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Bundesverwaltungsgericht 02.08.2011 D-215/2009

2 agosto 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,467 parole·~12 min·1

Riassunto

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 18. Dezember 2008

Testo integrale

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­215/2009 law/mah Urteil   v om   2 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Pietro Angeli­Busi, Gerichtsschreiberin Sarah Mathys. Parteien A._______, geboren am (…), B._______, geboren am (…),  sowie deren Kinder C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), Kosovo und Serbien, Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 18. Dezember 2008 / N (…).

D­215/2009 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführenden,  kosovarische  Staatsangehörige  serbischer  Ethnie  aus  Z._______ mit  letztem Wohnsitz  in  Y._______,  suchten  am  25. August 2008 in der Schweiz um Asyl nach. B.  Am  29. August  2008  erhob  das  BFM  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Kreuzlingen  die  Personalien  des  Beschwerdeführers und befragte  ihn summarisch zum Reiseweg und zu  den Gründen für das Verlassen des Heimatlandes. Er reichte dabei zwei  Arbeitsbestätigungen,  einen  Einsatzplan  vom  September  2005,  eine  Vorladung  vom  9. Mai  2008,  eine  Verfügung  vom  5. März  2008,  die  Papiere  der  Einstellung  der  Suspendierung  vom  27. Mai  2008,  drei  Kopien von vier Fotos, eine Wohnsitzbestätigung vom 22. August  2008,  zwei  Geburtsscheine,  einen  Eheschein  und  die  Identitätskarte  zu  den  Akten.  Am  1. September  2008  wurden  die  Personalien  der  Beschwerdeführerin  erhoben  und  die  Kurzbefragung  im  EVZ  durchgeführt. Sie reichte ihre Identitätskarte zu den Akten. C.  Am  12. September  2008  hörte  das  BFM  die  Beschwerdeführenden  einlässlich  zu  den  Asylgründen  an  und  führte  am  16. Dezember  2008  eine ergänzende Anhörung durch. Der  Beschwerdeführer  machte  zur  Begründung  seines  Asylgesuches  geltend, er habe seit Februar 2001 beim Kosovo Police Service (KPS) als  Grenzpolizist gearbeitet. Nach der Unabhängigkeitserklärung von Kosovo  hätten Anfang März die KPS­Polizisten  serbischer Ethnie auf Druck der  serbischen  Regierung  die  Arbeit  niedergelegt.  Er  persönlich  habe  bei  dieser Aktion eigentlich nicht mitmachen wollen, aber aus Angst vor den  Konsequenzen und Racheakten habe er sich dagegen nicht aufzulehnen  gewagt.  In  der  Folge  sei  er  vorübergehend  suspendiert  und  es  sei  ein  Verfahren  eingeleitet  worden.  Der  Lohn  sei  ihm  aber  weiterhin  bezahlt  worden.  Mit  Entscheid  vom  27. Mai  2008  sei  die  Suspendierung  aufgehoben und er aufgefordert worden, seine Arbeit als Polizist wieder  aufzunehmen.  Er  habe  sich  in  der  Klemme  befunden.  Einerseits  hätten  ihn  die  kosovarische  Regierung  und  einige  albanische  Kollegen  aufgefordert,  die  Arbeit  wieder  aufzunehmen,  andererseits  habe  die  serbische  Regierung  Druck  ausgeübt  und  gedroht,  wenn  sie  die  Arbeit  wieder  aufnähmen,  würden  ihnen  die  Krankenversicherungsleistungen 

D­215/2009 gestrichen.  Ausserdem  sei  er  auch  in  Bedrängnis  von  Einheimischen  gekommen,  die  ihn  teils  offen  beschimpften,  teils  den  Kontakt  mit  ihm  abgebrochen  hätten.  Er  sei  mehrmals  telefonisch  und  auch  persönlich  bedroht worden. Er habe das Haus nur noch selten verlassen. Es habe  ihn belastet und er habe Schlafprobleme bekommen. Seine Frau und die  Kinder  hätten  zusehends  unter  dieser  Situation  gelitten.  Zudem  sei  es  nach  dem  Krieg  zu  verschiedenen  Gewalttaten  gegen  Serben  gekommen. Auch sein Grossvater sei im Jahre 2000 spitalreif geschlagen  worden; später sei er an den Verletzungen gestorben. Ferner habe sein  Vater  im  Jahre  2007  erlebt,  wie  man  sein  Auto  mit  Steinen  beworfen  habe.  Die Beschwerdeführerin machte  ihrerseits geltend, sie sei als Halbwaise  aufgewachsen, da  ihr Vater schon  früh gestorben sei. Ein Bruder sei  im  Militärdienst  umgekommen,  ein  weiterer  an  einer  Krankheit  gestorben  und  ein  Cousin  sei  entführt  worden.  Sie  habe  in  ihrem  Leben  vieles  durchmachen  müssen,  was  ihren  Gesundheitszustand  beeinträchtigt  habe.  Sie  habe  sich  nicht  einmal  zu  Hause  sicher  gefühlt,  weil  es  Schüsse  aus  den  umliegenden  Dörfern  anlässlich  von  albanischen  Feierlichkeiten gegeben habe. Auch die Kinder hätten Angst. Die Tochter  sei gestresst, stehe in der Nacht auf und habe auch in der Schweiz noch  Angst.  Ihr  Mann  sei  wegen  der  Arbeit  beim  KPS  von  der  serbischen  Verwandtschaft und der Bevölkerung nicht angesehen gewesen und sie  seien geschnitten worden. Seit der Unabhängigkeitserklärung sei es noch  schlimmer geworden. Albaner hätten sie am Telefon bedroht und gefragt,  warum ihr Mann die Arbeit nicht wieder aufnehme. Sie habe in ständiger  Angst gelebt. D.  Das  BFM  stellte  mit  Verfügung  vom  18. Dezember  2008  –  eröffnet  am  19. Dezember  2008  –  fest,  die  Beschwerdeführenden  würden  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllen  und  lehnte  deren Asylgesuche  vom  25. August  2008  ab.  Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung  der  Beschwerdeführenden aus der Schweiz und ordnete deren Vollzug an. E.  Mit  Eingabe  vom  13. Januar  2009  (Datum  Poststempel)  erhoben  die  Beschwerdeführenden  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragten,  es  sei  die  Verfügung  in allen Punkten aufzuheben und die vorläufige Aufnahme  in 

