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Bundesverwaltungsgericht 17.11.2011 E-2152/2010

17 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,573 mots·~8 min·1

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl; Verfügung des BFM vom 4. März 2010 / N

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­2152/2010 Urteil   v om   1 7 .   No v embe r   2011   Besetzung Richter Kurt Gysi (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richterin Regula Schenker Senn,    Gerichtsschreiber Nicholas Swain. Parteien A._______, geboren am (…) Eritrea,   vertreten durch Dr. iur. Oliver Brunetti,  BAS Beratungsstelle für Asylsuchende der Region Basel,  (…), Beschwerdeführer,  Gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl; Verfügung des BFM vom 4. März 2010 / N (…).

E­2152/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  verliess  nach  eigenen  Angaben  seinen  Heimatstaat am 10. Mai 2008 und reiste am 28. Juli 2008 in die Schweiz  ein, wo er gleichentags im Empfangs­ und Verfahrenszentrum B._______  um Asyl ersuchte. Nach der Kurzbefragung vom 11. August 2008 wurde  er für die Dauer des Verfahrens dem Kanton C._______ zugewiesen. Am  13. August 2009 fand eine direkte Anhörung durch das BFM statt. B.  Der  Beschwerdeführer  brachte  zur  Begründung  seines  Asylgesuchs  im  Wesentlichen vor, er sei gehöre der Ethnie der Bilen an und stamme aus  D._______  bei  E._______.  Ab  September  2003  oder  dem  Jahr  2005  habe er die Junior School  in E._______ besucht und habe in dieser Zeit  bei einer Tante in E._______ gelebt. Sein Vater sei im Jahre 2004 an den  Folgen  von  Misshandlungen  verstorben,  die  er  im  Zusammenhang  mit  der Desertion seines älteren Bruders erlitten habe. Am 21. Februar 2006  morgens  seien  die  Schüler  vom  Schulleiter  aufgefordert  worden,  ausnahmsweise  am Abend  desselben  Tages  in  die Schule  zu  kommen  (Akten BFM A1 S. 4 f.), beziehungsweise sie seien am 20. Februar 2006  abends  angehalten  worden,  ausnahmsweise  am  Morgen  des  nächsten  Tages  zu  erscheinen  (A12  S. 6f.).  Da  er  eine  Razzia  der  Armee  befürchtet  habe,  sei  er  nicht  hingegangen.  Nachdem  er  erfahren  habe,  dass  tatsächlich  eine  Zwangsrekrutierung  der  anwesenden  Schüler  stattgefunden  habe,  sei  er  in  sein  Heimatdorf  D._______  zu  seiner  Familie  zurückgekehrt.  Nach  einigen  Tagen,  ungefähr  am  26.  Februar  2006,  seien Soldaten  beim Haus  seiner  Familie  erschienen, welche  ihn  gesucht hätten. Er habe vor diesen fliehen können und habe in der Folge  jeweils die Nacht auf einem Hügel in der Nähe des Hauses verbracht und  tagsüber  auf  den  Feldern  seiner  Familie  gearbeitet.  Er  sei  etwa  fünfzigmal,  zwei  bis  drei  Mal  pro  Monat,  von  den  Soldaten  zu  Hause  gesucht worden. Weil er sich dem Militärdienst entzogen habe, sei seine  Mutter  mehrmals  vorgeladen  worden,  und  es  sei  ihr  eine  Busse  in  der  Höhe  von  50'000  Nakfa  auferlegt  worden.  Im  Juni  2006  sei  sie  festgenommen  und  nach  zwei  Wochen  wieder  freigelassen  worden,  nachdem  ihr  Bruder  für  sie  gebürgt  habe.  Er  sei  zunächst  in  seinem  Heimatort  geblieben,  weil  seine  Familie  auf  seine  Unterstützung  angewiesen  gewesen  sei.  Schliesslich  habe  er  sich  aber  zur  Ausreise  entschlossen, weil sein Leben unerträglich geworden sei. Er sei zu Fuss  innert acht Tagen nach F._______, Sudan, gegangen, wo er am 10. Mai 

