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Bundesverwaltungsgericht 22.09.2011 D-367/2009

22 septembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,620 mots·~13 min·1

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 22. Dezember 2008

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­367/2009 Urteil   v om   2 2 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Bruno Huber, Richter Thomas Wespi, Gerichtsschreiber Lorenz Mauerhofer. Parteien A._______, geboren am … , Afghanistan,  vertreten durch Martina Culic, Rechtsanwältin,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 22. Dezember 2008 / N … .

D­367/2009 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer – ein Staatsangehöriger von Afghanistan – reichte  am  10.  November  2008  in  der  Schweiz  ein  Asylgesuch  ein,  worauf  er  vom  BFM  am  17.  November  2008  summarisch  befragt  und  am  1. Dezember  2008  einlässlich  zu  seinen  Gesuchsgründen  angehört  wurde.  Dabei führte er zu seiner Person und seinem familiären Hintergrund aus,  er  gehöre  zur  Volksgruppe  der  Tadschiken  und  sei  mit  seiner  Familie  stets  in  Kabul  wohnhaft  gewesen.  Er  habe  während  zwölf  Jahren  die  Schule besucht und im Jahre 2004 das Abitur gemacht. Danach habe er  Englisch­  und  PC­Kurse  besucht.  Während  der  Schule  habe  er  auch  etwas  Deutsch  gelernt.  Da  sein  Vater  im  Grosshandel  tätig  und  ein  reicher Kaufmann  sei,  habe  er  nach Abschluss  der Schule  nie  arbeiten  müssen.  Eigentlich  habe  er  studieren  wollen,  da  er  jedoch  der  einzige  Sohn  der  Familie  sei,  sei  er  für  seine  Mutter  und  seine  beiden  Schwestern  verantwortlich  gewesen,  weshalb  er  habe  zuhause  bleiben  müssen.  Er  habe  für  die  Mutter  und  Schwestern  Besorgungen  in  der  Stadt  erledigt  und  zudem  bei  den  drei  Läden  seines  Vaters  die  Miete  eingesammelt.  Zur  Begründung  seines  Asylgesuches  machte  er  geltend,  er  sei  am  11. Juli  2008  (afghanischer  Kalender:  20.04.1387)  von  den  Taliban  entführt  worden,  weil  er  aus  einer  wohlhabenden  Familie  stamme  respektive  weil  er  –  wegen  einer  Streitigkeit  um  das  Erbe  seines  Grossvaters – von seinen in der Provinz … wohnhaften Cousins bei den  Taliban als Spion angeschwärzt worden sei. Seine Entführer hätten von  seinem Vater ein hohes Lösegeld erpressen wollen, und er sei während  14 Tagen  gefangen  gehalten worden.  Ihm  sei  dann  aber  am 5.  August  2008  (14.05.  1387)  respektive  am  25.  Juli  2008  (3.05.1387)  von  einem  seiner  Entführer  zur  Flucht  verholfen  worden,  da  dieser  Mann  seinem  Vater von früher her zu Dank verpflichtet gewesen sei. Nach seiner Flucht  habe  er  sich  umgehend  nach  Mazar­i­Sharif  begeben,  von  wo  er  am  31. August  2008  (9.06.  1387)  seine  Heimat  in  Richtung  Tadschikistan  verlassen habe. Anschliessend sei er über Russland  in die Ukraine und  weiter über ihm unbekannte Länder in die Schweiz gelangt.  B.  Mit  Verfügung  vom  22. Dezember  2008  –  eröffnet  am  24. Dezember  2008 –  lehnte das BFM das Asylgesuch des Beschwerdeführers ab und 