D­215/2009 der Schweiz zu gewähren, zumindest bis sich die Situation für die Serben  in Z._______ und Umgebung wieder normalisiert habe. F.  Mit  Verfügung  vom  20. Januar  2009  stellte  der  zuständige  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts  fest,  die  Beschwerdeführenden  könnten  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  und  forderte  sie  auf,  bis  zum  4. Februar  2009  einen  Kostenvorschuss  von  Fr. 600.–  einzuzahlen.  Der  verlangte  Kostenvorschuss wurde am 23. Januar 2009 geleistet. G.  Am  29. Januar  2009  gab  der  Instruktionsrichter  dem BFM Gelegenheit,  eine Vernehmlassung einzureichen. H.  In  der  Vernehmlassung  vom  30. Januar  2009  beantragte  das  BFM  die  Abweisung der Beschwerde. I.  Die  Vernehmlassung  wurde  den  Beschwerdeführenden  am  3. Februar  2009 zur Kenntnisnahme zugestellt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde;  es  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 

D­215/2009 1.2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  und  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i. V. m.  Art. 37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Nachdem  der  einverlangte  Kostenvorschuss  innert  angesetzter  Frist  geleistet  wurde,  ist  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte Beschwerde  (Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG  i. V. m.  Art. 37 VGG und Art. 52 Abs. 1 VwVG) einzutreten. 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen  (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 3.3.  Die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art. 3  AsylG  erfüllt  eine  asylsuchende  Person  nach  Lehre  und  Rechtsprechung  dann,  wenn  sie  Nachteile  von  bestimmter  Intensität  erlitten  hat  beziehungsweise  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft  befürchten 

D­215/2009 muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter  Verfolgungsmotive  durch  Organe  des  Heimatstaates  oder  durch  nichtstaatliche  Akteure  zugefügt worden sind beziehungsweise zugefügt zu werden drohen (vgl.  BVGE  2008/4  E. 5.2  S. 37).  Aufgrund  der  Subsidiarität  des  flüchtlingsrechtlichen  Schutzes  setzt  die  Zuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft ausserdem voraus, dass die betroffene Person  in  ihrem Heimatland keinen ausreichenden Schutz  finden kann (vgl. BVGE  2008/12  E. 7.2.6.2  S. 174  f.,  BVGE  2008/4  E. 5.2  S. 37 f.).  Ausgangspunkt  für  die  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  ist  die  Frage nach der  im Zeitpunkt der Ausreise vorhandenen Verfolgung oder  begründeten  Furcht  vor  einer  solchen.  Die  Situation  im  Zeitpunkt  des  Asylentscheides  ist  jedoch  im  Rahmen  der  Prüfung  nach  der  Aktualität  der  Verfolgungsfurcht  ebenfalls  wesentlich.  Veränderungen  der  objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid  sind  deshalb  zugunsten  und  zulasten  der  das  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (vgl.  BVGE  2008/4  E. 5.4  S. 38  f.,  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, Basel/Bern/Lausanne 2009, Rz. 11.17 und 11.18). 4.  4.1.  Das  BFM  lehnte  das  Asylgesuch  mit  der  Begründung  ab,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden  würden  der  Asylrelevanz  entbehren. Im  Einzelnen  führte  es  aus,  die  schwierige  Arbeitssituation,  in  welcher  sich  der  Beschwerdeführer  befunden  habe,  sei  auf  die  gegenwärtige  Lage im Kosovo zurückzuführen; es seien keine Verfolgungsgründe nach  Art. 3 AsylG ersichtlich. In Bezug auf die allgemeine Lage von Serben im  Kosovo  sei  festzustellen,  dass  es  im  Kosovo  in  den  vergangen  Jahren  vereinzelt  zu  schwerwiegenden  Übergriffen  auf  Angehörige  der  ethnischen  Minderheiten,  namentlich  der  Serben  gekommen  sei.  Es  könne  jedoch  von  keinen  allgemeinen  Vertreibungen  ausgegangen  werden.  Nach  der  Unabhängigkeitserklärung  vom  17. Februar  2008  sei  im  Kosovo  weiterhin  eine  internationale  zivile  und  militärische  Präsenz  vorgesehen. Die UNO­Verwaltung (United Nations Interim Administration  Mission  in  Kosovo  [UNMIK])  solle  sukzessive  von  der  EU­Mission  (European  Union  Rule  of  Law  Mission  in  Kosovo  [EULEX])  abgelöst  werden. Internationale Streitkräfte sowie der KPS garantierten Sicherheit.  Auch  in  den  Siedlungsgebieten  der  Kosovo–Serben  garantierten  internationale Sicherheitskräfte sowie teilweise serbische Angehörige des  KPS  die  Sicherheit.  Am  15. Juni  2008  sei  die  neue  kosovarische 

