Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 19.10.2011 D-4574/2008

19 ottobre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,568 parole·~8 min·3

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Anerkennung als Flüchtling und Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 5. Juni 2008

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4574/2008/sed Urteil   v om   1 9 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richter Pietro Angeli­Busi, Richter Hans Schürch, Gerichtsschreiberin Nina Hadorn. Parteien A._______, geboren (…), Äthiopien,   vertreten durch lic. iur. Tarig Hassan, LL.M., Advokatur  Kanonengasse, B._______, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Anerkennung als Flüchtling und Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 5. Juni 2008 / N _______.

D­4574/2008 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass  der  Beschwerdeführer,  ein  der  Ethnie  der  Oromo  angehörender  äthiopischer Staatsbürger, am 20. August 2002 in der Schweiz ein erstes  Mal um Asyl nachsuchte, dass das Bundesamt  für Flüchtlinge (BFF; seit dem 1. Januar 2005 Teil  des BFM) das Asylgesuch mit Verfügung vom 6. Oktober 2003 ablehnte,  die Wegweisung aus der Schweiz verfügte sowie den Vollzug anordnete, dass die dagegen bei der Schweizerischen Asylrekurskommission (ARK)  erhobene  Beschwerde  vom  29.  Oktober  2003  mit  Urteil  der  ARK  vom  21. März 2006 vollumfänglich abgewiesen wurde, dass  der  Beschwerdeführer  am  12.  Juli  2006  beim  BFM  eine  als  "Wiedererwägungsgesuch" bezeichnete Eingabe einreichte, dass  das  BFM mit  Verfügung  vom  21.  Juli  2006  auf  das Gesuch  nicht  eintrat, und diese Verfügung unangefochten in Rechtskraft erwuchs, dass  der  Beschwerdeführer  mit  Eingabe  vom  27.  Dezember  2006  (Poststempel)  beim  BFM  ein  zweites  Asylgesuch  einreichte  und  beantragte,  es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen  und  er  sei  vorläufig  in  der  Schweiz  aufzunehmen,  eventualiter  sei  die  Unzumutbarkeit  beziehungsweise  Unzulässigkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen, dass das BFM mit Verfügung vom 12. Januar 2007 den Vollzug vorläufig  aussetzte, dass der Beschwerdeführer zur Begründung seines zweiten Asylgesuchs  im  Rahmen  der  Eingabe  vom  27.  Dezember  2006  und  der  direkten  Anhörung vom 22. Mai 2008 im Wesentlichen geltend machte, sich in der  Schweiz  für  die  "Coalition  for  Unity  and  Democracy  Party"  (CUDP)  Support  Group  in  Switzerland"  und  die  "Association  des  Ethiopiens  en  Suisse" (AES) exilpolitisch zu betätigen, dass  er  in  diesem  Zusammenhang  in  der  Schweiz  an  öffentlichen  Veranstaltungen und Demonstrationen gegen die äthiopische Regierung  teilgenommen habe,

