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Bundesverwaltungsgericht 24.11.2011 E-1693/2009

24 novembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,750 mots·~9 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; verfügung des BFM vom 11. Februar 2009

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­1693/2009 Urteil   v om   2 4 .   No v embe r   2011 Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richter François Badoud, Gerichtsschreiberin Carmen Wittwer. Parteien A._______, geboren (…), dessen Ehefrau B._______, geboren (…), und deren Kinder C._______, geboren (…),  D._______, geboren (…), Pakistan, (…), Beschwerdeführende, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 11. Februar 2009 / N (…).

E­1693/2009 Sachverhalt: A.  Die  aus  E._______  (…)  stammenden  Beschwerdeführenden  verliessen  ihren Heimatstaat eigenen Angaben zufolge am (…) auf dem Luftweg und  gelangten  über  F._______,  G._______  und  weitere,  ihnen  unbekannte  Länder am 3. November 2008 auf dem Landweg in die Schweiz, wo sie  gleichentags im Empfangs­ und Verfahrenszentrum (EVZ) H._______ um  Asyl  nachsuchten.  Die  summarische Befragung  fand  am  11.  November  2008 im EVZ und die Anhörung zu den Asylgründen gleichenorts am 22.  Dezember 2008 statt. B.  Zur  Begründung  ihrer  Asylgesuche  machten  die  Beschwerdeführenden  geltend,  sie  hätten  gegen  den  Willen  ihrer  Familien  geheiratet  und  würden  daher  von  diesen  mit  dem  Tod  bedroht.  Schlichtungsversuche  seien gescheitert, und die Familie der Beschwerdeführerin habe nach der  Geburt ihrer Tochter die Wohnung zerstört, eine schriftliche Morddrohung  hinterlassen und die Beschwerdeführerin nach mehreren Jahren an ihrem  neuen  Aufenthaltsort  bei  einem  Onkel  in  I._______  aufgespürt  sowie  bedroht. Als  Beleg  für  ihre  Identität  reichten  sie  Kopien  ihrer  pakistanischen  Pässe,  eine  Ehebestätigung  vom  (…),  eine  in  englischer  Sprache  ausgestellte  Geburtsurkunde  der  Tochter  sowie  eine  diese  betreffende  Abstammungsbestätigung und Kopien der Stammes­ID­Karten ein.  C.  Mit Verfügung vom 11. Februar 2009 – eröffnet  am 16. Februar 2009 –  stellte  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführenden  erfüllten  die  Flüchtlingseigenschaft nicht,  lehnte ihre Asylgesuche ab und ordnete die  Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug an. D.  Mit  Rechtsmitteleingabe  vom  16.  März  2009  (Formularbeschwerde  mit  handschriftlichen Ergänzungen) beantragten die Beschwerdeführenden in  materieller  Hinsicht  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung  und  unter  Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft  die Gewährung  von Asyl,  eventualiter  die  Feststellung  der  Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit  des  Wegweisungsvollzuges  und  die  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme.

E­1693/2009 In prozessualer Hinsicht beantragten sie den Verzicht auf die Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege.  Eventualiter  ersuchten  sie  um  Wiederherstellung  der  aufschiebenden  Wirkung  der  Beschwerde,  um  vorsorgliche  Anweisung  der  zuständigen  Behörde,  die  Kontaktaufnahme mit  den  Behörden  des  Heimat­  oder  Herkunftsstaates  sowie  jegliche  Datenweitergabe  an  dieselben  zu  unterlassen  und  bei  bereits  erfolgter  Datenweitergabe  darüber in einer separaten Verfügung zu informieren. E.  Mit  Eingabe  vom  18.  März  2009  liess  das  Sozialamt  J._______  dem  Bundesverwaltungsgericht  eine  die  Beschwerdeführenden  betreffende  Unterstützungsbescheinigung zukommen. F.  Mit Zwischenverfügung vom 25. März 2009 stellte der  Instruktionsrichter  fest,  die  Beschwerdeführenden  dürften  den  Ausgang  des  Rechtsmittelverfahrens  in  der Schweiz  abwarten,  hiess  das Gesuch  um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gut und verzichtete auf die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Gleichzeitig  wurde  die  Vorinstanz  zur Einreichung einer Vernehmlassung eingeladen. G.  In  seiner  Vernehmlassung  vom  30.  März  2009  hielt  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeschrift  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  und  Beweismittel,  welche  eine  Änderung  seines  Standpunktes  rechtfertigen  könnten,  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Diese  Stellungnahme  wurde  den  Beschwerdeführenden  vom  Gericht  am  31.  März 2009 zur Kenntnis gebracht. H.  Mit Schreiben vom 17. April 2009  teilten die Beschwerdeführenden dem  Gericht mit, dass sie ein zweites Kind erwarteten. Am (…) brachte die Beschwerdeführerin D._______ zur Welt.

