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Bundesverwaltungsgericht 09.12.2011 E-4607/2009

9 dicembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,110 parole·~6 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 22. Juni 2009 / N

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­4607/2009 Urteil   v om     9 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richterin Contessina Theis, Richter François Badoud,    Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, Afghanistan,  vertreten durch Urs Jehle, Rechtsberatungsstelle für  Asylsuchende St. Gallen / Appenzell, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom  22. Juni 2009 / N (…).

E­4607/2009 Sachverhalt: A.  Gemäss  eigenen  Angaben  verliess  der  Beschwerdeführer,  ein  afghanischer Staatsangehöriger, der Ethnie der Hazara zugehörig, seinen  Heimatstaat  im Jahre 2004, 2005 oder 2006 Richtung Iran und hielt sich  dort bis im Mai 2008 auf. Am 31. Oktober 2008 gelangte er mit Hilfe eines  Schleppers  in  die  Schweiz,  wo  er  gleichentags  um  Asyl  nachsuchte.  Anlässlich der Kurzbefragung vom 18. November 2008 im Empfangs­ und  Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ und der Anhörung vom 8. Mai 2009  zu den Asylgründen machte er im Wesentlichen Folgendes geltend: Er  sei  afghanischer  Staatsangehöriger,  habe  aber  bis  2003  im  Iran  gelebt.  Danach  habe  er  sich  während  ungefähr  eineinhalb  bis  zwei  Jahren  in  Kabul  aufgehalten,  wo  er  eine  Koranschule  besucht  habe.  Eines Tages sei ihm angeboten worden, in eine Schule zu gehen, wo er  neben  dem  Koran  noch  anderes  lernen  würde.  Ausserdem  bekäme  er  dort  Geld,  so  dass  er  seine  Familie  unterstützen  könnte.  Er  habe  sich  entschieden,  in  diese  Schule  zu  gehen  und  sei  sodann  nach  Pakistan  gebracht  worden,  wo  es  Schüler  aus  allen  Teilen  Afghanistans  gehabt  habe.  Bald  habe  er  jedoch  festgestellt,  dass  diese  Schule  von  den  Taliban  organisiert  gewesen  sei  und  sei  deshalb  geflohen.  Als  er  nach  Hause gekommen sei, habe er erfahren müssen, dass die Taliban seinen  Vater entführt hätten, welcher seither verschollen sei. Er gehe davon aus,  dass er umgebracht worden sei. Deshalb habe er mit seiner Mutter und  seinen Geschwistern Afghanistan  im  Jahr  2004  (beziehungsweise  2005  oder 2006) verlassen und sei in den Iran zurückgekehrt. Ende 2007 sei er  dort  festgenommen  worden  und  während  etwa  zehn  Tagen  in  Haft  gewesen, worauf man ihn nach Afghanistan habe ausschaffen wollen. Es  sei  ihm gelungen, aus dem Autobus zu  fliehen, er sei zu seiner Familie  zurückgekehrt und habe begonnen, seine Flucht vorzubereiten. Mit Hilfe  eines  Schleppers  sei  er  über  die  Türkei,  wo  er  sich  ungefähr  sechs  Monate  aufgehalten  habe,  und  unbekannte  Länder  in  die  Schweiz  eingereist.  Im  Rahmen  der  Anhörung  zu  den  Asylgründen  reichte  der  Beschwerdeführer  seine Tazkara  (Original),  gemäss welcher  er  aus der  Provinz C._______ stamme, zu den Akten.  B.  Mit Verfügung  vom 22.  Juni  2009  lehnte  das BFM das Asylgesuch  des  Beschwerdeführers ab und ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz 

