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Bundesverwaltungsgericht 24.01.2011 E-5752/2010

24 janvier 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,838 mots·~9 min·3

Résumé

Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung | Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 24. Juni 2010

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­5752/2010 Urteil   v om   2 4 .   J a nua r   2011 Besetzung Richterin Christa Luterbacher (Vorsitz), Richter Daniel Schmid, Richterin Jenny de Coulon Scuntaro,    Gerichtsschreiberin Contessina Theis. Parteien A._______, geboren am (…),  B._______, geboren (…) und deren Kind C._______, Geburtsdatum aus den Akten nicht feststellbar, alle zurzeit in Kolumbien, Beschwerdeführende,   Gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,   Vorinstanz.  Gegenstand Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung;  Verfügung des BFM vom 24. Juni 2010 / N (…).

E­5752/2010 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführenden,  Indigene  des  Volkes  D._______  und  Staatsangehörige Kolumbiens aus (...)   im Departement (...), reichten am  19. Dezember 2008  (Datum  Eingang  bei  der  Botschaft)  auf  der  schweizerischen  Botschaft  in  Bogotá  ein  Asylgesuch  ein.  In  einem  Schreiben vom 15. Januar 2009 forderte die schweizerische Botschaft die  Beschwerdeführenden  auf,  weitere  Angaben  zu  ihrem  Asylgesuch  zu  machen, und stellte ihnen einen Fragebogen zu.  Mit Schreiben vom 12. Februar 2009  reichten die Beschwerdeführenden  die  Beantwortung  der  gestellten  Fragen  ein  und  liessen  der  Botschaft  gleichzeitig umfangreiche Dokumente (darunter zahlreiche Bestätigungen  verschiedenster  Organisationen  und  Behörden  bezüglich  des  Verfolgungsrisikos  und  der  Zugehörigkeit  der  Beschwerdeführenden  zu  den  D._______  sowie  Zeitungsartikel  über  Attentate  und  Übergriffe  der  "Fuerzas  Armadas  Revolucionarias  de  Colombia"  [FARC]  etc.)  als  Beweismittel  zukommen.  Die  Beschwerdeführenden  machten  im  Wesentlichen  geltend,  dass  sie  als Mitglieder – und der Beschwerdeführer insbesondere als Führer – der  indigenen Gruppe der D._______ von der FARC und in letzter Zeit auch  von den Paramilitärs landesweit verfolgt würden. B.  Am 10. März 2009 (Eingang beim BFM am 18. März 2010) überwies die  schweizerische  Botschaft  in  Kolumbien  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführenden  an  das  BFM  in  der  Schweiz.  Im  Überweisungsschreiben wurde festgehalten, dass aus Kapazitätsgründen  eine Anhörung der Beschwerdeführenden nicht möglich gewesen sei, die  Beschwerdeführenden  von  der  FARC  verfolgt  würden,  jedoch  keine  national bekannten Persönlichkeiten seien, keine Beziehung zur Schweiz  hätten und keine der Landessprachen (der Schweiz) sprächen. C.  Mit  Schreiben  vom  30. Oktober 2009  (Eingang  bei  der  Botschaft:  6. November  2009)  gelangten  die  Beschwerdeführenden  mit  weiteren  Ausführungen  und Dokumenten  (darunter  namentlich  ein Schreiben  der  FRENTE21­FARC­EP  vom  September  2009,  den  Beschwerdeführer  betreffend,  eine  Bestätigung  der  kolumbianischen  Behörden  Defenseria  del Pueblo  vom 21. Oktober  2009  darüber,  dass  der Beschwerdeführer 

