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Bundesverwaltungsgericht 19.01.2012 E-1276/2009

19 janvier 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,865 mots·~9 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 29. Januar 2009 / N

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­1276/2009 Urteil   v om   1 9 .   J a nua r   2012 Besetzung Richter Bruno Huber (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richter François Badoud, Gerichtsschreiber Jonas Tschan. Parteien A._______, geboren (…), Syrien,   vertreten durch lic. iur. LL.M. Tarig Hassan, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 29. Januar 2009  / N (…).

E­1276/2009 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  kurdischer  Staatsangehöriger  Syriens,  verliess  seinen Heimatstaat  eigenen Angaben  zufolge  am 5. April  2008  und  gelangte  über  die  Türkei  und  ihm  unbekannte  Länder  auf  dem  Landweg  am  13.  Mai  2008  in  die  Schweiz,  wo  er  gleichentags  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Basel  um  Asyl  nachsuchte.  Nach  der  Kurzbefragung  im EVZ  vom  15. Mai  2008  und  der  Anhörung  vom  6.  Juni  2008  wurde  er  am  10.  Juni  2008  für  die  Dauer  des  Verfahrens  dem Kanton B._______  zugewiesen. Der  Beschwerdeführer  gab  bei  der  Befragung  trotz  ausdrücklicher  Aufforderung  unter  Hinweis  auf  sein  rasches  Verlassen  des  Landes  keine  Ausweispapiere  zu  den  Akten.   B.  Zur  Begründung  seines  Asylgesuches  machte  der  Beschwerdeführer  geltend,  anlässlich  der  Newroz­Feier  vom  (…)  hätten  die  Behörden  in  C._______  (Stadt  im  Gouvernement  D._______,  letzter  Wohnsitz  des  Beschwerdeführers, Anm. BVGer) auf die versammelte Menschenmenge  geschossen.  Sein  Bruder  und  ein  Onkel  mütterlicherseits  seien  dabei  verletzt worden und hätten  ins Spital gebracht werden müssen. Er habe  vor  dem  Spital  warten  müssen;  als  ein  Offizier  ihm  gesagt  habe,  sein  Bruder  würde  kein  Blut  erhalten,  alle  Kurden  sollten  sterben,  habe  er  diesen  geschlagen.  Daraufhin  sei  er  zu  einem Onkel  väterlicherseits  in  ein anderes Quartier geflüchtet. Die Behörden hätten  in der Folge nach  ihm  gesucht,  weshalb  er  das  Land  verlassen  habe.  Vor  diesem  Vorfall  habe  er  mit  den  Behörden  nie  Probleme  gehabt,  er  sei  nie  verhaftet  worden und er habe nie vor Gericht gestanden. Anlässlich der Anhörung reichte der Beschwerdeführer eine Kopie seiner  Identitätskarte  zu  den  Akten  und  eine  CD,  welche  zeige,  wie  die  Sicherheitskräfte  anlässlich  des  geschilderten  Vorfalls  auf  die  Menschenmenge geschossen hätten. C. Mit  Schreiben  vom  10. Oktober  2008  ersuchte  das BFM  die  Schweizer  Botschaft  in  Damaskus  (in  der  Folge:  die  Botschaft)  um  Abklärungen  bezüglich einzelner Vorbringen des Beschwerdeführers. Die  Botschaft  teilte  dem  Bundesamt  am  14.  Dezember  2008  mit,  der  Beschwerdeführer  sei  im  Besitze  eines  syrischen  Passes,  er  habe  das 

