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Bundesverwaltungsgericht 11.08.2011 D-267/2010

11 agosto 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,434 parole·~12 min·2

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­267/2010 Urteil   v om   1 1 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Fulvio Haefeli (Vorsitz), Richter Martin Zoller, Richter Pietro Angeli­Busi; Gerichtsschreiber Gert Winter. Parteien A._______, geboren (...), alias A._______, geboren (…), alias A._______, geboren (…), alias A._______, geboren (…), Afghanistan, vertreten durch Antigone Schobinger, Rechtsanwältin, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 10. Dezember 2009 / N .

D­267/2010 Sachverhalt: A.  A.a. Der Beschwerdeführer  reiste  eigenen Angaben  zufolge  am  4.  Juni  2009  von  Kabul  aus  auf  dem  Luftweg  aus  dem  Heimatstaat  aus  und  gelangte  am  19.  September  2009  unkontrolliert  in  die  Schweiz,  wo  er  noch  gleichentags  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  M._______ ein Asylgesuch stellte. Anlässlich der Befragung zur Person  (BzP)  vom  28. September  2009  im  EVZ  M._______  und  der  Direktanhörung  vom  1. Dezember  2009  durch  das  BFM  machte  der  Beschwerdeführer zur Begründung seines Asylgesuchs  im Wesentlichen  geltend,  er  sei  afghanischer  Staatsangehöriger,  ethnischer  Tadschike,  und  habe  von Geburt  an  bis  zu  seinem  27.  Lebensjahr  zusammen mit  seinen Eltern und Geschwistern in Kabul gewohnt. Seine Familie gehöre  der Mittelschicht an. In Kabul habe er während 12 Jahren die Schulbank  gedrückt  und  das  Gymnasium  abgeschlossen.  Gearbeitet  habe  er  in  verschiedenen  Berufen,  beispielsweise  als  Schneider,  Kalligraph  (Werbung),  Bau­Maler,  Sanitärinstallateur  und  Automechaniker.  Zuletzt  habe  er  in  einem Bazar  ein  kleines,  gut  laufendes Geschäft  geführt,  in  dem  er  vor  allem  Aufträge  für  Beschriftungen  von  Werbetafeln  und  dergleichen entgegengenommen habe.  Im Jahre 2008 sei er zusammen  mit  seinen  Eltern  und  seiner  jüngsten  Schwester  ins  Dorf  N._______  (Provinz  P._______)  umgezogen,  von  wo  die  Familie  ursprünglich  stamme  und  wo  sie  ein  Haus  sowie  Land  besitze.  Drei  weitere  Schwestern  wohnten  weiterhin  mit  ihren  Ehemännern  und  Kindern  in  Kabul.  Im Bazar  in  (…) habe er wieder erfolgreich ein  kleines Geschäft  betrieben,  welches  Aufträge  für  Malerarbeiten,  Reklamebeschriftungen  und  Holzarbeiten  ausgeführt  habe.  Im  Sommer  2008,  d.h.  etwa  vier  Monate vor seiner Ausreise aus dem Heimatstaat, habe er in O._______  an  einem  Hochzeitsfest  teilgenommen.  Diese  Hochzeitsgesellschaft  sei  von  den  Taliban  mit  einer  Handgranate  angegriffen  worden.  Er  selbst  sowie  einige  weitere  Personen  seien  von  den  Taliban  festgenommen,  gefesselt  und  mit  verbundenen  Augen  an  einen  ihm  unbekannten  Ort  geleitet worden, wo sie zwei bis drei Tage lang in einem Haus zugebracht  hätten.  In dieser Zeit  sei  er  von den Taliban misshandelt worden. Doch  dank  des  Einflusses  der  Dorfältesten  seien  er  und  die  anderen  Festgehaltenen  freigelassen  worden,  verbunden  mit  der  Drohung,  bei  wiederholter Teilnahme an unsittlichen Festen mit Musik, Tanz etc. habe  er  mit  massiven  Konsequenzen  zu  rechnen.  Wegen  dieser  Entführung  durch  die  Taliban  und  aus  Angst  vor  den  Drohungen  beziehungsweise 

