicht  gestellte  Original­Identitätskarte  samt  Zustellcouvert  aus  C._______,  Pakistan,  einen  Artikel  des  "Tages­ Anzeiger" vom 9. August 2007, eine Kopie des Schreibens seiner Mutter  an  das  Sicherheitsamt  der  Provinz  Ghazni  vom  (…)  Juni  2008,  ein  Original  des  Antwortschreibens  des  Sicherheitsamtes  Ghazni  vom  (…). Juni  2008,  ein  selbst  verfasstes  Schreiben  vom  25.  August  2008,  allesamt  mit  Übersetzung  ins  Deutsche,  die  originalen  Zustellcouverts  von  Pakistan  nach  Dubai  und  von  Dubai  nach  Zürich  und  diverse  Internet­Meldungen  betreffend  Ereignisse  in  Ghazni  zu  den  Akten.  Er  führte  dabei  aus,  dass  durch  die  eingereichte  Identitätskarte  seine  Herkunft  aus  Ghazni  nun  belegt  sei.  Hinsichtlich  des  Wegweisungsvollzugspunktes  ergänzte  er,  dass  angesichts  des  durch  den  "Tages­Anzeiger"  am  9.  August  2007  dokumentierten  Vorfalles  der  Entführung  von  23  Südkoreanern  durch  Taliban  in  der  Provinz  Ghazni  und angesichts des Berichts der Schweizerischen Flüchtlingshilfe  (SFH)  vom  Dezember  2006  die  Argumentation  der  Vorinstanz,  wonach  das  Hauptsiedlungsgebiet  der  Hazara  zu  den  sichereren  Regionen  des  Landes gehöre, unbehelflich sei. Er verwies dabei erneut auf die geltende  Praxis der ARK, namentlich auf die Entscheidungen und Mitteilungen der  Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 9, wonach ein  Wegweisungsvollzug nach Ghazni unzumutbar sei. 4.4. Während die Vorinstanz in ihrer ersten Vernehmlassung lediglich auf  die Erwägungen in ihrer Verfügung vom 17. Juni 2007 verwies, nahm sie  in  ihrer zweiten Vernehmlassung einlässlich Stellung. Sie stellte sich auf 

E­4799/2007 den Standpunkt, die eingereichte afghanische Identitätskarte weise keine  offensichtlichen  Echtheitsmerkmale  auf  und  könne  auf  dem  Schwarzmarkt  ohne  Weiteres  beschafft  werden.  Auf  der  iranischen  Flüchtlingskarte  sei  zudem  der  Herkunftsort  nicht  vermerkt.  Weiter  sei  unerklärlich,  wie  der  Beschwerdeführer  in  den  Besitz  des  Identitätsausweises,  den  er  zuhause  in  Afghanistan  zurückgelassen  haben wolle, gelangt sei, zumal er geltend mache, seine Familie befinde  sich derzeit  in Pakistan. Darüber hinaus sei angesichts des Umstandes,  dass der Beschwerdeführer bereits mittels drei untauglichen Dokumenten  seine  Verfolgung  nachzuweisen  versucht  habe,  und  aufgrund  der  Tatsache,  dass  solche  Dokumente  leicht  käuflich  erwerbbar  seien,  den  nachträglich  eingereichten  Unterlagen  (vgl.  4.3.)  kein  Beweiswert  zuzuschreiben. Der Herkunftsort des Beschwerdeführers stehe nicht fest,  zumal er auch aus einer als sicher definierten Provinz stammen könne. In  Würdigung dieser Sachlage sei  somit eine Stellungnahme des BFM zur  Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzuges nicht möglich.   4.5. Der Beschwerdeführer hielt dem in seiner Stellungnahme entgegen,  es gehe nicht an, von Echtheitsmerkmalen zu sprechen, da die Behörde  die Beweispflicht  trage,  ein Dokument  als  gefälscht  zu  qualifizieren. Mit  dem  Argument,  ein  solches  Dokument  sei  ohne  Weiteres  auf  dem  Schwarzmarkt  erhältlich,  könne mithin  jedes Dokument als untaugliches  Beweismittel  deklariert  werden,  was  das  Beibringen  eines  Identitätsausweises  im  Asylverfahren  grundsätzlich  in  Frage  stelle.  