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Bundesverwaltungsgericht 05.12.2011 E-3999/2011

5 dicembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,818 parole·~9 min·4

Riassunto

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 6. Juli 2011 /

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­3999/2011 Urteil   v om   5 .   D e z embe r   2011 Besetzung Einzelrichter Kurt Gysi, mit Zustimmung von Richter Hans Schürch;   Gerichtsschreiber Christoph Berger. Parteien A._______, und deren Kind B._______, Eritrea,   vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer,  Zürcher Beratungsstelle für Asylsuchende (ZBA),  (…),  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung  (Dublin­Verfahren);  Verfügung des BFM vom 6. Juli 2011 / N (…).

E­3999/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass das BFM mit Verfügung vom 6. Juli 2011 in Anwendung von Art. 34  Abs.  2  Bst.  d  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni 1998  (AsylG,  SR 142.31)  auf  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführenden  vom  18. Mai  2011  nicht  eintrat,  die  Wegweisung  nach  Italien  verfügte,  den  Vollzug  der  Wegweisung  anordnete,  feststellte,  einer  allfälligen Beschwerde  komme  keine  aufschiebende  Wirkung  zu  sowie  den  Beschwerdeführenden  die  editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis aushändigte, dass das Bundesamt der Beschwerdeführerin anlässlich der summarisch­ en  Befragung  vom  31.  Mai  2011  das  rechtliche  Gehör  bezüglich  der  Zuständigkeit  Italiens  für  das  vorliegende  Asylverfahren,  zum  Nichteintretensentscheid und zu einer Wegweisung dorthin gewährte, dass  die  Beschwerdeführerin  hierzu  im  Wesentlichen  vorbrachte,  sie  wolle  nicht  nach  Italien  zurückkehren,  da  sie  dort  zusammen mit  ihrem  Kind keine Unterkunft habe, nicht wisse, wie sie ernährt würden und dort  auch keine Verwandten leben würden, dass  das  Bundesamt  zur  Begründung  seiner  Verfügung  ausführte,  die  Schweiz habe sich mit der Umsetzung des Abkommens vom 26. Oktober  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen  Staates  für  die  Prüfung  eines  in  einem  Mitgliedstaat  oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  (Dublin­ Assoziierungsabkommen  [DAA],  SR  0.142.392.689)  verpflichtet,  die  Dublin­II­Verordnung  (Verordnung  [EG]  Nr.  343/2003  des  Rates  vom  18. Februar  2003  zur  Festlegung  der  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaates,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrages  zuständig ist [Dublin­II­VO]), anzuwenden, dass  durch  einen  Abgleich  der  Fingerabdrücke  mit  der  Zentraleinheit  Eurodac  bestätigt  werde,  dass  die  Beschwerdeführenden  am  28.  März  2011 in Italien Asylgesuche einreichten, dass das BFM am 16. Juni 2011 an Italien ein Ersuchen um Übernahme  der Beschwerdeführenden im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Bst. c Dublin­II­VO  gestellt habe und Italien innerhalb der festgelegten Zeit nicht geantwortet  habe,  weshalb  die  Zuständigkeit  gestützt  auf  Art.  20  Abs.  1  Bst.  c        Dublin­II­VO an Italien übergegangen sei,