E­4607/2009 sowie  den  Vollzug  an.  Die  Vorinstanz  begründete  den  ablehnenden  Asylentscheid damit, dass die Schilderungen des Beschwerdeführers den  Anforderungen  von  Art.  7  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  an  die  Glaubhaftmachung  eines  Asyl  begründenden  Sachverhalts  nicht  genügten  und  er  daher  die  Flüchtlingseigenschaft  nach Art. 3 AsylG nicht erfülle. Der Vollzug der Wegweisung sei zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Für  die  detaillierte  Begründung  wird,  soweit  wesentlich, auf die Erwägungen verwiesen.  C.  Mit  Beschwerdeeingabe  vom  17.  Juli  2009  an  das  Bundesverwaltungsgericht  beantragte  der  Beschwerdeführer  die  Aufhebung der Verfügung vom 22. Juni 2009 bezüglich des Vollzugs der  Wegweisung,  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  unter  Feststellung  der  Unzulässigkeit  respektive  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  sowie  in  prozessualer  Hinsicht  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  und  den  Verzicht  auf  Erhebung  eines  Kostenvorschusses. Als Beweismittel reichte er eine Fürsorgebestätigung  zu den Akten.  D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  22.  Juli  2009  stellte  das  Bundesverwaltungsgericht  den  legitimen  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers während des Verfahrens fest. Gleichzeitig verzichtete  es auf die Erhebung eines Kostenvorschusses und hiess das Gesuch um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gut.  E.  Mit  Zwischenverfügung  vom  24.  Juni  2011  machte  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Vorinstanz  auf  das  Grundsatzurteil  vom  16.  Juni  2011   (E­7625/2008)  betreffend  die  Sicherheitslage  und  die  humanitäre Situation  in Afghanistan aufmerksam und setzte dieser Frist  zur Vernehmlassung.  F.  Mit  Vernehmlassung  vom  11.  August  2011,  welche  dem  Beschwerdeführer am 17. November 2011 zur Kenntnis gebracht wurde,  beantragte  das  Bundesamt  unter  Verweis  auf  seine  bisherigen  Standpunkte und Erwägungen die Abweisung der Beschwerde. 

E­4607/2009 G.  Mit Eingabe  des  neu mandatierten Rechtsvertreters  vom 25. November  2011  beantragte  der  Beschwerdeführer  zufolge  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  die  vorläufige  Aufnahme  in  der  Schweiz  und  verwies  zur  Begründung  auf  die  aktualisierte  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichtes. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige 

E­4607/2009 oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Das BFM hat die Flüchtlingseigenschaft des Beschwerdeführers verneint,  sein Asylgesuch abgelehnt und  ihn aus der Schweiz weggewiesen. Der  Beschwerdeführer  beantragt  in  seiner  Beschwerde  die  Aufhebung  der  Verfügung,  soweit  den Wegweisungsvollzug  betreffend  (Ziffern  4  und  5  des Dispositivs). Die  Verneinung  der  Flüchtlingseigenschaft,  die  Ablehnung  des  Asylgesuchs und die Wegweisung an sich blieben somit unangefochten  und  sind  mit  Ablauf  der  Beschwerdefrist  in  Rechtskraft  erwachsen  (Dispositivziffern 1­3). Es ist deshalb einzig die Frage zu beantworten, ob  die  Wegweisung  zu  vollziehen  oder  ob  anstelle  des  Vollzugs  eine  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen  ist  (Art. 44  AsylG  i.V.m.  Art.  83  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer [AuG, SR 142.20]). 4.  4.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation,  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK),  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft,  das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte Beweis möglich ist, und  andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel 2009, Rz. 11.148). 4.2. Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug  der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit)  sind  alternativer Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748).

