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Bundesverwaltungsgericht 12.01.2012 D-3026/2010

12 gennaio 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,747 parole·~14 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 24. März 2010

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­3026/2010 Urteil   v om   1 2 .   J a nua r   2012 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Gerichtsschreiber Stefan Weber. Parteien A._______, geboren X._______, Afghanistan,  vertreten durch lic. iur. Urs Ebnöther, Rechtsanwalt, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 24. März  2010 / N_______.

D­3026/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  –  ein  afghanischer  Staatsangehöriger  und  ethnischer  Tadschike  aus  Kabul  –  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  zusammen mit  seinem  Bruder  B._______  ([...])  im  Oktober  2009  seine  Heimat  und  gelangte  am  19. November  2009  über  ihm  unbekannte  Länder  und  C._______  illegal  in  die  Schweiz,  wo  er  gleichentags  im  D._______ um Asyl nachsuchte. Anlässlich  der  Kurzbefragung  vom  25.  November  2009  im  D._______  sowie  der  Anhörung  durch  das  BFM  vom  11.  Januar  2010 machte  der  Beschwerdeführer  zur  Begründung  seines  Asylgesuches  geltend,  seine  Eltern und seine Schwester hätten vor (...) Jahren Afghanistan verlassen  und würden sich seither in der Schweiz aufhalten. Nach der Ausreise der  Eltern hätten er und sein Bruder bei  ihren Grosseltern gelebt, wobei nur  die  engsten  Familienangehörigen  gewusst  hätten,  dass  seine  Eltern  in  der Schweiz lebten. Seine Eltern seien vor (...) Jahren in Kabul während  (...)  zu  Besuch  gewesen,  wobei  sich  dieser  Umstand  schnell  herumgesprochen habe. Nach deren Abreise hätten die Probleme für ihn  und  seinen  Bruder  begonnen.  So  sei  er  auf  dem Weg  zur  Schule  von  Nachbarn und Quartierbewohnern gehänselt worden und man habe seine  Eltern  als  Verräter  bezeichnet.  Vor  etwa  acht  Monaten  hätten  ihm  unbekannte und teilweise bewaffnete Personen vorgeworfen, dass seine  Eltern  nun  mit  Ausländern  zusammenarbeiten  würden  und  aus  ihrem  Glauben  ausgetreten  seien.  Zudem  hätten  sie  telefonische  Drohungen  erhalten, die er  jedoch nicht ernst genommen, sondern für einen Scherz  gehalten  habe. Auch  sei  er  von den Unbekannten aufgefordert worden,  entweder mit  ihnen zusammenzuarbeiten oder Schweigegeld zu zahlen.  Zudem habe man ihn einmal gezwungen, in ein Auto der Unbekannten zu  steigen, wo er mit einer Pistole bedroht worden sei. Nachdem er bitterlich  geweint  und  um  seine  Freilassung  gefleht  gehabt  habe,  hätten  ihn  die  Männer  wieder  gehen  lassen.  Aus  Angst  sei  er  die  letzten  Tage  vor  seiner Ausreise nicht mehr aus dem Haus gegangen, obwohl er kurz vor  den Maturitätsprüfungen  gestanden  sei. Die Unbekannten  hätten  immer  wieder  Geld  von  ihnen  verlangt  und  eines  Tages  seinen  Bruder  B._______  in  deren  Auto  mitgenommen,  bedroht  und  wieder  freigelassen.  Sie  hätten  seinem  Bruder  gesagt,  dass  entweder  er  oder  seine  Eltern  Lösegeld  bezahlen  müssten,  ansonsten  sie  härtere  Massnahmen ergreifen würden. Da ihr Grossvater ein alter, gebrechlicher  und herzkranker Mann sei, habe dieser nicht mehr selber auf dem Bazar 