E­5752/2010 Leader  der  D._______  sei,  sowie  weitere  Schreiben  der  Behörden  bezüglich  der  Zugehörigkeit  der  Beschwerdeführenden  zu  den  D._______  und  deren  Unterstützung  resp.  Gefährdung)  an  die  schweizerische Botschaft. Diese Eingabe wurde am 13. November 2009  an das BFM weitergeleitet (Eingang beim BFM: 17. November 2009). D.  Mit  Verfügung  vom  10. Mai 2010  führte  die  Vorinstanz  aus,  dass  sie  aufgrund der schriftlichen Begründung des Asylgesuchs und der diesem  beigelegten ausführlichen Dokumentation den Sachverhalt als erstellt und  eine  Anhörung  auf  der  Botschaft  als  nicht  nötig  erachte.  Weiter  beabsichtige  sie,  das  Asylgesuch  abzulehnen  und  die  Einreise  der  Beschwerdeführenden  in  die  Schweiz  zu  verweigern.  Dazu  wurde  den  Beschwerdeführenden mit Fristansetzung (innert 30 Tagen ab Erhalt) das  rechtliche Gehör erteilt.  Diese Verfügung wurde seitens der Schweizer Botschaft am 31. Mai 2010  verschickt (vgl. unten Bst. F). Wann genau sie den Beschwerdeführenden  eröffnet  wurde,  lässt  sich  aus  den  Akten  nicht  feststellen.  Es  liegt  eine  von  den  Beschwerdeführenden  unterzeichnete,  auf  den  28.  Juni  2010  datierte Empfangsbestätigung vor, an deren datumsmässiger Richtigkeit  Zweifel bestehen, haben doch die Beschwerdeführer das fragliche Datum  selber  einfügen  müssen  und  mit  gleichem  Datum  zugleich  ihre  Stellungnahme eingereicht (vgl. unten Bst. H). E.  Die  Beschwerdeführenden  wandten  sich  in  einem  Schreiben  vom  7. Mai 2010  (Eingang bei  der Botschaft  am 31. Mai 2010)  erneut  an die  schweizerische  Vertretung  in  Bogotá  und  reichten  weitere  Dokumente  (darunter  eine  Bestätigung  der  "Organizacion  Nacional  Indigena  de  Columbia", ONIC, vom 10. Mai 2010) zu den Akten. F.  Am 2. Juni 2010 übermittelte die schweizerische Botschaft dem BFM die  Eingabe der Beschwerdeführenden vom 7. Mai 2010 (wobei die Eingabe  fälschlicherweise  als  „Stellungnahme“  bezeichnet  wurde).  In  dieser  Übermittlung  führte  die  zuständige  Person  der  Botschaft  aus,  dass  die  Verfügung des BFM vom 10. Mai 2010 am 31. Mai 2010 versandt worden  sei.  Ebenso  seien  die  Eingaben  der  Beschwerdeführenden  am  31. Mai 2010 bei der Botschaft eingegangen.

E­5752/2010 G.  Mit Verfügung vom 24. Juni 2010  lehnte die Vorinstanz das Asylgesuch  der  Beschwerdeführenden  ab  und  verweigerte  ihnen  die  Einreisebewilligung  in  die  Schweiz.  Zur  Begründung  hielt  sie  fest,  die  Beschwerdeführenden  seien  nicht  schutzbedürftig  im  Sinne  des  Art. 3 AsylG.  Auf  die  ausführliche  Begründung  wird,  soweit  entscheidwesentlich,  in  den  folgenden  Erwägungen  eingegangen. Diese  Verfügung  wurde  von  der  schweizerischen  Botschaft  am  8.  Juli  2010 versandt (vgl. unten Bst. H und I). H.  Mit  Eingabe  vom  28.  Juni  2010  (Eingang  auf  der  Botschaft  am  7. Juli 2010)  wandten  sich  die  Beschwerdeführenden  wiederum  an  die  schweizerische  Botschaft  in  Bogotá.  Sie  reichten weitere  Ausführungen  und Dokumente ein und bestätigten mit gleichem Datum den Erhalt der  Verfügung des BFM vom 10. Mai 2010. Diese Eingabe – bei der es sich richtigerweise um die Stellungnahme der  Beschwerdeführenden  im  Rahmen  des  vom  BFM  am  10.  Mai  2010  gewährten  rechtlichen  Gehörs  handelt  –  leitete  die  schweizerische  Botschaft mit Schreiben  vom 15. Juli 2010,  fälschlicherweise bezeichnet  als  „Beschwerdeverbesserung“,  an  das   Bundesverwaltungsgericht  weiter.  Zudem  führte  sie  in  diesem  Begleitschreiben  aus,  dass  der  negative  Entscheid  vom  24. Juni 2010  seitens  der  Botschaft  am  8. Juli 2010 versandt worden sei.  In  der  Folge  wurde  beim  Bundesverwaltungsgericht  ein  Beschwerdeverfahren eröffnet (E­5366/2010). I.  Mit  Schreiben  vom  28. Juli 2010  übermittelte  die  zuständige  Instruktionsrichterin sämtliche Akten an die Vorinstanz, mit dem Hinweis,  dass  es  sich  bei  der  Eingabe  vom  28. Juni 2010  nicht  um  eine  Beschwerde  handeln  könne,  da  der  negative  Entscheid  des  BFM  laut  Angaben  der  Botschaft  erst  am  8. Juli 2010,  also  nach  Eingang  der  sogenannten  „Beschwerdeverbesserung“,  versandt  worden  sei.  Es  handle  sich  bei  der  Eingabe  vielmehr  um  eine  Stellungnahme  zur  Verfügung  des  BFM  vom  10. Mai 2010.  Das  eröffnete  Verfahren  E­  5366/2010 wurde wieder geschlossen.

