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Bundesverwaltungsgericht 03.08.2011 D-4490/2010

3 août 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,755 mots·~14 min·2

Résumé

Aufhebung vorläufige Aufnahme (Asyl) | Aufhebung der vorläufigen Aufnahme (Asyl)

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4490/2010/sed Urteil   v om   3 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Martin Zoller, Gerichtsschreiber Daniel Stadelmann. Parteien A._______, geboren (…), Irak, vertreten durch lic. iur. Serif Altunakar, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Aufhebung der vorläufigen Aufnahme; Verfügung des BFM vom 19. Mai 2010 / N _______.

D­4490/2010 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  –  ein  irakischer  Staatsangehöriger  kurdischer  Ethnie  aus  B._______  (Nordirak,  Provinz  Sulaymaniyah)  –  reichte  am  3. Mai 2004  in der Schweiz ein Asylgesuch ein. Zur Begründung seines  Gesuches  machte  er  anlässlich  der  Anhörungen  im  Wesentlichen  geltend,  er  sei  Mitglied  der  Sozialistischen  Partei  Kurdistans  (Kurdistan  Socialist  Democratic  Party,  KSDP)  und  hierbei  für  den  Personenschutz  des  (…)  der  Partei  verantwortlich  gewesen.  Am  25. März  2004  sei  der  Beschwerdeführer  mit  fünf  anderen  Personen  von  B._______  nach  C._______ gefahren. An einem Kontrollposten der PUK sei  es  zu einer  Schiesserei  gekommen,  weil  er  das  Fahrzeug  nicht  angehalten  habe.  Dabei sei eine Person getötet und eine andere schwer verletzt worden. In  der  Folge  sei  der  Beschwerdeführer  von  den  Angehörigen  der  beiden  Personen  zu  Hause  mehrmals  gesucht  worden.  Man  habe  ihm  mit  Blutrache gedroht. Aus Furcht vor einer solchen Verfolgung habe er den  Irak verlassen. B.  Mit Verfügung vom 27. Januar 2006 lehnte das BFM das Asylgesuch ab  und ordnete die Wegweisung aus der Schweiz an. Zur Begründung führte  die  Vorinstanz  im Wesentlichen  aus,  dass  der  Beschwerdeführer  durch  die  unsubstanziierten  und  pauschalen  Beschreibungen  seine  geltend  gemachten  Verfolgungsgründe  nicht  glaubhaft  darzulegen  vermöge.  Deshalb  hielten  seine  Vorbringen  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  gemäss  Art.  7  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31) nicht  stand,  so dass  ihre Asylrelevanz nicht  geprüft  werden müsse.  Die  Vorinstanz  stellte  jedoch  gleichzeitig  fest,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  unzumutbar  sei,  und  ordnete  die  vorläufige  Aufnahme des Beschwerdeführers an. C.  Der  Beschwerdeführer  reichte  mit  Eingabe  vom  3.  März  2006  (Faxeingang  und  Poststempel)  bei  der  damals  zuständigen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)  gegen  die  vorinstanzlich  verfügte Nichtzuerkennung der Flüchtlingseigenschaft, die Verweigerung  des  Asyls  sowie  gegen  die  Wegweisung  an  sich  Beschwerde  ein  und  ersuchte  gleichzeitig  sinngemäss  um  Wiederherstellung  der  Beschwerdefrist.

D­4490/2010 D.  Die  ARK  wies  mit  Urteil  vom  10.  März  2006  das  Gesuch  um  Wiederherstellung  der  Beschwerdefrist  ab  und  trat  auf  die  verspätet  eingereichte Beschwerde nicht ein. E.  Am  17. März  2006  reichte  der  Beschwerdeführer  bei  der  ARK  eine  als  Stellungnahme  betreffend  "Urteil  über  meine  Beschwerde  und  Verfahrenskosten" bezeichnete Eingabe ein. F.  Mit Schreiben vom 28. März 2006 teilte die ARK dem Beschwerdeführer  mit,  dass  der  Eingabe  vom  17.  März  2006  unter  revisionsrechtlichen  Gesichtspunkten  keine  Folge  gegeben  werden  könne  und  auch  keine  Veranlassung  zur  Überweisung  der  Eingabe  an  die  Vorinstanz  zur  allfälligen  Prüfung  unter  dem  Gesichtspunkt  der  Wiedererwägung  bestehe. G.  Nachdem das BFM dem Beschwerdeführer im Hinblick auf eine allfällige  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme mit  Schreiben  vom  24.  Juli  2007  das rechtliche Gehör gewährt hatte,  liess sich dieser dazu am 1. August  2007 vernehmen, wobei er  jedoch sinngemäss um Wiedererwägung der  Verfügung des BFM vom 27. Januar 2006 ersuchte. H.  Mit  Zwischenverfügung  vom  26.  Oktober  2007  forderte  das  BFM  vom  Beschwerdeführer  innert  Frist  einen Gebührenvorschuss  von Fr.  1'200.­  ein,  unter  der  Androhung,  bei  ungenutztem  Fristablauf  werde  auf  das  Begehren,  welches  als  Wiedererwägungsgesuch  betreffend  Asyl  und  Wegweisung  entgegen  genommen  wurde,  nicht  eingetreten.  Zusammenfassend  erscheine  das  Gesuch  von  vornherein  als  aussichtslos.  Der  Vollständigkeit  halber  sei  festzuhalten,  dass  die  gemachten  Ausführungen  betreffend  die  allgemeine  Lage  in  Irak  nicht  Gegenstand  des  vorliegenden  Verfahrens  seien,  sondern  diese würden  im  Rahmen  des  –  separat  und  später  durchzuführenden  –  Verfahrens  bezüglich Aufhebung der vorläufigen Aufnahme geprüft. I.  Der  Beschwerdeführer  leistete  den  Kostenvorschuss  am  9.  November  2007 innert Frist.