E­3999/2011 dass gemäss Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG auf ein Asylgesuch nicht einge­ treten werde, wenn Asylsuchende  in einen Drittstaat ausreisen könnten,  der  für die Durchführung des Asyl­  und Wegweisungsverfahrens  staats­ vertraglich zuständig sei, dass die Überstellung nach  Italien  ­  vorbehältlich einer  allfälligen Unter­ brechung  oder  Verlängerung  der  Überstellungsfrist  ­  bis  spätestens  am   1. Januar 2012 zu erfolgen habe, dass somit auf das Asylgesuch nicht einzutreten sei, dass  die  Folge  eines  Nichteintretensentscheides  gemäss  Art.  44  Abs. 1 AsylG in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz sei und die  Beschwerdeführenden  in  einen  Drittstaat  reisen  könnten,  in  dem  sie  Schutz  vor  Rückschiebung  im  Sinne  von  Art.  5  Abs.  1  AsylG  finden  würden,  weshalb  das  Non­Refoulement­Gebot  bezüglich  des  Heimat­  oder Herkunftsstaates nicht zu prüfen sei, und ferner keine Hinweise auf  eine Verletzung von Art.  3 der Konvention vom 4. November 1950 zum  Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101)  im  Falle einer Rückkehr nach Italien bestehen würden, dass  Italien  die  Richtlinie  2003/9/EG  des  Rates  vom  27.  Januar  2003,  welche zahlreiche Mindestnormen  für die Aufnahme und Betreuung von  Asylsuchenden  beinhalte,  ohne  Beanstandungen  von  Seiten  der  Europäischen Kommission umgesetzt habe, dass  es  den  Beschwerdeführenden  zuzumuten  sei,  sich  erneut  an  die  zuständigen  (italienischen)  Behörden  zu  wenden,  um  die  nötige  Unterstützung zu beantragen, weshalb der Vollzug nach Italien zumutbar  sei,  dass der Vollzug der Wegweisung auch technisch möglich und praktisch  durchführbar sei, dass die Beschwerdeführenden gegen diese Verfügung mit Eingabe vom  15.  Juli  2011  (vorab  per  Telefax)  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erhoben  und  beantragten,  die Verfügung  des BFM  vom 6.  Juli 2011 sei aufzuheben, die Sache sei an das BFM zurückzuweisen und  das  Amt  anzuweisen,  das  Asylgesuch  mit  demjenigen  von  (…)  zusammenzulegen  und  eine  Entscheidung  für  beide  zusammen  zu  treffen,

E­3999/2011 dass  im  Sinne  vorsorglicher  Massnahmen  (der  vorliegenden  Beschwerde)  die  aufschiebende  Wirkung  zu  erteilen  sei  und  die  Vollzugsbehörden anzuweisen seien, von einer Überstellung nach Italien  abzusehen,  bis  das  Bundesverwaltungsgericht  über  die  vorliegende  Beschwerde entschieden habe, dass sie um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  und  um  Verzicht  der  Erhebung eines Kostenvorschusses ersuchten, dass  sie  zur  Begründung  im  Wesentlichen  vorbrachten,  dem  angefochtenen  Nichteintretensentscheid  liege  ein  unvollständiger  beziehungsweise  falscher  Sachverhalt  im  Sinne  von  Art.  49  VwVG  zu  Grunde,  da  die  Tatsache,  dass  dem  Vater  des  Kindes  der  Beschwerdeführerin  in  einem  Auslandverfahren  die  Einreise  in  die  Schweiz  bewilligt  worden  sei,  bevor  die  Beschwerdeführenden  in  der  Schweiz  das  Asylgesuch  gestellt  hätten,  in  der  Entscheidfindung  nicht  berücksichtigt worden sei, dass  die  Verfügung  deshalb  aufgehoben  und  an  die  Vorinstanz  zurückgewiesen werden müsse, dass  die  Vorinstanz  anzuweisen  sei,  die  Asylverfahren  zusammenzulegen  und  eine  Entscheidung  für  die  ganze  Familie  zu  treffen, dass  im  Sinne  des  Grundsatzes  der  Einheit  der  Familie  die  Beschwerdeführenden nicht nach Italien zurückgeführt werden dürften, dass das Bundesverwaltungsgericht mit Zwischenverfügung vom 20. Juli  2011  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG unter Vorbehalt der Nachreichung einer  Fürsorgebestätigung  innert  Frist  und  das  Gesuch  um  Gewährung  der  aufschiebenden Wirkung (der Beschwerde) guthiess, dass mit derselben Zwischenverfügung die Vorinstanz eingeladen wurde,  sich innert Frist zur Beschwerde vernehmen zu lassen, dass  die  Beschwerdeführenden  mit  Eingabe  vom  27.  Juli  2011  die  Fürsorgebestätigung nachreichten,

