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Bundesverwaltungsgericht 13.12.2011 E-6440/2011

13 décembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,503 mots·~8 min·4

Résumé

Flughafenverfahren (Asyl und Wegweisung) | Flughafenverfahren (Asyl und Wegweisung); Verfügung des BFM vom 28. November 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­6440/2011 Urteil   v om   1 3 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Gérard Scherrer, Richterin Gabriela Freihofer; Gerichtsschreiberin Natasa Stankovic. Parteien A._______, geboren am (…), Kamerun,  vertreten durch lic. iur. Dominik Löhrer, (…), Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Flughafenverfahren (Asyl und Wegweisung); Verfügung des  BFM vom 28. November 2011 / N (…).

E­6440/2011 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführerin,  eine  derzeit  schwangere,  kamerunische  Staatsangehörige,  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  ihren  Heimatstaat  am  6. November  2011  und  trat  mit  einem  auf  einen  fremden  Namen  lautenden  Reisepass  den  Flug  nach  Zürich  an,  wo  sie  am  darauffolgenden Tag  ankam. Am 9. November  2011  reichte  sie  bei  der  Grenzpolizeibehörde  im Flughafen Zürich ein Asylgesuch ein. Anlässlich  der  Kurzbefragung  zur  Person  vom  10.  November  2011  und  der  Anhörung  durch  das  BFM  vom  16.  November  2011  zu  ihren  Ausreise­  und Asylgründen machte sie im Wesentlichen Folgendes geltend: Sie sei Studentin und habe ihr Studium in [europäisches Land] fortsetzen  wollen, da die Bedingungen an der Universität in ihrem Heimatland nicht  gut gewesen seien; aus diesem Grunde habe sie auf der  [europäisches  Land] Botschaft ein Visum beantragt;  im (…) 2011 sei  ihr Antrag  jedoch  abgelehnt  worden.  Des  Weiteren  sei  ihr  Freund  Mitglied  der  Social  Democratic  Front  (SDF)  gewesen.  Die  Beschwerdeführerin  selber  sei  Sympathisantin  der  Partei  gewesen  und  habe  an  den  (…)  Versammlungen der SDF teilgenommen.  Im (…) 2011 sei  ihr Freund an  einer Demonstration  (…)  (sie  selber  habe  an  jener Demonstration  nicht  teilgenommen)  von  Soldaten  erschossen  worden.  Dies  habe  sie  sechs  Tage später  telefonisch erfahren. Am selben Tag seien [Geschwisterteil]  und  sie  wegen  des  Vorwurfs,  angeblich  einen  Diebstahl  begangen  zu  haben,  von  der  Polizei  verhaftet  worden.  Nach  einer Woche  habe man  die  beiden  –  ohne  vorangehende  Befragung –  wieder  freigelassen.  Schliesslich  führte  die  Beschwerdeführerin  an,  den  auf  einen  fremden  Namen  lautenden Reisepass  in  ihrem Heimatland  käuflich  erworben  zu  haben.  B.  Die  Flughafenpolizei  Zürich  stellte  am  9.  November  2011  gestützt  auf  Art. 10 Abs. 2 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998  (AsylG, SR 142.31)  folgende  Dokumente  zuhanden  des  BFM  sicher:  [europäischer  Aufenthaltstitel]  ([…]),  auf  einen  anderen  Namen  lautend,  sowie  einen  kamerunischen Reisepass  ([…]). Gemäss einer  internen Prüfung handle  es  sich  bei  den  beiden  Ausweisen  um  missbräuchlich  verwendete  Dokumente.  Zudem  sei  die  Beschwerdeführerin  im  Besitze  eines  Flugbillets  für  die  Strecke  [afrikanische  Stadt]  –  Zürich  –  [europäische  Stadt] gewesen. 