Demzufolge  müsse  ein  Dokument,  soweit  es  keine  offensichtlichen  Fälschungsmerkmale aufweise, als taugliches Beweismittel gelten. Es sei  normal,  dass  auf  dem  iranischen  Flüchtlingsausweis  nur  der  Herkunftsstaat  und  nicht  der  Herkunftsort  vermerkt  sei;  dies  sei  bei  schweizerischen  N­Ausweisen  auch  der  Fall.  Hinsichtlich  der  vorinstanzlichen  Erwägung,  er  habe  bereits  durch  drei  untaugliche  Dokumente versucht, seine Verfolgung nachzuweisen, rügte er, dass die  Vorinstanz  nicht  präzisiere,  um  welche  Dokumente  es  sich  handle.  Ebenso  lasse  sie  hinsichtlich  des  Schreibens  seiner  Mutter  an  das  Sicherheitsamt  der  Provinz  Ghazni  und  des  Antwortschreibens  des  Sicherheitsamtes  Ghazni  unerwähnt,  inwiefern  diese  Beweismittel  untauglich sein sollten. Hinsichtlich der vorinstanzlichen Erwägung, es sei  nicht nachvollziehbar, wie er in den Besitz der Identitätskarte gelangt sei,  wies  er  – wie  bereits  in  seiner Beschwerdeschrift  –  darauf  hin,  dass  er  seine  Mutter  anlässlich  ihrer  Rückkehr  nach  Afghanistan  aufgefordert  habe, die Identitätskarte zu suchen und ihm zu schicken. Es sei auf den  Sendungsumschlägen  ersichtlich,  dass  die  Sendung  von  Pakistan  aus 

E­4799/2007 erfolgt  sei.  Entgegen  der  Ansicht  der  Vorinstanz  sei  es  durchaus  nachvollziehbar,  dass  sich  seine  Mutter  im  Juni  2008  erneut  an  die  Sicherheitsbehörden von Ghazni gewendet habe, da sie ungeachtet der  Drohungen habe wissen wollen, was mit ihrem Ehemann geschehen sei.  Überdies  wolle  sie,  dass  die  verantwortlichen  Personen  gerichtlich  zur  Rechenschaft  gezogen  würden.  Im  Übrigen  habe  sie  sich  auch  wegen  des  Überfalles  auf  ihr  Haus  im  Jahre  2007  nochmals  an  die  Behörden  gewandt.   5.  5.1. Vorab ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer zu einem grossen  Teil detailliert auf seine Erlebnisse im Iran eingeht (vgl. Akten BFM A1/9  S. 5f,  A14/20  S. 11­16,  A20/18  S. 13).  Da  indes  bei  der  Frage  der  Flüchtlingseigenschaft einzig zu prüfen  ist, ob der Beschwerdeführer bei  einer Rückkehr in seinen Heimatstaat einer Gefährdung ausgesetzt wäre,  sind die vorinstanzlichen Erwägungen zu stützen; die Geschehnisse, die  sich  in einem Drittstaat zugetragen haben, sind  im Rahmen der Prüfung  der Flüchtlingseigenschaft nicht relevant. Daher erweisen sich vorliegend  auf den Iran bezogene weitere Erörterungen als obsolet.  5.2.  Das  Vorbringen  des  Beschwerdeführers,  er  sei  der  hazarischen  Ethnie  angehörig  und  stamme  aus  Ghazni,  wird  vom  BFM  in  Zweifel  gezogen.  Die  vom  Beschwerdeführer  zur  Stützung  dieses  Vorbringens  eingereichte Identitätskarte wurde vom BFM als nicht echt qualifiziert, da  sie  keine Echtheitsmerkmale  aufweise. Diese Argumentation  verkennt –  wie  vom  Beschwerdeführer  richtig  erkannt  –  den  im  Verwaltungsverfahren  geltenden  Grundsatz,  wonach  die  Behörde  eingereichte  Dokumente  prüfen  und  einer  Authentizitätsprüfung  unterziehen  muss.  Stellt  sie  Fälschungsmerkmale  fest,  hat  sie  ihre  Feststellung  zu  begründen.  Darüber  hinaus  sind  die  vorinstanzlichen  Erwägungen,  er  habe  nicht  nachvollziehbar  aufgezeigt,  wie  ihm  die  Identitätskarte  geschickt  worden  sei,  unzutreffend,  da  der  Beschwerdeführer  schon  in  der  Beschwerde  erwähnte,  er  habe  seine  Mutter  um  die  Zustellung  gebeten.  Zudem  ist  dem  Zustellcouvert  zu  entnehmen,  dass  die  Sendung  von  Pakistan  aus  erfolgte,  womit  diese  Beweismittel mit dem Vorbringen, die Mutter habe sich von Afghanistan  aus  dorthin  begeben,  kongruent  sind.  Zwischenzeitlich  hat  der  Beschwerdeführer  seinen  afghanischen  Pass  eingereicht,  der  seine  Herkunft  aus  Ghazni  bestätigt  und  jeden  diesbezüglichen  Zweifel  ausräumt.  Daher  braucht  auf  die  diesbezügliche  Argumentation  des 

