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Bundesverwaltungsgericht 31.10.2011 D-4131/2009

31 octobre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,503 mots·~8 min·2

Résumé

Vollzug der Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 3. Juni 2009

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­4131/2009 Urteil   v om   3 1 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richter Martin Zoller (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richter Hans Schürch, Gerichtsschreiber Daniel Widmer. Parteien A.______, Irak, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 3. Juni 2009 / (…).

D­4131/2009 Sachverhalt: A.  A.a.  Der  Beschwerdeführer  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  seinen  Heimatstaat  am  (…)  in Richtung B._______. Von  dort  gelangte  er  über  ihm  unbekannte  Länder  am  20. Dezember  2008  illegal  in  die  Schweiz.  Gleichentags  suchte  er  in  C._______  um  Asyl  nach.  Am  (…)  fand  D.______ eine erste Befragung statt. Am (…) wurde er in E.______ durch  das Bundesamt in Anwendung von Art. 29 Abs. 1 des Asylgesetzes vom  26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) angehört. Der Beschwerdeführer machte im Wesentlichen geltend, er sei irakischer  Staatsangehöriger  kurdischer  Ethnie  und  sunnitischen  Glaubens  aus  F._______  in  der Provinz Dohuk  im Nordirak, wo er  (…) habe.  Im  Jahr  (…)  sei  er  wegen  des  Kriegs  zusammen  mit  seiner  Familie  nach  G._______  in  die  Provinz  Mosul  gezogen,  wo  er,  zunächst  nur  gelegentlich,  ab  (…)  gearbeitet  habe.  Im  (…)  sei  er  während  dieser  Tätigkeit  von  (…)  ihm nicht bekannten Männern aufgesucht worden, die  sich erkundigt hätten, ob er  Interesse an einer anderen Arbeit habe. Als  er dies verneint habe, hätten sie  insistiert und  ihm erklärt, dass er keine  Wahl  habe  und  für  sie  arbeiten  müsse.  Schliesslich  habe  er  erfahren,  dass  er  für  die  (…)  Männer  Attentate  hätte  verüben  müssen,  was  er  wiederum abgelehnt habe. Als er H.______ davon erzählt habe, habe ihm  dieser  geraten,  seine  Arbeit  (…)  aufzugeben.  In  der  Folge  habe  er  an  einem anderen Ort (…) gearbeitet. Dort sei er erneut von einem der (…)  Männer  aufgesucht  und  nochmals  ernsthaft  zur  Zusammenarbeit  aufgefordert  worden, wobei  er  im  Fall  der  Ablehnung  von  ihnen  überall  gefunden  und  umgebracht  würde.  Nachdem  es  ihm  gelungen  sei,  sich  dem Mann zu entziehen, habe er den Vorfall zu Hause erzählt, woraufhin  er von H._______ zu  (…) gebracht worden sei, bei welcher er sich  (…)  vor seiner Ausreise aus dem Irak aufgehalten habe. Für die weiteren Aussagen des Beschwerdeführers wird,  soweit  für den  Entscheid wesentlich, auf die Protokolle bei den Akten verwiesen. Zum Nachweis seiner Identität reichte er einen Nationalitätenausweis und  eine Identitätskarte zu den Akten. A.b.  Am  (…)  beauftragte  das  BFM  seine  Fachstelle  Lingua  mit  einer  Abklärung  der  Herkunft  des  Beschwerdeführers.  Gestützt  darauf  führte  eine  sachverständige  Person  am  (…)  mit  dem  Beschwerdeführer  ein  Telefongespräch.  Das  entsprechende  länderkundlich­kulturelle  und 