D­4574/2008 dass er dabei  nicht  bloss eine untergeordnete passive Rolle  inne habe,  sondern  als  Vertreter  der  Sektion  C._______  der  CUDP  ein  aktives  oppositionelles Mitglied der äthiopischen Gemeinde in der Schweiz sei, dass das äthiopische Aussenministerium die Auslandvertretungen durch  eine  Weisung  vom  31.  Juli  2006  auffordere,  Informationen  über  exilpolitisch  aktive  Personen  ("extreme  Elemente")  zu  sammeln  und  in  einem Dossier abzulegen, dass  zudem  Spitzel  die  äthiopische  Regierung  über  Personen  mit  regierungsfeindlichen exilpolitischen Aktivitäten informieren würden, dass er aufgrund seines hervorgehobenen politischen Profils  folglich bei  einer  Rückkehr  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  politischer  Verfolgung  ausgesetzt  sein  würde  und  in  seinem  Falle  daher  subjektive  Nachfluchtgründe vorlägen, dass er zudem – wie er bereits im Wiedererwägungsgesuch vom 12. Juli  2006  vorgebracht  habe –  die Oromo Liberation Front  (OLF)  unterstütze  und in Äthiopien eine neue Terrorwelle gegen die Oromo bevorstehe, dass  er  zur  Stützung  seiner  Vorbringen  unter  anderem  je  ein  Bestätigungsschreiben bezüglich seiner Mitgliedschaft bei der CUDP und  der  AES,  diverse  Fotos  von  Demonstrationen,  verschiedene  Internetauszüge  sowie  einen  Ausdruck  der  Weisung  des  äthiopischen  Aussenministeriums vom 31. Juli 2006 zu den Akten reichte, dass das BFM das zweite Asylgesuch mit Verfügung vom 5. Juni 2008 –  eröffnet  am  9.  Juni  2008  –  ablehnte  und  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz sowie den Vollzug anordnete, dass  die  Vorinstanz  zur  Begründung  im  Wesentlichen  darlegte,  die  vorgebrachten subjektiven Nachfluchtgründe erfüllten die Anforderungen  von Art. 3 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) an die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  weshalb  der  Beschwerdeführer  nicht  als  Flüchtling anerkannt werden könne, dass der Vollzug der Wegweisung als zulässig, zumutbar und möglich zu  erachten sei, dass  der  Beschwerdeführer  mit  Eingabe  an  das  Bundesverwaltungsgericht vom 9. Juli 2008 (Poststempel) beantragte, es 

D­4574/2008 sei  die  angefochtene  Verfügung  des  BFM  aufzuheben,  die  Flüchtlingseigenschaft  sei  festzustellen,  eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit  respektive die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs  festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen, dass er  in prozessualer Hinsicht um die Gewährung der unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021)  und um Verzicht auf Erhebung eines Kostenvorschusses ersuchte, dass  der  zuständige  Instruktionsrichter  mit  Zwischenverfügung  vom  4. August 2008  festhielt, der Beschwerdeführer könne den Ausgang des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten,  und  die Gesuche  um Gewährung  der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG und  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  wegen  Aussichtslosigkeit der Begehren ablehnte, dass  er  den  Beschwerdeführer  gleichzeitig  unter  Androhung  des  Nichteintretens  im  Unterlassungsfall  zur  Bezahlung  eines  Kostenvorschusses  in  der Höhe  von Fr. 600.­ mit  Zahlungsfrist  bis  zum  19. August 2008 aufforderte, dass der Kostenvorschuss am 8. August 2008 bezahlt wurde, dass  aus  den  vorinstanzlichen  Akten  hervorging,  dass  sowohl  ein  Ehevorbereitungs­  als  auch  ein  Kindsanerkennungsverfahren  hängig  waren,  dass  der  Beschwerdeführer,  wie  Abklärungen  des  Bundesverwaltungsgerichts  ergaben,  am  20.  Oktober  2009  die  beiden  Kinder D._______, geboren (…), und E._______, geboren (…), als seine  eigenen anerkannte, dass  die  Kindsmutter  und  Lebenspartnerin  des  Beschwerdeführers  und  die gemeinsamen Kinder  in der Schweiz über eine vorläufige Aufnahme  verfügen (N _______), dass  der  Beschwerdeführer  vom  zuständigen  Instruktionsrichter  mit  Zwischenverfügung vom 12. August 2011 eingeladen wurde, das Gericht  über  seine  aktuellen  Verhältnisse  in  Bezug  auf  die  beiden  anerkannten  Kinder zu orientieren,