E­1693/2009 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art.  32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art.  105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83 Bst.  d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17.  Juni  2005  [BGG,  SR  173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Be­ schwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 108 Abs. 1 AsylG sowie Art. 105 AsylG i.V.m.  Art.  37  VGG  und       Art.  48  Abs.  1  und  Art.  52  VwVG).  Auf  die  Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion, 

E­1693/2009 Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 4.  4.1.  4.1.1.  Das  BFM  führte  zur  Begründung  seines  negativen  Entscheides  aus,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden  hielten  den  Anforderungen  an  die Glaubhaftigkeit  gemäss Art.  7  AsylG  nicht  stand,  weshalb  ihre  Asylrelevanz  nicht  zu  prüfen  sei.  So  habe  der  Beschwerdeführer bei der Erstbefragung von einem Versuch gesprochen,  den Streit mit den Eltern wegen der vollzogenen Heirat zu schlichten, bei  der  Anhörung  jedoch  behauptet,  es  hätten  zwei  solche  Versuche  und  Kontakte  mit  den  Eltern  stattgefunden.  Zudem  habe  er  bei  der  Erstbefragung  ausgesagt,  er  habe  während  seines  Aufenthaltes  in  G._______  telefonisch die Mitteilung erhalten, seine Frau und sein Kind  seien in Gefahr, worauf er nach Pakistan zurückgekehrt sei und dann mit  der Familie das Land verlassen habe. In der Anhörung auf konkrete, die  Flucht  auslösende  Ereignisse  angesprochen,  habe  er  indessen  angegeben, es sei nichts vorgefallen. 4.1.2.  Des  Weiteren  seien  Vorbringen  tatsachenwidrig,  wenn  sie  in  wesentlichen  Punkten  den  gesicherten  Erkenntnissen  des  BFM  widersprechen  würden.  Der  Beschwerdeführer  habe  angegeben,  (…)  Tage nach der Geburt seiner Tochter sei sein Haus zerstört und dabei ein  Drohbrief seiner Familie hinterlassen worden. Auf die Frage, ob dies den 