D­4490/2010 J.  Mit Verfügung vom 3. Dezember 2007 trat das BFM auf das sinngemäss  gestellte  Wiedererwägungsgesuch  vom  1.  August  2007  mit  derselben  Begründung wie bereits in der Zwischenverfügung vom 26. Oktober 2007  nicht  ein.  Die  Verfügung  vom  27.  Januar  2006  sei  rechtskräftig  und  vollstreckbar,  und  einer  allfälligen  Beschwerde  komme  keine  aufschiebende Wirkung zu. K.  Mit  Eingabe  vom  3.  Januar  2008  (Poststempel)  erhob  der  Beschwerdeführer  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragte,  die  Verfügung  des  BFM  vom  3.  Dezember  2007  sei  aufzuheben,  es  sei  festzustellen,  dass  er  die  Flüchtlingseigenschaft  erfülle  und  es  sei  ihm  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  die  Verfügung  aufzuheben,  die  Sache  zur  Neubeurteilung an die Vorinstanz zurückzuweisen, und er sei mindestens  vorläufig  aufzunehmen.  In  prozessualer  Hinsicht  sei  ihm  die  unentgeltliche  Rechtspflege  zu  bewilligen  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses zu verzichten. L.  Mit  Verfügung  vom  11.  Januar  2008  wies  der  Instruktionsrichter  das  Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ab und forderte  den Beschwerdeführer unter Hinweis auf die Säumnisfolgen zur Leistung  eines  Kostenvorschusses  im  Betrag  von  Fr.  600.­  bis  zum  28.  Januar  2008 auf. M.  Der  Beschwerdeführer  leistete  den  einverlangten  Kostenvorschuss  am  28. Januar 2008. N.  Das Bundesverwaltungsgericht wies mit Urteil D­1/2008 vom 26. Februar  2010  die  Beschwerde  vom  3.  Januar  2008  gegen  die  vorinstanzliche  Verfügung vom 3. Dezember 2007 ab. O.  Mit  Schreiben  vom  20.  April  2010  gewährte  das  BFM  dem  Beschwerdeführer das  rechtliche Gehör  im Hinblick auf eine Aufhebung  der  ihm gewährten vorläufigen Aufnahme  in der Schweiz und den damit  verbundenen Wegweisungsvollzug.  Dabei  teilte  das  BFM  ihm mit,  dass 

D­4490/2010 es  nach  einer  umfassenden  Analyse  der  Sicherheits­  und  Menschenrechtslage  in  den  drei  von  der  kurdischen  Regionalregierung  kontrollierten  nordirakischen  Provinzen  Dohuk,  Erbil  und  Sulaymaniyah  beschlossen  habe,  eine  Anpassung  der  Wegweisungspraxis  an  die  aktuellen  Verhältnisse  vorzunehmen.  Der  Beschwerdeführer  stamme  gemäss eigenen Angaben aus B._______ (Provinz Sulaymaniyah), wo er  seine  gesamte  Kindheit  und  Jugendzeit  verbracht  und  bis  zu  seiner  Ausreise  am  10.  April  2004  gewohnt  habe,  und  wo  er  noch  über  ein  Beziehungsnetz verfüge. P.  In seiner Stellungnahme vom 12. Mai 2010 führte der Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  aus,  es  treffe  zu,  dass  die  Sicherheits­  und  Menschenrechtslage  in  den  von  der  kurdischen  Regionalregierung  kontrollierten  nordirakischen  Provinzen  im  Vergleich  zum  Rest  des  Landes besser sei. Es dürfe  jedoch nicht vergessen werden, dass auch  dort  in  den  letzten  Jahren,  wenn  auch  nicht  so  oft  wie  in  anderen  Provinzen  des  Landes,  Bomben  hochgegangen  seien.  Die  Sicherheitslage  sei  auch heute nicht  stabil. Bekanntlich  sei  das Ziel  der  Terroristen die Destabilisierung des ganzen Landes. Deshalb  solle man  die  Sicherheits­  und Menschenrechtslage  in  den  genannten  kurdischen  Gebieten nicht hoch bewerten. Die kurdische Regionalregierung verfüge  ausserdem  weder  über  die  notwendige  Infrastruktur  noch  über  die  erforderlichen  staatlichen  Institutionen,  die  in  einem  souveränen  Staat  üblich seien. Die kurdische Regionalregierung existiere ja bekanntlich seit  zirka sechs Jahren. Aus diesen Gründen sei das unter der Kontrolle der  kurdischen Regionalregierung stehende Gebiet von demokratischen und  rechtsstaatlichen Grundprinzipien noch weit entfernt. Folglich könne auch  von  Rechtssicherheit  keine  Rede  sein.  Neben  dieser  unstabilen  Lage  drohe  die  türkische  Armee  immer  noch  in  die  genannte  Region  einzumarschieren.  Um  diese  Drohung  wahr  zu  machen,  habe  die  türkische Armee bereits vor Jahren über 100'000 Soldaten mit schwerem  Kriegsgerät  an  die  türkisch­irakische  Grenze  verlegt.  Diese  Truppen  seien  immer noch dort  stationiert. Die  kurdischen Dörfer  an der Grenze  würden  immer  noch  mit  Artillerie  bombardiert.  Den  Presseberichten  zufolge bereite sich die türkische Armee auf eine Grossoffensive zwecks  Vernichtung  der  PKK­Terroristen  im  Nordirak  vor.  Sowohl  die  Lage  in  Kirkuk  als  auch  diejenige  der  von  der  kurdischen  Regionalregierung  kontrollierten  Gebiete  im  Nordirak  zeige,  wie  unstabil  die  dortige  Sicherheits­ und Menschenrechtslage sei. Die Lage würde sich mit dem  eventuellen  Einmarsch  der  Türken  in  den  Nordirak  sicherlich 