E­1276/2009 Heimatland  legal  verlassen  und  er  werde  von  den  Behörden  nicht  gesucht. Vom  Bundesamt  am  30.  Dezember  2008  eingeladen,  zu  diesem  Abklärungsergebnis  Stellung  zu  nehmen,  hielt  der  Beschwerdeführer  durch  seinen  neu  mandatierten  Rechtsvertreter  mit  Eingabe  vom  23.  Januar  2009  insbesondere  fest,  ein  Schlepper  habe  den  Pass  besorgt.  Zudem mache er das Vorliegen subjektiver Nachfluchtgründe geltend. D. Das  BFM  verfügte  am  29.  Januar  2009,  der  Gesuchsteller  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  lehnte  das  Asylgesuch  ab,  wies  den  Beschwerdeführer  aus  der  Schweiz  weg  und  beauftragte  den  Kanton  B._______  mit dem Vollzug der Wegweisung. E. Gegen  diesen  Entscheid  erhob  der  Beschwerdeführer  am  27.  Februar  2009  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde.  Er  beantragte  in  materieller  Hinsicht  die  vollumfängliche  Aufhebung  der  vorinstanzlichen  Verfügung,  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  die  Gewährung  von  Asyl,  eventualiter  die  Feststellung  der  Unzulässigkeit  oder  zumindest  der Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der Wegweisung  und  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme.  In  prozessualer  Hinsicht  beantragte  er  die  Bewilligung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  und  den  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  sowie  die  Ernennung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes in der Person seines  Rechtsvertreters,  alles  unter  Entschädigungs­  und  Kostenfolge  zulasten  der Vorinstanz. F. Das  Bundesverwaltungsgericht  hielt  in  seiner  Zwischenverfügung  vom     6. März 2009 fest, der Beschwerdeführer dürfe den Ausgang des Rechts­ mittelverfahrens  in  der  Schweiz  abwarten,  hiess  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  gut, wies  das Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung  ab  und  lud  die  Vorinstanz ein, sich zur Beschwerde vernehmen zu lassen. G. In seiner Stellungnahme vom 13. März 2009 hielt das Bundesamt an den  Erwägungen in seinem angefochtenen Entscheid vollumfänglich fest und  beantragte die Abweisung der Beschwerde.

E­1276/2009 H. Vom Bundesverwaltungsgericht aufgrund der aktuellen Situation in Syrien  am  6.  Juli  2011  erneut  zur  Vernehmlassung  eingeladen,  zog  das  BFM  seinen Entscheid vom 29. Januar 2009 teilweise in Wiedererwägung. Es  hob  die  Ziffern  4  (Verlassen  der Schweiz  bis  zum 26. März  2009  unter  Androhung  von  Zwangsmassnahmen  im  Unterlassungsfall)  und  5  (Auftrag  an  den Kanton B._______,  die Wegweisung  zu  vollziehen)  auf  und  stellte  fest,  die Wegweisung werde  zur Zeit wegen Unzumutbarkeit  nicht  vollzogen  und  der  Vollzug  werde  zu  Gunsten  der  vorläufigen  Aufnahme aufgeschoben.  I. Der  Beschwerdeführer  hielt  auf  entsprechende  Anfrage  des  Bundesverwaltungsgerichts vom 19. Juli 2011 mit Eingabe vom 4. August  2011  bezüglich  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  und Gewährung  von  Asyl  an  der  Beschwerde  fest  und  reichte  weitere  Beweismittel  zu  seinen exilpolitischen Aktivitäten zu den Akten.  In der Folge gelangten am 31. Oktober 2011 nochmals Beweismittel beim  Bundesverwaltungsgericht ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 1.1 Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]).

E­1276/2009 1.2  Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Be­ schwerdeführer  hat  am Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2. Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 3.1  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2 Wer um Asyl nachsucht, muss die Flüchtlingseigenschaft nachweisen  oder zumindest glaubhaft machen. Diese ist glaubhaft gemacht, wenn die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen,  die  in  wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich auf gefälschte  oder verfälschte Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4. 4.1  4.1.1 Das BFM führte zur Begründung seiner Verfügung vom 29. Januar  2009  aus,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  seien  einerseits 