E­5752/2010 J.  Mit Eingabe vom 21. Juli 2010 reichten die Beschwerdeführenden bei der  Schweizer Botschaft Beschwerde („Apelación“) ein; die Eingabe ging bei  der Botschaft am 21. Juli 2010 ein.  Mit  Begleitschreiben  vom 5.  August  2010  übermittelte  die Botschaft  die  Beschwerde  –  wiederum  fälschlicherweise  bezeichnet  als  „Beschwerdeverbesserung  [...]  betreffend  Zwischenverfügung  negativer  Asylentscheid vom 24.06.2010“ ans Bundesverwaltungsgericht  (Eingang  beim Gericht am 13. August 2010). Gleichzeitig wurde  festgehalten,  die  vorinstanzliche  Verfügung  sei  seitens  der  Botschaft  am  8.  Juli  2010  versandt  worden,  die  „Beschwerdeverbesserung“  sei  dort  am  21.  Juli  2010 eingegangen.  Mit ihrer Eingabe beantragen die Beschwerdeführenden sinngemäss  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung,  die  Asylgewährung  und  die  Einreisebewilligung in die Schweiz. K.  Die  Instruktionsrichterin  liess  die  Beschwerdeeingabe  vom  21. Juli 2010  samt Beilagen übersetzen (für die Übersetzungen vgl. act. 4).  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember 1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021). Das BFM gehört  zu den Behörden nach Art. 33 VGG und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG  liegt nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  im  Bereich  des  Asyls  endgültig  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni 1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).

E­5752/2010 1.2. Die  angefochtenen  Verfügung  vom  24. Juni 2010  wurde  durch  die  schweizerische  Vertretung  in  Bogotá  am  8. Juli 2010  an  die  Beschwerdeführenden  versandt;  die Beschwerde ging  bei  der Botschaft  am  21.  Juli  2010  –  und  damit  offenkundig  fristgerecht  –  ein  (vgl.  Schreiben  der  Botschaft  vom  5. August 2010;  oben  Bst.  J).  Weitere  Abklärungen  in  diesem  Zusammenhang  (so  ist  beispielsweise  nicht  nachvollziehbar, dass die Empfangsbestätigung betreffend den Erhalt der  angefochtenen  Verfügung  ebenfalls  vom  21.  Juli  2010  datieren  soll)  können  demnach  unterbleiben. Die  Beschwerde  ist  nicht  in  einer  Amtssprache,  sondern  in  Spanisch  verfasst;  aus  prozessökonomischen  Gründen  wurde  auf  eine  Rückweisung  der  Beschwerde  zur  Übersetzung  in  eine  Amtssprache  verzichtet  und  die  Übersetzung  von  Amtes  wegen  vorgenommen.  Der  vorliegende  Entscheid  ergeht  hingegen  in  deutscher  Sprache  (vgl.  Art.  33a Abs. 2 VwVG i.V.m. Art. 6 AsylG). Im  Übrigen  ist  die  Beschwerde  form­  und  fristgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden sind durch die angefochtene Verfügung besonders  berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  auch  legitimiert  (Art. 37  VGG  i.V.m.  Art. 48,  50  und  52  VwVG). Auf die Beschwerde ist mithin einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Gemäss  Art.  19  Abs.  1  AsylG  kann  ein  Asylgesuch  bei  einer  schweizerischen  Vertretung  im  Ausland  gestellt  werden.  Die  schweizerische Vertretung befragt die asylsuchende Person mündlich zu  ihrem  Asylgesuch,  ausser  wenn  eine  Befragung  nicht  möglich  ist;  in  diesen Fällen ist die asylsuchende Person aufzufordern,  ihre Asylgründe  schriftlich  festzuhalten  (Art.  10  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999 über Verfahrensfragen [AsylV 1, SR 142.311]). Die schweizerische  Vertretung  überweist  das  Gesuch  mit  einem  Bericht  dem  Bundesamt,  welches  die  Einreise  in  die  Schweiz  zur  Abklärung  des  Sachverhaltes  bewilligt, wenn der asylsuchenden Person nicht zugemutet werden kann, 