D­4490/2010 verschlimmern.  Die  Lage  sei  somit  vergleichbar  mit  einem  Pulverfass,  das  jederzeit  zu  explodieren  drohe.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers sei somit zur jetzigen Zeit nicht zumutbar. Wie  der  Beschwerdeführer  bereits  in  den  Befragungen  deutlich  zu  Protokoll  gegeben  habe,  sei  er  für  die  Leibwächter  einer  hochrangigen  Person  der  KSDP  namens  X._______  zuständig  gewesen.  Als  er  zusammen mit anderen Leibwächtern die erwähnte Person von einem Ort  an einen anderen Ort geführt habe, sei es zu einem Vorfall gekommen.  Die  Autokolonne  habe  insgesamt  aus  vier  Autos  bestanden.  Da  drei  dieser Fahrzeuge bereits weg gewesen seien, habe der vierte Wagen, in  welchem unter anderem auch der Beschwerdeführer mitgefahren sei, am  Kontrollpunkt  nicht  angehalten.  Daraufhin  hätten  die  Wächter  vom  Kontrollpunkt auf das Auto geschossen. Bei diesem Vorfall sei Y._______  ums Leben gekommen und eine weitere Person namens Z._______ sei  schwer verletzt worden. Seit diesem Vorfall würden die Angehörigen der  beiden  eben  genannten Personen  den Beschwerdeführer  beschuldigen,  für den Vorfall verantwortlich zu sein und wollten an ihm Rache nehmen.  Im vorliegenden Fall  gehe es um einen Konflikt  zwischen Stämmen. Es  sei bekannt, dass  in der kurdischen Gesellschaft die Rache  immer noch  oft vorkomme. In einem solchen Konflikt hätten die Stämme ihr eigenes,  ungeschriebenes  Recht,  welches  sich  im  Laufe  von  Jahrhunderten  beziehungsweise  Jahrtausenden  entwickelt  habe.  Dieses  Recht  kenne  keine  Verjährung.  Die  betreffende  Rechtsordnung  spiele  für  die  betreffenden  Personen  in  solchen  Fällen  überhaupt  keine  Rolle.  Die  Behörden der  kurdischen Autonomieverwaltung seien nicht  in der Lage,  dem Beschwerdeführer den nötigen Schutz zu gewähren, weshalb weder  die  Schutzfähigkeit  noch  die  Schutzwilligkeit  gegeben  sei.  Die  Regionalverwaltung  müsse  sich  in  bestimmten  Fällen  selber  vor  der  Macht  der Stämme  in Acht  nehmen,  da  jeder Stamm quasi  ein  eigener  Staat  sei.  Somit  wären  die  Behörden  im  Fall  einer  Rückkehr  des  Beschwerdeführers nicht in der Lage, ihn zu schützen. Q.  Mit Verfügung vom 19. Mai 2010 – eröffnet am 21. Mai 2010 – hob das  BFM  die  am  27.  Januar  2006  angeordnete  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  auf  und  forderte  ihn  unter  Androhung  von  Zwangsmitteln  im  Unterlassungsfall  auf,  die  Schweiz  bis  zum  14.  Juli  2010  zu  verlassen.  In  seinem  Entscheid  erkannte  das  BFM  den  Wegweisungsvollzug  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich,  weshalb  die  dem  Beschwerdeführer  gewährte  vorläufige  Aufnahme  gestützt  auf  Art. 