E­2152/2010 2008 angekommen sei, wobei er die Grenze  illegal und ohne kontrolliert  worden zu sein überquert habe. Von dort sei er auf Geländewagen nach  Libyen gelangt, von wo er  in einem Motorboot nach Italien gefahren sei.  Mithilfe von Schleppern sei er von dort in die Schweiz gereist. Er habe nie  ein Identitätspapier besessen. Zur Stützung seiner Vorbringen reichte der  Beschwerdeführer Kopien der Identitätspapiere seiner Eltern ein. C.  Mit Verfügung vom 4. März 2010 – eröffnet am 5. März 2010 − stellte das  BFM  fest,  dass  der  Beschwerdeführer  aufgrund  subjektiver  Nachfluchtgründe  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  erfülle.  Hingegen  lehnte  es  sein  Asylgesuch  ab  und  ordnete  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  an,  gewährte  ihm  aber  wegen  Unzulässigkeit  des  Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme. Auf die Begründung wird  – soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. D.  Mit  Eingabe  vom  5.  April  2010  zeigte  der  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers  unter  Beilage  einer  Vollmacht  die  Übernahme  des  Vertretungsmandats an und beantragte, die vorinstanzliche Verfügung sei  aufzuheben und ihm das Asyl zu gewähren. In formeller Hinsicht ersuchte  er um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege und um Verzicht auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Auf  die  Begründung  wird –  soweit entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. E.  Mit  Zwischenverfügung  vom  9.  April  2010  hiess  der  Instruktionsrichter  das Gesuch um Gewährung der unentgeltliche Rechtspflege gemäss Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  unter  dem  Vorbehalt  der  Nachreichung  einer  Fürsorgebestätigung  gut  und  forderte  den  Beschwerdeführer  dazu  auf,  innert  Frist  entweder  eine  Fürsorgebestätigung  nachzureichen  oder  einen  Kostenvorschuss  einzuzahlen. F.  Mit  Eingaben  vom  22.  April  2010  und  4.  Mai  2010  reichte  der  Beschwerdeführer  fristgerecht  eine  Unterstützungsbestätigung  des  Regionalen Sozialdiensts G._______ vom 20. April 2010 ein.

E­2152/2010 G.  In  ihrer Vernehmlassung vom 11. Mai 2010 hielt die Vorinstanz an  ihrer  Verfügung fest und beantragte die Abweisung der Beschwerde. H.  Mit  Eingabe  seiner  Rechtsvertretung  vom  31.  Mai  2010  machte  der  Beschwerdeführer  von  dem  ihm  mit  Zwischenverfügung  vom  18.  Mai  2010  eingeräumten  Recht  zur  Stellungnahme  Gebrauch  und  hielt  seinerseits  an  seinen Beschwerdebegehren  sowie  den Ausführungen  in  seiner Beschwerdeeingabe fest. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 108  Abs. 1  AsylG  sowie  Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

E­2152/2010 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  Das  BFM  stellte  sich  zur  Begründung  seiner  Verfügung  auf  den  Standpunkt,  die  Asylvorbringen  des  Beschwerdeführers  hielten  den  Anforderungen  an  die Glaubhaftigkeit  gemäss Art.  7  AsylG  nicht  stand.  So  habe  er  widersprüchliche  Angaben  gemacht  zum  Zeitpunkt  an  welchem  die  Schüler  aufgefordert  worden  seien,  in  der  Schule  zu  erscheinen,  sowie  zum  Datum,  an  welchem  er  erstmals  von  Militärangehörigen zu Hause gesucht worden sei. Zudem sei er nicht  in  der  Lage  gewesen,  den  geltend  gemachten Sachverhalt  hinreichend  zu  konkretisieren. Insbesondere habe er nicht klar darzulegen vermocht, wie  er von der Razzia in der Schule erfahren habe. Im Rahmen der Anhörung  durch  das  BFM  habe  er  vorgebracht,  er  sei  etwa  fünfzigmal  zu  Hause  gesucht worden und seine Mutter sei seinetwegen während zwei Wochen  festgehalten  worden.  Diese  Umstände  habe  er  jedoch  anlässlich  der  summarischen  Befragung  nicht  erwähnt,  obwohl  es  sich  um  ein  wesentliches  Vorbringen  handle.  Das  BFM  stellte  indessen  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft,  weil  aufgrund  der  Akten  davon  auszugehen  sei,  dass  er  Eritrea  illegal  und  in  militärdienstpflichtigem  Alter  verlassen  habe.  Die  eritreischen  Behörden 