E­5752/2010 im Wohnsitz­ oder Aufenthaltsstaat zu bleiben oder  in ein anderes Land  auszureisen (Art. 20 Abs. 1 und 2 AsylG). 4.  4.1. Die Asylbehörde hat  den  rechtserheblichen Sachverhalt  von Amtes  wegen  festzustellen  (Art.  6 AsylG  i.V.m. Art.  12 VwVG). Der Grundsatz  des  rechtlichen  Gehörs  (Art.  29  Abs.  2  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  [BV,  SR  101],  Art. 29 VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG) verlangt weiter, dass die verfügende  Behörde  dabei  die  Vorbringen  der  betroffenen  Person  tatsächlich  hört,  sorgfältig und ernsthaft prüft und  in der Entscheidfindung berücksichtigt,  was sich entsprechend in der Entscheidbegründung niederschlagen muss  (Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2004  Nr.  38  E.  6.3  S.  264).  Die  Begründungsdichte  richtet  sich  dabei  nach  den  Verfahrensumständen,  dem Verfügungsgegenstand  und den  Interessen der Betroffenen, wobei  die  bundesgerichtliche Rechtsprechung  bei  schwerwiegenden  Eingriffen  in  die  rechtlich  geschützten  Interessen  der  Betroffenen  –  was  bei  der  Frage der Gewährung oder Verweigerung des Asyls regelmässig der Fall  ist  –  eine  sorgfältige  und  ausführliche  Begründung  verlangt  (EMARK  2006 Nr. 24 E. 5.1 S. 256).  Im Auslandverfahren kann unter bestimmten Umständen von der Regel,  zur Sachverhaltsfeststellung eine Befragung durchzuführen, abgewichen  werden, was die Vorinstanz in der abweisenden Verfügung zu begründen  hat; es soll für die asylsuchende Person nachvollziehbar sein, warum die  Behörde so und nicht anders entscheidet. Um den Anforderungen an die  Begründungsdichte  zu  genügen,  muss  der  Entscheid  so  umfassend  begründet  sein,  dass  die  betroffene  Partei  ihn  sachgerecht  anfechten  kann und die Rechtsmittelinstanz ihn sachgerecht beurteilen kann (BVGE  2007/30 E. 5.6). 4.2.  Im  übermittelnden  Bericht  an  das  BFM  führte  die  bei  der  schweizerischen  Botschaft  zuständige  Person  an,  dass  aus  Kapazitätsgründen  keine  Befragung  durchgeführt  worden  sei  (vgl.  Schreiben  vom  10. März 2009;  oben  Bst.  B).  Die  Vorinstanz  führte  sodann unter Hinweis auf BVGE 2007/30 in ihrer abweisenden Verfügung  vom 24. Juni 2010 aus, dass sich eine Anhörung zudem erübrigen könne,  wenn  der  Sachverhalt  entscheidreif  erstellt  sei.  Den  Beschwerdeführenden sei dahingehend mit Schreiben vom 10. Mai 2010 