D­4490/2010 84  Abs.  2  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen und Ausländer (AuG, SR 142.20) aufzuheben sei. Es sei  rechtskräftig  festgestellt,  dass er die Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfülle.  Mit  Verfügung  vom 27.  Januar  2006  sei  –  soweit  diese  die Verneinung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  die  Verweigerung  des  Asyls  betreffe –  sein  Asylgesuch  abgewiesen  worden.  Ein  Wegweisungsvollzug  würde  daher das in Art. 5 AsylG und Art. 33 des Abkommens vom 28. Juli 1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30)  verankerte  Refoulement­Verbot  nicht  verletzen,  setzten  diese  Bestimmungen  doch  voraus, dass die in Art. 3 AsylG und Art. 1 Abschnitt A FK umschriebene  Flüchtlingseigenschaft erfüllt sei. Aus der Aktenlage ergäben sich weiter  keine  gewichtigen  Anhaltspunkte  für  die  Annahme,  dass  der  Beschwerdeführer für den Fall der Rückkehr  in den Irak mit beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art.  3  der  Konvention  vom  4. November  1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR  0.101)  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Die  allgemeine Sicherheits­ und Menschenrechtslage im kurdischen Nordirak  lasse  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Zudem  sei  im  ehemals  autonomen Nordirak  die  Schutzfähigkeit  der  staatlichen  Machtträger  heute  grundsätzlich  zu  bejahen.  Vorliegend  ergebe  sich  aus  dem  Persönlichkeitsprofil  des  Beschwerdeführers  insgesamt  kein  über  die  schwierige  Alltagssituation  der  kurdischen  Mehrheitsbevölkerung  im  Nordirak  hinausgehendes  individuelles Gefährdungsindiz.  Das  geltend  gemachte  Vorbringen,  vom  Familienstamm  der  getöteten  beziehungsweise  schwerverletzten  ehemaligen  Arbeitskollegen  bedroht  zu  werden,  sei  bereits  im  Asylentscheid vom 27. Januar 2006 als unglaubhaft beurteilt worden, da  seine  diesbezüglichen  Schilderungen  unsubstanziiert  und  pauschal  erschienen.  Auf  das  Wiedererwägungsgesuch  vom  1.  August  2007  sei  das Bundesamt mit Verfügung vom 3. Dezember 2007 nicht eingetreten,  da keine neuen substanziierten asylrelevanten Gründe und Beweismittel  eingereicht  worden  seien.  Der  Entscheid  des  BFM  sei  mit  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  D­1/2008  vom  26.  Februar  2010  bestätigt  worden. Aus  humanitären  Gründen,  nicht  in  Erfüllung  völkerrechtlicher  Pflichten  der  Schweiz,  werde  auf  den  Vollzug  der Wegweisung  verzichtet,  wenn  die  Rückkehr  in  den  Heimatstaat  für  die  Betroffenen  eine  konkrete  Gefährdung darstelle. Eine solche Gefährdung könne angesichts der  im  Heimatland  herrschenden  allgemeinen  politischen  Lage,  die  sich  durch  Krieg,  Bürgerkrieg  oder  durch  eine  Situation  allgemeiner  Gewalt 

D­4490/2010 kennzeichne,  oder  aufgrund  anderer  Gefahrenmomente,  wie  beispielsweise  des  Fehlens  einer  notwendigen  medizinischen  Behandlung,  angenommen  werden.  Eine  solche  Situation,  welche  den  Beschwerdeführer  als  Gewalt  oder  De­facto­Flüchtling  qualifizieren  würde,  lasse  sich  heute  im  Nordirak  nicht  erkennen.  In  Bezug  auf  die  Sicherheits­  und  Menschenrechtslage  in  den  drei  von  der  kurdischen  Regionalregierung  kontrollierten  Provinzen  Dohuk,  Erbil  und  Sulaymaniyah herrsche dort keine Situation allgemeiner Gewalt. Seit dem  1. Mai  2007  schätze das BFM den Vollzug der Wegweisung  in  die  drei  genannten nordirakischen Provinzen grundsätzlich als zumutbar ein. Von  den bewaffneten  internen Konflikten  im Zentral­ und Südirak blieben die  vorgenannten Provinzen weitgehend ausgenommen. Die Tatsache, dass  seit  dem  Jahr  2003  679  Personen  freiwillig  mit  Rückkehrhilfe  aus  der  Schweiz  in  den  Irak  zurückgekehrt  seien  (davon  rund  85%  in  den  Nordirak),  unterstreiche  die  Einschätzung  der  Situation  der  schweizerischen Asylbehörden bezüglich der Situation  in dieser Region.  Die  Praxis  der  Vorinstanz,  dass  der  Wegweisungsvollzug  in  die  drei  genannten  Provinzen  grundsätzlich  zumutbar  sei,  würden  auch  andere  europäische  Staaten,  wie  beispielsweise  Schweden,  Niederlande,  Deutschland, Grossbritannien, Norwegen und Dänemark teilen. Auch das  UNHCR  stelle  sich  nicht  grundsätzlich  gegen  Wegweisungen  in  die  genannten  Provinzen.  Es  empfehle  einen  "differentiated  approach"  und  weise  darauf  hin,  dass  auf  die  Rückweisung  von  "vulnerable  groups" –  namentlich  allein  erziehende  Frauen  und  Kranke  –  verzichtet  werden  solle.  Diesem  Anliegen  trage  das  Bundesamt  mit  der  heutigen  Wegweisungspraxis  und  der  Einzelfallprüfung  allfälliger  individueller  Wegweisungshindernisse Rechnung. Der Beschwerdeführer sei 2004  im  Alter  von  (…)  Jahren  in  die  Schweiz  eingereist,  seine  Sozialisation  sei  somit im Nordirak erfolgt. Gemäss eigenen Angaben sei er Landwirt und  seit Geburt  bis  zu  seiner Ausreise  in Sulaymaniyah wohnhaft  gewesen,  wo er noch über ein Beziehungsnetz verfüge. Das BFM gehe davon aus,  dass  er  nach  seiner  Rückkehr,  trotz  schwierigen  wirtschaftlichen  Verhältnissen  in  seiner  Herkunftsprovinz,  nicht  in  eine  Existenz  bedrohende  Situation  aus  wirtschaftlichen  Gründen  geraten  werde.  An  dieser  Stelle  sei  zudem  auf  das  Rückkehrhilfeprogramm  "Irak"  der  Vorinstanz  zu  verweisen,  welches  ihm  die  Reintegration  im Heimatland  zusätzlich  erleichtern  dürfte.  Lokal  tätige  Hilfsorganisationen  könnten  zudem die Wiedereingliederung stützen. R.  Am  21.  Juni  2010  liess  der  Beschwerdeführer  gegen  diesen  Entscheid 

