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Bundesverwaltungsgericht 29.07.2011 E-6273/2009

29 juillet 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,586 mots·~8 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Revision; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 5. August 2009 (E-4450/2006)

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­6273/2009 Urteil   v om   2 9 .   Juli   2011 Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richterin Contessina Theis,  Richter Jean­Pierre Monnet,    Gerichtsschreiber Jonas Tschan. Parteien A._______, geboren (...), Türkei,   vertreten durch Peter Huber, Fürsprecher,  Gesuchsteller,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Revision; Urteil des Bundesverwaltungsgerichts  vom 5. August 2009 (E­4450/2006).

E­6273/2009 Sachverhalt: A.  A.a Der Gesuchsteller reichte am 16. April 2004 bei der Schweizerischen  Vertretung  in  Ankara  ein  Gesuch  um  Bewilligung  der  Einreise  und  Gewährung des Asyls ein. Anlässlich der Anhörung  in der Botschaft  vom 19. April 2004 machte er  geltend,  kurdischer  Bauer  aus  dem  Dorf  B._______  (Provinz  Tunceli,  Türkei)  zu  sein.  In  den  Jahren  (…)  sei  er  angeklagt  worden,  die  Arbeiterpartei  Kurdistans  (Partiya  Karkerên  Kurdistan,  PKK)  zu  unterstützen.  Im  Jahre  (…)  sei  er  im  Zusammenhang  mit  der  so  genannten Frontorganisation  der Arbeiter­  und Bauern­Befreiungsarmee  der  Türkei  (Türkiye  İşçi  Köylü  Kurtuluş  OrdusuTürkiye  [TIKKO]  Türkiye  Komünist  Parti­si/Marksist­Leninist  [TKP/ML])  verhaftet  worden.  In  sämtlichen  Verfahren  sei  es  zu  Freisprüchen  gekommen;  er  habe  lediglich Anhänger der TIKKO TKP/ML und der PKK mit (…) unterstützt.  Er  sei grundsätzlich gegen den Einsatz von Waffengewalt. Wenn er die  Anhänger dieser Organisationen nicht unterstützt hätte, hätte er sich weit  gravierendere  Probleme  eingehandelt.  Er  sei  Mitglied  der  Demokratischen  Volkspartei  (Demokratik  Halk  Partisi,  DEHAP)  in  C._______  gewesen  und  habe  dieser  vor  den  Wahlen  ausgeholfen.  Ebenso wie D._______,  ein  befreundeter Nachbar,  sei  er wegen  seiner  politischen  Einstellung  vom  lokalen  Kommandanten  der  Gendarmerie  bedroht worden. D._______ sei  in der Nacht vom (…) vor seinem Haus  ermordet  worden.  Tags  darauf  habe  er  den  Vorfall  dem  türkischen  Menschenrechtsverein  (İnsan  Hakları  Derneği,  IHD)  gemeldet.  Diverse  Zeitungsartikel hätten in der Folge über die Zwischenfälle im Dorf und die  Orientierung  des  IHD  berichtet.  Nach  der  Bestattung  von  D._______  habe er  sich  vor  einem ähnlichen Schicksal  gefürchtet  und  deshalb  am  (…)  das  Dorf  verlassen.  Seine  Mutter  habe  einen  Hinweis  des  (…)  erhalten,  wonach  die  Staatsanwaltschaft  beabsichtige,  ihn  suchen  zu  lassen.  Er  könne  sich  diese Suche  nach  ihm  nur  so  erklären,  dass  die  Behörden nicht goutiert hätten, dass er die triste Angelegenheit beim IHD  und bei  der Presse bekanntgemacht habe. Die Familie  des Ermordeten  habe zudem Klage gegen den örtlichen Kommandanten der Gendarmerie  eingereicht.  Unterschlupf  habe  der  Gesuchsteller  bei  Bekannten  und  Verwandten  im  Westen  der  Türkei  gefunden.  Seit  dem  Wegzug  seien  seine  Kinder  im  Dorf  bedroht  worden.  Vom  ältesten  Sohn  hätten  die 