D­4574/2008 dass  der  Beschwerdeführer  mit  Eingabe  vom  29.  August  2011  ein  Schreiben  der  Sozialen  Dienste  der  Gemeinde  F._______  vom  22.  August 2011 sowie Kopien der Auszüge aus dem Geburtenregister und  der Anerkennungsurkunden zu den Akten reichte, dass  auf  Aufforderung  des  Bundesverwaltungsgerichts  die  Sozialen  Dienste  der  Gemeinde  F._______  am  2.  September  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht  ergänzend  ein  Schreiben  bezüglich  der  aktuellen  Verhältnisse  des  Beschwerdeführers  in  Bezug  auf  seine  Lebenspartnerin und die anerkannten Kinder einreichten,  und zieht in Erwägung: dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  (Art. 5  VwVG)  des  BFM  entscheidet,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 31 – 33 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]),  eine  solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG in casu jedoch  nicht  vorliegt,  weshalb  das  Bundesverwaltungsgericht  endgültig  entscheidet, dass  der  Beschwerdeführer  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  ist  (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass  somit  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  einzutreten  ist  (Art. 108 Abs. 1 AsylG und Art. 105 AsylG  i.V.m. Art. 37  VGG und Art. 52 VwVG), dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),

D­4574/2008 dass  der  Beschwerdeführer  keinen  Antrag  auf  Gewährung  von  Asyl  stellte, weshalb mit Ablauf der Beschwerdefrist  die Dispositivziffer  2 der  vorinstanzlichen Verfügung in Rechtskraft erwuchs, dass  die  Folge  eines  negativen  Asylentscheides  in  der  Regel  die  Wegweisung  ist  (vgl.  Art.  44  Abs.  1  AsylG)  und  der  Beschwerdeführer  weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen Anspruch auf Erteilung einer  solchen verfügt  (vgl. BVGE 2009/50  E.  9  S. 733,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK] 2001 Nr. 21), weshalb Dispositivziffer 3  der angefochtenen Verfügung ebenfalls in Rechtskraft erwuchs, dass  Beschwerdegegenstand  somit  die  Frage  ist,  ob  der  Beschwerdeführer  als  Flüchtling  anzuerkennen  ist  und  ob  die  Voraussetzungen des Wegweisungsvollzuges erfüllt sind, dass als Flüchtling eine ausländische Person anerkannt wird, wenn sie in  ihrem Heimatstaat oder im Land,  in dem sie zuletzt wohnte, wegen ihrer  Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen  ausgesetzt zu werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG), dass die Flüchtlingseigenschaft nachgewiesen oder zumindest glaubhaft  gemacht  werden  muss,  wobei  die  Flüchtlingseigenschaft  glaubhaft  ist,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit für gegeben hält (Art. 7 Abs. 1 und 2 AsylG), dass  Vorbringen  insbesondere  unglaubhaft  sind,  wenn  sie  in  wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte  oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 Abs. 3 AsylG), dass  die  Vorinstanz  in  ihrem  ablehnenden  Entscheid  im  Wesentlichen  ausführte,  der  Beschwerdeführer  habe  im  Rahmen  des  ersten  Asylverfahrens  keine  politisch  motivierte  Verfolgung  durch  die  äthiopischen Behörden  glaubhaft machen  können, weshalb  kein  Anlass  zur  Annahme  bestehe,  er  sei  vor  dem Verlassen  seines  Heimatstaates  als  regimefeindliche  Person  ins  Blickfeld  der  Behörden  geraten  oder  in  irgendeiner Form als Regimegegner registriert worden,