E­2152/2010 unterstellten  solchen  Personen  eine  regierungsfeindliche  Haltung  und  bestraften  sie  dafür  mit  sehr  strengen  und  brutalen  Massnahmen,  weshalb  der  Beschwerdeführer  begründete  Furcht  habe,  bei  einer  Rückkehr in seinen Heimatstaat ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art.  3 AsylG ausgesetzt zu werden. Da er nach Einschätzung des BFM erst  durch  die  Ausreise  aus  Eritrea  zum  Flüchtling  wurde,  schloss  es  ihn  gestützt  auf  Art.  54  AsylG  (subjektive  Nachfluchtgründe)  von  der  Asylgewährung aus.  4.2.  In  seiner  Beschwerde  rügte  der  Beschwerdeführer,  zunächst,  dass  die Anhörung  vom 13. August  2009 nicht  in  seiner Muttersprache Bilen  sondern in der Sprache Tigrinya stattgefunden habe, obwohl er anlässlich  der Empfangsstellenbefragung  angegeben  habe,  Tigrinya  nur  passiv  zu  beherrschen.  Die  Vorinstanz  habe  seine  Vorbringen  zu  Unrecht  als  unglaubhaft erachtet. Er habe die ausreiserelevanten Erlebnisse kohärent  und detailliert geschildert und verschiedene ihm zur Prüfung der Realität  seiner Vorbringen gestellte Fragen beantworten können. Seine Aussagen  seien schlüssig, plausibel und würden mit der allgemeinen Erfahrung und  den  besonderen  Verhältnissen  in  Eritrea  in  Einklang  stehen.  Bezüglich  des Zeitpunkts der aussergewöhnlichen Vorladung durch den Schulleiter  sei es wahrscheinlich bei der Befragung an der Empfangsstelle zu einem  Missverständnis  gekommen.  Es  müsse  der  summarische  Charakter  dieser  Befragung  und  der  praxisgemäss  beschränkte  Beweiswert  der  Aussagen bei Empfangsstellenbefragungen berücksichtigt werden. Dass  ihm  das  genaue  Datum  des  ersten  Besuchs  der  Militärpersonen  bei  seiner  Mutter  entfallen  sei,  was  er  im  Übrigen  bei  der  Anhörung  ausdrücklich  festgehalten  habe,  sei  nachvollziehbar,  da  dieses  Ereignis  mehrere  Jahre  zurückliege.  Seine  Schilderungen  dazu,  wie  er  von  der  Zwangsrekrutierung  an  seiner  Schule  erfahren  habe,  sei  durchaus  realistisch  und  nachvollziehbar  sowie  kohärent  und  konsistent.  Der  Vorhalt der nachgeschobenen Vorbringen sei nicht berechtigt. Das BFM  habe  auch  diesbezüglich  den  summarischen  Charakter  der  Empfangsstellenbefragung nicht berücksichtigt. Zudem handle es sich bei  den  erst  im  Rahmen  der  zweiten  Anhörung  vorgebrachten  Umständen  (Suche  durch  die  Behörden,  Verhaftung  der  Mutter)  nicht  um  den  zentralen  Grund  für  seine  Flucht.  Diesen  habe  er  bei  der  Empfangsstellenbefragung  durchaus  genannt  und  die  entsprechenden  Fragen  angemessen  beantwortet.  Aufgrund  einer  objektiven  Gesamtwürdigung  seien  seine  Vorbringen  daher  als  glaubwürdig  zu  erachten. 

