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Bundesverwaltungsgericht 22.12.2011 E-2983/2009

22 dicembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,841 parole·~9 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 7. April 2009 / N

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­2983/2009 Urteil   v om   2 2 .   D e z embe r   2011   Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richterin Regula Schenker Senn,    Gerichtsschreiberin Laura Wayllany. Parteien A._______, geboren (…),  (…),   Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 7. April 2009 / N (…).

E­2983/2009 Sachverhalt: A. Der Beschwerdeführer, ein Staatsangehöriger Kosovos serbischer Ethnie  aus B._______  (C._______, Stadt  im Südosten Kosovos, Anm. BVGer),  verliess  seinen  Heimatstaat  eigenen  Angaben  zufolge  am  26.  oder  27. Dezember  2008  und  gelangte  über  Serbien  und  ihm  unbekannte  Länder  am  29.  Dezember  2008  in  die  Schweiz,  wo  er  gleichentags  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  D._______  um  Asyl  nachsuchte.  Am  6.  Januar  2009  wurde  er  zur  Person,  zu  den  Gesuchsgründen  und  zum  Reiseweg  befragt;  die  Anhörung  zu  seinen  Asylgründen erfolgte am 12. Januar 2009. Zur  Begründung  seines  Asylgesuches  machte  der  Beschwerdeführer  geltend,  er  sei  aufgrund  der  allgemeinen  Unsicherheit  in  Kosovo  ausgereist.  Als  Serbe  habe  er  dort  keine  Freiheit  und  er  finde  keine  Arbeit. Er sei von den Albanern schikaniert sowie bedroht und ungefähr  vor einem Jahr, als er mit dem Auto durch das Dorf E._______ gefahren  sei,  mit  Steinen  beworfen  worden.  Dabei  sei  die  (…)  zerbrochen;  aus  Angst vor den Tätern habe er bei der Polizei keine Anzeige erstattet. Seit  diesem Vorfall habe er bis zu seiner Ausreise das Haus nur noch selten  verlassen. Die Lebensumstände in Kosovo seien sehr schlimm, und wäre  er dort geblieben, hätte man ihn vielleicht erschossen, verprügelt oder mit  einem Auto überfahren. Ausdrücklich  verneinte  der  Beschwerdeführer,  je  mit  Behörden,  Organisationen oder weiteren Personen im Heimatland Probleme gehabt  zu haben. Er  reichte  im  vorinstanzlichen  Verfahren  einen  von  der  United  Nations  Interim  Administration  Mission  in  Kosovo  (UNMIK)  ausgestellten  Identitätsausweis  und  seinen  Führerschein  zu  den  Akten.  Er  habe  sich  zwar vor drei oder vier Jahren  legal eine  Identitätskarte und einen Pass  beschafft, diese aber verloren. B. Mit Verfügung vom 7. April 2009 – eröffnet am 9. April 2009 – stellte das  BFM  fest,  der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte  dessen  Asylgesuch  ab.  Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug der Wegweisung  an.

E­2983/2009 Auf die entsprechende Begründung wird,  soweit  entscheidwesentlich,  in  den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. C.  Mit Eingabe vom 8. Mai 2009 (Poststempel) erhob der Beschwerdeführer  gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde. Er  beantragte  in  materieller  Hinsicht  –  unter  Kosten­  und  Entschädigungsfolge – die Aufhebung der angefochtenen Verfügung, die  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  das  Absehen  von  einer  Wegweisung.  In prozessualer Hinsicht beantragte er die Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege. Der  Rechtsmitteleingabe  beigelegt  wurden  eine  Mittellosigkeitsbestätigung  der  F._______  vom  24.  April  2009  und  eine  Vielzahl  die  Situation  in  Kosovo  und  die  Flüchtlingslage  in  Serbien  betreffende  Unterlagen  (vor  allem  Kopien  von  Medienberichten;  vgl.  Beschwerde S. 87 bis 779). D. Mit  Zwischenverfügung  vom  14.  Mai  2009  stellte  der  Instruktionsrichter  fest,  der  Beschwerdeführer  könne  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz abwarten, hiess das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen  Rechtspflege  gut  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses. E. Das  BFM  hielt  in  seiner  Vernehmlassung  vom  27.  Mai  2009  an  seiner  Verfügung  vom  7.  April  2009  vollumfänglich  fest  und  beantragte  die  Abweisung der Beschwerde.  Die Vernehmlassung wurde dem Beschwerdeführer am 2. Juni 2009 zur  Kenntnis gebracht. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM 

