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Bundesverwaltungsgericht 27.10.2011 E-6420/2008

27 octobre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,738 mots·~14 min·1

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 12. September 2006

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­6420/2008 Urteil   v om   2 7 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richterin Regula Schenker Senn, Gerichtsschreiber Thomas Hardegger. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei, vertreten durch Peter Frei, Rechtsanwalt, Kernstrasse 8/10, Postfach 2122, 8026 Zürich, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 12. September 2008 / N (…).

E­6420/2008 Sachverhalt: A.   A.a.  Der aus der Provinz (...) stammende Beschwerdeführer verliess die  Türkei  eigenen  Angaben  zufolge  am  23.  August  2006.  An  Bord  eines  Lastkraftwagens sei er durch unbekannte Länder am 30. August 2006 in  die  Schweiz  gelangt,  wo  er  am  folgenden  Tag  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum (EVZ) Basel ein Asylgesuch stellte.  A.b.  Der Rechtsvertreter legitimierte sich mit Schreiben vom 31. August  2006 und wies  das BFM darauf  hin,  dass  (eine  verwandte Person)  des  Beschwerdeführers mit  Flüchtlings­  und Asylstatus  in  der Schweiz  lebe.  Weiter ersuchte der Rechtsvertreter das BFM um Akteneinsicht.  A.c.  Der Beschwerdeführer wurde am 8. September 2006 im EVZ Basel  summarisch  zu  den  Personalien,  zum  Reiseweg  und  zu  den  Ausreisegründen und am 9. Oktober 2006 von der zuständigen Behörde  des Aufenthaltskantons in Anwesenheit einer Hilfswerksvertreterin zu den  Asylgründen angehört. Sein Gesuch begründete er  im Wesentlichen wie  folgt: Als er  (…) 2003  als  damals  Sechszehnjähriger  mit  Freunden  unterwegs  gewesen  sei,  habe einer  von  ihnen  (E.Ö.)  eine Zeitung  in der Hand gehalten,  die ein  Bild  von Abdullah Öcalan gezeigt  habe,  und habe über Öcalan und die  Kurden geschimpft. Als er  ihn daran erinnert habe, dass er  selber auch  Kurde  sei,  sei  eine  heftige  Diskussion  entbrannt,  in  deren  Verlauf  E.Ö.  plötzlich  sein Messer  gezogen  habe. Darauf  habe  auch  er  sein Messer  hervor genommen und es ziellos bewegt, um sich zu schützen. Sie hätten  sich  gegenseitig  verletzt  und  seien  von  Freunden  ins  Spital  gebracht  worden. Er habe anschliessend dem Vater den Vorfall  geschildert. Sein  Vater  sei  als  Mitglied  und  Funktionär  der  Regierungspartei  von  Premierminister  Recep  Tayyip  Erdogan,  der  Adalet  ve  Kalkınma  Partisi  (AKP),  um  seinen Ruf  besorgt  gewesen  und  habe  sich  bei  der  Familie  von E.Ö. darum bemüht,  die Angelegenheit  als unpolitisch darzustellen.  Sein  Vater  habe  dieser  Familie  Geld  angeboten,  was  diese  akzeptiert  habe. Vor Gericht hätten die Parteien dann vorgegeben, beim besagten  Streit  sei  es  um  ein  Mädchen  gegangen.  In  der  Folge  sei  er  zu  einer  Gefängnisstrafe von (…) verurteilt worden. Er habe wegen dieses Vorfalls  zehn bis zwölf Tage im Gefängnis von (...) verbringen müssen. Er könne  nicht  sagen,  ob  die  von  seinem  Anwalt  eingereichte  Kassationsbeschwerde  gegen  den  Urteilsspruch  noch  hängig  sei.  E.Ö.  sei  lediglich zu einer (…) Freiheitsstrafe verurteilt worden, obwohl dieser 

E­6420/2008 ihm  mit  dem  Messer  in  die  Wange  gestochen  habe.  Da  E.Ö.  mit  rechtsgesinnten Jugendlichen über den Vorfall gesprochen habe, sei er,  der  Beschwerdeführer,  eines  Nachts  (…)  2004  von  fünf  bis  sechs  Jugendlichen  auf  der  Strasse  in  der  Nähe  seines  Wohnhauses  angehalten  und  in  ein  Haus  gebracht  worden.  Dort  sei  er  gefoltert  worden,  man  habe  ihm  mit  Rasierklingen  Schnittwunden  zugefügt  und  brennende  Zigaretten  auf  dem  Körper  ausgedrückt.  Sie  hätten  ihm  gesagt, er müsse mit seinen Tätigkeiten aufhören, sonst würden sie  ihn  das nächste Mal schlimmer drannehmen. Als er freigelassen worden sei,  sei  er  blutüberströmt  ins Spital  gegangen, wo  seine Wunden  behandelt  worden  seien.  Später  habe  er  den  Vorfall  auf  dem  Polizeiposten  gemeldet.  Die  Beamten  hätten  jedoch  nichts  unternommen.  Sein  Vater  sei  der  Meinung  gewesen,  dass  er  das  verdient  habe,  und  habe  ihm  untersagt, deswegen vor Gericht auszusagen. Am 9. November 2005 hätten staatliche Kräfte auf eine (…) in der Stadt  (…)  ein  Bombenattentat  verübt,  wobei  eine  Person  getötet  und weitere  fünf Personen verletzt worden seien. In (…) habe er mit einigen Freunden  gegen  diese  Geschehnisse  protestiert.  Sie  seien  von  der  Polizei  angegriffen  und  viele  seiner  Freunde  seien  verletzt  worden.  Bei  dieser  Protestaktion  sei  er  verhaftet  worden  und  habe  eine  Woche  auf  dem  Posten von (…) in Gewahrsam verbracht. Er sei über seine Onkel befragt  worden. Sein Vater habe ihn in der Folge befreien können. Am 21. März 2006 hätten sie in (...) ein friedliches Newroz­Fest gefeiert.  Eine  Woche  später  habe  man  erfahren,  dass  vierzehn  Kämpfer  der  Partiya  Karkerên  Kurdistan  (PKK)  bei  einem  Angriff  mit  chemischen  Kampfstoffe  getötet  worden  seien.  Er  habe  deshalb  mit  einigen  Kameraden,  patriotischen  Kurden,  eine  Protestkundgebung  organisiert.  Seines Wissen seien die Proteste  von einem gewissen M.C. organisiert  worden,  welcher  auch  schon  im  Gefängnis  gesessen  sei.  Die  Polizei  habe  sie  angegriffen  und  viele  Kundgebungsteilnehmer  verhaftet.  Er  selbe habe entkommen können. Als die Polizei einen Tag oder zwei Tage  später  bei  ihm  zu  Hause  erschienen  sei,  habe  er  über  das  Dach  entkommen  können.  Laut  Angaben  seiner  Familie  soll  inzwischen  ein  Haftbefehl  gegen  ihn  ausgestellt  worden  sein.  Er  wisse  nicht,  ob  ein  Strafverfahren  gegen  ihn  hängig  sei.  Er  habe  sich  auf  der  Flucht  einen  Monat  lang  in  (...)  bei  einem  Kollegen  versteckt,  bevor  er  das  Land  verlassen  habe.  Seine  (…)  Brüder  seien  auch  schon  auf  den  Polizeiposten gebracht worden. 