D­3026/2010 einkaufen  gehen  können. Deswegen  habe  sein Bruder B._______  zwei  Nächte  vor  ihrer  Ausreise  das  Haus  verlassen,  um  einzukaufen.  Die  Unbekannten, welche  im Auto  vor der Haustüre gewartet  hätten,  hätten  diesen danach in den Wagen gezerrt und mitgenommen. In der Folge sei  jedoch seinem Bruder die Flucht aus dem Auto gelungen. Daraufhin habe  ihr  Grossvater  einen  in  E._______  wohnhaften  Freund  kontaktiert  und  diesem  über  ihre  Probleme  berichtet.  In  der  Folge  seien  sie  im Wagen  des  Freundes  nach  E._______  gefahren  und  bei  diesem  (...)  zu  Gast  gewesen. Dann hätten sie erfahren, dass ihr Grossvater einen Herzinfarkt  erlitten  habe  und  zur  Behandlung  nach  F._______  gebracht  werden  müsse.  Der  Freund  habe  danach  auf  Bitten  ihres  Grossvaters  ihre  Ausreise  organisiert.  Auf  die  weiteren  Ausführungen  wird,  soweit  wesentlich, in den nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Mit  Entscheid  vom  7.  Dezember  2009 wurde  der  Beschwerdeführer  für  den  Aufenthalt  während  des  Asylverfahrens  dem  Kanton  G._______  zugewiesen. B.  Mit Verfügung vom 24. März 2010 – eröffnet am 29. März 2010 – lehnte  das BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und ordnete dessen  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Vollzug  an.  Zur  Begründung  führte  das  Bundesamt  im  Wesentlichen  aus,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  vermöchten  den  Anforderungen  von  Art.  3  des  Asylgesetzes  vom  26.  Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  an  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  zu  genügen.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  nach  Afghanistan  erscheine  als  zulässig,  zumutbar und möglich. C.  Mit Eingabe vom 28. April 2010 erhob der Beschwerdeführer gegen diese  Verfügung  Beschwerde  beim  Bundesverwaltungsgericht  und  beantragte  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung,  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventualiter sei ihm  die vorläufige Aufnahme wegen Unzulässigkeit oder Unzumutbarkeit des  Wegweisungsvollzugs zu gewähren. In prozessualer Hinsicht ersuchte er  um  Koordination  seines  Verfahrens  mit  demjenigen  seines  Bruders  B._______,  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  sowie um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss Art. 65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021). Auf die Begründung und die 

D­3026/2010 der  Rechtsmitteleingabe  beigelegten  Bestätigungen  von  Drittpersonen  zur  Situation  der  Familie  (...)  in  der  Schweiz  wird,  soweit  entscheidwesentlich, in den Erwägungen eingegangen. D.  Mit  Verfügung  des  Instruktionsrichters  vom  11.  Mai  2010  wurde  dem  Beschwerdeführer  mitgeteilt,  dass  er  den  Ausgang  des  Beschwerdeverfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne  und  sein  Beschwerdeverfahren  mit  demjenigen  seines  Bruders  B._______  koordiniert  werde.  Die  Behandlung  des  Gesuchs  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wurde  auf einen späteren Zeitpunkt verwiesen und gleichzeitig auf die Erhebung  eines Kostenvorschusses verzichtet. E.  Mit Verfügung vom 24. Oktober 2011 teilte das Bundesverwaltungsgericht  dem Beschwerdeführer mit, die Vorinstanz habe sein Asylgesuch gestützt  auf Art.  3 AsylG abgelehnt. Das Bundesverwaltungsgericht  behalte  sich  vor, seine Asylvorbringen auch auf ihre Glaubhaftigkeit, mithin unter dem  Blickwinkel  von  Art.  7  AsylG  zu  prüfen,  da  nämlich  in  seinen  Schilderungen  zur  vorgebrachten  Verfolgungssituation  diverse  Ungereimtheiten  bestünden.  Dem  Beschwerdeführer  werde  bis  zum  8. November 2011 die Möglichkeit zur Stellungnahme eingeräumt. F.  Mit  Eingabe  vom  3.  November  2011  zeigte  der  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers – unter Beilage einer Vollmacht – die Übernahme des  Mandats per 2. November 2011 an und ersuchte um Fristerstreckung bis  am 22. November 2011 zur Einreichung einer Stellungnahme. G.  Mit  Verfügung  vom  11.  November  2011  wurde  das  Fristerstreckungsgesuch vom 3. November 2011 gutgeheissen und dem  Beschwerdeführer  –  unter  Verweis  auf  Art.  32  Abs.  2  VwVG –  Gelegenheit  gegeben,  sich  bis  zum  22.  November  2011  zu  den  in  der  Verfügung  vom  24.  Oktober  2011  enthaltenen  Feststellungen  des  Bundesverwaltungsgerichts  zu  äussern  und  weitere  Beweismittel  einzureichen. Mit Eingabe vom 22. November 2011 reichte der Beschwerdeführer seine  Stellungnahme zu den Akten.

D­3026/2010 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). Eine solche Ausnahme im Sinne von Art. 83 Bst. d Ziff. 1  BGG  liegt  in  casu  nicht  vor. Das Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  demnach endgültig. 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.4. Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden  in der  Regel  in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen  (vgl. Art. 21  Abs. 1 VGG). Das Bundesverwaltungsgericht kann auch in solchen Fällen  auf die Durchführung des Schriftenwechsels verzichten (Art. 111a Abs. 1  AsylG). 1.5.  Das  vorliegende  Urteil  ergeht  aus  sachlichen  und  prozessökonomischen Gründen gleichzeitig mit demjenigen des Bruders  des Beschwerdeführers  (B._______;  [...]), der gegen den Entscheid des  BFM  vom  24. März  2010  beim  Bundesverwaltungsgericht  ebenfalls  am 