D­367/2009 ordnete  dessen  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Wegweisungsvollzug  an.  In  seinem  Entscheid  erkannte  das  BFM  die  Gesuchsvorbringen als flüchtlingsrechtlich nicht relevant und den Vollzug  der Wegweisung nach Afghanistan als zulässig, zumutbar und möglich.  C.  Gegen diesen Entscheid  erhob  der Beschwerdeführer mit Eingabe  vom  19. Januar  2009  (Poststempel)  Beschwerde,  wobei  er  sinngemäss  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  und  die Gewährung  von  Asyl  beantragte  und  mittels  Vorlage  einer  aktuellen  Fürsorgebestätigung  sinngemäss  um  ein  kostenloses  Verfahren  ersuchte.  In  seiner  Eingabe  hielt  er  unter  Vorlage  von  Schreiben  aus  der  Heimat  an  der  geltend  gemachten  Gefährdung  von  Seiten  der  Taliban  fest  und  machte  namentlich geltend, von der Regierung könne er keinen Schutz erwarten.  D.  Mit  Zwischenverfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  26. Januar  2009 wurde dem Gesuch um Erlass der Verfahrenskosten (im Sinne von  Art.  65 Abs.  1  des Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG,  SR  172.021])  entsprochen  und  auf  das  Erheben  eines  Kostenvorschusses  (nach  Art.  63  Abs.  4  VwVG)  verzichtet. Gleichzeitig wurde die Vorinstanz unter Zustellung der Akten  zur Vernehmlassung eingeladen (Art. 57 Abs. 1 VwVG). E.  In  seiner  Vernehmlassung  vom  9. Februar  2009  hielt  das  BFM  am  angefochtenen  Entscheid  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  F.  Mit  Eingabe  vom  20. Februar  2009  (Poststempel)  nahm  der  Beschwerdeführer  zur  vorinstanzlichen  Vernehmlassung  Stellung,  und  mit Eingaben vom 3. und 12. März 2009 (Poststempel) reichte er weitere  Beweismittel zu den Akten.  G.  Mit  Schreiben  vom  5. April  2011  (Poststempel)  ersuchte  der  Beschwerdeführer um einen beschleunigten Verfahrensabschluss, wobei  er verschiedene Sprachkurszeugnisse einreichte. In der Folge wurde mit  Schreiben  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  13. April  2011  vom  Wunsch  nach  einem  raschen  Abschluss  des  Verfahrens  Kenntnis 

D­367/2009 genommen, ohne jedoch eine Behandlung der Sache ausser der Reihe in  Aussicht  zu  stellen.  Der  Beschwerdeführer  bekräftigte  daraufhin  mit  Schreiben vom 23. Mai 2011 (Poststempel) seinen Wunsch nach einem  raschen Endentscheid. H.  Mit  Zwischenverfügung  vom  5.  August  2011  teilte  das  Bundesverwaltungsgericht  dem  Beschwerdeführer  mit,  im  Hinblick  auf  den  Beschwerdeentscheid  werde  eine  Motivsubstitution  –  eine  Überprüfung seiner Darlegungen nicht nur unter dem Gesichtspunkt der  flüchtlingsrechtlichen  Relevanz,  sondern  auch  betreffend  deren  Glaubhaftigkeit –  in Erwägung gezogen, da sich aufgrund der Aktenlage  Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Gesuchsvorbringen ergäben. Zwecks  Wahrung des rechtlichen Gehörs wurde dem Beschwerdeführer Frist zum  Einreichen  einer  Stellungnahme  und  zum  Nachreichen  allfälliger  Beweismittel angesetzt.  I.  Nachdem  der  Beschwerdeführer  mit  Telefaxeingabe  vom  15.  August  2011  um  (nochmalige)  Akteneinsicht  ersucht  hatte,  wurden  ihm  vom  Bundesverwaltungsgericht  am  16.  August  2011  in  Kopie  die  Protokolle  der  Kurzbefragung  vom  17.  November  2011  und  der  Anhörung  vom  1. Dezember  2008  sowie  der  angefochtene  Entscheid  und  das  vorinstanzliche Aktenverzeichnis zugestellt.  J.  Mit Eingabe  vom 7. September  2011  liess  der Beschwerdeführer  durch  seine  neu  mandatierte  Rechtsvertreterin  an  seinen  Gesuchsvorbringen  festhalten,  wobei  er  auf  die  bisherigen  Beweismittel  verwies  und  zwei  neue Beweismittel zu den Akten reichte.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  unter  anderem  zuständig  für  die  Behandlung  von  Beschwerden  gegen  Verfügungen  des  BFM;  dabei  entscheidet  das  Bundesverwaltungsgericht  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates, vor welchem die beschwerdeführende Person Schutz sucht (vgl.  dazu  Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art.  31  und  33  des 