E­4799/2007 Beschwerdeführers  hinsichtlich  der  glaubhaften  Darlegung  seiner  Herkunft nicht weiter eingegangen zu werden. Der Vollständigkeit halber  sei  jedoch  angemerkt,  dass  im  vorliegenden  Fall  auch  ohne  das  Vorliegen des Passes aus den Akten keine Zweifel ersichtlich waren, die  die  Herkunft  des  Beschwerdeführers  in  Frage  gestellt  hätten.  Seine  Zugehörigkeit  zur Ethnie der Hazara war  von der Vorinstanz auch nicht  angezweifelt  worden.  Überdies  handelt  es  sich  bei  Hazarajat  um  ein  typisch hazarisches Gebiet in Afghanistan. Aufgrund  der  heutigen  Aktenlage  geht  das  Bundesverwaltungsgericht  somit davon aus, dass die Herkunft des Beschwerdeführers aus Ghazni  genügend belegt ist.  5.3.  5.3.1.  Der  Beschwerdeführer  macht  betreffend  seinen  Heimatstaat  Afghanistan  im  Wesentlichen  die  Mitgliedschaft  seines  Vaters  in  der  [Partei]  geltend  und  legt  keinerlei  Geschehnisse  in  Bezug  auf  seine  eigene Person dar; so gibt er an, er habe sein Heimatland im Kindesalter  verlassen (vgl. A1/9 S. 1) und sei seither nicht dorthin zurückgekehrt (vgl.  A1/9  S. 5).  Die  Vorinstanz  würdigte  seine  Vorbringen,  die  sich  vor  der  Ausreise  der  Familie  aus  Afghanistan  nach  Iran  ereignet  hätten,  als  unglaubhaft.  5.3.2.  Indem  in  der  Beschwerde  auf  das  junge  Alter  des  Beschwerdeführers  zum  Zeitpunkt  der  Geschehnisse  und  die  bereits  verstrichene  lange  Zeitdauer  verwiesen  wird,  vermag  dies  durchaus  gewisse  Unglaubhaftigkeitsaspekte  –  namentlich  dass  die  Aussagen  teilweise  unsubstanziiert  ausgefallen  sind  –  zu  erklären.  Andere  Unglaubhaftigkeitselemente bleiben indessen bestehen und werden nicht  erklärt:  So  fallen  zunächst  die  widersprüchlichen  Vorbringen  betreffend  die Haftdauer des Vaters auf; die Aussage, eine sechsmonatige Haft sei  "schnell"  gewesen,  wirkt  lebensfremd.  Die  Inhaftierung  des  Vaters  bedeutet  für  einen  (…)jährigen  Jungen  ein  einschneidendes  Erlebnis.  Daran  vermag  auch  sein  Argument – er  habe  die  Einreichung  von  Unterlagen,  die  in  Wirklichkeit  bereits  sechs  Monate  zurücklag,  mit  "vor  ein  paar  Tagen"  definiert,  und  dies  zeige, dass er ein anderes Zeitgefühl habe – nichts zu ändern. Zudem ist  die  Einreichung  von  Unterlagen  mit  der  Intensität  der  Inhaftierung  des  Vaters in keiner Weise vergleichbar. Weiter fällt auf, dass seine Angaben,  was  die  Mutter  unternommen  habe,  um  den  Vater  zu  finden,  sehr 