E­1276/2009 widersprüchlich  und  anderseits  unglaubhaft.  So  habe  er  bezüglich  der  Suche  der  syrischen Behörden  nach  ihm ungereimte  und  lebensfremde  Angaben gemacht, was insbesondere bezüglich der Worte jenes Offiziers  gelte, der ihn vor dem Spital provoziert haben soll. Weiter behaupte er, er  habe flüchten können, obwohl mehrere Angehörige der Sicherheitskräfte  ihn verfolgt hätten. Es müsse  jedoch  in hohem Masse als  realitätsfremd  erachtet werden, dass es  ihm trotz des Aufgebots von Sicherheitsleuten  vor  dem  Spital  gelungen  sei,  sich  abzusetzen.  Auch  hinsichtlich  der  Anzahl Hausdurchsuchungen wären präzisere Angaben zu erwarten. Die  ungereimten  und  realitätsfremdem  Vorbringen  zu  zentralen  Elementen  seiner angeblichen Verfolgungssituation führten zum Schluss, er beziehe  sich  auf  einen  konstruierten  Sachverhalt  und  nicht  auf  tatsächlich  Erlebtes. 4.1.2  Vorbringen  seien  tatsachenwidrig,  wenn  sie  in  wesentlichen  Punkten den gesicherten Erkenntnissen des BFM widersprechen würden.  Der  Beschwerdeführer  habe  angegeben,  Syrien  am  5.  April  2008  verlassen zu haben und keinen Pass zu besitzen oder  jemals beantragt  zu haben. Die vom Bundesamt in Auftrag gegebenen Abklärungen durch  die  Botschaft  in  Damaskus  habe  indessen  ergeben,  dass  dieser  über  einen  syrischen  Pass  verfüge.  Auch  habe  sich  herausgestellt,  dass  er  Syrien  nicht  illegal  in Richtung  Türkei,  sondern  legal  am  25. Dezember  2007  in Richtung Jordanien verlassen habe. Schliesslich würde gemäss  diesen  Abklärungen  bei  den  heimatlichen  Behörden  nichts  gegen  ihn  vorliegen.  Insgesamt  sei  deshalb  davon  auszugehen,  der  Beschwerdeführer habe  tatsachenwidrige Angaben zu seiner Flucht aus  Syrien  gemacht.  Die  eingereichten  Beweismittel  vermöchten  an  dieser  Einschätzung nichts zu ändern. 4.1.3  Was  die  geltend  gemachten  exilpolitischen  Aktivitäten  in  der  Schweiz  anbelange,  so  sei  zwar  nicht  in  Abrede  zu  stellen,  dass  der  syrische Geheimdienst auch im Ausland aktiv sei. Dieser könne aber sehr  wohl zwischen Führungspersönlichkeiten, notorischen Aktivisten, blossen  Sympathisanten  sowie  reinen  "Trittbrettfahrern"  unterscheiden.  Der  Beschwerdeführer verfüge nicht über ein Profil, das ihn in den Fokus der  syrischen  Überwachungsaktivitäten  rücken  könnte;  er  übe  keine  qualifizierte  exilpolitische  Tätigkeit  aus,  welche  zu  einer  begründeten  Furcht vor einer Verfolgung bei einer Rückkehr in den Heimatstaat führen  würde. 

