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Bundesverwaltungsgericht 27.10.2011 D-6187/2009

27 ottobre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,822 parole·~9 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 24. August 2009

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­6187/2009 Urteil   v om   2 7 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richterin Contessina Theis, Richter Martin Zoller; Gerichtsschreiberin Corinne Krüger. Parteien A._______, geboren (…), Irak,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 24. August 2009 / N (…).

D­6187/2009 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  ethnischer  Kurde  aus  B._______  /  Provinz  C._______  (Nordirak),  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  seinen  Heimatstaat  am  15. November  2008  und  gelangte  über  die  Türkei  und  weitere  ihm unbekannte Länder  in die Schweiz. Am 28. November 2008  suchte er in D._______ um Asyl nach. Am 16. Dezember 2008 wurde der  Beschwerdeführer  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  D._______  zu  seinen  Personalien,  dem  Reiseweg  und  summarisch  zu  seinen  Asylgründen  befragt.  Am  28. Juli  2009  wurde  er  vom  BFM  einlässlich zu seinen Asylgründen angehört. B.  Der  Beschwerdeführer  machte  zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  im  Wesentlichen geltend, er stamme aus dem Dorf B._______ in der Provinz  C._______  (Nordirak), wo er  als  Landwirt  gearbeitet  habe. Er  habe  seit  über acht Jahren einen sehr guten Freund (E._______) gehabt. Zwischen  ihren  beiden  Familien  habe  es  jedoch  seit  kurzer  Zeit  Probleme  und  Streitigkeiten wegen Ländereien gegeben. Deshalb sei ihre Freundschaft  von beiden Seiten aus nicht mehr gern gesehen worden. Am 6. Juli 2008  habe  ihm  sein  Freund  geholfen,  mit  dem  Traktor  in  F._______  Holz  abzuholen. Dabei sei es zu einem Unfall gekommen. In einer Kurve habe  die Bremse nicht mehr  funktioniert,  der Traktor  sei umgestürzt und sein  Freund  sei  unter  den  Traktor  gekommen.  Er  habe  den  Unfall  nicht  überlebt.  Der  Unfall  sei  von  einigen  Leuten  aus  dem  Dorf  gesehen  worden.  Die  Polizei  habe  ihn  bezüglich  des  Unfallhergangs  noch  am  selben  Tag  befragt.  Die  Familie  von  E._______  habe  seine  Aussagen  nicht  geglaubt  und  ihm  vorgeworfen,  E._______  vorsätzlich  getötet  zu  haben.  Deshalb wollten  sie  jetzt  Blutrache  nehmen  und  ihn  umbringen.  Der  Dorfvorsteher  habe  sich  für  eine  friedliche  Lösung  eingesetzt.  Er  habe  mehrmals  mit  den  Angehörigen  von  E._______  gesprochen  und  ihnen  gesagt,  dass  es  ein  Unfall  gewesen  sei  und  sie  ihm  (dem  Beschwerdeführer)  verzeihen  sollten.  Die  Angehörigen  von  E._______  hätten davon aber nichts wissen wollen, sondern gesagt, dass sie sich an  ihm  rächen wollten. Deshalb habe er keinen anderen Ausweg gesehen,  als  ins  Ausland  zu  flüchten.  Nachdem  er  aus  Angst  vor  E._______  Angehörigen das Haus monatelang nicht  verlassen habe,  sei er am 15.  November 2008  in einem Auto  von C._______ nach G._______ gereist  und von dort  aus zu Fuss über die Grenze  in die Türkei  gegangen. Mit  Auto  und  LKW  sei  er  schliesslich  ohne  Identitätsdokumente  am 

