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Bundesverwaltungsgericht 31.08.2011 E-6368/2008

31 août 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,858 mots·~9 min·3

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 10. September 2008

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­6368/2008 Urteil   v om   3 1 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Walter Stöckli (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richter François Badoud,    Gerichtsschreiber Thomas Hardegger. Parteien A._______, geboren am (…), Irak,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom  10. September 2008 / N (…).

E­6368/2008 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer, ein Kurde sunnitischen Glaubens aus B._______  bei  (…),  Provinz  Dohuk,  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  seinen  Heimatstaat  am  25.  November  2006,  reiste  über  die  Türkei  und  unbekannte  Länder  am  7.  Januar  2007  in  die  Schweiz  ein  und  suchte  gleichentags um Asyl nach. Am 29. Januar 2007 wurde er im Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Chiasso  befragt,  und  am  17.  September  2007 erfolgte die Anhörung zu den Asylgründen durch das Migrationsamt  des Kantons (…).  Anlässlich  der  Anhörungen  führte  er  aus,  er  sei  nach  dem  Primarschulabschluss  im  Jahr  1993  ohne  Beschäftigung  gewesen  und  habe sich  zu Hause aufgehalten.  1998 bis Ende Oktober  2006 habe er  als Fahrer eines Kleinlastwagens gearbeitet. Bis Juni 2006 habe er keine  Probleme  gehabt.  Als  einfaches  Mitglied  der  kommunistischen  Partei  ("Hizbi  Shui  Kurdistan"),  welcher  er  im  Sommer  2006  beigetreten  sei,  habe er etwa sechs­ bis siebenmal in seinem Heimatdorf die Zeitung (…)  in  Coiffeurgeschäften  verteilt  und  mit  Freunden  wiederholt  politische  Diskussionen  geführt.  Anderes  habe  er  nie  gemacht.  Er  habe  sich  namentlich  auch  nicht  an  öffentlichen  Diskussionen  beteiligt.  Die  vorgenannten  Tätigkeiten  hätten  jedoch  in  B._______  zu  Konflikten mit  der  Sicherheitsbehörde  der  Demokratischen  Partei  Kurdistans  (KDP)  geführt.  Er  sei  Mitte  September  2006  von  deren  Sicherheitsbeamten  (namens  F.  und  M.)  festgenommen  worden.  Die  KDP  habe  ihn  zur  Beendigung  seines  Engagements  und  seiner  Tätigkeiten  für  die  Kommunisten angehalten. Ihm sei vorgehalten worden, zu oft und zu viel  über den Kommunismus zu sprechen; man wolle nicht, dass er sich wie  ein  Kommunist  verhalte.  Die  KDP  habe  ihm  gegenüber  argumentiert,  dass seine Familie nicht kommunistisch sei; ohne eine Haltungsänderung  seinerseits dürfte er kaum bei seiner Familie bleiben können. Da er sich  vor  ernsthaften  Nachteilen  seitens  der  Sicherheitsbehörde  der  KDP  gefürchtet habe, sei er  in die Türkei geflohen. Die Grenze im Raum (…)  habe  er  illegal  überquert,  und  von  Istanbul  aus  sei  mit  einem  Lastkraftwagen in die Schweiz gekommen. Der Beschwerdeführer reichte eine irakische Identitätskarte zu den Akten.  B.  Mit  Verfügung  vom  10.  September  2008  –  eröffnet  am  15.  September  2008 –  lehnte  das  BFM  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  ab, 

E­6368/2008 verfügte seine Wegweisung aus der Schweiz und ordnete den Vollzug an.  Zur  Begründung  führte  es  aus,  dass  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  in  ihrer  Gesamtheit  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nicht  standzuhalten  vermöchten,  so  dass  ihre  Asylrelevanz  nicht  zu  prüfen  sei.  Infolgedessen  erfülle  er  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  das  Asylgesuch  sei  abzulehnen.  Der  Vollzug der Wegweisung sei zulässig, zumutbar und möglich.  C.  Nach  erfolgter  Akteneinsicht  vom  25.  September  2008  reichte  der  Beschwerdeführer  am  7.  Oktober  2008  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  ein  mit  den  Anträgen  auf  Aufhebung  der  Verfügung  des  BFM,  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft,  Asylgewährung  und  (recte:  oder)  vorläufige  Aufnahme  wegen  Unzulässigkeit  und  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs.  In  formeller  Hinsicht  wurde  um Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung,  einschliesslich  des  Verzichts  auf  Erhebung  eines  Kostenvorschusses,  Ausrichtung  einer  Parteientschädigung  und  Ansetzung  einer  sechswöchigen  Frist  zur  Einreichung des Originals der polizeilichen Vorladung ersucht.  D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  15.  Oktober  2008  sah  das  Bundesverwaltungsgericht  von  der  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  ab  und  verschob  den  Entscheid  über  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  auf  einen  späteren  Zeitpunkt,  verlangte  unter  Fristansetzung  einen  Nachweis  für  die  prozessuale  Fürsorgeabhängigkeit  und  wies  das  Gesuch  um  Fristerstreckung  zur  Nachreichung eines Originaldokumentes ab.  E.  Die  nachgereichten  Fürsorgebestätigungen  datieren  vom  15.  und  23.  Oktober 2008. F.  In  seiner  Vernehmlassung  vom  20.  Oktober  2008  beantragte  das  BFM  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Der  Beschwerdeführer  verzichtete  konkludent auf eine Stellungnahme. G.  Die originale Vorladung des Polizeireviers B._______ vom 14. September  2006 wurde am 17. Oktober 2008 zu den Akten nachgereicht.