E­4607/2009 Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung,  wie  im  Folgenden  aufzuzeigen  ist,  als  unzumutbar  erweist,  ist  auf  eine  Erörterung  der  beiden  andern  Voraussetzungen  eines  rechtmässigen  Wegweisungsvollzugs zu verzichten. 5.  5.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 5.2.  Das  Bundesverwaltungsgericht  hat  sich  im  Grundsatzurteil  vom  16. Juni  2011  (E­7625/2008)  eingehend  zur  Lage  in  Afghanistan  geäussert.  Es  schätzt  die  Sicherheitslage  und  die  humanitäre  Situation  als derart schlecht ein, dass – ausser allenfalls in den Grossstädten – von  einer  existenzbedrohenden Situation im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu  sprechen ist. Bezüglich der Hauptstadt Kabul ergibt die Lageanalyse ein  vergleichsweise besseres Bild und eine Rückkehr wird nicht als generell  unzumutbar  beurteilt.  Unter  bestimmten,  begünstigenden  Umständen  kann ein Wegweisungsvollzug dorthin – auch im Sinne einer zumutbaren  Aufenthaltsalternative – als zumutbar erkannt werden. Dabei  ist  in einer  Einzelfallprüfung abzuklären, ob die  in Entscheidungen und Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (EMARK)  2003  Nr.  10  formulierten  strengen  Bedingungen  –  etwa  junger  gesunder  Mann,  tragfähiges   Beziehungsnetz,  Möglichkeit  der  Sicherung  des  Existenzminimums, gesicherte Wohnsituation – erfüllt sind.  5.3.  Von  der  Vorinstanz  wurde  die  allgemein  angespannte  Sicherheitslage  in Afghanistan nicht  in Zweifel gezogen. Weiter ging sie  davon  aus,  dass  in  gewissen  Regionen  die  Situation  nicht  permanent  instabil sei, weshalb nicht von einer konkreten Gefährdung der gesamten  Bevölkerung  in  Afghanistan  oder  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  im  Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG ausgegangen werden könne. Das BFM wurde am 24. Juni 2011 auf das Grundsatzurteil  aufmerksam  gemacht  und  zur Vernehmlassung eingeladen.  In  seiner Stellungnahme  vom 11. August 2011 geht es jedoch mit keinem Wort auf die neue Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  ein,  sondern  verweist  auf  seine 

E­4607/2009 Erwägungen in der Verfügung vom 22. Juni 2009. Dort hat die Vorinstanz  ausgeführt,  die Situation  in  den  nördlichen Provinzen Parwan, Baghlan,  Takhar,  Badakshan,  Kunduz,  Balkh,  Sari  Pul  sowie  in  Kabul,  in  der  westlichen  Provinz  Herat  und  in  Bamiyan,  der  zentralen  Provinz  des  Hazarajat,  sei  weiterhin  als  grundsätzlich  sicher  einzustufen.  Diese  Einschätzung  kann  angesichts  der  aktueller  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts keine Gültigkeit mehr haben. Gemäss Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  erweist  sich  der  Vollzug  in  die  auf  der  Tazkara  des  Beschwerdeführers  angegebene  Provinz  C._______  (vgl.  vorinstanzliche Akten A16 F6 ff.) zum heutigen Zeitpunkt als unzumutbar.  5.4.  Weiter  argumentiert  die  Vorinstanz,  der  Beschwerdeführer  habe  insgesamt  unglaubhafte  und  widersprüchliche  Angaben  zu  den  angeblichen  Fluchtgründen  und  zum  verwandtschaftlichen  Beziehungsnetz,  zu  seiner  persönlichen  familiären  Situation,  zu  seinen  Aufenthaltsorten und zur Ausreise aus Afghanistan gemacht. Es sei dem  BFM  deshalb  nicht  möglich,  sich  in  voller  Kenntnis  der  tatsächlichen  persönlichen  und  familiären  Situation  des  Gesuchstellers  zur  Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung zu äussern. Nach ständiger  Rechtsprechung  der  ARK  sei  es  nicht  Aufgabe  der  Asylbehörden,  bei  fehlenden  Hinweisen  seitens  des  Beschwerdeführers  nach  allfälligen  Wegweisungshindernissen  zu  forschen,  falls  dieser  seiner  Mitwirkungs­  und  Wahrheitspflicht  im  Rahmen  der  Sachverhaltsermittlung  nicht  nachkomme  und  die  Asylbehörden  zu  täuschen  versuche.  Dieser  Argumentation  kann  vorliegend  nicht  zugestimmt  werden,  zumal  die  Herkunft  des  Beschwerdeführers,  welcher  seine  Tazkara  zu  den  Akten  gereicht  hat,  von  der  Vorinstanz  nicht  grundsätzlich  angezweifelt  wird.  Der Beschwerdeführer hat die Mitwirkungs­ und Wahrheitspflicht nicht  in  solch grober Weise verletzt, dass es dem BFM unmöglich wäre, sich zur  Zumutbarkeit  des Vollzugs  der Wegweisung  zu äussern. Es  ist  deshalb  zu prüfen, ob die für eine Aufenthaltsalternative in einer der Grossstädte  geforderten Bedingungen erfüllt sind.  Beim  Beschwerdeführer  handelt  es  sich  um  einen  alleinstehenden,  jungen und gemäss Akten gesunden Mann, der den grössten Teil seines  Lebens im Iran verbracht hat. Er sei im Jahr 2003 mit seiner Familie nach  Kabul  gereist  und  habe  sich  während  eineinhalb  bis  zwei  Jahren  dort  aufgehalten,  bis  er  –  nach  dem  kurzen  Besuch  der  Taliban­Schule  in  Pakistan – aufgrund  von Problemen mit  den Taliban wieder  in  den  Iran  zurückgekehrt sei. Sein Vater sei verstorben oder verschollen und seine  Mutter und Geschwister seien im Iran wohnhaft (vgl. A16 F33, A1 S.3). In 

