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Bundesverwaltungsgericht 05.08.2011 D-5486/2007

5 agosto 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,338 parole·~7 min·1

Riassunto

Vollzug der Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 20. Juli 2007

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­5486/2007 Urteil   v om   5 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richterin Emilia Antonioni Luftensteiner, Richter Hans Schürch, Gerichtsschreiberin Regula Frey. Parteien A._______, geboren B._______, alias C._______, geboren D._______, alias A._______, geboren E._______, Afghanistan, F._______, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom  20. Juli 2007 / N _______.

D­5486/2007 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer, ein G._______ aus H._______ (Bezirk I._______,  Provinz  Ghazni),  verliess  seinen  Heimatstaat  Afghanistan  gemäss  eigenen  Angaben  im  Jahr  2000.  Via  J._______  und  K._______  sei  er  nach  L._______  (M._______)  gelangt,  wo  er  sich  bis  2006  aufgehalten  habe. Mitte Mai 2006 habe er  sich N._______ begeben,  von wo aus er  seine Reise fortgesetzt und via ihm unbekannte Länder am 20. Juli 2006  illegal  in  die  Schweiz  eingereist  sei,  wo  er  gleichentags  um  Asyl  nachsuchte. Am  26.  Juli  2006  wurde  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  O._______  eine  summarische  Befragung  des  Beschwerdeführers  durchgeführt.  Im Anschluss daran wurde er  zu seinem Alter und seinen  Familienverhältnissen zusätzlich eingehend befragt beziehungsweise das  rechtliche Gehör gewährt. Am 6. September 2006 erfolgte die Anhörung  zu den Asylgründen durch den Migrationsdienst des Kantons P._______. Der  Beschwerdeführer  machte  dabei  im  Wesentlichen  geltend,  sein  Vater,  ein  Kommandant  und  ehemaliges Mitglied  der  Q._______,  habe  während  seiner  Zeit  als  aktives  Parteimitglied  von  anderen  Parteimitgliedern  Wertsachen,  Waffen  und  Geld  zur  Aufbewahrung  in  seinem  Haus  entgegengenommen.  Sein  Vater  habe  sich  von  der  Q._______ getrennt.  In der Folge hätten  im Jahr R._______ S._______  ihr  Haus  in  T._______  überfallen,  die  dort  gelagerten  Waffen  und  Wertsachen entwendet und sämtliche Familienmitglieder getötet. Er habe  als  einziger  überlebt,  da  er  zu  diesem  Zeitpunkt  –  er  sei  etwa  {…….}  Jahre alt gewesen – draussen gespielt und von dort den Überfall auf sein  Elternhaus  gesehen  habe.  Am  Überfall  hätten  sich  zwischen  fünfzehn  und  zwanzig  Personen  beteiligt.  Nachdem  er  seine Mutter  sowie  seine  Geschwister  im  Hof  liegend  gesehen  habe  und  er  von  deren  Tod  ausgegangen  sei,  habe  er  das  Haus  nicht  mehr  betreten  und  sei  geflohen.  An  die Nachbarn  habe  er  sich  nicht wenden  könne,  da Krieg  geherrscht und jeder nur für sich geschaut habe. Ebenso wenig habe er  sich  bei  Verwandten  verstecken  können,  da  ein  grosser  Teil  seiner  Verwandtschaft  im  Krieg  ums  Leben  gekommen  sei  und  er  seinem  Grossvater nicht vertraut habe. Vor diesem Hintergrund habe er sich zur  Flucht entschlossen. Er könne nicht mehr nach Afghanistan zurück, weil  ihn  die  Parteimitglieder  für  den  Verlust  ihrer  Waffen  und  Wertsachen  verantwortlich machen und ihn töten würden.