E­6368/2008 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.    Gemäss  Art. 31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  (VGG,  SR 173.32)  beurteilt  das  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerden gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021). Das BFM gehört  zu  den Behörden  nach Art. 33 VGG und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG  liegt nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2.  Das Verfahren richtet sich nach dem VwVG, soweit das VGG nichts  anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.3.    Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht  Der  Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 und Art. 52  VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  2.1.   Die Schweiz gewährt Flüchtlingen grundsätzlich Asyl (Art. 2 Abs. 1  AsylG).  Gemäss  Art.  3  AsylG  sind  Flüchtlinge  Personen,  die  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnten,  wegen  ihrer  Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten 

E­6368/2008 namentlich  die  Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken. 2.2.    Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 3.  3.1.   Das BFM würdigte  in der Verfügung vom 10. September 2008 die  Asylvorbringen als insgesamt unglaubhaft. Zur Begründung führte es aus,  der  Beschwerdeführer  sei  nicht  in  der  Lage  gewesen,  über  seine  Aktivitäten  zu  Gunsten  der  kommunistischen  Partei  ausführlich  und  detailliert  zu  sprechen  und  die  in  seinem  Heimatdorf  spezifischen  Aktivitäten  seiner  Partei  nachvollziehbar  zu  schildern.  Somit  könne  er  nicht  für die kommunistische Partei  tätig gewesen sein. Weiter seien die  Aufenthalte  im Gefängnis nicht differenziert geschildert worden, weshalb  davon  auszugehen  sei,  dass  er  nicht  in  Haft  genommen  worden  sei.  Schliesslich habe er im Verlauf der Befragungen widersprüchliche Daten  zum  Beginn  seiner  Mitgliedschaft  zur  kommunistischen  Partei  (…)  und  widersprüchliche Modalitäten  zur  erlebten Haft  angegeben. Nach  seiner  ersten Aussagen soll er dreimal  in Haft gehalten und  in der Haftzeit von  den Eltern  und  dem Muhtar  besucht worden  sein. Gemäss  der  zweiten  Befragung habe er sich  lediglich zweimal  in Haft befunden und sei nicht  besucht worden. Auf diese Unstimmigkeiten angesprochen, habe er keine  plausiblen  Auflösungen  liefern  können.  Folglich  seien  die  Angaben  des  Beschwerdeführers  in  ihrer  Gesamtheit  nicht  glaubhaft,  so  dass  deren  Asylrelevanz nicht geprüft werden müsse. Er erfülle die Voraussetzungen  an die Flüchtlingseigenschaft nicht.  Vom  Beschwerdeführer  wird  in  seiner  Eingabe  entgegnet,  er  sei  eine  Person,  die  über  eine  geringe  schulische  Ausbildung  verfüge,  vermöge  aber  trotz  dieses  Mankos  durchaus  genügende  Angaben  zur  Partei  zu  liefern: Seine Angaben zu den Zielen der Partei, zu deren Führern und zu  den  Modalitäten  der  Gründung  der  Partei  seien  aktenkundig.  Er  habe  zudem  dargelegt,  dass  die  kommunistische  Partei  von  der  KDP  als  politische Opposition  vor  allem  in  ländlichen Gebieten  verfolgt  sei,  was 