E­6420/2008 A.d.   Der Beschwerdeführer  reichte  folgende Beweismittel  (Kopien) ein:  einen  Festnahmebefehl  der  Staatsanwaltschaft  (...)  vom  (…)  2005,  ein  Schreiben  der  Gendarmerie­Kommandantur  (…)  an  die  Staatsanwaltschaft  (…)  vom  (…)  2006 mit  Belegen,  ein  Protokoll  einer  polizeilichen  Ergänzungsbefragung  vom  (…)  2006,  eine  Notiz  vom  (…)  2006 über Aussagen  von Gendarmerieangehörigen und einen Beleg  zu  den politischen Aktivitäten des Vaters.  A.e.  In der Folge beauftragte das BFM die Schweizerische Vertretung in  Ankara mit Abklärungen. Zu deren Bericht vom 26. Mai 2008 bezog der  Beschwerdeführer am 23. Juni 2008 Stellung. A.f.  Am  25.  Juni  2008  reichte  der  Beschwerdeführer  ein  Urteil  des  Strafgerichts  (...)  vom  (…)  2005  ein  und  beantragte,  dass  eine  Amtsübersetzung erstellt werde, da er bedürftig sei. A.g.    Am  4.  September  2008  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Vorladung  des  Strafgerichts(…)  für  den  (…)  2008  ein,  machte  geltend,  ihm sei im Säumnisfall Haft angedroht worden und beantragte wiederum  die Erstellung einer Amtsübersetzung. A.h.  Nach  erfolgter  Akteneinsicht  vom  5.  September  2008  lehnte  das  BFM  mit  Verfügung  vom  12.  September  2008  –  eröffnet  am  15.  September 2008 – das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab,  verfügte  dessen  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnete  den  Vollzug  an.  Gleichzeitig  verfügte  es  die  Einziehung  der  als  gefälscht  erkannten  Dokumente (…). B.  Am  9.  Oktober  2008  reichte  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  ein  mit  den  Anträgen  auf  Aufhebung  der  Verfügung  vom  12.  September  2008,  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft,  Asylgewährung  beziehungsweise  eventualiter  Feststellung  der  Unzulässigkeit  und  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs.  In  formeller  Hinsicht  wurde  unter  Kosten­  und  Entschädigungsfolge  zu  Lasten  der  Vorinstanz  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung,  einschliesslich  des  Verzichts  auf  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  Anordnung  der  amtlichen  Verbeiständung in der Person des Rechtsvertreters ersucht.  Mit der Beschwerde wurden Kopien der angefochtenen Verfügung, einer  undatierten Vollmacht, einer Bestätigung vom 22. September 2008, eines 

E­6420/2008 Briefumschlags, eines Auszugs aus dem Personenstandsregister  (Nüfus  Kayit  Örnegi)  vom  (…)  2002  sowie  eine  Fürsorgebestätigung  vom  26.  September 2008 eingereicht. C.  Mit  Zwischenverfügung  vom  15.  Oktober  2008  hiess  der  Instruktionsrichter  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  unter  Vorbehalt  einer  nachträglichen  Veränderung  der  finanziellen Sachlage des Beschwerdeführers gut, sah von der Erhebung  eines  Kostenvorschusses  ab,  wies  das  Gesuch  um  amtliche  Verbeiständung ab, zog die BFM­Dossiers N (…), N (…) und N (…) bei,  und  lud die Vorinstanz zu einer Vernehmlassung ein. Weiter  forderte er  das  BFM  auf,  das  fremdsprachige  Schreiben  vom  22.September  2002  und  den  Auszug  aus  dem  türkischen  Personenstandsregister  vom  (…)  2002 zu übersetzen. D.  D.a. Mit  Vernehmlassung  vom  23.  Oktober  2008  beantragte  das  BFM  unter Hinweis auf seine Erwägungen in der angefochtenen Verfügung die  Abweisung der Beschwerde. In der Beilage befanden sich die geforderten  Übersetzungen. D.b.  Mit  Replik  vom  25.  November  2008  hielt  der  Beschwerdeführer  grundsätzlich  an  seinen  Vorbringen  fest  und  ersuchte  um  Gutheissung  der Beschwerde.  E.  (…) 2010 heiratete  der Beschwerdeführer  eine Schweizer Bürgerin. Am  (…) 2010 wurde B._______ geboren. F.  Mit  Schreiben  vom  8.  März  2010  teilte  der  Rechtsvertreter  dem  Bundesverwaltungsgericht mit, dass  trotz der Heirat an der Beschwerde  festgehalten werde.  Auf  die  Zwischenverfügung  vom  8.  April  2010,  mit  welcher  dem  Beschwerdeführer Gelegenheit zum Beschwerderückzug gegeben wurde,  erfolgte keine Reaktion.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 

