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Bundesverwaltungsgericht 19.09.2011 D-3780/2011

19 septembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,958 mots·~10 min·3

Résumé

Asyl (ohne Wegweisung) | Asyl (ohne Wegweisung); Verfügung des BFM vom 3. Juni 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­3780/2011 Urteil   v om   1 9 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richter Hans Schürch (Vorsitz), Richterin Contessina Theis, Richter Gérard Scherrer, Gerichtsschreiberin Anna Dürmüller Leibundgut. Parteien A._______, geboren am _______, B._______, geboren am _______, C._______, geboren am _______, D._______, geboren am _______, E._______, geboren am _______, und F._______, geboren am _______, Afghanistan, _______, Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl (ohne Wegweisung);  Verfügung des BFM vom 3. Juni 2011 / N _______.

D­3780/2011 Sachverhalt: A.  A.a  Die  Beschwerdeführenden,  afghanische  Staatsangehörige  tadschikischer  Ethnie  mit  letztem Wohnsitz  in  G._______,  verliessen  ihren Heimatstaat  eigenen  Angaben  zufolge  im  September  1994  und  reisten  am  13.  September  2004  von  Pakistan  und  Iran  herkommend  via  Aserbaidschan,  die  Ukraine,  sowie  ihnen  unbekannte  weitere  Transitländer  in  die  Schweiz  ein.  Gleichentags  ersuchten  sie  im  Empfangs­ und Verfahrenszentrum H._______ erstmals um Asyl nach.  Am  20.  September  2004  erfolgte  dort  eine  summarische  Befragung,  am 20. respektive 21. Oktober 2004 wurden die Beschwerdeführenden  durch  das  Amt  für  Migration  des  Kantons  I._______  ausführlich  zu  ihren  Asylgründen  angehört,  und  am  11.  Juli  2006  fand  eine  ergänzende Anhörung durch das BFM statt.  A.b  Zur  Begründung  ihrer  ersten  Asylgesuche  brachten  die  Beschwerdeführenden  im  Wesentlichen  vor,  der  Beschwerdeführer  habe  in Afghanistan bis zum Sturz des kommunistischen Regimes  im  Sicherheitsdienst  (Abteilung  Logistik)  gearbeitet  und  sei  zudem  Mitglied  der  Demokratischen  Volkspartei  gewesen.  Im  Jahr  1979,  während des Widerstandskampfes der Mujaheddin, habe seine Familie  ihren  Landbesitz  im  Bezirk  Karabagh  verloren;  die  Ländereien  seien  vom Mujaheddin­Kommandanten  K.  A.  beansprucht  worden.  Im  Jahr  1994 sei das Eigentum an den Ländereien per Gerichtsbeschluss dem  Beschwerdeführer  zugesprochen worden. Ungefähr  zwei  Tage  später  sei  ihr  Haus  in  G._______  mit  Handgranaten  angegriffen  worden;  dabei  seien  der  Vater  und  der  Bruder  des  Beschwerdeführers  umgekommen,  er  selber  sei  schwer  verletzt  worden.  Der  Angriff  sei  offensichtlich  von  K.  A.  initiiert  worden.  Daraufhin  seien  die  Beschwerdeführenden  umgehend  nach  Pakistan  geflohen.  In  der  Folge  hätten  sie  zunächst  in  Pakistan  und  anschliessend  in  Iran  gelebt.  Sie  hätten  sich  illegal  in  Iran  aufgehalten  und  jederzeit  damit  rechnen müssen, nach Afghanistan zurückgeschafft zu werden. Daher  hätten  sie  sich  entschieden,  in  der  Schweiz  um  Asyl  nachzusuchen.  Eine  Rückkehr  nach  Afghanistan  sei  undenkbar,  da  der  Beschwerdeführer  aus  dem  Umfeld  von  K.  A.  nach  wie  vor  Verfolgungshandlungen zu gewärtigen habe.  A.c Mit Verfügung vom 21. Juli 2006 stellte das BFM fest, die Vorbringen  der  Beschwerdeführenden  seien  nicht  asylrelevant,  weshalb  die 