D­3026/2010 28.  April  2010  eine  Beschwerde  einreichte  (vgl.  auch  Bstn.  C.  und  D.  oben). 2.  2.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 2.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 3.  3.1.  Die  Vorinstanz  hielt  zur  Begründung  des  ablehnenden  Asylentscheides  im  Wesentlichen  fest,  der  Beschwerdeführer  mache  geltend,  Unbekannte  hätten  ihn  auf  dem  Schulweg  belästigt  und  zur  Zusammenarbeit  aufgefordert.  Diese  hätten  wegen  seiner  im  Ausland  lebenden  Eltern  Schweigegeld  von  ihm  verlangt.  Deshalb  habe  er  die  Schule nicht mehr besuchen können. Die vom Beschwerdeführer geltend  gemachten  Nachteile  seien  von  Drittpersonen  ausgegangen.  Dabei  handle  es  sich  um  von  Dritten  verübte  kriminelle  Handlungen,  welche  nicht  den  Behörden  angelastet  werden  könnten.  Der  Beschwerdeführer  stamme  aus  Kabul.  Die  dortigen  Behörden  seien  schutzfähig  und  schutzwillig, weshalb er die Möglichkeit besitze, sich an die Behörden zu  wenden  und  dort  um  Schutz  gegen  die  Behelligungen  nachzusuchen.  Aus  seinen  Angaben  sei  zu  entnehmen,  dass  er  es  bisher  unterlassen  habe,  eine  Anzeige  wegen  der  geltend  gemachten  Vorfälle  bei  den  Behörden  einzureichen.  Deshalb  könne  nicht  von  mangelnder 

D­3026/2010 Schutzfähigkeit  und  fehlendem  Schutzwillen  gesprochen  werden.  Überdies seien die Behörden nicht  in der Lage, einen allesumfassenden  Schutz zu gewährleisten und jeden kriminellen Übergriff zu ahnden. Den  Vorbringen des Beschwerdeführers komme daher keine Asylrelevanz zu. 3.2.  In  seiner  Beschwerdeschrift  wendete  der  Beschwerdeführer  demgegenüber im Wesentlichen ein, gemäss öffentlichen Quellen hätten  Entführungen  in  seiner  Heimat  dramatisch  zugenommen  und  sich  zu  einem Geschäft entwickelt. Dabei handle es sich nicht um Mitglieder der  Taliban, sondern um kriminelle Banden ohne politischen Hintergrund. Die  Opfer  seien mehrheitlich  wohlhabende  Afghanen  und  die  Polizei  könne  offenbar nicht  in Anspruch genommen werden, da vermutet werde, dass  die  Geiselnehmer  von  korrupten  Behördenvertretern  gedeckt  würden.  Ausserdem werde  die  Aufarbeitung  von  Verbrechen  Privater  durch  das  duale  Rechtssystem  in  Afghanistan,  durch  welches  oftmals  die  Zuständigkeiten unklar blieben und Verfahren verschleppt oder gar nicht  erst angegangen würden, gelähmt. Zahlreiche Berichte würden über die  grassierende Korruption  in  seiner Heimat  Zeugnis  ablegen.  Vor  diesem  Hintergrund werde verständlich, warum er keine Anzeige bei der Polizei  eingereicht  habe,  und  entsprechend  würden  seine  diesbezüglichen  Angaben – wie auch die entsprechenden Ausführungen seines Bruders –  überzeugend  wirken.  Möglicherweise  wäre  bei  einer  Anzeigeerhebung  mit  massiven  Repressalien  seitens  der  Unbekannten  zu  rechnen  gewesen.  Die  vorinstanzliche  Einschätzung,  wonach  die  afghanischen  Behörden  in  Entführungsfällen  sowohl  schutzwillig  als  auch  schutzfähig  seien,  sei  daher  zurückzuweisen.  Folglich  seien  die  von  ihm  geltend  gemachten Fluchtgründe als asylrelevant zu beurteilen, zumal er – selbst  wenn  er  es  versucht  hätte  –  gar  keinen  effektiven  Zugang  zu  einer  funktionierenden und effizienten Schutzinfrastruktur habe. 3.3.  In  seiner  Verfügung  vom  24.  Oktober  2011  hielt  das  Bundesverwaltungsgericht  fest,  in  den  Schilderungen  des  Beschwerdeführers  zur  vorgebrachten  Verfolgungssituation  bestünden  diverse Ungereimtheiten.  Zur  näheren Begründung  führte  es dabei  aus,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Rahmen  der  Erstbefragung  mit  keinem  Wort  erwähnt  habe,  dass  er  persönlich  auf  dem  Weg  zur  Schule  wiederholt von bewaffneten Personen angesprochen, unter Waffengewalt  zum  Einsteigen  in  einen  Wagen  gezwungen  und  darin  zu  einer  Zusammenarbeit  aufgefordert  worden  sei  und  man  versucht  habe,  von  ihm  Geld  zu  erpressen,  ansonsten  man  sie  verraten  werde,  und  er  überdies  beim  zweiten  Mal  sogar  geschlagen  und  mit  einem  Messer 