D­4490/2010 beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erheben  und  beantragen,  die  Verfügung  des  BFM  vom  19.  Mai  2010  sei  aufzuheben  und  seine  vorläufige  Aufnahme  sei  aufrechtzuerhalten,  es  sei  die  Unzulässigkeit,  allenfalls  die  Unzumutbarkeit  der  Wegweisung  festzustellen.  In  prozessualer  Hinsicht  ersuchte  er  um  den  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Verfahrenskostenvorschusses.  Zur  Untermauerung  seiner  Vorbringen  reichte  er  jeweils  samt  deutscher  Übersetzung  einen  Haftbefehl vom 18. Mai 2010 (welcher denjenigen vom 24. August 2004  ersetze)  und  ein  Bestätigungsschreiben  der  KSDP  vom  10.  Mai  2010  sowie  zwei  auf  dem  Internet  veröffentlichte  Pressebericht  betreffend  Geschehnissen  im  Nordirak  zu  den  Akten.  Auf  die  Begründung  der  Beschwerde  und  die  eingereichten  Beweismittel  wird  –  soweit  entscheidwesentlich – in den Erwägungen eingegangen. S.  Mit  Zwischenverfügung  vom  25.  Juni  2010  informierte  der  Instruktionsrichter  des Bundesverwaltungsgericht  den Beschwerdeführer  dahingehend,  dass  er  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtet werde. Überdies wurde die Vorinstanz ersucht, innert Frist eine  Vernehmlassung einzureichen. T.  Am  8.  Juli  2010  ersuchte  das  BFM  um  Fristverlängerung  bis  zum  8.  August  2010  zur  Einreichung  seiner  Vernehmlassung,  da  weitere  Untersuchungsmassnahmen  im  Zusammenhang  mit  den  vom  Beschwerdeführer eingereichten Unterlagen notwendig seien. U.  In ihrer Vernehmlassung vom 5. August 2010 hielt die Vorinstanz fest, mit  der  Beschwerdeschrift  seien  neue  Dokumente  eingereicht  worden,  die  jedoch nicht geeignet seien, eine Verfolgung glaubhaft zu machen. Diese  Dokumente  wiesen  Merkmale  auf,  wie  sie  in  echten  irakischen  Akten  nicht  vorkämen.  Namentlich  seien  nicht  alle  Rubriken  des  Haftbefehls  ausgefüllt oder es seien Einträge korrigiert. Es werde nicht dargetan, wie  der  Beschwerdeführer  in  den  Besitz  der  internen  Dokumente  der  Fahndungsbehörden  gelangt  sei.  Solche  Dokumente  könnten  im  Irak  erfahrungsgemäss  leicht  käuflich  erworben  werden  und  hätten  deshalb  einen  sehr  geringen  Beweiswert.  Unter  Berücksichtigung  der  bereits  rechtskräftig  als  unglaubhaft  beurteilten  Vorbringen  vermöchten  die  zweifelhaften  Dokumente  keine  konkrete  Gefährdung  des 

D­4490/2010 Beschwerdeführers  bei  seiner  Rückkehr  aufzuzeigen.  Seine  Vorbringen  blieben  weiterhin  unsubstanziiert  und  rein  spekulativ.  Daher  werde  die  Abweisung der Beschwerde beantragt. V.  In  seiner  Replik  vom  21.  September  2010  liess  der  Beschwerdeführer  darlegen,  dass  er  den Haftbefehl  durch  seine Verwandten,  die  sich  auf  seine  Bitte  hin  an  das  Untersuchungsgericht  gewandt  hätten,  erhalten  habe. Es sei auch für sie nicht einfach gewesen, das erwähnte Dokument  zu  bekommen.  Sie  hätten  diesbezüglich  eine  einflussreiche  Person  einschalten  müssen.  Der  Haftbefehl  sei  echt.  Die  Vorinstanz  könne  selbstverständlich  die  Echtheit  des  Dokuments  an  Ort  und  Stelle  überprüfen lassen. Dieses sei vom "(…)" ausgestellt worden und auf der  Akte befinde sich der Stempel der zuständigen Behörde. Es stimme nicht,  dass  solche  Dokumente  "leicht  käuflich"  seien.  Es  könne  zwar  Fälschungen  geben,  dies  heisse  jedoch  noch  lange  nicht,  dass  alle  Dokumente  gekauft  oder  gefälscht  seien.  Es  sei  deshalb  nicht  nachvollziehbar, warum das BFM den Haftbefehl  als  unecht  bezeichne.  Auch  das  Bestätigungsschreiben  der  KSDP  sei  echt.  Er  sei  selber  jahrelang  in  den  Reihen  dieser  Partei  aktiv  gewesen.  Auf  dieser  Akte  stünden  das  Logo  und  der  Stempel  der  Partei.  Die  beiden  erwähnten  Beweismittel  seien  somit  echt  und  es  stehe  dem Bundesamt  frei,  diese  beiden Dokumente auf ihre Echtheit zu überprüfen. Aus diesen Gründen  sei die Beschwerde gutzuheissen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art.  5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  in  diesem  Bereich  endgültig  (Art.  83  Bst.  c  Ziff.  3  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).  1.2. Der Beschwerdeführer ist zur Beschwerdeführung legitimiert und die  Beschwerdeeinreichung  erfolgte  sowohl  frist­  als  auch  formgerecht, 

