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Bundesverwaltungsgericht 07.11.2011 D-3812/2009

7 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·3,598 parole·~18 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 12. Mai 2009

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­3812/2009 Urteil   v om   7 .   No v embe r   2011 Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz), Richterin Emilia Antonioni, Richter Fulvio Haefeli, Gerichtsschreiberin Viktoria Szczepinski. Parteien A._______, geboren (…), Afghanistan, vertreten durch Klausfranz Rüst­Hehli, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 12. Mai 2009 / N (…).

D­3812/2009 Sachverhalt: A.  A.a. Der Beschwerdeführer  suchte  am 14. Mai  2007  im Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  B._______  erstmals  in  der  Schweiz  um  Asyl  nach.  Zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  machte  er  unter  anderem  geltend,  er  sei  ein  afghanischer  Staatsangehöriger,  welcher  seit  der  Geburt im Iran gelebt habe. Als er etwa elf Jahre alt gewesen sei, hätten  drei Onkel mütterlicherseits  seine Eltern  umgebracht, weshalb  er  in  der  Folge  bei  seiner  Tante  väterlicherseits  aufgewachsen  sei.  Er  habe  das  Haus seiner Tante unter Druck ihres ältesten Sohnes verlassen müssen,  weil  dieser  nicht  länger  für  seinen  Lebensunterhalt  habe  aufkommen  wollen.  Ausserdem  fürchte  er  sich  vor  den  Mördern  seiner  Eltern.  Mit  Verfügung  vom  13. Juli 2007  lehnte  das  BFM  sein  Asylgesuch  ab  und  verfügte gleichzeitig die Wegweisung aus der Schweiz und deren Vollzug. Diese Verfügung erwuchs unangefochten in Rechtskraft. A.b.  Mit  Verfügung  vom  8. Oktober 2009  lehnte  die  Vorinstanz  das  Wiedererwägungsgesuch  vom  18. Juli 2009  ab  und  bestätigte  die  Rechtskraft und Vollstreckbarkeit der Verfügung vom 13. Juli 2007. Die  gegen  diese  Verfügung  des  BFM  erhobene  Beschwerde  vom  15. November 2009  wurde  mit  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­8148/2009 vom 20. August 2010 abgewiesen. B.  Mit Schreiben seines zwischenzeitlich mandatierten Rechtsvertreters vom  28. Mai 2008 (Poststempel sowie Eingangsdatum des Telefaxes)  reichte  der Beschwerdeführer ein zweites Asylgesuch beim Bundesamt ein und  ersuchte  die  Schweiz  erneut  um  Schutz  vor  drohender  Verfolgung,  insbesondere  um  die  Flüchtlingsanerkennung.  Dabei  machte  er  im  Wesentlichen  geltend,  er  habe  sich  im  Rahmen  seines  ersten  Aufenthaltes  in einem von der Aufklärung geprägten Land nachhaltig  für  deren  Mehrheitsreligion  zu  interessieren  begonnen  und  bekenne  sich  heute  aktiv,  intensiv  und  (nach  menschlichen  Ermessen)  irreversibel  dazu. In Afghanistan sei die Konversion ein hochpolitisches Verbrechen,  welches  mit  der  Höchststrafe  belegt  sei.  Das  herrschende  Regime  betrachte  deshalb  die  Ermordung  von  Konvertiten  als  angemessene  Sanktion dieses an sich völlig legitimen Vorgangs.

D­3812/2009 Um seine Konversion zu untermauern, legte er ein Bestätigungsschreiben  der  Freien  Evangelischen  Gemeinde  (FEG)  C._______  vom  20. April 2008 sowie eine  "Taufbestätigung" vom 25. März 2008 bei, aus  welcher  hervorgeht,  dass  er  den  Wunsch  nach  einer  Glaubenstaufe  geäussert habe und anlässlich einer Taufveranstaltung  in der Gemeinde  getauft werden solle. Die  Eingabe  ergänzte  er  mit  Kopien  aus  den  Büchern  "Religionen  der  Welt"  und  "Christentum  und  Christen  im  Denken  zeitgenössischer  Muslime". Gleichzeitig  legte er Auszüge aus einem "Islam­Lexikon" über  den  "Abfall  vom  Glauben/Apostasie",  den  "Frieden"  sowie  die  "Säkularisierung" bei. Schliesslich  reichte er den  "International Religious  Freedom Report  2007" über Afghanistan des United States Department  of State (USDS) ein. Am  5. September 2008  ging  beim  BFM  der  Taufschein  des  Beschwerdeführers vom 29. Juni 2008 mit einem Begleitschreiben ein. C.  Am  25. November 2008  wurde  der  Beschwerdeführer  gemäss  Art. 29  Abs. 1  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31)  durch  das  BFM  angehört.  In  Ergänzung  zu  seinen  bisherigen  Äusserungen  brachte  der Beschwerdeführer  vor,  er  habe  sich  bereits  im  Iran  für  das  Christentum  interessiert  und  in  der  Bibel  seines  Vaters  gelesen.  Von  einem  Freund,  welcher  sich  ebenfalls  für  das  Christentum  interessiert  habe,  habe  er  ein  Hemd  mit  einem  aufgedruckten  Kreuz  geschenkt  bekommen. Obwohl es verboten gewesen sei, habe er dieses Hemd drei  Monate  lang in der Öffentlichkeit getragen. Da er das Hemd auch in der  Schule getragen habe,  habe  ihm die durch die Schulleitung angerufene  Polizei  die  Haare  geschnitten.  Um  die  Schule  weiterhin  besuchen  zu  dürfen, habe er daraufhin eine Geldstrafe bezahlen müssen. Hierauf habe  ihm ein Familienmitglied das Hemd weggenommen. Der Freund, der ihm  das Hemd geschenkt habe, sei später ermordet worden. Am Tag, als er  den  Iran  verlassen  habe,  hätten  seine  Nachbarn  seinen  Weggang  gefeiert.  In der Schweiz gehe er  regelmässig  in die Kirche und besuche  Bibelkurse.  Da  er  auch  die  Bibel  verteile,  hätten  ihn  afghanische  und  iranische Staatsangehörige bedroht. D.  Mit  –  am 14. Mai 2009  eröffneter  – Verfügung  vom 12. Mai 2009  lehnte  das BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete dessen 