E­3999/2011 dass  sich  das  BFM  am  15.  August  2011  zur  Beschwerdesache  vernehmen liess, dass  mit  Verfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  18.  August  2011  den  Beschwerdeführenden  Gelegenheit  eingeräumt  wurde,  innert  Frist auf die Vernehmlassung zu replizieren, dass  die  Beschwerdeführenden  mit  Eingabe  vom  29.  August  2011  zur  Vernehmlassung des BFM Stellung nahmen, und zieht in Erwägung, dass  das  Bundesverwaltungsgericht  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  in  der  Regel  ­  und  so  auch  vorliegend  ­  endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  (Art. 5 VwVG) des BFM entscheidet  (Art. 105 AsylG  i.V.m.  Art. 31­33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [VGG,  SR 173.32]);  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass  die  Beschwerdeführenden  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  sind,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung beziehungsweise Änderung haben und daher zur Einreichung  der Beschwerde  legitimiert  sind  (Art. 105 AsylG  i.V.m. Art.  37 VGG und  Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  zu  Recht  eingetreten  wurde  (Art.  108  Abs.  2  AsylG  sowie  Art. 105  AsylG  i.V.m.     Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG), dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  entschieden  wird  (Art. 111  Bst. e  AsylG),  und  es  sich  vorliegend,  wie  nachfolgend  aufgezeigt,  in materieller  Hinsicht  um  eine  solche  handelt,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2  AsylG),  auch  wenn  die  Beschwerde  in  formeller  Hinsicht  nicht  aussichtslos erschien, dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  einschliesslich  Missbrauch  und  Überschreitung  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),

E­3999/2011 dass  im  Asylverfahren  ­  wie  im  übrigen  Verwaltungsverfahren  ­  der  Untersuchungsgrundsatz  gilt,  das  heisst,  die  Asylbehörde  hat  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  vor  ihrem  Entscheid  von  Amtes  wegen  vollständig und richtig abzuklären (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 12 VwVG, Art.  106 Abs. 1 Bst. b AsylG), wobei sie die für das Verfahren erforderlichen  Sachverhaltsunterlagen  beschaffen  und  die  rechtlich  relevanten  Umstände abklären und darüber ordnungsgemäss Beweis führen muss, dass  in  der  Beschwerde  in  formeller  Hinsicht  gerügt  wird,  dem  angefochtenen  Nichteintretensentscheid  liege  ein  unvollständiger  beziehungsweise  falscher  Sachverhalt  im  Sinne  von  Art.  49  VwVG  zu  Grunde,  da  die  Tatsache,  dass  dem  Vater  des  Kindes  der  Beschwerdeführerin  in  einem  Auslandverfahren  die  Einreise  in  die  Schweiz  bewilligt  worden  sei,  bevor  die  Beschwerdeführenden  in  der  Schweiz  das  Asylgesuch  gestellt  hätten,  in  der  Entscheidfindung  nicht  berücksichtigt worden sei,  dass vorab festzustellen ist, dass das BFM kein unsorgfältiges Vorgehen  zu verantworten hat, da die Beschwerdeführerin anlässlich der Anhörung  lediglich  den  Namen  des  Kindsvaters  zu  nennen  vermochte  und  im  Übrigen vorbrachte, sie wisse nicht, ob er  tot,  in Haft oder sonst wo sei  (A5/10  S.  8)  und  demnach  aus  naheliegende  Gründen  in  der  angefochtenen  Verfügung  eine  entsprechende  Prüfung  zwangsläufig  unterbleiben musste, dass sich die Rüge des unvollständig erstellten Sachverhaltes und somit  unter diesem Gesichtspunkt der Verletzung des rechtlichen Gehörs, wenn  auch unverschuldet erfolgt, in objektiver Hinsicht als begründet erweist, dass  die  Gehörsverletzung  vorliegend  auf  Beschwerdeebene  geheilt  wurde, dass die Heilung einer Gehörsverletzung dann in Betracht kommt, sofern  das  Versäumte  nachgeholt  wird,  der  Beschwerdeführer  dazu  Stellung  nehmen  kann  und  der  Beschwerdeinstanz  im  streitigen  Fall  die  freie  Überprüfungsbefugnis  in  Bezug  auf  Tatbestand  und  Rechtsanwendung  zukommt, sowie die festgestellte Verletzung nicht schwerwiegender Natur  ist  und  die  fehlende  Entscheidreife  durch  die  Beschwerdeinstanz  mit  vertretbarem  Aufwand  hergestellt  werden  kann  (vgl.  BVGE  2008/47  E.  3.3.4 S. 676 f.),