D­3026/2010 verletzt worden sei. Ferner habe er sich nicht an den genauen Zeitpunkt  der  Entführung  seines  Bruders  zu  erinnern  vermocht,  obwohl  es  sich  auch  bei  diesem  Vorfall  um  ein  einschneidendes  Erlebnis  handle,  welches erfahrungsgemäss besonders  gut  im Gedächtnis  haften  bleibe.  Überdies  bleibe  nicht  nachvollziehbar,  weshalb  man  lediglich  seinen  Bruder,  nicht  aber  auch  ihn  habe  entführen  wollen,  zumal  es  den  Aggressoren offensichtlich im Wesentlichen um den Erhalt von Lösegeld  gegangen  sei.  Weiter  habe  er  sich  hinsichtlich  der  Umstände,  des  Grundes und des Zeitpunktes, ab wann er die Schule nicht mehr besucht  habe,  in  Widersprüche  verstrickt.  So  habe  er  bei  der  Erstbefragung  angegeben,  nach  der  versuchten  zweiten  Entführung  seines  Bruders,  etwa zehn Tage vor der Ausreise, die Schule nicht mehr aufgesucht  zu  haben, um demgegenüber beim BFM auszusagen, etwa einen Monat vor  seiner  Ausreise,  nachdem  er  von  den  Entführern  im  Auto  bedroht  und  verletzt  worden  sei,  nicht  mehr  zur  Schule  gegangen  zu  sein  und  das  Haus nicht mehr verlassen zu haben. 3.4.  Der  Beschwerdeführer  brachte  in  seiner  Stellungnahme  vom  22.  November  2011  im  Wesentlichen  vor,  die  Ungereimtheit,  wonach  die  Übergriffe nicht bereits in der Erstbefragung angesprochen worden seien,  könne  lediglich  so erklärt werden,  dass er  die Aufforderung,  sich  in  der  Befragung zur Person kurz zu halten und alle Details an der eigentlichen  Anhörung  vorbringen  könne,  zu  ernst  genommen  und  diese  Übergriffe  deshalb nicht erwähnt habe. Den Zeitpunkt der ersten Entführung seines  Bruders  habe  er  deshalb  nicht  präziser  angeben  können,  weil  exakte  Daten in Afghanistan kulturbedingt unbedeutend seien. Immerhin habe er  zu Protokoll geben können, dass die Probleme rund acht Monate vorher  begonnen  hätten.  Dass  er  nicht  auch  wie  sein  Bruder  Opfer  von  Entführungen  geworden  sei,  hänge  sodann  damit  zusammen,  dass  er  sich die meiste Zeit zu Hause aufgehalten und so den Entführern wenig  Gelegenheit  geboten  habe.  Andernfalls  hätte  es  ihn  ebenso  gut  treffen  können  wie  seinen  Bruder.  Für  die  letzte  Ungereimtheit  (Widersprüche  hinsichtlich  der  Umstände,  des  Grundes  und  des  Zeitpunktes  des  Schulbesuchs)  könne  lediglich  (erneut)  die  Erklärung  vorgebracht  werden,  dass  er  während  der  Befragung  zur  Person  unter  Zeitdruck  gesetzt worden sei, weshalb er zu wenig überlegt habe. Jedenfalls seien  seine  Aussagen  anlässlich  der  Anhörung  zutreffend.  Im  Weiteren  sei  anzuführen, dass der in Kabul lebende Grossvater – namens H._______  – vor  kurzem  gestorben  sei.  Entsprechende  Fax­Schreiben  würden  diesen Umstand belegen und die Original­Dokumente würden zum Beleg  raschmöglichst  nachgereicht.  Da  überdies  die  beiden  früher  in  Kabul 