D­4574/2008 dass  die  blosse Mitgliedschaft  in  der  AES,  einem  Verein,  der  sich  hier  vorwiegend  kulturell  betätige  und  sich  als  politisch  unabhängig  bezeichne,  nicht  zu  einer  Verfolgung  durch  die  äthiopischen  Behörden  führe, dass  die  Tätigkeit  des  Beschwerdeführers  für  die  CUDP  nicht  als  prominent zu bezeichnen sei, da er weder Gründungsmitglied der Partei  sei,  noch  einen  Posten  inne  habe,  der  eine  regelmässige,  öffentlich  wahrnehmbare Tätigkeit beinhalte, dass  die Angaben  des Beschwerdeführers  zu  seinen Aktivitäten  zudem  widersprüchlich  seien,  habe  er  doch  angegeben,  er  sei  in  der  Propagandaabteilung  tätig und verfasse  in dieser Funktion Artikel,  habe  jedoch  auf  Nachfrage  zu  Protokoll  gegeben,  er  habe  keine  Artikel  geschrieben, dass  der  Beschwerdeführer  sich  zwar  erwiesenermassen  exilpolitisch  betätigt  habe,  den  Akten  hingegen  keine  Hinweise  entnommen werden  könnten,  die  äthiopischen  Behörden  hätten  von  der  Mitgliedschaft  des  Beschwerdeführers bei der AES und der CUDP Kenntnis genommen, dass es den äthiopischen Behörden unmöglich sei, sämtliche Teilnehmer  der zahlreichen Kundgebungen zu identifizieren und zu registrieren, dass den äthiopischen Behörden bekannt sei, dass viele Emigranten aus  vorwiegend  wirtschaftlichen  Gründen  versuchten,  sich  in  der  Schweiz  mittels  exilpolitischer  Aktivitäten  ein  dauerhaftes  Aufenthaltsrecht  zu  erwirken, dass  im Rundschreiben der äthiopischen  „Direktion  für Angelegenheiten  von  im  Ausland  lebenden  Äthiopiern“  nicht  dazu  aufgerufen  werde,  systematisch gegen die grosse Masse von exilpolitisch aktiven Personen  vorzugehen,  sondern  dass  die  äthiopischen  Behörden  nur  dann  ein  Interesse  an  der  Identifizierung  einer  Person  hätten,  wenn  deren  Aktivitäten  als  konkrete  Bedrohung  für  das  politische  System  wahrgenommen werde, was beim Beschwerdeführer nicht der Fall sei, dass  diesen  Erwägungen  in  der  Beschwerde  unter  anderem  entgegnet  wird,  das  Misslingen  der  Glaubhaftmachung  einer  asylrelevanten  Verfolgung im Rahmen des ersten Asylgesuchs schliesse nicht aus, dass  die  Regierung  den  Beschwerdeführer  bereits  vor  der  Ausreise  als  eine  politisch unbequeme Person erachtet hätte,

D­4574/2008 dass die AES dem Lager der Unterstützer der CUDP zuzuordnen sei und  somit eine politische Organisation darstelle, dass  er  in  seiner  Beschwerde  einräumt,  er  gehöre  nicht  zu  den  Gründungsmitgliedern der CUDP,  indessen habe er sich seit den ersten  Tagen  der  Geschichte  dieser  Organisation  aktiv  an  deren  Geschick  beteiligt, dass  er  dem  mittleren  Kader  der  CUDP  angehöre,  indem  er  die  Führungsmitglieder  im  Ressort  „Propaganda“  unterstütze  und  einer  der  Kantonsverantwortlichen  in  C._______  sei,  weshalb  er  auch  für  Aussenstehende als "Vertreter der nationalen Führung" zu erkennen sei, dass  ein  Beweis  für  die  Kenntnisnahme  seiner  Aktivitäten  durch  die  äthiopischen  Behörden  praktisch  unmöglich  sei,  diese  die  Diaspora  jedoch sehr wohl überwache, dass  die  Motivation  exilpolitischer  Tätigkeiten  gemäss  Bundesrat  und  Rechtsprechung  der  ARK  nicht  ausschlaggebend  sei  und  Äthiopien  ausserdem  nicht  in  der  Lage  sei,  einen  angeblichen  "Missbrauchscharakter" zu durchschauen, dass  in  einem  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­5060/2007  festgestellt  werde,  dass  nicht  nur  hochrangige Aktivisten,  sondern  auch  blosse  Sympathisanten  regimekritischer  Organisationen  bei  einer  Rückkehr gefährdet seien, dass  die  Verfügung  des  BFM  ausserdem  das  Gleichbehandlungsgebot  verletze,  da  es  in  Fällen  ähnlicher  oder  sogar  geringerer  exilpolitischer  Betätigung  die  Flüchtlingseigenschaft  infolge  subjektiver  Nachfluchtgründe zugesprochen habe (N _______ und N _______), dass  die  äthiopischen  Behörden  spätestens mit  der  Beantragung  eines  Passes  oder  eines  Laissez­Passer  Kenntnis  der  exilpolitischen  Tätigkeiten des Beschwerdeführers erhalten würden, dass  das BFM  in  seinen Erwägungen mit  überzeugender,  umfassender  und  hinreichend  auf  die  Akten  abgestützter  Begründung  zur  Erkenntnis  gelangt  ist,  die  geltend  gemachten  subjektiven  Nachfluchtgründe  des  Beschwerdeführers  würden  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 AsylG nicht genügen,

