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Bundesverwaltungsgericht 14.07.2011 D-776/2010

14 juillet 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,605 mots·~8 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 6. Januar 2010

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­776/2010/wif Urteil   v om   1 4 .   Juli   2011 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer, Richter Gérard Scherrer; Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien X._______, geboren gemäss eigenen Angaben  am _______, Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Ralph Wiedler Friedmann,  _______, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz.   Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 6. Januar 2010 / N _______.

D­776/2010 Sachverhalt: A.  A.a.  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  der  Beschwerdeführer  seinen  Heimatstaat  am 11. Dezember 2007 und gelangte nach Aufenthalten  in  verschiedenen Ländern am 20. Mai 2008 von Italien her kommend in die  Schweiz, wo  er  gleichentags  ein Asylgesuch  stellte. Dazu wurde  er  am  27. Mai 2008 summarisch befragt.  A.b.  Der  Beschwerdeführer  machte  geltend,  aus  _______  (Provinz  _______)  zu  stammen,  der  Volksgemeinschaft  der  Paschtunen  anzugehören und sunnitischen Glaubens zu sein. Sein Vater habe die  Taliban  unterstützt  und  sei  nach  deren  Entmachtung  zeitweise  untergetaucht.  Wegen  der  politischen  Haltung  seines  Vaters  sei  die  Familie im Dorf angefeindet worden. Als die Taliban­Bewegung wieder  an Einfluss gewonnen habe, sei sie durch den Vater erneut unterstützt  worden.  Der  Vater  habe  versucht,  auch  ihn  für  deren  Kampf  zu  gewinnen.  Zu  diesem  Zweck  sei  er  von  seinem  Vater  im  November  2007 in ein Lager der Taliban mitgenommen worden. Da er nicht habe  kämpfen wollen,  sei  er  aus  dem  Lager  ins Dorf  zurückgeflohen. Dort  habe  er  erneute  Behelligungen  durch  seinen  Vater  respektive  die  Taliban gewärtigen müssen, weshalb er auf Anraten seiner Mutter  zu  einem  Onkel  nach  Pakistan  weitergeflüchtet  sei.  Der  besagte  Onkel  habe  indes  befürchtet,  im  Falle  einer  längerfristigen  Beherbergung  seines Neffen mit dessen Vater in Konflikt zu geraten, weshalb er ihm  bei der Weiterreise nach Europa behilflich gewesen sei.  A.c. Nach erfolgter Knochenaltersanalyse, bei welcher ein Skelettalter  von  19  Jahren  festgehalten  wurde,  befragte  das  BFM  den  Beschwerdeführer  am  27.  Mai  2008  hinsichtlich  seiner  Gesundheit  (Anamnese).  Anlässlich  einer  weiteren  Befragung  desselben  Tages  ging  die  Vorinstanz  insbesondere  auf  das  soziale  Umfeld  des  Beschwerdeführers und sein angegebenes Alter ein. Ferner wurde ihm  das rechtliche Gehör zum Analyseergebnis gewährt. Dabei hielt er an  seiner  (damaligen) Minderjährigkeit  grundsätzlich  fest. Das BFM ging  demgegenüber von der Volljährigkeit des Beschwerdeführers aus und  liess ihm keine Vertrauensperson beiordnen.  A.d.  Am  6.  Juni  2008  führte  das  BFM  die  Anhörung  durch.  Dem  Beschwerdeführer wurden  dabei  insbesondere Fragen  zum Leben  im  Dorf, zum Aufenthalt im Lager der Taliban, zur generellen Situation vor  Ort und zum Reiseweg gestellt.