E­6420/2008 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts  anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 108  Abs. 1  AsylG  sowie  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4.    Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts und die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1  AsylG). 2.  2.1.    Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl,  sofern  keine  Asylausschlussgründe  vorliegen  (Art.  2  Abs. 1, Art. 49, Art. 50 ­ 55 AsylG). 2.2.  Flüchtlinge sind Personen, die in ihrem Heimatstaat oder im Land, in  dem  sie  zuletzt  wohnten,  wegen  ihrer  Rasse,  Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  sind  oder  begründete Furcht haben, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des 

E­6420/2008 Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen Druck bewirken (vgl. Art. 3 AsylG).  Als Flüchtlinge gelten auch Personen,  die nach  ihrer Ausreise aufgrund  von  Tatsachen,  die  nicht  von  ihnen  zu  verantworten  sind,  Verfolgung  befürchten müssen (sog. objektive Nachfluchtgründe), oder die erst durch  ihre  Ausreise  aus  dem  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  oder  wegen  ihres  Verhaltens  nach  der  Ausreise  im  Falle  einer  Rückkehr  ernsthaften  Nachteilen ausgesetzt wären (sog. subjektive Nachfluchtgründe). 2.3.    Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen oder zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 AsylG).  Massgeblich  für  die  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  ist  nicht  die  Situation  im  Zeitpunkt  der  Ausreise,  sondern  die  Situation  im  Zeitpunkt  des  Asylentscheides,  wobei  allerdings  erlittene  Verfolgung  oder  begründete Furcht vor Verfolgung im Zeitpunkt der Ausreise ein Hinweis  auf  weiterbestehende  Gefährdung  sein  kann.  Veränderungen  der  objektiven Situation im Heimatstaat zwischen Ausreise und Asylentscheid  sind  zugunsten  und  zulasten  der  Asylgesuch  stellenden  Person  zu  berücksichtigen  (BVGE  2008/4  E.5.4  und  BVGE  2007/31  E.  5.3,  mit  weiteren Hinweisen). Eine asylsuchende Person erfüllt die Flüchtlingseigenschaft im Sinne von  Art. 3 AsylG, wenn sie Nachteile von bestimmter Intensität mit beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  und  in  absehbarer  Zukunft  begründeterweise  befürchten muss,  welche  ihr  gezielt  und  aufgrund  bestimmter,  in  Art.  3  Abs. 1 AsylG aufgezählter Verfolgungsmotive zugefügt zu werden drohen  und  gegen  die  sie  die Organe  des Heimat­  oder Herkunftsstaates  nicht  schützen wollen oder können (vgl. BVGE 2007/31 E. 5.2 f., BVGE 2008/4  E. 5, Entscheidungen und Mitteilungen der ARK  [EMARK] 1995 Nr. 2 E.  3a, EMARK 2006 Nr. 18 E. 7 ff. und EMARK 2006 Nr. 32 E. 8.7.1).  Die Flüchtlingseigenschaft  ist nachzuweisen, soweit der Beweis möglich  ist;  andernfalls  genügt  die  Glaubhaftmachung.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen,  die  in  wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet, in sich widersprüchlich oder den Tatsachen nicht entsprechen.  Darüber  hinaus  muss  der  Gesuchsteller  persönlich  glaubwürdig  erscheinen,  was  insbesondere  dann  nicht  der  Fall  ist,  wenn  er  seine  Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel abstützt, wichtige  Tatsachen  unterdrückt  oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt,  steigert  oder  unbegründet 

E­6420/2008 nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren  zeigt  oder  die  nötige  Mitwirkung  in  wesentlichen  Bereichen  verweigert.  Glaubhaftmachung  bedeutet  ferner  –  im  Gegensatz  zum  strikten  Beweis  –  ein  reduziertes  Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel  an den Vorbringen des Gesuchstellers. Entscheidend ist, ob die Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des  Gesuchstellers  sprechen,  überwiegen  oder  nicht;  dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (Art.  7  AsylG;  EMARK  2004  Nr. 1  E. 5a).  Diese  Anforderungen an den Nachweis beziehungsweise die Glaubhaftmachung  einer  begründeten  Furcht  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  sind  auch  massgebend  bei  der  Ermittlung  von  Nachfluchtgründen,  wobei  bei  solchen der Nachweis öfters möglich sein wird. 2.4.    Personen,  die wegen  subjektiver Nachfluchtgründe  als  Flüchtlinge  im Sinne des Gesetzes gelten, erhalten gemäss Art. 54 AsylG kein Asyl,  werden  jedoch  unter  Anerkennung  ihrer  Flüchtlingseigenschaft  vorläufig  aufgenommen,  da  der  Vollzug  der  Wegweisung  in  den  verfolgenden  Heimatstaat unzulässig ist (Art. 5 und Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83  Abs. 3  des  Bundesgesetzes  vom  16.  Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  [AuG,  SR 142.20]).  Der  Asylausschlussgrund  von  Art.  54  AsylG  ist  absolut  zu  verstehen  und  unabhängig  davon  anzuwenden,  ob  Nachfluchtgründe  missbräuchlich  gesetzt  worden  sind  oder  nicht.  Nicht  von  Interesse  ist  daher,  was  die  asylsuchende Person durch  ihre  exilpolitischen Tätigkeiten  zu  erreichen  versucht hat. 3.  3.1.  3.1.1.  Das  BFM  begründete  den  ablehnenden  Asylentscheid  mit  dem  Fehlen  von  glaubhaften  Hinweisen,  dass  dem  Beschwerdeführer  konkrete Nachteile  im Heimatland drohen könnten. So stütze er  sich  im  Wesentlichen  auf  gefälschte  Beweismittel,  weshalb  sie  einzuziehen  seien. Weiter  seien wesentliche Vorbringen  des Beschwerdeführers  (so  die […] Haft vom […] 2006) tatsachenwidrig ausgefallen. Er sei aufgrund  der  Resultate  der  Botschaftsabklärung  in  der  Türkei  nicht  fichiert  und  gegen  ihn  liege  kein  Passverbot  vor.  Auch  dürfte  das  Urteil  des  Strafgerichts (...) vom (…) 2005 rechtsstaatlich in Ordnung und nicht auf  eine  politische  Abrechnung  zurückzuführen  sein.  So  sei  angesichts  der  von  ihm  begangenen  gravierenden  Körperverletzung  (…)  kein  Hinweis  aktenkundig,  dass  das  Strafgericht  gegen  ihn  eine  unverhältnismässige  Strafe  ausgesprochen  hätte.  Daran  vermöchte  auch  die  Vorladung  des 