E­6368/2008 die Substanz seiner politischen Kenntnisse unterstreiche. Zudem habe er  seine  Tätigkeiten  für  die  Partei  näher  beschrieben.  Folglich  sei  von  verhältnismässig  detailreichen  und  realitätsnah  geschilderten  Sachvorträgen  auszugehen.  Somit  sei  klar,  dass  er  für  die  kommunistische  Partei  tätig  gewesen  sei.  Dieser  Schluss  lasse  sich  durch  die  Vorladung  des  Polizeireviers  B._______  vom  (…)  stützen.  Darin  sei  er  als Mitglied  der  kommunistischen Partei  erwähnt.  Er  sei  in  Zusammenhang  mit  seiner  politischen  Tätigkeit  polizeilich  vorgeladen  worden. Die Existenz dieser Vorladung lasse zudem den Rückschluss zu,  dass  er  im  (…)  2006  in  Haft  gehalten  worden  sei.  Auch  die  erlebten  Haftmodalitäten habe er genügend aufschlussreich geschildert. So habe  er  die  Gründe  seiner  Festnahmen,  die  Auflagen  seiner  Entlassung,  die  Namen  handelnder  Personen,  Zeitpunkt  und  Dauer  der  erlebten  Haftverhältnisse  zu  Protokoll  gegeben.  Es  könne  in  diesem  Zusammenhang  nicht  von  der  Dürftigkeit  persönlicher  Angaben  gesprochen  werden,  weil  die  befragende  Person  ihn  nie  zu  einer  persönlichen Beschreibung der Haftmodalitäten angehalten habe. Zudem  führe  er  seine  politische  Arbeit  für  diese  Partei  weiter.  Unter  Berücksichtigung  aller  Angaben  seien  die  ihm  vorgehaltenen  Widersprüche unwesentlicher Natur; sie hätten Nuancencharakter. Damit  seien die angegebenen Tätigkeiten für die kommunistische Partei und die  Behelligungen  durch  den  Sicherheitsdienst  glaubhaft  gemacht.  Er  sei  verdächtigt,  aufgrund  seiner  Mitgliedschaft  bei  der  kommunistischen  Partei mit der Baath­Partei zusammen gearbeitet zu haben. Es sei zudem  bekannt,  dass  politisch  oppositionelle  Personen  auf  kurdischem  Territorium  Opfer  von  willkürlichen  Inhaftierungen  und  Folter  geworden  oder  spurlos  verschwunden  seien.  Folglich  habe  er  für  den  Fall  einer  Rückkehr  ins  Heimatland  begründete  Furcht  vor  ernsthaften  Nachteilen  seitens des irakischen Sicherheitsdienstes. Ihm drohe Haft und Folter. In  der  Vernehmlassung  vom  20.  Oktober  2008  verwies  das  BFM  auf  seine  bisherigen  Erwägungen,  an  denen  es  festhalte.  Das  in  Kopie  eingereichte  und  als  Haftbefehl  bezeichnete  Schreiben,  das  eine  Verfolgung  des  Beschwerdeführers  durch  die  Behörden  wegen  der  Mitgliedschaft bei der kommunistischen Partei belegen solle, werde vom  Amt  keiner  materiellen  Prüfung  unterzogen,  da  derartige  Beweismittel  erfahrungsgemäss  käuflich  leicht  erhältlich  seien  und  die  unterschiedlichen  formalen und  inhaltlichen Kriterien bei der Ausstellung  die schlüssige Überprüfung des Dokuments verunmöglichen. Namentlich  erübrige  sich  auch  eine  nähere  Würdigung  des  Dokuments  wegen  unglaubhafter Asylangaben.