D­3026/2010 lebenden  Tanten  unterdessen  Afghanistan  ebenfalls  verlassen  hätten,  lebe nur noch seine (...)­jährige Grossmutter in Kabul, wobei diese wegen  ihrer schlechten Gesundheit in ärztlicher Behandlung sei. Es könne daher  von  einem  in  Kabul  vorhandenen  tragfähigen  Beziehungsnetz  im  heutigen  Zeitpunkt  keine  Rede  mehr  sein.  Sodann  werde  ersucht,  mit  dem  Urteil  noch  mindestens  30  Tage  zuzuwarten,  damit  die  entsprechenden  Originalbelege  rechtzeitig  ins  Recht  gelegt  werden  könnten. 3.5. Das  Bundesverwaltungsgericht  kommt  vorliegend  nach  Würdigung  der Akten und unter Berücksichtigung der  in der Beschwerde und der  in  der Stellungnahme vom 22. November 2011 dargelegten Entgegnungen  und  der  eingereichten  Beweismittel  zum  Schluss,  dass  die  in  der  angefochtenen  Verfügung  im  Resultat  getroffene  Einschätzung  der  Vorinstanz,  wonach  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht erfüllt, zu stützen ist. 3.5.1.  Die  Schilderungen  des  Beschwerdeführers  zur  vorgebrachten  Verfolgungssituation  vermögen  den Anforderungen  von Art.  7 AsylG  an  die Glaubhaftigkeit  insgesamt nicht zu genügen. Dem Beschwerdeführer  wurden  die  verschiedenen  Ungereimtheiten  im  Sachverhaltsvortrag  mit  Verfügung  vom  24. Oktober  2011  zur  Kenntnis  gebracht  und  ihm  dazu  das  rechtliche  Gehör  eingeräumt.  Die  Entgegnungen  in  seiner  Stellungnahme  vom  22.  November  2011  vermögen  die  entstandenen  Unstimmigkeiten insgesamt nicht zu entkräften. Bezüglich  der  Vorhalte,  wonach  die  Übergriffe  nicht  bereits  in  der  Erstbefragung  angesprochen  worden  seien,  und  der  Widersprüche  hinsichtlich  der  Umstände,  des  Grundes  und  des  Zeitpunktes  seines  Schulbesuchs  entgegnet  der  Beschwerdeführer,  dass  er  anlässlich  der  Befragung zur Person unter Zeitdruck gesetzt worden sei, weshalb er zu  wenig überlegt habe, und man ihm auch gesagt habe, dass er alle Details  seiner  Asylvorbringen  an  der  eigentlichen  Anhörung  vorbringen  könne,  weshalb  es  letztlich  zu  Ungereimtheiten  in  seinen  Ausführungen  gekommen sei. Diese Entgegnungen vermögen jedoch die entstandenen  Unstimmigkeiten  in  seinem  Sachverhaltsvortrag  nicht  plausibel  aufzulösen.  Zwar  kommt  dem  Protokoll  des  Empfangszentrums  angesichts  des  summarischen  Charakters  nur  ein  beschränkter  Beweiswert  zu.  Widersprüche  dürfen  aber  für  die  Beurteilung  der  Glaubhaftigkeit dann herangezogen werden, wenn klare Aussagen in der  Empfangsstelle  in  wesentlichen  Punkten  der  Asylbegründung  von  den 

D­3026/2010 späteren  Aussagen  in  der  Befragung  beim  Kanton  oder  beim  BFM  diametral  abweichen,  oder  wenn  bestimmte  Ereignisse  oder  Befürchtungen,  welche  später  als  zentrale  Asylgründe  genannt werden,  nicht  bereits  in  der  Empfangsstelle  zumindest  ansatzweise  erwähnt  werden  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  1993  Nr.  3).  Angesichts  der  wiederholten  Nachfragen  anlässlich  der  Befragung  zur  Person,  ob  der  Beschwerdeführer alle Gründe für sein Asylgesuch genannt habe ("Ja."),  respektive ob er sonst je mit irgendwelchen Personen irgendwie geartete  Probleme gehabt habe ("Nein"), und der entsprechenden Antworten (vgl.  act.  A1/13,  S.  6  f.),  darf  zu Recht  auf  erhebliche Widersprüche  zu  den  Ausführungen  beim  BFM  geschlossen  werden,  zumal  sowohl  der  fragliche  Vorfall  als  auch  die  Chronologie  der  Schulbesuche  als  wesentliche  Sachverhaltselemente  in  der  Asylbegründung  erachtet  werden müssen. Ferner  vermag der Einwand, wonach er  den Zeitpunkt  der  ersten  Entführung  seines  Bruders  deshalb  nicht  präziser  habe  angeben  können,  weil  exakte  Daten  in  Afghanistan  kulturbedingt  unbedeutend  seien,  angesichts  des  Umstandes,  dass  der  Beschwerdeführer im Verlaufe der durchgeführten Befragungen durchaus  in der Lage war, präzise Zeitangaben zu machen (vgl. act. A1/13, S. 8 f.;  A15/14,  S.  8),  und  er  überdies  eigenen  Angaben  zufolge  über  eine  zwölfjährige Schulbildung verfügt, in keiner Weise zu überzeugen und ist  als blosse Schutzbehauptung zu werten. Der Einwand, er sei deswegen  nicht auch Opfer von Entführungen geworden, weil er sich die meiste Zeit  zu Hause aufgehalten und so den Entführern wenig Gelegenheit geboten  habe,  bleibt  unbehelflich,  zumal  er  eigenen Angaben  zufolge wiederholt  von bewaffneten Personen auf dem Weg zur Schule oder zu einem Kurs  angesprochen  und  belästigt  worden  sei  (vgl.  act.  A15/14,  S.  3),  somit  einige Möglichkeiten zu seiner Entführung durchaus vorhanden gewesen  wären. 3.5.2. Hinsichtlich der Asylrelevanz ist ergänzend zu bemerken, dass den  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  keine  Hinweise  zu  entnehmen  sind,  dass  sich  die  gegen  ihn  und  seinen  Bruder  gerichteten  Geldforderungen  auf  einen  in  Art. 3  AsylG  genannten  Grund  (Rasse,  Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe, politische Anschauungen) stützen. Der Beschwerdeführer macht  ausschliesslich  Probleme  seitens  krimineller  Dritter  geltend  (vgl.  act.  A15/14, S. 10), die  ihn und seinen Bruder unter Androhung von Gewalt  und  durch  wiederholte  Belästigungen  zur  Zahlung  von  Lösegeld  hätten 