D­6187/2009 28. November 2008 in die Schweiz eingereist, wo er am gleichen Tag um  Asyl ersucht habe. Für die weiteren Aussagen wird, soweit für den Entscheid wesentlich, auf  die Protokolle bei den Akten verwiesen. Anlässlich der Anhörung vom 28. Juli 2009 reichte der Beschwerdeführer  beim  BFM  diverse  fremdsprachige  Beweismittel  zu  den  Akten,  die  ihm  per  E­Mail  zugestellt  worden  sind  (Bestätigung  des  Traktorunfalls,  ausgestellt vom Mukthar; Fotokopie der ID­Karte Nr. (…), ausgestellt am  27.08.2007  in  B._______;  Fotokopie  des  Todesscheins  von  E._______  Nr.  (…),  ausgestellt  am  04.08.2008  in  C._______;  Bestätigung  des  Traktorunfalls durch die Polizei, ausgestellt am 06.07.2008) C.  Mit  Verfügung  vom  24.  August  2009  –  eröffnet  am  26.  August  2009 –  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht und  lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig  ordnete es seine Wegweisung aus der Schweiz an und beauftragte den  Kanton H._______ mit dem Vollzug der Wegweisung. D.  Mit  Eingabe  vom  18.  September  2009  reichte  der  Beschwerdeführer  gegen diesen Entscheid beim BFM eine Beschwerde ein und beantragte  sinngemäss, die angefochtene Verfügung sei aufzuheben und es sei ihm  die  Flüchtlingseigenschaft  zuzuerkennen  sowie  Asyl  zu  gewähren,  eventualiter  sei er  infolge Unzulässigkeit  respektive Unzumutbarkeit des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen.  Gleichzeitig  reichte  der  Beschwerdeführer  seine  Identitätskarte  und  die  oben  erwähnten  Beweismittel  im  Original  zu  den  Akten.  Das  BFM  überwies  die  Beschwerdeeingabe  am  29.  September  2009  an  das  Bundesverwaltungsgericht. Auf  die  im  Verlauf  des  Beschwerdeverfahrens  eingereichten  Eingaben  und  Beweismittel  wird,  soweit  für  den  Entscheid  wesentlich,  in  den  Erwägungen eingegangen. E.  Mit  Zwischenverfügung  vom  2.  Oktober  2009  teilte  das  Bundesverwaltungsgericht  dem  Beschwerdeführer  mit,  dass  er  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne.  Gleichzeitig  wurde er aufgefordert, die oben erwähnten fremdsprachigen Beweismittel 

D­6187/2009 bis zum 17. Oktober 2009 in eine Amtssprache übersetzen zu lassen und  einen Kostenvorschuss von Fr. 600.­­ einzuzahlen. F.  Am  14.  Oktober  2009  überwies  der  Beschwerdeführer  den  Kostenvorschuss  in  Höhe  von  Fr.  600.­­  an  das  Bundesverwaltungsgericht und reichte eine deutsche Übersetzung seiner  Beweismittel zu den Akten. G.  In  seiner  Vernehmlassung  vom  2.  November  2009  beantragte  das  Bundesamt  die  Abweisung  der  Beschwerde  und  verwies  vollumfänglich  auf  seine  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung.  Die  Vernehmlassung  des  BFM  wurde  dem  Beschwerdeführer  am  5.  November 2009 zur Kenntnisnahme zugestellt.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist 

D­6187/2009 durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1. Der Beschwerdeführer gab  im Wesentlichen an, er habe am 6. Juli  2008  mit  seinem  Traktor  einen  Unfall  verursacht,  wobei  sein  Freund  E._______  ums  Leben  gekommen  sei.  Dessen  Angehörige  seien  seit  kurzer Zeit mit seiner eigenen Familie wegen eines Streits betreffend den  Besitz  von  Ländereien  verfeindet  und  hielten  ihm  vor,  E._______  vorsätzlich getötet zu haben. Deshalb hätten sie gedroht,  ihn aus Rache  zu  töten.  Trotz  vielen  Gesprächen  hätten  weder  die  Polizei  noch  der  Dorfvorsteher  erreicht,  die  Familie  von  E._______  zu  besänftigen.  Der 