E­3999/2011 dass  vorliegend  dem  BFM  Gelegenheit  gegeben  wurde,  sich  zur  Beschwerdesache zu äussern und das BFM in der Vernehmlassung vom   15.  August  2011  zu  den  vorliegend  wesentlichen  Punkten  ausführlich  Stellung bezogen hat, dass  den  Beschwerdeführenden  Gelegenheit  gegeben  wurde,  sich  zu  den Ausführungen und zur Begründung des Antrages der Vorinstanz auf  Abweisung  der  Beschwerde  schriftlich  zu  äussern  und  sie  mit  Eingabe  vom 29. August 2011 umfassend davon Gebrauch gemacht haben, dass  angesichts  dieser  Ergänzungen  und  unter  Berücksichtigung  der  hinsichtlich  der  Frage  der  Einheit  der  Familie  vollen  Kognition  des  Gerichts  der  festgestellte Verfahrensmangel  als  geheilt  erachtet werden  kann,  zumal  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  erstellt  und  somit  die  notwendige Entscheidreife gegeben ist, dass demnach keine Veranlassung besteht, den Entscheid des BFM vom  6.  Juli  2011  aus  formellen  Gründen  aufzuheben  und  die  Sache  zur  Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, dass der Umstand, dass die angefochtene Verfügung  im Zeitpunkt  ihres  Erlasses  an  einem  Verfahrensmangel  litt,  indessen  im  Kostenpunkt  zu  berücksichtigen sein wird, dass im vorliegenden Beschwerdeverfahren im Weiteren einzig zu prüfen  ist,  ob  das  BFM  gestützt  auf  Art. 34  Abs.  2  Bst.  d  AsylG  auf  das  Asylgesuch der Beschwerdeführenden zu Recht nicht eingetreten ist und  infolgedessen die Wegweisung aus der Schweiz zu Recht verfügt hat, dass  auf  Asylgesuche  in  der  Regel  nicht  eingetreten  wird,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG), dass  gestützt  auf  die  einleitenden  Bestimmungen  sowie  Art.  1  Abs.  1  DAA  i.V.m.  Art. 29a  Abs.  1  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1,  SR  142.311)  die  Prüfung  der  staatsvertraglichen  Zuständigkeit  zur  Behandlung  eines  Asylgesuches  nach den Kriterien der Dublin­II­VO zu erfolgen hat, dass  gemäss  Art.  3  Abs.  1  Dublin­II­VO  die  Mitgliedstaaten  jeden  Asylantrag prüfen, den ein Drittstaatsangehöriger an der Grenze oder im  Hoheitsgebiets  eines Mitgliedstaates  stellt, wobei  der Antrag  von  einem 