E­6420/2008 Strafgerichts  nichts  zu  ändern.  Die  angebliche  Entführung  und  Misshandlung  durch  Jugendliche  (…)  2004  könne  weder  durch  die  Nachforschungen  des  BFM  noch  das  eingereichte  Gerichtsdokument  bestätigt werden. Zwar werde der Beschwerdeführer behördlich gesucht,  weil  er  sich  der  militärischen  Rekrutierung  entzogen  habe.  Die  militärische  Inpflichtnahme  sei  aber  eine  legitime  staatliche  und  mithin  keine  asylbeachtliche  Massnahme.  Insgesamt  vermöchten  die  Asylangaben  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nicht  standzuhalten,  so  dass  ihre  Asylrelevanz  nicht  zu  prüfen  und  das  Asylgesuch abzulehnen sei. 3.1.2.  In  der  Beschwerde  wurde  eingewendet,  der  Beschwerdeführer  stamme  aus  einer  Region,  wo  türkische  Sicherheitskräfte  seit  Jahren  generell  massiv  Druck  auf  die  kurdische  Opposition  ausüben  würden.  Das BFM habe den  familiären Hintergrund des Beschwerdeführers nicht  berücksichtigt,  obwohl  ihm ausschlaggebende Bedeutung  zukomme. So  habe  er  sich  schon  als  Halbwüchsiger  gegenüber  den  türkischen  Sicherheitskräften exponiert. Er sei der patriotisch­kurdischen Bewegung  nahe gestanden und stamme aus einer bekannten politischen Familie, die  kurdischen Oppositionsbewegungen nahe stehe. Viele Sippenangehörige  würden bis heute unter hohem Druck türkischer Sicherheitskräfte stehen;  sei  es,  dass  sie  häufig  behelligt,  festgenommen,  einer  strikten  Meldepflicht unterstellt, strafrechtlich verurteilt oder zur Flucht ins Ausland  genötigt worden seien. Namentlich seien davon  in der Schweiz  lebende  Personen (…) sowie deren Angehörige betroffen gewesen. Die (…) seien  zu  jahrelangen  Freiheitsstrafen  wegen  der  Unterstützung  der  PKK  verurteilt worden. Er habe sie als Kind  im Gefängnis besucht und er sei  deswegen politisiert worden. Da er nur unter Nachweis des eingereichten  Auszugs  aus  dem  Personenstandsregister  diese  Angehörigen  im  Gefängnis  habe  besuchen  können,  dürften  die  Verwandtschaftsverhältnisse  behördlich  bekannt  sein.  Aufgrund  der  Lebenssituation  des  Beschwerdeführers  in  der  Türkei  sei  es  unwahrscheinlich,  dass  er  wegen  eines  ökonomisch  zu  begründenden  Fluchtmotivs die Ausreise aus der Türkei freiwillig beschlossen hätte. Die  angegebenen Ausreisegründe seien glaubhaft. So sei er auf dem Posten  von (…) tatsächlich festgehalten worden. Er anerkenne aber, dass – wie  vom BFM vorgehalten – der eingereichte Haftbefehl eine Fälschung sei.  Er  gehe  davon  aus,  dass  diese  Fälschung  von  Behördenseite  vorgenommen worden sei, um seine Glaubwürdigkeit im schweizerischen  Asylverfahren  in  Frage  zu  stellen.  Schliesslich  wisse  doch  die  Behörde  um die politische Einstellung seiner Sippe. Er habe auf die Beschaffung 