D­367/2009 Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32] sowie  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das Verfahren  richtet  sich nach dem VwVG,  soweit  das VGG oder  das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG; Art. 6 und 105 AsylG).  1.3. Auf dem Gebiet des Asyls kann mit Beschwerde die Verletzung von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit  gerügt  werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 1.4.  Auf  die  frist­  und  formgerechte  Eingabe  des  legitimierten  Beschwerdeführers  ist  einzutreten  (Art.  108  Abs.  1  AsylG  und  Art.  52  Abs. 1 VwVG sowie Art. 48 Abs.1 VwVG). 2.  2.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 2.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 3.  3.1.  Im Rahmen  der  Begründung  seines Entscheides  erklärte  das BFM  die Gesuchsvorbringen als offensichtlich nicht asylrelevant, wobei es auf  eine  Auseinandersetzung  mit  der  Frage  der  Glaubhaftigkeit  der  Gesuchsvorbringen  ausdrücklich  verzichtete.  Betreffend  die 

D­367/2009 Gesuchsvorbringen hielt das Bundesamt fest, die afghanischen Behörden  seien in Zusammenarbeit mit den internationalen Truppen im Grossraum  Kabul  grundsätzlich  schutzwillig  und  schutzfähig.  Die  Behörden  gingen  dort mit  allen  ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen die Taliban  vor.  Der  Beschwerdeführer  habe  daher  die  Möglichkeit,  bei  einer  Rückkehr  die  Behörden  um  Schutz  zu  ersuchen,  was  er  bislang  nicht  getan  habe.  Zu  der  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachten  Bedrohungslage  von  Seiten  seiner  Cousins  führte  das  Bundesamt  aus,  diese  beruhten  auf  einem  familiären  Erbstreit,  womit  keine  asylbeachtliche Verfolgungsmotivation gegeben sei.  3.2.  In  seiner  Beschwerde  hielt  der  Beschwerdeführer  am  Vorbringen  fest,  er  sei  von  den  Taliban  entführt  und  nur  dank  eines  glücklichen  Umstandes  von  einem Wächter  befreit worden,  da  dieser Mann  zufällig  seinen Vater gekannt habe. Den Erwägungen des BFM hielt er entgegen,  die Regierung  in Afghanistan  sei  sehr  korrupt,  und  die  Taliban  seien  in  der Lage, jede von ihnen anvisierte Person zu ermorden. Wenn man, wie  er,  als Spion  auf  eine  "schwarze  Liste"  gesetzt worden  sei, werde man  aufgrund  der  flächendeckenden  Präsenz  der  Taliban  überall  im  Land  verfolgt.  Da  er  im  Falle  einer  Rückkehr  nach  Afghanistan  von  seinen  Cousins erneut bei den Taliban verraten würde, könne er nirgends Schutz  finden. Unter Vorlage eines Identitätsausweises sowie insbesondere von  zwei Schreiben aus der Heimat – ein Brief seines Vaters (angeblich) vom  30. November  2008  und  ein  undatiertes  Bestätigungsschreiben  von  Nachbarn  (je  im Original mit Übersetzung)  – machte er  zudem geltend,  seit  seiner  Flucht  sei  sein  Vater  von  den  Taliban  mehrmals  gewarnt,  zusammengeschlagen  und  aufgefordert  worden,  ihn  (den  Beschwerdeführer)  auszuliefern.  Aufgrund  dieser  Nachstellungen  habe  seine ganze Familie Afghanistan in Richtung Iran verlassen. 3.3.  In  seiner  Vernehmlassung  hielt  das  BFM  daran  fest,  die  afghanischen Sicherheitskräfte seien im Verbund mit den internationalen  Truppen schutzfähig und schutzwillig, auch wenn diese Kräfte nicht jeden  Anschlag oder Übergriff von Seiten der Taliban verhindern könnten. Zwar  sei  vom Beschwerdeführer  geltend  gemacht worden,  er  könne  von  den  Behörden  keinen  Schutz  erwarten.  Gemäss  den  Akten  hätten  jedoch  weder er noch seine Familie  je um behördlichen Schutz ersucht, obwohl  ihnen  dies  durchaus möglich  gewesen  wäre.  Anlass  zur  Annahme,  der  Beschwerdeführer sei von den Taliban auf eine "schwarze Liste" gesetzt  worden,  bestehe  nicht,  zumal  sich  der  Beschwerdeführer  nicht  sicher  gewesen sei, ob er tatsächlich von den Taliban entführt worden sei. Hätte 