D­3780/2011 Flüchtlingseigenschaft zu verneinen sei. Demzufolge lehnte es das erste  Asylgesuch der Beschwerdeführenden ab und verfügte die Wegweisung  aus  der  Schweiz.  Gleichzeitig  ordnete  es  infolge  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs die vorläufige Aufnahme an.  A.d Mit Urteil vom 30. Oktober 2006 wies die vormalige Schweizerische  Asylrekurskommission  (ARK)  die  im  Asylpunkt  erhobene  Beschwerde  vom  23.  August  2006  ab.  Für  den  weiteren  Inhalt  des  ersten  Asylverfahrens ist auf die Akten zu verweisen.  B.  Mit  Eingabe  vom  11.  Dezember  2006  (Poststempel)  beantragten  die  Beschwerdeführenden  die  Revision  des  Urteils  vom  30.  Oktober  2006.  Das  Bundesverwaltungsgericht,  welches  ab  dem  1.  Januar  2007  unter  anderem die Funktionen und Geschäfte der vormaligen ARK übernahm,  wies dieses Revisionsgesuch mit Urteil vom 11. September 2007 ab. Für  den Inhalt des Revisionsverfahrens ist auf die Akten zu verweisen. C.  Mit  Eingabe  vom  10.  September  2008  (Poststempel)  gelangten  die  Beschwerdeführenden  erneut  an  das  Bundesverwaltungsgericht.  Das  Bundesverwaltungsgericht  beantwortete  diese  Eingabe  mit  Schreiben  vom 17. September 2008 und teilte den Beschwerdeführenden darin mit,  ihrer  Eingabe  werde  nicht  Folge  gegeben,  da  nicht  klar  sei,  was  damit  bezweckt werde. D.  D.a Mit Eingabe vom 16. April 2010 gelangten die Beschwerdeführenden  erneut ans BFM und führten dabei  im Wesentlichen aus, der vormals im  pakistanischen  Exil  wohnhaft  gewesene  Neffe  des  Beschwerdeführers,  A., sei am 1. März 2010 nach Kabul zurückgekehrt und habe vor Gericht  die  Rückgabe  der  seiner  Familie  zustehenden  Ländereien  in  Karabagh  verlangt.  Diese  Ländereien  würden  nach  dem  Tod  von  K.  A.  durch  dessen  Umfeld  (Brüder  und Geschäftspartner)  beansprucht.  Zwei  Tage  vor  der Gerichtsverhandlung  in  dieser  Sache,  am  8. März  2010,  sei  A.  erschossen worden. Die Polizei habe die Täter bis heute nicht ermitteln  können.  Der  Neffe  sei  aber  offensichtlich  von  den  Brüdern  und  Geschäftspartnern  von  K.  A.  umgebracht  worden.  Dies  zeige,  dass  er  (der  Beschwerdeführer)  bei  einer  Rückkehr  nach  Afghanistan  nach  wie  vor gefährdet wäre. Er habe in Afghanistan ein politisches Problem. 