D­3812/2009 Wegweisung  aus  der  Schweiz  an.  Den  Wegweisungsvollzug  nach  Afghanistan  erachtete  es  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Zudem  auferlegte  das  Bundesamt  dem  Beschwerdeführer  für  die  Verfahrenskosten eine Gebühr von Fr. 600.­. E.  Mit  Eingabe  seines  Rechtsvertreters  vom  13. Juni 2009  erhob  der  Beschwerdeführer  gegen  diese  Verfügung  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht  und  beantragte  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung,  die  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  sowie die Gewährung von Asyl.  In prozessualer Hinsicht ersuchte er um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Dazu  wurden  verschiedene  Beweisanträge  gestellt;  es  sei  eine  Journalistin,  welche  die  Konversion  untersucht  habe,  als  Zeugin  zu  befragen  und  ein  Bericht  der  Sozialpsychiatrischen  Beratungsstelle  C._______ bezüglich der Traumatisierung des Beschwerdeführers wegen  des Verlustes beider Elternteile einzuholen. Ferner wurde eine Befragung  der  ehrenamtlichen  Betreuerin  D._______  (M.  L.),  welche  den  Beschwerdeführer zur Anhörung begleitete, verlangt. Mit der Beschwerdeschrift  reichte er ein Bestätigungsschreiben der FEG  C._______  vom  19. Mai 2009,  ein  Schreiben  von  M.  L.  vom  20. August 2008,  ein  Schema  "Wahrnehmungskanäle"  (abrufbar  auf  www.joejoehl.ch/dokumentation/psychologie.html),  einen  Internetartikel  zum  Thema  "Wahrnehmungskanäle  und  Sprachmuster"  (abgerufen  auf  www.auto­tipp.com  am  13. Juni 2009),  einen  Auszug  aus  dem  Buch  "Warum Männer nicht  zuhören und Frauen schlecht einparken können",  einen  Auszug  der  Homepage  der  Arbeitsgemeinschaft  Interkulturell  (AGiK)  vom  10. Juni 2009  (www.agik.ch),  eine  undatierte  Telefonnotiz  von M.L.  über  ein  Gespräch mit  dem  Pastor  E._______,  einen  auf  der  Domain  www.faithfreedom.org  veröffentlichen  Artikel  mit  dem  Titel  "Islam's Law of Apostasy  in Our Globalized World", den Ausdruck eines  Foto des Beschwerdeführers, auf welchem er das Hemd mit dem Kreuz  trägt,  sowie  diverse  Zeitungsartikel  zu  den  Akten.  Zudem  legte  er  Buchauszüge aus "25 Fragen zum Islam", "Gewalt in den Weltreligionen",  "Islam und Terrorismus",  "Wir  leben, um zu  lieben – Die Grundbotschaft  des  Christlichen",  "Was  sagt  der  Koran  zum  Heiligen  Krieg?",  "Christentum  und  Christen  im  Denken  zeitgenössischer  Muslime",  http://www.joejoehl.ch/dokumentation/psychologie.html http://www.auto-tipp.com http://www.agik.ch http://www.faithfreedom.org

D­3812/2009 "Miteinander reden: Störungen und Klärungen", "Feindbild Christentum im  Islam",  "Als  Christ  dem  Islam  begegnen"  sowie  Auszüge  aus  der  Theologischen  Realenzyklopädie  und  dem  Lexikon  "Religion  in  Geschichte und Gegenwart" über "Paulus" bei. Auf  die  Begründung  der  Beschwerde,  die  Beweisanträge  und  die  eingereichten Beweismittel wird,  soweit  für den Entscheid wesentlich,  in  den Erwägungen eingegangen. F.  Mit  Folgeeingabe  vom  28. Juni 2009  (Poststempel)  reichte  der  Beschwerdeführer  das  in  der  Beschwerdeschrift  erwähnte  Foto  im  Original  sowie  einen  Bericht  der  Tante  väterlicherseits  über  seine  "Vollverwaisung"  mit  deutscher  Übersetzung  versehen  in  Kopie  zu  den  Akten. G.  Mit  Zwischenverfügung  vom  29. Juni 2009  teilte  der  Instruktionsrichter  dem Beschwerdeführer mit, er könne den Ausgang des Verfahrens in der  Schweiz  abwarten.  Gleichzeitig  verfügte  er,  dass  über  das  Gesuch  um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1  VwVG  im  Endentscheid  befunden  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet  werde.  Zudem  lud  er  die  Vorinstanz  zur  Einreichung einer Stellungnahme bis zum 15. Juli 2009 ein. H.  Das  Bundesamt  beantragte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  3. Juli 2009  die  Abweisung  der  Beschwerde  und  hielt  fest,  die  Beschwerdeschrift  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  welche  eine  Änderung  des  vorinstanzlichen  Standpunktes  zu  rechtfertigen  vermöchten.  Im  Übrigen  werde  auf  die  Erwägungen  in  der  Verfügung  verwiesen, an welchen es vollumfänglich  festhalte. Die Vernehmlassung  wurde  dem  Beschwerdeführer  durch  das  Bundesverwaltungsgericht  am  7. Juli 2009 zur Kenntnisnahme zugestellt. I.  Mit  Telefax  vom  18. Juli 2009  stellte  der  Rechtsvertreter  einen  Auszug  aus  dem  Handbuch  "Kirchen,  Sekten,  Religionen"  über  "Freie  Evangelische  Gemeinden  (FEG)"  per  Post  in  Aussicht,  welcher  am  22. Juli 2009 beim Gericht eintraf.

D­3812/2009 J.  Am  26. Oktober 2009  übermittelte  der  Rechtsvertreter  dem  Gericht  ein  Schreiben der F._______  in G._______, aus welchem hervorgeht,  dass  der  Beschwerdeführer  bei  ihnen  nach  persischen  Bibeln  für  Freunde  nachgefragt und diese auch umgehend erhalten habe. K.  Mit  –  per  Telefax  übermittelter  –  Eingabe  vom  31. Oktober 2009  schilderte  der  Rechtsvertreter  einen  "bedeutsamen  Vorfall".  Der  Beschwerdeführer  sei  ein Hobby­Fussballspieler  und habe  seit  Frühjahr  2008 in einer afghanischen Fussballmannschaft in Zürich gespielt, welche  hauptsächlich aus Muslimen bestehe. Vor etwa vier Monaten sei er vom  Trainer  der  Mannschaft  ausgeschlossen  worden,  da  dieser  von  seiner  Konversion erfahren habe. L.  Mit  Telefax­Schreiben  vom  11. November 2009  machte  der  Rechtsvertreter in Ergänzung der Eingabe vom 26. Oktober 2009 geltend,  dass  der  Beschwerdeführer  in  den  letzten  sechs Monaten  zirka  einmal  pro  Woche  das  Durchgangszentrum  H._______  aufgesucht  habe,  um  dort Gesprächspartner für den religiösen Austausch zu finden. In diesem  Zusammenhang habe er  sich  von  der F._______ Bibeln  in Farsi  geben  lassen, die er bei Bedarf weiterreiche. Nachdem er einem Interessenten  eine  signierte  Bibel  übergeben  habe,  habe  dieser  den  Kontakt  zu  ihm  abgebrochen.  Er  nehme  deshalb  an,  dass  diese  Bibel  der  iranischen  Botschaft  in  Bern  überreicht  worden  sei.  Am  1. August 2009  sei  er  ausserdem  von  einem  muslimischen  Iraner  wegen  seiner  religiösen  Zugehörigkeit beschimpft worden. Weiter habe  ihn ein anderer Mann zu  einem  Essen  eingeladen  und  diese  Gelegenheit  zur  Missbilligung  von  dessen  religiösen  Überzeugung  genutzt.  Der  Rechtsvertreter  stellte  schliesslich  den  Antrag,  dass  der  Beschwerdeführer  hierzu  durch  den  Instruktionsrichter zu befragen sei. M.  Zur  Untermauerung  der  am  31. Oktober 2009  geltend  gemachten  Vorbringen  reichte  der  Rechtsvertreter  am  14. November 2009  per  Telefax  eine  Kopie  eines  auf  den  Namen  des  Beschwerdeführers  ausgestellten  Mitgliederausweises  des  Schweizerischen  Fussballverbandes (SFV) ein.