D­4131/2009 sprachliche  Gutachten  wurde  indes  erst  am  (…)  erstellt  (vgl.  auch  nachstehend F. und G.). B.  Mit  Verfügung  vom  3. Juni  2009  –  eröffnet  am  (…)  –  stellte  das  Bundesamt  fest, der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte  das  Asylgesuch  ab.  Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  aus  der  Schweiz  und  beauftragte  den Kanton Zürich mit dem Vollzug. Zur  Begründung  führte  das  BFM  im  Wesentlichen  aus,  die  geltend  gemachten  Verfolgungsvorbringen  genügten  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  nicht.  So  wirkten  namentlich  die  mehrmaligen  Aufforderungen zur Zusammenarbeit als Attentäter gegen den Willen des  Beschwerdeführers konstruiert und nicht glaubhaft. Auch sei dieser nicht  in der Lage gewesen, die Umstände der Aufforderungen differenziert und  individuell  zu  schildern.  Zudem  seien  die  diesbezüglichen  Aussagen  widersprüchlich ausgefallen. Der Vollzug der Wegweisung in den Irak sei  zulässig, zumutbar und möglich. Namentlich herrsche in den drei von der  kurdischen  Regionalregierung  kontrollierten  nordirakischen  Provinzen  Dohuk, Erbil und Suleimaniya keine Situation allgemeiner Gewalt und sei  der  Wegweisungsvollzug  dorthin  daher  grundsätzlich  zumutbar.  Der  Beschwerdeführer stamme aus der Provinz Dohuk und sei während der  letzten  fünf  Jahre  vor  der  Ausreise  nur  wenige  Kilometer  von  der  Provinzgrenze entfernt wohnhaft gewesen. Da es sich bei  ihm um einen  jungen und gesunden Mann handle, welcher  sich  in  der Provinz Dohuk  auskenne und die Möglichkeit habe, auch dort Arbeit zu  finden, sei eine  Wegweisung  dorthin  zumutbar.  Zudem  könnte  er  Rückkehrhilfe  beantragen. C.   Mit  Eingabe  vom  26.  Juni  2009  (Datum  des  Poststempels)  an  das  Bundesverwaltungsgericht  beantragte  der  Beschwerdeführer  unter  Kosten­  und  Entschädigungsfolge,  es  sei  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben,  die Unzumutbarkeit  der Wegweisung  festzustellen und von  Amtes  wegen  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  In  prozessualer  Hinsicht wurde die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) und der Verzicht auf die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  beantragt.  Gleichzeitig  wurde  (…) 

D­4131/2009 eingereicht,  (…)  handle.  Darauf  sowie  auf  die  Begründung wird,  soweit  für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  1. Juli  2009  teilte  das  Bundesverwaltungsgericht  dem  Beschwerdeführer  mit,  dass  er  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne,  setzte  ihm  unter  Vorbehalt  eines  Kostenvorschusses  Frist  zur  Nachreichung  einer  Fürsorgebestätigung und  verschob den Entscheid  über  das Gesuch um  Erlass allfälliger Verfahrenskoten auf einen späteren Zeitpunkt. E.  Am 7. Juli 2009 traf eine Fürsorgebestätigung für den Beschwerdeführer  beim Bundesverwaltungsgericht ein. F.  Am  11. Februar  2010  übermittelte  das  BFM  dem  Bundesverwaltungsgericht  das  Lingua­Gutachten  (vgl.  Bst. A.b),  versehen mit der Bemerkung, dieses sei mit grosser Verspätung bei der  Vorinstanz eingetroffen. G.  Mit Vernehmlassung vom 10. März 2010 beantragte das Bundesamt die  Abweisung  der  Beschwerde.  Zur  Begründung  führte  es  aus,  die  Beschwerdeschrift  enthalte  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel,  welche  eine  Änderung  seines  Standpunkts  rechtfertigten,  und  verwies  auf  seine  Erwägungen,  an  welchen  es  festhielt.  Bei  Asylsuchenden  aus  der  Grenzregion  Nordirak/Zentralstaat  seien  zum  damaligen Zeitpunkt vom BFM systematisch Lingua­Gutachten in Auftrag  gegeben worden. Da wegen Kapazitätsengpässen nicht  innert nützlicher  Frist mit einem Gutachten habe gerechnet werden können, sei, zumal der  Sachverhalt  erstellt  gewesen  sei,  bereits  im  Juni  2009  über  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  entschieden  worden,  wobei  von  dessen  Herkunftsangaben  ausgegangen  worden  sei.  Das  viel  später  eingetroffene  Gutachten,  wonach  der  Beschwerdeführer  nicht  aus  G._______ stammen könne, bestärke das BFM in seiner Auffassung, die  Wegweisung  zu  Recht  angeordnet  zu  haben.  Der  Beschwerdeführer  habe  zur  Untermauerung  seiner  Vorbringen  (…)  eingereicht,  die  bestätigen  soll,  dass  er  aus  der  Provinz  Mosul  stamme.  Indes  sei  allgemein  bekannt,  dass  im Heimatstaat  des Beschwerdeführers  solche 