D­3026/2010 erpressen wollen. Der Beschwerdeführer bringt daher keine Gründe vor,  die im Sinne von Art. 3 AsylG als asylrelevant erachtet werden könnten. Bei dieser Sachlage kann offen bleiben, ob – wie vom BFM erwähnt – die  Behörden in Kabul schutzwillig und schutzfähig sind. 3.6. Nach  dem  Gesagten  gelangt  das  Bundesverwaltungsgericht  somit  zum  Schluss,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  den  Anforderungen  von  Art.  3  AsylG  an  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  zu  genügen  vermögen.  Das  BFM  hat  demnach  sein  Asylgesuch  zu  Recht  abgewiesen. 4.  4.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Der  Beschwerdeführer  verfügt  weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1  AsylG;  BVGE  2009/50  E.  9  S.  733,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2001  Nr. 21). 5.  5.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 5.2. 

D­3026/2010 5.2.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art.  5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli  1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art.  25  Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101),  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10.  Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR  0.105)  und  der  Praxis  zu  Art.  3  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutz  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 5.2.2. Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  Heimatstaat  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  insbesondere  als  unglaubhaft  zu  qualifizierenden Aussagen  des Beschwerdeführers  noch  aus  den Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung  in  den  Heimatstaat  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art.  3  EMRK  oder  Art.  1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde 

D­3026/2010 (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28.  Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§  124  –  127,  mit  weiteren  Hinweisen). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Afghanistan  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 5.3. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818; BVGE 2009/51 E. 5.5 S. 748, BVGE 2009/52 E. 10.1 S. 756 f.). 5.3.1. Das Bundesverwaltungsgericht verfolgt die Entwicklung der Lage in  Afghanistan kontinuierlich. Im zur Publikation vorgesehen Grundsatzurteil  BVGE E­7625/2008 vom 16. Juni 2011 hat es eine aktuelle Einschätzung  vorgenommen,  gemäss  welcher  in  weiten  Teilen  von  Afghanistan –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten  –  eine  derart  prekäre  Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre  Bedingungen  bestehen, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83  Abs.  4 AuG  zu  qualifizieren  ist.  Von dieser  allgemeinen Feststellung  ist  die Situation  in  der Hauptstadt Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlauf  des  vergangenen  Jahres  nicht  weiter  verschlechtert  hat  und  die  humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch  ist,  kann  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kabul  unter  Umständen als zumutbar erachtet werden. Solche Umstände könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben sein,  wenn  es  sich,  wie  vorliegend,  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann  handelt.  Angesichts  der  konstanten  Verschlechterung  der  Lage  über  die  vergangenen  Jahre  hinweg  und  der  auch  in  Kabul  schwierigen  Situation  versteht  es  sich  indessen  von  selbst,  dass  die  bereits  in  EMARK  2003  Nr.  10  formulierten  strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssen,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren.  Unabdingbar ist in erster Linie ein soziales Netz, das sich im Hinblick auf 