E­1693/2009 Gepflogenheiten  der  (…)  Stammesgesetze  entspreche,  habe  er  keine  überzeugende Antwort zu geben vermocht, sondern pauschal erklärt, die  K._______ handelten ohne zu überlegen. Gemäss allgemein bekannten  und öffentlich zugänglichen Quellen bestünden die (…) Stammesgesetze,  die L._______, jedoch aus einem klar geregelten und definierten Rechts­  und  Ehrenkodex,  worin  genau  festgehalten  sei,  bei  welcher  Art  von  Streitigkeiten  wer  schlichte  und  wie  geschlichtet  werde.  Das  von  den  Beschwerdeführenden vorgebrachte Abbrennen der Wohnung sowie das  Hinterlassen eines Drohbriefes entspreche indessen in keiner Weise dem  Vorgehen bei familienrechtlichen Streitigkeiten unter (…)familien. 4.1.3.  Zudem  hätten  die  Beschwerdeführenden  die  angeblichen  Bedrohungen seitens der Eltern wenig detailliert, wenig überzeugend und  wenig  lebensnah  geschildert.  Insbesondere  habe  der Beschwerdeführer  auch auf konkrete Nachfrage hin nichts Schlüssiges mitzuteilen vermocht,  und  seine  Aussagen  bezüglich  Ort,  Zeitpunkt  und  Dauer  der  Nachstellungen  seien  vage  geblieben.  Aber  auch  die  Beschwerdeführerin,  welche  nach  eigenen  Angaben  aufgrund  der  familiären Übergriffe mehrere Jahre bei einem Onkel in I._______ gelebt  haben wolle, sei nicht in der Lage gewesen, zu diesem Aufenthalt Details  wie zeitliche Angaben oder Wohnadres­se zu liefern. 4.1.4.  Schliesslich  würden  die  Vorbringen  auch  der  allgemeinen  Erfahrung  oder  der  Logik  des  Handelns  widersprechen.  So  seien  den  Beschwerdeführenden  offenbar  am  (…)  (Beschwerdeführerin  und  Tochter)  und  am  (…)  (Beschwerdeführer)  auf  regulärem  Wege  in  E._______  Pässe  ausgestellt  worden,  was  sich  jedoch  nicht  mit  dem  Umstand  vereinen  lasse,  dass  der  Beschwerdeführer  zu  diesem  Zeitpunkt  in G._______  und  die Beschwerdeführerin  sowie  ihre Tochter  versteckt bei einem Onkel in I._______ gelebt hätten. Im Übrigen würden  die  Angehörigen  der  Beschwerdeführenden  auch  kaum  (…)  Jahre  benötigt haben, um deren Aufenthaltsort herauszufinden. 4.1.5. Der Vollzug der Wegweisung sei zulässig, möglich und zumutbar.  Der  (…)  und  (…)  sprechende  Beschwerdeführer  sei  ausgebildeter  (…)  und  verfüge über  eine höhere Schulbildung, womit  es  ihm möglich  sein  dürfte,  in seiner Heimat wieder ein Auskommen zu  finden und  für seine  Familie zu sorgen.  4.2. 

E­1693/2009 4.2.1.  In  der Beschwerde hält  der Beschwerdeführer  der Argumentation  des  BFM  entgegen,  er  sei  bei  der  Erstbefragung  aufgefordert  worden,  sich  kurz  zu  fassen,  weshalb  er  dort  im  Unterschied  zur  Anhörung  nur  einen Vermittlungsversuch erwähnt habe. Seine Aussage anlässlich der  Anhörung, es sei nichts vorgefallen, stehe nicht im Widerspruch zu seiner  Aussage anlässlich der Erstbefragung, er habe telefonisch erfahren, dass  seine  Frau  und  seine  Tochter  in  Gefahr  seien,  weil  er  damit  lediglich  gemeint  habe,  diese  seien  nicht  verletzt  worden.  Der  Vater  und  der  Bruder hätten aber den Onkel aufgesucht und nach seiner Frau gefragt  sowie  gedroht,  diese  umzubringen.  Weshalb  sich  der  Vater  und  der  Bruder  nicht  an  die  Stammesgesetze  gehalten  hätten,  könne  er  auch  nicht sagen, es sei ihm daraus kein Vorwurf zu machen. Dass seine Frau  nicht  viel  über  den mehrjährigen Aufenthalt  in  I._______  habe  erzählen  können, hänge damit zusammen, dass Frauen in Pakistan zuweilen sehr  zurückgezogen leben würden. Wieso der Vater und der Bruder erst nach  (…) Jahren gekommen seien, wüssten sie nicht.  Sie stammten aus der (…)provinz, wo die Taliban die Macht übernommen  hätten. Wer nicht nach deren strengen Regeln lebe, sei in Lebensgefahr.  Durch  ihre Heirat seien sie bereits  in Konflikt mit den Stammesgesetzen  geraten, so dass eine Rückkehr unzulässig sei. Es  sei  für  ihn  nicht  schwierig  gewesen,  im  Jahre  (…)  einen  Pass  zu  beantragen,  obwohl  er  in  G._______  gewesen  sei,  da  man  nicht  persönlich vorsprechen müsse. 4.2.2. Der  Vollzug  der  Wegweisung  sei  undurchführbar,  weil  er  für  die  Reise  nach  Europa  Schulden  gemacht  habe  und  in  Pakistan  von  den  Gläubigern verfolgt würde. Ausserdem würden in E._______ immer mehr  die  Taliban  die  Macht  übernehmen,  welche  ein  willkürliches  Herrschaftsregime errichteten. Auch sonst komme es dort immer öfter zu  Unruhen. 5.  5.1.  Wie  bereits  dargelegt  muss,  wer  um  Asyl  nachsucht,  die  Flüchtlingseigenschaft zumindest glaubhaft machen (Art. 7 Abs. 1 AsylG).  Glaubhaft  gemacht  ist  die  Flüchtlingseigenschaft, wenn  die Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält  (Art.  7  Abs.  2  AsylG).  Im  Gegensatz  zum  strikten  Beweis  genügt  es  daher,  wenn  der  Richter  das  Vorhandensein  der  zu  beweisenden 