E­4799/2007 unsubstanziiert  vorgetragen wurden. Nach allgemeiner Lebenserfahrung  ist  indes  davon  auszugehen,  dass  er  diese  Anstrengungen  als  Sohn  miterlebt habe und diesbezüglich detaillierter und lebensechter berichten  könnte.  Dass  er  aber  die  Unternehmungen  seiner  eigenen  Mutter,  mit  dem  Ziel,  den  Tod  des  Vaters  aufklären,  nur  mit  Vermutungen  auszudrücken im Stande ist (A20/18 S.11: "Ich denke, sie hat die Leute,  die sie kannte, kontaktiert…"), wirkt somit unglaubhaft.  5.3.3.  Sodann  bleiben  die  –  von  der  Vorinstanz  unterstrichenen,  widersprüchlichen Angaben in Bezug auf das Verschwinden des Vaters –  auch  nach  der  auf  Beschwerdeebene  angebrachtem  Rüge  des  Beschwerdeführers,  das  BFM  habe  die  Daten  falsch  umgerechnet,  bestehen.  Der  Beschwerdeführer  selbst  machte  unterschiedliche  Angaben (A20/18 S. 8: "Ende des Jahres 1380 [2001]" beziehungsweise  1381 [2002] sei sein Vater nicht mehr zurückgekehrt [A14/20 S. 11]), die  sich nicht durch Kalenderumrechnung erklären lassen. 5.3.4.  Das  diesbezüglich  eingereichte  Schreiben  seiner  Mutter  an  das  Sicherheitsamt der Provinz Ghazni vom (…). Juni 2008 und das Original  des Antwortschreibens des Sicherheitsamtes Ghazni vom (…). Juni 2008  vermögen  –  im  Sinne  der  zutreffenden  vorinstanzlichen  Erwägungen –  die  Vorbringen,  die  insgesamt  als  unglaubhaft  erscheinen,  nicht  zu  stützen,  da  ihnen  wenig  Beweiswert  zukommt.  Die  Einschätzung  des  BFM, derartige Beweisunterlagen seien bekanntermassen leicht erhältlich  (vgl. E.4.1.1), ist im vorliegenden Kontext zu bestätigen. 5.4.  5.4.1.  Der  Beschwerdeführer  macht  auf  Beschwerdeebene  aktuelle  Geschehnisse  im Zusammenhang mit  der Rückkehr  seiner Mutter  nach  Afghanistan geltend. Diese sei  im Juni 2007 von unbekannten Personen  überfallen  worden,  weil  sie  im  Zusammenhang  mit  den  vormaligen  Aktivitäten  seines  Vaters,  der  unter  anderem  Geld  für  die  [Partei]  gesammelt habe, bei  ihr hätten Geld erpressen wollen. Hierzu  legte der  Beschwerdeführer als Beweismittel verschiedene Handyfotos vor, die die  Spendenquittung,  bewaffnete  verhüllte  Personen  und  durchwühlte  Wohnräume zeigen. Diese Vorbringen müssen  indessen als unplausibel  eingeschätzt  werden,  insbesondere  ist  nicht  erklärbar,  wieso  besagte  Personen  Jahre  (seit  2001  beziehungsweise  2002)  gewartet  haben  sollen,  um  erst  zum  jetzigen  Zeitpunkt  nach  dem  Geld  im  Hause  zu  suchen.  Dabei  ist,  was  die  Handyfotos  betrifft  –  in  Bestätigung  der 

E­4799/2007 vorinstanzlichen  Auffassung  –  anzumerken,  dass  diesen  keine  Beweiskraft  zuzumessen  ist,  da  daraus  weder  Ort  noch  Zeitpunkt  der  Aufnahme  hervorgehen.  Ebenso  wenig  kommt  der  fotografierten  Spendenquittung diesbezüglich Aussagekraft zu. 5.4.2. Weiter ist nicht nachvollziehbar, dass die Mutter erst im Jahre 2006  vom  Iran aus und  im Jahre 2008 von Pakistan aus angeblich  in Ghazni  eine  Anzeige  gemachte  habe,  man  solle  die  Ermordung  ihres  Mannes  untersuchen.  Insbesondere  ist  auffällig,  dass  dies  erst  Jahre  nach  der  angeblichen  Ermordung  geschehen  sein  soll,  und  es  erscheint  nicht  erklärbar,  wieso  die  Mutter  nicht  bereits  früher  vom  Iran  aus  entsprechend  tätig  geworden  ist.  Der  Beschwerdeführer  war  auf  diese  Tatsache an der Bundesbefragung angesprochen worden, seine Antwort,  die  Mutter  habe  zuerst  gedacht,  es  sei  nun  Friede  und  Gerechtigkeit  eingekehrt (A20/18 S. 12), vermag nicht zu überzeugen. 5.4.3.  Die  Anzeige  der  Mutter  bezieht  sich  explizit  auch  auf  den  angeblichen  Überfall  im  Jahre  2007,  wobei  die  Handyfotos  als  Beweismittel  eingereicht  werden.  