E­2983/2009 gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht. Der Beschwer­ deführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist durch die  angefochtene Verfügung besonders  berührt  und hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren Aufhebung  beziehungsweise Änderung;  er  ist  daher  zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1  AsylG,  Art. 48  Abs. 1  sowie  Art. 52  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  einzutreten. 2. Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken.  3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft 

E­2983/2009 gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 3.3.  Die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art. 3  AsylG  erfüllt  eine  asylsuchende  Person  nach  Lehre  und  Rechtsprechung  dann,  wenn  sie  Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  beziehungsweise  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft  befürchten  muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  durch  Organe  des  Heimatstaates  oder  durch  nichtstaatliche  Akteure  zugefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.  BVGE  2008/4  E. 5.2  S. 37).  Aufgrund  der  Subsidiarität  des  flüchtlingsrechtlichen  Schutzes  setzt  die  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person  in  ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz  finden kann (vgl. BVGE  2008/12  E. 7.2.6.2  S. 174  f.  und  BVGE  2008/4  E. 5.2  S. 37 f.).  Ausgangspunkt  für  die  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  ist  die  Frage nach der  im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder  begründeten  Furcht  vor  einer  solchen.  Die  Situation  im  Zeitpunkt  des  Asylentscheides  ist  jedoch  im  Rahmen  der  Prüfung  nach  der  Aktualität  der  Verfolgungsfurcht  ebenfalls  wesentlich.  Veränderungen  der  objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid  sind  deshalb  zugunsten  und  zulasten  der  das  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2008/4  E. 5.4  S. 38  f.;  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, Basel/Bern/Lausanne 2009, Rz. 11.17 und 11.18). 4. 4.1.  Das  BFM  lehnte  das  Asylgesuch  mit  der  Begründung  ab,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers,  er  sei  immer  wieder  von  den  Albanern  schikaniert  und  bedroht  worden  und  er  habe  sich  in  Kosovo  nicht mehr sicher gefühlt, seien nicht asylrelevant. Im  Einzelnen  führte  das  Bundesamt  aus,  Übergriffe  durch  Dritte  oder  Befürchtungen,  künftig  solchen  ausgesetzt  zu  sein,  seien  nur  dann  asylrelevant, wenn der Staat seiner Schutzpflicht nicht nachkomme oder  nicht  in  der  Lage  sei,  Schutz  zu  gewähren.  Generell  sei  Schutz  gewährleistet,  wenn  der  Staat  geeignete  Massnahmen  treffe,  um  die 