D­776/2010 B.  Mit  Verfügung  vom  25.  Juni  2008  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das  Asylgesuch  ab.  Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz. Die Vorinstanz erachtete in ihrem Entscheid sowohl die geltend  gemachte  Minderjährigkeit  des  Beschwerdeführers  wie  auch  die  vorgebrachten  Fluchtgründe  für  unglaubhaft.  Den  Vollzug  der  Wegweisung nach Afghanistan  bezeichnete  die Vorinstanz  als  zulässig,  zumutbar und möglich.  C.  Am  26.  Juni  2008  reichte  der  Beschwerdeführer  die  Fax­Kopie  eines  afghanischen  Identitätsdokuments  ein.  In  der  Folge  gab  er  auch  das  Original zu den Akten.  D.  Mit  Eingabe  vom  14.  Juli  2008  beantragte  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  durch  seine  Rechtsvertretung  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung,  die  Feststellung  seiner  Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung, eventualiter das Absehen  vom Wegweisungsvollzug verbunden mit der Anordnung der vorläufigen  Aufnahme  in  der  Schweiz  sowie  in  prozessualer  Hinsicht  die  unentgeltliche  Prozessführung  (Art.  65  Abs.  1  des  Verwaltungsverfahrensgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  [VwVG,  SR  172.021]).  Zur  Begründung  machte  er  geltend,  die  Vorinstanz  gehe  im  angefochtenen  Entscheid  zu  Unrecht  von  seiner  Volljährigkeit  und  der  Unglaubhaftigkeit der Fluchtgründe aus. Im Weiteren komme der Vollzug  der  Wegweisung  aufgrund  der  angespannten  Situation  vor  Ort  nicht  in  Betracht. E.  Mit Urteil vom 16. September 2009 hiess das Bundesverwaltungsgericht  die Beschwerde  im Sinne seiner Erwägungen gut. Zur Begründung hielt  es  unter  anderem  fest,  in  Würdigung  der  Aktenlage  würden  die  Anhaltspunkte  für  die  geltend  gemachte  Minderjährigkeit  des  Beschwerdeführers  im  Zeitpunkt  der  Asylgesuchseinreichung  und  der  Anhörung überwiegen. Das Anhörungsprotokoll vom 6. Juni 2009 müsse  als rechtsungenüglich gewertet werden, da dem Beschwerdeführer für die  Anhörung  keine  Vertrauensperson  zugeordnet  worden  sei.  Dies  führe  praxisgemäss zur Kassation der angefochtenen Verfügung. 

D­776/2010 F.  Am 30. November 2009 hörte das BFM den Beschwerdeführer erneut an.  Dabei  brachte  er  vor,  sein  Vater  habe  Land  an  Angehörige  des  Volkstamms  der  Hazara  verpachtet.  Nach  dem  Sturz  der  Taliban­ Regierung hätten sich besagte Pächter das Land angeeignet. Zu diesem  Zweck  hätten  sie  seinen  Vater  bei  den  neuen Machthabern  als Mörder  angeschwärzt. Sie hätten beabsichtigt,  aus Rache auch gegen  ihn  (den  Beschwerdeführer)  vorzugehen.  Von  der  neuen  Regierung  habe  er  keinen Schutz erwarten können. Zudem habe sein Vater versucht, ihn in  einem  Lager  der  wiedererstarkten  Taliban  auszubilden.  Aus  den  genannten Gründen habe er fliehen müssen. G.  Mit Verfügung vom 6. Januar 2010 – eröffnet am 8. Januar 2010 – stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte  das  Asylgesuch  ab.  Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz.  Die  Vorinstanz  begründete  ihren  Entscheid  mit  der  fehlenden  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen.  Der  Beschwerdeführer  habe  die  angebliche  Zwangsrekrutierung  durch  den  Vater  in  ein  Lager  der  Taliban  nicht  hinreichend  substanziiert  darlegen  können.  Auch  die  angebliche  Flucht  aus  dem  Lager  habe  er  nicht  detailliert  vorgebracht.  Zudem  sei  das  Vorbringen,  ein  Talib  im  Lager  habe  ihn  zuerst  vom  Dschihad  überzeugen  wollen  und  anschliessend  gleichwohl  bei  der  Flucht  geholfen,  nicht  nachvollziehbar.  Im  Weiteren  habe  er  den  Umstand,  wonach  seine  Familie  Land  an  die  Hazara  verpachtet  habe,  erstmals  bei  der  Anhörung  vom  30. November  2009  geltend  gemacht,  was  bereits  zu  Zweifeln  an  diesem Vorbringen  führe.  Zudem  soll  die  geltend  gemachte  Bedrohung  durch  die Hazara mit  der  Zugehörigkeit seines Vaters zu den Taliban in Verbindung stehen. Diese  Zugehörigkeit  sei  indes aufgrund der als unglaubhaft  zu bezeichnenden  Rekrutierung  des  Beschwerdeführers  mit  Vorbehalten  zu  versehen.  Es  sei sodann zwar bekannt, dass es  in Regionen,  in welchen Paschtunen  eine  Minderheit  darstellten,  zu  Übergriffen  gegen  diese  Volksgruppe  kommen könne. Im Dorf des Beschwerdeführers stellten sie aber offenbar  die Mehrheit dar. Ausserdem gelte der Gouverneur der Provinz _______  als  paschtunenfreundlich. Zudem sei  festzuhalten,  dass die Taliban  seit  dem  Jahre  2001  nicht  mehr  über  die  Macht  in  der  Provinz  _______  verfügten.  Unter  diesen  Umständen  widerspreche  es  der  allgemeinen  Erfahrung,  dass  die  geltend  gemachten  Racheakte  der  zuvor  unterdrückten Hazara erst sechs Jahre später erfolgt wären. Der Vollzug 

