Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 13.10.2011 D-5596/2011

13 octobre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·835 mots·~4 min·1

Résumé

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 29. September 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­5596/2011 Urteil   v om   1 3 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Einzelrichterin Nina Spälti Giannakitsas mit Zustimmung von Richter Bendicht Tellenbach;   Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien A._______, geboren am _______, B._______, geboren am _______, C._______, geboren am _______, D._______, geboren am _______, E._______, geboren am _______, Syrien,   vertreten durch _______,  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 29. September 2011 / _______.

D­5596/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest und erwägt, dass die Beschwerdeführenden ihr Heimatland gemäss eigenen Angaben  Anfang August 2011 auf dem Luftweg verliessen und über _______ und  Italien  am 5. August  2011  in  die Schweiz  gelangten, wo  sie  am  selben  Datum Asylgesuche stellten,  dass  sie  dazu  am  11.  respektive  12.  August  2011  summarisch  befragt  wurden,  dass aufgrund einer Abfrage der Eurodac­Datenbank festgestellt worden  war,  dass  die  Beschwerdeführenden  am  _______  2011  in  Italien  Asylgesuche gestellt hatten, dass  ihnen das BFM anlässlich der Summarbefragungen das  rechtliche  Gehör zur möglichen Zuständigkeit  Italiens für das Asylverfahren und zu  einer allfälligen Wegweisung dorthin gewährte, dass  die  Beschwerdeführenden  darlegten,  in  Italien  keine  Asylgesuche  gestellt zu haben und wegen der prekären Aufenthaltsbedingungen nicht  dort leben zu wollen,  dass das BFM am 29. August 2011 – gestützt auf die Bestimmungen der  Verordnung  (EG)  Nr.  343/2003  des  Rates  vom  18.  Februar  2003  zur  Festlegung  der  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrags  zuständig  ist  (Dublin­II­VO)  –  ein  Ersuchen  um  Wiederaufnahme  der  Beschwerdeführenden an Italien sandte, dass  diesem  Ersuchen  von  italienischer  Seite  am  9.  September  2011  entsprochen wurde,  dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  29.  September  2011  –  eröffnet  am       5.  Oktober  2011  –  in  Anwendung  von  Art. 34  Abs. 2  Bst. d  des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) auf die Asylgesuche  der Beschwerdeführenden nicht eintrat, die Wegweisung aus der Schweiz  sowie  den  Wegweisungsvollzug  nach  Italien  anordnete  und  festhielt,  einer  allfälligen  Beschwerde  gegen  diesen  Entscheid  komme  keine  aufschiebende Wirkung zu, 

D­5596/2011 dass die Rückführung – vorbehältlich einer allfälligen Unterbrechung oder  Verlängerung  der  Frist  –  bis  spätestens  am  9.  März  2012  zu  erfolgen  habe, dass  das  BFM  in  seinem  Entscheid  –  unter  Verweis  auf  die  Bestimmungen  zum  Dublin­Verfahren,  den  vorgängigen  Aufenthalt  der  Beschwerdeführenden in Italien und das an Italien gerichtete Gesuch um  Wiederaufnahme, welchem von Italien entsprochen worden sei – auf die  Zuständigkeit Italiens für die Behandlung der Asylgesuche verwies, dass  es  festhielt,  die  Beschwerdeführenden  hätten  keine  relevanten  Argumente gegen die beabsichtigte Überstellung vorbringen können,  dass  die  Zulässigkeit,  Zumutbarkeit  und  Möglichkeit  des  Vollzugs  zu  bejahen seien, dass  die  Beschwerdeführenden  mit  Eingabe  vom  10.  Oktober  2011  (Datum  der  Postaufgabe)  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erhoben, dass sie die Aufhebung der vorinstanzlichen Verfügung, die Rückweisung  der  Sache  an  das  BFM  zur  Ausübung  des  Selbsteintrittsrechts,  den  Erlass  superprovisorischer  Massnahmen  sowie  die  unentgeltliche  Prozessführung  (Art.  65  Abs.  1  und  2  des  Verwaltungsverfahrensgesetzes  vom  20. Dezember  1968  [VwVG,  SR  172.021]) samt Entbindung von der Vorschusspflicht beantragten, dass sie zur Begründung geltend machten, Italien sei zwar grundsätzlich  zuständig für die Behandlung ihrer Asylgesuche,  dass aber gemäss Art. 3 Abs. 2 der Dublin­II­VO jeder Mitgliedstaat einen  von einem Drittstaatangehörigen eingereichten Asylantrag prüfen könne,  auch wenn er nach den  in der Verordnung  festgelegten Kriterien  für die  Prüfung gar nicht zuständig wäre,  dass die Beschwerdeführenden in Italien keinen Zugang zu medizinischer  Versorgung hätten,  dass  der  Beschwerdeführer  seit  einem  Unfall  unter  starken  Rückenbeschwerden leide und in Anbetracht der prekären medizinischen  Situation in Italien dort gar kein Asylgesuch gestellt habe, 