E­1276/2009 4.2 4.2.1  Der  Beschwerdeführer  hält  diesen  Erwägungen  in  seiner  Rechtsmitteleingabe  vom  27.  Februar  2009  –  nach  nochmaliger,  einlässlicher  Wiederholung  der  bereits  früher  vorgebrachten  Geschehnisse – entgegen,  bezüglich der Konfrontation mit  dem Offizier  vor  dem Spital  habe man  ihm  bei  der  Anhörung mehr  Zeit  eingeräumt;  anlässlich der Befragung im EVZ sei er aufgefordert worden, sich kurz zu  fassen.  Dass  er  bei  der  Befragung  lediglich  den  Anweisungen  des  Befragers gefolgt  sei,  könne man  ihm nicht zum Vorwurf machen. Auch  was  das  vom  Bundesamt  als  realitätsfremd  eingeschätzte  Entkommen  nach der Tätlichkeit gegen den Offizier vom Krankenhaus anbelange, sei  der Vorinstanz nicht zu  folgen. Er habe sich  insbesondere aufgrund der  Menschenmenge absetzen  können,  und dieser  begünstigende Umstand  könne  nicht  als  unrealistisch  abgetan  werden.  Von  den  Hausdurchsuchungen  habe  er  über  seine  Verwandten  erfahren,  die  genauen  Daten  der  letzten  beiden  seien  ihm  nie  mitgeteilt  worden.  Ausschlaggebend sei, dass er gesucht worden sei, nicht wann. Gesamthaft  betrachtet  seien  die  Aussagen  glaubhaft  und  widerspruchsfrei ausgefallen. 4.2.2 Bezüglich der Abklärungen der Botschaft zu seiner Flucht erscheine  es zweifelhaft,  ob das Prinzip der Waffengleichheit  gewahrt worden sei.  Dadurch,  dass  COI  (Country  of  Origin  Information)  verwendet  würden,  welche  nur  den  Behörden  zugänglich  seien,  werde  das  Gebot  der  Waffengleichheit, das im Anspruch auf rechtliches Gehör verankert liege,  verletzt.  4.2.3  Nach  seiner  Ankunft  in  der  Schweiz  habe  sich  der  Beschwerdeführer  politisch  gegen  das  Regime  in  Syrien  engagiert.  Dieses Engagement sei unbestritten, und er mache somit das Vorliegen  von  subjektiven  Nachfluchtgründen  geltend.  Besonders  sei  hervorzuheben,  dass  er  an  mehreren  Anlässen  in  der  Schweiz  teilgenommen habe und den Yekiti  (Kurdische Demokratische Partei der  Einheit in Syrien) beigetreten sei. In Verbindung mit dem tätlichen Angriff  auf  einen  syrischen  Offizier  verfüge  der  Beschwerdeführer  über  ein  politisches Profil, das  ihn  in den Augen der syrischen Sicherheitsdienste  als  eine  Gefahr  für  das  politische  System  erscheinen  lasse.  Die  Flüchtlingseigenschaft  sei  nachgewiesen,  zumindest  aber  glaubhaft  gemacht im Sinne von Art. 7 AsylG.

E­1276/2009 5. Das  Bundesverwaltungsgericht  hält  vorweg  fest,  dass  das  BFM  in  teilweiser  Wiedererwägung  seines  angefochtenen  Entscheides  die  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  angeordnet  hat.  Es  geht  mithin ausschliesslich um die Fragen der Flüchtlingseigenschaft und der  Gewährung von Asyl. 5.1 5.1.1  Auch  wenn  das  Gericht  einzelne  Erwägungen  des  Bundesamtes  anders  gewichtet,  besteht  kein  Anlass,  das  materielle  Gesamtergebnis  oder  formelle  Belange  des  vorinstanzlichen  Entscheides  zu  rügen.  Dies  gilt  in  erster  Linie  für  die  vom  BFM  verneinte  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen.  Dabei  ist  es  der  Beschwerdeführer  selber,  der  mit  seinen  Vorbringen und seinem Verhalten Anlass zu berechtigten Zweifeln an der  Glaubwürdigkeit  seiner Person gibt. Anlässlich der Befragung hat er auf  die  Frage  nach  Ausweispapieren  gemäss  dem  Protokoll  ausgeführt,  er  habe  nie  einen  Pass  besessen,  weil  er  nie  einen  beantragt  habe  (vgl.  Akten  BFM  A1/9  Ziff.  13.1).  Die  Erläuterung  in  der  Stellungnahme  des  Beschwerdeführers  zur  Feststellung  der  Botschaft,  er  besitze  einen  Reisepass,  sei  teilweise  richtig, mutet  kurios  an  (vgl. A23/5 S.  1).  Zwar  stellt  das  Gericht  nicht  in  Abrede,  dass  –  wie  vorliegend  ausgeführt –  Schlepper Fälschungen beschaffen können, aber es gibt keine Erklärung  für den Umstand, wie die Daten einer solchen Fälschung Eingang in die  entsprechenden  staatlichen  Register  und  Datenbanken  finden  könnten.  Bezeichnenderweise wird  in der Beschwerde denn auch nicht weiter auf  diesen Punkt eingegangen, sondern auf die Erkenntnis verwiesen, dass  Korruption  weit  verbreitet  sei.  Von  zentraler  Bedeutung  ist  vorliegend,  dass  der  Beschwerdeführer  den  schweizerischen  Behörden  gegenüber  mit  seiner  ursprünglichen  Aussage,  keinen  Pass  zu  besitzen,  die  Unwahrheit gesagt hat, was er sich vorhalten lassen muss. 5.1.2 Diese Feststellung gilt  auch  für  die Ausreise beziehungsweise die  diesbezüglichen  Abklärungsergebnisse  der  Botschaft.  Gemäss  seinen  Angaben will der Beschwerdeführer Syrien am 5. April 2008  in Richtung  Türkei verlassen haben (vgl. A1/7 Ziff. 16). Die Abklärungen der Botschaft  haben  dagegen  ergeben,  dass  er  seinen  Heimatstaat  legal  und  kontrolliert  am  25.  Dezember  2007  verlassen  hat.  In  der  vorerwähnten  Stellungnahme äussert sich der Beschwerdeführer dazu mit keinem Wort, 