E­5752/2010 das rechtliche Gehör erteilt worden und sie hätten sich diesbezüglich mit  Schreiben  vom  31.  Mai  2010  geäussert.  Gestützt  auf  die  Eingabe  der  Beschwerdeführenden und die Aktenlage könne die Gefährdungssituation  abschliessend  beurteilt  werden.  In  materieller  Hinsicht  führte  die  Vorinstanz  zur  Begründung  ihrer  Verfügung  vom  24.  Juni  2010  aus,  dass  die  Beschwerdeführenden  geltend machen würden, als  Indigene, welche sich  für die Rechte  intern  Vertriebener und der Indigenen einsetzen würden, von der FARC und von  Paramilitärs bedroht zu werden. Zwar hätten sie Beweismittel eingereicht,  welche  bestätigen  würden,  dass  sie  Indigene  seien,  doch  sei  nicht  gesichert, dass der Beschwerdeführer auch Führer der Gemeinschaft der  D._______  sei.  Auch  seine  geltend  gemachten  Aktivitäten  für  Menschenrechtsorganisationen und intern Vertriebene seien nicht belegt.  Zudem  sei  die  Schilderung  der  Bedrohung  durch  Paramilitärs  äusserst  lückenhaft  und  unsubstanziiert  und  daher  als  blosse  Behauptung  zu  qualifizieren. Bei  den Beschwerdeführenden  handle  es  sich weiter  nicht  um  landesweit  bekannte  Persönlichkeiten,  weshalb  nicht  davon  auszugehen  sei,  dass  ihre  Verfolger  sie  an  einem  beliebigen  Ort  in  Kolumbien  ausfindig  machen  könnten.  Zwar  würden  die  Beschwerdeführenden erwähnen, den Wohnort mehrmals gewechselt zu  haben;  sie  hätten  sich  jedoch  immer  im Departement  (...)  und  in  (...)  in  Zentralkolumbien  aufgehalten.  Es  sei  ihnen  zumutbar,  in  einer  anderen  Region  Kolumbiens  zu  leben,  wo  sie  nicht  so  leicht  ausfindig  gemacht  werden könnten. Somit bestünden  innerstaatliche Fluchtalternativen, mit  welchen  sich  die  Beschwerdeführenden  der  Verfolgung  entziehen  könnten.  Demnach  bestehe  keine  unmittelbare  Gefahr  im  Sinne  des  Asylgesetzes und die Beschwerdeführenden bedürften des Schutzes der  Schweizer Behörden nicht. 4.3.  Vorab  ist  festzuhalten,  dass  die  vorinstanzliche  Aktenführung  als  offenkundig mangelhaft bezeichnet werden muss. Die Akten sind weder  paginiert  noch  in  einem Aktenverzeichnis  aufgeführt;  wiederholt  wurden  verschiedene  Aktenstücke,  obwohl  sie  chronologisch  erst  nacheinander  entstanden  oder  eingereicht  worden  sind,  mit  Bostitch­Klammern  zu  einem einzigen Aktenstück zusammengeheftet. Nicht nachvollziehbar  ist  sodann die Art und Weise, wie seitens der Schweizer Botschaft in Bogotá  Verfügungen gegen Empfangsbestätigung eröffnet werden, trägt doch die  unterzeichnete  Empfangsbestätigung  in  der  Regel  einfach  das  selbe  Datum wie die spätere Eingabe der Beschwerdeführenden.