E­6273/2009 lokalen Behörden seinen Aufenthaltsort zu erfahren versucht. Sein Bruder  E._______ sei in einer ähnlichen Lage wie er gewesen.  A.b  Mit  Verfügung  vom  27.  Juli  2004  bewilligte  das  Bundesamt  die  Einreise in die Schweiz nicht und lehnte das Asylgesuch ab. A.c Die  am  28.  Juli  2004  eröffnete  Verfügung  trat mangels  Anfechtung  am 28. August 2004 in Rechtskraft. B. Der  Gesuchsteller  verliess  nach  eigenen  Angaben  unter  Verwendung  eines gefälschten Passes die Türkei auf dem Luftweg am 4.  Juni 2005,  gelangte gleichentags in die Schweiz und reichte am 9. Juni 2005 in der  Empfangsstelle  Basel  ein  Asylgesuch  ein.  Er  wurde  am  14.  Juni  2005  summarisch  befragt  und  am  23.  Juni  2005  zu  seinen  Asylgründen  angehört. Der Gesuchsteller brachte  im Wesentlichen dieselben Gründe  wie  im  ersten  Asylgesuch  vor.  Ergänzend  machte  er  geltend,  der  gravierende Vorfall mit dem örtlichen Gendarmeriekommandanten datiere  vom            (…).(…)  später  sei  sein  Freund  ermordet  worden. Nach  dessen Beerdigung sei er nach Izmir gezogen, wo er beschattet worden  sei,  sich  aber  der  Polizei  habe  entziehen  können.  Nachdem  er  bei  der  Schweizerischen Botschaft in Ankara ein Asylgesuch gestellt habe, sei er  für  (…)  nach  Izmir  zurückgekehrt,  wo  er  sich  an  verschiedenen  Orten  aufgehalten  habe.  In  dieser  Zeit  hätten  sich  Polizisten  nach  seinem  Aufenthaltsort  erkundigt.  Ferner  sei  eine behördliche Vorladung bei  den  Verwandten im Dorf abgegeben worden.  C. Mit Verfügung  vom 30.  Juni  2005  lehnte  das BFM das Asylgesuch  des  Gesuchstellers  ab,  verfügte  dessen Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnete den Vollzug an. D. Mit Eingabe vom 29. Juli 2005 an die damals zuständige Schweizerische  Asylrekurskommission  [ARK]  beantragte  der  Gesuchsteller  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung,  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft und die Gewährung von Asyl. Eventuell sei wegen  Unzulässigkeit  und  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  die  vorläufige Aufnahme anzuordnen. E. Mit Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 5. August 2009 wurde die 

E­6273/2009 Beschwerde bezüglich der Ziffern 1­5 der vorinstanzlichen Verfügung  abgewiesen. Bezüglich der Ziffer 6 (Einzug von Dokumenten) wurde die  Beschwerde hingegen gutgeheissen. F. Mit  Eingabe  vom  2.  Oktober  2009  beantragte  der  Gesuchsteller  beim  Bundesverwaltungsgericht,  das  vorgenannte  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  sei  revisionsweise  aufzuheben  und  das  Beschwerdeverfahren gegen die Verfügung des BFM vom 30. Juni 2005  sei wieder aufzunehmen. Weiter sei festzustellen, dass der Gesuchsteller  die Flüchtlingseigenschaft erfülle, und er sei als Flüchtling in der Schweiz  aufzunehmen.  Eventualiter  sei  festzustellen,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  völkerrechtlich  unzulässig  sei.  Im  Sinne  einer  vorläufigen  Massnahme  sei  der Vollzug  für  die Dauer  des  vorliegenden Verfahrens  auszusetzen  und  das  BFM  sowie  der  Migrationsdienst  des  Kantons  F._______  anzuweisen,  vorläufig  und  bis  zum  Entscheid  über  den  Aufschub des Vollzugs von jeglichen Vollzugsmassnahmen abzusehen. G. Mit  Zwischenverfügung  vom  9.  Oktober  2009  wies  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Antrag  um  Erlass  von  vorsorglichen  Massnahmen  ab  und  stellte  fest,  das Urteil  vom 5.  August  2009  könne  vollzogen werden. Gleichzeitig erhob es einen Kostenvorschuss, den der  Gesuchsteller innert angesetzter Frist leistete. H. Mit  Schreiben  vom  28.  Dezember  2009  reichte  der  Gesuchsteller  eine  Ergänzung zu seinem Revisionsgesuch zu den Akten und ersuchte das  Gericht gleichzeitig, den Vollzug der Wegweisung bis zum Abschluss des  Revisionsverfahrens auszusetzen. Zur  Begründung  machte  er  geltend,  seine  psychische  Gesundheit  sei  zufolge  der  erlittenen  Folter  und  Misshandlungen  schwer  beeinträchtigt  und  er  leide  an  einer  chronifizierten  Posttraumatischen  Belastungsstörung  (PTBS)  und  schwerer  depressiver  Episode  mit  psychotischen  Symptomen  und  Suizidalität.  Nach  gutachterlicher  Feststellung  brauche  er  dringend  eine  stationäre  Behandlung  in  einem  sicheren  Umfeld  in  der  Schweiz.  Zum  Beleg  hierfür  reichte  er  eine  ärztliche Stellungnahme und ein psychiatrisches Gutachten zu den Akten.