E­1276/2009 und auch in der Beschwerde wird darauf nicht eingegangen. Dafür wird in  einer kursorischen Kritik Zweifel an den COI geäussert und das Vorgehen  der  schweizerischen  Behörden  gerügt.  Es  kann  allerdings  offenbleiben,  ob vorliegend tatsächlich Mängel auszumachen sind. Fakt ist und wird in  der  Beschwerde  auch  nicht  bestritten,  dass  die  Angaben  zur  Ausreise  massiv  divergieren  und  auch  diesbezüglich  zum  Schluss  führen,  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  seien  nicht  glaubhaft  im  Sinne  von  Art. 7 AsylG.  5.1.3  Es  erübrigt  sich  bei  dieser  Sachlage,  auf  weitere  Vorbringen  einzugehen.  Die  Aktenlage  lässt  unter  den  gegebenen  Umständen  nur  den  Schluss  zu,  dass  der  Beschwerdeführer  die  zur  Begründung  des  Asylgesuches  geltend  gemachten  Vorfluchtgründe  nicht  oder  jedenfalls  nicht  in  der  geschilderten  Weise  erlebt  hat.  An  dieser  Feststellung  vermögen auch die eingereichten Beweismittel nichts zu ändern.  5.2 5.2.1 Was die subjektiven Nachfluchtgründe anbelangt (vgl. insbesondere  Beschwerde  S.  9),  bringt  der  Beschwerdeführer  vor,  er  habe  in  der  Schweiz  an  regimefeindlichen  Kundgebungen  teilgenommen  und  er  sei  Mitglied der Yekiti geworden. Gemäss gefestigten Erkenntnissen würden  die  syrischen Geheimdienste die politischen Aktivitäten  ihrer Landsleute  im  Ausland  intensiv  beobachten.  Ihm  drohe  bei  einer  Rückkehr  nach  Syrien auch aus diesem Grund  flüchtlingsrechtlich  relevante Verfolgung.  Zum Beleg  seiner  politischen Aktivitäten  reichte  er  diverse Beweismittel  ein,  unter  anderem  auch  Fotografien.  Weitere  Beweismittel  wurden  zusammen mit der Antwort auf die Frage des Bundesverwaltungsgerichts  vom 19. Juli 2011 bezüglich Festhalten an der Beschwerde am 4. August  2011 eingereicht. 5.2.2 Dazu  ist  vorweg  in grundsätzlicher Hinsicht  festzuhalten, dass der  Beschwerdeführer  in dem Zeitpunkt subjektive Nachfluchtgründe geltend  machte,  als  ihn  die  Vorinstanz  mit  den  Ergebnissen  der  durch  die  Botschaft in Damaskus vorgenommenen Abklärungen konfrontierte. Dass  dessen exilpolitische Aktivitäten in der Folge an Intensität  in auffallender  Weise  zugenommen  haben  sollen  (vgl.  Eingaben  vom  4.  August   und     28. Oktober 2011), entspricht nach den Erkenntnissen einem Vorgehen,  wie  es  in  solchen  Fällen  häufig  anzutreffen  ist,  und welches  zum  Ziele  hat,  den  Handlungsspielraum  der  schweizerischen  Behörden  einzuschränken. 