D­6187/2009 Beschwerdeführer  befürchtet  nun,  bei  einer  Rückkehr  in  seinen  Heimatstaat als Folge des von  ihm verursachten  tödlichen Unfalls Opfer  einer Blutrache seitens der Verwandten von E._______ zu werden. 4.2.  Das  BFM  lehnte  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  mit  der  Begründung  ab,  seine  Vorbringen  seien  nicht  asylerheblich.  Übergriffe  durch  Dritte  oder  Befürchtungen,  künftig  solchen  ausgesetzt  zu  sein,  seien  nur  dann  asylrelevant,  wenn  der  Staat  seiner  Schutzpflicht  nicht  nachkomme  oder  nicht  in  der  Lage  sei,  Schutz  zu  gewähren.  Der  Beschwerdeführer mache geltend, aus dem  Irak geflüchtet  zu sein, weil  er Angst gehabt habe, von der Familie von E._______ getötet zu werden.  Er habe erklärt, nur einmal, am Tag des Unfalls,  für eine Stunde bei der  Polizei gewesen zu sein, um den Polizisten die Umstände des Unfalls zu  erklären.  Nachdem  er  von  der  Familie  von  E._______  bedroht  worden  sei, habe er  jedoch bei den Behörden keinen Schutz mehr gesucht. Die  nordirakischen  Behörden  seien  generell  schutzbereit  und  schutzfähig.  Aus  den  vorliegenden  Akten  sei  nicht  ersichtlich,  weshalb  der  Beschwerdeführer  den  Schutz  der  Behörden  nicht  hätte  in  Anspruch  nehmen  können.  Seine  Vorbringen  seien  somit  nicht  asylerheblich  und  hielten  demnach  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  AsylG  nicht  stand.  Es  erübrige  sich  somit,  auf  Ungereimtheiten  in  seinen  Vorbringen  einzugehen.  Die  eingereichten  Beweismittel vermöchten auch nichts an dieser Einschätzung zu ändern. 4.3. Auf Beschwerdeebene hielt der Beschwerdeführer den Erwägungen  der  Vorinstanz  nichts  Konkretes  entgegen,  hielt  aber  grundsätzlich  an  seinen Vorbringen fest. 4.4.  Der  Beschwerdeführer  macht  als  Asylgrund  eine  nichtstaatliche  Verfolgung  geltend, wobei  es  sich  um Drohungen  und  somit  um Furcht  vor  Übergriffen  seitens  privater  Dritter  handelt.  In  Bezug  auf  die  staatlichen  Untersuchungsmassnahmen  im  Rahmen  des  Unfalls  ist  zu  bemerken,  dass  diese  keine Verfolgungshandlungen  darstellen  sondern  der  Aufklärung  des  Unfallhergangs  und  somit  rechtsstaatlich  legitimen  Zwecken dienen. 4.5.  Eine  Verfolgung  durch  Dritte  ist  nach  der  Schutztheorie  nur  dann  flüchtlingsrechtlich  relevant,  wenn  dem  Asylsuchenden  im  Heimatland  kein  adäquater  Schutz  zur  Verfügung  steht.  Schutz  vor  nichtstaatlicher  Verfolgung  im Heimatstaat  ist als ausreichend zu qualifizieren, wenn die  betroffene  Person  effektiv  Zugang  zu  einer  funktionierenden  und 