E­2983/2009 Verfolgung  zu  verhindern,  beispielsweise  durch  wirksame  Polizei­  und  Justizorgane  zur  Ermittlung,  Strafverfolgung  und  Ahndung  von  Verfolgungshandlungen,  und  wenn  Antragsteller  Zugang  zu  diesem  Schutz  hätten.  In  Kosovo  sei  es  zwar  in  den  vergangenen  Jahren  vereinzelt  zu  schwerwiegenden  Übergriffen  auf  Angehörige  der  ethnischen  Minderheiten,  namentlich  der  Serben,  gekommen,  doch  könne  nicht  von  allgemeinen  Vertreibungen  ausgegangen  werden.  Kosovo habe am 17. Februar 2008 die Unabhängigkeit erklärt. Gemäss  der am 15. Juni 2008 in Kraft getretenen kosovarischen Verfassung gebe  es  auch  nach  dem  Statuswechsel  eine  internationale  zivile  und  militärische  Präsenz.  In  Kosovo  bestünden  mit  der  UNO­Verwaltung  (UNMIK)  und der EU  (EULEX, European Union Rule  of  Law Mission  in  Kosovo) zwei internationale Missionen. Die am 9. Dezember 2008 offiziell  gestartete  EULEX­Mission  umfasse  Polizisten,  Richter,  Staatsanwälte  und  Strafvollzugsbeamte.  Die  internationalen  Sicherheitskräfte  und  die  Kosovo Police  (KP) garantierten die Sicherheit und seien weitgehend  in  der  Lage,  die  ethnischen  Minderheiten  in  Kosovo  zu  schützen;  sie  intervenierten  bei  Übergriffen  regelmässig  und  nähmen  bei  Straftaten  gegen  Angehörige  von  Minderheiten  Ermittlungen  auf.  Zentrale  Polizeifunktionen  würden  weiterhin  von  internationalen  Polizeikräften  wahrgenommen. Die kosovarische Verfassung gestehe den Minderheiten  umfassende Rechte zu. Angesichts dieser Sachlage seien die geltend gemachten Übergriffe nicht  asylrelevant,  weil  vom Vorhandensein  eines  adäquaten Schutzes  durch  den  Heimatstaat  auszugehen  sei.  Zudem  bestehe  für  Serben  und  serbischsprachige  Roma  aus  den  südlichen  Bezirken  des  Landes  eine  innerstaatliche  Fluchtalternative  im  Norden  Kosovos,  womit  sich  weitergehende Erörterungen zur Frage, ob Serben und serbischsprachige  Roma  in  Kosovo  einer  asylrechtlich  relevanten  Gefährdung  ausgesetzt  seien, erübrigten. Die Vorbringen des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art. 3  AsylG  nicht  stand.  Demzufolge  erfülle  er  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  so  dass  das  Asylgesuch  abzulehnen sei. Die  Folge  der  Ablehnung  eines  Asylgesuchs  sei  in  der  Regel  die  Wegweisung aus der Schweiz. Der Vollzug der Wegweisung sei zulässig,  weil  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfülle  und  sich demzufolge nicht auf den Grundsatz der Nichtrückschiebung gemäss 

E­2983/2009 Art. 5 Abs. 1 AsylG berufen könne. Zudem ergäben sich aus den Akten  keine  Anhaltspunkte  dafür,  ihm  drohe  bei  einer  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  eine  durch  Art.  3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  verbotene  Strafe  oder  Behandlung. 4.2.  In  der  Beschwerde wird  diesen Erwägungen  unter  Verweis  auf  die  zahlreichen  beigelegten  Unterlagen  entgegengehalten,  die  serbische  Bevölkerung  und  andere  nichtalbanische  Ethnien  lebten  in  Kosovo  in  grosser  Gefahr  und  sie müssten  um  ihr  Leben  und  Eigentum  fürchten.  Der Polizei würde bei Übergriffen keine Meldung gemacht, weil diese sie  nicht  schützen  könne.  Der  Beschwerdeführer  sei  in  die  Schweiz  gekommen, weil sein Leben  in Kosovo nicht mehr zu ertragen gewesen  sei.  Die  kosovarische  Verfassung  garantiere  für  die  nichtalbanische  Bevölkerung  keine Rechte  und Freiheiten,  denn  alles, was  geschrieben  worden sei, werde im täglichen Leben nicht umgesetzt.  Seine Rückweisung  nach Belgrad  sei  auch  nicht  zumutbar, weil  er  dort  nicht  zu  Hause  sei,  er  wäre  wieder  nur  ein  Flüchtling.  Die  mehreren  Hundertausend  Flüchtlinge,  die  dort  seien,  würden  in  unzumutbaren  Verhältnissen  leben.  Die  Armut  und  die  wirtschaftlichen  Probleme –  insbesondere die Arbeitslosigkeit – seien gross.  Er  (der  Beschwerdeführer)  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft,  da  er  aufgrund  seiner  Zugehörigkeit  zur  serbischen Ethnie  begründete  Furcht  vor Verfolgung habe. In seinem Heimatland gebe es keine anderen Orte,  welche ihm genügend Schutz bieten würden. Der nördliche Teil Kosovos  sei  nicht  sicher,  und  es  sei  ihm  auch  nicht  zumutbar,  nach  Serbien  zu  gehen,  weil  dieses  Land  keine  Flüchtlinge mehr  aufnehme.  Im Übrigen  würden keine Ausschlussgründe gemäss Art. 63 AsylG vorliegen. 4.3.  4.3.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  teilt  die  Auffassung  des  Bundesamtes,  wonach  die  geltend  gemachten  Übergriffe  und  die  allgemein  schwierige  Lage  in  Kosovo  nicht  asylrelevant  seien  und  im  Norden  Kosovos  eine  innerstaatliche  Fluchtalternative  zur  Verfügung  stehe. Weiter  stimmt  das Gericht  der  vorinstanzlichen Erwägung  zu,  es  gebe  in  Serbien  eine  Zufluchtsmöglichkeit,  da  auch  nach  der  Unabhängigkeitserklärung  die  Serben  Kosovos  als  serbische  Staatsangehörige  betrachtet  würden,  womit  für  den  Beschwerdeführer 