D­5596/2011 dass er bereits in Syrien nicht mehr voll arbeitsfähig gewesen sei,  dass  die  Schweizerische  Flüchtlingshilfe  (SFH)  in  einem  Bericht  die  prekären Aufenthaltsbedingungen in Italien thematisiere,  dass  bereits  zahlreiche  Verwaltungsgerichte  in  Deutschland  die  Überstellung von Asylsuchenden nach Italien gestoppt hätten,  dass die SFH in einer Medienmitteilung vom 18. Juli 2011 die Schweizer  Behörden  dazu  aufrufe,  bei  der  Rückführung  von  verletzlichen  Asylsuchenden Zurückhaltung zu üben,  dass die Beschwerdeführenden im Falle der Rückkehr nach Italien in eine  existenzbedrohende Lage geraten würden,  dass  die  unzureichende  Wohnsituation,  die  mangelnde  Ernährung  und  der  fehlende  Zugang  zum  Gesundheitswesen  in  Italien  eine  erniedrigende  Behandlung  im  Sinne  von  Art.  3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK, SR 0.101) ausmache,  dass  die  Beschwerdeführerin  gemäss  einem  Arztbericht  überdies  nicht  reisefähig sei,  dass die Voraussetzungen für einen Selbsteintritt mithin erfüllt seien,  dass  der  Beschwerdeführer  ihn  betreffende  Arztberichte  nachreichen  werde,  dass  der  Eingabe  kein  die  Beschwerdeführerin  betreffender  Arztbericht  beilag, dass  die  Beschwerdeführenden  am  11. Oktober  2011  eine  Bestätigung  für ihre Bedürftigkeit nachreichten,  dass  die  vorinstanzlichen  Akten  am  12.  Oktober  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht eintrafen (vgl. Art. 109 Abs. 2 AsylG), dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über Beschwerden gegen Verfügungen des BFM entscheidet, ausser bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsgesuches  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (vgl.  dazu  Art. 105  AsylG 

D­5596/2011 i.V.m.  Art. 31  und  33   des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [VGG,  SR 173.32]  sowie  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass sich das Verfahren nach dem VwVG richtet, soweit das VGG oder  das AsylG nichts anderes bestimmen (vgl. Art. 37 VGG sowie Art. 6 und  105 AsylG), dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden kann (Art. 106 Abs. 1 AsylG),  dass  auf  die  frist­  und  formgerechte  Eingabe  der  legitimierten  Beschwerdeführenden einzutreten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52  VwVG sowie Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass  die  Beschwerde  –  wie  nachfolgend  aufgezeigt  –  offensichtlich  unbegründet  ist, weshalb darüber  in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten  Richterin zu entscheiden ist (Art. 111 Bst. e AsylG), dass  auf  einen  Schriftenwechsel  zu  verzichten  und  der  Entscheid  nur  summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 1 und 2 AsylG), dass mit dem Entscheid  in der Hauptsache die Anträge auf Gewährung  der  aufschiebenden  Wirkung  der  Beschwerde  im  Sinne  von  Art.  107a  AsylG,  Aussetzung  des  Wegweisungsvollzugs  und  Kostenvorschussverzicht gegenstandslos werden, dass  auf  Asylgesuche  in  der  Regel  nicht  eingetreten  wird,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG),  dass  die  Beschwerdeführenden  gemäss  den  dokumentierten  Eurodac­ Treffern  in  Italien  entgegen  ihren  Vorbringen  am  _______  2011  Asylgesuche stellten beziehungsweise als Asylsuchende erfasst wurden  und von dort kommend in die Schweiz einreisten,  dass  bei  dieser  Sachlage  –  entsprechend  den  vom  BFM  angerufenen  Bestimmungen  zum  Dublin­Verfahren,  auf  welche  anstelle  einer 

D­5596/2011 Wiederholung zu verweisen  ist –  Italien  für die Prüfung der Asylanträge  der Beschwerdeführenden grundsätzlich zuständig ist, dass  Italien  dem  Ersuchen  des  BFM  um  Wiederaufnahme  der  Beschwerdeführenden  (nach  Art.  16  Abs.  1  Bst.  c  Dublin­II­VO)  am  9.  September 2011 entsprochen und seine Zuständigkeit  gemäss Dubliner  Verfahrensregelung akzeptiert hat (Art. 20 Abs. 1 Bst. d Dublin­II­VO), dass so die Grundlage für einen Nichteintretensentscheid  in Anwendung  von Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG ohne weiteres gegeben ist,  dass  Italien  Signatarstaat  sowohl  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die Rechtsstellung der Flüchtlinge  (FK, SR 0.142.30)  als  auch der  EMRK  ist und vorliegend keine Hinweise darauf bestehen,  Italien würde  sich  im Falle der Beschwerdeführenden nicht an seine völkerrechtlichen  Verpflichtungen halten, dass  sich  das  italienische  Asylsystem  aufgrund  der  jüngsten  Entwicklungen  im  nordafrikanischen  Raum  verbunden  mit  erhöhtem  Zustrom  von  Asylsuchenden  zwar mit  erheblichen  Kapazitätsproblemen  konfrontiert  sieht  und  die  diesbezüglichen  Beschwerdevorbringen  daher  nachvollziehbar erscheinen,  dass  Italien  aufgrund  seiner  Zustimmung  indes  verpflichtet  ist,  über  die  Asylgesuche der Beschwerdeführenden zu befinden, und keine konkreten  Hinweise  dafür  bestehen,  der  italienische  Staat  würde  den  Zugang  zu  einem funktionierenden Asylverfahren nicht gewährleisten,  dass  die Behauptung  der Beschwerdeführerenden,  sie  hätten  gar  keine  Asylgesuche gestellt, nicht mit den Akten übereinstimmt und dies ohnehin  unerheblich wäre, zumal es an der Zuständigkeit Italiens nichts zu ändern  vermöchte,  dass  Asylsuchende  in  Italien  bei  der  Unterkunft,  der  Arbeit  und  dem  Zugang  zur  medizinischen  Infrastruktur  zwar  gewissen  Schwierigkeiten  ausgesetzt  sein  können,  wobei  sich  bereits  vorbestandene  Kapazitätsprobleme in der jüngsten Zeit akzentuiert haben dürften,  dass jedoch auch unter Berücksichtigung dieser Umstände entgegen den  Beschwerdevorbringen  kein  konkreter Anlass  zur Annahme besteht,  die  Beschwerdeführenden  gerieten  nach  der  Rückführung  in  Italien  in  eine  existenzielle  Notlage,  zumal  gemäss  Kenntnissen  des 