D­5486/2007 B.  Mit Verfügung vom 20. Juli 2007 – eröffnet am 23. Juli 2007 – stellte das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  und lehnte sein Asylgesuch ab. Gleichzeitig ordnete es die Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Vollzug  an.  Als  Begründung  für  die  Nichtzuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  Ablehnung  des  Asylgesuchs  führte  das  BFM  zusammengefasst  an,  die  Angaben  des  Beschwerdeführers  zu  der  angeblichen  Tötung  seines  Vaters  seien  widersprüchlich, so habe er unter anderem anlässlich der Kurzbefragung  ausgesagt,  Leute  der  Q._______  hätten  seinen  Vater  getötet,  und  in  Widerspruch dazu anlässlich der kantonalen Anhörung erklärt, sein Vater  habe  als  Kommandant  der  Q._______  an  Kämpfen  gegen  U._______  teilgenommen  und  sei  dabei  ums  Leben  gekommen.  Zudem  seien  die  Aussagen zu den Fluchtumständen als realitätsfremd zu werten, so wolle  der  angeblich  kaum  V._______  Jahre  alte  Beschwerdeführer  nach  der  Ermordung  seiner  Familienangehörigen  umgehend  ein  Auto  bestiegen  haben,  welches  ihn  in  die  Provinz  K._______  gebracht  habe,  und  anschliessend  von  einem  Schlepper  in  den  M._______  geführt  worden  sein.  Es  erscheine  realitätsfremd,  ein  Kind  im  vom  Beschwerdeführer  angegebenen  Alter  habe  nach  einem  solchen  Ereignis  in  dieser Weise  umgehend das Heimatland verlassen, ohne sich überhaupt vergewissert  zu haben, ob die Mutter und Geschwister  tatsächlich  tot seien, und sich  nicht  zu  Verwandten  oder  Nachbarn  begeben  zu  haben.  Insgesamt  hielten die Vorbringen des Beschwerdeführers den Anforderungen an die  Glaubhaftigkeit  gemäss  Art.  7  des  Asylgesetzes  vom  26.  Juni  1998  (AsylG, SR 142.31) nicht  stand,  so dass  ihre Asylrelevanz nicht  geprüft  werden  müsse.  Den  Wegweisungsvollzug  erachtete  die  Vorinstanz  als  zumutbar, zulässig und technisch möglich sowie praktisch durchführbar. C.  Mit  Beschwerde  vom  16.  August  2007  (Poststempel)  an  das  Bundesverwaltungsgericht  beantragte  der  Beschwerdeführer  die  Aufhebung  der  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  angefochtenen  Verfügung  des  BFM  vom  20. Juli 2007,  die  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  und  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  in  der  Schweiz.  In  prozessualer  Hinsicht  beantragte  der  Beschwerdeführer  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  sowie den Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.

D­5486/2007 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1  BGG  liegt  in  casu  nicht  vor. Das Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  demnach endgültig. 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Namentlich  aus  den  Verfahrensakten  ergeben  sich  keine  Anhaltspunkte,  welche  zu  Zweifeln  an  der  Urteilsfähigkeit  des  nach  eigenen Angaben am E._______ geborenen und somit zum Zeitpunkt der  Beschwerdeeinreichung  minderjährigen  Beschwerdeführers  Anlass  geben  würden,  weshalb  er  unter  diesen  Umständen,  ungeachtet  einer  allfälligen Glaubhaftigkeit seiner geltend gemachten Minderjährigkeit, als  prozessfähig zu erachten ist. Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten.