E­6273/2009 I. Mit  Verfügung  vom  4.  Januar  2010  setzte  der  Instruktionsrichter  den  Vollzug  der  Wegweisung  bis  auf  Weiteres  aus.  Ausserdem  forderte  er  den Gesuchsteller  dazu  auf,  dem Gericht  innert  Frist  mitzuteilen,  wann  die  stationäre  Therapie  beginne  und mit  welcher  Behandlungsdauer  zu  rechnen sei. J. Mit Schreiben vom 10. Februar 2010 teilte der Gesuchsteller dem Gericht  mit, er sei am (…) im (…) zur stationären Behandlung eingetreten. Über  die Dauer könne sich der zuständige Arzt noch nicht verbindlich äussern. K. Mit Verfügung vom 20. April 2010 setzte das Gericht dem Gesuchsteller  Frist,  unter  Beilage  entsprechender  ärztlicher  Unterlagen  Angaben  zur  Behandlungsart und ­dauer zu machen. L. Mit Schreiben vom 11. Mai 2010 führte der Gesuchsteller mit Hinweis auf  eine  ärztliche  Stellungnahme  aus,  er  werde  wegen  der  festgestellten  schweren  PTBS  und  Zeichen  einer  schweren Depression  sowie  wegen  latenter  Suizidalität  zurzeit  noch  stationär  behandelt.  Die  Dauer  der  notwendigen Behandlung sei noch nicht absehbar. M. Mit  Schreiben  vom  29.  September  2010  teilte  das  Migrationsamt  des  Kantons  F._______  dem  Gericht  mit,  der  Gesuchsteller  habe  gemäss  Mitteilung  des  Durchgangszentrums  für  Asylbewerber  die  stationäre  Therapie beendet.  In der Folge  forderte das Gericht  ihn auf,  innert Frist  einen aktuellen medizinischen Bericht einzureichen. N. Mit  Schreiben  vom  3.  November  2010  reichte  der  Gesuchsteller  einen  aktuellen ärztlichen Bericht zu den Akten. Er macht geltend, er werde seit  der Entlassung aus der  (…) stationären psychiatrischen Behandlung am  (…)  engmaschig  ambulant  betreut,  damit  dem  drohenden  krankheitsbedingten  sozialen  Rückzug  und  der  damit  verbundenen  Gefahr  einer  erneuten  schwere  Depression  mit  akuter  Suizidalität  begegnet  werden  könne.  Die  aufarbeitende  psychotherapeutische  Behandlung  und  Auseinandersetzung  mit  den  traumatisierenden  Ereignissen  könne  im  (…)  nicht  angeboten  und  ohnehin  erst  begonnen 