D­776/2010 der  Wegweisung  in  die  Herkunftsprovinz  des  Beschwerdeführers  sei  zulässig, zumutbar und möglich.  H.  Mit Eingabe vom 8. Februar 2010 beantragte der Beschwerdeführer beim  Bundesverwaltungsgericht  durch  seine  Rechtsvertretung  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung,  die  Feststellung  seiner  Flüchtlingseigenschaft und die Asylgewährung, eventualiter das Absehen  vom Wegweisungsvollzug verbunden mit der Anordnung der vorläufigen  Aufnahme in der Schweiz sowie in prozessualer Hinsicht den Verzicht auf  die Erhebung eines Kostenvorschusses. Zur Begründung wurde geltend  gemacht,  dass  vom  BFM  erwähnte  angebliche  Unglaubhaftigkeitselemente  in  den  Aussagen  auf  die  soziokulturelle  Prägung  des  aus  ländlichen  Verhältnissen  stammenden  Beschwerdeführers zurückzuführen seien. Der Staat sei nicht in der Lage  gewesen,  ihn  vor  der  Zwangsrekrutierung  bei  den Taliban  zu  schützen.  Dass  er  die  Bedrohung  durch  die  Hazara  nicht  bereits  bei  der  Erstbefragung  erwähnt  habe,  könne  ihm  insofern  nicht  angelastet  werden,  als  diese  einen  bloss  summarischen  Charakter  aufweise.  Anlässlich der Anhörung habe er die Mitnahme durch den Vater ins Lager  der Taliban und die Flucht hinreichend detailliert und nicht realitätsfremd  geschildert.  Als  Beweismittel  gab  der  Beschwerdeführer  zwei  Ausweise  der Hisb­e­islami (seinen Vater und seinen Grossvater betreffend) zu den  Akten.  I.  Mit  Zwischenverfügung  vom  11.  Februar  2010  verzichtete  das  Bundesverwaltungsgericht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses.  J.  Mit  Vernehmlassung  vom  17.  Februar  2010  beantragte  das  BFM  die  Abweisung der Beschwerde. Die beiden eingereichten Ausweise stünden  in  keinem  direkten  Zusammenhang  zu  den  Asylvorbringen  des  Beschwerdeführers.  Es  sei  möglich,  dass  sich  Mitglieder  der  besagten  Gruppierung  später  der  Taliban  angeschlossen  hätten.  Alleine  die  allfällige Mitgliedschaft des Vaters bei den Taliban würde indes wiederum  nicht für die Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen sprechen.  K.  Mit Replik  vom 26. Februar  2010 hielt  der Beschwerdeführer  an  seinen  Vorbringen  fest.  Der  zentrale  Punkt  in  seiner  politisch­historischen 

D­776/2010 Familiengeschichte werde durch die eingereichten Ausweise belegt. Dies  habe  zwar  keinen  direkten  Zusammenhang  zur  Asylbegründung,  stärke  aber die grundsätzliche Glaubwürdigkeit des Beschwerdeführers.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3. 