D­3812/2009 N.  In  Ergänzung  der  Eingabe  vom  11. November 2009  stellte  der  Rechtsvertreter  mit  Telefax­Eingabe  vom  20. November 2009  den  Beweisantrag,  dass  der  Asylsuchende,  welcher  die  signierte  Bibel  vom  Beschwerdeführer empfangen habe, zu befragen sei. O.  Mit  Telefax  vom  24. Juli 2010  äusserte  der  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers  Bedenken  wegen  des  an  der  Anhörung  vom  25. November 2008  anwesenden  Dolmetschers.  Es  habe  eine  Ausstandspflicht  des  Übersetzers  wegen  Voreingenommenheit  vorgelegen,  weshalb  die  Anhörung  ungültig  und  die  "Streitsache"  zur  Behebung  des  "schweren  Mangels"  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen  sei. Gleichzeitig übermittelte er eine Kopie des Schreibens von M. L. an  das BFM vom 20. Juli 2010, aus welchem hervorgeht, dass beim Verhör  vom 27. März 2008 beim Untersuchungsrichter  in  I._______ und bei der  Anhörung  vom  25. November 2008  der  gleiche  Dolmetscher  eingesetzt  worden sei. Dieser sei voreingenommen, da er in einem Gespräch mit M.  L. nach dem Verhör gesagt habe, die Konversion des Beschwerdeführers  sei nur vorgetäuscht. P.  Am 23. August 2010 wandte sich der Rechtsvertreter per Telefax an das  Gericht  und  kündigte  die  Einreichung  einer  Studie  zur  Gewalt  mit  dem  Titel  "Skizze  zur  Thematik  Religion  und Gewalt  (insbes.  am Bsp.  Islam  und Christentum)" an, welche am 24. August 2010 eintraf. Q.  Der  Rechtsvertreter  leitete  am  11. September 2010  ein  Bestätigungsschreiben  vom  8. September 2010  per  Telefax  an  das  Gericht  weiter.  Darin  wird  bekräftigt,  dass  der  Beschwerdeführer  seit  Februar  2008  die  Jugendgruppe  der  FEG  C._______  alle  14  Tage  besuche und sich aktiv beteilige. R.  Mit  Schreiben  vom  30. Juni 2011  (Poststempel)  wiederholte  der  Rechtsvertreter im Wesentlichen die Vorbringen des Beschwerdeführers.  Zudem  beantragte  er  eine  erneute  Befragung  des  Beschwerdeführers  durch  das  Gericht  oder  durch  einen  von  der  Vorinstanz  beschäftigten,  lizenziierten  Religionswissenschaftler,  sofern  an  der  Konversion  Zweifel  bestünden. Neben einer Kostennote reichte er ein Bestätigungsschreiben 

D­3812/2009 des  Präsidenten  der  FEG  C._______  vom  18. Oktober 2010  und  einen  "Leserbrief"  (Anm.  des  Gerichts:  Datum,  Ort  der  Veröffentlichung  und  Autor unbekannt) zu den Akten. S.  Mit Eingabe vom 11. Juli 2011  (Poststempel)  reichte der Rechtsvertreter  ein weiteres  auf  den  30. Juni 2011  datiertes  Bestätigungsschreiben  des  Präsidenten  der  FEG  C._______  ein.  Dabei  wiederholte  er  seinen  Beweisantrag  auf  instruktionsrichterliche  Befragung  des  Beschwerdeführers  zur  Konversion,  wobei  der  FEG­Präsidenten  diese  anlässlich einer Befragung ebenfalls bestätigen könne. T.  Mit  Telefax­Eingabe  vom  7. September 2011  stellte  der  Rechtsvertreter  die  Zusendung  weiterer  Bücherauszüge  sowie  den  Artikel  "Islam"  aus  Wikipedia  in  Aussicht,  welche  mit  undatierter  Eingabe  am  12. September 2011 beim Gericht eintrafen. U.  Die  mit  Telefax­Eingabe  vom  31.  Oktober  2011  gestellte  Anfrage  des  Rechtsvertreters des Beschwerdeführers,  in welchem Zeitraum mit einer  Urteilsfällung  zu  rechnen  sei,  beantwortete  das  Gericht  mit  Schreiben  vom 2. November 2011. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]).

D­3812/2009 Eine  solche  Ausnahme  liegt  vorliegend  nicht  vor,  weshalb  das  Bundesverwaltungsgericht endgültig entscheidet. 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Das  BFM  führte  zur  Begründung  seines  ablehnenden  Asylentscheides vom 12. Mai 2009 im Wesentlichen aus, aufgrund der in  der Anhörung geltend gemachten Angaben sei davon auszugehen, dass  die behauptete Konversion zum Christentum nur formal erfolgt sei, um ein  Aufenthaltsrecht  in  der  Schweiz  zu  erlangen.  Auffallend  sei,  dass  der  Beschwerdeführer  anlässlich  des  ersten Asylgesuches mit  keinem Wort  erwähnt  habe,  dass  er  sich  bereits  im  Iran  für  das  Christentum  interessierte.  Überdies  habe  er  nicht  überzeugend  darlegen  können,  weshalb  er  zum  Christentum  konvertiert  sei.  Es  sei  jedoch  davon  auszugehen, dass eine Person stichhaltige Argumente für einen Wechsel  der  Religionsgemeinschaft  habe.  Im  Weiteren  seien  seine  Kenntnisse  über das Christentum wenig fundiert. Da die Konversion nicht auf einem  ernst  gemeinten  religiösen  Gesinnungswandel  mit  einer  festen  Überzeugung beruhe, könne dem Beschwerdeführer bei einer Rückkehr  zugemutet  werden,  seine  christliche  Glaubenszugehörigkeit  zu  widerrufen,  zu  verleugnen  oder  abzustreiten,  um  sich  so  allfälligen  Repressionen  zu  entziehen.  Die  Täuschung  Andersgläubiger  durch  die  Verstellung  des  eigenen  Glaubens  sei  bei  den  Schiiten  ausdrücklich  erlaubt. In der Diaspora werde die Täuschung von Andersgläubigen auch  durch die Sunniten als  legitim erachtet. Den afghanischen Behörden sei 

D­3812/2009 zudem bewusst, dass viele Afghanen in der Schweiz unter Vorspiegelung  falscher Gründe ein Asylgesuch stellten, um sich hier ein Bleiberecht zu  sichern. Der Beschwerdeführer müsse  deshalb  nicht  befürchten, wegen  seiner  rein  formal  aus  asyltaktischen Gründen  erfolgten  Konversion  bei  einer Rückkehr asylrelevante Nachteile zu erleiden. Die Vorbringen seien  deshalb asylrechtlich nicht beachtlich. 3.2.  Der  Beschwerdeführer  führt  in  seiner  Beschwerdeeingabe  vom  13. Juni 2009  im  Wesentlichen  aus,  dass  er  sich  intensiv  ins  Gemeindeleben  seiner  Ortskirche  integriert  habe.  Er  scheue  keinen  Kontakt und keine Exponierung innerhalb der Gemeinde, weshalb er der  – unbewussten – sozialen Kontrolle unterworfen sei. Die Vorinstanz habe  keine  explizite  Beweiswürdigung  der  eingereichten  Berichte  vom  25. März 2008  respektive  20. April 2008  vorgenommen.  Wegen  mangelnder  religionswissenschaftlicher  Kenntnisse  des  Konversionsvorgangs  habe  es  das  BFM  unterlassen,  die  sozialen  und  sonstigen genaueren Umstände der Konversion unter  allfälligem Beizug  der  Vorakten  abzuklären,  weshalb  der  Untersuchungsgrundsatz  verletzt  sei. Durch den Verlust  seiner Eltern,  sei  er  schwer  traumatisiert. Es  sei  deshalb ein Bericht der Sozialpsychiatrischen Beratungsstelle C._______  einzuholen.  Den  Befragungsprotokollen  vom  21. November 2007  (recte:  21. Mai 2007  bzw.  27.  Juni  2007)  und  25. November 2008  liessen  sich  keine  Hinweise  entnehmen,  dass  die  Befragungsleitung  fachlich  kompetent  gewesen  sei,  Beobachtungen  zu  machen  und  klärende  Fragen zu einer allfälligen Traumatisierung zu stellen. In der Folge seien  damals  keine Abklärungen zu Aktenniederschlägen der mindestens drei  Todesopfer  der  Familienfehde  unternommen  worden.  Die  Vorinstanz  habe  diese  Gewalterfahrung  nicht  beachtet.  Seine  an  der  Befragung  anwesende  ehrenamtliche  Betreuerin  M.  L.  sei  zum  selbstverfassten  Taufzeugnis  anzuhören.  Zudem  behaupte  die  Vorinstanz  aktenwidrigerweise,  dass  er  kein  christliches  Fest  gekannt  habe.  Die  Vorinstanz  habe  es  auch  versäumt,  eine  fachgerechte,  kompetente  Befragung  durchzuführen.  Der  Dolmetscher  sei  für  den  Auftrag  nicht  geeignet gewesen, da er die deutschsprachigen Namen von christlichen  Leitfiguren  offensichtlich  nicht  gekannt  habe.  Seine  Konversion  sei  ein  biografisch  tief  abgestützter  Vorgang.  Bei  einer  Wegweisung  nach  Afghanistan  würde  er  die  Todesstrafe  erleiden.  Einerseits  sei  er  nicht  imstande,  seine  religiöse Orientierung  zu  verheimlichen;  dies  dürfe  ihm  auch  keinesfalls  abverlangt  werden.  Anderseits  sei  der  Staat  zur  Verhängung und Durchführung der Todesstrafe für Konvertiten imstande  und bereit.