D­4574/2008 dass  in  der  Beschwerdeschrift  keine  Argumente  vorgebracht  werden,  welche an dieser Erkenntnis Zweifel aufkommen lassen, dass  in  diesem Zusammenhang  auf  die  in  der  Zwischenverfügung  vom  4. August 2008 enthaltene und in Anbetracht der unveränderten Sachlage  nach wie vor zutreffende Argumentation des Bundesverwaltungsgerichts  zu verweisen ist, dass  die  geltend  gemachten  politischen Tätigkeiten  in  der Schweiz  und  die  Mitgliedschaft  bei  der  AES  und  der  CUDP  flüchtlingsrechtlich  nicht  von Belang sind, zumal auffällig ist, dass der Beschwerdeführer erst nach  mehrjährigem Aufenthalt mit seiner exilpolitischen Tätigkeit begann, was  den Schluss  nahelegt,  er wolle  sich  ein  dauerhaftes  Aufenthaltsrecht  in  der Schweiz erwirken, dass deshalb  die Aktivitäten  in  der Schweiz  nicht  als Fortsetzung eines  bereits  im  Heimatland  bestehenden  Engagements  betrachtet  werden  können, dass  das  vom  Beschwerdeführer  zitierte  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­5060/2007  vom  30.  November  2007  nur  bedingt  mit  dem  vorliegenden  Verfahren  vergleichbar  ist,  weil  das  Bundesverwaltungsgericht nur darüber zu entscheiden hatte, ob das BFM  das Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  zu Recht  abgewiesen hatte, dass  es  zwar  zutrifft,  dass  die  äthiopische  Diaspora  durch  die  äthiopischen  Behörden  relativ  intensiv  überwacht  wird,  dieser  Umstand  für  sich  allein  genommen  indessen  nicht  ausreicht,  eine  begründete  Verfolgungsfurcht glaubhaft zu machen, dass  vielmehr  zusätzliche  konkrete  Anhaltspunkte  –  nicht  lediglich  abstrakte oder rein theoretische Möglichkeiten – dafür vorliegen müssen,  dass  der  Beschwerdeführer  tatsächlich  das  Interesse  der  äthiopischen  Behörden auf sich gezogen hat respektive als regimefeindliches Element  namentlich registriert wurde, dass  derartige  konkrete  und  nicht  von  vornherein  haltlose  Indizien  im  vorliegenden  Fall  nicht  bestehen,  zumal  der  Beschwerdeführer  bei  den  Kundgebungen  einer  unter  vielen  war  und  nicht  erstellt  ist,  dass  er  als  angeblicher  Verfasser  der  als  provokant  bezeichneten  Transparente  identifiziert sein soll,