D­776/2010 3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (vgl. Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  Es  ist  festzuhalten,  dass  die  Vorinstanz  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  durch  die Wiederholung  der  Anhörung  vom  30.  November  2009 entgegen den Beschwerdevorbringen hinreichend abgeklärt hat. Im  Weiteren  ist  auch  nicht  ersichtlich,  inwiefern  das  BFM  anlässlich  der  Anhörung  beim  Aussageverhalten  des  Beschwerdeführers  seiner  soziokulturellen  Herkunft  zu  wenig  Rechnung  getragen  haben  oder  erforderliche  Nachfragen  unterlassen  haben  könnte.  Vielmehr  ergeben  sich  aus  den  Akten  –  unabhängig  von  seinem  Persönlichkeitsprofil –  Ungereimtheiten,  mit  welchen  sich  die  überwiegende  Unglaubhaftigkeit  der  zentralen  Fluchtgründe  entgegen  den  Beschwerdevorbringen  rechtsgenüglich  begründen  lässt.  Zwar  kommt  den  Aussagen  in  der  Summarbefragung  praxisgemäss  nur  ein  beschränkter  Beweiswert  zu.  Dies  trifft  im vorliegenden Fall umso mehr zu, als der Beschwerdeführer  im damaligen Zeitpunkt mutmasslich noch minderjährig war. Andererseits  erwähnte er bei der Anhörung die Verpachtung von Land an die Hazara  durch  seinen  Vater  und  die  angeblich  auch  gegen  seine  Person  gerichtete  Verfolgung  durch  diese  Volksgruppe  als  erstes  (A  49/15  Antwort  27).  Entsprechend  wäre  zu  erwarten  gewesen,  dass  er  die  Landstreitigkeit verbunden mit gezielter Verfolgung bereits bei der relativ  ausführlichen  Erstbefragung  thematisiert  hätte.  Die  dortige  Aussage,  wonach  sich  Dorfbewohner  ihnen  gegenüber  feindlich  verhalten  und 

D­776/2010 seinen Vater als Taliban bezeichnet hätten, nahm indes gar keinen Bezug  zur  erwähnten  Landstreitigkeit  (A  1/15  S.  6  unten  f.).  Im  Weiteren  vermögen  auch  die  zusätzlichen  Argumente  des  BFM,  weshalb  die  für  den  damaligen  Zeitpunkt  vorgebrachte  Verfolgung  durch  die  Hazara  im  Dorf  nicht  glaubhaft  erscheine,  mangels  stichhaltiger  Gegenargumente  grundsätzlich  zu  überzeugen,  auch  wenn  die  Erwägung  zur  zeitlich  verspäteten Reaktion der Hazara etwas spekulativ anmutet (vgl. S. 4 der  angefochtenen Verfügung und obenstehend Bst. G.). Anzufügen ist, dass  der Beschwerdeführer einräumt, die Probleme mit den Hazara seien nicht  ursächlich für seine Flucht aus dem Heimatland gewesen, weshalb auch  in diesem Lichte besehen nicht von glaubhaft gemachter und begründeter  Furcht  im  Sinne  des  Asylgesetztes  auszugehen  ist  (vgl.  S.  12  der  Eingabe vom 8. Februar 2010). 4.2. Auffallend ist sodann, dass die Aussagen des Beschwerdeführers zur  angeblichen Rekrutierung durch den Vater und zur Mitnahme in ein Lager  der Taliban ausgesprochen substanzarm und stereotyp ausgefallen sind  (A 49/15 Antworten 51 ff. und 63 ff.). Sie weisen keine Realkennzeichen  auf  und  vermitteln  so  nicht  den  Eindruck  von  tatsächlich  Erlebtem.  Entgegen  den  eher  spekulativen  Beschwerdevorbringen  nicht  nachvollzogen kann im Weiteren auch die Flucht des Beschwerdeführers  aus  dem  Lager  unter  den  erwähnten  Umständen.  In  diesem  Zusammenhang  kann  auf  die  entsprechenden  Erwägungen  des  BFM  verwiesen werden  (vgl.  S.  3  unten f.  der  angefochtenen Verfügung  und  vorstehend Bst. G.). Nach dem Gesagten ist mithin nicht glaubhaft, dass  der  Beschwerdeführer  Opfer  einer  versuchten  Zwangsrekrutierung  bei  den  Taliban  durch  seinen  Vater  wurde  oder  wegen  der  angeblichen  Flucht aus dem Lager durch diese Bewegung gezielt verfolgt würde. 4.3. Schliesslich mag  zutreffen,  dass  der  Vater  des  Beschwerdeführers  tatsächlich  Bezüge  zur  Taliban  hatte  oder  sogar  immer  noch  hat  respektive  er  und  der  Grossvater  die  Bewegung  Hisb­e­islami  unterstützten.  Da  es  dem Beschwerdeführer  aber  nicht  gelungen  ist,  in  diesem  Zusammenhang  eine  ihm  konkret  drohende  und  gezielte  Verfolgung  –  sei  es  durch  seinen  Vater,  sei  es  durch  die  Taliban –  glaubhaft  zu  machen,  erübrigt  sich  an  dieser  Stelle  ein  vertiefteres  Eingehen  auf  entsprechende  Vorbringen  und  die  im  Beschwerdeverfahren  eingereichten  Beweismittel.  Insoweit  der  Beschwerdeführer  überdies  auf  die  generell  angespannte  Lage  vor  Ort  hinweist,  ist  diesem  Aspekt  bei  der  Prüfung  der  Vollzugskriterien  untenstehend Rechnung zu tragen. 