D­3812/2009 4.  4.1.  Der  Beschwerdeführer  rügt  in  formeller  Hinsicht  mehrmals  die  Verletzung  des  Untersuchungsgrundsatzes  durch  das  BFM  sowie  des  rechtlichen Gehörs. Er beantragt deshalb, er sei erneut bzw. ergänzend  zu befragen und mit allen von der Vorinstanz angeführten Widersprüchen  zu konfrontieren. 4.2. Im Asylverfahren – wie im übrigen Verwaltungsverfahren – gelten der  Untersuchungsgrundsatz  und  die  Pflicht  zur  vollständigen  und  richtigen  Abklärung des  rechtserheblichen Sachverhalts  (Art. 12 VwVG; vgl. auch  Art. 49 Bst. b VwVG; für das Asylverfahren ausserdem Art. 6 AsylG). Die  zuständige  Behörde  ist  demnach  verpflichtet,  den  für  die  Beurteilung  eines  Asylgesuchs  relevanten  Sachverhalt  von  Amtes  wegen  festzustellen. Dieser Grundsatz gilt indes nicht uneingeschränkt, er findet  sein Korrelat in der Mitwirkungspflicht der asylsuchenden Person (Art. 13  VwVG und Art. 8 AsylG). Der Grundsatz des rechtlichen Gehörs (Art. 29  Abs. 2  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  [BV,  SR  101],  Art. 29  VwVG,  Art. 32  Abs. 1  VwVG)  verlangt  dabei,  dass  die  verfügende  Behörde  die  Vorbringen  des  Betroffenen  tatsächlich  hört,  sorgfältig  und  ernsthaft  prüft  und  in  der  Entscheidfindung  berücksichtigt,  was  sich  entsprechend  in  der  Entscheidbegründung  niederschlagen  muss  (Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2004  Nr. 38 E. 6.3 S. 264). Die Begründungsdichte richtet sich dabei nach den  Verfahrensumständen,  dem  Verfügungsgegenstand  und  den  Interessen  der  Betroffenen,  wobei  die  bundesgerichtliche  Rechtsprechung  bei  schwerwiegenden  Eingriffen  in  die  rechtlich  geschützten  Interessen  der  Betroffenen – was bei der Frage der Gewährung des Asyls immer der Fall  ist  –  eine  sorgfältige  Begründung  verlangt  (vgl.  BVGE  2008/47  E. 3.2  S. 674  f.;  EMARK  2006  Nr. 24  E. 5.1  S. 256  f.).  Die  Abfassung  der  Begründung  soll  ferner  dem  Betroffenen  ermöglichen,  den  Entscheid  gegebenenfalls sachgerecht anzufechten, was nur der Fall ist, wenn sich  sowohl  der  Betroffene  als  auch  die  Rechtsmittelinstanz  über  die  Tragweite  des  Entscheides  ein  Bild  machen  können,  wobei  sich  die  verfügende  Behörde  allerdings  nicht  ausdrücklich  mit  jeder  tatbeständlichen  Behauptung  und  jedem  rechtlichen  Einwand  auseinander  setzen  muss,  sondern  sich  auf  die  wesentlichen  Gesichtspunkte beschränken kann. 4.3. Vorab ist festzustellen, dass der Beschwerdeführer den Wortlaut des  Anhörungsprotokolls  mit  seiner  Unterschrift  genehmigt  hat  und  sich 

D­3812/2009 deshalb  seine  Aussagen  grundsätzlich  entgegenhalten  lassen  muss,  zumal er auf  seine Wahrheitspflicht  aufmerksam gemacht wurde und er  die Richtigkeit seiner Aussagen unterschriftlich bestätigte. Sein Einwand  der  bei  der  Anhörung  anwesende  Dolmetscher  sei  befangen  gewesen  oder hätte den Beschwerdeführer unter Druck gesetzt, findet in den Akten  keine  Stütze,  weshalb  der  Antrag  auf  Ungültigerklärung  der  Anhörung  und Rückweisung an die Vorinstanz abzuweisen ist. Ergänzend ist hierzu  festzuhalten, dass der Dolmetscher wortgetreu zu übersetzen und keinen  Einfluss  auf  den  Inhalt  der  Verfügung  des  BFM  hat.  Wäre  der  Beschwerdeführer  –  wie  er  behauptet  –  schon  zum  Zeitpunkt  der  Anhörung  mit  dem  Dolmetscher  nicht  einverstanden  gewesen,  hätte  er  dies  zu  Beginn  derselben  erwähnen  können.  Vielmehr  wurde  dieses  Vorbringen  erst  am  20. Juli 2010  –  also  beinahe  zwei  Jahre  nach  der  Anhörung  –  durch  M.  L.  vorgebracht.  Es  ist  auch  nicht  ersichtlich,  weshalb  M.  L.,  welche  als  ehrenamtliche  Betreuerin  des  Beschwerdeführers  teilnahm, nicht schon damals oder kurze Zeit später  diese Rüge vorgebracht hat, zumal sie im Anschluss an die Anhörung die  Möglichkeit  erhalten  hatte,  Ergänzungsfragen  zu  stellen  oder  Bemerkungen  anzubringen.  Der  an  der  Anhörung  teilnehmende  Pastor  E._______  hat  diesbezüglich  ebenso  wenig  eine  Schlussbemerkung  angebracht.  Des  Weiteren  veranlasste  das  Aussageverhalten  des  Beschwerdeführers  oder  das  Verhalten  des  Dolmetschers  während  der  Anhörung weder die Befragerin noch den Hilfswerkvertreter zu etwaigen  Unterbrüchen.  Der  Beschwerdeführer  machte  in  dieser  Hinsicht  denn  auch  keinerlei  Andeutungen.  Der  bei  der  Anhörung  anwesende  Hilfswerkvertreter  hielt  in  seiner  Bestätigung  ebenfalls  keine  gegen  die  Aussagefähigkeit  des  Beschwerdeführers,  den  Befragungsstil  oder  die  Korrektheit der Anhörung sprechende Einwände fest. Dessen ungeachtet  konnte der Beschwerdeführer  in seinen Eingaben auf Beschwerdeebene  umfänglich  zur  vorinstanzlichen  Verfügung  schriftlich  Stellung  nehmen,  weshalb  kein  Grund  besteht,  ihn  ein  weiteres  Mal  mündlich  dazu  zu  befragen.  Die  diversen  Anträge,  der  Beschwerdeführer  sei  erneut  zu  befragen,  sind  deshalb  abzuweisen  und  die  entsprechende  Rüge  der  inkompetenten Befragungsleitung erweist sich als unbegründet. 4.4.  In der Beschwerde wird unter anderem geltend gemacht,  das BFM  habe  keine  explizite  Beweiswürdigung  der  eingereichten  Berichte  vom  25. März 2008  respektive  20. April 2008  vorgenommen.  Dem  ist  entgegenzuhalten,  dass  das  BFM  –  soweit  ersichtlich  –  die  nötigen  Beweise  abgenommen  hat.  In  der  angefochtenen  Verfügung  vom  12. Mai 2009  wird  alsdann  der  Inhalt  der  beiden  Bestätigungsschreiben 