D­3780/2011 D.b Das BFM leitete diese Eingabe mit Schreiben vom 23. April 2010 zur  weiteren  Behandlung  an  das  Bundesverwaltungsgericht  weiter.  Dieses  retournierte die Eingabe mit Schreiben vom 27. April  2010 an das BFM  zur Behandlung als zweite Asylgesuche.  D.c Am 28. Juni 2010 hörte das BFM die Beschwerdeführenden gestützt  auf  Art.  29  Abs.  1  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR 142.31)  ausführlich  zu  ihren  neuen Asylgründen  an. Dabei machten  die  Beschwerdeführenden  im  Wesentlichen  geltend,  beim  Neffen  des  Beschwerdeführers  (A.)  handle  es  sich  um den Sohn  des  verstorbenen  Bruders des Beschwerdeführers. A. habe unter schwierigen Bedingungen  als Teppichknüpfer in Pakistan gelebt, was ihn schliesslich dazu bewogen  habe,  Anfang  März  2010  nach  Afghanistan  zurückzukehren  und  die  Ländereien  der  Familie  zurückzuverlangen.  A.  habe  deswegen  beim  Zentralgericht  der  Provinz  Kabul  ein  entsprechendes  Gesuch  gestellt.  Daraufhin  hätten  die  Leute,  welche  die  Ländereien  unrechtmässig  besetzten,  eine  gerichtliche  Vorladung  erhalten.  So  hätten  diese  Leute  von der Anwesenheit von A.  in Kabul und seinem Begehren erfahren. In  der Folge sei A. am 8. März 2010 aus einem Auto heraus auf der Strasse  erschossen  worden.  Der  in  Kabul  wohnhafte  Grossonkel  von  A.  (bzw.  Onkel  des  Beschwerdeführers)  habe  den  Beschwerdeführer  telefonisch  über  den  Tod  von  A.  in  Kenntnis  gesetzt.  A.  sei  offensichtlich  von  denjenigen Personen getötet worden, welche seit Jahren die Ländereien  der Familie besetzt hielten. Es handle sich dabei um Personen aus dem  Umfeld von K. A., respektive um die Führer dieser Sippe. Die Feindschaft  zwischen der Familie des Beschwerdeführers und der Sippe von K. A. sei  ursprünglich  politischer Natur. Der Beschwerdeführer  sowie  sein Bruder  (der  Vater  von  A.)  seien  beide  Militäroffiziere  des  damaligen  Regimes  gewesen  und  hätten  sich  nicht  der  Widerstandsbewegung  von  K.  A.  angeschlossen.  So  sei  die  Feindschaft  entstanden.  Bereits  aus  diesem  Grund  könne  der  Beschwerdeführer  in  Afghanistan  nicht  in  Sicherheit  leben.  Zwar  sei  K.  A.  im  Jahr  2005  umgekommen,  dies  heisse  jedoch  nicht, dass sie nun  in Afghanistan keine Feinde mehr hätten. Die Sippe  von  K.  A.  sei  nach  wie  vor  einflussreich,  und  die  Feindschaft  bestehe  weiter.  Der  neue  Anführer  der  Sippe  heisse  G.  H.  Er  sei  Polizeikommandant  im Bezirk Karabagh. Vor ungefähr drei Jahren habe  die  Polizei  mehrmals  den  Onkel  des  Beschwerdeführers  in  Kabul  aufgesucht, ihn geschlagen, vorübergehend inhaftiert und nach ihm (dem  Beschwerdeführer)  gefragt.  Die  Polizei  befinde  sich  in  den Händen  der  genannten  Sippe.  Der  Beschwerdeführer  habe  Beweismittel  bezüglich  der  Übergriffe  auf  den  Onkel  eingereicht,  welche  vom  BFM  jedoch  als 

D­3780/2011 Fälschungen bezeichnet worden seien. Ihre Feinde würden sie überall in  Afghanistan  finden  und  töten.  Bei  einer  Rückkehr  dorthin  wären  sie  nirgends in Sicherheit. Die Tatsache, dass A. nach so langer Zeit getötet  worden sei, zeige, dass nach wie vor eine reelle Gefahr bestehe.  Die  Beschwerdeführerin  fügte  an,  sie  sei  als  Kind  einem  Jungen  zur  Ehefrau  versprochen  worden.  Dieser  Junge  sei  dann  aber  mit  seiner  Familie  nach  Pakistan  gegangen  und  später  ein  Widerstandskämpfer  geworden, während  sie  sich der  kommunistischen Partei  in Afghanistan  angeschlossen  habe.  In  der  Partei  habe  sie  den  Beschwerdeführer  kennengelernt und diesen schliesslich – gegen den Willen  ihrer Eltern –  geheiratet.  Ihre Eltern  hätten  sie  danach  verstossen. Ein  Jahr  nach  der  Heirat  seien  die  Widerstandskämpfer  an  die  Macht  gekommen.  Ihr  ursprünglicher Verlobter sei wieder nach Afghanistan zurückgekehrt und  habe  bei  ihren  Eltern  nach  ihr  gefragt.  Dadurch,  dass  sie  ihn  nicht  geheiratet habe, habe sie seine Ehre verletzt. Sie habe daher ebenfalls  persönliche  Feinde  in  Afghanistan.  Der  Vater  dieses  Mannes  sei  ein  Kommandant  in  Kohestan.  Sie  habe  dieses  Ereignis  in  den  früheren  Anhörungen nicht erwähnt, weil sie damals an Atembeschwerden gelitten  habe.  Die Tochter M. brachte zudem vor, sie hätte in Afghanistan keine Chance  auf eine richtige Ausbildung und zudem keine Lebenssicherheit.  E.  Mit Verfügung vom 3. Juni 2011 – eröffnet am 6. Juni 2011 – stellte das  BFM  fest,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführenden  seien  nicht  asylrelevant,  weshalb  sie  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  erfüllten.  Demzufolge lehnte das BFM die zweiten Asylgesuche ab und verfügte die  Wegweisung aus der Schweiz. Es stelle zudem fest, die am 21. Juli 2006  angeordnete  vorläufige  Aufnahme  der  Beschwerdeführenden  bleibe  bestehen.  F.  Mit Eingabe vom 29. Juli 2011 gelangten die Beschwerdeführenden ans  BFM.  Dieses  leitete  das  Schreiben  zur  allfälligen  Behandlung  als  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  weiter  (Eingang  Bundesverwaltungsgericht: 5. Juli 2011).  In der Eingabe vom 29. Juli 2011 wird sinngemäss erneut beantragt, es  sei den Beschwerdeführenden Asyl zu gewähren. 