E­2983/2009 grundsätzlich  eine  Aufenthaltsalternative  in  Serbien  bestehe,  worauf  nachstehend näher eingegangen wird.  4.3.2. Der  Beschwerdeführer  machte  anlässlich  der  Befragung  und  der  Anhörung Provokationen und Übergriffe in der Form von Beschimpfungen  beziehungsweise  Steinwürfen  und  Sachbeschädigungen  geltend  (vgl.  Akten  BFM  A1/9  Ziff.  15  und  A9/8  F15  ff.).  In  der  Beschwerde  wird  in  diesem  Zusammenhang  neu  angegeben,  es  sei  zu  Morddrohungen  gekommen (vgl. Beschwerde S. 10).  Das Bundesverwaltungsgericht bezweifelt nicht, dass es in Kosovo nach  wie  vor  zu solchen Vorfällen  kommt,  jedoch handelt  es  sich dabei nicht  um Nachteile,  die  von Organen  des  Heimatstaates  ausgehen  oder  von  diesen  geduldet  beziehungsweise  nicht  geahndet  werden.  Zwecks  Vermeidung von Wiederholungen kann diesbezüglich auf die vorstehende  Erwägung 4.1. verwiesen werden.  Der  Beschwerdeführer  macht  in  der  Beschwerde  (S.  10)  auch  geltend,  Übergriffe  würden  der  Polizei  nicht  gemeldet,  weil  diese  sie  (die  nichtalbanische Bevölkerung) nicht schätze, sondern nur schikaniere. Es  ist nicht  in Abrede zu stellen, dass Teile  lokaler Behörden sich  in dieser  nicht hinnehmbaren Art und Weise gebärden können, jedoch besteht die  Möglichkeit,  sich  an  übergeordnete  nationale  Behörden  oder  an  die  internationalen  Kräfte  zu  wenden,  was  vorliegend  offensichtlich  nicht  gemacht worden ist.  4.3.3.  Der  Beschwerdeführer  brachte  schliesslich  sowohl  anlässlich  der  Befragung (vgl. A1/9 Ziff. 15) als auch in der Beschwerde (S. 12) vor, die  wirtschaftliche  Lage  in  Kosovo  sei  sehr  schlecht.  Daraus  geht  hervor,  dass  es  vor  allem  Perspektivlosigkeit  ist,  die  ihn  zum  Verlassen  des  Heimatlandes  veranlasst  hat.  Davon  sind  indessen  grössere  Bevölkerungsteile  und  nicht  nur  Angehörige  der  serbischen  Ethnie  betroffen, und die unbestrittenermassen belastenden Probleme sind zwar  verständlich, aber ebenfalls nicht asylrelevant.   4.3.4.  Das Bundesamt  hat  demnach  zu Recht  gefolgert,  die Vorbringen  des  Beschwerdeführers  hielten  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht stand und demzufolge  erfülle er diese nicht, so dass sein Asylgesuch abzulehnen sei.  5. 5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht 