E­1693/2009 Tatsache für wahrscheinlich hält, selbst wenn er noch mit der Möglichkeit  rechnet,  dass  sie  sich  nicht  verwirklicht  haben  könnte  (WALTER  KÄLIN,  Grundriss  des  Asylverfahrens,  Basel  1990,  S.  302  f.).  Die  wahrheitsgemässe  Schilderung  einer  tatsächlichen  Verfolgung  ist  dabei  durch  Korrektheit,  Originalität,  hinreichende  Präzision  und  innere  Übereinstimmung gekennzeichnet (vgl. Entscheidungen und Mitteilungen  der  [vormaligen] Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK] 1996  Nr.  28  S.  270).  Unglaubhaft  wird  eine  Schilderung  von  Erlebnissen  insbesondere  bei  wechselnden,  widersprüchlichen,  gesteigerten  oder  nachgeschobenen  Vorbringen.  Bei  der  Beurteilung  der  Glaubhaftmachung  geht  es  um  eine  Gesamtbeurteilung  aller  Elemente  (Übereinstimmung  bezüglich  des  wesentlichen  Sachverhaltes,  Substanziiertheit  und  Plausibilität  der  Angaben,  persönliche  Glaubwürdigkeit  etc.),  die  für  oder  gegen  den  Beschwerdeführer  sprechen.  Glaubhaft  ist  eine  Sachverhaltsdarstellung  nur,  wenn  die  positiven  Elemente  überwiegen.  Für  die  Glaubhaftmachung  reicht  es  demnach nicht aus, wenn der Inhalt der Vorbringen zwar möglich ist, aber  in  Würdigung  der  gesamten  Aspekte  wesentliche  und  überwiegende  Umstände gegen die vorgebrachte Sachverhaltsdarstellung sprechen. 5.2.  5.2.1. Es ist mit der Vorinstanz einigzugehen, dass die Asylvorbringen der  Beschwerdeführenden  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nicht  genügen.  Die  Aussagen  der  Beschwerdeführenden  sind  insgesamt  sehr  oberflächlich und unbestimmt geblieben und  teilweise sogar  in zentralen  Punkten  widersprüchlich  ausgefallen.  Während  die  Beschwerdeführerin  bei der Erstbefragung erklärte,  sie habe nach der Heirat zu niemandem  mehr  Kontakt  gehabt  und  in  I._______  nichts  mehr  von  ihrer  Familie  gehört  (Akten  BFM  A  2/11  S.  7),  führte  der  Beschwerdeführer  aus,  er  habe (…) Monate nach der Heirat eine ältere Familie zu beiden Familien  geschickt, damit sie diesen mitteile, dass seine Frau schwanger sei, und  die Familien ihnen verzeihen würden, was sie aber nicht getan hätten (A  1/12 S. 7).  Bei  der  Anhörung  erwähnte  der  Beschwerdeführer  erstmals  einen  zweiten  Schlichtungsversuch,  welcher  (…)  nach  dem  ersten  stattgefunden  habe,  jedoch  ebenfalls  gescheitert  sei  (A  14/12  F26).  Im  Gegensatz  zu  ihrem  Ehemann  erklärte  die  Beschwerdeführerin  bei  der 