D­4490/2010 weshalb auf die Beschwerdesache einzutreten ist (vgl. Art. 37 VGG i.V.m.  Art. 112 AuG und Art. 48 Abs. 1, Art. 50 und 52 VwVG). 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art 49 VwVG). 2.  2.1. Im vorliegenden Beschwerdeverfahren geht es um die Frage, ob die  Vorinstanz  die  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  zu  Recht  aufgehoben hat. Die Voraussetzungen für die Aufhebung der vorläufigen  Aufnahme  werden  seit  dem  1.  Januar  2008  in  Art.  84  Abs. 2  AuG  umschrieben.  Davor  wurde  die  vorläufige  Aufnahme  durch  das  Bundesgesetz vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung der  Ausländer  (ANAG,  BS  1  121)  geregelt,  welches  zeitgleich  mit  dem  Inkrafttreten des AuG aufgehoben wurde (vgl. Art. 125 AuG i.V.m. Ziff.  I  Anhang 2 zum AuG). Gemäss Art. 126a Abs. 4 AuG gilt – unter Vorbehalt  der Absätze 5­7 –  für Personen,  die  im Zeitpunkt  des  Inkrafttretens der  am 16. Dezember 2005 beschlossenen Änderung des Asylgesetzes vom  26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31] sowie des AuG vorläufig aufgenommen  waren,  das  neue Recht. Nachdem der Beschwerdeführer  vom BFM mit  Verfügung  vom  27.  Januar  2006  vorläufig  aufgenommen  wurde,  ist  aufgrund  der  genannten  übergangsrechtlichen  Regelung  das  Vorliegen  der Voraussetzungen  für die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme nach  neuem Recht – mithin nach Art. 84 Abs. 2 AuG – zu prüfen. 2.2. Wurde eine Ausländerin oder ein Ausländer vorläufig in der Schweiz  aufgenommen,  so  überprüft  das  BFM  periodisch,  ob  im  jeweiligen  Einzelfall  die  Voraussetzungen  für  eine  vorläufige  Aufnahme  noch  gegeben  sind  (Art.  84  Abs.  1  AuG).  Das  BFM  hebt  die  vorläufige  Aufnahme  auf  und  ordnet  den  Vollzug  der Weg­  oder  Ausweisung  an,  wenn  die  Voraussetzungen  nicht  mehr  gegeben  sind  (Art. 84  Abs.  2  AuG). Die Voraussetzungen für die vorläufige Aufnahme sind nicht mehr  gegeben, wenn der Vollzug der rechtskräftig angeordneten Wegweisung  zulässig (Art. 83 Abs. 3 AuG) und es der ausländischen Person zumutbar  (Art.  83  Abs.  4  AuG)  und  möglich  ist  (Art.  83  Abs.  2  AuG),  sich  rechtmässig  in  ihren  Heimat­,  in  den  Herkunftsstaat  oder  in  einen  Drittstaat zu begeben. 2.3.  Gegenstand  des  vorliegenden  Beschwerdeverfahrens  bildet  somit  die Frage, ob das BFM – vor dem Hintergrund der heutigen Verhältnisse 

D­4490/2010 im  Irak  sowie  der  individuellen  Situation  des  Beschwerdeführers  –  zu  Recht  den  Wegweisungsvollzug  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich  erklärt  und  die  am  27.  Januar  2006  verfügte  vorläufige  Aufnahme  aufgehoben hat. Dabei  bleibt  anzumerken,  dass  bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungsvollzugshindernissen  der  gleiche  Beweisstandard  gilt,  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft,  das  heisst,  sie  sind  zu  beweisen,  wenn  der  strikte  Beweis möglich  ist,  und  andernfalls  wenigstens  glaubhaft  zu  machen  (vgl.  dazu  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser, Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 3.  3.1. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den Heimat­, Herkunfts­ oder  in einen Drittstaat entgegenstehen (Art. 83  Abs. 3 AuG). So darf  keine Person  in  irgendeiner Form zur Ausreise  in  ein Land gezwungen werden, in dem ihr Leib, ihr Leben oder ihre Freiheit  aus einem Grund nach Art. 3 Abs. 1 AsylG gefährdet ist oder in dem sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs.  1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  FK).  Dieses  flüchtlingsrechtliche  Rückschiebungsverbot  schützt  indes  nur  Personen,  welche  die  Flüchtlingseigenschaft  im Sinne  von Art.  3 AsylG  respektive  Art.  1  A  FK  erfüllen.  Nachdem  das  BFM  in  seiner  Verfügung  vom  27.  Januar  2006  festgestellt  hat,  dass  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllt,  und  der  Entscheid  unangefochten  in  Rechtskraft  erwachsen  ist,  kann  das  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Rückschiebungsverbots  vorliegend  nicht  zur  Anwendung  gelangen.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  ist  daher  unter  dem  Aspekt von Art. 5 AsylG rechtmässig. 3.2. Im Weiteren darf – gemäss Art. 25 Abs. 3 der Bundesverfassung der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV;  SR 101),  Art.  3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK;  SR  0.105)  und  der  Praxis  zu  Art.  3  EMRK  –  niemand  in  einen Staat ausgeschafft werden, in dem ihm Folter oder eine andere Art  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung  droht.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder 