D­4131/2009 Dokumente  ohne  Weiteres  unrechtmässig  erworben  werden  könnten,  weshalb ihr Beweiswert als äusserst gering einzustufen sei. H.  Am  29. März  2010  nahm  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Replik  zum  Inhalt  der  Vernehmlassung  Stellung.  Dabei  hielt  er  an  seiner  Aussage  fest,  im  Jahr  (…)  nach  G._______  gezogen  zu  sein.  Dort  lebe  seine  Familie  und  habe  er  ein  soziales  Netz.  Entgegen  der  Behauptung  des  BFM­Sachverständigen sprächen die Kurden in G._______ den gleichen  Dialekt wie  in Dohuk. G._______ gehöre  zu Mosul,  befinde  sich  jedoch  nahe  bei  Dohuk.  Alle  Kurden  im  Irak  wüssten,  dass  der  gesprochene  Dialekt  von G._______  demjenigen  der  Kurden  aus  Dohuk  ähnlich  sei.  Der Beschwerdeführer habe seine Kindheit  in Dohuk verbracht. Er habe  seinen  irakischen  Nationalitätenausweis  und  seine  Identitätskarte  eingereicht.  Auf  Beschwerdeebene  habe  er  eine  (…)  aus  der  Provinz  Mosul  nachgereicht.  Auf  Verlangen  könnte  seine  Familie  die  (…)  im  Original  in  die  Schweiz  senden.  Alle  seine  Dokumente  seien  echt.  Die  Meinung des BFM über "unrechtmässig erworbene" irakische Dokumente  schätze er als Vorurteil ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  im  Bereich  des  Asylrechts  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsbegehrens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

D­4131/2009 2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht;  der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt,  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung  und  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 108  AsylG  sowie  Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 3.  Die Ziffern 1, 2 und 3 des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfügung vom  3. Juni  2009  betreffend  die  Verneinung  der  Flüchtlingseigenschaft,  die  Ablehnung  des  Asylgesuchs  und  die  Wegweisung  als  solche  blieben  vorliegend  unangefochten  und  sind  mit  Ablauf  der  Beschwerdefrist  in  Rechtskraft  erwachsen.  Die  Beschwerde  richtet  sich  einzig  gegen  den  Vollzug  der  Wegweisung.  Gegenstand  des  vorliegenden  Beschwerdeverfahrens bildet somit einzig die Frage, ob das Bundesamt  den  Vollzug  der  Wegweisung  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich erklärt hat. 4.  4.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 4.2. Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). 4.2.1. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).

D­4131/2009 Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR  0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen  werden. 4.2.2.  Die  Vorinstanz  wies  in  der  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf  hin,  dass  der  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  nur  Personen  schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da rechtskräftig feststeht,  dass  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu  machen,  kann  das  in  Art. 5  AsylG  verankerte  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Non­ Refoulements im vorliegenden Verfahren keine Anwendung finden. 4.2.3.  Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers noch aus den Akten Anhaltspunkte dafür, dass er für  den Fall  einer Ausschaffung  in  seinen Heimatstaat dort mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach Art. 3 EMRK oder Art.  1 FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung  drohen würde  (vgl. EGMR  [Grosse Kammer], Saadi gegen  Italien, Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§  124  bis  127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Dies  ist  ihm  nicht  gelungen.  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtslage  im  Irak  lässt  den  Wegweisungsvollzugs  zum  heutigen Zeitpunkt nicht als unzulässig erscheinen. 4.2.4. Nach  dem Gesagten  ist  der  Vollzug  der Wegweisung  sowohl  im  Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 4.3.  4.3.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug der Wegweisung für  Ausländerinnen  oder  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind. 