E­2152/2010 Im  Weiteren  sei  in  Eritrea  die  Bestrafung  von  Desertion  und  Dienstverweigerung  unverhältnismässig  streng,  weshalb  gemäss  Praxis  des Bundesverwaltungsgerichts Personen, welche begründete Furcht vor  einer  solchen  Bestrafung  hätten,  als  Flüchtling  anerkannt  würden.  Die  Furcht  vor  einer  solchen  Bestrafung  sei  begründet,  wenn  ein  konkreter  Kontakt  zu  den  Militärbehörden  bestanden  habe.  Die  Vorladung  durch  den  Schulleiter  sei  als  solcher  relevanter  Kontakt  zu  den  Behörden  zu  bewerten,  und  er  habe  durch  sein  Nichterscheinen  die  Dienstpflicht  verletzt.  Dies  werde  durch  die  Fahndung  der  Militärpolizei  nach  ihm  verdeutlicht. Aufgrund seiner Dienstverweigerung drohten im asylrechtlich  relevante  Nachteile.  Es  handle  sich  dabei  nicht  um  subjektive  Nachfluchtgründe,  weil  die  Verfolgung  auf  seinem  Verhalten  vor  der  Ausreise beruhe. 4.3.  In  ihrer  Vernehmlassung  stellte  sich  das  Bundesamt  auf  den  Standpunkt,  es  würden  sich  aus  dem  Protokoll  der  Anhörung  keine  Hinweise  auf  Verständigungsprobleme  ergeben  und  der  Beschwerdeführer habe am Ende der Anhörung angegeben, er habe den  Dolmetscher  sehr  gut  verstanden.  Die  Ungereimtheiten  in  seinen  Vorbringen  könnten  somit  nicht  auf  sprachliche Probleme  zurückgeführt  werden.  4.4.  In  seiner  Replik  entgegnete  der  Beschwerdeführer,  die  Verständigungsprobleme  seien  nicht  das  Hauptargument  der  Beschwerde,  sondern  eines  von  vielen  Elementen,  welche  zur  Entkräftung  der  Einschätzung  der  Vorinstanz  herangezogen  worden  seien.  Da  er  ausdrücklich  zu  Protokoll  gegeben  habe,  dass  er  Tigrinya  nur ungenügend beherrsche, hätte die Anhörung nicht in dieser Sprache  stattfinden  dürfen.  Allfällige  sprachliche  Ungereimtheiten  könnten  ihm  daher nicht angelastet werden. Seine Aussage am Ende der Anhörung,  er  habe  den  Dolmetscher  gut  verstanden,  dürfe  nicht  überbewertet  werden. 5.  5.1.  Soweit  der  Beschwerdeführer  rügt,  die  Anhörung  durch  das  BFM  habe  in  einer  Sprache  stattgefunden,  welche  er  nicht  hinreichend  beherrsche,  ist  Folgendes  festzustellen:  Da  die  Begründung  des  Asylgesuchs im Rahmen der Anhörung ein hohes Mass an sprachlichem  Verständnis  zwischen Befrager  und dem Asylsuchenden bzw.  zwischen  letzterem und dem (allenfalls) anwesenden Dolmetscher erfordert, haben 