E­6420/2008 der  gefälschten  Beweismittel  keinen  Einfluss  gehabt.  Weiter  könne  er  nichts  dafür,  wenn  in  osttürkischen  Amtsstuben  gepfuscht  und  den  Behörden  obliegende  Registrierungspflichten  nicht  eingehalten  würden;  er  habe  tatsächlich  die  (...)  Haft  erlebt.  Die  Botschaftsabklärung  habe  offenbar  auch  ergeben,  dass  er  keinem  Passverbot  unterliege.  Die  Abklärung  habe  jedoch  lediglich  gerichtlich  ausgesprochene  Verbote  erfasst;  formlose  Verweigerungen  von  Reisedokumenten  –  wie  beispielweise  gegenüber  Militärdienstleistenden  –  seien  in  der  Türkei  nicht  registriert  und  könnten  damit  nicht  in  Erfahrung  gebracht  werden.  Ähnliches  gelte  auch  für  die  Nichtfichierung.  Nicht  alle  in  der  Türkei  existierenden  polizeilichen  und  geheimdienstlichen  Register  könnten  durch  eine  Botschaftsabklärung  erfasst  werden.  Somit  bestehe  keine  Sicherheit, dass er nicht doch noch wegen seiner politischen Aktivitäten  von  den  türkischen  Behörden  als  unbequeme,  oppositionell  eingestellte  Person  irgendwo  erfasst  sei.  Weiter  habe  er  den  Vorwurf  eines  politischen  Strafverfahrens  immer  mit  der  unverhältnismässig  niedrigen  Strafe  begründet,  welche  das  Gericht  gegenüber  seinem  Kontrahenten  ausgesprochen habe; er dagegen sei überaus hart verurteilt worden. Zu  diesem Punkt habe sich aber das BFM bis anhin nicht geäussert. Zudem  stehe wegen des Verfahrens vor dem Strafgericht (...) ein Strafurteil noch  aus,  weshalb  in  Bezug  auf  eine  politische  Verurteilung  noch  nicht  das  letzte  Wort  gesprochen  sei.  Weiter  sei  notorisch,  dass  in  der  Türkei  zahlreiche  Angehörige  von  Polizei  und  Sicherheitskräften  der  extremistischen  Milliyetçi  Hareket  Partisi  (Partei  der  Nationalistischen  Bewegung, MHP) nahe stünden. Somit erstaune nicht, dass die Botschaft  keine Hinweise auf die geltend gemachte Entführung und Misshandlung  durch  rechtsnationalistisch  eingestellte  Jugendliche  gefunden  habe.  Ferner sei er landesweit wegen des noch nicht geleisteten Militärdienstes  gesucht. Die  Inhaftierung und das Verhör bei einer Rückreise seien  ihm  deshalb gewiss. Als enger Verwandter der erwähnten  (…) würde er mit  hoher Wahrscheinlichkeit beschuldigt, sich während der Abwesenheit der  Guerilla  der  PKK  angeschlossen  zu  haben,  weshalb  er  mit  schweren  Misshandlungen  in  türkischem  Polizeigewahrsam  zu  rechnen  habe.  Schliesslich  sei  bei  seiner  Person  ohnehin  von  einem  erheblichen  behördlichen  Verfolgungsinteresse  auszugehen,  weil  er  allein  schon  wegen  des  Familiennamens  und  demjenigen  seiner  Verwandten  –  wie  das  Verfahren  i.S.  N  (…)  respektive  E­(…)  aufzeigen  könne  –  mit  flüchtlingsrechtlich  relevanten  Druck­  und  Verfolgungsmassnahmen  zu  rechnen  habe.  Angesichts  der  ausgewiesenen  landesweiten  Fahndung  nach  ihm müsse  er  bei  der Rückreise mit  schwerwiegenden Nachteilen  im  Sinne  einer  länger  dauernden  Untersuchungshaft  unter  Anwendung 

E­6420/2008 von  Foltermethoden  rechnen.  Diese  Einschätzung  teile  auch  der  zuständige Quartiervorsteher von (…), welcher bestätigen könne, dass er  von den türkischen Militärbehörden und der Polizei gesucht sei. Er erfülle  damit die Flüchtlingseigenschaft und Asyl sei zu gewähren.  3.1.3.  Im Rahmen der Vernehmlassung vom 23. Oktober 2008 hielt das  BFM an der Abweisung der Beschwerde fest. 3.1.4. Mit  Replik  vom  25.  November  2008  wurde  eine  Bestätigung  der  Gefängnisverwaltung  betreffend  die  Inhaftierung  (…)  2008  –  gemäss  Präzisierung  des  Rechtsvertreters  müsste  es  2003  heissen  –  und  ein  Schreiben  des  behandelnden  Arztes  (…)  vom  19.  Oktober  2008  eingereicht.  Dem  Beschwerdeführer  wird  eine  leichtgradige  posttraumatische  Belastungsstörung  mit  depressiven  Symptomen  und  Somatisierungstendenz  im  Sinne  von  thoraxalen  Beschwerden  und  Schlafstörungen  bescheinigt.  Monatlich  würden  Gesprächstherapien  stattfinden.  Mit  Hilfe  einer  antidepressiven  Therapie  (Citalopram)  und  Schlafmedikamentation (Stilnox) sei er einigermassen kompensiert. In der  Replik  wird  bemerkt,  dass  der  im  Zusammenhang  mit  der  Reflexverfolgung  erfolgte  Verweis  des  BFM  in  seiner  Vernehmlassung  auf  Paragraph  3  der  Erwägungen  der  angefochtenen  Verfügung  unverständlich sei. 3.2. Aufgrund  der  Nachforschungen  der  Schweizerischen  Vertretung  in  Ankara und deren nachvollziehbaren Ausführungen  in der Auskunft vom  26. Mai 2008 gilt  für das Bundesverwaltungsgericht als erstellt, dass die  vom  BFM  eingezogenen  Dokumente  Fälschungen  darstellen.  Diese  Erkenntnis  wurde  bereits  im  vorinstanzlichen  Verfahren  (act.  A18  S.  1)  wie auch auf Beschwerdestufe nicht in Frage gestellt (act. 1 S. 5), wobei  allerdings die eigene Verantwortung für die Fälschung bestritten wird. Die  Beschwerde  ist  mithin  bezüglich  der  Ziffer  6  der  angefochtenen  Verfügung abzuweisen. 3.3.  3.3.1.  Ebenso besteht für das Bundesverwaltungsgericht kein Anlass, die  Auskunft der Schweizerischen Vertretung, wonach der Beschwerdeführer  im Abklärungszeitpunkt  in den üblichen Registern nicht  fichiert gewesen  ist und  für  ihn kein Passverbot bestanden hat,  in Zweifel zu ziehen. Die  Botschaft  hat  indessen  auch  bestätigen  können,  dass  er  durch  die  türkischen Behörden wegen  eines militärischen Versäumnisses  gesucht 