D­3780/2011 G.   Der  Instruktionsrichter  forderte  die  Beschwerdeführenden  mit  Zwischenverfügung  vom  7.  Juli  2011  auf,  bis  zum  22.  Juli  2011  einen  Kostenvorschuss  von  Fr.  600.–  einzuzahlen.  Die  Beschwerdeführenden  kamen dieser Aufforderung mit Zahlung vom 22. Juli 2011 nach.  H.  Das  BFM  hielt  in  seiner  Vernehmlassung  vom  16.  August  2011  vollumfänglich  an  seiner  Verfügung  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der Beschwerde.  I.  Die  Vernehmlassung  des  BFM  wurde  den  Beschwerdeführenden  am  18. August 2011 zur Kenntnis gebracht.  J.  Mit Eingabe an das BFM vom 22. August 2011, welche  in der Folge an  das  Bundesverwaltungsgericht  weitergeleitet  wurde,  reichten  die  Beschwerdeführenden  kommentarlos  ihre  Beschwerdeschrift  vom  29.  Juni  2011,  das  Schreiben  des  BFM  vom  4.  Juli  2011  betreffend  Weiterleitung  an  das  Bundesverwaltungsgericht  sowie  die  Kostenvorschuss­Rechnung  des  Bundesverwaltungsgerichts  mit  darauf  kopierter Einzahlungsquittung (alles in Kopie) ein.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Das  Bundesverwaltungsgericht  beurteilt  gestützt  auf  Art. 31  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  (VGG,  SR 173.32)  Beschwerden  gegen  Verfügungen  im  Sinne  von  Art.  5  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021),  welche  von  einer  Vorinstanz  im Sinne  von  Art.  33  VGG  erlassen wurden,  sofern  keine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  vorliegt. Demnach  ist das Bundesverwaltungsgericht zuständig  für die  Beurteilung  von Beschwerden gegen Entscheide  des BFM, welche  in  Anwendung  des  AsylG  ergangen  sind,  und  entscheidet  in  diesem  Bereich endgültig, ausser bei Vorliegen eines Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz 

D­3780/2011 sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das Verfahren  richtet  sich nach dem VwVG, dem VGG und dem  BGG,  soweit  das  AsylG  nichts  anderes  bestimmt  (Art. 37  VGG  und  Art. 6 AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht  (Art. 108  Abs. 1  AsylG,  Art. 52  VwVG).  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  sind  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art.  105 AsylG  i.V.m.  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  einzutreten. 2.  Mit Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht können die Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  sowie  die  Unangemessenheit  gerügt  werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1. Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer  Rasse,  Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  ihrer  politischen  Anschauungen  wegen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken;  den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen,  die  in  wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind,  den  Tatsachen  nicht  entsprechen  oder 