E­3999/2011 einzigen Mitgliedstaat geprüft wird, der nach den Kriterien des Kapitels III  der Dublin­II­VO als zuständiger Staat bestimmt wird, dass  das  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen  Mitgliedstaates  eingeleitet  wird,  sobald  ein  Asylantrag  erstmals  in  einem  Mitgliedstaat  gestellt wurde  (Art.  4 Abs.  1 Dublin­II­VO), wobei  die Kriterien  in  der  in  Kapitel III der Dublin­II­VO genannten Rangfolge (vgl. Art. 5­14 Dublin­II­ VO) anzuwenden sind sowie von der Situation zum Zeitpunkt, in dem der  Asylbewerber  erstmals  einen  Antrag  in  einem  Mitgliedstaat  stellt,  auszugehen ist (Art. 5 Abs. 1 und 2 Dublin­II­VO), dass  der  Aufenthalt  der  Beschwerdeführenden  und  das  Ersuchen  um  Asyl in Italien vor deren Einreise in die Schweiz nicht bestritten ist, dass  das BFM  am  16.  Juni  2011  zu Recht  an  Italien  ein  Ersuchen  um  Übernahme der Beschwerdeführenden im Sinne von Art. 16 Abs. 1 Bst. c  Dublin­II­VO gestellt hat, dass  das  BFM  zutreffend  feststellte,  Italien  habe  innerhalb  der  festgelegten  Zeit  nicht  geantwortet,  weshalb  die  Zuständigkeit  für  die  Prüfung des Asylantrages der Beschwerdeführenden gestützt auf Art. 20  Abs. 1 Bst. c Dublin­II­VO an Italien übergegangen sei, dass  somit  die  Grundlage  für  einen  Nichteintretensentscheid  in  Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG ohne Weiteres gegeben ist, dass der Aufenthalt des Vaters des Kindes der Beschwerdeführerin in der  Schweiz die Zuständigkeit der Schweiz zur Prüfung des Asylantrages der  Beschwerdeführenden offensichtlich nicht zu begründen vermag, dass  diesbezüglich  auf  die  ­  soweit  sie  entscheidwesentlich  sind,  zu  bestätigenden ­ Ausführungen des BFM in der Vernehmlassung vom 15.  August  2011  verwiesen  werden  kann  und  die  Entgegnungen  in  der  Replikschrift  vom  29.  August  2011  in  entscheidrelevanter  Hinsicht  nicht  stichhaltig sind, dass gemäss Ziffer 6 der einleitenden Bestimmung der Dublin­II­VO die  Einheit der Familie gewahrt werden muss, soweit dies mit den sonstigen  Zielen  vereinbar  ist,  die mit  der Festlegung von Kriterien und Verfahren  zur  Bestimmung  des  für  die  Prüfung  eines  Asylantrages  zuständigen  Mitgliedstaates angestrebt werden,

E­3999/2011 dass  nach  Art.  2  Bst.  i  (i)  und  (ii)  der  Dublin­II­VO  grundsätzlich  auch  nicht  verheiratete  Partner  ­  sowie  deren  minderjährige,  ledige  und  unterhaltsberechtigte  Kinder  ­  als  Familienangehörige  verstanden  werden, dass  diese  Bestimmungen  vorliegend  jedoch  nicht  zur  Anwendung  gelangen können, da aufgrund der Akten sowohl die Beschwerdeführerin  als auch der von ihr angegebene Kindsvater mit jeweils anderen Partnern  verheiratet sind, dass  der  angegebene  Kindsvater  im  Rahmen  seines  Asylgesuches  bestätigte,  er  sei  verheiratet  und  habe  zusammen  mit  seiner  Ehefrau  sechs  Kinder  (Akten  BFM  N  (…),  A7/10  S.  2/3)  und  würde  gerne  mit  seiner Familie vereint werden (A7/10 S. 8), dass  die  Beschwerdeführerin  ebenso  unbestrittenermassen  mit  ihrem  Ehemann zwei gemeinsame Kinder hat (A5/10 S.3), dass das BFM  in der Vernehmlassung zu Recht ausführt, ein kurzfristig  gelebtes Konkubinat  von bereits anderweitig verheirateten Personen sei  nicht durch Art. 2 Bst. i Dublin­II­VO abgedeckt, weshalb Art. 8 Dublin­II­ VO nicht zum Tragen komme, dass zudem Mehrfachehen in der Schweiz nicht zulässig wären, dass  im Weiteren Voraussetzung  für die  Inanspruchnahme der Garantie  von  Art. 8 EMRK  zunächst  das  Bestehen  einer  Familie  ist,  wobei  es  gemäss der Praxis des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte  (EGMR)  auf  ein  tatsächlich  bestehendes  Familienleben  ankommt         (vgl.  hierzu  etwa  EGMR,  K.  und  T.  gegen  Finnland  [Grosse  Kammer],    Urteil vom 12. Juli 2001, Beschwerde Nr. 25702/94, § 150), dass für das Vorliegen einer Familie im Sinne von Art. 8 EMRK allerdings  nicht  notwendig  ist,  dass  zwei  Personen  ihre  Beziehung  rechtlich  formalisiert  haben,  weshalb  die  Unehelichkeit  einer  Partnerschaft  grundsätzlich  kein  Hindernis  für  die  Anwendbarkeit  des  konventionsrechtlichen  Familienbegriffs  darstellt  (vgl.  BVGE  2008/47  E. 4.1;  CHRISTOPH  GRABENWARTER,  Europäische  Menschenrechtskonvention, 4. Aufl., München/Basel/Wien 2009, S. 204), dass  dabei  als  wesentliche  Faktoren  für  eine  tatsächlich  gelebte  Beziehung  das  gemeinsame  Wohnen  respektive  der  gemeinsame  Haushalt,  die  finanzielle  Verflochtenheit,  die  Länge  und  Stabilität  der 