D­3026/2010 die  Aufnahme  und  Wiedereingliederung  des  Rückkehrers  als  tragfähig  erweist.  Ohne  Unterstützung  durch  Familie  oder  Bekannte  würden  die  schwierigen  Lebensverhältnisse  auch  in  Kabul  unweigerlich  in  eine  lebensbedrohende  Situation  führen.  Für  einen  Rückkehrer  aus  Europa  besteht, aufgrund der Vermutung, dass er Devisen auf sich  trägt, gleich  nach seiner Ankunft in Kabul ein erhöhtes Risiko, entführt oder überfallen  zu  werden.  Verfügt  er  auf  der  anderen  Seite  über  keine  genügenden  finanziellen Mittel,  hätte  er  ohne  soziale  Vernetzung  kaum Aussicht  auf  eine zumutbare Unterkunft. Auch bei der Arbeitssuche  ist die Anstellung  selbst  von  unqualifizierten  Arbeitskräften  regelmässig  von  persönlichen  Beziehungen  abhängig.  Eine  die  Gesundheit  nur  einigermassen  garantierende  Ernährung  wäre  ohne  die  Hilfe  von  nahe  stehenden  Personen  ebenfalls  kaum  möglich,  und  der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig; Unterstützungsmassnahmen der Regierung oder  internationaler Organisationen  können  laut  zuverlässigen Quellen  daran  nichts  ändern.  Kämen  in  einer  solchen  Situation  noch  gesundheitliche  Umstellungsschwierigkeiten  hinzu,  geriete  auch  ein  junger  gesunder  Mann  ohne  soziale  Vernetzung  unweigerlich  innert  absehbarer  Zeit  in  eine existenzbedrohende Situation (vgl. a.a.O. E. 9.9.1 f.). 5.3.2.  Gemäss  eigenen  Angaben  lebte  der  (...)­jährige,  soweit  aktenkundig gesunde und ledige Beschwerdeführer seit seiner Geburt bis  eine  Woche  vor  seiner  Ausreise,  als  er  sich  zusammen  mit  seinem  Bruder  bei  einem Freund  seines Grossvaters  in E._______ aufgehalten  habe, in Kabul, wobei er die letzten (...) Jahre vor der Ausreise bei seinen  Grosseltern  gelebt  habe.  Zudem  lebten  gemäss  den  Ausführungen  im  Empfangszentrum  zwei  Tanten  väterlicherseits  ebenfalls  in  Kabul  (vgl.  act. A1/13, S. 3). In seiner Stellungnahme vom 22. November 2011 bringt  der  Beschwerdeführer  nun  vor,  sein  Grossvater  sei  mittlerweile  verstorben, die Grossmutter sei  in ärztlicher Behandlung und die beiden  Tanten  hätten  mittlerweile  Afghanistan  verlassen,  weshalb  er  bei  einer  Rückkehr  nach  Kabul  nicht  mehr  auf  ein  tragfähiges  Beziehungsnetz  zurückgreifen  könne.  Zum  Beleg  dieser  Vorbringen  reichte  er  ein  Schreiben  der  Gemeinde  sowie  ein  Schreiben  von  fünf  Nachbarn  ein,  welche den Tod des Grossvaters bestätigen würden. Gleichzeitig  stellte  er  eine  noch  einzureichende  amtliche  Todesbescheinigung  in  Aussicht.  Diesbezüglich  ist  festzuhalten,  dass  durch  die  eingereichten  Bestätigungen nicht erstellt ist, dass es sich bei der verstorbenen Person  tatsächlich  um  den  Grossvater  des  Beschwerdeführers  handelt,  zumal  der  darin  aufgeführte  Name  vom  Namen  abweicht,  der  vom  Beschwerdeführer anlässlich der Erstbefragung genannt wurde (vgl. act. 