D­367/2009 es sich  jedoch um Taliban gehandelt, die  ihn als Spion gesehen hätten,  wäre  er  sofort  umgebracht  worden.  Gleiches  wäre  mit  Sicherheit  auch  seiner Familie widerfahren, mithin die Familie kaum "nur" bedroht worden  wäre,  wie  es  aus  dem  Brief  des  Vaters  hervorgehe.  Ein  krimineller  Hintergrund  der  Verhaftung  (recte:  Entführung)  sei  daher  wahrscheinlicher. 3.4.  Dem  hielt  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Stellungnahme  unter  Verweis  auf  aktuelle Bericht  zur  Lage  in Kabul  entgegen,  die  korrupten  Behörden seines Heimatstaates seien zu einer Schutzgewährung weder  in der Lage noch überhaupt Willens. Ohne grosse Schmiergelder würde  die  Polizei  nichts  unternehmen,  weshalb  er  gar  nicht  erst  zur  Polizei  gegangen  sei,  da  ein  solcher  Gang  nur  einen  Zeit­  und  Geldverlust  bedeutet und allenfalls noch weitere Probleme nach sich gezogen hätte.  Entgegen  den  Ausführungen  des  BFM  habe  er  im  Übrigen  in  seiner  Heimat  keine  kriminellen  Taten  begangen.  Zur  Stützung  seiner  Vorbringen liess der Beschwerdeführer am 12. März 2009 ein Schreiben  seines  Hausarztes  zu  den  Akten  reichen,  worin  der  Arzt  über  einen  Buckel hinter dem rechten Ohr berichtet, welcher dem Beschwerdeführer  in  einem  Zweikampf  von  seinem  Cousin  zugefügt  worden  sei,  worüber  der Beschwerdeführer jedoch auf Anraten (von dritter Seite) bisher nichts  berichtet habe. Weiter berichtet der Hausarzt über einen bereits vor der  Einreise  in  die  Schweiz  erlittenen  Schlüsselbeinbruch  sowie  einen  ebenfalls  zurückliegenden  Nasenbeinbruch,  über  welche  der  Beschwerdeführer ebenfalls nicht berichtet habe, auch wenn er (der Arzt)  den  Beschwerdeführer  jetzt  darauf  hinweise,  dass  er  hätte  berichten  müssen, wer ihm diese Brüche bei welcher Gelegenheit zugefügt habe.  3.5.  Nach  Einladung  zur  Stellungnahme  durch  das  Bundesverwaltungsgericht  zu  einzelnen  Unglaubhaftigkeitselementen  liess  der  Beschwerdeführer  durch  seine  Rechtsvertreterin  an  seinen  Gesuchsvorbringen  festhalten.  Dabei  führte  er  vorab  im  Rahmen  eines  persönlichen  Schreibens  aus,  er  stamme  wirklich  aus  einer  reichen  Familie  und  sei  tatsächlich  während  zweier  Wochen  von  den  Taliban  entführt worden. Wenn er  zu Anfang des Verfahrens  vorgebracht  habe,  nur  er  sei  verfolgt  worden,  dann  habe  das  damit  zu  tun,  dass  er  der  einzige Sohn der Familie sei, womit die Entführer von seiner Familie alles  hätten  verlangen  können.  Im  Anschluss  daran  liess  er  durch  seine  Rechtsvertreterin  auf  die  aktenkundigen  Schreiben  aus  der  Heimat  verweisen und zusätzlich ein neues Schreiben seiner Nachbarn vom 30.  August  2011  (im  Original  mit  Übersetzung)  vorlegen,  worin  ausgeführt 