E­6273/2009 werden, wenn er  in einer gesicherten äusseren Situation  lebe und nicht  damit  rechnen  müsse,  erneuten  Traumatisierungen  ausgesetzt  zu  werden. O. Mit  Verfügung  vom  3.  Mai  2011  setzte  das  Gericht  dem  Gesuchsteller  neuerlich Frist an zur Einreichung eines aktuellen medizinischen Berichts. P. Mit  Schreiben  vom  23.  Mai  2011  reichte  der  Gesuchsteller  einen  Arztbericht von G._______, (…), vom 17. Mai 2011 zu den Akten. Aus  dem  Arztbericht  geht  hervor,  dass  der  Gesuchsteller  an  einer  komplexen  PTBS  und  an  einer  rezidivierenden  depressiven  Störung  leide. Es komme bei ihm zu Intrusionen, er leide an Albträumen und zeige  ein  deutliches  Vermeidungsverhalten  Situation  gegenüber,  welche  Erinnerungen  an  das  Trauma  wachrufen  könnten.  Im  Rahmen  der  depressiven  Symptomatik  bestehe  bei  ihm  immer  wieder  eine  ausgeprägte  Hoffnungslosigkeit.  Zu  seiner  dissoziativen  Störung  sei  auszuführen,  dass  diese  dazu  führe,  dass  er  Phasen  mit  fehlendem  Gegenwarts­  und  Realitätsbezug  habe.  Zu  seiner  Symptomatik  gehöre  auch  ein  ausgeprägtes  Depersonalisations­  und  Derealisationserleben.  Die bei  ihm vorliegende Derealisationsstörung  führe dazu, dass bei  ihm  das Gefühl  für  die Realität  verloren gehe und die Aussenwelt  verändert  und  verfremdet  wahrgenommen  werde;  es  komme  zu  beträchtlichen  Schwierigkeiten in alltagspraktischen Tätigkeiten. Aktuell sei der Gesuchsteller "von seinen Suizidgedanken distanziert bei  unverändertem  Leiden  an  der  vorgenannten  Symptomatik".  Psychotherapeutisch  werde  bei  ihm  eine  Verarbeitung  der  traumaspezifischen  Folgestörung  weiterverfolgt.  Kurzfristig  stehe  eine  Stabilisierung mittels Ressourcenarbeit im Fokus der Behandlung. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1  Das  Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  gemäss  Art.  105  des  Asylgesetzes  vom  26.  Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  endgültig  über  Beschwerden gegen Verfügungen des BFM. Es ist ausserdem zuständig 

E­6273/2009 für  die  Revision  von  Urteilen,  die  es  in  seiner  Funktion  als  Beschwerdeinstanz gefällt hat (vgl. BVGE 2007/21 E. 2.1 S. 242). 1.2 Gemäss Art. 45 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG,  SR 173.32)  gelten  für  die  Revision  von  Urteilen  des  Bundesverwaltungsgerichts die Art. 121­128 des Bundesgerichtsgesetzes  vom 17. Juni  2005  (BGG, SR 173.110)  sinngemäss. Nach Art. 47 VGG  findet  auf  Inhalt,  Form  und  Ergänzung  des  Revisionsgesuches  Art. 67  Abs. 3  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) Anwendung. 1.3  Mit  dem  ausserordentlichen  Rechtsmittel  der  Revision  wird  die  Unabänderlichkeit  und Massgeblichkeit  eines  rechtskräftigen  Beschwer­      deentscheides angefochten, dies im Hinblick darauf, dass die Rechtskraft  beseitigt  wird  und  über  die  Sache  neu  entschieden  werden  kann  (vgl.  PIERRE  TSCHANNEN/ULRICH  ZIMMERLI,  Allgemeines  Verwaltungsrecht,  2. Aufl., Bern 2005, S. 269). 1.4 Das Bundesverwaltungsgericht zieht auf Gesuch hin seine Urteile aus  den  in  Art. 121­123  BGG  aufgeführten  Gründen  in  Revision  (Art. 45  VGG).  Was  die  Partei,  die  um  Revision  nachsucht,  bereits  im  ordentlichen  Beschwerdeverfahren  hätte  geltend  machen  können,  gilt  nicht als Revisionsgrund (sinngemäss Art. 46 VGG). Im Revisionsgesuch  ist  insbesondere  der  angerufene  Revisionsgrund  anzugeben  und  die  Rechtzeitigkeit  des  Revisionsbegehrens  im  Sinne  von  Art.  124  BGG  darzutun. Der Gesuchsteller macht den Revisionsgrund von Art. 123 Abs.  2  Bst.  a  BGG  geltend.  Auf  das  im  Übrigen  frist­  und  formgerecht  eingereichte Revisionsgesuch ist einzutreten. 2. Der Gesuchsteller macht in seiner Eingabe vom 2. Oktober 2009 geltend,  seine Frau habe  im Jahr  (…) anlässlich  verschiedener Razzien, welche  die  Polizei  zu  Hause  auf  der  Suche  nach  ihm  durchgeführt  habe,  (…)  beim Türkischen Menschenrechtsverein eine Meldung gemacht. In diesen  Meldungen  beschreibe  sie  namentlich  auch,  wie  sie  mit  den  Kindern  wegen der unerträglichen Situation in ihrem Heimatdorf ihrem Mann nach  Izmir gefolgt sei und dass die Polizei die Familie auch dort behelligt habe  und selbst nach seiner Flucht noch behellige.  Ihre Angaben würden die  Aussagen  des  Gesuchstellers,  wonach  er  in  Izmir  bereits  kurz  nach  seiner Ankunft von der Polizei ausfindig gemacht worden sei, bestätigen.  Auf  die  Beschwerden,  welche  seine  Frau  beim  Türkischen 