E­3999/2011 Beziehung sowie das Interesse und die Bindung der Partner aneinander  sind        (vgl.  CHRISTOPH  GRABENWARTER,  a.a.O.,  S. 204;  MARK  E.  VILLIGER,  Handbuch  der  Europäischen  Menschenrechtskonvention,  2.  Aufl.,  Zürich  1999,  S. 365;  LUZIUS  WILDHABER  in:  Internationaler  Kommentar  zur  Europäischen  Menschenrechtskonvention,  Hrsg.:  WOLFRAM  KARL,  12. Lfg.,  Köln/Berlin/München  2009,  Art. 8  EMRK,  S. 137), dass  vorliegend  offenkundig  noch  nicht  von  einer  tatsächlich  gelebten  Beziehung im Sinne von Art. 8 EMRK gesprochen werden kann und sich  die  Beschwerdeführenden  entsprechend  nicht  auf  diese  Bestimmung  berufen können, dass  demnach  die  vom  BFM  in  der  Vernehmlassung  herangezogenen  Verweise  auf  die  Urteile  des  Bundesverwaltungsgerichts  in  Sachen         D­5403/2010  und  D­2555/2007  und  folglich  die  Einwände  in  der  Replikschrift  gegen  die  diesbezüglich  Ausführungen  aufgrund  der  vorliegenden sachverhaltlichen Ausgangslage nicht von wesentlicher und  somit nicht von entscheidrelevanter Bedeutung sind, dass  vorliegend  auch  Art. 15  Abs. 1  Dublin­II­VO  nicht  zur  Anwendung  gelangen kann, dass  auch  in  diesem  Zusammenhang  die  Voraussetzungen  zur  Familienangehörigkeit nicht erfüllt sind, dass  Art. 15  Abs. 1  Dublin­II­VO  zudem  grundsätzlich  nur  dann  zur  Anwendung  gelangt,  wenn  sich  eine  Asylbewerberin  in  dem  für  die  Prüfung des Asylgesuches nach Art. 6­14 Dublin­II­VO zuständigen Staat  aufhält,  humanitäre  Erwägungen  ­  wie  das  Zusammenführen  von  Familienmitgliedern ­  jedoch dafür sprechen, das Asylverfahren in einem  weiteren  Staat  durchzuführen  (vgl.  CHRISTIAN  FILZWIESER/ANDREA  SPRUNG, Dublin II­Verordnung, 3., überarb. Aufl., Wien/Graz 2010, K4 zu  Art. 15), dass  sich  die  Beschwerdeführenden  indessen  in  einem  für  das  Asylverfahren nicht zuständigen Staat aufhalten, weshalb die sogenannte  "humanitäre  Klausel"  von  Art. 15  Dublin­II­VO  vorliegend  nicht  zum  Tragen kommt, dass  Italien  Signatarstaat  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30),  der  EMRK  und  des 