E­6440/2011 C.  Mit  Verfügung  vom  9.  November  2011  –  gleichentags  eröffnet –  verweigerte das BFM der Beschwerdeführerin vorläufig die Einreise in die  Schweiz  und  wies  ihr  für  maximal  60  Tage  den  Transitbereich  des  Flughafens Zürich als Aufenthaltsort zu. D.  Mit  Verfügung  vom  28.  November  2011  –  gleichentags  eröffnet  –  wies  das  BFM  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  ab,  ordnete  die  Wegweisung  aus  dem  Transitbereich  des  Flughafens  Zürich  sowie  den  Vollzug  der  Wegweisung  an.  Zur  Begründung  führte  es  aus,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  vermöchten  weder  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  gemäss  Art.  7  AsylG  noch  den  Voraussetzungen von Art. 3 AsylG standzuhalten. Es treffe zwar zu, dass  es  (…)  anlässlich  der  stattgefundenen  Demonstration  zu  einem  Zwischenfall  gekommen  sei;  dies  sei  jedoch  nicht  in  dem  von  der  Beschwerdeführerin geschilderten Zeitraum geschehen. Zudem habe sie  betreffend die Inhaftierung im (…) 2011 nur sehr knappe, stereotype und  ausweichende  Angaben  gemacht,  die  den  Eindruck  eines  konstruierten  Sachverhalts  hinterlassen  würden.  Im  Übrigen  vermöge  auch  ihr  Erklärungsversuch, die Polizei habe sie in Bezug auf die Aktivitäten ihres  Freundes  nicht  befragt,  weil  sie  schwanger  gewesen  sei,  nicht  zu  überzeugen.  Des  Weiteren  sei  der  Vollzug  der  Wegweisung  in  den  Heimatstaat zulässig, zumutbar und möglich. Da die Beschwerdeführerin  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfülle,  könne  auch  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  gemäss  Art.  5  Abs.  1  AsylG  keine  Anwendung  finden.  Ferner  würden  sich  aus  den  Akten  keine  Hinweise  auf  eine  Verletzung  von  Art.  3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  ergeben.  Sodann  verfüge  sie  in  Kamerun  über  ein  familiäres  Beziehungsnetz  und  habe  bereits  früher  finanzielle  Unterstützung  erhalten.  Schliesslich  sei  sie  zwar  in  der  (…).  Schwangerschaftswoche  (…), gemäss Auskunft des zuständigen Arztes Dr. B._______, (…), vom  25. November 2011, könne eine Rückreise in den Heimatstaat  jedoch in  den nächsten zwei Wochen problemlos erfolgen.  E.  Mit  Eingabe  vom  5.  Dezember  2011  (Datum  Telefax;  die  per  Post  eingereichte Originalbeschwerde trägt keinen Poststempel und traf am 6.  Dezember 2011 beim Gericht ein) erhob der Rechtsvertreter namens und  im Auftrag der Beschwerdeführerin gegen den vorinstanzlichen Entscheid 

E­6440/2011 vom  28.  November  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und beantragte,  die Verfügung  des BFM sei  in  den Dispositivpunkten  4  und  5  aufzuheben,  es  sei  der  Beschwerdeführerin  die  Einreise  in  die  Schweiz  zu  bewilligen  und  es  sei  die  vorläufige  Aufnahme  infolge  Unmöglichkeit  des  Wegweisungsvollzugs  anzuordnen;  eventualiter  sei  nach  der  Niederkunft  der  Beschwerdeführerin  eine  den  Umständen  angemessene  Ausreisefrist  anzusetzen.  In  prozessualer  Hinsicht  wurde  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  sowie  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  ersucht.  Zur  Begründung  wurde  im  Wesentlichen  ausgeführt,  dass  sich  die  Beschwerdeführerin  mittlerweile  in  der  (…). Schwangerschaftswoche  befinde   [Grund  für  die  Risikoschwangerschaft];  sie  falle  somit  unter  die  Kategorie  der  Risikoschwangerschaft.  Am  14. November  2011  sei  die  Beschwerdeführerin  an  den  zuständigen  Arzt  überwiesen  worden,  weil  sie sich über Übelkeit sowie Unterbauchschmerzen beklagt habe und sich  heftig  habe  übergeben  müssen.  Im  Unterschriftenblatt  der  Hilfswerksvertretung  vom  16. November  2011  sei  sogar  von  vorzeitigen  Wehen  die  Rede.  Offenbar  habe  sie  den  Arzt  am  21.  November  2011  erneut  aufgesucht.  Im  Zusammenhang  mit  dem  Wegweisungsvollzug  stelle  sich  deshalb  die  Frage,  ob  die  Beschwerdeführerin  überhaupt  reisefähig sei. Wie dem vom BFM verfassten Gesprächsprotokoll vom 25.  November 2011 zu entnehmen sei, habe der zuständige Arzt telefonisch  bestätigt, dass eine Rückreise der Beschwerdeführerin  in  ihr Heimatland  in den nächsten zwei Wochen problemlos erfolgen könne. Eine vom Arzt  selber  verfasste  schriftliche  Bestätigung  betreffend  ihre  Reisefähigkeit  liege  aber  nicht  vor.  Das  Bundesamt  habe  sich  daher  lediglich  auf  das  Telefonat und das von ihm selber verfasste Gesprächsprotokoll abstützen  können,  aus  welchem  im  Übrigen  hervorgehe,  dass  die  Vorinstanz  aufgrund einer ablaufenden Verfahrensfrist keine Zeit mehr gehabt habe,  einen  schriftlichen  Arztbericht  abzuwarten.  Sodann  gelte  die  Einschätzung  des  Arztes,  wonach  die  Beschwerdeführerin  noch  zwei  Wochen lang reisefähig sei, nur für den Fall, dass sie schmerzfrei sei. Im  Gesprächszeitpunkt  habe  die  letzte  Konsultation  allerdings  bereits  vier  Tage  zurückgelegen,  somit  habe man  gar  nicht  wissen  können,  ob  die  Beschwerdeführerin  schmerzfrei  sei.  Das  BFM  sei  jedoch  verpflichtet,  sorgfältig  abzuklären,  ob  die  Reisefähigkeit  der  Beschwerdeführerin  im  Vollzugszeitpunkt  gegeben  sei.  Aufgrund  der  [Risiko]­Schwangerschaft  ginge  man  mit  dem  Vollzug  der  Wegweisung  ohnehin  ein  unnötiges  Risiko  (...)  ein. Daher  sei  der Wegweisungsvollzug  heute  als  unmöglich  zu  erachten  und  die  vorläufige  Aufnahme  sei  anzuordnen.  Eventualiter  müsse  der  Vollzug  der  Wegweisung  ausgesetzt  und  die  Geburt 