D­4490/2010 glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR,  [Grosse  Kammer], Saadi gegen Italien, Urteil vom 28. Februar 2008, Beschwerde  Nr. 37201/06, §§ 124­127, mit weiteren Hinweisen). 3.3. Der  Beschwerdeführer  bringt  im  vorliegenden  Verfahren  wiederum  den  bereits  von  den  Asylbehörden  rechtskräftig  als  unglaubhaft  beurteilten  Sachverhalt  vor.  Diesbezüglich  legt  er  jedoch  neu  einen  Haftbefehl  ins  Recht,  welcher  auf  den  18.  Mai  2010  datiert  ist  (und  denjenigen  vom  24. August  2004  ersetze),  sowie  ein  Schreiben  der  KSDP  vom  10.  Mai  2010,  welches  seine  Asylvorbringen  bestätigen  würde.  Hierzu  ist  zunächst  festzuhalten,  dass  damit  sinngemäss  ein  Revisions­ bzw. Wiedererwägungsgrund  inbezug auf den rechtskräftigen  Entscheid  bezüglich  Nichtzuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  vorgebracht wird. Da dieser Entscheid (Verfügung der Vorinstanz vom 27.  Januar 2006) wegen verspäteter Beschwerdeerhebung nicht Gegenstand  einer  materiellen  Überprüfung  durch  die  Beschwerdeinstanz  ARK  bzw.  Bundesverwaltungsgericht  bildete,  fällt  die  Beurteilung  eines  solchen  Revisions­  bzw. Wiedererwägungsgrundes  ohnehin  in  die  Zuständigkeit  der  Vorinstanz  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  1998/8).  Es  kann  daher  offen  bleiben,  ob  das  ins  Recht  gelegte  neue  Beweismittel  überhaupt einen Revisionsgrund  im Sinne von Art. 123 Abs. 2 Bst. a (in  fine) BGG hätte bilden können. Die Vorinstanz  ist auf diese prozessuale  Feinheit  nicht  eingegangen,  was  indessen  im  Ergebnis  nichts  daran  ändert,  dass  das  eingereichte  Beweismittel  zu  Recht  als  untauglich  erachtet  wurde,  um  auf  die  negative  Beurteilung  der  Flüchtlingseigenschaft  zurückzukommen.  In  Übereinstimmung  mit  der  Vorinstanz ist festzuhalten, dass die eingereichten Dokumente Merkmale  aufweisen,  wie  sie  in  echten  irakischen  Dokumenten  nicht  vorkommen.  Zudem  ist  nicht  nachvollziehbar,  wie  der  Beschwerdeführer  über  Verwandte  an  einen  an  ihn  gerichteten  Haftbefehl  gelangen  konnte.  Seine  diesbezüglichen  Vorbringen  sind  denn  auch  unsubstanziiert  und  sprechen  gegen  die  Gegebenheiten  in  seiner  Heimat  beziehungsweise  gegen  die  allgemeine  Lebenserfahrung.  Des  weiteren  ist  es  nicht  nachvollziehbar, weshalb er aufgrund des geschilderten Vorfalles im Irak  von  staatlicher  Seite  her  wegen  Mordes  oder  absichtlicher  Tötung  in  Verdacht  stehen  und  die  zuständige  Strafbehörde  gegen  ihn  ein  entsprechendes Verfahren eröffnen sollte. Gemäss seinen Schilderungen  des  Vorfalles  würde  er  weder  die  objektiven  noch  subjektiven  Tatbestandselemente  eines  solchen  Verbrechens  erfüllen.  Auch  das 

D­4490/2010 eingereichte Bestätigungsschreiben der KSDP verfügt – wenn überhaupt  – nur  über  einen  geringen  Beweiswert.  Einerseits  kann  nicht  ausgeschlossen  werden,  dass  es  sich  bei  diesem  um  ein  Gefälligkeitsschreiben handelt und andererseits ist festzuhalten, dass der  Briefkopf nicht dem üblichen Parteiemblem der KSDP entspricht, weshalb  die  Echtheit  dieses  Dokumentes  zumindest  in  Frage  gestellt  werden  kann. Dem Beschwerdeführer gelingt es somit auch mit der Einreichung  der  beiden neuen Beweismittel  nicht,  seine Asylvorbringen glaubhaft  zu  machen.  Diese  sind  für  sich  alleine  betrachtet  nämlich weder  geeignet,  ein offenes Verfahren gegen  ihn noch Probleme mit Dritten zu belegen.  Bei  den  vom  Beschwerdeführer  erneut  vorgebrachten  Asylgründen  handelt  es  sich  vielmehr  um  ein  Sachverhaltskonstrukt.  Somit  sind  in  casu  keine  individuellen  Gründe  ersichtlich,  welche  gegen  die  Zulässigkeit  des  Wegweisungsvollzuges  sprechen  würden.  An  dieser  Einschätzung ändern auch die von ihm eingereichten Presseberichte zur  allgemeinen Lage  im Nordirak nichts, da er aus diesen nichts zu seinen  Gunsten ableiten kann.  3.4.  Nach  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  lässt  sodann  die  allgemeine  Sicherheits­  und  Menschenrechtslage  in  den  drei  Nordprovinzen  des  Irak  (Dohuk,  Erbil  und  Sulaymaniyah)  den  Wegweisungsvollzug  in  den  Nordirak  im  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen,  da  von  hinreichend  gefestigten  Verhältnissen  auszugehen ist und die Sicherheits­ und Justizbehörden der drei irakisch­ kurdischen  Nordprovinzen  grundsätzlich  in  der  Lage  und  auch  willens  sind,  den  Einwohnern  Schutz  vor  Verfolgung  zu  gewähren  (vgl.  dazu  BVGE 2008/4). 3.5. Der Vollzug der Wegweisung ist demnach sowohl im Sinne der asyl­  als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 4.  4.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von Art.  83 Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8. März  2002,  BBl  2002  3818).