D­267/2010 zukünftigen  Übergriffen  der  Taliban  in  seiner  Heimatgegend  habe  er  seinen  Heimatstaat  am  4.  Juni  2009  verlassen.  Zudem  fürchte  er  sich  auch wegen der allgemein unsicheren Lage  (Selbstmordanschläge etc.)  in  seiner  Heimatregion  P._______,  in  Kabul  und  in  anderen  Orten  in  Afghanistan. A.b.  Zum  Beleg  seiner  Identität  reichte  der  Beschwerdeführer  seine  Taskara und seinen Führerschein zu den Akten. A.c.  Der  Bruder  des  Beschwerdeführers  lebt  ungefähr  seit  dem  Jahre  2001 in der Schweiz. B.  Mit  Verfügung  vom  10.  Dezember  2009  –  eröffnet  am  17.  Dezember  2009 –  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft nicht, und  lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig  ordnete es die Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. Zur  Begründung  hielt  die  Vorinstanz  im  Wesentlichen  fest,  die  vom  Beschwerdeführer  vorgebrachte  Entführung,  Festhaltung  und  massive  Bedrohung seiner Person seitens der Taliban sei nicht glaubhaft,  zumal  er  mit  seinen  unsubstanziierten,  ausweichenden,  allgemein  gehaltenen  Schilderungen zu keinem Moment den Eindruck habe vermitteln können,  die vorgebrachten Übergriffe selbst erlebt zu haben. Zudem habe er sich  in zahlreiche Widersprüche verstrickt. Dementsprechend liege es auf der  Hand, dass es sich bei seinen Vorbringen zum behaupteten Anschlag auf  die Hochzeitsgesellschaft, bei seiner Entführung, bei der Festhaltung und  Bedrohung um ein Sachverhaltskonstrukt  handle. Diese Vorbringen des  Beschwerdeführers  hielten  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  gemäss Art. 7 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998  (AsylG, SR 142.31)  nicht stand, weshalb ihre Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. Zwar  habe  der  Beschwerdeführer  auch  noch  geltend  gemacht,  die  Sicherheitslage in seiner Heimatregion P._______ wie auch in Kabul und  vielen anderen Orten  in Afghanistan  sei  sehr  schlecht. Doch  stellten  im  Rahmen  von  Krieg  oder  Situationen  allgemeiner  Gewalt  erlittene  Nachteile  keine  Verfolgung  im  Sinne  des  Asylgesetzes  dar,  soweit  sie  nicht auf der Absicht beruhten, einen Menschen aus einem der  in Art. 3  AsylG  erwähnten  Gründe  zu  treffen.  In  diesem  Sinne  sei  die  vom  Beschwerdeführer  erwähnte,  allgemein  unsichere  Lage  nicht  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  asylrelevant.  Trotz  teilweise  angespannter  Sicherheitslage  in  Afghanistan  könne  nicht  von  einer  konkreten  Gefährdung  der  gesamten  Bevölkerung  in  Afghanistan  oder  einer 