D­4131/2009 Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  –  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 4.3.2. Das Bundesverwaltungsgericht  ist  in  seinem Grundsatzurteil  vom  14. März 2008  (BVGE 2008/5) aufgrund einer umfassenden Beurteilung  der aktuellen Situation in den nordirakischen Provinzen Dohuk, Erbil und  Suleimaniya  zum  Schluss  gekommen,  dass  in  den  drei  kurdischen  Provinzen  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht  und  die  dortige  Lage nicht dermassen angespannt ist, als dass eine Rückführung dorthin  als generell unzumutbar betrachtet werden müsste. Die Region ist zudem  mit  Direktflügen  aus  Europa  und  aus  den  Nachbarstaaten  erreichbar.  Damit entfällt das Element der unzumutbaren Rückreise via Bagdad und  anschliessend auf  dem Landweg durch den  von Gewalt  heimgesuchten  Zentralirak. Zusammenfassend wurde im erwähnten Entscheid festgehalten, dass die  Anordnung  des  Wegweisungsvollzugs  in  der  Regel  für  alleinstehende,  gesunde und junge kurdische Männer, die ursprünglich aus einer der drei  Provinzen  stammen  und  dort  nach wie  vor  über  ein  soziales Netz  oder  Parteibeziehungen verfügen, zumutbar ist. Für alleinstehende Frauen und  für  Familien  mit  Kindern  sowie  für  Kranke  und  Betagte  ist  bei  der  Feststellung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  grosse  Zurückhaltung angebracht (vgl. a.a.O. E. 7.5 und insbesondere 7.5.8). Auch das UNHCR spricht sich nicht generell gegen Wegweisungen in die  betreffenden nordirakischen Provinzen aus. Es empfiehlt eine individuelle  Prüfung  jedes  einzelnen  Falles  (UNHCR's  Eligibility  Guidelines  for  Assessing  the  International  Protection  Needs  of  Iraqi  Asylum­Seekers,  August 2007, S. 131; s. auch UNHCR, Governorate Assessment Report –  Suleimaniya  Governorate,  September  2007).  Diesem  Anliegen  wird  mit  der  Einzelfallprüfung  allfälliger  individueller  Wegweisungshindernisse  Rechnung getragen. 4.3.3. Gemäss  der  vom  Beschwerdeführer  eingereichten  Identitätskarte  wurde er in I._______, Dohuk, geboren. Seinen eigenen Angaben zufolge  stammt  er  aus  dem  Dorf  F._______  in  der  Provinz  Dohuk,  wo  er  zusammen mit seiner Familie bis zum Krieg  im Jahr (…) gewohnt habe;  in  jenem  Jahr  sei  das Dorf mehrfach  zerstört worden,  die  Familie  habe  jedoch nicht im Dorf, sondern in der Nähe eines anderen Dorfs gewohnt, 