D­3812/2009 im  Sachverhalt  teilweise  wiedergegeben  und  die  eingereichten  Beweismittel als solche aufgeführt. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass sich  das BFM bei der Begründung seiner Verfügung auf die für den Entscheid  wesentlichen Gesichtspunkte beschränken durfte und nicht gehalten war,  sich ausdrücklich mit  jeder  tatbeständlichen Behauptung auseinander zu  setzen (BGE126 I 97 E. 2.b S.102 f.). Sodann ist festzustellen, dass den  Akten  keine  Hinweise  zu  entnehmen  sind,  wonach  das  BFM  den  Sachverhalt  ungenügend  festgestellt  beziehungsweise  sich  mit  diesem  nicht  auseinandergesetzt  hätte.  Der  Vorwurf,  die  Vorinstanz  hätte  die  nötigen  Abklärungen  (soziale  und  sonstige  Verumständung  der  Konversion sowie Aktenniederschläge der Todesopfer der Familienfehde)  unter  allfälligen  Beizug  der  Vorakten  unterlassen,  erweist  sich  als  unbegründet. Der Sacherhalt wurde von der Vorinstanz somit genügend  festgestellt  und  der  vorinstanzliche  Entscheid  konnte  von  dem  Beschwerdeführer sodann sachgerecht angefochten werden. Aufgrund  der  bestehenden  Aktenlage  kann  der  entscheidrelevante  Sachverhalt  als  rechtsgenüglich  erstellt  erachtet  und  vorweg  die  Annahme  getroffen  werden,  dass  weitere  Beweiserhebungen  keine  wesentlichen Erkenntnisse zu vermitteln vermöchten und mithin zu keiner  anderen  Entscheidung  führen  (sog.  antizipierte  Beweiswürdigung;  vgl  BVGE  2008/24  E. 7.2,  EMARK  2003  Nr.  13  E. 4a  S. 84).  Aus  diesem  Grund  besteht  keine  Veranlassung  zu  weiteren  Abklärungen,  wie  der  erneuten  Anhörung  des  Beschwerdeführers,  der  Einholung  eines  Berichtes der Sozialpsychiatrischen Beratungsstelle C._______ oder der  Zeugenbefragung der  Journalistin,  der  ehrenamtlichen Betreuerin M.  L.,  des  Asylsuchenden,  sowie  des  FEG­Präsidenten.  Die  Beweisanträge –  sofern sie überhaupt in die Zuständigkeit des Bundesverwaltungsgerichts  fallen – sind deshalb abzuweisen. 4.5. Zusammenfassend steht fest, dass keine Verletzung des rechtlichen  Gehörs oder  des Untersuchungsgrundsatzes  zu erkennen  ist. Es  liegen  daher kein Verfahrensmängel vor. 5.  5.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu 

D­3812/2009 werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (vgl. Art. 3 AsylG). 5.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). Wer  sich  darauf  beruft,  dass  durch  seine  Ausreise  oder  sein  Verhalten  nach  der  Ausreise  aus  dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  eine  Gefährdungssituation  erst  geschaffen  worden  ist,  sich  somit  auf  das  Vorliegen  subjektiver  Nachfluchtgründe  (Art.  54  AsylG)  beruft,  hat  begründeten  Anlass  zur  Furcht  vor  künftiger  Verfolgung,  wenn  der  Heimat­  oder Herkunftsstaat mit  erheblicher Wahrscheinlichkeit  von den  Aktivitäten  im  Ausland  erfahren  hat  und  die  Person  deshalb  bei  einer  Rückkehr  in  flüchtlingsrechtlich  relevanter Weise  verfolgt  würde  (BVGE  2009/29  E. 5.1  S. 376  f.,  BVGE  2009/28  E. 7.1  S. 352,  EMARK  2006  Nr. 1 E. 6.1 S. 10, UNHCR, Handbuch über Verfahren und Kriterien  zur  Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, Genf 1979, Rz. 80). 6.  6.1.  Vorweg  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  das  erste  Asylverfahren  des  Beschwerdeführers,  nachdem  der  erstinstanzliche  Entscheid  unangefochten  blieb,  rechtskräftig  abgeschlossen  ist.  Revisionsgründe  wurden  nicht  geltend  gemacht  und  sind  aufgrund  der  Aktenlage  auch  nicht  von  Amtes  wegen  anzunehmen.  Demnach  ist  im  vorliegenden,  zweiten Asylverfahren nur noch zu prüfen, ob seit Abschluss des ersten  Asylverfahrens neue Asylgründe entstanden sind. 6.2.  Der  Beschwerdeführer  begründet  sein  Asylgesuch  im  Wesentlich  damit,  er  habe  sich  vom  Islam  abgewandt  und  sei  in  der  Schweiz  zum  Christentum  konvertiert.  Er  befürchte  deshalb,  bei  einer Rückkehr  nach  Afghanistan umgebracht zu werden. 6.3. Die vom Beschwerdeführer geltend gemachte Befürchtung, bei einer  Rückkehr  nach  Afghanistan  wegen  der  Abkehr  vom  Islam 