Diesen  Überfall  erachtet  das  Gericht  indessen als unglaubhaft. Betreffend die hierzu im Beschwerdeverfahren  eingereichten  Beweismittel  teilt  es  die  Einschätzung  der  Vorinstanz,  wonach  solche  Dokumente  leicht  käuflich  erwerbbar  und  somit  nicht  geeignet sind, die Glaubhaftigkeit der Vorbringen darzutun. 5.4.4. An dieser Stelle  sei  auch auf  die  sich  in  diesem Zusammenhang  abzeichnenden  Widersprüche  hingewiesen.  In  den  im  Beschwerdeverfahren  eingereichten  Unterlagen  –  namentlich  der  Anzeige  der  Mutter  –  wird  ein  Mann  namens  E._______,  der  sich  angeblich  am  Vater  habe  rächen  wollen  und  der  mit  dessen  Verschwinden im Zusammenhang stehe, als Hauptverdächtiger genannt.  In den Befragungen des Beschwerdeführers war indessen stets von zwei  unbekannten  Personen  die  Rede  gewesen.  Der  Beschwerdeführer  nannte an der Bundesanhörung zwar einen gewissen E._______, aber in  einem  anderen  Zusammenhang  (vgl.  A20/18  S.  5,  7  und  14).  Die  Personen,  mit  denen  der  Vater  Probleme  bekommen  habe,  konnte  er  indessen  nicht  nennen.  Demzufolge  ist  davon  auszugehen,  dass  der  erwähnte E._______ nicht mit  einer  der Personen  identisch  ist,  die  den  Vater angeblich behelligt haben.  5.4.5. Somit  sind  auch  die  Vorbringen,  dass  der  Mutter  in  Afghanistan  nach ihrer Rückkehr etwas geschehen sei, insgesamt unglaubhaft.

E­4799/2007 5.5. Zusammenfassend  ist  festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer  zwar  gelingt,  gewisse  Unglaubhaftigkeitsaspekte  in  plausibler Weise  zu  erklären, andere aber bestehen bleiben. Im Zeitpunkt seiner Ausreise aus  Afghanistan  befand  er  sich  im  Kindesalter.  Es  ist  demnach  nicht  nachvollziehbar,  dass  heute  von  den  Personen,  die  angeblich  seinen  Vater behelligt haben, eine Gefahr ausgeht, die sich nunmehr gegen den  Beschwerdeführer  selbst  richtet,  zumal  die  angeblichen  Ereignisse,  die  der  Mutter  und  den  Schwestern  nach  der  Rückkehr  nach  Afghanistan  widerfahren  seien,  als  unglaubhaft  gelten müssen.  Vor  seiner  Ausreise  aus  Afghanistan  hat  der  Beschwerdeführer  gemäss  seinen  Angaben  keine  gezielt  gegen  ihn  gerichteten  Verfolgungsmassnahmen  erlebt.  Damit  wird  nicht  glaubhaft,  dass  er  heute  eine  begründete  Furcht  vor  zukünftiger Verfolgung haben müsste. 5.6.  Im  Übrigen  steht  auch  die  Tatsache,  dass  er  sich  jetzt  bei  den  afghanischen Behörden einen afghanischen Pass hat ausstellen  lassen,  im  Widerspruch  zum  Vorbringen,  er  müsse  in  Bezug  auf  Afghanistan  begründete  Furcht  haben.  Das  Ausstellenlassen  eines  Passes  gilt  als  eine Unterschutzstellung unter den Heimatstaat (im Sinne von Art.1C Ziff.  1  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  ([FK,  SR  0.142.30]),  die mit  der  Flüchtlingseigenschaft  nicht  vereinbar scheint. 5.7.  Daher  ist  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  offensichtlich  keine Verfolgung im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft machen konnte und  daher  nicht  als  Flüchtling  anerkannt  werden  kann.  Mangels  erfüllter  Flüchtlingseigenschaft ist ihm das nachgesuchte Asyl von der Vorinstanz  zu Recht nicht gewährt worden. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an. 6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; EMARK 2001 Nr. 21). 7. 