E­5752/2010 4.4.  Weiter  ist  sodann  festzuhalten,  dass  die  Vorinstanz  den  Beschwerdeführenden  zwar  mit  Schreiben  vom  10. Mai 2010  das  rechtliche Gehör erteilte, deren entsprechende Stellungnahme aber nicht  abwartete  und  berücksichtigte.  Wie  aus  dem  Begleitschreiben  der  Botschaft  vom  2.  Juni  2010  (vgl.  oben  Bst.  F)  hervorgeht,  wurde  die  Verfügung  vom  10.  Mai  2010  betreffend  Gewährung  des  rechtlichen  Gehörs erst am 31. Mai 2010 versandt. Die negative Asylverfügung des  BFM  vom  24.  Juni  2010  ist  mithin  noch  während  der  laufenden  30­ tägigen  Frist  zur  Stellungnahme  ergangen.  Die  Eingabe  der  Beschwerdeführenden vom 31. Mai 2010, auf welche sich die Vorinstanz  in  der  Verfügung  vom  24. Juni 2010  bezieht,  ist  folglich  entgegen  der  Betitelung  im  Übermittlungsschreiben  der  Botschaft  nicht  eine  Stellungnahme  der  Beschwerdeführenden  zur  Verfügung  vom  10.  Mai  2010  im  Rahmen  des  rechtlichen  Gehörs,  sondern  eine  zusätzliche  Eingabe zum Asylgesuch. Dies ist im Übrigen auch aus der Datierung der  Eingaben – das Schreiben der Beschwerdeführenden ist vom 7. Mai 2010  datiert, die eingereichte Bestätigung der ONIC vom 10. Mai 2010 – klar  ersichtlich.  Das  Datum  des  31.  Mai  2010  ist  demgegenüber  das  Eingangsdatum  der  Eingabe  vom  7. Mai  2010  auf  der  schweizerischen  Botschaft. Weiter  ist  beim aufmerksamen Durchlesen der Ausführungen  der  Beschwerdeführenden  sofort  ersichtlich,  dass  sie  sich  mit  keinem  Wort  auf  die  Verfügung  vom  10. Mai 2010  beziehen,  sondern  darauf  hinweisen,  dass  die Direktion  für Menschenrechte  des  kolumbianischen  Justiz­  und  Innenministeriums  im  Rahmen  einer  Studie  für  die  Beschwerdeführenden den Gefährdungsgrad und ihr Risiko eingeschätzt  habe  und  zum Schluss  gekommen  sei,  dass  die  Beschwerdeführenden  einem ausserordentlich hohen Risiko unterliegen würden. Der Nachweis  dafür könne direkt bei der genannten Direktion konsultiert werden (vgl. für  die  Übersetzung  Beschwerdeakten  act.  4  S.  15;  die  Beschwerdeführenden  haben  die  fraglichen  Unterlagen  mit  der  Beschwerde erneut eingereicht). Die effektive Stellungnahme hinsichtlich  der Verfügung vom 10. Mai 2010 betreffend Gewährung des  rechtlichen  Gehörs  verfassten  die  Beschwerdeführenden  mit  ihrem  Schreiben  vom  28. Juni 2010  (vgl.  oben Bst.  H).  Zu  diesem Zeitpunkt war  die  negative  Verfügung  der  Vorinstanz  bereits  ergangen;  die  Stellungnahme  der  Beschwerdeführenden  wurde  von  der  Schweizer  Botschaft  fälschlicherweise ans Bundesverwaltungsgericht zur Entgegennahme als  Beschwerde  überwiesen. Nicht  nur  ist  die Vorinstanz  im Verfahren der Beschwerdeführenden bei  der  Aktenführung  und  der  Bezeichnung  der  Dokumente  und  Eingaben 

E­5752/2010 nicht  mit  genügender  Sorgfalt  und  Genauigkeit  vorgegangen,  sie  hat  letztlich  auch  die  Eingaben  der  Beschwerdeführenden  offenbar  nicht  vollständig  gelesen,  hätte  sie  doch  sonst  erkennen  können,  dass  zum  Zeitpunkt des Entscheides noch keine Stellungnahme eingegangen war;  auch die den Beschwerdeführenden dazu angesetzte Frist war zu diesem  Zeitpunkt – wie bereits erwähnt – noch nicht abgelaufen.  Mit  diesem Vorgehen  –  die  fristgerecht  eingereichte Stellungnahme  der  Beschwerdeführenden  im  Rahmen  der  Gehörsgewährung  nicht  abzuwarten und bereits vor deren Eingang vielmehr zu verfügen – hat die  Vorinstanz das rechtliche Gehör der Beschwerdeführenden verletzt. 4.5. Sämtliche Eingaben und Dokumente der Beschwerdeführenden sind  in  spanischer  Sprache  verfasst.  Weder  hat  die  Vorinstanz  die  Beschwerdeführenden  unter  Hinweis  auf  ihre  Mitwirkungspflicht  aufgefordert, für Übersetzungen der Unterlagen besorgt zu sein, noch hat  die Vorinstanz selber für die Übersetzung der Dokumente und Eingaben  – und  sei  es  nur  deren  wesentlicher  Passagen  –  gesorgt.  Keines  der  Dokumente  und  keine  der  Eingaben  der  Beschwerdeführenden  im  vorinstanzlichen  Dossier  liegt  in  einer  in  eine  Amtssprache  übersetzten  Version vor – nicht einmal  in einer zusammenfassenden Kurzversion – ;  für  jemanden,  der  des  Spanischen  nicht  mächtig  ist,  ist  es  unmöglich,  sich  ein  Bild  der  Akten  zu  verschaffen.  Damit  ist  für  das  Gericht  eine  sachgerechte  Beurteilung  des  Sachverhaltes  und  der  angefochtenen  Verfügung nicht möglich; es obliegt nicht der Beschwerdeinstanz, für eine  Übersetzung der vorinstanzlichen Akten besorgt zu sein. Zwar ist aus der  vom Gericht von Amtes wegen übersetzten Beschwerdeeingabe Einiges  nachvollziehbar (so basieren die vorstehenden Ausführungen unter E. 4.4  auf  den  Übersetzungen  der  Beschwerdebeilagen),  doch  ist  der  rechtserhebliche Sachverhalt  für  das Gericht  insgesamt  nicht  genügend  erstellt.  Damit  hat  die  Vorinstanz  auch  ihre  Pflicht  zur  Feststellung  des  rechtserheblichen Sachverhaltes verletzt. 4.6.  Die  Vorinstanz  begründet  in  materieller  Hinsicht  ihre  abweisende  Verfügung  unter  anderem  damit,  dass  die  Ausführungen  der  Beschwerdeführenden  zur  geltend  gemachten  Bedrohung  durch  Paramilitärs  äusserst  lückenhaft  und  unsubstanziiert  seien  und  die  Qualität  einer  blossen  Behauptung  nicht  zu  überschreiten  vermögen. 