D­267/2010 Situation  allgemeiner  Gewalt  im  Sinne  von  Art.  83  Abs.  4  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20)  ausgegangen  werden.  Im  Falle  des  Beschwerdeführers  sei  zudem  Folgendes  anzumerken:  Das  BFM  gehe  davon  aus,  dass  es  dem  Beschwerdeführer  möglich  sei,  sich  in  Kabul  niederzulassen und sich dort wiederum eine Existenz aufzubauen, zumal  er  27  von  seinen  bisherigen  28  Lebensjahren  in  Kabul  verbracht  habe,  dort  12  Jahre  lang  die  Schule  besucht  und  das  Gymnasium  abgeschlossen  habe.  Ausserdem  sei  er  dort  in  verschiedenen  Berufen  langjährig beruflich aktiv gewesen  (als Schneider, Bau­Maler, Kalligraph  [Werbung], Sanitärinstallateur) und habe erfolgreich ein eigenes, kleines  Geschäft  betrieben.  Zudem  lebten  in  Kabul  drei  Schwestern  mit  ihren  Ehemännern  und  Kindern,  weitere  Verwandte  (Tanten  väterlicherseits  und Onkel mütterlicherseits) sowie gute Freunde des Beschwerdeführers.  In diesem Sinne gebe es auch keine individuellen Gründe, die gegen die  Zumutbarkeit eines Wegweisungsvollzugs nach Afghanistan sprächen. C.  Mit  Beschwerde  vom  15.  Januar  2010  liess  der  Beschwerdeführer  die  nachfolgend aufgeführten Anträge stellen: 1. Die  angefochtene  Verfügung  der  Vorinstanz  sei  vollumfänglich  aufzuheben. 2. Es  sei  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft erfülle, 3. Die  Vorinstanz  sei  anzuweisen,  dem  Beschwerdeführer  Asyl  zu  gewähren. 4. Eventualiter sei die Unzulässigkeit, Unzumutbarkeit und Unmöglichkeit  des Wegweisungsvollzugs  festzustellen und die Vorinstanz anzuweisen,  den Beschwerdeführer vorläufig in der Schweiz aufzunehmen. 5. Der  Beschwerdeführer  sei  von  der  Bezahlung  von  Verfahrenskosten  zu  befreien.  Zudem  sei  ihm  in  der  Person  des  Unterzeichnenden  ein  unentgeltlicher Rechtsbeistand zu bestellen. Auf  die  Begründung  wird,  soweit  wesentlich,  in  den  nachfolgenden  Erwägungen eingegangen. D.  D.a. Mit Zwischenverfügung  vom 19.  Januar 2010 hiess der  zuständige  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  das  Gesuch  um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das 

D­267/2010 Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) unter der Voraussetzung des  Nachreichens  einer  Fürsorgebestätigung  sowie  unter  Vorbehalt  der  Veränderung  der  finanziellen  Lage  des  Beschwerdeführers  gut  und  forderte  diesen  auf,  bis  zum 3.  Februar  2010  eine  Fürsorgebestätigung  nachzureichen  oder  mittels  beigelegtem  Einzahlungsschein  einen  Kostenvorschuss  von  Fr. 600.—  zu  Gunsten  der  Gerichtskasse  zu  überweisen.  Gleichzeitig  wies  er  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 2 VwVG ab. D.b.  Der  Beschwerdeführer  liess  die  einverlangte  Fürsorgebestätigung  am 2. Februar 2010 (Poststempel) zu den Akten reichen. E.  E.a.  Mit  Eingaben  vom  17.  und  18.  März  2010  liess  der  Beschwerdeführer einige Beweismittel zu asylrelevanten Ereignissen, die  sich erst nach seiner Flucht zugetragen hätten, einreichen: ein Schreiben  von  B._______  vom  2. Dezember  2010  in  Kopie  nebst  zugehörigem  Lieferschein, eine Auskunft der SFH vom 10. März 2010 in Kopie, ein Al­ Jazeera­Interview mit B._______, ein Exemplar der Zeitschrift Tora Bora,  eine Frage an die SFH vom 10. März 2010 sowie die Antwort  der SFH  vom 10. März 2010. Im  Zusammenhang  mit  dem  erstmals  geltend  gemachten  Sachverhalt  stellte er folgende Zusatzanträge: 1. Es  sei  bei  der  schweizerischen  Vertretung  in  Afghanistan  eine  Auskunft  über  B._______  einzuholen.  Dem  Beschwerdeführer  sei  der  Fragenkatalog über den Unterzeichnenden vorgängig zu unterbreiten und  dem Beschwerdeführer Gelegenheit zu geben, dazu Stellung zu nehmen  und ergänzende Fragen zu stellen. 2. Es  sei  bei  der  schweizerischen  Vertretung  in  Afghanistan  eine  Auskunft  über  die  Vorladung  des  Beschwerdeführers  vor  ein  Talibangericht  in  der  Provinz  Q._______  einzuholen.  Dem  Beschwerdeführer  sei  der  Fragenkatalog  über  seinen  Rechtsvertreter  vorgängig  zu  unterbreiten  und  ihm  Gelegenheit  einzuräumen,  dazu  Stellung zu nehmen und ergänzende Fragen zu stellen. E.b. Mit  Eingabe  vom  16.  April  2010  liess  der  Beschwerdeführer  das  Original  der  den  Beschwerdeführer  betreffenden  Vorladung  durch  den  Talibankommandanten  B._______  nebst  deutscher  Übersetzung  sowie  einen psychiatrischen Bericht vom 15. April 2010 zu den Akten  reichen.  Diesem  Bericht  zufolge  wurden  beim  Beschwerdeführer  folgende 