D­3780/2011 massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden (Art. 7 AsylG). 4.  4.1.  Die  Vorinstanz  führte  zur  Begründung  ihres  ablehnenden  Entscheids im Wesentlichen aus, der Beschwerdeführer habe während  des  Regimes  von  Nadjibullah  keine  einflussreiche  Stellung  inne  gehabt, aufgrund welcher er im heutigen Zeitpunkt befürchten müsste,  einer  Verfolgung  seitens  der  Behörden  ausgesetzt  zu  sein.  Einfache  Mitglieder der ehemaligen kommunistischen Regierung seien ohnehin  keiner  landesweiten  Verfolgung  ausgesetzt.  Der  alleinige  Umstand,  dass  sich  die  Behörden  vor  vier  Jahren  zweimal  bei  seinem  Onkel  nach  ihm  (dem  Beschwerdeführer)  erkundigt  hätten,  vermöge  keine  konkrete Gefährdung  zu  begründen,  zumal  nicht  klar  sei,  in welchem  Zusammenhang  die  Erkundigungen  erfolgt  seien.  In  Bezug  auf  die  befürchtete Verfolgung durch die einflussreiche Sippe sei festzustellen,  dass  dem  Vorbringen,  wonach  der  Neffe  im  März  2010  ermordet  worden  sei,  keine  konkreten  Hinweise  auf  eine  gegen  den  Beschwerdeführer gerichtete Verfolgung entnommen werden könnten.  Der  Beschwerdeführer  habe  die  Rückforderung  des  Landbesitzes  durch  den  Neffen  vor  einem  Gericht  in  Kabul  sowie  die  Umstände  seiner  Tötung  nicht  überzeugend  geschildert;  seine  diesbezüglichen  Ausführungen  seien  vage  geblieben.  Weiter  sei  darauf  hinzuweisen,  dass  die  afghanischen  Behörden  nach  der  angeblichen  Tötung  des  Neffen  aktiv  geworden  seien  und  eine  Untersuchung  durchgeführt  hätten.  Der  Beschwerdeführer  könnte  sich  im  Übrigen  im  Falle  einer  Rückkehr  ins  Heimatland  durch  einen  Wohnsitzwechsel  innerhalb  Afghanistans den Problemen mit der fraglichen Sippe entziehen, da es  sich  dabei  um  ein  lokales  Problem  handle.  Die  Asylvorbringen  der  Beschwerdeführerin  (befürchteter  Racheakt  seitens  der  Familie  ihres  ehemaligen  Verlobten)  stellten  sodann  lediglich  Behauptungen  dar,  welche  einer  konkreten  Grundlage  entbehrten.  Die  von  den  Beschwerdeführenden  geltend  gemachte  Verfolgungsfurcht  sei  demnach  als  unbegründet  zu  erachten.  Schliesslich  sei  in  Bezug  auf  das  Vorbringen  der  Tochter  M.,  wonach  es  in  Afghanistan  keine  Ausbildungschancen  und  keine  Lebenssicherheit  gebe,  festzustellen,  dass  Nachteile,  welche  auf  die  allgemeinen  politischen,  wirtschaftlichen  oder  sozialen  Lebensbedingungen  in  einem  Staat  zurückzuführen seien,  keine asylbeachtliche Verfolgung  im Sinne von  Art.  3  AsylG  darstellten.  Insgesamt  sei  demnach  die  Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden zu verneinen.

D­3780/2011 4.2. In der Beschwerde wird (nach einer Wiederholung von Sachverhalt  und  Prozessgeschichte)  vorgebracht,  der  Beschwerdeführer  sei  nie  Kommunist, sondern in der Demokratischen Partei engagiert gewesen.  Er  sei  während  des  Najib­Regimes  als  Personalarbeiter  im  Bereich  Logistik  tätig  gewesen.  Zusammen  mit  seinen  Mitarbeitern  habe  er  Lebensmittel  an  bedürftige  Afghanen  verteilt.  Er  sei  nie  ein  Terrorist  gewesen.  Er  verlange  politisches  Asyl.  Er  könne  sich  keinen  Rechtsvertreter  leisten,  aber er werde  für  sein Recht  kämpfen. Wenn  die UNO in Genf für sein Leben garantiere, werde er nach Afghanistan  zurückkehren.  Ansonsten  werde  er  vor  dem  Bundesamt  in  Bern  demonstrieren.  5.  Nachfolgend  ist  zu  prüfen,  ob  die  Beschwerdeführenden  die  Flüchtlingseigenschaft im Sinne von Art. 3 AsylG erfüllen. 5.1.  Das  vorliegende,  zweite  Asylgesuch  der  Beschwerdeführenden  wird  primär  mit  dem  Vorbringen  begründet,  A.,  der  Neffe  des  Beschwerdeführers,  sei  im  März  2010  in  Afghanistan  von  Personen  aus dem Umfeld des verstorbenen A. K. umgebracht worden, nachdem  er versucht habe, vor Gericht das Eigentum an den Ländereien seiner  Familie,  welche  sich  faktisch  im  Besitz  der  Entourage  von  A.  K.  befänden,  geltend  zu  machen.  Dies  zeige,  dass  die  Beschwerdeführenden im Falle einer Rückkehr nach Afghanistan nach  wie  vor  eine  Verfolgung  seitens  der  Angehörigen  von  A.  K.  zu  gewärtigen  hätten.  Diese  Ausführungen  sind  indessen  aus  nachfolgenden Gründen nicht geeignet, eine asylrelevante Verfolgung  der  Beschwerdeführenden  glaubhaft  zu  machen:  Zunächst  ist  festzustellen,  dass  die  Beschwerdeführenden  bis  heute  keinerlei  Belege  für den angeblichen gewaltsamen Tod des Neffen eingereicht  haben (beispielsweise Todesbescheinigung, Unterlagen betreffend das  angeblich  eingeleitete  polizeiliche  Ermittlungsverfahren),  obwohl  sie  dazu aufgefordert worden waren (vgl. B12 S. 7). Auch das Vorbringen,  wonach  der  Neffe  einige  Tage  vor  seinem  Tod  in  Kabul  ein  Gerichtsverfahren  initiiert  habe,  konnten  die  Beschwerdeführenden  nicht  mittels  entsprechender  Dokumente  untermauern.  Nicht  einmal  der angebliche Landbesitz in Afghanistan wurde belegt, obwohl es den  Beschwerdeführenden  zuzumuten  gewesen  wäre,  sich  die  diesbezüglichen,  sich  angeblich  in  Pakistan  befindlichen  Unterlagen  (vgl. B12 S. 10) zuschicken zu  lassen. Ebenso wenig  liegen konkrete  Hinweise  auf  die  angebliche  Täterschaft  vor.  Beim  Vorbringen,  der 