D­215/2009 Verfassung in Kraft getreten. Sie gestehe den Minderheiten umfassende  Rechte zu. Die internationalen Sicherheitskräfte und der KPS seien in der  Lage,  die  ethnischen  Minderheiten  im  Kosovo  zu  schützen.  Die  polizeiliche  Präsenz  sei  gut  sichtbar  sowie  flächendeckend.  Strafgerichtsbarkeit  und  Strafvollzug  funktionierten  grösstenteils.  Bei  Übergriffen  würden  die  Sicherheitskräfte  regelmässig  intervenieren  und  Straftaten  gegen  Angehörige  von  Minderheiten  würden  geahndet.  Da  demnach  vom  Vorhandensein  eines  adäquaten  Schutzes  durch  den  Heimatstaat  auszugehen  sei,  seien  die  geltend  gemachten  allgemeinen  Probleme  aufgrund  der  Zugehörigkeit  zur  serbischen  Ethnie  im  vorliegenden  Fall  nicht  asylrelevant.  Für  Serben  und  serbischsprachige  Roma  aus  den  südlichen  Bezirken  bestehe  zudem  eine  innerstaatliche  Fluchtalternative im Norden Kosovos. Durch das grundsätzliche Bestehen  einer  innerstaatlichen Fluchtalternative erübrige sich eine weitergehende  Auseinandersetzung  mit  der  Frage,  ob  Serben  und  serbischsprachige  Roma im Kosovo einer asylrelevanten Gefährdung ausgesetzt seien. Die  Vorbringen der Beschwerdeführenden hielten den Anforderungen an die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art. 3  AsylG  nicht  stand.  Demzufolge  erfüllten  die  Beschwerdeführenden  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  so  dass das Asylgesuch abzulehnen sei. 4.2.  In  der  Beschwerde  vom  13. Januar  2009  wird  demgegenüber  im  Wesentlichen geltend gemacht, Kosovo­Serben seien im Kosovo seit der  selbsternannten  Unabhängigkeit  vom  17. Februar  2008  von  der  Mehrheitsbevölkerung  der  Albaner  unerwünscht.  Die  in  der  Verfassung  verankerten  Minderheitenrechte  seien  bis  anhin  toter  Buchstabe  geblieben, sonst sei  fraglich, weshalb die 260'000 vertriebenen Kosovo­ Serben noch nicht zurückgekehrt seien, wenn es dort für sie angeblich so  sicher  sei,  wie  das  BFM  betont  habe.  Die  selbsternannte  Kosovo­ Regierung  habe  diese  Minderheitenrechte  scheinheilig  in  ihrer  Verfassung verankern müssen, damit sie von den europäischen Ländern  anerkannt worden seien. Es sei aber ein erheblicher Unterschied, ob man  dort  als  Serbe  oder  als  Albaner  lebe.  Als  Serbe  sei  man  alltäglichen  Morddrohungen  und  willkürlichen  Schikanen  durch  die  Albaner  ausgesetzt, wie das BFM zu Recht, aber leider nur in Ansätzen andeute.  Ende Dezember 2008 hätten aufgebrachte Kosovo­Serben aus Rache für  einen  Mord  an  einem  serbischen  Kind  in  Mitrovica  Läden  der  Albaner  angezündet und in Gnjilane sei ein Serbe mit einem Gewehr umgebracht  worden,  worauf  sich  die  Sicherheitssituation  wieder  bedenklich  verschlechtert  habe,  denn  die  Albaner  würden  auf  Rache  sinnen.  Ebenfalls  kurz  zuvor  habe  ein  Albaner  auf  eine  multiethnisch 