D­267/2010 Diagnosen gestellt: akute erweiterte Belastungsreaktion (ICD­10: F43.0),  posttraumatische  Belastungsstörungen  (PTBS;  ICD­10;  F43.1),  Anpassungsstörungen  (ICD­10:  F43.2).  Im  Übrigen  befinde  sich  der  Beschwerdeführer derzeit gemäss einer telefonischen Information seines  Psychiaters  nach  einem  Suizidversuch  in  der  Psychiatrischen  Klinik  Königsfelden. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

D­267/2010 3.  Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung des Schriftenwechsels verzichtet. 4.  4.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 5.  5.1.  In  seiner  Beschwerdeschrift  vom  15.  Januar  2010  macht  der  Beschwerdeführer  im Wesentlichen  geltend,  er  habe  nach  der  illegalen  Überschreitung der Schweizer Grenze ein traumatisierendes Erlebnis auf  einem  Polizeiposten  gehabt,  indessen  davon  abgesehen,  in  diesem  Zusammenhang  Strafanzeige  zu  erstatten.  Stattdessen  sei  das  Vorkommnis bei der Beurteilung der Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen zu  berücksichtigen.  Der  Beschwerdeführer  habe  nämlich,  entgegen  den  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung,  die  fluchtbegründenden  Ereignisse  grundsätzlich  genügend  konkret  und  schlüssig  dargelegt.  Es  gebe  aber  Gründe  für  den  desorientierten  Eindruck,  den  der  Beschwerdeführer teilweise hinterlassen habe. Hiezu gehöre neben dem  mit  der  Hochzeit  in  Afghanistan  in  Zusammenhang  stehenden  Trauma  auch  das  durch  die  schweizerische  Polizei  ausgelöste  Trauma. 

D­267/2010 Bekanntlich  könnten  traumatisierte  Flüchtlinge  keine  lückenlosen  und  in  sich stimmigen Fluchtgründe schildern. Dementsprechend seien knappe  und  äusserst  stereotyp  wirkende  Angaben  noch  kein  Indiz  für  die  mangelhafte Glaubhaftigkeit der Vorbringen. Der Beschwerdeführer habe  sich  entgegen  den  vorinstanzlichen  Erwägungen  auch  nicht  widersprüchlich  geäussert.  So  habe  er  nie  davon  gesprochen,  dass  die  Taliban­Anhänger  ihn  in  einem  Auto  abtransportiert  hätten.  Es  müsse  sich vielmehr um ein sprachliches Missverständnis handeln. Während der  ganzen  BzP  sei  es  zu  Missverständnissen  gekommen,  wie  etwa  die  Bezifferung  der  Reisekosten  auf  90'000  US  Dollar  belege.  Im  Übrigen  stehe  die  Sachverhaltsdarstellung  des  Beschwerdeführers  im  Einklang  mit  den  Beobachtungen  von  Hilfswerken  und  Nichtregierungsorganisationen.  Ferner  habe  der  Vater  des  Beschwerdeführers  in  der  Zwischenzeit  ein  Schreiben  eines  Talibankommandanten, seines Zeichens ranghoher Vertreter der Taliban­ Schattenregierung  beziehungsweise  Sicherheitsverantwortlicher  der  Provinz Kabul, zugestellt erhalten, wonach sich sein Sohn in der Provinz  Q._______ beim Zentralgericht  des  Islamischen Emirats Afghanistan  zu  melden habe zwecks Abklärung der Frage, ob der Beschwerdeführer  in  Kabul  für  ausländische  Nachrichtendienste  arbeite.  Dementsprechend  habe  der  Beschwerdeführer  begründete  Furcht  vor  Verfolgungsmassnahmen  seitens  der  Taliban.  Überdies  sei  der  Wegweisungsvollzug  nach  Afghanistan  als  unzulässig  und  unzumutbar  zu  betrachten,  zumal  es  sich  vor  kurzem  als  unumgänglich  erwiesen  habe,  den  Beschwerdeführer  psychiatrisch  zu  hospitalisieren.  Da  es  in  Afghanistan nur wenige Psychiater, Psychiatriepfleger und Sozialarbeiter  gebe  und  auch  nicht  genügend  Einrichtungen  zur  Behandlung  von  Trauma­Patienten  vorhanden  seien,  erscheine  der Wegweisungsvollzug  als unzulässig, zumindest aber als unzumutbar. 5.2. Diese Vorbringen  in der Beschwerdeschrift vermögen nicht zu einer  veränderten Betrachtungsweise  zu  führen. So  ist  zum einen nicht  allein  gestützt  auf  eine  Parteibehauptung  davon  auszugehen,  es  habe  in  der  Schweiz  einen  unzulässigen  Übergriff  seitens  der  Polizei  auf  den  Beschwerdeführer  gegeben.  Träfen  die  entsprechenden  Behauptungen  des Beschwerdeführers zu, hätte er eine Strafanzeige erstatten können.  Fehlendes  Vertrauen  in  die  hiesigen  Behörden  dürfte  einen  Asylgesuchsteller  ohnehin  kaum  je  von  einer  entsprechenden  Strafanzeige abhalten, stellte sich doch andernfalls die Frage, weshalb er  überhaupt  in  der  Schweiz  und  nicht  anderswo  um  Asyl  ersuchte.  Demnach  ist  der  zwar  geltend  gemachte,  aber  beweislos  gebliebene 