E­2983/2009 ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2.  Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). 6. 6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Aufgrund der vorstehenden Ausführungen ist  im Folgenden  allein der Wegweisungsvollzug Prüfungsgegenstand. Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  der  vormaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft,  das  heisst,  sie  sind  zu  beweisen,  wenn  der  strikte  Beweis  möglich  ist,  und  andernfalls  zumindest  glaubhaft  zu  machen  (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel 2009, Rz. 11.148). 6.2. Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  auch  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art.  25  Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR  101),  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere 

E­2983/2009 grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung  unterworfen werden. 6.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  der  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt, welche die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem Beschwer­ deführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu  machen,  kann  das  in  Art.  5  AsylG  verankerte  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Rückschiebungsverbots  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  nach  Kosovo  beziehungsweise  Serbien  –  auf  Letzteres  wird  nachstehend  eingegangen  –  ist  demnach  unter  diesem  Aspekt recht­mässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung  nach  Kosovo  beziehungsweise  Serbien  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer nach Art.  3 EMRK oder Art.  1 FoK verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofs  für  Menschenrechte  (EGMR)  und  jener  des  UN­Anti­Fol­terausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete  Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde (vgl. EGMR, [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28.  Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§ 124­127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  im  Heimatstaat  des  Beschwerdeführers  beziehungsweise  in  Serbien  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen. Nach dem Gesagten  ist der Vollzug der Wegweisung mithin  sowohl  im Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen  zulässig. 6.4. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG – 

E­2983/2009 die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002.  BBl  2002  3818). 6.5.  Der  Beschwerdeführer  ist  aufgrund  der  Aktenlage  einerseits  als  Staatsangehöriger der Republik Kosovo zu betrachten, anderseits verfügt  er  infolge seiner serbischen Abstammung und Geburt auf  (ehemaligem)  Staatsgebiet der Republik Serbien gemäss dem serbischen Gesetz über  die Staatsbürgerschaft Nr. 135/04 vom 21. Dezember 2004 auch über die  serbische  Staatsangehörigkeit  (vgl.  BVGE  2010/41  E. 6.4.2).  Der  Beschwerdeführer  hat  denn  auch  auf  dem  eigenhändig  ausgefüllten  Personalienblatt  im  EVZ  als  Staatsangehörigkeit  "Serbien"  angegeben  (vgl.  A2/1). 6.5.1.  Der  Beschwerdeführer  macht  in  Bezug  auf  seinen  vormaligen  Wohnort  beziehungsweise  den Süden Kosovos – wie  vorliegend  in  den  Erwägungen  4.3.2.  und  4.3.3.  ausgeführt  –  keinerlei  asylrelevante  Gründe  geltend,  und  es  ist  diesbezüglich  ohne  weiteren  Begründungsaufwand  dem  BFM  zuzustimmen.  Ebenfalls  folgt  das  Gericht  der  Vorinstanz,  wenn  diese  feststellt,  für  Serben  und  serbischsprachige  Roma  aus  den  südlichen  Bezirken  Kosovos  bestehe  eine  innerstaatliche  Fluchtalternative  im  Norden  Kosovos.  Die  Ausführungen des Beschwerdeführers  in seiner Rechtsmittleingabe  (vgl.  S. 12 ff.), die Lage sei insbesondere in Kosovska Mitrovica sehr schlecht,  die Kosovoalbaner würden sich dort hasserfüllt gegen alles wehren, was  nicht  Albanisch  sei,  und  die  Leute  lebten  in  Armut  und  hätten  keine  Arbeit, können an dieser Einschätzung nichts ändern.  6.5.2.  Der  Beschwerdeführer  besitzt  neben  der  kosovarischen  auch  die  serbische Staatsangehörigkeit. Demnach  kann er  sich,  falls  er weder  in  seinen  Heimatort,  wo  noch  Familienmitglieder  und  Verwandte  leben,  zurückgehen  noch  die  vom  Bundesamt  angegebene  Aufenthaltsalternative  im  Norden  Kosovos  nutzen  will,  nach  Serbien  begeben  und  dort  aufgrund  der  bestehenden  Niederlassungsfreiheit  Wohnsitz nehmen. Nach der Rechtsprechung des Gerichts ist der Vollzug  der  Wegweisung  nach  Serbien  für  Angehörige  der  serbischen  Volksgruppe aus Kosovo  im Allgemeinen zumutbar  (vgl. BVGE 2010/41  E.  8.3.3.6).  Ins  Gewicht  fallen  bei  der  Abschätzung  der  konkreten  Situation  insbesondere  die  Möglichkeit  der  wirtschaftlichen  Existenzsicherung, das Vorhandensein einer individuellen Verbindung zu  Serbien  (ein  tragfähiges  familiäres  oder  anderweitiges  soziales 