D­6187/2009 effizienten  Schutzinfrastruktur  hat  und  ihr  die  Inanspruchnahme  eines  solchen  innerstaatlichen  Schutzsystems  individuell  zumutbar  ist.  Eine  Garantie  für  langfristigen  individuellen Schutz kann  jedoch nicht verlangt  werden.  Keinem  Staat  gelingt  es,  die  absolute  Sicherheit  aller  seiner  Bürger  jederzeit  und  überall  zu  garantieren  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2006  Nr.  18  E.  10.3.2.  S.  204;  EMARK  1996  Nr.  28  S.  271  f.).  Nach  den  Erkenntnissen  des  Bundesverwaltungsgerichtes  verfügen  die  drei  kurdischen Nordprovinzen über eine funktionierende Schutz­Infrastruktur.  Die Sicherheits­ und Polizeikräfte sind gut dotiert und gelten als gut und  straff organisiert. Parallel dazu werden Streitfälle oft auch auf traditionelle  Art  und  Weise,  d.h.  durch  die  Stammesjustiz  /  Stammesversöhnung  geregelt (vgl. BVGE 2008/4 E. 6.4 f.). Für den Beschwerdeführer ist nach  diesen  Massstäben  grundsätzlich  hinreichender  Schutz  durch  die  heimatlichen Behörden gewährleistet.  4.6. Zudem ergeben sich aus den Akten auch keine Hinweise, dass die  staatliche  Schutzinfrastruktur  dem  Beschwerdeführer  im  konkreten  Fall  nicht  zugänglich wäre  und die  heimatlichen Behörden nicht willens  sein  könnten, ihm Schutz vor Übergriffen seitens der Familienangehörigen des  Opfers  zu  gewähren.  Es  ist  anzumerken,  dass  der  Beschwerdeführer  auch gar nicht geltend machte, dass ihm die heimatlichen Behörden den  erforderlichen  Schutz  verweigert  hätten.  Gemäss  seinen  eigenen  Aussagen ging die Polizei nach seiner Einvernahme zu den Angehörigen  von  E._______  und  erklärte  diesen  den  Sachverhalt.  Auch  der  Dorfvorsteher kümmerte sich um den Vorfall (Stammesjustiz) und sprach  mehrfach  mit  den  Angehörigen  des  Opfers,  um  diese  zu  einer  Versöhnung zu bringen. 4.7.  Im Weiteren  ist  festzuhalten, dass der Beschwerdeführer nach dem  Unfall  noch  mehr  als  vier  Monate  an  seiner  bisherigen  Adresse  lebte.  Während  dieser  Zeit  verübte  die  Familie  des  bei  dem  Unfall  getöteten  Freundes keinen Übergriff auf den Beschwerdeführer. Es  ist aber davon  auszugehen,  dass  allfällige  Racheaktionen  bzw.  Versuche  solcher  mit  Sicherheit  in  dieser  Zeit  stattgefunden  hätten.  Dieser  Umstand  spricht  gegen  die  Annahme  einer  real  drohenden  Blutrache.  Da  ihm  die  Behörden  den  Schutz  nicht  verweigert  hatten,  hätte  der  Beschwerdeführer  zuerst  diese  (erneut)  aufsuchen  und  um  Schutz  ersuchen  können,  bevor  er  sein  Heimatland  verliess.  Der  Beschwerdeführer  hat  also  –  noch  bevor  es  überhaupt  zu  befürchteten  Übergriffen durch Dritte kam ­ sein Heimatland verlassen und dadurch auf 

D­6187/2009 den  Schutz  durch  die  heimatlichen  Behörden  verzichtet.  Schliesslich  bleibt  anzufügen,  dass  es  dem  Beschwerdeführer  aufgrund  der  bloss  lokalen Verfolgung zumutbar gewesen wäre und es immer noch ist, sich  den  Drohungen  der  Angehörigen  von  E._______  durch  die  Inanspruchnahme  einer  innerstaatlichen  Aufenthaltsalternative  zu  entziehen. 4.8.  Die  Vorinstanz  hat  somit  zu  Recht  festgestellt,  dass  die  nordirakischen Behörden  grundsätzlich willens  und  fähig  sind,  Verfolgte  vor  Übergriffen  Dritter  zu  schützen.  Aus  den  Akten  ist  nicht  ersichtlich,  weshalb  der  Beschwerdeführer  den Schutz  der  Behörden  nicht  hätte  in  Anspruch nehmen können. 4.9.  An  dieser  Einschätzung  vermögen  auch  die  eingereichten  Dokumente  nichts  zu  ändern,  da  sie  lediglich  belegen,  dass  am  6.  Juli  2008  ein  Verkehrsunfall  stattgefunden  hat,  der  Beschwerdeführer  das  verunglückte  Fahrzeug  (Traktor)  gefahren  hat  und  dabei  ein  Mann  namens  E._______  ums  Leben  gekommen  ist.  Dieser  Verkehrsunfall  respektive  der  dadurch  verursachte  Todesfall  sind  aus  den  vorangehenden  Erwägungen  nicht  asylrelevant.  Die  Vorinstanz  hat  das  Asylgesuch des Beschwerdeführers zu Recht abgelehnt. 5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; vgl. EMARK 2001 Nr. 21). 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]).