E­1276/2009 5.2.3  Der  Umstand,  dass  exilpolitische  Aktivitäten  syrischer  Staatsangehöriger  von  den  heimatlichen  Behörden  beobachtet  werden,  reicht  für  sich  allein  genommen  nicht  aus,  um  eine  begründete  Verfolgungsfurcht  glaubhaft  zu  machen.  Dafür  müssten  zusätzlich  konkrete  Anhaltspunkte  vorliegen  und  es  geht  nicht  nur  um  die  rein  theoretische  Möglichkeit,  dass  der  Beschwerdeführer  tatsächlich  das  Interesse der syrischen Behörden auf sich gezogen haben respektive als  regimefeindliches Element  namentlich  identifiziert  und  registriert worden  sein  könnte.  Derartige  konkrete  und  glaubhafte  Hinweise  sind  den  vorliegenden  Akten  nicht  zu  entnehmen.  Insbesondere  hatte  der  Beschwerdeführer  zu  keinem  Zeitpunkt  bei  einer  Partei  eine  Führungsposition  inne,  war  nicht  exponiert  tätig  und  hatte  auch  sonst  keine wirklich wichtigen politischen Aufgaben übernommen.  Daran ändert auch die Feststellung  in der Eingabe vom 4. August 2011  nichts, wonach er sich überdurchschnittlich stark engagiert habe, was mit  der  Teilnahme  an  zahlreichen  Kundgebungen  demonstriert  werde  (vgl.  Eingabe S.  1  und 2). Ganz  im Gegenteil wird  damit  klar  zum Ausdruck  gebracht,  dass  es  sich  beim  Beschwerdeführer  um  ein  Mitglied  unter  vielen und nicht um eine exilpolitisch herausragende Person handelt. Das  gilt  auch  für  die  in  diesem  Kontext  zu  den  Akten  gereichte  Beweismitteleingabe  vom  28.  Oktober  2011,  welche  sich  in  den  dem  Gericht  bekannten  allgemeinen  Feststellungen  zur  Situation  von  syrischen  Staatsangehörigen  im  Ausland,  welche  an  Aktionen  teilnehmen,  erschöpfen  und  den  Beschwerdeführer  anlässlich  einer  Demonstration in B._______ zeigen. 5.2.4  Aufgrund  der  eingereichten  Beweismittel  und  der  Intensität  der  geltend  gemachten  exilpolitischen  Tätigkeiten  ist  nach  Auffassung  des  Gerichts nicht von einem Mass an politischem Engagement auszugehen,  aufgrund  dessen  der  Beschwerdeführer  den  Behörden  seines  Heimatlandes aufgefallen sein müsste.  5.3  Bei  dieser  Aktenlage  können  dem  Beschwerdeführer  keine  subjektiven  Nachfluchtgründe  im  Sinn  von  Art.  54  AsylG  zuerkannt  werden. 5.4  Aufgrund  der  vorstehenden  Erwägungen  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  einzugehen,  da  sie  am  Ergebnis  nichts  zu  ändern  vermögen.  Das  Bundesamt  hat  das  Asylgesuch des Beschwerdeführers zu Recht abgelehnt.