D­4490/2010 4.2.  Das  Bundesverwaltungsgericht  geht  nach  einer  umfassenden  Beurteilung der aktuellen Situation  in den drei  nordirakischen Provinzen  Dohuk, Sulaymaniyah und Erbil davon aus, dass  in den drei kurdischen  Provinzen  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht  und  die  dortige  politische  Lage  nicht  dermassen  angespannt  ist,  als  dass  eine  Rückführung dorthin  als  generell  unzumutbar  betrachtet werden müsste  (vgl.  dazu  im  Einzelnen  BVGE  2008/5).  Nachdem  die  Region  mit  Direktflügen  aus  Europa  sowie  aus  den  Nachbarstaaten  erreichbar  ist,  entfällt  zudem  das  Element  einer  unzumutbaren  Rückreise  via  Bagdad  und auf dem Landweg durch den von Gewalt heimgesuchten Zentralirak.  Zusammenfassend wird  im  erwähnten  Entscheid  festgehalten,  dass  die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Regel  für  alleinstehende,  gesunde und junge kurdische Männer, die ursprünglich aus einer der drei  irakisch­kurdischen Provinzen stammen oder eine längere Zeit dort gelebt  haben  und  dort  nach  wie  vor  über  ein  soziales  Netz  (Familie,  Verwandtschaft  oder Bekanntenkreis)  oder Parteibeziehungen  verfügen,  zumutbar ist (vgl. BVGE 2008/5 E. 7.5; insbes. 7.5.8). 4.3.  Die  Sicherheitssituation  im  Nordirak  hat  sich  seit  Publikation  des  erwähnten  Urteils  –  entgegen  den  sinngemäss  anders  lautenden  Vorbringen  –  nicht  verschlechtert.  In  der  überwiegenden  Mehrheit  der  Berichte  von Regierungs­  und Nichtregierungsorganisationen  sowie  des  UN­Sicherheitsrats  wird  eine  insgesamt  stabile  Situation  beschrieben  (vgl.  dazu  UK  Home  Office,  Country  of  Origin  Information  Report  vom  25. März 2011 über die Kurdistan Regional Government Area of Iraq). Die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  betreffend  eine  angeblich  schlechte  Lage,  besonders  in  der  Provinz  Sulaymaniyah,  vermögen  nicht  zu  überzeugen.  Dem  Beschwerdeführer  sind  der  Haftbefehl  vom  18.  Mai  2010 und das Bestätigungsschreiben der KSDP vom 10. Mai 2010 jeweils  samt der mitgelieferten deutschen Übersetzung zu retournieren. 4.4. Der  gemäss  den  Akten  nunmehr  (…)­jährige  Beschwerdeführer  ist  ethnischer  Kurde,  der  seine  prägenden  Kinder­  und  Jugendjahre  ununterbrochen  in Sulaymaniyah verbracht hat. Dort hat er als Landwirt  gearbeitet und verfügt über ein soziales Beziehungsnetz. Es ist demnach  nicht  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  bei  seiner  Rückkehr nach Sulaymaniyah aus individuellen Gründen wirtschaftlicher,  sozialer oder gesundheitlicher Natur in eine existenzbedrohende Situation  geraten würde. Zur Überbrückung allfälliger Anfangsschwierigkeiten kann  der  Beschwerdeführer  zudem  –  wie  vom  BFM  zu  Recht  erwähnt –  Rückkehrhilfe beantragen.

D­4490/2010 4.5. Auf  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  im  Zusammenhang mit  der  "Kirkuk­Frage"  ist  in  casu  nicht  näher  einzugehen,  da  der  Beschwerdeführer  gemäss  Akten  keinerlei  Bezug  zu  dieser  zentralirakischen Stadt hat, ein Wegweisungsvollzug nach Kirkuk von den  Asylbehörden  gar  nie  in  Erwägung  gezogen  wurde  und  somit  nicht  Verfahrensgegenstand ist. 4.6.  In seiner Beschwerdeeingabe wendet der Beschwerdeführer zudem  ein,  durch  die  Intervention  der  türkischen Armee  im Nordirak  sei  er  bei  einer Rückkehr in sein Heimatland einer zusätzlichen Gefahr ausgesetzt.  Diesbezüglich  ist  jedoch  festzuhalten,  dass  sich  die  türkischen  Offensivaktionen  nicht  gegen  die  im  Nordirak  lebende  Zivilbevölkerung  richten,  weshalb  diese  keine  individuelle  Gefährdung  des  Beschwerdeführer darstellen. 4.7.  Nach  den  vorstehenden  Erwägungen  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung als zumutbar zu bezeichnen.  5.  Der Wegweisungsvollzug  in  den  Nordirak  ist  schliesslich  praxisgemäss  auch  als  möglich  zu  erkennen  (Art.  83  Abs.  2  AuG).  Der  Beschwerdeführer  ist  gehalten,  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  –  namentlich  einen  Reisepass  –  bei  der  für  ihn  zuständigen Vertretung seines Heimatstaates zu beschaffen (Art. 8 Abs.  4 AsylG). 6.  Nach  vorstehenden  Erwägungen  hat  das  BFM  den  Vollzug  der  Wegweisung  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich  erklärt,  weshalb die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme zu bestätigen ist. Zusammenfassend  ergibt  sich  somit,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  49  VwVG).  Die  Beschwerde ist daher abzuweisen. 7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.­  festzusetzen  (Art.  1  –  3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]).

D­4490/2010 (Dispositiv nächste Seite)

D­4490/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Daniel Stadelmann Versand:

D-4490/2010 — Bundesverwaltungsgericht 03.08.2011 D-4490/2010 — Swissrulings