E­6440/2011 abgewartet werden. In beiden Fällen sei aber die Einreise in die Schweiz  zu gestatten.  F.  Die vollständigen vorinstanzlichen Akten in Kopie trafen am 6. Dezember  2011 beim Bundesverwaltungsgericht ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [BGG, SR 173.110]). Eine solche Ausnahme  liegt  in  casu  nicht  vor;  somit  ist  das  Bundesverwaltungsgericht  vorliegend  letztinstanzlich zuständig.  1.2. Das Verfahren  richtet  sich  nach  dem VwVG,  soweit  das  VGG  und  das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG und Art. 6 AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten.

E­6440/2011 1.4.  Gestützt  auf  Art.  111a  Abs.  1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  einen  Schriftenwechsel verzichtet. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Gemäss den ausdrücklichen Rechtsbegehren in der Beschwerdeeingabe  vom  5.  Dezember  2011  bildet  vorliegend  lediglich  der  Wegweisungsvollzug  den  Prozessgegenstand.  Die  Verfügung  des  BFM  vom  28.  November  2011  ist  bezüglich  der  Verneinung  der  Flüchtlingseigenschaft  sowie  der  Abweisung  des  Asylgesuchs  nicht  angefochten  worden;  insofern  sind  die  Dispositivziffern  1  und  2  der  (teilweise) angefochtenen Verfügung in Rechtskraft erwachsen. Folglich hat das Bundesverwaltungsgericht zu prüfen, ob hinsichtlich des  Wegweisungsvollzugs Hindernisse vorliegen, welche einer Rückkehr der  Beschwerdeführerin in ihr Heimatland entgegenstehen würden. 4.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht  möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 4.1. Der  Vollzug  ist  im  Sinne  des  Gesetzes  als  unmöglich  anzusehen,  wenn  die  Unmöglichkeit  durch  äussere  Umstände  bedingt  wird,  die  ausserhalb  der  Einflussmöglichkeiten  der  zur  Mitwirkung  verpflichteten  weggewiesenen Person und der für den Vollzug zuständigen kantonalen  Behörde liegen (vgl. Art. 17 Abs. 2 der Verordnung vom 11. August 1999  über den Vollzug der Weg­ und Ausweisung von ausländischen Personen  [VVWA,  SR  142.281];  vgl.  PETER  BOLZLI,  in  MARC  SPESCHA/HANSPETER  THÜR/ANDREAS  ZÜND/PETER  BOLZLI,  Kommentar  Migrationsrecht,  Zürich  2008, N 6 zu Art. 83 Abs. 2 AuG). 4.2. Im vorliegenden Verfahren kann aufgrund der Aktenlage, wie sie sich  nach  der  Erstbefragung,  der  direkten  Anhörung,  den  im  Unterschriftenblatt  enthaltenen  Angaben  der  Hilfswerksvertretung  sowie 