D­3812/2009 beziehungsweise  der  Konversion  zum  Christentum  ernsthaften  Nachteilen  im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu sein, gründet somit  auf  einem  Verhalten  nach  der  Ausreise  aus  dem  Herkunftsstaat  und  damit  auf  subjektiven  Nachfluchtgründen,  welche  von  Gesetzes  wegen  zum  Ausschluss  des  Asyls  führen.  Da  der  Beschwerdeführer  seit  Abschluss  des  ersten  Asylverfahrens  auf  Beschwerdeebene  keine  weiteren Gründe geltend gemacht hat,  ist der Antrag auf Asylgewährung  abzuweisen. 6.4. Es stellt sich demnach die Frage, ob der Beschwerdeführer aufgrund  seiner Konversion zum Christentum die Flüchtlingseigenschaft erfüllt. 6.4.1. Weniger als 1% der Bevölkerung Afghanistans sind Christen (84%  sind  sunnitische  und  15%  sind  schiitische  Muslime).  Bei  afghanischen  Christen handelt es sich im Wesentlichen um vom Islam zum Christentum  konvertierte  Personen.  Für  sie  gibt  es  keine  Möglichkeit  der  offenen  Religionsausübung  ausserhalb  des  häuslichen  Rahmens.  Auch  ausländische  Christen  üben  ihre  Religion  grundsätzlich  zurückhaltend  aus. Afghanen, die verdächtigt oder beschuldigt werden, vom Islam zum  Christentum  übergetreten  zu  sein,  können  einem  Verfolgungsrisiko  ausgesetzt  sein.  Das  Risiko  geht  dabei  von  Familien­  und  Sippenmitgliedern wie auch von Angehörigen der weiteren Gemeinschaft  aus.  Auch  Übergriffe  von  staatlicher  Seite  gegen  Konvertiten  sind  denkbar. In Kabul und im ganzen Land wird heute praktisch wieder nach  der  Scharia  geurteilt,  nach  der  „Abtrünnige  vom  Islam“  streng  bestraft  werden.  Die  Verhältnisse  in  den  Provinzen  sind  nicht  anders.  Je  nach  Interpretation der Scharia können Konvertiten auch mit dem Tode bestraft  werden (vgl. zum Ganzen: UNHCR Eligibility Guidelines for Assessing the  International  Protection  Needs  of  Asylum­Seekers  from  Afghanistan,  17. Dezember  2010,  S. 18  ff.;  Corinne  Troxler  Gulzar  [Schweizerische  Flüchtlingshilfe, SFH], Afghanistan: Update, Die aktuelle Sicherheitslage,  23. August 2011, S. 15; U.S. Department of State, International Religious  Freedom Report 2010 – Afghanistan, 13. September 2011). Trotz dieser Feststellungen kann nicht von einer allgemeinen, alleine an  das Bekenntnis  zum Christentum anknüpfenden Verfolgungssituation  im  Sinne einer Kollektivverfolgung ausgegangen werden. Die Anforderungen  an die Feststellung einer Kollektivverfolgung sind, gemäss einer auch für  das  Bundesverwaltungsgericht  nach wie  vor  geltenden Rechtsprechung  der Schweizerische Asylrekurskommission (ARK), sehr hoch. Alleine die  Zugehörigkeit  zu  einem  Kollektiv,  welches  in  seinen  spezifischen 

D­3812/2009 Eigenschaften  Ziel  einer  Verfolgungsmotivation  ist,  reicht  in  der  Regel  nicht, um eine Kollektivverfolgung zu begründen. Vielmehr kommen auch  bei geltend gemachter Verfolgung aufgrund der blossen Zugehörigkeit zu  einem bestimmten Kollektiv  die Kriterien  der  ernsthaften Nachteile  oder  der  begründeten  Furcht  gemäss  Art. 3  AsylG  zur  Anwendung.  Solange  die Übergriffe  gegen  das Kollektiv  nicht  derart  intensiv  und  häufig  sind,  dass  jedes  Gruppenmitglied  mit  guten  Gründen  befürchten  muss,  getroffen  zu  werden,  müssen  besondere  Umstände  vorliegen,  damit  bereits  aufgrund  der  blossen  Zugehörigkeit  zu  einem  bestimmten  Kollektiv die Ernsthaftigkeit  der Nachteile oder Begründetheit der Furcht  als erfüllt betrachtet werden können (vgl. EMARK 2006 Nr. 1 E. 4.3, S. 3  f.,  mit  weiteren  Hinweisen).  Solche  Umstände  liegen  zur  Zeit  in  Afghanistan nicht vor. Namentlich geht auch das UNHCR nicht von einer  Kollektivverfolgung  aus,  sondern  betont  die  Notwendigkeit  der  individuellen Prüfung in jedem Fall, ob konkret eine Gefährdung aufgrund  der  Konversion  bestehe  (vgl.  dazu  insbesondere  UNHCR  Eligibility  Guidelines  for  Assessing  the  International  Protection  Needs  of  Asylum­ Seekers from Afghanistan, Juli 2009, S. 18). 6.4.2. Vorliegend  ist einerseits  festzustellen, dass der Beschwerdeführer  im Verlaufe des zweiten Asylverfahrens zwar Unterlagen zu seiner erst in  der  Schweiz  durchgeführten  Konversion  zu  den  Akten  reichte,  jedoch  ausser der generellen Aussage, wegen derselben bei einer Rückkehr an  Leib  und  Leben  gefährdet  zu  sein,  keine  Ausführungen  zu  einer  allfälligen,  individuell drohenden Gefährdung aufgrund seiner Konversion  zum  Christentum  machte.  Auch  die  Argumentation  des  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung,  dass  der  Beschwerdeführer  eine  allfällige  Konversion  widerrufen,  verheimlichen  oder  abstreiten  könnte,  um  sich  allfälligen  Repressionen  zu  entziehen,  vermag  nicht  zu  überzeugen.  Im  Ergebnis würde sie dazu führen, jedes vom Verfolgerstaat nicht gebilligte  Verhalten  zum  Vornherein  als  nicht  asylrelevant  zu  erachten.  Indessen  ergeben  sich  aufgrund  der  Aktenlage  keine  hinreichend  konkreten  Anhaltspunkte  auf  eine  begründete  Furch  vor  künftiger  Verfolgung  (vgl.  EMARK  2004  Nr. 1  E. 6a  S. 9  f.).  Insbesondere  wird  in  keiner  Art  aufgezeigt, dass die Konversion überhaupt jemanden in Afghanistan, wo  er weder  aufgewachsen noch  sozialisiert worden  ist,  bekannt  geworden  wäre.  Weshalb  gerade  er  individuelle  und  gezielte  Übergriffe  von  staatlicher  Seite  gewärtigen  müsste,  wird  nicht  hinlänglich  deutlich  aufgezeigt  und  es  ist  nicht  ersichtlich,  wie  oder  durch  wen  der  afghanische Staat Kenntnis von seiner Konversion erhalten haben sollte.  Der  in  der  Eingabe  vom  20.  November  2009  gestellte  Antrag  auf 

D­3812/2009 Befragung eines gewissen B. F. ist allein schon deshalb abzuweisen, weil  der  Beschwerdeführer  annimmt,  die  signierte  Bibel  sei  an  die  iranische  Botschaft weitergeleitet worden (vgl. vorstehend Bstn. L. und N.). Anderseits  kommt  das  Gericht  in  Übereinstimmung  mit  der  Vorinstanz  zum  Schluss,  dass  die  angebliche  Konversion  aufgrund  der  gesamten  Verfahrensumstände  ohnehin  als  unglaubhaft  qualifiziert  werden  muss.  Es  fällt  auf,  dass  der  Beschwerdeführer  anlässlich  des  ersten  Asylgesuchs  sein  Interesse  für  das  Christentum  mit  keinem  Wort  erwähnte, obschon er im Iran die Bibel gelesen habe (Akten BFM B10/14  S. 3) und sich der Gefahr, eine solche zu besitzen, durchaus bewusst war  (Akten BFM B10/14 S. 3 und 4). Er liess auch unerwähnt, dass er im Iran  Schwierigkeiten mit den Schulbehörden und der Polizei gehabt habe, weil  er ein Hemd getragen habe, auf welchem ein Kreuz abgebildet gewesen  sei. Die Polizei habe ihm auch deshalb mehrmals die Haare geschnitten.  Dieses Hemd habe er von einem Freund, welcher Muslim gewesen sei,  aber  das Christentum geliebt  habe,  erhalten.  Irgendein  Familienmitglied  habe das Hemd verschwinden  lassen und sein Freund sei auch getötet  worden.  Es  ist  nicht  ersichtlich,  weshalb  der  Beschwerdeführer  diese  zentralen  Vorbringen  erst  anlässlich  des  zweiten  Asylgesuchs  geltend  gemacht  hat.  Es  erscheint  insbesondere  unplausibel,  dass  er  solch  einschneidenden  Erlebnissen,  wie  den  Schulausschluss  aufgrund  des  Tragens eines Hemdes oder den Tod eines Freundes, keine Relevanz für  das asylrechtliche Verfahren beimass. Es ist weiter nicht nachvollziehbar,  dass  er  dieses Hemd  drei Monate  in  der Öffentlichkeit  getragen  haben  will,  obwohl  dies, wie  von  ihm geltend  gemacht,  verboten  gewesen  sei.  Es  ist davon auszugehen, dass er – bei  tatsächlichem Interesse  für das  Christentum  –  bedeutend  vorsichtiger  vorgegangen  wäre.  Seine  Erklärung, Christus habe sein Leben gerettet,  vermag  in Anbetracht der  rigorosen  Vorgehensweise  der  iranischen  Sicherheitskräfte  nicht  zu  überzeugen.  In  diesem  Zusammenhang  erstaunt  jedoch,  dass  der  Beschwerdeführer  nach  seiner  Einreise  in  die  Schweiz  bei  der  Erstbefragung  angab,  er  sei  Schiite  (Akten  BFM  A1/12  S. 3).  Er  wies  dabei  in  keiner  Art  und  Weise  bei  der  Befragung  oder  anlässlich  der  Anhörung vom 27. Juni 2007 auf seine Hinwendung zum Christentum hin.  Weiter  schliesst  sich  das  Gericht  vorliegend  –  mit  Ausnahme  des  nachstehenden Vorbehaltes – den von der Vorinstanz im angefochtenen  Entscheid  angeführten  Erwägungen  respektive  Zweifeln  bezüglich  der  geltend gemachten Konversion des Beschwerdeführers zum Christentum  an, weshalb  zur Vermeidung  von Wiederholungen  grundsätzlich  auf  die  entsprechenden Ausführungen des BFM zu verweisen ist.