E­2983/2009 Beziehungsnetz)  und  die  Möglichkeit  der  gesellschaftlichen  Integration.  Im Rahmen dieser Kriterien sind Faktoren wie das Alter, das Geschlecht,  der  Zivilstand,  Sprachkenntnisse,  der  Gesundheitszustand,  die  Berufserfahrung,  die  finanziellen  Verhältnisse,  die  Schulbildung  und  die  berufliche  Ausbildung  der  betroffenen  Personen  in  die  Erwägungen  miteinzubeziehen. 6.5.3. Der Beschwerdeführer macht in Bezug auf eine Rückweisung nach  Serbien geltend, diese sei nicht zumutbar, weil er dort nicht zuhause und  wieder  nur  ein  Flüchtling  wäre.  Seine  (…)  könne  ihm  in  Serbien  nicht  helfen, und die Situation von Flüchtlingen sei in diesem Land prekär (vgl.  Beschwerde S. 14 f.).  Die  unbestrittenermassen  schwierige  wirtschaftliche  Lage  in  Serbien  betrifft  weite  Teile  der  einheimischen  Bevölkerung  und  vermag  deshalb  den  Wegweisungsvollzug  dorthin  nicht  als  unzumutbar  erscheinen  zu  lassen. Zudem hat der Beschwerdeführer die Technische Mittelschule  in  B._______  abgeschlossen  und  anlässlich  der  Befragung  als  Beruf  (…)  angegeben  (vgl.  A1/9  Ziff.  8).  Der  (…)­jährige,  alleinstehende  Beschwerdeführer  verfügt  also  über  eine  vergleichsweise  gute  Ausbildung und sollte demnach in der Lage sein, sich eine wirtschaftliche  Existenz  in  Serbien  aufzubauen,  zumal  den  Akten  auch  keinerlei  Hinweise auf gesundheitliche Probleme zu entnehmen sind.   6.6. Schliesslich obliegt  es dem Beschwerdeführer,  sich nötigenfalls  bei  der zuständigen Vertretung des Heimatstaates die für eine Rückkehr not­ wendigen Reisedokumente zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG), weshalb  der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83  Abs. 2 AuG). 6.7. Insgesamt ist der durch die Vorinstanz verfügte Wegweisungsvollzug  zu bestätigen. Die Vorinstanz hat diesen zu Recht als zulässig, zumutbar  und  möglich  erachtet.  Nach  dem  Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1­4 AuG). 7. Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer­ de ist demnach abzuweisen.

E­2983/2009 8.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  an  sich  dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Nachdem  aber  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  mit  Zwischenverfügung  vom  14.  Mai  2009  gutgeheissen  worden  ist,  ist  praxisgemäss  auf  die  Auferlegung  von  Verfahrenskosten  zu  verzichten  (Art. 65 Abs. 1 VwVG).

E­2983/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und das Amt  für  Migration des Kantons G._______. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Bruno Huber Laura Wayllany Versand:

E-2983/2009 — Bundesverwaltungsgericht 22.12.2011 E-2983/2009 — Swissrulings