E­6368/2008 Die  polizeiliche  "Mitteilung"  vom  (…)  2006  wurde  im  Auftrag  des  Beschwerdeführers  übersetzt.  Dieser  Übersetzung  ist  zu  entnehmen,  dass  er  als  Mitglied  der  kommunistischen  Partei  Kurdistans  sich  umgehend beim örtlichen Polizeirevier zu melden habe. 3.2.    Das  Gericht  kommt  in  Übereinstimmung  mit  der  Vorinstanz  zum  Schluss,  dass  sich  die  Darstellungen  des  Beschwerdeführers  in  unplausiblen  Schilderungen  erschöpfen,  in  zentralen  Punkten  zu  wenig  substanziiert ausgefallen sind und Widersprüche aufweisen. So  weiss  der  (…)­jährige  Beschwerdeführer  offensichtlich  wenig  Bescheid über die kommunistische Partei, deren Mitglied er sein will, über  deren  örtlichen  Aktivitäten  und  seine  angeblichen  Parteikollegen.  Seine  Kenntnisse über die "Hizb al­Schuyu'i al Kurdistani", die Kommunistische  Partei  Kurdistans,  bewegen  sich  trotz  einer  angegebenen  aktiven  Mitgliedschaftsdauer von über zwei Jahren (A1 S. 5 und A11 S. 13) bloss  im Bereich von Gemeinplätzen. Wohl ist ihm bekannt, dass die Gründung  des kurdischen Zweiges der  irakischen kommunistischen Partei  im Jahr  1993 erfolgt  ist und dass sie von Kamal Shakir geführt wird (A11 S. 11),  doch  stellen  seine  Antworten  auf  die  Frage,  was  er  über  diese  Partei  wisse  –  nämlich:  sie  mag  generell  die  Arbeiter,  sie  mag  die  Gleichbehandlung aller Menschen und sie mag die armen Menschen; sie  will, dass die Arbeiter bessere Arbeitsbedingungen haben  (A11 S. 11) –  derartige  Platituden  dar,  dass  ihm  weder  die  zweijährige  Mitgliedschaft  geglaubt werden  kann,  noch  die Behauptung,  dass  er  oft  und  viel  über  den Kommunismus gesprochen habe (A11 S. 8, 10 und 11). Das massive  Defizit an elementarem und aktuellem konkretem Wissen über die Partei  und  das  offensichtlich  bestehende  Defizit  an  einem  persönlichem  Erfahrungsschatz  im  Umgang  mit  örtlichen  und  parteibezogenen  Aufgaben  sind  Fakten,  die  mit  einem  bescheidenen  schulischen  Ausbildungsstand nicht erklärt werden können. Weiter lassen sich seinen  Schilderungen  betreffend  die  Kontakte  mit  dem  Sicherheitsdienst  der  KDP, die Modalitäten der Festnahmen, der Aufenthalte im Gefängnis und  der Freilassungen kaum Realkennzeichen entnehmen. In diesem Kontext  ist festzuhalten, dass der Vorhalt des Beschwerdeführers, wonach ihn der  Befrager nicht ausreichend in zentralen Bereichen seiner Asylbegründung  zu  substantiierten  Antworten  angehalten  habe,  nicht  zutrifft.  Weiter  sprechen die  angegebenen  Inhaftierungsorte  und Haftdauern  gegen die  Sachverhaltsversionen des Beschwerdeführers. Dass  jemand ein halbes  beziehungsweise  ganzes  Jahr,  nachdem  er  verhaftet  worden  ist,  nicht  mehr weiss,  ob  er  nun  zweimal  oder  dreimal  in Haft  genommen wurde 

E­6368/2008 (A1  S.  5,  A11  S.  7  und  13),  kann  nicht  geglaubt  werden.  Gemäss  Erstbefragung  ist er das erste Mal eine Nacht  lang und zweimal etwa  je  eine  Stunde  lang  von  den  Sicherheitskräften  festgehalten  worden;  gemäss der kantonalen Befragung  ist er beim ersten Mal zwei Tage auf  dem Posten des Sicherheitsdienstes  in Haft gewesen und beim zweiten  Mal  eine  Nacht  (A1  S.  5,  A11  S.  5  und  7).  Bei  der  zweiten  Befragung  wäre ohne ein Nachhaken des Befragers wohl  keine Rede mehr davon  gewesen,  dass  sich  ein Muhtar während  der Haft  für  seine Freilassung  eingesetzt  hat.  Jedoch  gab  er  in  diesem  Zusammenhang  und  auf  Nachfrage hin in klarem Widerspruch zu den Erstaussagen an, die Eltern  und der Muhtar hätten in der Haft nicht besucht (A1 S. 5, A11 S. 12 und  13). Aufgrund  der  vorstehenden  Erwägungen  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren, die Flüchtlingseigenschaft beschlagenden Ausführungen in der  Beschwerde  und  auf  die  eingereichten  Beweismittel  näher  einzugehen,  da  sie  am  Ausgang  dieses  Verfahrens  nichts  ändern  können.  Der  Beschwerdeführer  konnte  keine  Gründe  nach  Art.  7  AsylG  nachweisen  oder  glaubhaft  machen.  Das  BFM  hat  demnach  zu  Recht  die  Flüchtlingseigenschaft verneint und das Asylgesuch abgelehnt.  4.  4.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 4.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1  AsylG,  Art.  32  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen [AsylV 1, SR 142.311]). 5.  5.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]).  Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der 

E­6368/2008 gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft,  das  heisst,  sie  sind  zu  beweisen,  wenn  der  strikte  Beweis  möglich  ist,  und  andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. WALTER STÖCKLI, Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht,  2. Aufl.,  Basel 2009, Rz. 11.148). Der Vollzug  ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­, Herkunfts­ oder einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3  AuG). So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).  Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. Die Vorinstanz wies  in  ihrer angefochtenen Verfügung zutreffend darauf  hin,  dass  das  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Non­Refoulement  nur  Personen  schützt,  die  die  Flüchtlingseigenschaft  erfüllen.  Da  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers in den Irak ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5  AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des  Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für  den  Fall  einer  Ausschaffung  in  den  Irak  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen Gerichtshofes  für Menschenrechte  (EGMR) und  jener des  UN­Anti­Folterausschusses müsste der Beschwerdeführer eine konkrete  Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihm im Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen 