D­4131/2009 sei  indes,  als  man  auch  dort  nicht  mehr  habe  leben  können,  nach  G._______  in  der  Provinz  Mosul  gezogen,  wo  (…)  des  Beschwerdeführers nach wie vor wohnhaft seien. Aufgrund der Aktenlage ergeben sich erhebliche Zweifel  am Vorbringen  des Beschwerdeführers, er sei die letzten (…) Jahre vor der Ausreise aus  dem Heimatstaat  in G._______ wohnhaft  gewesen. So steht  zum einen  die  Unglaubhaftigkeit  der  geltend  gemachten  Verfolgungsvorbringen  rechtskräftig  fest.  Zum  andern  erwies  sich  im  Rahmen  des  vom  Sachverständigen  der  Fachstelle  Lingua  mit  dem  Beschwerdeführer  geführten  Gesprächs,  dass  dieser  mit  der  von  ihm  erwähnten  Herkunftsregion  (…)  im  Nordosten  der  Stadt  Dohuk  gut  vertraut  war,  wogegen  seine  Schilderung  von  G._______  und  der  dortigen  Region  nicht derjenigen einer Person entsprach, die sich dort während immerhin  (…)  Jahren  aufgehalten  haben  will.  Diese  Zweifel  werden  durch  den  Umstand verfestigt, dass sich der Ort G._______ gemäss den Angaben  des Beschwerdeführers  sowohl  im  erstinstanzlichen  Verfahren  als  auch  auf  Beschwerdeebene  in  der  Provinz  Mosul  befindet,  jedoch  keine  Provinz  Mosul  existiert.  Unter  den  gegebenen  Umständen  schätzt  das  Bundesverwaltungsgericht  denn  auch  den  Beweiswert  der  vom  Beschwerdeführer  eingereichten  (…)aus  der  Provinz  Mosul  in  Übereinstimmung  mit  der  Vorinstanz  als  äusserst  gering  ein,  weshalb  sich eine Nachreichung des Originals des Dokuments erübrigt. Zudem ist  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer,  selbst  wenn  er  sich  tatsächlich während der letzten (…) Jahre vor der Ausreise in G._______  aufgehalten hätte, in der Provinz Dohuk, wo er den grösseren Teil seines  Lebens  verbracht  hat,  nach  wie  vor  über  ein  Beziehungsnetz  besitzt.  Sodann  befindet  sich  G._______,  wo  angeblich  (…)  des  Beschwerdeführers  wohnhaft  sind,  in  einer  Entfernung  von  höchstens  (…) von Dohuk. Schliesslich war der noch relative  junge, alleinstehende  und  soweit  ersichtlich  gesunde  Beschwerdeführer,  obwohl  er  gemäss  eigenen  Angaben  über  keine  Schuldbildung  verfügt,  in  seinem  Heimatstaat  bis  kurz  vor  der  Ausreise  (…)  erwerbstätig,  in  welcher  Branche er in der Folge auch während seines Aufenthalts in der Schweiz  zwischenzeitlich  arbeitete.  Unter  diesen  Umständen  kann  davon  ausgegangen werden, dass er sich mit Hilfe seiner Verwandten, die  ihm  bei einer unerwarteten Notlage wohl  kaum eine minimale Unterstützung  verweigern  würden,  wieder  in  den  irakischen  Arbeitsmarkt  wird  integrieren  können.  Überdies  sind  keine  weiteren  individuellen  Gründe  ersichtlich,  aufgrund  derer  allenfalls  geschlossen  werden  könnte,  der  Beschwerdeführer  gerate  im  Falle  der  Rückkehr  in  die  Heimat  in  eine 

D­4131/2009 existenzbedrohende  Situation.  Bei  dieser  Sachlage  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  –  in  Übereinstimmung  mit  dem  BFM  –  als  zumutbar  zu  erkennen. 4.4.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  seines  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen Reisepapiere zu beschaffen (Art. 8 Abs. 4 AsylG; vgl. auch  BVGE 2008/34  E. 12  S. 513 ff.),  weshalb  der  Vollzug  der  Wegweisung  auch als möglich zu bezeichnen ist. 4.5.  Insgesamt  ist  der  durch  die  Vorinstanz  verfügte  Vollzug  der  Wegweisung zu bestätigen. Das BFM hat diesen zu Recht als zulässig,  zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten fällt eine Anordnung  der vorläufigen Aufnahme ausser Betracht (Art.83 Abs. 1 – 4 AuG). 5.  Zusammenfassend  ergibt  sich  somit,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  49  VwVG).  Die  Beschwerde ist daher abzuweisen. 6.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  dessen  Kosten  dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG). Nachdem  sich die Beschwerde jedoch zum Zeitpunkt ihrer Anhängigmachung nicht  als aussichtslos erwiesen hat und aufgrund der Aktenlage nach wie vor  von der  prozessualen Bedürftigkeit  des Beschwerdeführers  auszugehen  ist,  ist  das  in  der  Beschwerde  vom  26. Juni  2009  gestellte  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  (Art. 65  Abs. 1  VwVG)  gutzuheissen  und  auf  die  Auferlegung  von  Verfahrenskosten  zu  verzichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­4131/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  In  Gutheissung  des  Gesuchs  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  werden  dem  Beschwerdeführer  die  Verfahrenskosten  erlassen. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Martin Zoller Daniel Widmer Versand:

D-4131/2009 — Bundesverwaltungsgericht 31.10.2011 D-4131/2009 — Swissrulings