E­2152/2010 Asylsuchende  gemäss  Lehre  und  konstanter  Praxis  einen  Anspruch  darauf,  ihre  Asylgründe  in  einer  von  ihnen  beherrschten  Sprache  vorzubringen,  und  die  Mitwirkung  an  einer  in  einer  anderen  Sprache  geführten  Befragung  ist  ihnen  nicht  zuzumuten  (vgl.  dazu  bereits:  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  1993  Nr.  36  E.  3  f.  mit  weiteren  Hinweisen). Anlässlich der Kurzbefragung vom 11. August 2008, welche  in  Tigre  und  Arabisch  stattfand,  gab  der  Beschwerdeführer  bezüglich  seiner  Sprachkenntnis  zu  Protokoll,  er  beherrsche  neben  seiner  Muttersprache  Bilen  auch  Tigre  genügend  für  die  Anhörung.  Zu  den  übrigen  Sprachkenntnissen  wurde  protokolliert:  "arabisch mittel,  tigrinya  passiv,  ganz wenig englisch"  (A1 S.  2).  Zu Beginn der Anhörung durch  das  BFM  vom  13.  August  2009  erklärte  der  Beschwerdeführer  dem  Dolmetscher, dass Tigrinya nicht seine Muttersprache sei, er diese aber  verstehe und ersuchte ihn, Fragen, welche er allenfalls nicht verstehe, zu  erklären (A12 S. 2). Eine Durchsicht des Protokolls ergibt indessen keine  Hinweise  auf  Verständnisschwierigkeiten.  Zudem  hat  der  Beschwerdeführer  am  Ende  der  Befragung  bestätigt,  den  Dolmetscher  gut verstanden zu haben und auch die Hilfswerkvertreterin brachte keine  entsprechenden  Bemerkungen  an.  Demnach  kann  davon  ausgegangen  werden,  dass der Beschwerdeführer  das Tigrinya genügend beherrscht,  um seine Asylgründe vorbringen zu können. Allerdings ist dem Umstand,  dass die beiden Befragungen in unterschiedlichen Sprachen stattfanden,  welche  beide  nicht  die  Muttersprache  des  Beschwerdeführers  sind,  bei  der Beurteilung allfällige Divergenzen  in seinen Aussagen Rechnung zu  tragen. 5.2.  Grundsätzlich  sind  die  Vorbringen  eines  Gesuchstellers  dann  glaubhaft,  wenn  sie  genügend  substanziiert,  in  sich  schlüssig  und  plausibel sind; sie dürfen sich nicht  in vagen Schilderungen erschöpfen,  in  wesentlichen  Punkten  nicht  widersprüchlich  sein  oder  der  inneren  Logik  entbehren  und  auch  nicht  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung widersprechen  (vgl. EMARK 2004 Nr. 1 E. 5 S. 4  ff.). An die  Glaubhaftmachung  dürfen  nicht  zu  strenge  Anforderungen  gestellt  werden  und  die  Argumentation  der  Behörden  darf  sich  nicht  in  blossen  Gegenbehauptungen  oder  allgemeinen  Vermutungen  erschöpfen.  Angesichts  des  reduzierten  Beweismasses  der  Glaubhaftmachung  besteht  durchaus  Raum  für  gewisse  Einwände  und  Zweifel  an  den  Vorbringen  des  Gesuchstellers.  Entscheidend  ist,  ob  eine  Gesamtwürdigung  aller  Vorbringen  ergibt,  dass  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des  Gesuchstellers  sprechen 