D­3026/2010 A1/13, S. 3). Ausserdem  liegen keine Belege vor, dass die zwei Tanten  Afghanistan respektive Kabul tatsächlich verlassen hätten. Diesbezüglich  erscheinen  die  Ausführungen  auf  Seite  2  der  Stellungnahme  vom  22.  November  2011  widersprüchlich:  beide  Tanten  sollen  mittlerweile  Afghanistan verlassen haben, aus der Klammerbemerkung  ist  jedoch zu  schliessen,  dass  doch  noch  eine  Tante  in  der  Heimat  des  Beschwerdeführers  lebe  "(eine  lebt  in  Afghanistan,  die  andere  laut  Angaben  der  Grossmutter  höchstwahrscheinlich  im  Iran)".  Doch  selbst  wenn  vom  Tod  des  Grossvaters  ausgegangen  würde  und  die  beiden  Tanten  Afghanistan  verlassen  hätten,  ist  für  den  Beschwerdeführer  weiterhin  von  einem  tragfähigen  Beziehungsnetz  in  Kabul  auszugehen.  So  befindet  sich  die  Grossmutter  nach  wie  vor  in  Kabul  und  es  ist  anzunehmen,  dass  er  nach  seiner  Rückkehr  erneut  bei  dieser  wohnen  kann  und  sie  ihn  allenfalls  bei  der  Suche  nach  einer  Arbeitsstelle  unterstützt.  Alleine  der  Umstand,  dass  seine  Grossmutter  in  ärztlicher  Behandlung sei, vermag an dieser Einschätzung nichts zu ändern, zumal  es  ihr  möglich  war,  dem  Beschwerdeführer  die  eingereichten  Beweismittel  in  die  Schweiz  zukommen  zu  lassen,  und  sie  ihm weitere  Beweismittel – die den Tod des Grossvaters offiziell bestätigen würden –  in  die  Schweiz  schicken  will.  Nach  dem  Dargelegten  kann  darauf  verzichtet werden, die  in der Stellungnahme vom 22. November 2011  in  Aussicht  gestellten  Beweismittel  zum  angeführten  Tod  des Grossvaters  abzuwarten  (antizipierte  Beweiswürdigung;  FRITZ  GYGI,  Bundesverwaltungsrechtspflege,  2.  Aufl.,  Bern  1983,  S.  274;  BVGE  2008/24 E. 7.2, EMARK 2003 Nr. 13 S. 84). 5.3.3.  Im  Weiteren  verfügt  er  über  eine  zwölfjährige  Schulbildung  und  Englischkenntnisse.  Zudem  wird  das  Beschwerdeverfahren  seines  Bruders B._______ mit Urteil  gleichen Datums  abgewiesen,  so  dass  er  die  Rückkehr  in  seine  Heimat  nicht  alleine  zu  bewerkstelligen  hat  und  gegebenenfalls  auch  von  diesem  Unterstützung  erhalten  kann.  Zwar  leben  seine  Eltern  und  seine  Schwester  seit  einigen  Jahren  in  der  Schweiz.  Jedoch  werden  diese  den  Beschwerdeführer  (zumindest  finanziell)  unterstützen, was denn auch bislang so gewesen sein dürfte:  So  glaubt  er,  dass  sein  Vater  seinem  Grossvater  Geld  geschickt  habe  (vgl.  act.  A1/13,  S. 2  unten).  Ausserdem  verfügt  er  eigenen  Angaben  zufolge in I._______ über weitere Verwandte (vgl. act. A1/13, S. 3), deren  Unterstützung  er  im  Bedarfsfall  mutmasslich  erhalten  könnte.  Daher  ist  davon  auszugehen,  dass  er  nach  seiner  Rückkehr  wieder  bei  seiner  Grossmutter leben und sich auch beruflich integrieren kann. Es steht ihm  zudem  offen,  beim  BFM  ein  Gesuch  um  Rückkehrhilfe  zu  stellen;  eine 

D­3026/2010 Ausrichtung  derselben  würde  ihm  den  Wiedereinstieg  in  seine  Heimat  ebenfalls erleichtern (Art. 74 der Asylverordnung 2 vom 11. August 1999  über Finanzierungsfragen [AsylV 2, SR 142.312]). 5.4.  Nach  Berücksichtigung  aller  wesentlicher  Entscheidungselemente  erweist  sich  der  Vollzug  der Wegweisung  des  Beschwerdeführers  nach  Kabul als zumutbar. 5.5.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art.  8  Abs.  4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art.  83  Abs.  2  AuG). 5.6. Insgesamt ist der durch die Vorinstanz verfügte Wegweisungsvollzug  zu  bestätigen.  Die  Vorinstanz  hat  den  Vollzug  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung  der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG). 6.   Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 7.  7.1. Mit Zwischenverfügung vom 11. Mai 2010 wurde die Behandlung des  Gesuchs  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne  von Art.  65 Abs. 1 VwVG auf einen späteren Zeitpunkt  verwiesen. Eine  Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, wird auf Antrag hin  von  der  Bezahlung  der  Verfahrenskosten  befreit,  sofern  ihr  Begehren  nicht  aussichtslos  erscheint  (Art.  65  Abs.  1  VwVG).  Dabei  verfügt  eine  Person  dann  nicht  über  die  erforderlichen  Mittel,  wenn  sie  ohne  Beeinträchtigung des notwendigen Lebensunterhaltes die Prozesskosten  nicht zu bestreiten vermag. Eine Beschwerde gilt dann als aussichtslos,  wenn  die  Gewinnaussichten  beträchtlich  geringer  sind  als  die  Verlustgefahren  und  deshalb  kaum  als  ernsthaft  bezeichnet  werden  können (vgl. BGE 125 II 265 E. 4b S. 275). 7.2.  Es  ist  von  der  Bedürftigkeit  des  Beschwerdeführers  auszugehen.  Auch  können  die  Begehren  der  Beschwerde  nicht  als  aussichtslos 

D­3026/2010 bezeichnet  werden.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  ist somit gutzuheissen, weshalb keine Verfahrenskosten  aufzuerlegen sind. (Dispositiv nächste Seite)

D­3026/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Thomas Wespi Stefan Weber Versand:

D-3026/2010 — Bundesverwaltungsgericht 12.01.2012 D-3026/2010 — Swissrulings