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Bundesverwaltungsgericht 11.08.2011 D-4351/2011

11 août 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·880 mots·~4 min·1

Résumé

Wegweisung Dublin (Ausländerrecht) | Wegweisung Dublin (Ausländerrecht); Verfügung des BFM vom 28.07.2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4351/2011 Urteil   v om   1 1 .   Augus t   2011 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Walter Lang, Richter Thomas Wespi,  Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien X._______, geboren am _______, Russland,  _______, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Wegweisung Dublin (Ausländerrecht); Verfügung des BFM vom 28. Juli 2011 / N _______.

D­4351/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest und erwägt, dass  der  Beschwerdeführer  –  ein  Tschetschene  aus  _______  –  seinen  Heimatstaat  Russland  gemäss  eigenen  Angaben  im  September  2000  verliess und sich anschliessend – unter anderem als Asylbewerber –  in  verschiedenen europäischen Ländern aufhielt,  dass  er  am  8.  April  2011  von Österreich  her  kommend  in  die  Schweiz  gelangte, wo er am selben Datum ein Asylgesuch stellte,  dass er dazu am 14. April 2011 summarisch befragt wurde,  dass er  geltend machte,  von 1996 bis  1999  in der Stadtverwaltung  von  _______ als Assistent des Bürgermeisters gearbeitet zu haben,  dass  er  seit  der  Ausreise  aus  Russland  verschiedenenorts  an  Demonstrationen gegen den zweiten Tschetschenienkrieg teilgenommen  habe,  dass er via Internet Verletzungen der Menschenrechte in Tschetschenien  publik gemacht habe,  dass seine Eltern in Tschetschenien deswegen bedroht worden seien,  dass aufgrund einer Abfrage der Eurodac­Datenbank festgestellt worden  war,  dass  der  Beschwerdeführer  zuletzt  in  Österreich  um  Asyl  nachgesucht hatte,  dass  ihm  das  BFM  gleichentags  das  rechtliche  Gehör  zur  möglichen  Zuständigkeit  Österreichs  für  das  Asylverfahren  und  zu  einer  allfälligen  Wegweisung dorthin gewährte, dass  das  BFM  am  3.  Mai  2011  –  gestützt  auf  die  Bestimmungen  der  Verordnung  [EG]  Nr.  343/2003  des  Rates  vom  18.  Februar  2003  zur  Festlegung  der  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrags  zuständig  ist  (Dublin­II­VO)  –  ein  Ersuchen  um  Übernahme  des  Beschwerdeführers an Österreich sandte, dass  diesem  Ersuchen  von  österreichischer  Seite  am  13.  Mai  2011  entsprochen wurde, 

D­4351/2011 dass  das  BFM  mit  Verfügung  vom  16.  Mai  2011  in  Anwendung  von  Art. 34  Abs. 2  Bst. d  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31) auf das Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eintrat, die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Wegweisungsvollzug  nach  Österreich  anordnete  und  festhielt,  einer  allfälligen  Beschwerde  gegen  diesen Entscheid komme keine aufschiebende Wirkung zu,  dass die Rückführung – vorbehältlich einer allfälligen Unterbrechung oder  Verlängerung  der  Frist  –  bis  spätestens  am  13.  November  2011  zu  erfolgen habe, dass  das  BFM  in  seinem  Entscheid  –  unter  Verweis  auf  die  Bestimmungen  zum  Dublin­Verfahren,  den  vorgängigen  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  in Österreich und das von Österreich gutgeheissene  Gesuch um Übernahme des Beschwerdeführers – auf die Zuständigkeit  Österreichs für die Behandlung des Asylgesuchs verwies, dass  es  festhielt,  der  Beschwerdeführer  habe  keine  relevanten  Argumente gegen die beabsichtigte Überstellung vorbringen können,  dass  die  Zulässigkeit,  Zumutbarkeit  und  Möglichkeit  des  Vollzugs  zu  bejahen seien, dass  die Post  diesen Entscheid  dem BFM mit  dem Vermerk  "Annahme  verweigert" retournierte,  dass der Beschwerdeführer mit  einer  schriftlichen Eingabe vom 30. Mai  2011 (Postaufgabe: 1. Juni 2011) ans BFM gelangte,  dass  er  darin  ausführlich  seine  Erlebnisse  in  den  verschiedenen  EU­ Mitgliedstaaten darstellte,  dass er am 3. Juni 2011 nach Österreich überstellt wurde,  dass eine kantonale Polizeibehörde das BFM am 21. Juli 2011 über die  erneute Anwesenheit des Beschwerdeführers in der Schweiz informierte,  dass das BFM dem Beschwerdeführer gleichentags das rechtliche Gehör  zur mutmasslich nach wie vor bestehenden Zuständigkeit Österreichs für  das Asylverfahren und zu einer allfälligen Wegweisung dorthin gewährte, 