E­2152/2010 überwiegen oder nicht (vgl. EMARK 2004 Nr. 1 E 5 S. 4 ff., mit weiteren  Hinweisen, EMARK 1993 Nr. 21 S. 134 ff., EMARK 1993 Nr. 11 S. 67 ff.). 5.3.  Zunächst  hat  das  Bundesamt  zu  Recht  festgestellt,  dass  der  Beschwerdeführer  klar  unterschiedliche  Angaben  dazu  gemacht  hat,  wann  die  Schüler  vom  Rektor  über  den  aussergewöhnlichen  Anlass  informiert  worden  seien,  sowie  zum  Zeitpunkt,  an  dem  sie  hätten  ausserhalb  der  regulären  Unterrichtszeiten  in  der  Schule  erscheinen  sollen.  In  Anbetracht  der  oben  dargelegten  besonderen  Umstände  der  Befragungen  in  sprachlicher  Hinsicht  kann  aber  nicht  ausgeschlossen  werden,  dass  diese  Divergenzen  auf  sprachliche  Schwierigkeiten  oder  Übersetzungsfehler  zurückzuführen  sind.  Die  vom  Beschwerdeführer  geschilderten  Umstände,  unter  welchen  er  von  der  Razzia  durch  die  Militärbehörden erfahren haben will, erscheinen entgegen der Auffassung  der Vorinstanz angesichts der Lebensumstände in seinem Herkunftsland  nicht unrealistisch. Schliesslich erscheint auch die Abweichung in seinen  Angaben zum Zeitpunkt  des ersten Erscheinens der Militärs  beim Haus  seiner  Mutter  als  nicht  besonders  gravierend.  Indessen  muss  die  Darstellung  des  Beschwerdeführers,  er  habe  sich  während  über  zwei  Jahren auf dem Lande in der Nähe seines Herkunftsorts versteckt und sei  in dieser Zeit von den Militärbehörden etwa fünfzig Mal zu Hause gesucht  worden, als realitätsfremd bewertet werden. Es ist nicht nachvollziehbar,  dass die Behörden einen derart grossen Aufwand betrieben haben sollen,  um  eines  einzelnen  Rekruten  habhaft  zu  werden.  Hätten  die  Behörden  ihn  tatsächlich  mit  einer  solchen  Intensität  gesucht,  wäre  zu  erwarten,  dass  sie  ihn  gefunden  hätten,  hat  er  sich  doch  nach  eigenen Angaben  zumindest  tagsüber stets auf dem Land seiner Familie  in der Nähe des  Dorfes aufgehalten und wurde dort von anderen Bauern gesehen. Es fällt  ausserdem  auf,  dass  er  anlässlich  der  Kurzbefragung  weder  den  Umstand,  dass  er  regelmässig  zu  Hause  gesucht  wurde,  noch  die  Verhaftung seiner Mutter und die  ihr auferlegte Busse erwähnte, obwohl  diese  Umstände  für  seine  Ausreiseentscheid  wesentlich  gewesen  sein  dürften. Diese Vorbringen sind daher als nachgeschoben zu erachten.  Der  Beschwerdeführer  vermag  nach  dem  Gesagten  nicht  glaubhaft  zu  machen, dass er im Zeitpunkt seiner Ausreise in einem konkreten Kontakt  zu  den  Militärbehörden  Eritreas  stand  und  eine  aktuelle,  begründete  Furcht vor Verfolgung hatte. 5.4. Zusammenfassend gelangt das Gericht  in Übereinstimmung mit der  Vorinstanz zum Schluss, dass es dem Beschwerdeführer nicht gelungen 

E­2152/2010 ist,  eine  Vorverfolgung  im  Sinne  von  Art.  3  AsylG  nachzuweisen  oder  glaubhaft zu machen, und die Voraussetzungen für die Zuerkennung des  Asyls nicht erfüllt sind. Die Vorinstanz hat demnach das Asylgesuch des  Beschwerdeführers zu Recht abgelehnt. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; ; vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733 mit weiteren Hinweisen). 6.3. Da dem Beschwerdeführer von der Vorinstanz wegen des Vorliegens  subjektiver  Nachfluchtgründe  gemäss  Art.  54  AsylG  die  Flüchtlingseigenschaft  zugesprochen  und  er  unter  Hinweis  auf  die  Unzulässigkeit  des   Wegweisungsvollzugs  vorläufig  aufgenommen  wurde,  erübrigen  sich  Ausführungen  zur  Zulässigkeit,  Zumutbarkeit  und  Möglichkeit des Wegweisungsvollzugs.  7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 8.  Bei  diesem Ausgang  des  Verfahrens wären  dem Beschwerdeführer  die  Verfahrenskosten aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Da  indessen mit  Zwischenverfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  9.  April  2010  das Gesuch des Beschwerdeführers um Gewährung der unentgeltlichen  Rechtspflege  gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  gutgeheissen  wurde  und  keine  Anhaltspunkte  dafür  bestehen,  dass  sich  seine  finanzielle  Lage 

E­2152/2010 seither  massgeblich  verändert  hätte,  wird  auf  die  Auferlegung  von  Verfahrenskosten verzichtet. (Dispositiv nächste Seite)

E­2152/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers,  das  BFM und die zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Kurt Gysi Nicholas Swain Versand:

E-2152/2010 — Bundesverwaltungsgericht 17.11.2011 E-2152/2010 — Swissrulings