D­5596/2011 Bundesverwaltungsgerichts  neben  staatlichen  Behörden  auch  private  Hilfsorganisationen Dublin­Rückkehrende unterstützen, dass  Italien  im  Übrigen  an  die  Richtlinie  2003/9/EG  des  Rates  vom 27.  Januar  2003  zur  Festlegung  von Mindestnormen  für  die  Aufnahme  von Asylsuchenden in den Mitgliedstaaten (Aufnahmerichtlinie) gebunden  ist  und  demnach  dafür  besorgt  sein  muss,  den  Asylsuchenden  ein  menschenwürdiges Leben zu ermöglichen,  dass  die  Beschwerdeführenden  ihren  Rekurs  auch  mit  medizinischen  Problemen  begründen  (keine  Reisefähigkeit  der  Beschwerdeführerin;  Rückenprobleme des Beschwerdeführers), dass  sich  für  die  angeblich  fehlende  Reiseunfähigkeit  der  Beschwerdeführerin  keine  Anhaltspunkte  in  den  Akten  finden  und  ein  (angeblich)  die  Beschwerdeführerin  betreffender  Arztbericht  in  der  Rekurseingabe nicht als Beilage aufgeführt wird,  dass  die  Beschwerdeführerin  bei  der  Befragung  vom  12.  August  2011  überdies keine gesundheitlichen Probleme geltend machte, dass allfällige Krankheiten ohnehin  in  Italien abgeklärt und grundsätzlich  behandelt  werden  können,  weshalb  die  geltend  gemachte  gesundheitliche Beeinträchtigung des Beschwerdeführers  respektive der  Beschwerdeführenden nicht gegen die Überstellung nach Italien spricht, dass es sich demnach rechtfertigt, von weiteren Abklärungen abzusehen  und keine Frist zur Nachreichung medizinischer Unterlagen anzusetzen, dass  nach  den  vorstehenden  Erwägungen  der  Nichteintretensentscheid  in Anwendung von Art. 34 Abs. Bst. d AsylG zu bestätigen ist,  dass  die  Anordnung  der  Wegweisung  nach  Italien  der  Systematik  des  Dublin­Verfahrens  entspricht  und  von  daher  im  Einklang  mit  der  Bestimmung von Art. 44 Abs. 1 AsylG steht (vgl. BVGE 2010/45 E. 10.2), dass in diesem Sinne das BFM den Vollzug der Wegweisung nach Italien  zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erklärte,  dass nach den vorstehenden Erwägungen kein Anlass zur Ausübung des  Selbsteintrittsrechts  im  Sinne  von  Art.  3  Abs.  2  Dublin­II­VO  (weder  wegen  einer  drohenden  Verletzung  von  Völkerrecht  noch  aus 

D­5596/2011 humanitären Gründen; vgl. BVGE E 7221/2009 vom 10. Mai 2011 E. 4 ff.)  besteht  respektive  bestand,  womit  die  angefochtene  Verfügung  zu  bestätigen  und  die  eingereichte  Beschwerde  als  offensichtlich  unbegründet abzuweisen ist,  dass die Gesuche im Sinne von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG abzuweisen  sind,  da  sich  die Beschwerde  von Anfang  an  als  aussichtslos  erwiesen  hat,  dass die Kosten des Verfahrens von Fr. 600.– den Beschwerdeführenden  aufzuerlegen  sind  (vgl.  dazu  Art. 63  Abs.  1  VwVG  sowie  Art. 1­3  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

D­5596/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Gesuche  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  und  2  VwVG  werden  abgewiesen. 3.   Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­­  werden  den  Beschwerdeführenden  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die Einzelrichterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand:

D-5596/2011 — Bundesverwaltungsgericht 13.10.2011 D-5596/2011 — Swissrulings