E­5752/2010 Deshalb  bestünden  berechtigte  Zweifel  an  der  Glaubhaftigkeit  dieser  Aussagen.  Das Gericht teilt diese Einschätzung nicht. So kann etwa auf die Eingabe  der  Beschwerdeführenden  vom  7. Mai 2010  (Eingang  auf  der  Botschaft  am 31. Mai 2010, Weiterleitung ans BFM am 2. Juni 2010 und übersetzt  in act. 4, S. 12 f.) verwiesen werden, wo die Beschwerdeführenden sogar  die Person namentlich erwähnen, welche sie den Paramilitärs zuordnen  und  welche  sie  für  die  Bedrohung  durch  selbige  verantwortlich  sehen.  Dass die Beschwerdeführenden  ihre Verfolgung seitens der Paramilitärs  nicht  weiter  detailliert  niederschrieben,  sondern  sich  mit  den  Ausführungen  begnügten,  dem  Beschwerdeführer  würden  verdächtige  Personen  folgen  und  er  sei  im  September  2009  durch  eine  Person,  welche  sich  als  Paramilitär  zu  erkennen  gegeben  habe,  mit  dem  Tode  bedroht worden,  kann  nicht  als  unsubstanziiert  und  schon  gar  nicht  als  Begründung  für  berechtigte  Zweifel  an  den  diesbezüglichen  Vorbingen  betrachtet  werden.  Vielmehr  wäre  es  in  der  Pflicht  der  Vorinstanz  zur  Sachverhaltsfeststellung  gelegen,  die  Beschwerdeführenden  dahingehend zu befragen. Indem sie die diesbezüglichen Vorbringen als  unglaubwürdig  hinstellt,  begründet  sie  letztlich  ihre  Ansicht,  der  Sachverhalt  sei  abschliessend  erstellt  und  es  habe  auf  eine  Befragung  verzichtet werden können. Dieses Vorgehen kann jedoch nicht angehen.  Die Vorinstanz wäre gehalten gewesen, die Beschwerdeführenden durch  die Botschaft befragen zu lassen. 4.7. Die Vorinstanz hat mit  ihrer Verfügung vom 24. Juni 2010 demnach  ihre Pflicht zur Feststellung des  rechtserheblichen Sachverhalts verletzt,  indem  sie  die  Eingaben  der  Beschwerdeführenden  nicht  durch  diese  übersetzen  liess  oder  selber  für  eine  Übersetzung  zumindest  der  zentralen  Passagen  sorgte,  und  indem  sie  die  Beschwerdeführenden  nicht befragte. Zudem erging die Verfügung in Verletzung des rechtlichen  Gehörs  der  Beschwerdeführenden,  da  die  Frist  zur  Stellungnahme  zur  Verfügung  vom  10.  Mai  2010  nicht  abgewartet  und  die  Stellungnahme  somit nicht berücksichtigt wurde.  Es stellt sich die Frage, ob die festgestellten Verletzungen geheilt werden  können oder zur Kassation der angefochtenen Verfügung führen müssen.  Das  Bundesverwaltungsgericht  geht  ­  wie  dies  schon  ständige  Praxis  seiner  Vorgängerin  in  Asylfragen,  der  ARK,  war  ­  davon  aus,  dass  Gehörsverletzungen  dank  der  umfassenden  Kognition  der  Beschwerdeinstanz  in  bestimmten  Schranken  geheilt  werden  können; 