D­4351/2011 dass der Beschwerdeführer  entgegnete,  eine Rückkehr nach Österreich  komme nicht in Betracht, da man ihn dort nicht in Ruhe gelassen habe,  dass  er  über  die  diesbezüglichen  Gründe  nicht  sprechen  wolle  und  könne,  dass  sich  die  österreichischen  Behörden  am  28.  Juli  2011  zur  Rückübernahme bereit erklärten (Art. 16 Abs. 1 Bst. e Dublin­II­VO), dass das BFM mit Verfügung vom 28. Juli 2011 (verschickt am 2. August  2011)  in Anwendung von Art.  64a Abs. 1 des Bundesgesetzes vom 16.  Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  [AuG,  SR 142.20])  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Wegweisungsvollzug  nach  Österreich  anordnete  und  festhielt,  einer  allfälligen  Beschwerde  gegen  diesen  Entscheid  komme  keine  aufschiebende Wirkung zu,  dass die Rückführung – vorbehältlich einer allfälligen Unterbrechung oder  Verlängerung der Frist – bis spätestens am 28. Januar 2012 zu erfolgen  habe, dass  sich  der  Beschwerdeführer  ohne  Aufenthaltsregelung  in  der  Schweiz befinde und das Land grundsätzlich zu verlassen habe, dass  das  BFM  in  seinem  Entscheid  wiederum  auf  die  Zuständigkeit  Österreichs für die Durchführung des Asyl­ und Wegweisungsverfahrens  verwies, dass  sich  der  Beschwerdeführer  im  Falle  von  Behelligungen  durch  Drittpersonen an die dortigen Behörden wenden könne,  dass die Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des Vollzugs mithin  zu bejahen seien, dass der Beschwerdeführer mit Eingabe vom 3. August   2011  (Eingang  Bundesverwaltungsgericht  8.  August  2011)  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erhob  und  die  Aufhebung  der  vorinstanzlichen Verfügung beantragte, dass  auf  die  Beschwerdevorbringen  –  soweit  entscheidwesentlich  –  in  den nachfolgenden Erwägungen einzugehen ist,  

D­4351/2011 dass  die  vorinstanzlichen  Akten  am  8.  August  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht eintrafen, dass  das  Bundesverwaltungsgericht  gemäss  Art. 31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  (VGG,  SR 173.32)  Beschwerden  gegen  Verfügungen  des  BFM  nach  Art. 5  des  Verwaltungsverfahrensgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  (VwVG,  SR  172.021) beurteilt,  dass das BFM zu den Behörden nach Art. 33 VGG gehört und daher eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts  ist,  wobei  eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  nicht  vorliegt,  dass  das  Bundesverwaltungsgericht  daher  zuständig  ist  für  die  Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und betreffend Wegweisungen  aufgrund  der  Dublin­Assoziierungsabkommen  endgültig  entscheidet         (Art. 64a AuG i.V.m. Art. 112 AuG sowie Art. 33 VGG und Art. 83 Bst. c  Ziff.  4  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]), dass  sich  der  postalische  Rückschein  respektive  eine  Empfangsbestätigung  (noch)  nicht  im  vorinstanzlichen Dossier  befindet,  aufgrund  der  Akten  indes  ohne Weiteres  von  der  Fristwahrung  gemäss  der seit dem        1. Januar 2011 in Kraft stehenden Fassung von Art. 64a  Abs. 2 AuG ausgegangen werden kann,  dass  auf  die  frist­  und  formgerechte  Eingabe  des  legitimierten  Beschwerdeführers  demnach  einzutreten  ist  (Art.  64a  Abs.  2  AuG  und  Art. 52 VwVG sowie Art. 48 Abs. 1 VwVG),  das mit der Beschwerde die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 49 VwVG), dass  sich  die  angefochtene  Verfügung  auf  Art.  64a  AuG  (Wegweisung  aufgrund der Dublin­Assoziierungsabkommen) stützt,  dass  dieser  Artikel  ins  AuG  eingeführt  wurde,  um  die  Zuständigkeit  für  den  Erlass  einer  Wegweisungsverfügung  betreffend  illegal  anwesende  Personen  festzulegen,  welche  zwar  in  der  Schweiz  kein  Asylgesuch  gestellt  haben,  aber  bereits  zu  einem  früheren  Zeitpunkt  in  einem 