D­3812/2009 Der  Beschwerdeführer  macht  in  der  Beschwerdeschrift  geltend,  es  sei  aktenwidrig,  wenn  das  BFM  behaupte,  er  habe  kein  christliches  Fest  gekannt.  Diese  Aussage  des  BFM  ist  insoweit  zu  relativieren,  als  der  Beschwerdeführer  anlässlich  der  Anhörung  das  Weihnachtsfest  als  "bekannte  Nacht"  benennen  konnte  und  auch  dessen  Bedeutung,  nämlich  die  "Geburt  Jesu"  kannte  (Akten  BFM  B10/14  S. 5).  Dieser  Vorbehalt vermag allerdings nichts an den vorstehenden Erwägungen zu  ändern, da er einerseits behauptete, er habe eine enorme Kenntnis über  alle Religionen und könne jede Frage hierzu beantworten. Als ihm in der  Folge spezifische Fragen zum Christentum gestellt worden sind, habe er  anderseits  angegeben,  er  habe  die  Bibel  gelesen,  um  sich  informieren  und  nicht  um  Priester  zu  werden.  Er  kannte  weder  den  Begriff  "Abendmahl" noch konnte er dessen Bedeutung erklären. Sein Argument,  er habe den Inhalt der gelesenen Bücher teilweise vergessen, als er nach  Europa  gekommen  sei  oder  neige  zur  Überschätzung  seiner  intellektuellen  Kompetenz,  müssen  als  Schutzbehauptungen  qualifiziert  werden.  An  diesen  Feststellungen  vermögen  die  eingereichten  Bestätigungen,  wonach  sich  der  Beschwerdeführer  aktiv  in  der  christlichen Gemeinde engagiere und der Jugendgruppe angehöre, nichts  zu ändern. 6.4.3. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Beschwerdeführer die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllt.  Es  erübrigt  sich,  auf  die  weiteren  Vorbringen  in den Eingaben auf Beschwerdeebene einzugehen, weil sie  an  dieser Würdigung  nichts  zu  ändern  vermögen.  Nach  dem Gesagten  besteht  kein  Anlass,  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen.  Der  Antrag  ist  abzuweisen.  Die  Vorinstanz  hat  aus  diesem  Grund  zu  Recht  und  im  Wesentlichen mit zutreffender Begründung die Flüchtlingseigenschaft des  Beschwerdeführers verneint. 7.  7.1.  Seitens  des  Beschwerdeführers  liegen  keine  (konkreten)  Anträge  bezüglich  der  Anordnung  der  Wegweisung  und  hinsichtlich  des  Bestehens  von  Wegweisungsvollzugshindernissen  vor.  Allerdings  verlangt  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Beschwerdeeingabe  vom  13.  Juni  2009  die  Aufhebung  der  (ganzen)  vorinstanzlichen  Verfügung,  weshalb die Dispositivziffern 3 bis 5 und 6 als mitangefochten gelten. 7.2. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und 

D­3812/2009 ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 7.3. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; BVGE 2008/34 E. 9, EMARK 2001 Nr. 21). 7.4.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Gemäss ständiger Rechtsprechung sind die genannten drei Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  alternativer  Natur.  Sobald  eine  davon  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  der  betroffenen  Person  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln.  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  dieser  vorläufigen  Aufnahme  steht dem weggewiesenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an  das Bundesverwaltungsgericht  offen  (Art. 112 AuG  i.V.m. Art. 84 Abs. 2  AuG).  In diesem Verfahren wäre dann der Vollzug der Wegweisung vor  dem Hintergrund sämtlicher Vollzugshindernisse von Amtes wegen nach  Massgabe der  in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse zu prüfen  (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4, EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 f.). 7.5.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung  –  aus  den  nachfolgend  aufgeführten  Gründen  –  als  unzumutbar  erweist,  ist  dementsprechend  auf  eine  Erörterung  der  beiden  anderen  Kriterien  zu  verzichten. 7.5.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer 

D­3812/2009 vom 8. März 2002, BBl 2002 3818; BVGE 2009/51 E. 5.5 S. 748, BVGE  2009/52 E. 10.1 S. 756 f.). 7.5.2. Das Bundesverwaltungsgericht verfolgt die Entwicklung der Lage in  Afghanistan kontinuierlich. Im zur Publikation vorgesehen Grundsatzurteil  E­7625/2008  vom  16.  Juni  2011  hat  es  eine  aktuelle  Einschätzung  vorgenommen,  gemäss  welcher  in  weiten  Teilen  von  Afghanistan –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten  –  eine  derart  prekäre  Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre  Bedingungen  bestehen, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83  Abs. 4 AuG zu qualifizieren ist. Von  dieser  allgemeinen  Feststellung  ist  die  Situation  in  der  Hauptstadt  Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlauf  des  vergangenen  Jahres  nicht  weiter  verschlechtert  hat  und  die  humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch  ist,  kann  der  Vollzug  der  Wegweisung nach Kabul unter Umständen als zumutbar erachtet werden. Solche Umstände könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben sein,  wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann  handelt. Angesichts der konstanten Verschlechterung der Lage über die  vergangenen Jahre hinweg und der auch  in Kabul schwierigen Situation  versteht  es  sich  indessen  von  selbst,  dass  die  bereits  in  EMARK  2003  Nr. 10  formulierten  strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssen,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren.  Unabdingbar  ist  in  erster  Linie  ein  soziales  Netz,  das  sich  im  Hinblick  auf  die  Aufnahme  und  Wiedereingliederung  des  Rückkehrers  als  tragfähig  erweist.  Ohne  Unterstützung  durch  Familie  oder  Bekannte  würden  die  schwierigen  Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in eine lebensbedrohende  Situation führen. Für einen Rückkehrer aus Europa besteht, aufgrund der  Vermutung, dass er Devisen auf sich trägt, gleich nach seiner Ankunft in  Kabul ein erhöhtes Risiko, entführt oder überfallen zu werden. Verfügt er  auf der anderen Seite über keine genügenden finanziellen Mittel, hätte er  ohne soziale Vernetzung kaum Aussicht auf eine zumutbare Unterkunft.  Auch  bei  der  Arbeitssuche  ist  die  Anstellung  selbst  von  unqualifizierten  Arbeitskräften  regelmässig  von  persönlichen  Beziehungen  abhängig.  Eine  die  Gesundheit  nur  einigermassen  garantierende  Ernährung  wäre  ohne  die  Hilfe  von  nahe  stehenden  Personen  ebenfalls  kaum möglich,  und  der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig; 