E­4799/2007 7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 7.2. Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug  der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit)  sind  alternativer Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. EMARK 2001 Nr. 1  E. 6a S. 2). 7.3.  Vorliegend  konzentriert  sich  die  Prüfung  auf  die  Frage  der  Zumutbarkeit  eines Wegweisungsvollzugs  gemäss  Art.  83  Abs.  4  AuG.  Aus humanitären Gründen – nicht  in Erfüllung völkerrechtlicher Pflichten  der Schweiz – wird auf den Vollzug der Wegweisung verzichtet, wenn die  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  für  den  Betroffenen  eine  konkrete  Gefährdung  darstellt.  Eine  solche  Gefährdung  kann  angesichts  der  im  Heimatland  herrschenden  allgemeinen  politischen  Lage,  die  sich  durch  Krieg,  Bürgerkrieg  oder  durch  eine  Situation  allgemeiner  Gewalt  kennzeichnet,  oder  aufgrund  anderer  Gefahrenmomente,  wie  beispielsweise  einer  notwendigen  medizinischen  Behandlung,  angenommen  werden  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesbeschluss  über  das  Asylverfahren vom 22. Juni 1990, BBl 1990 II 668). 7.4. Nach der internationalen militärischen Intervention vom Oktober 2001  in Afghanistan nahm die ARK drei differenzierte Lageanalysen vor. Dabei  bezeichnete  sie  den  Wegweisungsvollzug  in  die  Provinz  Ghazni,  das  gesamte  traditionelle  Siedlungsgebiet  der  Hazara,  das  so  genannte  Hazarajat,  welches  neben  West­Ghazni  auch  Teile  der  Provinzen  Bamiyan,  Samanghan,  Ghor,  Oruzgan  und  Wardak  umfasst,  als  unzumutbar. Den Wegweisungsvollzug in die Stadt Kabul, die Provinzen  nördlich der Hauptstadt (Parwan, Baghlan, Takhar, Badakhshan, Kunduz,  Balkh,  Sari  Pul),  die  Regionen  von  Samangan,  die  nicht  Teil  des  Hazarajat  bildeten,  sowie  die  Provinz  Herat  erachtete  sie  unter  restriktiven Voraussetzungen als zumutbar (EMARK 2003 Nr. 10 und 30  sowie EMARK 2006 Nr. 9). http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm http://www.ark-cra.ch/emark/2001/01.htm

E­4799/2007 7.5.  Mit  zur  Publikation  vorgesehenem  Urteil  vom  16.  Juni  2011 (E­7625/2008)  hat  das  Bundesverwaltungsgericht  aufgrund  einer  ausführlichen  Lageanalyse  seine  Rechtsprechung  aktualisiert:  Die  Sicherheitslage  hat  sich  seit  2006  über  weite  Gebiete  Afghanistans  hinweg,  inklusive  die  nördlich  der  Hauptstadt  gelegenen  Provinzen,  verschlechtert  und  ist  im  heutigen  Zeitpunkt  im  besonderen  Masse  unvorhersehbar und unberechenbar. Auch die vielfach gehegte Hoffnung  auf  eine  Beruhigung  der  Lage  nach  den  Präsidentschaftswahlen  am  20. August  2009  zerschlug  sich  und  die  Sicherheitslage  verschlechtert  sich sogar weiter. Das Gericht kommt zum Schluss, dass in weiten Teilen  Afghanistans  –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten,  wie  Kabul  (offengelassen  für  Herat  und  Mazer­i­Sharif)  –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage und solch schwierige humanitäre Bedingungen bestehen,  dass  die  Situation  als  existenzbedrohend  im  Sinne  von  Art.  83  Abs.  4  AuG zu qualifizieren ist. 7.6. Was  die Sicherheitslage  in Kabul  betrifft,  hat  sich  gemäss  der  neu  definierten  Rechtsprechung  im  Laufe  des  Jahres  2010  keine  Verschlechterung  abgezeichnet;  Attentate  und  Raketenbeschüsse  sind  relativ  selten.  Kabul  gehört  zu  den  stabileren  Landesteilen;  die  Verantwortung  ist  deshalb  von  den  internationalen  Kräften  bereits  den  afghanischen Sicherheitskräfte  übergeben worden, welchen  es  auch  zu  gelingen  scheint,  einen  gewissen  Sicherheitsstandard  zu  garantieren.  Daher  kann  der  Vollzug  der  Wegweisung  unter  gewissen  Voraussetzungen als zumutbar erachtet werden (E. 9.7.5 ff. des zitierten  Entscheids).  Dies  ist  namentlich  dann  der  Fall,  wenn  die  asylsuchende  Person  über  eine  solide  Gesundheit  verfügt,  jung  ist  und  sich  auf  ein  tragfähiges soziales Netz abstützen kann. Andernfalls besteht weder die  Möglichkeit  auf  eine Arbeitsanstellung noch der Zugang  zu Trinkwasser  oder  eine  die Gesundheit  einigermassen  garantierende Ernährung, was  unverweigerlich zu einer lebensbedrohenden Situation führt (E. 9.9.2 des  zitierten Entscheids). 8.  8.1.  Der  Beschwerdeführer  stammt  aus  der  Provinz  Ghazni,  eigenen  Angaben  zufolge  aus  Hazarajat.  Die  diesbezüglichen  vorinstanzliche  Erwägungen sind in zweierlei Hinsicht widersprüchlich:  8.2. 