E­3999/2011 Übereinkommens  vom  10.  Dezember  1984  gegen  Folter  oder  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK, SR 0.105) ist, dass  keine  Hinweise  dafür  bestehen,  Italien  würde  sich  nicht  an  die  massgebenden  völkerrechtlichen  Bestimmungen,  insbesondere  an  das  Rückschiebungsverbot oder die einschlägigen Normen der EMRK, halten, dass Italien die Richtlinie 2003/9/EG des Rates vom 27. Januar 2003 zur  Festlegung von Mindestnormen  für die Aufnahme von Asylbewerbern  in  den  Mitgliedstaaten  (Amtsblatt  Nr.  L  031  vom  06/02/2003  S.  0018 –  0025),  welche  zahlreiche  Mindestnormen  für  die  Aufnahme  und  Betreuung  von  Asylsuchenden  beinhaltet,  ohne  Beanstandungen  von  Seiten der Europäischen Kommission umgesetzt hat, dass  das  Gericht  auch  in  Berücksichtigung  der  mit  den  Kapazitätsengpässen  im  Zusammenhang  stehenden  schwierigen  Aufenthalts­  und  Lebensbedingungen  ­  eine  Betreuung  durch  die  italienischen Behörden oder durch die privaten karitativen Organisationen  ist  nicht  in  jedem Fall  gewährleistet  ­  nicht  zum Schluss gelangt,  Italien  verletze  nachgewiesenermassen  in  systematischer  Weise  die  Richtlinie  Nr. 2003/9/EG, dass  angesichts  dieser  Sachlage  keine  Veranlassung  besteht,  die  Regelvermutung  in  Frage  zu  stellen,  wonach  sich  Italien  an  die  massgebenden  völkerrechtlichen  Bestimmungen,  insbesondere  an  das  Rückschiebungsverbot  oder  die  einschlägigen  Normen  der  EMRK  und  der FoK, hält (BVGE 2010/45 E. 7.5. und 7.7.),  dass  diese  Regelvermutung  umgestossen  werden  kann,  wenn  im  konkreten  Einzelfall  ernsthafte  Indizien  dafür  vorliegen,  dass  die  Behörden des betreffenden Signatarstaates Völkerrecht verletzen (BVGE  2010/45 a.a.O.), dass  für  den  Fall,  dass  die  Beschwerdeführerin  aufgrund  der  Aufenthaltsbedingungen  tatsächlich  nicht  in  der  Lage  sein  sollte,  mit  ihrem Kind  in  Italien  ein menschenwürdiges  Leben  zu  führen,  es  an  ihr  liegen wird,  ihre Rechte bei den  italienischen Behörden  respektive beim  Europäischen Gerichtshof  oder  beim EGMR geltend  zu machen  (BVGE  2010/45          E. 7.6.4),

E­3999/2011 dass  aber  nach  Kenntnis  des  Bundesverwaltungsgerichts  Dublin­Rück­ kehrende  und  ­  wie  vorliegend  die  Beschwerdeführerin  ­  verletzliche  Personen  mit  einem  kleinen  Kind  bezüglich  Unterbringung  von  den  italienischen Behörden bevorzugt behandelt werden und sich neben den  staatlichen  Strukturen  auch  zahlreiche  private  Hilfsorganisationen  der  Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen annehmen, dass  es  vorliegend  der  Beschwerdeführerin  nicht  gelungen  ist,  eine  einzelfallspezifische  besondere  Verletzlichkeit  nachzuweisen,  aufgrund  derer geschlossen werden könnte, ihr und ihrem Kind drohe in Italien eine  unmenschliche Behandlung im Sinne von Art. 3 EMRK, dass  sich  aus  den  Akten  keinerlei  Anhaltspunkte  dafür  ergeben,  Italien  halte sich nicht an das Übereinkommen vom 20. November 1989 über die  Rechte des Kindes ([KRK, SR 0.107]; vgl. CHRISTIAN FILZWIESER / ANDREA  SPRUNG,  Dublin­II­Verordnung,  3.  Aufl.,  Wien/Graz  2010,  Kommentar  Nr. 8 zu Art. 6 Seite 90), dass es Sache des BFM sein wird, die italienischen Behörden anlässlich  der  Bekanntgabe  des  Datums  der  Überstellung  schriftlich  über  die  Zugehörigkeit  der  Beschwerdeführerin  und  ihres  Kindes  zu  einer  verletzlichen Personengruppe zu informieren, dass  sich  vor  diesem  Hintergrund  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  zulässig erweist (Art. 83 Abs. 3 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember  2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]), dass des Weiteren die Beschwerdeführerin nichts vorbringt, das das BFM  hätte veranlassen können, aus humanitären Gründen (Art. 29a Abs. 3 der  Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen  [AsylV 1,  SR 142.311]) auf ihr Asylgesuch einzutreten, dass  im Rahmen einer Gesamtabwägung aller  relevanten Umstände  im  konkreten  Einzelfall  auch  sonst  keine  Gründe  ersichtlich  sind,  die  eine  Wegweisung  aus  humanitärer  Sicht  als  unangemessen  erscheinen  lassen  (vgl. Urteil des Bundesverwaltungsgerichts E­7221/2009 vom 10.  Mai 2011), dass sich angesichts dieser Sachlage eine Auseinandersetzung mit den  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  und  in  der  Replikschrift  erübrigt, weil diese nicht geeignet sind, zu einer anderen Beurteilung zu  gelangen,