D­267/2010 polizeiliche  Übergriff  auf  den  Beschwerdeführer  in  der  Schweiz  bei  der  Würdigung  der  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  ausser  Acht  zu  lassen.  Zum  anderen  ist  auf  die  Protokolle  der  Anhörungen  vom  28. September  und  1.  Dezember  2009  hinzuweisen,  welche  belegen,  dass  die  Verständigung  zwischen  Dolmetscher  und  Beschwerdeführer  aus der Warte des Beschwerdeführers gut beziehungsweise sehr gut war  (A1/12 Ziff.  3 S. 2, Ziff.  23 S. 10, A27/20 F1 S. 1). Da die Dolmetscher  vorgängig  ihres  Einsatzes  unter  anderem  auch  auf  ihre  fachlichen  Fähigkeiten  hin  geprüft  werden,  können  Widersprüche  zwischen  den  Anhörungen  auch  nicht  der  Einfachheit  halber  auf  fachliche  Unzulänglichkeiten  eines  Dolmetschers  zurückgeführt  werden.  Ebenso  wenig dürften eigentliche Missverständnisse Anlass zu widersprüchlichen  Protokollinhalten  gegeben  haben,  wurden  doch  beide  Protokolle  dem  Beschwerdeführer  nach  Abschluss  der  jeweiligen  Anhörung  rückübersetzt.  Bei  dieser  Gelegenheit  bestätigte  er  jeweils,  der  Protokollinhalt entspreche seinen Äusserungen. Dementsprechend muss  sich  der  Beschwerdeführer  bei  seinen  Erklärungen,  wie  sie  in  die  Protokolle  Eingang  fanden,  behaften  lassen.  Zudem  ist  dem  Umstand  Rechnung  zu  tragen,  dass  es  sich  beim  Beschwerdeführer  um  eine  Person  mit  überdurchschnittlicher  formaler  Bildung  handelt,  schloss  er  doch eigenen Angaben zufolge die gymnasiale Ausbildung erfolgreich ab.  Es  ist  dementsprechend  nicht  einzusehen,  weshalb  er  nach  eigener  Angabe bestimmte wesentliche Daten seines Lebenslaufs wie etwa den  Zeitpunkt  seines Wegzugs  von Kabul  schriftlich  sollte  notieren müssen,  um  sich  daran  zu  erinnern  (A27/20  F34  S.  4).  Vielmehr  drängt  sich  angesichts  derartiger  Bemerkungen  der  Eindruck  auf,  der  Beschwerdeführer habe bei seinen Schilderungen nicht auf Erinnerungen  an tatsächliche Begebenheiten zurückgreifen können. Wer in Wirklichkeit  "regelrecht  vom  Tod  verfolgt"  wird,  wie  der  Beschwerdeführer  beteuert  (A1/12  Ziff.  15  S.  7),  dürfte  dies  im  Allgemeinen  als  belastende  Erinnerung  empfinden.  In  den  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  fehlt  indessen dieser Bezug zur Wirklichkeit, hätte er doch sonst bei der BzP  nicht  von  einer  sehr  langen  Autofahrt  gesprochen  (A1/12  Ziff.  15  S. 7),  während  demgegenüber  anlässlich  der  Direktanhörung  lediglich  von  einem Fussmarsch die Rede war (A27/20 F134 – F137). Angesichts der  ebenso  zahlreichen  wie  krassen  Widersprüche  wird  in  diesem  Zusammenhang  zur  Vermeidung  von  Wiederholungen  auf  die  zutreffenden  Erwägungen  der  vorinstanzlichen  Verfügung  verwiesen.  Auch  das  nachträglich  eingereichte  Dokument  vom  3.  Dezember  2009,  das  der  Beschwerdeführer  einem  Kommandanten  namens  B._______  zugeschrieben  haben  möchte,  vermag  nicht  zu  einer  veränderten 