E­6440/2011 dem  Gesprächsprotokoll  vom  25.  November  2011  zwischen  dem  BFM  und  dem  zuständigen  Arzt  Dr.  B._______  darstellt,  nicht  der  Schluss  gezogen werden, die Reisefähigkeit der Beschwerdeführerin sei trotz der  bestehenden Risikoschwangerschaft gegeben. 4.3.  Anlässlich  der  Anhörung  vom  16.  November  2011  führte  die  Beschwerdeführerin  aus,  sie  habe  erst  anlässlich  der  Untersuchung  in  der  Schweiz  erfahren,  dass  sie  [Grund  für  die  Risikoschwangerschaft].  Der  behandelnde  Arzt  habe  sodann  festgestellt,  dass  sie  Probleme mit  dem  Blut  habe  und  ihr  deshalb  sowie  aufgrund  der  Schmerzen  und  Übelkeit  Medikamente  verschrieben.  Wenn  sie  erneut  Beschwerden  habe,  solle  sie  sich  umgehend  bei  ihm  melden.  Derzeit  verspüre  sie  stechende  Schmerzen  (vgl. A13/15  S.  12  f.).  Den  Angaben  im  Unterschriftenblatt  der  Hilfswerksvertretung  vom  16. November  2011  ist  zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin vorzeitige Wehen habe. Aus  dem  Gesprächsprotokoll  vom  25.  November  2011  zwischen  dem  BFM  und  dem  zuständigen  Arzt  Dr.  B._______  geht  hervor,  dass  er  die  Beschwerdeführerin am 21. November 2011 gesehen habe. Solange sie  schmerzfrei  bleibe,  stehe  ihrer  Reisefähigkeit  nichts  im  Wege.  Freilich  stelle  eine  [Grund  für  die  Risikoschwangerschaft]  grundsätzlich  eine  Risiko­Schwangerschaft  dar.  Üblicherweise  würden  die  Fluggesellschaften  Frauen  bis  zur  30.  Schwangerschaftswoche  transportieren;  bei  einer  [Risiko]­Schwangerschaft  sei  jedoch  die  frühe  Beförderung  besser.  Erfolge  die  Reise  in  den  nächsten  zwei  Wochen,  würden keine Probleme entstehen. Wie in der Beschwerdeeingabe richtig  ausgeführt  wurde,  stützte  sich  das  BFM  bei  der  Bejahung  der  Frage  betreffend  die  Reisfähigkeit  der  Beschwerdeführerin  lediglich  auf  das  Telefonprotokoll,  welches  es  aufgrund  des  Telefongesprächs  mit  dem  zuständigen Arzt selber erstellte. Den Akten  lässt sich nicht entnehmen,  um  welche  Art  von  Untersuchung  es  sich  dabei  handelte  beziehungsweise wie  die  betreffende Diagnose  am  25. November  2011  getroffen  werden  konnte,  obwohl  die  letzte  Untersuchung  bereits  vier  Tage  zuvor  erfolgte.  Aufgrund  der  protokollierten  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  sowie  der  im  Unterschriftenblatt  enthaltenen  Angaben  der  Hilfswerksvertretung  muss  vielmehr  davon  ausgegangen  werden, dass die Beschwerdeführerin nicht konstant schmerzfrei ist. Eine  sorgfältige Prüfung der Frage,  ob sie derzeit  als  reisefähig gelten  kann,  verlangt  zumindest  nach  einem  aktuellen  schriftlichen  Arztbericht.  Das  Gericht  erachtet  es  dabei  als  unzulänglich,  dass  die  Beurteilung  der  Reisefähigkeit  der  schwangeren  Beschwerdeführerin  lediglich  aufgrund  einer  durch  nichtmedizinisches  Personal  verfassten  Gesprächsnotiz 