E­1693/2009 Anhörung auf entsprechende Nachfrage jedoch, dass diese Leute nur zu  ihren Eltern und nicht auch zur Familie ihres Mannes gegangen seien (A  15/11 F53).  Unterschiedlich fielen des Weiteren auch die Aussagen zu den Vorfällen  in  der  Zeit  nach  der  Geburt  der  Tochter  aus,  indem  die  Beschwerdeführerin  in  der Erstbefragung ausführte,  (…) Tage nach der  Geburt  seien  sie  nach  Hause  gegangen,  wo  sie  ein  Durcheinander,  verbrannte  Kleider  und  einen  Drohbrief  vorgefunden  hätten,  der  Beschwerdeführer  jedoch  sogar  davon  sprach,  die  Familie  seiner  Frau  habe ihr Haus niedergebrannt (A 2/11 S. 7 und A 1/12 S. 7). Wenig  nachvollziehbar  ist  im  Übrigen  auch  das  von  den  Beschwerdeführenden geschilderte Verhalten ihrer Familienangehörigen,  welche zwar    ihren nach der Hochzeit gewählten Aufenthaltsort gekannt  (A15/11 F56 und A14/12 F55­58), aber bis zur Geburt der Tochter nichts  unternommen  hätten,  um  dann  ausgerechnet  während  des  Spitalaufenthaltes  die Wohnung  zu  zerstören  und  eine Morddrohung  zu  hinterlassen.  Kommt  hinzu,  dass  die  Familie  bei  bestehender  Tötungsabsicht  wohl  kaum  weitere  (…)  Jahre  zugewartet  hätte,  um  erstmals bei einem Onkel (…) in I._______ vorstellig zu werden und nach  den  Beschwerdeführenden  zu  fragen,  war  dieser  Aufenthaltsort  als  Fluchtort schliesslich sogar nach Aussage der Beschwerdeführerin doch  naheliegend (A 15/11 F72). 5.2.2.  Um  Wiederholungen  zu  vermeiden  kann  für  die  weiteren  Unglaubhaftigkeitselemente  auf  die  zutreffenden  Erwägungen  der  Vorinstanz  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen  werden,  welche  durch  die  äusserst  allgemein  und  pauschal  gehaltenen  und  damit  als  Schutzbehauptungen  zu  qualifizierenden  Entgegnungen  in  der  Beschwerde nicht entkräftet werden können. 5.2.3.  Nach  dem  Gesagten  halten  die  vorgebrachten  Asylgründe  den  Anforderungen  an  die Glaubhaftigkeit  gemäss Art.  7  AsylG  nicht  stand,  weshalb das BFM die Asylgesuche zu Recht abgelehnt hat.  6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG).

E­1693/2009 6.2.  Die  Beschwerdeführenden  verfügen  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet (Art. 44 Abs. 1 AsylG; BVGE 2009/50 E. 9). 7.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder nicht  möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom        16.  Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  [AuG,        SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  der  vormaligen  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.1.  7.1.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art.  5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli  1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art.  25  Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101),  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10.  Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,          SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 der Konvention vom 4.  November  1950  zum  Schutz  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten 

E­1693/2009 (EMRK,       SR 0.101) darf niemand der Folter oder unmenschlicher oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.1.2. Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen  schützt, welche die Flüchtlingseigenschaft  erfüllen. Da es  den  Beschwerdeführenden  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu  machen,  kann  der  in  Art.  5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  der  Beschwerde­führenden nach Pakistan ist demnach unter dem Aspekt von  Art. 5 AsylG rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen der Beschwerdeführen­ den noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass sie für den Fall einer  Ausschaffung  nach  Pakistan  dort  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art.  3  EMRK  oder  Art.  1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wären.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müssten  die  Beschwerdeführenden  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihnen  im  Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung drohen  würde (vgl. EGMR [Grosse Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28.  Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§  124  –  127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Pakistan  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 7.2.  7.2.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird eine konkrete Gefährdung festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art.  83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.2.2.  Wie  vom  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  ausgeführt,  sprechen  weder  die  allgemeine  Lage  in  Pakistan  noch 