E­6273/2009 Menschenrechtsverein eingereicht habe, sei jeweils ein Schreiben an die  Staatsanwaltschaft  von  Izmir  erfolgt,  in  welchem  diese  um  eine  Stellungnahme zum Fall gebeten worden sei. Fast (…) später liege leider  nach wie vor keine Antwort vor. Nach dem Gesagten stehe fest, dass der  Gesuchsteller  im  Zeitpunkt  seiner  Flucht  verfolgt  worden  sei  und  die  unmittelbare Gefahr von  Inhaftierung und Folter bis hin zur extralegalen  Hinrichtung bestanden habe. Eine sichere landesinterne Fluchtalternative  habe  aufgrund  der  landesweiten  Fichierung  nicht  bestanden.  Die  bis  heute  andauernden  polizeilichen  Behelligungen  der  Familie  seien  ein  offensichtliches Zeichen dafür, dass er nach wie vor auch im von seinem  Heimatdorf weit entfernten Westen der Türkei gesucht werde. Die  Annahme,  wonach  dem  Gesuchsteller  die  Löschung  der  (…)  ihn  betreffenden Datenblätter gelungen sei, werde klar zurückgewiesen. Sein  türkischer  Anwalt  habe  mehrere  Anrufe  getätigt,  um  die  Löschung  der  Fichen  in  die  Wege  zu  leiten.  Seine  Bemühungen  seien  jedoch  ohne  Erfolg geblieben. Ausserdem sei eine Löschung nur scheinbar effektiv, da  die Fichen von den Behörden nach Belieben wieder aktiviert würden. Es  sei  notorisch,  dass  fichierte  Personen  auch  Jahre  später  noch  von  den  Sicherheitskräften  diskriminiert,  schikaniert  und  belästigt  würden.  Die  Asylrekurskommission  habe  in  ihrem  Urteil  vom  29.  März  2005  (Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2005  Nr.  11)  die  Regelvermutung  aufgestellt, wonach schon augrund der landesweiten Fichierung nicht von  der  Existenz  einer  sicheren  landesinternen  Fluchtalternative  ausgegangen werden könne. Die Fichierung bewirke die Vermutung der  objektiv  begründeten  Furcht,  bei  einer  Rückkehr  in  die  Türkei  mit  beachtlicher Wahrscheinlichkeit  und  in absehbarer Zukunft  behördlichen  Verfolgungsmassnahmen  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  ausgesetzt  zu  werden, womit die fichierte Person die Flüchtlingseigenschaft erfülle. Die  im Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 5. August 2009 dargelegte  Annahme, dass der Gesuchsteller trotz der Fichierung keiner Gefahr der  Festnahme  und  politischer  Verfolgung  ausgesetzt  wäre,  sei  nicht  nachvollziehbar. 3. 3.1 Gemäss Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG kann die Revision  in öffentlich­ rechtlichen  Angelegenheiten  verlangt  werden,  wenn  die  ersuchende  Partei  nachträglich  erhebliche  Tatsachen  erfährt  oder  entscheidende  Beweismittel  auffindet,  die  sie  im  früheren  Verfahren  nicht  beibringen 