E­3999/2011 dass  zusammenfassend  festzustellen  ist,  dass  einer  Überstellung  der  Beschwerdeführerin und ihres Kindes nach Italien weder völkerrechtliche  Verpflichtungen  der  Schweiz  noch  humanitäre Gründe  entgegenstehen,  weshalb  die  Souveränitätsklausel  (Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO)  nicht  zur  Anwendung  gelangt  und  folglich  das BFM  zu Recht  in  Anwendung  von  Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist, dass demnach der Antrag, das BFM sei anzuweisen, das Asylgesuch mit  demjenigen von (…) zusammenzulegen und eine Entscheidung für beide  zusammen zu treffen, abzuweisen ist, dass das Nichteintreten auf ein Asylgesuch in der Regel die Wegweisung  aus  der  Schweiz  zur  Folge  hat  (Art. 44  Abs. 1  AsylG),  vorliegend  der  Kanton keine Aufenthaltsbewilligung erteilt hat und zudem kein Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen  besteht  (BVGE  2009/50  E.  9.  S.  733),  weshalb  die  verfügte  Wegweisung  nach  Italien  im  Einklang  mit  den  gesetzlichen  Bestimmungen  steht  und  demnach  vom  Bundesamt  zu  Recht angeordnet wurde, dass  in  Verfahren  nach  Art.  34  Abs.  2  Bst.  d  AsylG  die  Frage  der  Durchführbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  bereits  Voraussetzung  (und  nicht erst Regelfolge) des Nichteintretensentscheides ist (BVGE 2010/45  E. 10.2), dass  deshalb  allfällige  völkerrechtliche  und  humanitäre  Vollzugshindernisse vor der Prüfung des Nichteintretens im Rahmen der  Anwendung der sogenannten Souveränitätsklausel (Art. 3 Abs. 2 Dublin­ II­VO)  oder  gegebenenfalls  ­  wenn  sich  Familienmitglieder  in  verschiedenen  Dublin­Mitgliedstaaten  befinden  und  zusammengeführt  werden  sollen  ­  bei  der  Ausübung  der  Humanitären  Klausel  (Art. 15  Dublin­II­VO) zu prüfen sind, weshalb kein Raum für Ersatzmassnahmen  im Sinne von Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 1 ­ 4 AuG besteht, dass nach dem Gesagten der vom Bundesamt verfügte Vollzug der Weg­ weisung zu bestätigen ist, dass  die  Beschwerdeführenden  nicht  darzutun  vermögen,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  über  die  auf  Beschwerdeebene  geheilte  Verletzung  hinaus  Bundesrecht  verletzt  und  in  eben  diesem  Sinn  den  rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig  feststellt oder  unangemessen ist (Art. 106 AsylG), weshalb die Beschwerde abzuweisen  ist,

E­3999/2011 dass  das  Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege mit  Zwischenverfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  20.  Juli  2011  gutgeheissen  wurde  und  keine  Veranlassung  besteht,  darauf  zurückzukommen,  weshalb  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen  sind  (Art. 65 Abs. 1 VwVG). (Dispositiv nächste Seite)

E­3999/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Kurt Gysi Christoph Berger Versand:

E-3999/2011 — Bundesverwaltungsgericht 05.12.2011 E-3999/2011 — Swissrulings