D­3780/2011 Neffe  sei  durch  Personen  aus  dem  Umfeld  von  A.  K.  umgebracht  worden,  handelt  es  sich  um  eine  blosse  Vermutung  der  Beschwerdeführenden.  Auf  die  Frage,  weshalb  er  davon  ausgehe,  dass  der  Mord  am  Neffen mit  dessen  Versuch  zusammenhänge,  die  Ländereien  der  Familie  auf  gerichtlichem  Weg  zurückzuerlangen,  brachte  der  Beschwerdeführer  vor,  die  Polizei  habe  vor  über  drei  Jahren  zweimal  seinen  in  Kabul  wohnhaften  Onkel  geschlagen  und  nach ihm (dem Beschwerdeführer) gefragt. Dies zeige, dass die Leute  von A.  K.  hinter  dem Mord  an A.  stünden,  da  die Polizei  bekanntlich  unter  dem Einfluss  von  A.  K.  beziehungsweise  dessen Umfeld  stehe  (vgl.  B12  S. 6).  Diese  Erklärung  entbehrt  indessen  jeglicher  Logik.  Zum einen handelt es sich bei der sinngemässen Aussage, wonach die  Polizei  auf Anweisung von A. K.  den Onkel  behelligt  habe, wiederum  um reine Spekulation. Zum andern  ist nicht nachvollziehbar,  inwiefern  dieser angebliche, mehr als drei Jahre zurückliegende Vorfall mit dem  geltend  gemachten  Tod  des Neffen  im März  2010  zusammenhängen  soll.  Im  Weiteren  wird  seitens  der  Beschwerdeführenden  nicht  plausibel gemacht, welche Dokumente der Neffe dem Gericht in Kabul  vorlegte, um seinen Eigentumsanspruch geltend zu machen; aufgrund  der  Aktenlage  bestehen  diesbezüglich  Ungereimtheiten:  Der  Beschwerdeführer  machte  nämlich  geltend,  die  Grundstücktitel  betreffend  die  Ländereien  lauteten  auf  den Namen  seines  Vaters.  Er  fügte  an,  das  Eigentum  gehe  beim  Tod  des  Eigentümers  auf  die  Hinterbliebenen über  (vgl. B12 S. 11). Daraus  ist  zu  folgen, dass der  Beschwerdeführer (sowie allenfalls seine Mutter) nun der rechtmässige  Eigentümer  der  Ländereien  ist.  Bei  dieser  Sachlage  ist  nicht  nachvollziehbar,  wie  der  Neffe  des  Beschwerdeführers  überhaupt  Anspruch  auf  die  Ländereien  hätte  erheben  können.  Ausserdem  fällt  auf,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Rahmen  des  vorliegenden  Asylgesuchs  vorbringt,  die  Landurkunden  befänden  sich  bei  seiner  Mutter  in Pakistan (vgl. B12 S. 10), während er  im ersten Asylgesuch  erwähnte, die Urkunden seien beim Angriff auf  ihr Haus  im Jahr 1979  vernichtet  worden  (vgl.  A21  S.  5).  Die  Ausführungen  der  Beschwerdeführenden  betreffend  die  angebliche  Ermordung  von  A.  durch das Umfeld des Kommandanten A. K. sind aus diesen Gründen  als  unglaubhaft  zu qualifizieren, weshalb auch die daraus abgeleitete  Furcht, bei einer Rückkehr nach Afghanistan durch das Umfeld von A.  K. verfolgt zu werden, nicht glaubhaft erscheint. 5.2.  Die  Beschwerdeführerin  macht  im  Rahmen  des  vorliegenden,  zweiten  Asylgesuchs  erstmals  geltend,  sie  befürchte  eine  Verfolgung 