D­267/2010 Betrachtungsweise zu führen, zumal derartige Schreiben von irgendeiner  beliebigen  Person  verfasst  und  abgestempelt  werden  können.  Insbesondere  der  Inhalt  des  Schreibens  lässt  jedenfalls  nicht  den  Eindruck  aufkommen,  ein  hochrangiger  Kommandant  der  Taliban  sei  tatsächlich der Aussteller dieses Schriftstücks. Dementsprechend hat der  Beschwerdeführer auch keinen Anlass, für den Fall einer Rückkehr in den  Heimatstaat begründete Furcht zu hegen. Bei dieser Sachlage erübrigen  sich Abklärungen bei der schweizerischen Vertretung  in Afghanistan zur  Person  von  B._______  oder  zur  sogenannten  Vorladung  vor  ein  Militärgericht  der  Taliban,  zumal  derartige  Beweiserhebungen  nicht  geeignet sind, die rechtliche Überzeugung des Gerichts zu ändern (siehe  zur antizipierten Beweiswürdigung Entscheidungen und Mitteilungen der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2003  Nr. 13  E.  4c  S. 84,  Alfred  Kölz/Isabelle  Häner,  Verwaltungsverfahren  und  Verwaltungsrechtspflege  des  Bundes,  2.  Aufl.,  Zürich  1998,  S.  39,  Rz. 111 mit Hinweis auf BGE 122 V 162, 119 Ib 505 f.). 5.3. Aufgrund der vorstehenden Erwägungen besteht kein Anlass, auf die  weiteren Ausführungen  in der Beschwerde und zusätzliche Beweismittel  im  Einzelnen  einzugehen,  weil  sie  am  Ergebnis  nichts  ändern  können.  Ebenso  wenig  gibt  es  Anlass  zur  Erhebung  weiterer  Beweise.  Unter  Berücksichtigung  der  gesamten  Umstände  folgt,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  nachweisen  oder  glaubhaft machen konnte. Das Bundesamt hat sein Asylgesuch zu Recht  abgelehnt. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1  AsylG;  BVGE  2009/50  E.  9  S.  733  mit  weiteren  Hinweisen,  EMARK 2001 Nr. 21). 7. 