D­5486/2007 1.4. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.5. Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden  in der  Regel  in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen  (vgl. Art. 21  Abs. 1 VGG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf  die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 2.  Die Ziffern 1, 2 und 3 des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfügung vom  20. Juli  2007  betreffend  die  Verneinung  der  Flüchtlingseigenschaft,  die  Ablehnung  des  Asylgesuchs  und  die  Wegweisung  als  solche  blieben  vorliegend unangefochten und sind damit  in Rechtskraft erwachsen. Die  Beschwerde  richtet  sich  einzig  gegen  den  Vollzug  der  Wegweisung.  Gegenstand  des  vorliegenden  Beschwerdeverfahrens  bildet  somit  ausschliesslich  die  Frage,  ob  das  Bundesamt  den  Vollzug  der  Wegweisung zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erklärt hat. 3.  3.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Die genannten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den  Wegweisungsvollzug  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit,  Unmöglichkeit)  sind alternativer Natur. Sobald eine dieser Bedingungen erfüllt ist, ist der  Vollzug  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  der betroffenen Person in der Schweiz nach den Bestimmungen über die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748). 3.2. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.5 S. 748,  BVGE 2009/41 E. 7.1 S. 576 f.).  3.3. 

D­5486/2007 3.3.1.  Im  Hinblick  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  führte  das  BFM  vorfrageweise  an,  die  behauptete  Minderjährigkeit  des  Beschwerdeführers  sei aufgrund seiner diesbezüglichen Angaben sowie  seines Erscheinungsbildes als unglaubhaft zu qualifizieren, weshalb  ihm  im  Anschluss  an  die  Befragung  im  EVZ  O._______  für  das  weitere  Verfahren  keine  Vertrauensperson  zugeordnet  worden  sei.  Im  Rahmen  des ihm gewährten rechtlichen Gehörs habe er nichts einwenden können,  was  diese  Einschätzung  hätte  umzustossen  vermögen.  So  habe  er  in  Widerspruch  zu  seinen  Angaben  anlässlich  der  kantonalen  Anhörung,  wonach  er  sein  Geburtsdatum  auf  der  Rückseite  des  Korans  gelesen  habe, vorgebracht, sein Geburtsdatum nie schriftlich auf einem Dokument  gesehen zu haben. Zudem würden auch seine Angaben über die von ihm  ausgeübten  Berufe  als  W._______  und  X._______  sowie  seine  selbständige  Reise  in  die  Schweiz  darauf  schliessen  lassen,  dass  der  Beschwerdeführer  nicht  mehr  minderjährig  sei,  weshalb  die  für  Minderjährige  vorgesehenen  Gesetzesbestimmungen  keine  Anwendung  finden  würden.  Er  habe  unglaubhafte  Aussagen  zu  seinen  engsten  Familienangehörigen  gemacht  und  mit  den  geographischen  Gegebenheiten  seiner  Region  sei  er  nicht  sehr  gut  vertraut.  Seine  Aussagen über seine Herkunft seien somit nicht gesichert. Dem BFM sei  es  deshalb  nicht  möglich,  sich  in  voller  Kenntnis  der  tatsächlichen  persönlichen  und  familiären  Situation  des  Beschwerdeführers  zur  Zumutbarkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung  zu  äussern.  Es  sei  nicht  Aufgabe  der  Asylbehörden,  bei  fehlenden  Hinweisen  seitens  eines  Gesuchstellers  nach  allfälligen  Wegweisungshindernissen  zu  forschen,  falls dieser – wie vorliegend – seiner Mitwirkungs­ und Wahrheitspflicht im  Rahmen  der  Sachverhaltsermittlung  nicht  nachkomme  und  die  Asylbehörden  zu  täuschen  versuche.  Es  sei  deshalb  aufgrund  der  Aktenlage  davon  auszugehen,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  grundsätzlich zumutbar sei. 3.3.2.  In  der  Rechtsmitteleingabe  führt  der  Beschwerdeführer  aus,  eine  Rückkehr  in  die Region Ghazni  sei  nicht  zumutbar.  Die Sicherheitslage  sei nach wie vor sehr prekär und er habe dort – sowie auch  in anderen  Teilen  Afghanistans  –  kein  Beziehungsnetz.  Aufgrund  dessen  sei  die  Wegweisung  in  andere Gebiete  von  Afghanistan  ebenfalls  unzumutbar.  Zur  Stützung  seiner  Angaben  bezüglich  der  Situation  in  Afghanistan  verweist  der  Beschwerdeführer  auf  Berichterstattungen  in  der  Neuen  Zürcher Zeitung (NZZ; erschienen am 7. März 2007, 2. Mai 2007 und 2.  Juli  2007)  sowie  die  Lageeinschätzung  der  Schweizerischen  Flüchtlingshilfe  (SFH;  Update  vom  11.  Dezember  2006)  sowie  zwei 