E­6368/2008 würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar  2008, Beschwerde Nr. 37201/06,  §§ 124 ­ 127, mit weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  im  Nordirak  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig.  5.2.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818).  Im  hier  interessierenden  Zusammenhang  hat  das  Bundesverwaltungsgericht  mit  seinem  Urteil  BVGE  2008/5  eine  Einschätzung  der  Sicherheitslage  in  den  drei  autonomen  kurdischen  Nordprovinzen  Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya  vorgenommen, die auch heute weiterhin gültig  ist. Es wurde  festgestellt,  dass in den drei kurdischen Provinzen keine Situation allgemeiner Gewalt  herrscht und die dortige politische Lage nicht dermassen angespannt ist,  als  dass  eine  Rückführung  dorthin  als  generell  unzumutbar  betrachtet  werden  müsste  beziehungsweise  Anlass  zur  Annahme  einer  konkreten  Gefährdung  bestehe.  Die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  setzt  jedoch  voraus,  dass  die  betreffende  Person  entweder  ursprünglich  aus  der Region  stammt  oder  eine  längere Zeit  dort  gelebt  hat  und  über  ein  soziales  Netz  (Familie,  Verwandtschaft  oder  Bekanntenkreis)  oder  über  Beziehungen  zu  den  herrschenden  Parteien  verfügt.  Andernfalls  dürfte  eine soziale und wirtschaftliche  Integration  in die kurdische Gesellschaft  nicht  gelingen,  da  der  Erhalt  einer  Arbeitsstelle  oder  von  Wohnraum  weitgehend von gesellschaftlichen und politischen Beziehungen abhängt.  Die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  ist  in  der  Regel  für  alleinstehende,  gesunde  und  junge  kurdische  Männer,  die  ursprünglich  aus der Region stammen, zumutbar.  Der  Beschwerdeführer  stammt  aus  B._______,  (eine  Provinz  des  Nordiraks), wo er  geboren  sei  und bis  zur Ausreise  vom 25. November  2006 gelebt habe. Er verfügt dort über ein Familiennetz (… [A1 S. 2]) und  kann  daher  zu Verwandten  zurückkehren,  so  dass  seine Wohnsituation  als gesichert gelten kann. Eigenen Angaben zufolge weist er zwar keine 

E­6368/2008 weitere Schulbildung als eine absolvierte Primarschulzeit auf. Er  ist aber  acht  Jahre  lang  vor  seinem  Wegzug  aus  dem  Heimatland  als  Fahrer  eines  Kleinlastwagens  arbeitstätig  gewesen.  Angesichts  des  Alters  und  des  soweit  aktenkundig  guten  Gesundheitszustandes  des  Beschwerdeführers  sowie  seiner  bisherigen  Berufserfahrung  ist  davon  auszugehen,  dass  er  sich  in  seiner  Heimat  in  den  Arbeitsmarkt  integrieren kann. Folglich sind keine individuellen Hindernisse ersichtlich,  die den Vollzug der Wegweisung als unzumutbar erscheinen lassen. 5.3.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG,  BVGE 2008/34  E. 12),  weshalb  der  Wegweisungsvollzug  auch  als  möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG), zumal eine Identitätskarte  bei den Akten liegt. 5.4.   Zusammenfassend hat die Vorinstanz den Wegweisungsvollzug zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 ­ 4 AuG). 6.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Nachdem  das vom Beschwerdeführer in seiner Rechtsmitteleingabe vom 7. Oktober  2008  gestellte  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  mit  Zwischenverfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  15. Oktober  2008  auf  später  verwiesen wurde,  ist  nun  darüber  zu  befinden.  Für  den  Zeitpunkt  ihrer  Einreichung  sind  die  Rechtsbegehren  nicht als aussichtslos zu qualifizieren. Auf Grund der Aktenlage muss der  Beschwerdeführer als bedürftig betrachtet werden, weshalb das Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  des  Art.  65  Abs. 1 VwVG gutzuheissen und auf die Erhebung von Verfahrenskosten  zu verzichten ist.

E­6368/2008 (Dispositiv nächste Seite)

E­6368/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  wird  gutgeheissen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Stöckli Thomas Hardegger Versand:

E-6368/2008 — Bundesverwaltungsgericht 31.08.2011 E-6368/2008 — Swissrulings