E­4799/2007 8.2.1. Die Vorinstanz stellt sich vorerst auf den Standpunkt, die Herkunft  aus  Ghazni  sei  nicht  gesichert.  Komme  der  Asylsuchende  seiner  Mitwirkungs­  und Wahrheitspflicht  nicht  nach –  namentlich, wenn er  die  Behörden  täusche  –  sei  es  nicht  ihre  Aufgabe,  nach  Wegweisungsvollzugshindernissen  zu  forschen  (vgl.  E.  4.1.2).  Diese  Argumentation ist verfehlt: Erstens bezieht sich die zitierte Praxis nur auf  die  Fälle,  in  denen  der  Herkunftsstaat  nicht  eruierbar  ist,  und  nicht  auf  diejenigen  Fälle  in  denen  –  wie  vorliegend  –  die  Staatsangehörigkeit  glaubhaft dargelegt  ist und nur der Herkunftsort  im betreffenden Staat  in  Frage steht. Zweitens liegt – wie durch den afghanischen Pass bewiesen  – hinsichtlich  der  Herkunft  keine  Täuschung  seitens  des  Beschwerdeführers  vor.  Wie  oben  bereits  festgehalten,  geht  das  Bundesverwaltungsgericht  davon  aus,  dass  die  Herkunft  des  Beschwerdeführers heute als erstellt zu betrachten ist. 8.2.2. Obwohl  die  Vorinstanz  die  Herkunft  des  Beschwerdeführers  aus  Ghazni  in  Zweifel  zog,  hielt  sie  (in  vermeintlicher  Anlehnung  an  die  Rechtsprechung der ARK) fest, ein Wegweisungsvollzug in diese Region  sei  zumutbar.  Da  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  sich  als  unglaubhaft erwiesen hätten, könne  ihm auch das Verschwinden seines  Vaters nicht geglaubt werden, und es sei somit davon auszugehen, dass  er  in  Afghanistan  über  ein  familiäres  Beziehungsnetz  verfüge  (vgl.  E.4.1.2.). Mit  dieser Erwägung hat  sich die Vorinstanz  fälschlicherweise  über  die  (bereits  damals)  gefestigte  Gerichtspraxis  hinweggesetzt,  wonach  ein Wegweisungsvollzug  in  die Provinz Ghazni  als  unzumutbar  gelten  musste  (vgl.  die  Praxis  der  ARK,  oben  E.  7.4).  Die  bisherige  Rechtsprechung gilt  immer noch; der Wegweisungsvollzug nach Ghazni  ist  nach  wie  vor  unzumutbar;  auch  die  aktuelle  Lagebeurteilung  des  Bundesverwaltungsgerichts (vgl. E.7.5) geht hiervon aus. 8.3.  Es  bleibt  zu  prüfen,  ob  es  dem  Beschwerdeführer  allenfalls  zuzumuten ist, sich in Kabul niederzulassen. Aus den Akten ergeben sich  keine  Hinweise  darauf,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  in  Kabul  aufgehalten hätte oder dort über  familiäre Beziehungen verfügen würde,  zumal sich seine heute noch in Afghanistan lebenden Verwandten in der  Provinz Ghazni befinden sollen. Somit  ist nicht davon auszugehen, dass  er  dort  über  die  notwendigen  Anknüpfungspunkte  –  wie  Familienangehörige,  ein  gewährleistetes  Existenzminimum  und  eine  gesicherte  Wohnsituation  –  verfügt.  Zwar  ist  er  jung,  macht  keine  gesundheitlichen Probleme geltend und hat einige Jahre Berufserfahrung  als  (…);  dies  genügt  aber  angesichts  der  fehlenden  sozialen  Kontakte 