D­5486/2007 Internet­Links (datiert vom 14. Juni 2007 und 23. Juni 2007). Weiter wird  in  der  Rechtsmitteleingabe  auf  die  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  verwiesen,  wonach  die  Rechtsprechung  der  vormaligen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)  weiterhin  Gültigkeit  habe.  Gemäss  dieser  Rechtsprechung  gelte  der  Wegweisungsvollzug in seine Herkunftsregion als unzumutbar. Er verfüge  über  wenig  Bildung  und  habe  kein  familiäres  Beziehungsnetz,  weshalb  eine Rückkehr in sein Heimatland nicht zumutbar sei. 3.4.  3.4.1.  Für  die  Beurteilung  der  allgemeinen  Lage  in  Afghanistan  wird  zunächst  auf  das  zur  Publikation  vorgesehene  Länderurteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  BVGE  E­7625/2008  vom  16.  Juni  2011  verwiesen. Darin kommt das Gericht zum Schluss, dass in weiten Teilen  von  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte Sicherheitslage und derart schwierige humanitäre Bedingungen  bestünden, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83  Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Von dieser allgemeinen Feststellung sei  die Situation  in  der Hauptstadt Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlauf  des  vergangenen Jahres nicht weiter verschlechtert habe und die humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch  sei,  könne  der  Vollzug  der  Wegweisung  in  die  Hauptstadt  unter  Umständen  als  zumutbar  qualifiziert  werden.  Solche  Umstände  könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es sich beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann  handle.  Allerdings  müssten  zudem  die  bereits  in  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2003  Nr.  10  formulierten  strengen Bedingungen  in  jedem Einzelfall  sorgfältig  geprüft  werden.  Unabdingbar  sei  in  erster  Linie  ein  soziales  Netz,  das  sich  im  Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrers als  tragfähig erweise. Denn ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte  würden  die  schwierigen  Lebensverhältnisse  auch  in  der  Stadt  Kabul  unweigerlich zu einer existenziellen beziehungsweise lebensbedrohlichen  Situation führen. 3.4.2.  Bezüglich  der  Staatsangehörigkeit  des  Beschwerdeführers  ist  vorab folgendes festzuhalten: Das BFM führt in seiner Verfügung aus, die  Aussagen  des  Beschwerdeführers  über  seine  Herkunft  seien  nicht  gesichert.  Es  sei  nach  ständiger  Rechtsprechung  des  Bundesverwaltungsgerichts  jedoch  nicht Aufgabe  der Asylbehörden,  bei 