E­1276/2009 6. 6.1  Lehnt  das  Bundesamt  das  Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2 Der  Beschwerdeführer  verfügt  weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 737). 7. 7.1  Ist  der Vollzug der Wegweisung nicht  zulässig,  nicht  zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 7.2  Das  BFM  hat  im  Rahmen  des  ergänzenden  Vernehmlassungsverfahrens am 14. Juli 2011 die Ziffern 4 (Verlassen der  Schweiz  bis  zum         26.  März  2009  unter  Androhung  von  Zwangsmassnahmen im Unterlassungsfall) und 5 (Auftrag an den Kanton  B._______,  die  Wegweisung  zu  vollziehen)  aufgehoben.  Vorliegend  ist  über  die  Frage  der  Möglichkeit,  Zulässigkeit  und  Zumutbarkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung  nicht  zu  befinden,  weil  das  BFM  mit  seiner  Verfügung  vom  14.  Juli  2011  den  Vollzug  der  Wegweisung  in  den  Heimatstaat  Syrien  in  Würdigung  der  dort  veränderten  Lage  und  der  aktuellen  Verhältnisse  im  gegenwärtigen  Zeitpunkt  als  nicht  zumutbar  qualifiziert  und  die  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  angeordnet hat.  7.3  Dadurch  ist  auch  das  in  der  Beschwerde  formulierte  Eventualbegehren  um  Feststellung  der  Unzulässigkeit  oder  zumindest  Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der Wegweisung  und  um  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme gegenstandslos geworden. 8. Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung    

E­1276/2009 – soweit  sie  nicht  gegenstandslos  geworden  ist  –  Bundesrecht  nicht  verletzt,  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  richtig  und  vollständig  feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG).  Die Beschwerde ist im zu überprüfenden Umfang abzuweisen. 9. 9.1  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen,  soweit  dieser  unterliegt  (Art. 63  Abs. 1  und  5 VwVG). Der Beschwerdeführer  hat  in  seiner Rechtsmitteleingabe  vom  17.  September  2008  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG ersucht, welchem Antrag das  Gericht in seiner Zwischenverfügung vom 6. März 2009 stattgegeben hat.  Demnach sind keine Verfahrenskosten zu erheben.  9.2  Ganz  oder  teilweise  obsiegende Parteien  haben Anspruch  auf  eine  Parteientschädigung  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  Kosten    (Art.  64  Abs.  1  VwVG;  Art.  7  Abs.  1  des Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Beim  vorliegenden  Verfahrensausgang ist der Beschwerdeführer mit seinen Rechtsbegehren  teilweise  durchgedrungen  und  das  Bundesverwaltungsgericht  geht  in  diesem Fall praxisgemäss von einem hälftigen Obsiegen aus. Angesichts dessen ist dem Beschwerdeführer im Beschwerdeverfahren in  Anwendung  von  Art. 64  Abs.  1  VwVG  i.V.m.  Art.  37  VGG  für  die  notwendigen Kosten der Vertretung eine  reduzierte Parteientschädigung  zuzusprechen  (Art.  7 VGKE). Nachdem keine Kostennote  zu den Akten  gereicht  worden  ist  und  sich  der  notwendige  Vertretungsaufwand  zuverlässig  abschätzen  lässt,  ist  die  von  der Vorinstanz  auszurichtende  Parteientschädigung  unter  Berücksichtigung  der  massgebenden  Berechnungsfaktoren  von  Amtes  wegen  auf  Fr.  1000.–  (inklusive  sämtlicher  Auslagen  und  Nebenkosten)  festzusetzen  (Art.  14  Abs.  2  VGKE). (Dispositiv nächste Seite)

E­1276/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  abgewiesen,  soweit  sie  nicht  gegenstandslos  geworden ist. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  für  das  Rechtsmittelverfahren  eine  reduzierte  Parteientschädigung  von  Fr.  1000.– zu entrichten. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  das  Migrationsamt des Kantons B._______. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bruno Huber Jonas Tschan

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E-1276/2009 — Bundesverwaltungsgericht 19.01.2012 E-1276/2009 — Swissrulings