D­367/2009 wird,  der  Kontakt  zur  Familie  des  Beschwerdeführers  sei  abgebrochen.  Dabei  bekräftigte  der  Beschwerdeführer,  dass  nach  seiner  Flucht  seine  Familie von den Taliban an Leib und Leben bedroht worden sei, weshalb  sie die Heimat  in Richtung  Iran verlassen habe. Seither sei es  ihm  trotz  wiederholter  Versuche  nicht  gelungen,  den  Kontakt  zu  seiner  Familie  wiederherzustellen, weshalb er einzig noch  in  telefonischem Kontakt mit  einem  früheren  Nachbarn  stehe.  Weiter  liess  er  ein  ärztliches  Zeugnis  seines Hausarztes vom 1. September 2011 vorlegen, worin erneut über  die Verletzung des  linken Schlüsselbeins berichtet wird, welche noch  in  der Heimat  behandelt worden sei  (inklusive eine  in Afghanistan erfolgte  Operation), sowie über Behandlungen in der Schweiz (Richten der Nase,  Entfernen  des  Buckels  am  Kopf  und  orthopädische  Behandlung  der  rechten Schulter).  4.  4.1.  Im  zur  Publikation  vorgesehenen  Urteil  BVGE  E­7625/2008  vom  16. Juni 2011 hält das Bundesverwaltungsgericht betreffend Afghanistan  unter anderem fest, dass  insbesondere bei Entführungen, deren Zahl  im  Vergleich  zu  den  vergangenen  Jahren  stark  angestiegen  sei,  die  kriminellen  Banden  mit  den  Aufständischen  und  oftmals  auch  mit  korrupten  Polizisten  zusammenarbeiteten.  Die  afghanische  Polizei  erweise  sich  bisher  als  unfähig  oder  nicht  willens,  die  Zahl  der  Entführungen  einzudämmen  und  wirksam  gegen  diese  Art  von  organisierter  Kriminalität  vorzugehen  (vgl.  a.a.O.  E.  9.5.3.).  Unter  Berücksichtigung  dieser  Feststellungen  scheint  nicht  ausgeschlossen,  dass  der  Beschwerdeführer  als  Sohn  reicher  Eltern  tatsächlich  Opfer  eines Entführungsdeliktes hätte werden können. Diesfalls könnte er sich  vor  dem  Hintergrund  der  aktuellen  Lagebeurteilung  kaum  auf  die  vom  BFM  angerufene  Schutzwilligkeit  und  Schutzfähigkeit  der  Sicherheitsbehörden vor Ort verlassen. Indes besteht aufgrund der Akten  kein Anlass zur Annahme, der Beschwerdeführer sei vor seiner Ausreise  aus Afghanistan tatsächlich das Opfer einer Entführung durch die Taliban  oder eine andere kriminelle Gruppierung geworden.  4.2.  4.2.1. Im Rahmen der Einladung zur Stellungnahme im Hinblick auf eine  mögliche Motivsubstitution – eine Überprüfung der Darlegungen nicht nur  unter  dem  Gesichtspunkt  der  flüchtlingsrechtlichen  Relevanz,  sondern  auch  betreffend  deren  Glaubhaftigkeit  –  wurde  der  Beschwerdeführer  unter Verweis auf eine ganze Reihe von Unglaubhaftigkeitselementen  in  seinem Sachverhaltsvortrag darauf hingewiesen, dass sich aufgrund der 