E­4607/2009 Afghanistan  habe  er  keine  Verwandten.  Aus  den  Akten  ergeben  sich  keine  Hinweise,  welche  darauf  schliessen  liessen,  dass  er  in  der  Hauptstadt,  welche  er  gemäss  seinen  Angaben  vor  ungefähr  sieben  Jahren  verlassen  hat,  über  ein  tragfähiges  Beziehungsnetz  verfügen  würde.  Weiter  fehlen  Anhaltspunkte  für  eine  Sicherung  des  Existenzminimums  und  eine  gesicherte  Wohnsituation  bei  einer  Rückkehr,  weshalb  ein  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  ebenfalls  als  unzumutbar  zu  beurteilen  ist.  Von  einer  allenfalls  möglichen  Aufenthaltsalternative in den beiden anderen Grossstädten Mazar­i­Sharif  und Herat ist nicht auszugehen, da keine Hinweise bestehen, wonach der  Beschwerdeführer irgendwelchen Bezug hätte zu diesen Städten.  5.5. Der  Vollzug  der Wegweisung  des  Beschwerdeführers  ist  somit  als  unzumutbar zu bezeichnen. Die Voraussetzungen für die Gewährung der  vorläufigen  Aufnahme  sind  erfüllt.  Den  Akten  lassen  sich,  auch  unter  Berücksichtigung  der  (…)verfügung  wegen  (…)  vom  23.  Februar  2010,  keine hinreichend schwerwiegenden Umstände entnehmen, wonach der  Beschwerdeführer  einen  der  Tatbestände  von  Art.  83  Abs.  7  AuG  (Ausschluss der vorläufigen Aufnahme) erfüllen würde.  6.  Die Beschwerde ist nach dem Gesagten gutzuheissen. Die Ziffern 4 und  5  des Dispositivs  der  angefochtenen Verfügung  des BFM  vom 22.  Juni  2009  sind  aufzuheben,  und  die  Vorinstanz  ist  anzuweisen,  den  Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.  7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  und  aufgrund  der  mit  Zwischenverfügung  vom  22.  Juli  2009  gewährten  unentgeltlichen  Rechtspflege sind keine Kosten zu erheben (Art. 63 Abs. 1 VwVG). 8.  Auf die Zusprechung einer Parteientschädigung  ist zu verzichten, zumal  nicht davon auszugehen ist, dass dem bis zum 22. November 2011 nicht  vertretenen  Beschwerdeführer  aus  der  Einreichung  der  Beschwerde  verhältnismässig  hohe  Kosten  erwachsen  sind  (Art.  64  Abs.  1  VwVG).  Die  am  28.  November  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht  eingegangene  Eingabe  des  neu mandatierten  Rechtsvertreters  ist  nicht  als notwendig im Sinne von Art. 64 Abs. 1 VwVG zu betrachten, weshalb  der Beschwerdeführer dafür nicht zu entschädigen ist. 

E­4607/2009 (Dispositiv nächste Seite) Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen.  2.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  angefochtenen  Verfügung  vom  22. Juni  2009  werden  aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufzunehmen.  3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Es wird keine Parteientschädigung gewährt. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Aglaja Schinzel Versand:

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