D­267/2010 7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des 

D­267/2010 Beschwerdeführers  in  den  Heimatstaat  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft machen,  dass  ihm  im Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  im  Heimatstaat  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  klarerweise nicht als unzulässig erscheinen. Nach dem Gesagten ist der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig, zumal auch der EGMR bereits  in  seinem  Urteil  vom  20.  März  1991  i.S.  Cruz  Varas  gegen  Schweden  (Beschwerde  Nr.  46/1990/237307)  entschieden  hat,  der  Vollzug  der  „Ausweisung“  von  Personen,  welche  an  einer  posttraumatischen  Belastungsstörung  leiden  beziehungsweise  suizidgefährdet  sind,  verstosse grundsätzlich nicht gegen Art. 3 EMRK (vgl. a.a.O. E. 44, 45,  46, insbesondere 77 – 86). Die schweizerische Rechtsprechung steht im  Einklang  mit  derjenigen  der  Strassburger  Organe  (siehe  im  Zusammenhang mit der Problematik der Suizidalität EMARK 2005 Nr. 23  E.  5.1  S. 212).  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen  zulässig. 7.4.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.4.1. Das Gericht kommt in seinem Grundsatzurteil BVGE E­7625/2008  zu  Afghanistan  vom  16.  Juni  2011  zum Schluss,  dass  in  weiten  Teilen  von  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten  (vgl.  a.a.O. 

D­267/2010 E. 9.9.2 f.) – eine derart schlechte Sicherheitslage und derart schwierige  humanitäre  Bedingungen  bestehen,  dass  die  Situation  als  existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren ist. 7.4.2.  Von  dieser  allgemeinen  Feststellung  ist  die  Situation  in  der  Hauptstadt  Kabul  zu  unterscheiden.  Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlauf  des  vergangenen  Jahres  nicht  weiter  verschlechtert  hat  und  die  humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den übrigen Gebieten etwas weniger dramatisch ist, kann der Vollzug der  Wegweisung  nach  Kabul  unter  Umständen  als  zumutbar  qualifiziert  werden. Solche Umstände könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben sein,  wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann  handelt.  Angesichts  der  im  obgenannten Urteil  aufgezeigten  konstanten  Verschlechterung der Lage über die vergangenen Jahre hinweg und der  auch  in  Kabul  schwierigen  Situation  versteht  es  sich  aber  von  selbst,  dass  die  bereits  in  EMARK  2003  Nr.  10  formulierten  strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssen,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren. Unabdingbar ist in erster Linie ein soziales Netz, das sich im  Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehres als  tragfähig  erweist.  Ohne  Unterstützung  durch  Familie  oder  Bekannte  würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in  eine existenzielle beziehungsweise lebensbedrohende Situation führen. 7.4.3. Wie  sich  aus  den Aussagen  des Beschwerdeführers  ergibt,  lebte  dieser  von  Geburt  an  bis  zur  Ausreise  aus  dem  Heimatstaat  grossmehrheitlich,  d.h.  mehr  als  zwanzig  Jahre,  in  Kabul.  Er  hat  dort  insbesondere  eine  gymnasiale,  insgesamt  zwölfjährige  Ausbildung  erfolgreich  abgeschlossen  und  sich  anschliessend  für  die  Universitätsaufnahmeprüfung vorbereitet (A1/12 Ziff. 8 S. 3). Gleichzeitig  blickt  er  auf mehrjährige  berufliche  Erfahrung  als  Kalligraph,  Baumaler,  Sanitärinstallateur und Schneider zurück, weshalb er dank seiner Bildung  und  praktischen  Berufserfahrung  in  der  Lage  sein  müsste,  sich  nach  seiner  Rückkehr  in  Kabul  eine  neue  Existenz  aufzubauen.  Wie  bereits  oben  erwähnt,  setzt  die  Bejahung  einer  zumutbaren  innerstaatlichen  Aufenthaltsalternative  in  Kabul  insbesondere  die  dortige  Existenz  eines  tragfähigen  Beziehungsnetzes  sowie  eine  gesicherte  Wohnsituation  voraus. Wie sich in diesem Zusammenhang aus den Akten ergibt,  leben  mehrere Schwestern  in Kabul (A1/12 Ziff. 12 S. 4), weshalb  in casu von 