E­6420/2008 ist. Weiter steht fest, dass er als Minderjähriger am (…) 2005 wegen einer  Angelegenheit  aus  dem  Jahr  (…)  (Eröffnung  des Verfahrens)  durch  ein  Strafgericht in (...) mit einer (…)­monatigen Gefängnisstrafe (…) verurteilt  worden ist. Die Botschaft konnte indessen die Strafakten nicht beschaffen  und  nicht  in  Erfahrung  bringen,  ob  das  Urteil  rechtskräftig  ist.  Nach  Auskunft der Botschaft ist der damalige Prozessgegner (…) zu einer (…)­ monatigen  Gefängnisstrafe  verurteilt  worden.  Einen  Beweis  für  die  angebliche (…) Haft des Beschwerdeführers im (…) 2005 im Posten (…)  konnte die Botschaft  nicht ausfindig machen;  sie  führte aus, dass keine  Person  länger  als  vier  Tage  ohne  eine  schriftliche  Bewilligung  einer  Staatsanwaltschaft,  die  nach  24  Stunden  Haft  einzuholen  sei,  in  Polizeigewahrsam festgehalten werden dürfe. Weiter haben ausgedehnte  Nachforschungen  der  Botschaft  in  den  Provinzen  (…)  ergeben,  dass  keine  Hinweise  über  hängige  Gerichtsverfahren  gegen  den  Beschwerdeführer bestehen.  Für das Gericht gilt als erstellt, dass der Beschwerdeführer wegen eines  Streits in Untersuchungshaft genommen und zu einer der Schwere seiner  Tat  –  (ein  bewusstes  Verletzen  des  Kontrahenten)  –  durchaus  angemessenen Gefängnisstrafe  verurteilt  worden  ist.  Er  selber  ist  nach  seiner  Darstellung  (Beschrieb  der  Verletzung).  Das  eingereichte  Strafurteil  bestätigt  die  (…)  Freiheitsstrafe  von  (…)  Monaten  für  den  Beschwerdeführer.  Bezüglich  E.Ö.  weist  das  Urteil  eine  bedingte  Freiheitsstrafe  von  (…)  aus,  was  sowohl  zu  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers (…) wie auch den Abklärungen der Botschaft (…) im  Widerspruch  steht.  Die  aktenkundigen  Dokumente  und  Sachverhaltsergänzungen des Beschwerdeführers, die diese Zeitspanne  berühren, beweisen die geltend gemachten Vorkommnisse nur teilweise.  Wohl  ist  von  einer  unterschiedlichen  Bestrafung  der  beiden  Messerstecher  auszugehen,  welche  allerdings  wegen  der  Schwere  der  Verletzungen  nachvollziehbar  ist.  Die  Unterlagen  vermögen  aber  keine  politische  Dimension  oder  eine  damalige  beziehungsweise  andauernde  Verfolgung zu belegen. Wenn schon behauptet worden ist, dass sich die  Kontrahenten vor der Gerichtsverhandlung darüber abgesprochen haben  sollen, den Konflikt als unpolitisch und als Streit (…) darzustellen (…), ist  nicht  nachvollziehbar,  weshalb  sie  sich  nicht  auch  vorgängig  geeinigt  haben, dass nicht der eine den anderen provoziert hat (…). 3.3.2.  Der  Beschwerdeführer  beruft  sich  auf  die  Asylverfahren  verschiedener Verwandter in der Schweiz, namentlich (…), welche alle im  Jahr  2004  die  Türkei  verlassen  haben.  Deren  Flüchtlingseigenschaft 

E­6420/2008 wurde in der Schweiz anerkannt. Indessen haben ihre Asylgründe nichts  oder  nur  am  Rand  mit  der  damaligen  Situation  der  Familie  des  Beschwerdeführers zu tun – und überhaupt nichts mit  ihm selber. Daher  bestätigen  diese  Verfahren  den  Eindruck,  dass  die  mutterseitige  Verwandtschaft  (…)  und  nicht  die  Sippe  (…)  damals  unter  Druck  gestanden  ist  beziehungsweise  politisch  verfolgt  war.  So  hat  beispielsweise (…) erklärt, sie würde freiwillig in die Türkei zurückreisen,  wenn sie (…) nicht hätte in der Schweiz heiraten können; ihren Aussagen  zufolge  sei  kein  Familienmitglied  politisch  tätig  und  sie  habe  keinen  Anlass, ein Asylgesuch zu stellen (…).  3.4. Massgeblich für die Beurteilung der Flüchtlingseigenschaft nach Art. 3  AsylG  ist  nicht  die  Situation  im  Zeitpunkt  der  Ausreise,  sondern  die  Situation im Zeitpunkt des Datums des Asylentscheides, wobei allerdings  erlittene Verfolgung oder begründete Furcht vor Verfolgung  im Zeitpunkt  der  Ausreise  Hinweis  auf  weiterbestehende  Gefährdung  sein  kann  (BVGE 2008/4 E. 5.4, mit weiteren Hinweisen). 3.4.1. Vorerst  zu  prüfen  ist,  ob  der  Beschwerdeführer  im  Zeitpunkt  des  Verlassens  seines Heimatlandes  guten Grund  hatte,  politisch motivierte  Verfolgung  in  der  Türkei  zu  befürchten,  namentlich  aufgrund  der  geschilderten  Gefängnisbesuche  bei  den  erwähnten  (…),  der  Vorkommnisse  im  Jahre  2003  beziehungsweise  Verurteilung  von  2005  sowie  vor  dem  Hintergrund  der  Beeinträchtigungen  durch  jugendliche  Banden. Der  Beschwerdeführer  hat  zentrale  Ereignisse,  die  seine  Benachteiligungen  illustrieren  sollen,  in  einer  aufgebauschten  Form  beziehungsweise  solche,  bei  denen  es  um  seinen  Tatanteil,  seine  Verantwortung  und  seine Schuld  ging,  in  einer  verharmlosenden Weise  geschildert  und  mit  gefälschten  Beweismitteln  unterlegt.  Bei  dieser  Sachlage vermag auch die Bestätigung des Quartiervorstehers  vom 22.  September  2008,  der  in  pauschaler  Weise  eine  Fahndung  nach  dem  Beschwerdeführer durch Kräfte der Gendarmerie und einer Polizeieinheit  behauptet,  nicht  zu  überzeugen.  Er  wird  allerdings  –  wie  von  der  Botschaft bestätigt – wegen eines Dienstversäumnisses gesucht, was  in  flüchtlingsrechtlicher Hinsicht  nicht  relevant  ist.  Insgesamt  ist  zwar  nicht  auszuschliessen,  dass  er  in  seiner Region  gewisse  generelle  Probleme  wegen  der  damals  in  seiner  Region  agierenden  PKK  gehabt  hat.  Die  Sicherheitskräfte  seiner  Heimatregion  könnten  Kurden,  die  mit  der  oppositionell  eingestellten Sippe  (…)  im Kontakt  stehen,  durchaus auch 