D­215/2009 zusammengesetzte  KPS­Patrouille  geschossen,  was  als  klares  Zeichen  dafür  zu  werten  sei,  dass  die  Albaner  gegen  eine  multiethnisch  zusammengesetzte  Polizeipatrouille  seien.  Der  Beschwerdeführer  habe  schon  etliche  Morddrohungen  von  Albanern  erhalten.  Die  Polizei  sage  jeweils,  sie  könne  nichts  dagegen  unternehmen  und  unternehme  tatsächlich auch nichts, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Allein  in  ihrem  Dorf  Y._______  seien  bis  heute  schon  über  15 Personen  von  Albanern  umgebracht  worden  und  noch  nie  sei  ein  Täter  verurteilt  worden.  Und  jetzt  seien  im  KPS  mit  wenigen  Ausnahmen  nur  noch  Albaner vertreten. Die Folgerung des BFM, Kosovo­Serben könnten nach  Nordkosovo  oder  Serbien  gehen,  entbehre  jeglicher  Vernunft,  zumal  gemäss  dieser  Logik  Kosovo­Albaner  nach  Albanien  gehen  könnten,  wodurch die ethnische Säuberung perfekt wäre. Dass Drohungen an Leib  und  Leben  nach  wie  vor  akut  seien,  belegten  aktuelle  Berichte  in  der  serbischen Zeitung Vesti, wonach den spurlos verschwundenen Kosovo­ Serben, die von Albanern gekidnappt worden seien, systematisch Organe  entnommen  und  sie  anschliessend  umgebracht  worden  seien.  Der  Grossvater  des  Beschwerdeführers  sei  im  Jahre  2000  von  Albanern  angegriffen worden und sei später seinen erlittenen Verletzungen erlegen  und  der  Vater  sei  im  Jahre  2007  durch  Albaner  mit  Steinen  beworfen  worden, und habe diese Attacke nur mit viel Glück  im Unglück überlebt.  Der  Beschwerdeführer  stehe  als  ehemaliger  KPS­Polizist  in  einem  riesigen  Dilemma.  Die  Albaner  würden  ihn  unter  Druck  setzen,  sofort  wieder  die  Arbeit  aufzunehmen  und  die  Serben  betrachteten  ihn  als  Verräter  und  drohten  im  ebenfalls.  Hinzukomme,  dass  UN­Polizisten  in  Z._______  hauptsächlich  privat  bei  Albanern  untergebracht  seien,  also  bei  Albanern  zur  Miete  wohnen  würden  und  sich  so  zur  Loyalität  gegenüber diesen verpflichtet  fühlten. Unbekannte Albaner hätten  ihnen  vor der Flucht zu  jeder Tages­ und Nachtzeit  telefoniert, und  ihn wieder  zur  Arbeitsaufnahme  zwingen  wollen,  ansonsten  sie  ihn  umbringen  würden. Sie hätten  ihm Dorf Y._______  landwirtschaftliches Gut, wovon  zur Zeit nur 10% bewirtschaftbar sei, weil es auf dem restlichen Land zu  Entführungen  oder  Mord  komme.  Dass  die  Situation  dramatisch  sei,  belege schon allein die Tatsache, dass nach dem 17. Februar 2008 nur  aus ihrem Dorf etwa 100 serbische Familien ins Ausland geflohen seien.  Andererseits verspüre er einen riesigen Druck seitens seiner serbischen  Kollegen,  die  ihn  als  Verräter  bezeichnen  würden,  wenn  er  die  Arbeit  wieder  aufnähme.  Das  Ziel  der  Albaner  sei  es,  die  Serben  aus  ihrem  Land  zu  vertreiben,  was  nicht mehr mit massiven  Vertreibungsaktionen  gemacht,  sondern  fein  säuberlich  von  den  ehemaligen  UCK­Aktivisten  und  ihren  Schergen  in  kleinen,  gezielten  Aktionen  durchgeführt  werde, 