E­6273/2009 konnte, unter Ausschluss der Tatsachen und Beweismittel, die erst nach  dem Entscheid entstanden sind. 3.2 Der Revisionsgrund der nachträglich erfahrenen Tatsachen beinhaltet  zum  einen,  dass  sich  diese  bereits  vor  Abschluss  des  Beschwerdeverfahrens verwirklicht haben; als Revisionsgrund sind somit  lediglich  so  genannte  unechte  Nova  zugelassen.  Zum  andern  verlangt     Art.  123  Abs.  2  Bst.  a  BGG,  dass  die  gesuchstellende  Partei  die  betreffende  Tatsache  während  des  vorangegangenen  Verfahrens,  das  heisst  bis  das  Urteil  gefällt  worden  ist,  nicht  gekannt  hat  und  deshalb  nicht beibringen konnte. Dass es einer aus "anderen Gründen" (Art. 123  BGG) um Revision ersuchenden Partei nicht möglich war, Tatsachen und  Beweise  bereits  im  früheren  Verfahren  beizubringen,  ist  nur  mit  Zurückhaltung  anzunehmen.  Der  Revisionsgrund  der  unechten  Nova  dient nicht dazu, bisherige Unterlassungen  in der Beweisführung wieder  gutzumachen  (vgl.  ELISABETH  ESCHER,  in:  Basler  Kommentar,  Bundesgerichtsgesetz,  Basel  2008,  N.  8  zu  Art.  123  BGG  ).  Ausgeschlossen sind damit auch Umstände, welche die gesuchstellende  Partei  bei  pflichtgemässer Sorgfalt  hätte  kennen  können.  Eine Revision  ist  namentlich  dann  ausgeschlossen,  wenn  die  Entdeckung  der  erheblichen  Tatsache  auf  Nachforschungen  beruht,  die  bereits  im  früheren Verfahren hätten angestellt werden können, denn darin  ist eine  unsorgfältige  Prozessführung  der  gesuchstellenden  Partei  zu  erblicken  (vgl., zum Ganzen: ANDRÉ MOSER/MICHAEL BEUSCH/LORENZ KNEUBÜHLER,  Prozessieren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht,  Handbücher  für  die  Anwaltspraxis, Band X, Basel 2008, Rz. 5.47, S. 249 f.). Auch  bezüglich  aufgefundener  Beweismittel  gilt  das  Kriterium,  wonach  die gesuchstellende Partei nicht in der Lage gewesen sein darf, diese im  früheren  Verfahren  beizubringen.  Revisionsweise  eingereichte  Beweismittel sind dann beachtlich, wenn sie entweder die neu erfahrenen  erheblichen  Tatsachen  belegen  oder  geeignet  sind,  dem  Beweis  von  Tatsachen zu dienen, die zwar im früheren Verfahren bekannt gewesen,  aber  zum  Nachteil  der  gesuchstellenden  Partei  unbewiesen  geblieben  sind. Das vorgebrachte Beweismittel muss für die Tatbestandsermittlung  von Belang sein; es genügt nicht, wenn es zu einer neuen Würdigung der  bei  der  Erstbeurteilung  bereits  bekannten  Tatsachen  führen  soll  (vgl.  MOSER/BEUSCH/KNEUBÜHLER, a.a.O., Rz. 5.48, S. 250). 3.3  Die  ARK  hat  in  ihrem  Entscheid  EMARK  2005  Nr.  11  festgestellt,  dass  bei  Asylbewerbern  aus  der  Türkei,  für  welche  im  Zusammenhang 

E­6273/2009 mit  vermuteter  regimekritischer  Orientierung  politische  Datenblätter  angelegt  worden  sind,  in  der  Regel  bereits  aufgrund  dieser  Fichierung  von  einer  berechtigten  Furcht  vor  künftiger  asylrechtlich  relevanter  staatlicher  Verfolgung  auszugehen  ist.  Diese Rechtsprechung wird  vom  Bundesver­waltungsgericht weitergeführt. Im Sinne einer Ausnahme lässt  sie  jedoch  im  Einzelfalle  die  Möglichkeit  offen,  trotz  bestehenden  Datenblattes die Flüchtlingseigenschaft zu verneinen. Das Bundesverwaltungsgericht hat  in seinem Urteil vom 5. August 2009  einlässlich  dargelegt,  weshalb  es  im  Falle  des  Gesuchstellers  von  der  obgenannten Regelvermutung  abgewichen  ist.  In  Erwägung  3.6  hält  es  fest, dass angesichts der  langen Zeit seit den Fichierungen, der damals  erfolgten  Freisprüche,  der  vermutungsweise  zwischenzeitlich  erfolgten  Löschung der Datenblätter, der mangels Intensität der Verfolgungsmass­ nahmen nicht glaubhaft gemachten politischen Verfolgung im Heimatdorf  und  der  vorhandenen  Möglichkeit  der  (Wieder­)Inanspruchnahme  landesinterner  Schutzalternativen  eine  Vielzahl  von  Elemente  zu  erblicken seien, die eine Abweichung rechtfertigen würden. Des Weiteren  ist darauf hinzuweisen, dass es nicht Sinn des Revisionsverfahrens ist zu  überprüfen,  ob  das  entsprechende  Urteil  richtig  oder  falsch  ist.  Die  im  Revisionsgesuch geäusserte Kritik kann demzufolge nicht gehört werden. Hinsichtlich der eingereichten Beweismittel  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  sich das Gericht schon im vorgenannten Urteil (E. 3.4.6) mit den geltend  gemachten  Behelligungen  der  Familienmitglieder  des  Gesuchstellers  auseinandergesetzt  hat  und  dass  diese  Vorbringen  bereits  im  ordentlichen Verfahren hätten beigebracht werden müssen. Sie betreffen  ausserdem  im  Wesentlichen  den  Informationsaustausch  zwischen  der  Ehefrau  des  Gesuchstellers  und  dem  IHD,  ohne  dass  diese  überprüft  worden  wären.  Sodann  kann  aus  dem  Fehlen  einer  Antwort  der  Staatsanwaltschaft von Izmir nicht geschlossen werden, die Polizei hätte  gegen den Gesuchsteller eine Untersuchung eingeleitet oder sie  fahnde  nach  ihm.  Auch  die  exilpolitischen  Aktivitäten  wurden  in  diesem  Urteil  schon  gewürdigt.  Es  wurde  festgestellt,  dass  der  Gesuchsteller  bereits  vor  seiner  Einreise  in  die  Schweiz  über  kein  ausgeprägtes  politisches  Profil verfügt habe und  in den Jahren seiner Anwesenheit nicht das Bild  einer  Person  vermittle,  die  beseelt  von  einer  tiefgreifenden  politischen  Überzeugung regelmässig regimekritisch an die Öffentlichkeit getreten sei  (E.  3.5.2).  Im  Rahmen  des  Revisionsverfahrens  vermögen  an  dieser  Feststellung  auch  die  neuen  Beweismittel  (…)  nichts  zu  ändern.  Das 