D­3812/2009 Unterstützungsmassnahmen  der  Regierung  oder  internationaler  Organisationen  können  laut  zuverlässigen Quellen  daran nichts  ändern.  Kämen  in  einer  solchen  Situation  noch  gesundheitliche  Umstellungsschwierigkeiten  hinzu,  geriete  auch  ein  junger  gesunder  Mann  ohne  soziale  Vernetzung  unweigerlich  innert  absehbarer  Zeit  in  eine existenzbedrohende Situation (vgl. a.a.O. E. 9.9.1 f.). Die Frage, ob  hinsichtlich  der  Städte  Mazar­i­Sharif  und  Herat  in  Bezug  auf  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  Ähnliches  gesagt  werden  könne wie zu Kabul, wurde im erwähnten Grundsatzurteil offen gelassen,  weil  von  vornherein  ungenügende  Anknüpfungspunkte  bestanden  (vgl.  a.a.O. E. 9.9.3). 7.5.3. Aus  den  Akten  ergibt  sich,  dass  der  junge  und  ursprünglich  aus  Afghanistan  stammende  Beschwerdeführer  im  Iran  geboren  ist  und  seither  dort  lebte.  Er  habe  die  Matur  zwei  bis  drei  Monate  vor  seiner  Ausreise  aus  dem  Iran  bestanden  und  verfüge  deshalb  über  keine  Berufserfahrung. Sein Vater stamme aus Mazar­i­Sharif und seine Mutter  aus  Ghazni.  Seine  Eltern  hätten  Afghanistan  jedoch  bereits  vor  seiner  Geburt  verlassen.  Er  habe  auch  keine  Verwandte  in Mazar­i­Sharif.  Zu  seinen  Onkeln  mütterlichseits,  wovon  einer  in  Kabul  und  die  anderen  beiden  in  Ghazni  leben  würden,  habe  er  keinen  Kontakt,  da  sie  seine  Eltern  und  einen  weiteren  Onkel  getötet  hätten.  Der  Beschwerdeführer  hat gemäss den Akten nie  in Afghanistan gelebt und wurde dort  folglich  auch nie sozialisiert. Es muss deshalb davon ausgegangen werden, dass  er  in Afghanistan über kein tragfähiges soziales Beziehungsnetz verfügt,  auf  welches  er  bei  einer  allfälligen  Rückkehr  zurückgreifen  könnte.  Die  vom  BFM  vorgeschlagene  Aufenthaltsalternative  in  J._______  kommt  aufgrund der vorstehenden Erwägungen (vgl. E. 7.5.2.) ebenfalls nicht in  Frage.  Mit  Blick  auf  die  dargelegte  Situation  im  Heimatland  ist  der  Wegweisungsvollzug des Beschwerdeführers nach Afghanistan somit als  unzumutbar zu qualifizieren. 7.6. Der Vollzug der Wegweisung nach Afghanistan im Sinne von Art. 83  Abs. 4  AuG  erweist  sich  insgesamt  als  unzumutbar. Den Akten  können  ausserdem  keine  Ausschlussgründe  im  Sinne  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  entnommen werden, weshalb die Voraussetzungen für die Anordnung der  vorläufigen Aufnahme erfüllt sind. 8.  Die  Beschwerde  ist  gutzuheissen,  soweit  sie  den  Vollzug  der  Wegweisung betrifft.  Im Übrigen  ist  sie abzuweisen. Die Ziffern 4 und 5 

D­3812/2009 des  Dispositivs  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  12. Mai 2009  sind  demnach aufzuheben und das BFM  ist anzuweisen, den Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (vgl.  Art. 44  Abs. 2  AsylG  und  Art. 83  Abs. 4 AuG). 9.  Aufgrund  der  teilweisen  Gutheissung  der  Beschwerde  ist  die  von  der  Vorinstanz  für  das  erstinstanzliche  Verfahren  erhobene  Gebühr  (Dispositivziffer 6) auf Fr. 300.­ herabzusetzen.

D­3812/2009 10.  10.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens wäre dem Beschwerdeführer  grundsätzlich  ein  reduzierter  Anteil  der  Verfahrenskosten  aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). Dieser hat im Rahmen seiner Beschwerde  ein  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von Art. 65 Abs. 1 VwVG gestellt. Weil er aufgrund der Akten nachwievor  als mittellos zu erachten und die Beschwerde aufgrund der vorstehenden  Erwägungen  nicht  als  aussichtslos  zu  bezeichnen  ist,  sind  beide  kumulativ  erforderlichen  Voraussetzungen  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  erfüllt. Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  ist  deshalb – soweit nicht durch die  teilweise Gutheissung der Beschwerde  hinfällig geworden – gutzuheissen und der Beschwerdeführer ist von der  Pflicht zur Kostentragung zu befreien. 10.2.  Eine  teilweise  obsiegende  Partei  hat  Anspruch  auf  eine  Entschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen Kosten  (Art. 64  Abs. 1  VwVG  und Art. 7  ff.  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Nachdem  der  rechtlich  vertretene  Beschwerdeführer  teilweise  –  hinsichtlich  der  Frage  des  Wegweisungsvollzuges  –  mit  seiner  Beschwerde  durchgedrungen  ist,  ist  ihm  eine  um  die  Hälfte  reduzierte  Parteientschädigung zuzusprechen. Der  in der eingereichten Kostennote  vom  30. Juni 2011  geltend  gemachte  Arbeitsaufwand  von  15  Stunden  und  45  Minuten  zu  einem  Stundenansatz  von  Fr. 180.­  erscheint  unter  Berücksichtigung  von  Umfang  und  Schwierigkeit  des  vorliegenden  Verfahrens  nicht  angemessen,  zumal  in  der  Beschwerde  hauptsächlich  zur  Asylgewährung  und  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  Bezug  genommen  wird.  Unter  Berücksichtigung  der  massgeblichen  Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE), der Praxis in Vergleichsfällen  und  der  bis  zur  Urteilsfällung  erfolgten  weiteren  Eingaben  des  Rechtsvertreters  ist  die  Vorinstanz  anzuweisen,  dem  Beschwerdeführer  eine  reduzierte  Parteientschädigung  von  insgesamt  Fr. 500.­  (inklusive  Auslagen und allfällige Mehrwertsteuer) auszurichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­3812/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  soweit  sie  die  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  und  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  betrifft.  Im  Übrigen  wird  die  Beschwerde  abgewiesen. 2.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  Verfügung  des  BFM  vom  12. Mai 2009 werden aufgehoben. 3.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer  vorläufig  aufzunehmen. 4.  Der Beschwerdeführer hat für das vorinstanzliche Verfahren eine Gebühr  von Fr. 300.­ zu bezahlen. 5.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wird  gutgeheissen. Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 6.  Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer für das Verfahren vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  eine  Parteientschädigung  von  Fr. 500.­  auszurichten. 7.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Robert Galliker Viktoria Szczepinski

D-3812/2009 — Bundesverwaltungsgericht 07.11.2011 D-3812/2009 — Swissrulings