D­215/2009 wenn gerade keine Polizei in der Nähe sei. Im Norden Kosovos seien sie  noch nie gewesen und wären genauso fremd wie  in der Schweiz. Seine  ältere Schwester sowie deren Mann, die in X._______ (Serbien) in einer  Sozialwohnung mit  zwei Kindern  leben würden,  hätten  keine Arbeit  und  seien  finanziell  schlecht  gestellt.  Seine  andere  Schwester  und  ihr  Ehemann lebten in W._______ (Serbien), hätten einen fünfjährigen Sohn  und keine Arbeit und würden selbst nur knapp über die Runden kommen.  Wie  sollten  sie  da  noch  zusätzlich  für  sie  (die  Beschwerdeführenden)  aufkommen? Abgesehen davon seien die Wohnverhältnisse dort absolut  unzureichend für vier weitere Personen. 5.  5.1. Das Bundesamt führte zur Begründung seines Asylentscheides aus,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden,  wonach  sie  im  Kosovo  aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur serbischen Minderheit und aufgrund der  Tätigkeit  des  Beschwerdeführers  als  KPS­Polizist  von  ethnischen  Albanern,  aber  auch  von  Serben  im  Kosovo  diskriminiert  und  bedroht  worden  seien,  seien  nicht  asylrelevant,  da  einerseits  von  einem  adäquaten  Schutz  ihres  Heimatstaates  auszugehen  sei  und  den  Beschwerdeführenden  als  Staatsangehörigen  von  Kosovo  zudem  eine  innerstaatliche  Fluchtalternative  im  Norden  von  Kosovo  zur  Verfügung  stehe.  Ausserdem  bejahte  es  implizit  das  Vorhandensein  einer  Zufluchtsmöglichkeit  in  Serbien,  indem  es  im  Zusammenhang  mit  der  Frage  nach  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  erwog,  die  Beschwerdeführenden würden auch nach der Unabhängigkeitserklärung  von Kosovo durch Serbien als serbische Staatsbürger erachtet, weshalb  für sie grundsätzlich eine Aufenthaltsalternative in Serbien bestehe.  5.2. Vorweg  ist  festzuhalten, dass gemäss dem serbischen Gesetz über  die Staatsbürgerschaft Nr. 135/04 vom 21. Dezember 2004 als serbischer  Staatsbürger  eine  Person  anerkannt  wird,  wenn  sie  serbischer  Abstammung  ist  oder  auf  dem  (ehemaligen)  Staatsgebiet  der  Republik  Serbien  geboren  wurde,  wobei  beides  mittels  Eintrag  in  einem  Geburtsregister  zu  belegen  ist  (vgl.  BVGE  2010/41  E. 6.4.2  S.  580  ff.).  Die  Beschwerdeführenden  sind  beide  in  Z._______,  in  der  Provinz  Kosovo der Republik Serbien der damaligen Sozialistischen Föderativen  Republik  Jugoslawien geboren und  serbischer Ethnie. Auch  ihre beiden  Kinder sind gemäss den eingereichten Geburtsurkunden  in der Republik  Serbien  zur  Welt  gekommen.  Die  Beschwerdeführenden  besitzen  ausserdem  einen  am  16. Januar  2008  in  Serbien  ausgestellten  Eheschein.  Zudem  waren  sie  gemäss  eigenen  Angaben  durch  die 

D­215/2009 serbische  Regierung  krankenversichert;  zudem  bezogen  sie  auch  Kindergeld (vgl. act. A14/5 S. 7 F40). Übereinstimmend mit dem BFM ist  deshalb  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführenden  als  Staatsangehörige  von  Serbien  zu  betrachten  sind.  Die  Unabhängigkeitserklärung  von  Kosovo  vom  17. Februar  2008  ändert  daran  nichts,  da  Kosovo  von  Serbien  nicht  als  unabhängiger  Staat  anerkannt  wird,  sondern  vielmehr  das  Gebiet  der  ehemaligen  jugoslawischen  beziehungsweise  serbischen  Provinz  Kosovo  in  der  geltenden  serbischen  Verfassung  vom  8. November  2006  ausdrücklich  als integraler Bestandteil Serbiens bezeichnet wird, was dazu führt, dass  Kosovo­Serben  durch  den  serbischen  Staat  grundsätzlich  weiterhin  als  serbische  Staatsangehörige  betrachtet  werden  (vgl.  BVGE  2010/41  E. 6.4.2  S. 580 ff.).  Als  ethnische  Serben  und  ehemalige  Staatsangehörige  von  Jugoslawien mit  letztem Wohnsitz  in  Kosovo, wo  sie  im  Jahre  2001  durch  die  UNMIK  registriert  wurden,  gelten  die  Beschwerdeführenden  zudem  nach  der  Unabhängigkeitserklärung  von  Kosovo vom 17. Februar 2008 auch als kosovarische Staatsbürger  (vgl.  das  kosovarische Gesetz  über  die Staatsbürgerschaft Nr. 03/L­034  vom  20. Februar  2008;  vgl.  BVGE  2010/41  E. 6.4.1  S.  579  f.).  Die  Beschwerdeführenden  sind  demnach  sowohl  Staatsbürger  von  Kosovo  als  auch  von  Serbien.  Daran  ändert  auch  die  Tatsache  nichts,  dass  Serbien  –  im Gegensatz  zu Kosovo –  eine doppelte Staatsbürgerschaft  an  sich  nicht  anerkennt.  Denn  durch  den  expliziten  Ausschluss  der  Unabhängigkeit Kosovos  in Form eines eigenen, unabhängigen Staates,  gelangt  die  entsprechende  Bestimmung  des  erwähnten  serbischen  Staatsbürgerschaftsgesetzes  von  Vornherein  nicht  zur  Anwendung  (vgl.  BVGE 2010/41 E. 6.4.1 S. 579 f.). 5.3. Gestützt auf Art. 1 A Abs. 2 des Abkommens vom 28. Juli 1951 über  die Rechtsstellung der Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) sind Personen von  der Anerkennung  der Rechtsstellung  als  Flüchtling  ausgeschlossen,  die  mehrere  Staatsangehörigkeiten  besitzen  und  die  den  Schutz  von  wenigstens  einem  dieser  Länder  in  Anspruch  nehmen  können.  Soweit  verfügbar, hat der Schutz des Landes, dessen Staatsangehörigkeit  eine  Person  besitzt,  Priorität  gegenüber  dem  internationalen  Schutz  beziehungsweise  dem  Schutz  durch  einen  Drittstaat  (siehe  UNHCR,  Handbuch  über  Verfahren  und  Kriterien  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft,  Rz. 106 f.,  WALTER  KÄLIN,  Grundriss  des  Asylverfahrens, Basel/Frankfurt a. M. 1990, S. 35).