D­776/2010 4.4.  Unter  Berücksichtigung  der  gesamten  Umstände  folgt,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  nachweisen  oder  glaubhaft machen  konnte. Die Vorinstanz  hat  die Flüchtlingseigenschaft  demnach  zu  Recht  verneint  und  das  Asylgesuch  abgelehnt.  An  dieser  Einschätzung vermögen weder die weiteren Ausführungen in der Eingabe  noch die beigelegten Beweismittel etwas zu ändern. 5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2. Der Beschwerdeführer  ist nicht  im Besitz einer ausländerrechtlichen  Aufenthaltsbewilligung und hat auch keinen Anspruch auf Erteilung einer  solchen (vgl. Art. 32 Bst. a Asylverordnung 1 über Verfahrensfragen vom  11.  August  1999  [AsylV  1,  SR  142.311]).  Die  Wegweisung  wurde  demnach zu Recht angeordnet. 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so  regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis der  asylsuchenden  Person  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme von Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1  des Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über  die Ausländerinnen  und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 6.2. Die Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug der Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit,  Unmöglichkeit)  sind  alternativer  Natur:  Ist  eine  von  ihnen  erfüllt,  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln. Gegen eine allfällige Aufhebung der  vorläufigen Aufnahme steht  dem weggewiesenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an das  Bundesverwaltungsgericht offen (Art. 112 AuG i.V.m. Art. 84 Abs. 2 AuG),  wobei in jenem Verfahren die Vollzugshindernisse von Amtes wegen und  nach Massgabe  der  dannzumal  herrschenden  Verhältnisse  von  Neuem  zu prüfen sind (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 mit weiteren Hinweisen).