D­3780/2011 seitens  der  Familie  ihres  ursprünglichen  Verlobten.  Aufgrund  der  Aktenlage  ist  indessen  davon  auszugehen,  dass  es  ihr  trotz  ihrer  damaligen  gesundheitlichen  Probleme  (Atembeschwerden)  ohne  weiteres  zumutbar  und  möglich  gewesen  wäre,  bereits  im  ersten  Asylverfahren  über  diese  Verfolgungsfurcht  zu  sprechen  oder  diese  auf  andere  Weise  (beispielsweise  schriftlich)  kundzutun.  Dieses  Vorbringen  ist  daher  als  verspätet  zu  qualifizieren.  Im  Übrigen  ist  festzustellen,  dass  der  befürchteten  Verfolgung  offensichtlich  kein  asylrelevantes Motiv  im Sinne von Art. 3 Abs. 1 AsylG zugrunde  liegt  und  den  Akten  überdies  auch  keine  konkreten  Hinweise  auf  eine  tatsächliche Verfolgung der Beschwerdeführerin zu finden sind. 5.3. Bezüglich der Ausführungen der Tochter M. hat das BFM zu Recht  festgestellt,  dass  Nachteile,  welche  auf  die  allgemeinen  politischen,  wirtschaftlichen  oder  sozialen  Lebensbedingungen  in  einem  Staat  zurückzuführen  sind,  keine  asylbeachtliche  Verfolgung  (vgl.  Art.  3  AsylG) darstellen. Das Vorbringen der Beschwerdeführerin M., wonach  sie  im  Heimatland  aufgrund  der  dort  herrschenden  allgemeinen  Lebensbedingungen  keine  Chance  auf  eine  richtige  Ausbildung  und  keine Lebenssicherheit habe, ist demnach nicht asylrelevant.  5.4.  Gestützt  auf  die  vorstehenden  Erwägungen  sind  die  im  vorliegenden,  zweiten  Asylgesuch  dargelegten  neuen  Asylvorbringen  insgesamt  als  teils  unglaubhaft,  teils  nicht  asylrelevant  zu  erachten.  Den Beschwerdeführenden ist es demnach nicht gelungen, Gründe im  Sinne von Art. 3 AsylG nachzuweisen oder glaubhaft zu machen. Die  Vorinstanz hat daher zu Recht die zweiten Asylgesuche abgelehnt und  die Flüchtlingseigenschaft der Beschwerdeführenden verneint. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an (Art. 44 Abs. 1 AsylG 6.2.  Die  Beschwerdeführenden  verfügen  weder  über  eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch haben sie Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet  (Art. 44 Abs. 1 AsylG; Entscheidungen und Mitteilungen der  Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 7. 

D­3780/2011 7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 7.2. Da  die Beschwerdeführenden  bereits mit  Verfügung  des BFM  vom  21.  Juli  2006  in der Schweiz  vorläufig  aufgenommen wurden,  erübrigen  sich jegliche Ausführungen zur Frage des Wegweisungsvollzugs. 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 9.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  dessen  Kosten  von  Fr.  600.–den Beschwerdeführenden aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG; Art.  1  –  3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2])  und mit  dem am 22.  Juli  2011  in  gleicher Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss zu verrechnen. (Dispositiv nächste Seite)

D­3780/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  den  Beschwerdeführenden  auferlegt  und  mit  dem  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss  verrechnet. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Hans Schürch Anna Dürmüller Leibundgut Versand:

D-3780/2011 — Bundesverwaltungsgericht 19.09.2011 D-3780/2011 — Swissrulings