D­215/2009 5.4. Den Beschwerdeführenden  steht, wie  soeben dargelegt,  neben der  kosovarischen  auch  die  serbische  Staatsangehörigkeit  zu,  und  sie  können  sich  somit  nach  Serbien  begeben  und  dort  aufgrund  der  bestehenden  Niederlassungsfreiheit  Wohnsitz  nehmen.  Die  Beschwerdeführenden  machen  zudem  keine  Fluchtgründe  geltend,  die  sich  auf  das  Territorium  des  serbischen  Staates  (in  seiner  heute  international anerkannten, also die ehemalige Provinz Kosovo nicht mehr  einschliessenden  Ausdehnung)  beziehen.  Der  pauschal  erhobene  Einwand,  dort  allfälligen  Diskriminierungen  ausgesetzt  zu  sein,  und  der  Hinweis auf die allgemein schwierige wirtschaftliche und soziale Lage von  Kosovo­Serben  in  Serbien,  vermag  jedenfalls  keine  flüchtlingsrelevante  Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG zu begründen. Nachdem sie somit  mit  Bezug  auf  Serbien  keine  asylrelevante  Verfolgung  geltend  machen  können, sind die Beschwerdeführenden nicht auf den Schutz der Schweiz  angewiesen. 5.5.  Bei  dieser  Sachlage  kann  die  Frage  der  flüchtlingsrechtlichen  Relevanz  der  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden,  in  Y._______  (Kosovo)  aufgrund  ihrer  serbischen  Ethnie  und  der  Tätigkeit  des  Beschwerdeführers bei der KPS­Polizei diskriminiert und bedroht worden  zu  sein,  offenbleiben.  Denn  selbst  wenn  eine  derartige  lokal  begrenzte  Gefährdung  anzunehmen  wäre,  so  sind  sie  im  Sinne  des  Subsidiaritätsprinzips nicht auf den Schutz der Schweiz angewiesen, da  sie – wie dargelegt – als serbische Staatsangehörige in Serbien Zuflucht  nehmen  können.  Es  erübrigt  sich  daher,  auf  die  entsprechenden  Ausführungen  auf  Beschwerdeebene  weiter  einzugehen.  Das  BFM  hat  folglich die Asylgesuche der Beschwerdeführenden zu Recht abgelehnt. 6.  6.1.  Lehnt  das  Bundesamt  ein  Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Die Beschwerdeführenden verfügen weder über ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligungen noch über einen Anspruch auf Erteilung solcher.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet  (Art. 44  Abs. 1  AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733, Entscheidungen und Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21).

D­215/2009 6.3.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländerinnen und Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer [AuG, SR 142.20]). 6.4. Gemäss  Rechtsprechung  sind  die  Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  (Unmöglichkeit,  Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit;  vgl.  Art. 83  Abs. 2­4  AuG)  alternativer  Natur.  Sobald  eine  der  Bedingungen  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748, EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54  f.). 6.5.  6.5.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Sind von einem allfälligen Wegweisungsvollzug Kinder betroffen, so bildet  im Rahmen der Zumutbarkeitsprüfung ausserdem das Kindeswohl einen  Gesichtspunkt von vorrangiger Bedeutung (BVGE 2009/51 E. 5.6 S. 749,  BVGE  2009/28  E. 9.3.2  S. 367  f.).  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 6.5.2. Das BFM erachtete  in  der  angefochtenen Verfügung den Vollzug  der  Wegweisung  der  Beschwerdeführenden  nach  Kosovo  als  nicht  zumutbar,  ging  jedoch  davon  aus,  die  Beschwerdeführenden  würden  aufgrund  ihres  Beziehungsnetzes  sowie  der  guten  Ausbildung  und  langjährigen  Berufserfahrung  des  Beschwerdeführers  die  Voraussetzungen mit sich bringen, um sich in Serbien eine neue Existenz  aufbauen  zu  können.  Dieser  Einschätzung  kann  indessen  –  wie  nachstehend ausgeführt – nicht gefolgt werden:

D­215/2009 6.5.3.  Im Allgemeinen  ist zwar davon auszugehen, dass der Vollzug der  Wegweisung  nach  Serbien  für  Angehörige  der  serbischen  Volksgruppe  aus  Kosovo  zumutbar  ist.  Indessen  kann  sich  der Wegweisungsvollzug  im  konkreten  Einzelfall  aufgrund  einer  Abwägung  der  massgeblichen  Kriterien als unzumutbar erweisen (vgl. BVGE 2010/41 E. 8.3.3.6 S. 588  f.).  Zu  berücksichtigen  sind  dabei  insbesondere  die  Möglichkeit  der  wirtschaftlichen  Existenzsicherung,  der  persönliche  Bezug  zum  Zufluchtsort, wie  ein  früherer Aufenthalt  oder  eine Arbeitsstelle,  und ein  tragfähiges  familiäres oder sonstiges soziales Beziehungsnetz sowie die  Möglichkeit der gesellschaftlichen Integration. Im Rahmen dieser Kriterien  sind  ferner  weitere  Faktoren  in  die  Erwägungen  einzubeziehen,  so  insbesondere  das  Alter,  der  Gesundheitszustand,  die  Frage,  ob  Einzelperson oder Familie und die berufliche Ausbildung, der betroffenen  Personen.  Ausserdem  ist,  wie  bereits  erwähnt,  dem  Kindeswohl  Rechnung zu tragen. Im Hinblick auf die Frage, ob die Beschwerdeführenden für sich und ihre  zwei  minderjährigen  Kinder  im  Falle  eines  Vollzugs  der  Wegweisung  nach Serbien das wirtschaftliche Existenzminimum sicherstellen könnten,  ist zunächst generell auf die Lebensbedingungen von Binnenflüchtlingen  in diesem Land hinzuweisen: Nachdem in einer ersten Phase noch eine  gewisse  Unterstützung  durch  internationale  Organisationen  und  private  Hilfswerke geflossen war, wurde die weitere Betreuung von aus Kosovo  vertriebenen  Angehörigen  der  serbischen  Volksgruppe  bald  den  staatlichen  Behörden  übertragen.  Diese  lassen  indessen  ein  konkretes  Interesse an der Erleichterung der Integration der kosovarischen Serben  weitgehend vermissen, da sie grundsätzlich nach wie vor  (auf der Basis  der  Auffassung,  Kosovo  bilde  einen  territorialen  Bestandteil  Serbiens)  davon  ausgehen,  dass  diese  Personen  längerfristig  wieder  in  ihre  ursprünglichen  Herkunftsorte  in  Kosovo  zurückkehren  werden.  Insofern  sind  die  Bedingungen  für  Binnenflüchtlinge  zum  Aufbau  einer  neuen  wirtschaftlichen Existenz von vornherein ungünstig. Aus  den  Akten  geht  hervor,  dass  der  Beschwerdeführer  über  eine  Ausbildung  als  Lebensmitteltechniker  verfügt,  jedoch  diesen  Beruf  nie  ausübte,  sondern  nach  dem  Wehrdienst  als  Kellner  und  in  der  Landwirtschaft  gearbeitet  hat.  Nach  einem  sechsmonatigen  Kurs  im  Jahre  2001 arbeitete  er  bis  im Februar  2008 beim KPS  (vgl.  act. A1/10  S. 2  f.  A22/9  S. 4  F28  ff.).  Die  Beschwerdeführerin  hat  die  mittlere  Handelsschule abgeschlossen und eine Lehre als Verkäuferin absolviert.  Sie hat aber nie eine Stelle annehmen können und war nie erwerbstätig 

D­215/2009 (vgl.  act. A2/10  S. 2,  A15/10  S. 3  F7).  Auch  wenn  damit  der  Beschwerdeführer  und  seine  Ehefrau  –  wie  vom  BFM  erwogen –  grundsätzlich über eine Ausbildung verfügen und der Beschwerdeführer  mehrere Jahre Berufserfahrung als Grenzpolizist beim KPS hat, dürfte es  ihnen nicht leicht fallen eine entsprechende Anstellung zu finden. Für die  Beschwerdeführerin wird es infolge des Umstandes, dass der Abschluss  ihrer  Ausbildungen  Jahre  zurückliegt,  besonders  schwierig  sein,  eine  Arbeitsstelle  zu  finden.  Es  ist  ausserdem  unwahrscheinlich,  dass  dem  Beschwerdeführer  die  als  Grenzpolizist  beim  KPS  gewonnene  Berufserfahrung  bei  der  Stellensuche  in  Serbien  tatsächlich  von  Vorteil  ist.  Als  Lebensmitteltechniker  hat  er  zudem  nie  gearbeitet  und  die  Ausbildung  liegt  bereits  mehr  als  zehn  Jahre  zurück.  In  der  Schweiz  konnten  der  Beschwerdeführer  zwar  als  Eisenlegervorarbeiter  und  die  Beschwerdeführerin als Raumpflegerin etwas Arbeitserfahrung sammeln.  Angesichts  der  ohnehin  für  Binnenflüchtlinge  in  Serbien  ungünstigen  Wirtschaftslage  erscheint  jedoch  fraglich,  ob  die  in  der  Schweiz  erworbene berufliche Erfahrung in untergeordneten Tätigkeitsfeldern den  Beschwerdeführenden  reelle  Chancen  auf  eine  Arbeitsstelle  in  Serbien  verschafft. Zudem haben die Beschwerdeführenden nie in Serbien gelebt  oder gearbeitet. Im Weiteren gilt es zu bedenken, dass es sich vorliegend  um  eine  vierköpfige  Familie  handelt,  für  deren  Lebensunterhalt  der  Beschwerdeführer beziehungsweise die Beschwerdeführerin aufkommen  müssen.  Aufgrund  der  Angaben  der  Beschwerdeführenden  über  die  Lebensumstände  der  in  X._______  und  W._______  lebenden  Schwestern des Beschwerdeführers kann auch nicht davon ausgegangen  werden, dass diese  in der Lage wären, eine vierköpfige Familie bei sich  aufzunehmen  und/oder  diese  finanziell  zu  unterstützen.  Es  kann mithin  nicht  angenommen  werden,  dass  die  Beschwerdeführenden  in  Serbien  über  ein  tragfähiges  verwandtschaftliches  Beziehungsnetz  verfügen.  Schliesslich  ist zu berücksichtigen, dass die Beschwerdeführenden zwei  Kinder  im  Alter  zwischen  acht  und  zehn  Jahren  haben.  Angesichts  der  Ungewissheit  der  wirtschaftlichen  Existenz muss mit  einem  erheblichen  Risiko gerechnet werden, dass  im Falle eines Vollzugs der Wegweisung  nach Serbien auch das Kindeswohl tangiert werden könnte. Im Ergebnis  kann  somit  den  Beschwerdeführenden  eine  zumutbare  Aufenthaltsalternative in Serbien nicht entgegengehalten werden. 6.5.4.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  sich  bei  gesamthafter  Berücksichtigung  aller  wesentlichen  Umstände  der  Vollzug  der  Wegweisung  der  Beschwerdeführenden  im  vorliegenden  Einzelfall  als  unzumutbar im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG erweist. Nachdem sich aus 