E­6273/2009 Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  5.  August  2009  ist  dadurch  nicht als fehlerbehaftet zu beurteilen. 3.4  Gemäss  dem  Arztbericht  von  G._______,  (…),  vom  17.  Mai  2011  leide der Gesuchsteller  insbesondere an einer komplexen PTBS. Aktuell  sei  der  Gesuchsteller  von  seinen  Suizidgedanken  distanziert  bei  unverändertem  Leiden  an  der  vorgenannten  Symptomatik.  Psychotherapeutisch  werde  bei  ihm  eine  Verarbeitung  der  traumaspezifischen  Folgestörung  weiterverfolgt.  Kurzfristig  stehe  eine  Stabilisierung mittels Ressourcenarbeit im Fokus der Behandlung. Hinsichtlich  der  gesundheitlichen  Probleme  des  Gesuchstellers  ist  festzuhalten,  dass  diese  im  Rahmen  des  Revisionsverfahrens  nicht  geeignet  sind,  die  ursprüngliche  Fehlerhaftigkeit  des  Urteils  des  Bundesverwaltungsgerichts vom 5. August 2009 zu begründen. Allenfalls  wären  diese  im  Rahmen  eines  Wiedererwägungsgesuchs  geltend  zu  machen  (Begehren  um  Anpassung  eines  ursprünglich  fehlerfreien  Entscheides aufgrund einer nachträglich veränderten Sachlage). 4. Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  keine  revisionsrechtlich  rele­ vanten Gründe dargetan sind. Das Gesuch um Revision des Urteils des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  5.  August  2009  ist  demzufolge  abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist. 5. Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  im  Betrag  von         Fr.  1200.­  dem Gesuchsteller  aufzuerlegen  (Art.  37  VGG  i.V.m.  Art.  63  Abs. 1 VwVG; Art. 1­3 des Reglements vom 21. Februar 2008 über die  Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,  SR  173.320.2]).  Sie  sind  mit  dem  in  gleicher  Höhe  einbezahlten  Kostenvorschuss zu verrechnen. (Dispositiv nächste Seite)

E­6273/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Das Revisionsgesuch wird abgewiesen, soweit darauf einzutreten ist. 2.   Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  1200.­  werden  dem  Gesuchsteller  aufer­ legt. Sie werden mit  dem  in gleicher Höhe geleisteten Kostenvorschuss  verrechnet. 3.   Dieses  Urteil  geht  an  den  Gesuchsteller,  an  das  BFM  und  an  das  Migrationsamt des Kantons F._______. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bruno Huber Jonas Tschan Versand:

E-6273/2009 — Bundesverwaltungsgericht 29.07.2011 E-6273/2009 — Swissrulings