E­4799/2007 nicht zur Schaffung einer Lebensgrundlage. Somit erweist sich auch ein  Wegweisungsvollzug nach Kabul als unzumutbar.  8.4.  Zusammenfassend ist daher eine Rückkehr des Beschwerdeführers nach  Afghanistan  derzeit  als  unzumutbar  zu  qualifizieren.  Aus  den  Akten  ergeben  sich  sodann  keine  Hinweise  auf  einen  Ausschlussgrund  im  Sinne von  Art. 83 Abs. 7 AuG. 9.  Die  Verfügung  des  BFM  vom  15.  Juni  2007  ist  daher  hinsichtlich  des  Wegweisungsvollzugs  aufzuheben  und  die  Vorinstanz  ist  anzuweisen,  den Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. Im Übrigen  ist die Beschwerde abzuweisen. 10.  Da  die  Vorinstanz  zu  Recht  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  abgelehnt  und  die  Wegweisung  angeordnet  worden  hat,  unterliegt  der  Beschwerdeführer  in  diesen  Punkten;  hinsichtlich  der  Frage  des  Wegweisungsvollzugs  obsiegt  er.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  ihm  praxisgemäss  die  hälftigen  Verfahrenskosten  aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 zweiter Satz VwVG). Da dem Beschwerdeführer indessen  mit Zwischenverfügung vom 18. Juli 2007 die unentgeltliche Rechtspflege  gemäss  Art. 65  Abs.  1  VwVG  gewährt  wurde  und  aufgrund  der  vorliegenden Aktenlage von einer aktuellen Bedürftigkeit auszugehen ist,  sind ihm keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.  11.  11.1.  Teilweise  obsiegende  Parteien  haben  Anspruch  auf  eine  Parteientschädigung  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig hohen Kosten (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 Abs. 2  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2).  Der  Beschwerdeführer  ist  mit  seinen  Begehren  betreffend  Wegweisungsvollzug  durchgedrungen,  weshalb  das  Bundesverwaltungsgericht  praxisgemäss  von  einem  hälftigen  Obsiegen  ausgeht. 11.2. Die Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  reichte  am  19. April  2011  ihre  Kostennote  ein,  gemäss  welcher  sie  einen  Aufwand  von  insgesamt  14,91  Stunden  zu  einem  Stundenansatz  von  Fr.  220.–  und 

E­4799/2007 Barauslagen  von  Fr.  62.60  geltend  machte.  Der  in  Rechnung  gestellte  Aufwand scheint angemessen, weshalb dem Beschwerdeführer unter der  Berücksichtigung  der  Bemessungsgrundsätze  nach  Art. 7  ff.  VGKE –  nach  hälftigem  Bemessen  –  eine  Parteientschädigung  von  Fr.  1798.50  (inklusive Auslagen und Mehrwertsteuer) zuzusprechen ist.  11.3. Das Bundesamt  ist  somit  anzuweisen,  dem Beschwerdeführer  für  das  Beschwerdeverfahren  eine  Parteientschädigung  von  Fr.  1798.50  (inklusive Mehrwertsteuer) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

E­4799/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird, soweit die Frage der Anerkennung der Flüchtlings­ eigenschaft, der Asylgewährung und der Wegweisung betreffend, abge­ wiesen. 2.  Die  Beschwerde  wird,  soweit  die  Frage  des  Wegweisungsvollzugs  betreffend, gutgeheissen. 3.  Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der  vorinstanzlichen Verfügung vom  15.  Juni  2007  werden  aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. 4.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 5.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung  von  Fr.  Fr.  1798.50  (inklusive  Auslagen  und  Mehrwertsteuer) auszurichten. 6.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Sarah Diack

E-4799/2007 — Bundesverwaltungsgericht 09.08.2011 E-4799/2007 — Swissrulings