D­215/2009 den Akten keine Hinweise auf das Vorliegen von Ausschlussgründen  im  Sinne von Art. 83 Abs. 7 AuG ergeben, sind die Voraussetzungen für die  Anordnung der vorläufigen Aufnahme erfüllt. 7.  Nach  dem  Gesagten  ist  die  Beschwerde  abzuweisen,  soweit  die  Feststellung der Flüchtlingseigenschaft, die Gewährung von Asyl und der  Verzicht  auf  die  Wegweisung  beantragt  werden.  Sie  ist  hingegen  hinsichtlich des Vollzugs der Wegweisung gutzuheissen. Die Ziffern 4 und  5 des Dispositivs der angefochtenen Verfügung vom 18. Dezember 2008  sind demnach aufzuheben und das BFM ist anzuweisen, den Aufenthalt  der  Beschwerdeführenden  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (Art. 44  Abs. 2  AsylG  und  Art. 83  Abs. 4 AuG). 8.  8.1. Im Hinblick auf die Kostenliquidation ist der Ausgang des Verfahrens  im Asylpunkt als teilweises Unterliegen (vgl. Art. 63 Abs. 1 Satz 2 VwVG)  zu  werten,  wobei  das  Bundesverwaltungsgericht  nach  seiner  Praxis  im  Asylbeschwerdeverfahren  bei  Konstellationen  wie  der  vorliegenden  den  partiellen  Misserfolg  mit  der  Hälfte  veranschlagt.  Dem  Ausgang  des  Verfahrens  entsprechend  sind  die  Kosten  des  Verfahrens  den  Beschwerdeführenden  somit  in  ermässigtem  Umfang  aufzuerlegen  und  auf  insgesamt  Fr. 300.–  festzusetzen  (Art. 1­3  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). Die Kosten sind durch  den  einbezahlten  Vorschuss  von  Fr. 600.–  gedeckt  und  werden  mit  diesem  verrechnet.  Der  Restbetrag  von  Fr. 300.–  ist  den  Beschwerdeführenden zurückzuerstatten. 8.2. Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Entschädigung für die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  (Art. 64  Abs. 1  VwVG  und  Art. 7  Abs. 1  VGKE).  Die  Beschwerdeführenden haben ihre Beschwerde selbst eingereicht. Es sind  ihnen  mithin  keine  Kosten  aus  einer  Vertretung  entstanden  (vgl.  Art. 9  Abs. 1 VGKE). Weitere notwendige Auslagen (vgl. Art. 13 VGKE), die den  Beschwerdeführenden erwachsen sein könnten, sind aufgrund der Akten  nicht  ersichtlich.  Folglich  ist  ihnen  trotz  teilweisen  Obsiegens  keine  Parteientschädigung zuzusprechen. 

D­215/2009 (Dispositiv nächste Seite)

D­215/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  abgewiesen,  soweit  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft, die Gewährung von Asyl und der Verzicht auf die  Wegweisung  beantragt  werden.  Soweit  den  Vollzug  der  Wegweisung  betreffend wird die Beschwerde gutgeheissen. 2.  Die Dispositivziffern 4 und 5 der Verfügung des BFM vom 18. Dezember  2008  werden  aufgehoben  und  das  Bundesamt  wird  angewiesen,  die  vorläufige  Aufnahme  der  Beschwerdeführenden  in  der  Schweiz  anzuordnen. 3.  Die  Verfahrenskosten  in  der  Höhe  von  Fr. 300.–  werden  den  Beschwerdeführenden  auferlegt  und  mit  dem  geleisteten  Kostenvorschuss von Fr. 600.– verrechnet. Der Restbetrag von Fr. 300.–  wird den Beschwerdeführenden zurückerstattet. 4.  Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Sarah Mathys Versand:

D-215/2009 — Bundesverwaltungsgericht 02.08.2011 D-215/2009 — Swissrulings