D­776/2010 7.  7.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  aufgrund von Situationen wie Krieg, Bürgerkrieg, allgemeiner Gewalt und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818).  Im Folgenden  ist zu prüfen, ob sich ein Vollzug der Wegweisung  des Beschwerdeführers nach Afghanistan als zumutbar erweist. 7.2.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung,  wie  in  den  nachfolgenden  Erwägungen  aufzuzeigen  ist,  als  unzumutbar  erweist,  erübrigt sich eine Erörterung der beiden anderen Kriterien. 7.3.  Im  zur  Publikation  vorgesehenen  Urteil  BVGE  E­7625/2008  vom  16. Juni  2011  skizziert  das  Bundesverwaltungsgericht  ein  äusserst  düsteres  Bild  der  aktuellen  Lage  in  Afghanistan,  und  zwar  über  alle  Regionen hinweg. Das Gericht kommt zum Schluss, dass in weiten Teilen  von  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte Sicherheitslage und derart schwierige humanitäre Bedingungen  bestünden, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83  Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei (vgl. E. 9.3 ff.). 7.4.  7.4.1. Der Beschwerdeführer stammt aus der Ortschaft _______ (Provinz  _______)  und  mithin  nicht  aus  den  Grossstädten  Kabul,  Herat  oder  Mazar­i­Sharif  (vgl.  a.a.O.  E.  9.2.2  f.).  Die  Situation  in  seinem  Herkunftsgebiet  ist  nach  dem  Gesagten  unbesehen  der  konkreten  persönlichen Situation als existenzbedrohend einzustufen. 7.4.2. Eine  innerstaatliche Aufenthaltsalternative  in Kabul (oder allenfalls  auch  in  Herat  oder Mazar­i­Sharif,  wo  die  Lage  im  zitierten  Urteil  nicht  abschliessend  geprüft  wurde)  kommt  mangels  Bezügen  des  Beschwerdeführers zu diesen Städten offensichtlich nicht in Betracht. 7.5. Angesichts der gesamten Umstände ist der Vollzug der Wegweisung  – der aktuellen Praxis entsprechend – als unzumutbar zu bezeichnen. Die  Voraussetzungen  für  die  Gewährung  der  vorläufigen  Aufnahme  sind  demnach  erfüllt.  Einer  vorläufigen  Aufnahme  stehen  im  Übrigen  keine 

D­776/2010 einschränkenden  gesetzlichen  Tatbestände  (Art.  83  Abs. 7  AuG)  entgegen. 8.  Die  Beschwerde  ist  demnach  gutzuheissen,  soweit  sie  den Vollzug  der  Wegweisung  betrifft;  im Übrigen  ist  sie  abzuweisen. Die Verfügung  des  BFM  vom  6.  Januar  2000  ist  hinsichtlich  der  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  aufzuheben  und  das  BFM  ist  anzuweisen,  den  Beschwerdeführer in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 9.  9.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  –  das  Bundesverwaltungsgericht  geht  bei  der  vorliegenden  Konstellation  von  einem  hälftigen  Durchdringen  aus  –  sind  die  reduzierten  Verfahrenskosten  von  Fr. 300.–  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (vgl. Art. 63 Abs. 1 VwVG).  9.2.  Gemäss  Art.  64  Abs.  1  VwVG  kann  die  Beschwerdeinstanz  der  obsiegenden  Partei  eine  Parteientschädigung  für  die  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zusprechen.  Dem  vertretenen  Beschwerdeführer  ist  angesichts  des  teilweisen  Obsiegens  eine  reduzierte  Parteientschädigung  zuzusprechen  (Art.  7  Abs.  2  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Nachdem  keine  Kostennote  eingereicht  wurde  und  sich  der  notwendige  Vertretungsaufwand  aufgrund  der  Aktenlage  hinreichend  zuverlässig  abschätzen  lässt,  ist  dieser  anteilsmässig  auf  Fr. 1'000.­­  (inklusive  Auslagen  und  allfällige  Mehrwertsteuer)  festzusetzen  und  von  der  Vorinstanz zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­776/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  betreffend  Vollzug  der  Wegweisung  (Dispositivziffern 4 ­ 5 der angefochtenen Verfügung) gutgeheissen. Das  BFM wird angewiesen, den Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. Im  Übrigen wird die Beschwerde abgewiesen. 2.  Dem  Beschwerdeführer  werden  die  Verfahrenskosten  in  der  Höhe  von  Fr. 300.­­ auferlegt.  3.  Die Parteientschädigung wird auf Fr.  1000.­­  festgesetzt. Das BFM wird  angewiesen, diesen Betrag an den Beschwerdeführer auszurichten.  4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand:

D-776/2010 — Bundesverwaltungsgericht 14.07.2011 D-776/2010 — Swissrulings