E­6420/2008 mal  verdächtigt  haben,  für  die  PKK  Leistungen  zu  erbringen.  Eine  Konkretisierung  eines  staatlichen  Interesses  an  der  Verfolgung  des  Beschwerdeführers in einem derartigen Zusammenhang ist aber in keiner  Weise glaubhaft gemacht. Die  nach  den  gegenseitig  begangenen  schweren  Körperverletzungen  rechtsstaatlich  unbedenkliche  Straffolge  für  den  Beschwerdeführer  (und  für  E.Ö.)  und  die  angeblich  stattgefundenen  Behelligungen  seitens  Kollegen des verletzten E.Ö. sind nicht weiter zu ergründen. Weder ist es  zu weiteren Strafverfahren gekommen, noch sind die angeblich zweimal  stattgefundenen  Einschüchterungen  und  Schikanen  durch  eine  jugendliche  Bande  als  flüchtlingsrechtlich  erheblich  im Sinne  von Art.  3  AsylG  zu  qualifizieren,  weshalb  sich  eine  Auseinandersetzung  mit  der  Glaubhaftigkeit erübrigt.  Für  den  Zeitpunkt  des  Verlassens  der  Türkei  ist  das  Bestehen  einer  Reflexverfolgung  des  Beschwerdeführers  wegen  der  heute  in  der  Schweiz  lebenden  Verwandten  der  Sippe  (...)  und  (…)  oder  generell  wegen  der  Nähe  zu  politisch  aktiven  beziehungsweise  verdächtigten  Familienangehörigen zu verneinen, auch hier vorab mangels erheblicher  Intensität  der  allfälligen  Eingriffe.  Die  (…)  sind  weit  früher  als  der  Beschwerdeführer  aus  der  Türkei  ausgereist,  und  es  ist  kein  aktuelles,  auf  diese  verwandtschaftliche  Verbindung  oder  seine  seinerzeitige  Gefängnisbesuche basierendes Verfolgungsinteresse  staatlicher Organe  nachvollziehbar und glaubhaft gemacht. Mit  Ausnahme  der  Suche  nach  dem  Beschwerdeführer  wegen  Dienstversäumnisses  vermag  der  Beschwerdeführer  somit  höchstens  lokale Behelligungen als Indizien seiner Verfolgung anzugeben.  3.4.2.  Der  Beschwerdeführer  machte  zwar  geltend,  schon  als  Jugendlicher  mit  der  PKK  sympathisiert  und  diese  im  nationalen  Befreiungskampf  unterstützt  zu  haben.  Dieses  geltend  gemachte  politische Engagement wirkt aufgesetzt. Glaubhaft bleibt höchstens, dass  er  an  einzelnen  Kundgebungen  von  Kurden  teilgenommen  hat.  Angesichts  seines  damaligen  Alters,  seines  bisherigen  beruflichen  Werdegangs und nicht zuletzt  in Anbetracht der politischen Haltung und  des Einflusses  seines Vaters  (…)  dürfte  seine  damalige Rolle  und  sein  Engagement für die kurdische Sache sehr bescheiden ausgefallen sein.

E­6420/2008 3.4.3.  Der  Beschwerdeführer  wird  wegen  eines  Dienstversäumnisses  gesucht.  Da  keine  Indizien  auf  einen  möglichen  Politmalus  hindeuten,  kann  der  Beschwerdeführer  aus  der  (legitimen)  Fahndung  nach  ihm  praxisgemäss nichts zu seinen Gunsten ableiten.  3.5. Zusammenfassend ist festzustellen, dass es dem Beschwerdeführer  nicht gelungen ist, für den Zeitpunkt seiner Ausreise aus der Türkei eine  begründete  Furcht  vor  flüchtlingsrechtlich  relevanten  Verfolgungsmassnahmen auf dem ganzen Gebiet der Türkei glaubhaft zu  machen.  3.6.  Eine  asylsuchende  Person  ist  aber  auch  dann  als  Flüchtling  anzuerkennen,  wenn  sie  erst  aufgrund  von  Ereignissen  nach  ihrer  Ausreise im Falle einer Rückkehr in ihren Heimat­ oder Herkunftsstaat in  flüchtlingsrechtlich relevanter Weise verfolgt würde. Zu unterscheiden  ist  dabei zwischen objektiven und subjektiven Nachfluchtgründen (s. E. 2.2,  2.  Abs.).  Die  vom  Gesetzgeber  bezweckte  Bestimmung,  wonach  die  subjektiven  Nachfluchtgründe  einen  Asylausschlussgrund  darstellen,  verbietet ein Addieren solcher Gründe mit Fluchtgründen vor der Ausreise  oder  mit  objektiven  Nachfluchtgründen,  die  für  sich  allein  nicht  zur  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  ausreichen  (vgl.  EMARK  1995  Nr. 7 E. 7b und 8).  3.6.1.  Nach  Erkenntnis  des  Bundesverwaltungsgerichts  gibt  es  in  der  Türkei  noch  immer  staatliche  Repressalien  gegen  Familienangehörige  von  politischen  Aktivisten,  die  flüchtlingsrechtlich  AsylG  erheblich  sein  können.  Die  Wahrscheinlichkeit,  Opfer  einer  solchen  Verfolgung  zu  werden,  ist  vor  allem  dann  gegeben,  wenn  nach  einem  flüchtigen  Familienmitglied gefahndet wird und die Behörde Anlass zur Vermutung  hat, dass jemand mit der gesuchten Person in engem Kontakt steht. Am  Ehesten sind Personen von einer Verfolgung bedroht seien, die sich offen  für  politisch  aktive  Verwandte  einsetzen  (vgl.  EMARK  2005  Nr.  21  E.  10.2.1  ff.).  Ist  die  begründete  Furcht  vor Reflexverfolgung  erst während  des Auslandaufenthaltes entstanden, liegt ein objektiver Nachfluchtgrund  vor.  Der Beschwerdeführer führte an, (…) seien als Flüchtlinge in der Schweiz  anerkannt  worden.  Eine  daraus  resultierende  Reflexverfolgung  ihm  gegenüber  hat  in  all  den  Jahren  nicht  eingesetzt,  und  es  ist  auch  nicht  anzunehmen,  dass  sich  daran  bei  seiner  Rückkehr  in  die  Türkei  etwas  ändert. Die Tatsache, dass die Ehefrau eines in der Türkei verfolgten (…) 