D­4574/2008 dass  die  bisherige  Tätigkeit  den  Beschwerdeführer  –  auch  wenn  er  Kantonsverantwortlicher  in  C._______  sein  sollte  –  nicht  als  staatsgefährdenden  exilpolitischen  Aktivisten  erscheinen  lassen  dürfte,  zumal die CUDP  in Äthiopien eine  legale Partei  ist, deren Anhänger nie  umfassend,  sondern  lediglich  selektiv  (primär  besonders  exponierte  Personen) verfolgt wurden, dass der Beschwerdeführer somit nicht über ein ausreichend politisches  Profil  verfügt,  welches  ihn  bei  einer  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  als  gefährdet erscheinen lassen würde, dass  an  dieser  Einschätzung  weder  der  Hinweis  auf  die  Praxis  der  Vorinstanz  in  angeblich  vergleichbaren  Fällen  noch  die  weiteren  Ausführungen etwas zu ändern vermögen, und es sich somit erübrigt, auf  die weiteren in der Beschwerde vorgebrachten Argumente einzugehen, dass  daher  zusammenfassend  festzustellen  ist,  dass  die  geltend  gemachten  subjektiven  Nachfluchtgründe  nicht  geeignet  sind,  eine  flüchtlingsrechtlich relevante Verfolgungsfurcht im Sinne von Art. 3 AsylG  zu  begründen,  weshalb  die  Vorinstanz  die  Flüchtlingseigenschaft  zu  Recht verneint hat, dass  unabhängig  davon,  dass  die  angeordnete  Wegweisung  nicht  angefochten wurde und somit rechtskräftig ist, der Grundsatz der Einheit  der Familie zu berücksichtigen ist (Art. 44 Abs. 1 AsylG), dass  deshalb  im Weiteren  zu  prüfen  ist,  ob  der  Beschwerdeführer  aus  diesem Grundsatz ein Aufenthaltsrecht für sich ableiten kann, dass  die  Bestimmung  von  Art.  44  Abs.  1  AsylG  beinhaltet,  dass  die  vorläufige  Aufnahme  eines  Familienmitglieds  "in  der  Regel"  auch  zur  vorläufigen Aufnahme dessen Familie führt (vgl. EMARK 1995 Nr. 24), dass der Begriff der Familie in personeller Hinsicht dabei den Ehepartner  und die minderjährigen Kinder umfasst (Art. 1a der Asylverordnung 1 vom  11. August 1999 über Verfahrensfragen [AsylV1, SR 142.311]), dass ein auf Art. 44 Abs. 1 AsylG basierender Anspruch besteht, solange  das Verfahren des Ehegatten und der minderjährigen Kinder noch nicht  abgeschlossen  ist,  beziehungsweise  diese  über  ein  mit  dem  Asylverfahren  im  Zusammenhang  stehendes  Anwesenheitsrecht 

D­4574/2008 verfügen (vgl. EMARK 1995 Nr. 24 E. 11b S. 232; EMARK 1998 Nr. 31;  EMARK 1999 Nr. 1; EMARK 2002 Nr. 7), dass  vorliegend  die  Lebenspartnerin  des Beschwerdeführers  und  deren  Kinder  am  22.  Dezember  2009  zufolge  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Schweiz  vorläufig  aufgenommen  wurden  und die vorläufige Aufnahme bis heute nicht aufgehoben wurde, weshalb  sie zum weiteren Aufenthalt in der Schweiz berechtigt sind, dass vorab festzustellen ist, dass das Verhältnis des Beschwerdeführers  zu  seiner  Lebenspartnerin  –  ungeachtet  der  aktenkundigen  Heiratsabsicht – nicht dem Familienbegriff von Art. 1a AsylV1 entspricht,  zumal die beiden weder zusammenleben noch verheiratet sind, weshalb  der Grundsatz der Einheit der Familie im Sinne von Art. 44 Abs. 1 AsylG  hier nicht zur Anwendung kommt, dass  der  Beschwerdeführer  jedoch  am  20. Oktober  2009  die  beiden  minderjährigen  Kinder  D._______  und  E._______  als  seine  eigenen  anerkannte,  weshalb  diesbezüglich  grundsätzlich  von  einer  Familie  im  Sinne von Art. 1a Bst. e AsylV1 auszugehen ist, dass  ein  auf  dem  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  basierender  Anspruch  auf  Einbezug  in  die  vorläufige  Aufnahme  praxisgemäss  nur  dann  entsteht,  wenn  zu  den  minderjährigen  Kindern  eine  Beziehung  tatsächlich gelebt wird, dass  der  Beschwerdeführer  gemäss  Auskunft  der  Sozialen  Dienste  der  Gemeinde  F._______  arbeitshalber  getrennt  von  seiner  Partnerin  und  den gemeinsamen Kindern in G._______ wohnt, diese aber regelmässig  besucht, dass der Beschwerdeführer seit Jahren beabsichtige, seine Partnerin zu  ehelichen,  was  aber  aufgrund  der  ungeklärten  Identität  bisher  nicht  möglich gewesen sei, dass  bei  gemeinsamen  Gesprächen  stets  ein  herzlicher  und  vertrauter  Umgang  zwischen  dem  Beschwerdeführer  und  seinen  Kindern  habe  festgestellt werden können und er sich sehr um die Kinder bemühe,  dass  somit  von  einer  faktisch  gelebten  Vater­Kind­Beziehung  auszugehen  ist, weshalb der Beschwerdeführer praxisgemäss Anspruch  auf eine auf Art. 44 Abs. 1 AsylG abgestützte vorläufige Aufnahme hat,