D­5486/2007 fehlenden  Hinweisen  seitens  eines  Gesuchstellers  nach  allfälligen  Wegweisungshindernissen  zu  forschen,  falls  dieser  –  wie  vorliegend –  seiner  Mitwirkungs­  und  Wahrheitspflicht  im  Rahmen  der  Sachverhaltsermittlung  nicht  nachkomme  und  die  Asylbehörden  zu  täuschen versuche.  3.4.3. Diese  von  der  Vorinstanz  angeführte  Praxis  findet  in  casu  keine  Anwendung. Sie  bezieht  sich  nämlich  nur  auf  die Fälle,  in  denen – wie  vorliegend – lediglich der Herkunftsort, nicht aber die Staatsangehörigkeit  als solche in Frage gestellt wird (vgl. EMARK 2005 Nr. 1 E. 3.2.2 S. 4 ff.).  Von  der  Vorinstanz  wurde  nicht  in  Zweifel  gezogen,  dass  der  Beschwerdeführer  afghanischer  Staatsangehöriger  ist.  Aufgrund  der  Aktenlage  ist  davon  auszugehen,  dass  er  und  seine  Familie  aus  H._______,  welches  im  Bezirk  I._______  der  Provinz  Ghazni  liegt,  stammen.  3.4.4.  Ein  Wegweisungsvollzug  in  die  Provinz  Ghazni  ist  gemäss  den  vorstehenden Ausführungen  (vgl. E 3.4.1) unzumutbar. Zwar  trifft es zu,  dass  aus  den  Angaben  des  Beschwerdeführers  nicht  eindeutig  hervorgeht,  in  welchen Regionen  des  Landes  noch  Familienangehörige  leben. Nachdem sich nun  jedoch gemäss der  jüngsten Rechtsprechung  die  als  sicher  einzuschätzenden  Orte  im  Wesentlichen  auf  Kabul  und  eventuell  einige  wenige  andere  Grossstädte  reduziert  haben,  kann  aus  heutiger  Sicht  nicht  mehr  davon  ausgegangen  werden,  der  Beschwerdeführer gerate im Falle der Rückkehr nicht in eine existenzielle  Notlage. Aus den Akten ergibt sich in keiner Weise, dass er sich in einer  dieser als sicher qualifizierten Städte längere Zeit aufgehalten hätte oder  dort  über  Familienangehörige  verfügt.  Vielmehr  kann  mit  hinreichender  Sicherheit ausgeschlossen werden, dass er dort über ein Beziehungsnetz  verfügt,  das  den  strengen Anforderungen  an  die  Tragfähigkeit  genügen  würde.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  erweist  sich  diesen  Erwägungen  gemäss aus heutiger Sicht als nicht zumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4  AuG. Bei dieser Sachlage erübrigt es sich, auf die weiteren Vorbringen in  der Beschwerde zur allgemeinen Situation in Afghanistan einzugehen. 3.5.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  aus  der  Schweiz  nach  Afghanistan  für  den  Beschwerdeführer zur Zeit nicht zumutbar ist.  3.6. Da  sich  den Akten  keine Hinweise  entnehmen  lassen, wonach  der  Beschwerdeführer  einen  der  Tatbestände  von  Art.  83  Abs.  7  AuG 

D­5486/2007 (Ausschluss  von  der  vorläufigen  Aufnahme)  erfüllen  würde,  ist  die  Beschwerde, welche sich auf den Vollzug der Wegweisung beschränkte,  vollumfänglich  gutzuheissen.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  angefochtenen Verfügung sind aufzuheben und das BFM ist anzuweisen,  den  Beschwerdeführer  infolge  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges vorläufig aufzunehmen. 4.  4.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben  (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Das in der Beschwerdeeingabe gestellte Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  ist  daher  gegenstandslos.  Das  Gesuch  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  wird  mit  vorliegendem  Entscheid  ebenfalls  gegenstandslos. 4.2. Die  Beschwerdeinstanz  kann  der  ganz  oder  teilweise  obsiegenden  Partei  von Amtes wegen oder  auf Begehren  eine Entschädigung  für  ihr  erwachsene  notwendige  und  verhältnismässig  hohe Kosten  zusprechen  (Art.  64  Abs.  1  VwVG).  Aufgrund  der  Aktenlage  ist  nicht  davon  auszugehen,  dass  dem  nicht  vertretenen  Beschwerdeführer  durch  das  Abfassen  seiner  Beschwerde  notwendige  und  verhältnismässig  hohe  Kosten erwachsen sind, weshalb keine Parteientschädigung zu entrichten  ist. (Dispositiv nächste Seite)

D­5486/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 20. Juli  2007  werden  aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Es wird keine Parteientschädigung entrichtet. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Thomas Wespi Regula Frey Versand:

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