E­6420/2008 schon 2006 freiwillig auf  ihren Flüchtlingsstatus verzichtet hat und  in die  Türkei  zurückgereist  ist,  ist  im  Zusammenhang  damit,  dass  keine  Schwierigkeiten mit den türkischen Behörden bekannt geworden sind, als  wichtiges  Indiz  für  deren  Desinteresse  an  der  Verfolgung  von  Angehörigen  der  Familie  (...)  zu  vermerken.  Es  bestehen  damit  keine  objektiven Nachfluchtgründe für eine nachvollziehbare begründete Furcht  vor künftiger Verfolgung. 3.6.2. Auch das Verhalten des Beschwerdeführers  im Exil – er hat  trotz  seiner behaupteten Unterstützung der kurdischen Sache weiterhin keine  speziellen  politischen  Exilaktivitäten  zu  verzeichnen  –  liess  keine  erhebliche Gefährdungssituation  entstehen,  die  begründeten Anlass  zur  Furcht vor künftiger Verfolgung geben könnte. Der  Beschwerdeführer  hat  angegeben,  kurdische  Interessen  weiterhin  unterstützen zu wollen. Damit hat er keine Tatsache gesetzt, die  ihn bei  einer Rückkehr in die Türkei gefährden würde. Er verfügte bereits vor der  Einreise  in  die  Schweiz  über  kein  nennenswertes  politisches  Profil  und  vermittelte  in  den  Jahren  seiner  Anwesenheit  in  der  Schweiz  nicht  das  Bild  einer  politisch  interessierten  und  aktiven  Person.  Dass  die  blosse  Einreichung  eines  Asylgesuchs  bei  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  zu  behördlicher Verfolgung führen sollte, ist äusserst unwahrscheinlich.  3.6.3. Nach dem Gesagten  ist  festzuhalten,  dass der Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  auch  unter  den  Aspekten  der  objektiven  und  subjektiven Nachfluchtgründe nicht erfüllt, zumal aus heutiger Sicht eine  landesintere Schutzalternative weiterhin zu bejahen ist. 3.7.  Aufgrund  der  vorstehenden  Erwägungen  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren, die Flüchtlingseigenschaft beschlagenden Ausführungen in der  Beschwerde  oder  auf  weitere  Beweismittel  einzugehen,  da  sie  am  Ausgang dieses Verfahrens nichts ändern können. Der Beschwerdeführer  hat bei einer allfälligen Rückkehr in die Türkei nicht mit einer ernsthaften  Benachteiligung  seitens  der  dortigen  Behörden  zu  rechnen  hat;  seine  Furcht  vor  künftiger  Verfolgung  ist  objektiv  nicht  nachvollziehbar.  Das  BFM  hat  das  Asylgesuch  demnach  zu  Recht  abgelehnt  und  die  Beschwerde  ist auch hinsichtlich der Ziffern 1 und 2 der angefochtenen  Verfügung abzuweisen. 4.  Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so 

E­6420/2008 verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie  (Art. 44 Abs. 1 AsylG).  Im  Zeitpunkt  des  Erlasses  der  angefochtenen  Verfügung  vom  12.  September  2008  verfügte  der  Beschwerdeführer  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet  (Art. 44 Abs. 1 AsylG).  Im Laufe des Beschwerdeverfahrens  heiratete  er  am  (…)  2010  eine  Schweizer  Bürgerin  und  erlangte  damit  eine  Aufenthaltsberechtigung.  Bei  dieser  Sachlage  sind  die  vom  Bundesamt angeordnete Wegweisung und deren Vollzug ohne weiteres  dahin gefallen, weshalb die Beschwerde diesbezüglich  (Ziffern 3  ­ 5 der  angefochtenen Verfügung) als gegenstandslos geworden abzuschreiben  ist. 5.  Mithin  hat  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  nicht  verletzt,  den  rechtserheblichen Sachverhalt richtig und vollständig feststellt und sie ist  angemessen  (Art.  106 AsylG). Die Beschwerde  ist  nach dem Gesagten  abzuweisen, soweit sie nicht gegenstandslos geworden ist. 6.  6.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wäre  der  Beschwerdeführer  mindestens  teilweise  kostenpflichtig.  Sein  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Prozessführung im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG wurde  mit  Zwischenverfügung  vom  15.  Oktober  2008  unter  dem  Vorbehalt  andauernder  prozessualer  Bedürftigkeit  gutgeheissen.  Da weiterhin  von  seiner  prozessualen  Bedürftigkeit  auszugehen  ist  und  die  Begehren  im  Zeitpunkt  der  Beschwerdeeinreichung  nicht  als  aussichtslos  bezeichnet  werden konnten, sind ihm keine Verfahrenskosten aufzuerlegen.  6.2. Es  ist  keine  Parteientschädigung  auszurichten,  zumal  die  teilweise  Gegenstandlosigkeit  nicht  durch  prozessual  anrechenbares  Zutun  des  Beschwerdeführers  entstanden  ist  und  die  Gutheissungsaussichten  im  Zeitpunkt des Eintritts der Gegenstandslosigkeit gering waren (Art. 5 und  Art.  15  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2).

E­6420/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  abgewiesen,  soweit  sie  nicht  gegenstandslos  geworden ist. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Stöckli Thomas Hardegger Versand:

E-6420/2008 — Bundesverwaltungsgericht 27.10.2011 E-6420/2008 — Swissrulings