D­4574/2008 dass  er  daher  ebenfalls  wegen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Schweiz  vorläufig  aufzunehmen  ist,  zumal  gemäss  Aktenlage  keine  Ausschlussgründe  gemäss  Art. 83  Abs.  7  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer (AuG, SR 142.20) ersichtlich sind, dass sich zusammenfassend ergibt,  dass die Beschwerde gutzuheissen  ist, soweit sie die Frage des Wegweisungsvollzugs betrifft, dass die Verfügung des BFM vom 5. Juni 2008 hinsichtlich der Ziffern 4  und  5  des Dispositivs  aufzuheben  und  das  Bundesamt  anzuweisen  ist,  den Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufzunehmen, dass die Beschwerde im Übrigen abzuweisen ist, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  –  das  Bundesverwaltungsgericht  geht  bei  der  vorliegenden  Konstellation  von  einem hälftigen Durchdringen aus – die reduzierten Verfahrenskosten von  Fr. 300.­ dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG) und  mit dem am 8. August 2008 geleisteten Kostenvorschuss von Fr. 600.­ zu  verrechnen sind, dass  der  Saldobetrag  von  Fr.  300.­  dem  Beschwerdeführer  zurückzuerstatten ist, dass  die  Beschwerdeinstanz  der  (teilweise)  obsiegenden  Partei  eine  Parteientschädigung  für  die  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten zusprechen kann (Art. 64 Abs. 1 VwVG), dass  dem  vertretenen  Beschwerdeführer  angesichts  des  teilweisen  Obsiegens eine  reduzierte Parteientschädigung zuzusprechen  ist  (Art.  7  Abs.  2  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]), dass,  nachdem  keine  Kostennote  eingereicht  wurde  und  sich  der  notwendige  Vertretungsaufwand  aufgrund  der  Aktenlage  hinreichend  zuverlässig  abschätzen  lässt  (Art.  14  Abs.  2  VGKE),  die  von  der  Vorinstanz  auszurichtende  Parteientschädigung  unter  Berücksichtigung  der massgebenden Bemessungsfaktoren (Art. 8  ff. VGKE) anteilsmässig  auf  Fr. 500.­  (inklusive  Auslagen  und  allfällige  Mehrwertsteuer)  festzusetzen ist.

D­4574/2008 D­4574/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird betreffend Vollzug der Wegweisung gutgeheissen.  Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 5. Juni  2008  werden  aufgehoben  und  das  Bundesamt  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. 3.  Die  Verfahrenskosten  in  der  Höhe  von  Fr.  300.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt  und  mit  dem  geleisteten  Kostenvorschuss  von  Fr.  600.­  verrechnet.  Der  Saldobetrag  von  Fr.  300.­  wird  dem  Beschwerdeführer zurückerstattet. 4.  Die  Parteientschädigung  wird  auf  Fr.  500.­  festgesetzt.  Das  BFM  wird  angewiesen, diesen Betrag an den Beschwerdeführer auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Thomas Wespi Nina Hadorn Versand:

D-4574/2008 — Bundesverwaltungsgericht 19.10.2011 D-4574/2008 — Swissrulings