E­5752/2010 dies  insbesondere  unter  den  Voraussetzungen,  dass  die  unterbliebene  Handlung  nachgeholt  wird  und  der  Beschwerdeführer  sich  dazu  hat  äussern können. Eine sachgerechte Lösung im Sinne einer Heilung oder  Kassation wird  sich  entscheidend  an  der  Schwere  der  Verletzung  einer  Verfahrensvorschrift,  aber  auch  daran  zu  orientieren  haben,  ob  die  Verletzung auf einem Versehen beruht oder das Resultat einer gehäuften  unsorgfältigen  Verfahrensführung  ist  (vgl.  BVGE  2009/54 E.  2.5,  BVGE  2008/47 E. 3.3.4, je mit weiteren Hinweisen).  Vorliegend  erscheint  die  Verletzung  des  rechtlichen  Gehörs  schwerwiegend und beruht nicht auf einem Versehen, sondern auf einer  gehäuften unsorgfältigen Verfahrensführung. Dies wiegt umso schwerer,  als  es   um  die  zentrale  Frage  der  Prüfung  des  Vorliegens  einreiserelevanter  Verfolgung  geht.  Weiter  ist  es  nicht  Sache  der  Beschwerdeinstanz,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  festzustellen,  wenn  es  die  Vorinstanz  versäumte.  Nicht  zuletzt  ginge  den  Beschwerdeführenden  dadurch  eine  Rechtsmittelinstanz  verlustig.  Deshalb  kommt  eine  Heilung  nicht  in  Betracht.  Die angefochtene Verfügung der Vorinstanz ist demnach zu kassieren.  5.  Die obigen Ausführungen und Schlussfolgerungen führen  indessen nicht  dazu, dass den Beschwerdeführenden die Einreise in die Schweiz bereits  deshalb  zu bewilligen wäre. Angesichts der Aktenlage beziehungsweise  des  nicht  rechtsgenüglich  erstellten  Sachverhalts  bestehen  nicht  genügend  konkrete  Anhaltspunkte  für  die  Annahme,  ihnen  wäre  ein  Verbleib  in  Kolumbien  für  die  Dauer  der  weiteren,  noch  erforderlichen  Verfahrenshandlungen nicht zumutbar im Sinne von Art. 20 Abs. 2 AsylG. 6.  Nach  dem  Gesagten  ist  die  Beschwerde  im  Sinne  der  Erwägungen  gutzuheissen.  Die  vorinstanzliche  Verfügung  vom  24.  Juni  2010  ist  aufzuheben  und  die  Vorinstanz  anzuweisen,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  vollständig  festzustellen,  die  sachverhaltsrelevanten  Dokumente zu übersetzen und in der Sache neu zu entscheiden. 7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  keine  Verfahrenskosten  zu  erheben  (Art.  63  Abs.  1  VwVG).  Eine  Parteientschädigung  ist  den  Beschwerdeführenden  –  trotz  Obsiegens  –  mangels  rechtlicher 

E­5752/2010 Vertretung  nicht  zuzusprechen  (Art.  7  und  8  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]  und  Art.  64  Abs.  1  VwVG).  (Dispositiv nächste Seite).

E­5752/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die  Verfügung  des  BFM  vom  24.  Juni  2010  wird  aufgehoben  und  das  BFM  angewiesen,  im  Sinne  der  Erwägungen  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  vollständig  festzustellen  und  in  der  Sache  neu  zu  entscheiden. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Es wird keine Parteientschädigung zugesprochen. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  Schweizerische Botschaft in Bogotá. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Christa Luterbacher Contessina Theis Versand:

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