D­267/2010 einer  gesicherten  Wohnsituation  auszugehen  ist.  In  der  Heimat  des  Beschwerdeführers  nimmt  die  Bedeutung  der  Familie  nämlich  einen  weitaus  grösseren Raum  als  in Mitteleuropa  ein,  geht  über  die  bei  uns  übliche Kernfamilie  hinaus und bedeutet  unter  anderem, dass man sich  auch  für  Familienangehörige,  die  über  die  nächste  Verwandtschaft  hinausgehen, verpflichtet fühlt. Hinzu kommt, dass er einen Bruder in der  Schweiz  hat,  der  ihn  gegebenenfalls  ebenfalls  unterstützen  kann,  beispielsweise  mit  Geldspenden  und  –  soweit  notwendig –  Medikamentenlieferungen.  Dementsprechend  droht  auf  absehbare  Zeit  grundsätzlich  keine  existenzielle  Notlage.  Getrübt  werden  die  objektiv  guten  Aussichten  des  –  physisch  gesunden  –  Beschwerdeführers  lediglich  durch  seinen  psychischen  Gesundheitszustand.  Indessen  sind  auch  die  im  Zeugnis  vom  15.  April  2010  eines  Arztes  für  Allgemeine  Medizin  bzw.  Facharztes  FMH  Psychiatrie  und  Psychotherapie  aufgelisteten Krankheiten in Kabul behandelbar, gibt es doch dort neben  dem Mental Health Hospital vier Zentren (Khair Khana, Central Polyclinic,  Rahman  Mina,  Arzan  Qeemat),  die  Konsultationen  und  Heimbesuche  anbieten sowie sieben Zentren der Caritas, in denen Trauma­Behandlung  angeboten wird  (vgl. ALEXANDRA GEISER, Schweizerische Flüchtlingshilfe  [SFH], Afghanistan: Behandlung von Trauma in Kabul, Auskunft der SFH­ Länderanalyse,  Bern  11. März  2009,  S.  3).  Man  darf  davon  ausgehen,  dass  die  dort  tätigen  Therapeuten  die  im  obgenannten  Arztzeugnis  als  wichtig  erkannten,  fundierten  Kenntnisse  in  Bezug  auf  den  kulturellen,  religiösen Hintergrund des Patienten besitzen. Für den Beschwerdeführer  ergibt sich bei einer Behandlung im Heimatstaat insofern ein gewichtiger  therapeutischer  Vorteil,  als  er  einem  afghanischen  Arzt  keine  Ausführungen zu machen braucht, die bei genauerer Betrachtung einen  Bezug  lediglich  zum  hiesigen  Asylverfahren,  nicht  aber  zur  eigenen  Lebensgeschichte  erkennen  lassen.  Dementsprechend  kann  er  sich  im  Rahmen der Behandlung auf seine  tatsächlichen psychischen Probleme  konzentrieren. Zu diesem Zweck kann er  im Übrigen auch medizinische  Rückkehrhilfe nach Art. 93 Abs. 1 Bst. d AsylG  in Anspruch nehmen.  In  gesteigertem Masse  gilt  dies  für  den  Fall  akuter  Suizidalität,  sofern  sie  stationär behandelt werden muss. In solchen Fällen haben die Behörden  der Suizidalität mit einer begleiteten Ausschaffung Rechnung zu tragen. 7.4.4.  Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  auch als zumutbar. 7.5.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr 

D­267/2010 notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG). 7.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Verfahrenskosten  grundsätzlich  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63  VwVG).  Diesem  ist  jedoch  mit  Zwischenverfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  19. Januar  2010  die  unentgeltliche  Prozessführung  unter  der  Voraussetzung  des  Nachreichens  einer  Fürsorgebestätigung gewährt worden; diese Bedingung hat er erfüllt. Der  Beschwerdeführer  ist  des  Weiteren  nach  wie  vor  nicht  erwerbstätig,  weshalb auf die Auferlegung der Kosten zu verzichten ist (Art. 65 Abs. 1  VwVG). (Dispositiv nächste Seite)

D­267/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten gesprochen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Fulvio Haefeli Gert Winter Versand:

D-267/2010 — Bundesverwaltungsgericht 11.08.2011 D-267/2010 — Swissrulings