E­6440/2011 erfolgte. Des Weiteren  ist den Akten zu entnehmen, dass das BFM den  erforderlichen Arztbericht infolge der in Art. 23 Abs. 2 AsylG verankerten  Frist,  gemäss  welcher  der  vorinstanzliche  Entscheid  innerhalb  von  20  Tagen  nach  Einreichung  des  Gesuchs  erfolgen  solle,  andernfalls  die  asylsuchende  Person  einem  Kanton  zuzuweisen  sei,  nicht  abwartete.  Das  Bundesamt  hätte  jedoch  vielmehr  den  Sachverhalt  sorgfältig  und  fristgemäss  abklären  sollen,  andernfalls  es  die  Konsequenz  aus  der  obgenannten  Norm  hätte  ziehen  und  die  Beschwerdeführerin  einem  Kanton zuweisen müssen.  4.4. Nach dem Gesagten ergibt sich, dass der vorinstanzliche Entscheid  vom  28.  November  2011 mithin  in  Verletzung  der  Untersuchungspflicht  ergangen  ist.  Aus  den  Akten  geht  hervor,  dass  insbesondere  eine  bedarfsgerechte Untersuchung  sowie  eine  ausführliche Diagnose  betreffend  die  Reisefähigkeit  der  schwangeren  Beschwerdeführerin  fehlen.  Ein  ärztlicher  Bericht  ist aber für die Beurteilung des vorliegenden Falles dringend angezeigt.  Eine Heilung des  festgestellten Verfahrensmangels  auf Beschwerdeebene  ist  zu  verneinen, da es sich um weitgehende Sachverhaltsabklärungen handelt, welche  der Vorinstanz obliegen. 5.  5.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  kommt  aufgrund  der  vorstehenden  Erwägungen  zum  Schluss,  dass  die  Vorinstanz  den  erheblichen  Sachverhalt  nicht  rechtsgenüglich  feststellte,  weshalb  der  angefochtene  Entscheid  aufzuheben  und  die  Sache  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen  ist.  Dabei  wird  das  BFM  angewiesen,  die  derzeitige  Reisefähigkeit  der  schwangeren  Beschwerdeführerin  abzuklären  und  aufgrund  dieser  Abklärungen  weiter  zu  prüfen,  ob  eine  allfällige  derzeitige  Verneinung  der  Überstellungsfähigkeit  die  Unmöglichkeit  des  Wegweisungsvollzug  oder  lediglich  die  Vollzugsmodalitäten betrifft.  Demnach  ist  die  Beschwerde  gutzuheissen  und  die  angefochtene  Verfügung des BFM vom 28. November 2011 ist betreffend die Dispositiv­ Ziffern  3,  4  und  5  aufzuheben.  Das  Bundesamt  wird  angewiesen,  den  rechtserheblichen Sachverhalt im Sinne der Erwägungen festzustellen. 5.2. Ferner ist zu berücksichtigen, dass gemäss Art. 23 Abs. 2 AsylG der  Entscheid des BFM  innert  20 Tagen nach Einreichung des Gesuchs zu  eröffnen  ist.  Dauert  das  Verfahren  länger,  so weist  das  Bundesamt  die 

E­6440/2011 asylsuchende  Person  einem  Kanton  zu.  Da  im  vorliegenden  Fall  die  Verfügung  des  BFM  vom  28.  November  2011  teilweise  aufgehoben  wurde und die Beschwerdeführerin ihr Asylgesuch am 9. November 2011  stellte,  ist  kein  vollständiger  vorinstanzlicher  Entscheid  innerhalb  der  gesetzlich  vorgesehenen  Frist  ergangen.  Das  BFM  wird  daher  angewiesen,  die  Beschwerdeführerin  dem  zuständigen  Kanton  zuzuweisen respektive sie in die Schweiz einreisen zu lassen. 6.  6.1. Beim vorliegenden Verfahrensausgang sind keine Verfahrenskosten  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  2  VwVG).  Das  Gesuch  um  unentgeltliche Prozessführung ist gegenstandslos geworden. 6.2.  Der  obsiegenden  Partei  ist  zulasten  der  Vorinstanz  eine  Parteientschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig hohen Kosten zuzusprechen (vgl. Art. 64 Abs. 1 VwVG  i.V.m. Art. 7 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Im  vorliegenden  Fall  wurde  keine  Kostennote  eingereicht,  weshalb  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Aufwand  für  das  Beschwerdeverfahren  von Amtes wegen festsetzt. Das Gericht erachtet unter Berücksichtigung  der  massgeblichen  Bemessungsfaktoren  (Art.  8  ff.  VGKE)  eine  Parteientschädigung  in  der  Höhe  von  Fr.  700.–  als  angemessen.  Das  BFM hat  der Beschwerdeführerin  demnach  eine Parteientschädigung  in  Höhe von Fr. 700.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zu entrichten.  (Dispositiv nächste Seite)

E­6440/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die  Verfügung  des  BFM  vom  28.  November  2011  wird  betreffend  die  Dispositiv­Ziffern  3,  4  und  5  aufgehoben.  Das  Bundesamt  wird  angewiesen,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  im  Sinne  der  Erwägungen festzustellen und das Verfahren neu zu beurteilen. 3.  Das  BFM  wird  angewiesen,  die  Beschwerdeführerin  dem  zuständigen  Kanton zuzuweisen respektive sie in die Schweiz einreisen zu lassen. 4.  Es  werden  keine  Verfahrenskosten  erhoben.  Das  Gesuch  um  unentgeltliche Prozessführung ist gegenstandslos geworden. 5.  Das  BFM  hat  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung  in  der  Höhe von Fr. 700.– (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) zu entrichten.  6.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Natasa Stankovic Versand:

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