D­4351/2011 anderen Staat, der durch ein Dublin­Assoziierungsabkommen gebunden  ist, ein Asylgesuch eingereicht hatten, dass  in  Anbetracht  der  Prozessgeschichte  ein  solcher  Anwendungsfall  grundsätzlich  vorliegt,  zumal  der  Beschwerdeführer  nach  der  Wiedereinreise kein neues Asylgesuch stellte, dass  im  vorliegenden  Beschwerdeverfahren  mithin  nur  die  Frage  zu  klären ist, ob das BFM die Wegweisung des Beschwerdeführers und den  Vollzug zu Recht verfügte oder nicht,  dass  eine  Wegweisungsverfügung  gemäss  Art.  64a  Abs.  1  AuG  den  illegalen  Aufenthalt  der  betroffenen  Person  in  der  Schweiz  und  die  Zuständigkeit  eines  anderen,  an  das  Dublin­Assoziierungsabkommen  gebundenen Staats für die Durchführung des Asylverfahrens voraussetzt,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  illegal  in  der  Schweiz  aufhält  und  gemäss  den  Akten  weder  über  eine  ausländerrechtliche  Anwesenheitsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen  im  Sinne  der  bundesgerichtlichen Rechtsprechung  verfügt  (vgl.  hierzu  BGE  130  II  281  E.  3.1  S.  285;  PETER  UEBERSAX,  Einreise  und  Anwesenheit,  in:  Ders./Beat  Rudin/Thomas  Hugi  Yar/Thomas  Geiser  [Hrsg.], Ausländerrecht, Basel 2009, Rz. 7.85 und 7.122  ff. mit weiteren  Hinweisen),  dass er auch keinen entsprechenden Anspruch geltend macht und zudem  nicht  zu  jenen  Personengruppen  gehört,  welche  von  Gesetzes  wegen  keiner Anwesenheitsbewilligung bedürfen,  dass  der  Beschwerdeführer  gemäss  Eurodac­Treffer  in  Österreich  um  Asyl nachsuchte,  dass  bei  dieser  Sachlage  gemäss  der  in  Rechtskraft  erwachsenen  Verfügung  des  BFM  vom  16.  Mai  2011  Österreich  für  die  Prüfung  des  Asylantrags des Beschwerdeführers grundsätzlich zuständig ist, dass  Österreich  dem  Ersuchen  des  BFM  um  eine  erneute  Rückübernahme  des  Beschwerdeführers  zugestimmt  hat  (vgl.  Art.  16  Abs. 1 Bst. e Dublin­II­VO und wiederum  Art. 64a Abs. 1 AuG), womit die  Zuständigkeit offensichtlich nach wie vor gegeben ist, 

D­4351/2011 dass  weder  der  illegale  Aufenthalt  noch  die  Zuständigkeit  Österreichs  grundsätzlich bestritten werden, dass  zu  prüfen  bleibt,  ob  dem Vollzug  der Wegweisung Hindernisse  im  Sinne von Art. 83 Abs. 1 bis 4 AuG entgegenstehen,  dass das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach den gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  regelt,  wenn  der  Vollzug  der Wegweisung  nicht  zulässig,  nicht  zumutbar  oder  nicht möglich ist (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1 AuG), dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  nicht  zulässig  ist,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen  der  Schweiz  einer  Weiterreise  der  Ausländerin oder des Ausländers  in den Heimat­, Herkunfts­ oder einen  Drittstaat entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG),, dass Österreich Signatarstaat sowohl des Abkommens vom 28. Juli 1951  über  die Rechtsstellung der Flüchtlinge  (FK, SR 0.142.30)  als  auch der  EMRK  ist  und  vorliegend  keine  Hinweise  darauf  bestehen,  Österreich  würde  sich  im  Falle  des  Beschwerdeführers  nicht  an  seine  völkerrechtlichen Verpflichtungen halten, dass  die  Argumente  des  Beschwerdeführers  mangels  Substanz  offensichtlich  keine  andere  Einschätzung  rechtfertigen  und  nicht  davon  auszugehen  ist,  er  werde  in  Österreich  einer  unzulässigen  Behandlung  ausgesetzt  beziehungsweise  in  Verletzung  völkerrechtlicher  Normen  in  sein Heimatland abgeschoben,  dass sich der Vollzug demnach als zulässig erweist,  dass sich der Vollzug für Ausländerinnen und Ausländer als unzumutbar  erweist,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  oder  prekärer  Lebensumstände konkret gefährdet sind (Art. 83 Abs. 4 AuG),  dass  vorliegend  offensichtlich  nicht  von  einer  solchen  konkreten  Gefährdung in Österreich auszugehen ist, sich der Beschwerdeführer bei  allfälligen  Problemen  vielmehr  an  die  österreichischen  Behörden  zu  wenden hat,  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  schliesslich  möglich ist, da keine Vollzugshindernisse bestehen (Art. 83 Abs. 2 AuG), 

D­4351/2011 dass  es  dem  Beschwerdeführer  demnach  nicht  gelungen  ist  darzutun,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig  feststellt oder  unangemessen ist (Art. 49 VwVG), weshalb die Beschwerde abzuweisen  ist,  dass bei  diesem Verfahrensausgang dessen Kosten  von Fr.  600.– dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  sind  (vgl.  dazu  Art. 63  Abs.  1  VwVG  sowie  Art. 1­3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

D­4351/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.   Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand:

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