D­6187/2009 Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 6.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 6.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers in den Irak ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5  AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer 

D­6187/2009 Ausschaffung  in  den  Irak  dort mit  beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine Menschenrechtssituation  im  Irak  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  klarerweise  nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 6.4.   Gemäss Art.  83 Abs.  4 AuG  kann  der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Das  Bundesverwaltungsgericht  geht  gemäss  konstanter  Praxis  davon  aus, dass in den drei kurdischen Provinzen Dohuk, Erbil und Suleimaniya  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht  und  die  dortige  politische  Lage nicht dermassen angespannt ist, als dass eine Rückführung dorthin  als  generell  unzumutbar  betrachtet werden müsste. Die Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  ist  in  der  Regel  für  alleinstehende,  gesunde  und  junge Männer, die ursprünglich aus einer der drei  kurdischen Provinzen  stammen oder eine längere Zeit dort gelebt haben und dort nach wie vor  über  ein  soziales  Netz  (Familie,  Verwandtschaft  oder  Bekanntenkreis)  oder  über  Parteibeziehungen  verfügen,  zumutbar,  während  für  alleinstehende Frauen und für Familien mit Kindern, sowie für Kranke und  Betagte bei der Feststellung der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs  grosse Zurückhaltung angebracht ist (BVGE 2008/5 E.7.5.8 S. 72). Die  Sicherheitslage  in  den  drei  kurdischen  Provinzen  hat  sich  seit  der  Publikation des erwähnten Urteils (BVGE 2008/5) nicht verschlechtert. In  der  überwiegenden  Mehrheit  der  Berichte  von  Regierungs­  und  Nichtregierungsorganisationen  sowie  des  UN­Sicherheitsrats  wird  eine  insgesamt stabile Situation beschreiben. In seinem Bericht von Juli 2010 

D­6187/2009 bestätigt  das  Amt  des  Hohen  Flüchtlingskommissars  der  Vereinten  Nationen  (UNHCR)  die  relativ  stabile  Sicherheitslage  in  den  drei  kurdischen Provinzen  (vgl. UNHCR, Note on  the Continued Applicability  of  the  April  2009  UNHCR  Eligibility  Guidelines  for  Assessing  the  International Protection Needs of  Iraqi Asylum­Seekers, Juli 2010, S. 2).  Die allgemeine Sicherheitslage im Nordirak spricht somit nicht gegen die  Zumutbarkeit des Vollzugs der Wegweisung. Der  heute  fast  (…),  alleinstehende  Beschwerdeführer  stammt  aus  B._______  in  der  Provinz  C._______,  wo  gemäss  eigenen  Angaben  seine Eltern, zwei Brüder und zwei Schwestern noch immer leben. Somit  ist davon auszugehen, dass er bei einer Rückkehr  in den Nordirak nicht  auf  sich  allein  gestellt  wäre,  dort  mithin  auch  heute  ein  familiäres  Beziehungsnetz  vorfindet,  welches  ihn  bei  der  Wiedereingliederung  unterstützen  könnte.  Die  Familie  des  Beschwerdeführers  lebt  von  der  Landwirtschaft. Auch er hat bis zu seiner Ausreise als Landwirt gearbeitet  und  kann  bei  einer  Rückkehr  in  sein  Heimatland  seiner  Familie  wieder  eine  grosse  Hilfe  sein.  Zudem  sind  den  Akten  auch  keine  gesundheitlichen  Beeinträchtigungen  zu  entnehmen,  welche  gegen  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  sprechen  könnten.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten, dass keine Anhaltspunkte vorliegen,  die  auf  eine  konkrete  Gefährdung  des  Beschwerdeführers  im  Irak  schliessen lassen. Damit ist der Vollzug der Wegweisung als zumutbar zu  erachten. 6.5.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG). 6.6. Insgesamt hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu Recht als  zulässig,  zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4  AuG). 7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und 

D­6187/2009 vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 8.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  in  der  Höhe  von  insgesamt Fr. 600.­ dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1  und  5 VwVG; Art.  1­3  des Reglements  vom 21.  Februar  2008  über  die  Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,  SR  173.320.2])  und  mit  dem  am  14.  Oktober  2009  in  gleicher  Höhe  geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen. 

D­6187/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt  und  mit  dem  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss  verrechnet.  3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Corinne Krüger Versand:

D-6187/2009 — Bundesverwaltungsgericht 27.10.2011 D-6187/2009 — Swissrulings