E­1693/2009 individuelle  Gründe  –  die  Beschwerdeführenden  sind  jung  und  gesund  und der Beschwerdeführer verfügt über eine höhere Schulbildung sowie  mehrere  Jahre Berufserfahrung  als  (…)  –  gegen  die  Zumutbarkeit  ihrer  Rückführung. An dieser Einschätzung vermögen auch die Ausführungen  in der Beschwerde,  in Pakistan würden sie von den Gläubigern, welche  die  Bezahlung  der  Schlepperkosten  ermöglicht  hätten,  verfolgt,  und  in  E._______  würden  immer  mehr  die  Taliban  die  Macht  übernehmen,  welche ein willkürliches Herrschaftsregime errichteten, nichts zu ändern,  da  sie  keine  Hinweise  für  eine  konkrete  Gefährdung  der  Beschwerdeführenden liefern. Auch  unter  dem  Blickwinkel  des  Kindeswohls  steht  einer  Rückkehr  der  Beschwerdeführenden  nach  Pakistan  nichts  entgegen,  da  die  beiden  Kinder  mit  (…)  und  (…)  Jahren  vor  allem  auf  die  Eltern  als  Bezugspersonen  fixiert  sind.  Mithin  lässt  auch  die  (doch  eher  kurze)  Aufenthaltsdauer  in der Schweiz nicht auf eine Entwurzelung der Kinder  schliessen. Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  damit  auch als zumutbar. 7.3.  Schliesslich  obliegt  es  den  Beschwerdeführenden,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen Reisedokumente zu beschaffen  (Art. 8 Abs. 4 AsylG; dazu  auch  BVGE  2008/34  E.  12  S.  513  –  515),  weshalb  der  Vollzug  der  Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.4. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine Anordnung der  vorläufigen Aufnahme ausser Betracht  (Art.  83  Abs. 1 – 4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  Was  den  noch  nicht  behandelten  Antrag  der  Beschwerdeführenden  auf  vorsorgliche Anweisung der zuständigen Behörde, die Kontaktaufnahme  mit  den  Behörden  des  Heimat­  oder  Herkunftsstaates  sowie  jegliche 

E­1693/2009 Datenweitergabe  an  dieselben  zu  unterlassen  und  bei  bereits  erfolgter  Datenweitergabe  darüber  in  einer  separaten  Verfügung  zu  informieren,  anbelangt,  so  wird  dieser  mit  vorliegendem  Entscheid  hinfällig.  Im  Übrigen  finden  sich  in  den  Akten  bis  zum  heutigen  Zeitpunkt  keine  Hinweise,  welche  auf  eine  allfällige  Bekanntgabe  der  in  Art.  97  Abs.  3  Bstn.  a­c  AsylG  erwähnten  Personendaten  gegenüber  der  zuständigen  ausländischen Behörde hindeuten würden. 10.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten den Beschwerde­ führenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Da das Gesuch der  Beschwerdeführenden  um Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  mit  Zwischenverfügung  vom 25. März  2009  jedoch  gutgeheissen wurde  und  infolge  fehlender  Erwerbstätigkeit  nicht  von  einer  Veränderung  der  finanziellen  Situation  auszugehen  ist,  sind  indessen  keine  Kosten  aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite)

E­1693/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.  3.  Dieses Urteil geht an die Beschwerdeführenden, das BFM und das Amt  für (…). Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Bruno Huber Carmen Wittwer Versand:

E-1693/2009 — Bundesverwaltungsgericht 24.11.2011 E-1693/2009 — Swissrulings