D­367/2009 derzeitigen  Aktenlage  massgebliche  Zweifel  am Wahrheitsgehalt  seiner  Vorbringen  ergäben.  Unter  konkreter  Bezugnahme  auf  die  entsprechenden  Aktenstellen  wurde  er  auf  erkennbare  Widersprüche  hinsichtlich  der  Datierung  der  geltend  gemachten  Entführung  hingewiesen  und  namentlich  darauf,  dass  seine  Schilderungen  in  zentralen  Punkten  als  sehr  oberflächlich  und  insgesamt  überaus  vage  erscheinen würden. Andererseits habe er  in seinem Sachverhaltsvortrag  viel  Gewicht  auf  Elemente  gelegt,  welche  als  realitätsfremd  erschienen  oder  gar  als  rein  plakative  Elemente  zu  erkennen  sein  dürften.  Im  Rahmen  seiner  Stellungnahme  hat  der  Beschwerdeführer  die  Widersprüche  bezüglich  der  Dauer  seiner  Inhaftierung  auf  Übersetzungsprobleme  zurückgeführt  und  im  Übrigen  an  seinen  bisherigen Vorbringen festgehalten.  4.2.2. Bei  einer  näheren  Prüfung  der  Gesuchsvorbringen  fällt  zunächst  auf,  dass  vom Beschwerdeführer  zwar  stets  geltend gemacht wurde,  er  sei während zweier Wochen  in der Hand von Entführern gewesen, dass  er aber anlässlich der Kurzbefragung eine davon abweichende Datierung  vorgebracht hat  (vgl. Akten BFM: act. A1 S. 7  [dritte Frage]). Dies allein  vermag  zwar  noch  nicht  zu  gewichtigen  Zweifeln  am  Sachvortrag  zu  führen, beziehungsweise  liesse sich dies allenfalls  tatsächlich mit einem  Fehler  in  der  Übersetzung  erklären.  Hingegen  ergibt  sich,  dass  der  Beschwerdeführer  anlässlich  der  Kurzbefragung  die  geltend  gemachte  Entführung  keineswegs  mit  der  angeblich  innerhalb  seiner  Familie  herrschenden Erbstreitigkeit in Zusammenhang gebracht hat. Zwar hat er  den Streit erwähnt, zum Grund für die Entführung jedoch angegeben, es  sei  (einzig) um Geld gegangen (act. A1 Ziff. 15  [insbes. S. 7 oben]. Auf  Nachfrage des BFM betreffend die Erbstreitigkeit führte er anlässlich der  Kurzbefragung  ausdrücklich  an,  in  diesem  Zusammenhang  sei  ihm  persönlich  nie  etwas  passiert,  sondern  es  habe  in  der  Familie  über  die  Frage der Landaufteilung einfach keinen Konsens gegeben (act. A1 Ziff.  15 [insbes. S. 8 Mitte]). Im Rahmen der einlässlichen Anhörung führte er  demgegenüber  an,  seine  Entführung  habe  in  direktem  Zusammenhang  mit der Erbstreitigkeit gestanden. So brachte er, dass ihm sein Entführer  respektive  sein  späterer Befreier  konkret  über  die Verbindung  zwischen  seinen Cousins und den Taliban berichtet habe, und namentlich darüber,  dass  er  von  den  Cousins  bei  den  Taliban  als  Spion  der  Regierung  denunziert  worden  sei  (act.  A7  F. 63).  Dieser  klare  Unterschied  respektive  der  Wandel  in  den  Aussagen  hinsichtlich  des  sachlichen  Zusammenhangs  des  geltend  gemachten  Ereignisses  –  erst  eine  Entführung aus rein finanziellen Interessen, dann eine Entführung wegen 

D­367/2009 einer angeblich aus Rache erfolgten Verleumdung bei den Taliban – stellt  ein  deutliches  Unglaubhaftigkeitselement  dar.  Es  ist  festzustellen,  dass  der  Beschwerdeführer  in  seinen  Schilderungen  zur  behaupteten  Entführung  (act.  A7  F.  64 ff.),  zu  seinem  Aufenthaltsort  während  der  angeblich zweiwöchigen Gefangenschaft, zu den angeblichen Entführern  (act. A7 F. 72 ff.) wie auch zur Person seines angeblichen Befreiers und  zu den Umständen seiner Flucht (act. A7 F. 81 ff.) äusserst oberflächlich  und  vage  geblieben  ist.  Aus  seinen  Erzählungen  lässt  sich  in  keiner  Weise ableiten, er habe das von  ihm Geschilderte  tatsächlich erlebt. So  war er namentlich auch auf Nachfragen nicht  in der Lage, den Eindruck  von  wirklich  Erlebtem  zu  vermitteln.  Bei  objektiver  Betrachtung  fehlen  Realkennzeichen  praktisch  gänzlich,  mithin  hat  sich  der  Beschwerdeführer  zur  Hauptsache  mit  ausweichenden  Angaben  beholfen.  So  vermögen  seine  Erklärungen,  er  habe  ständig  eine  Augenbinde  tragen  müssen  und  könne  deshalb  weder  den  Aufenthaltsraum noch die Täter  in  irgendeiner Weise beschreiben, nicht  zu überzeugen. Schliesslich verstrickt er sich in unrealistische respektive  in  bloss  plakative  Elemente,  wenn  er  über  die  Person  seines  Befreiers  berichtet, welcher  ihm alleine aus Dankbarkeit  gegenüber  seinem Vater  zur  Flucht  verholfen  haben  soll,  nachdem  ihm  dieser Mann  zuvor  noch  einlässlich  über  die  Hintergründe  seiner  Entführung  berichtet  habe  (zu  welcher  es  auf  Betreiben  von Cousins  gekommen  sei,  über welche  der  Beschwerdeführer  jedoch  kaum  etwas  berichten  kann;  act.  A7  F. 84  f.  und  F.  98  f.).  Dass  der  Beschwerdeführer  ausgerechnet  auf  einen  zufälligerweise in der Schuld seines Vaters stehenden Entführer getroffen  sein soll, erscheint dabei ebenso konstruiert, wie die Ausführlichkeit der  Informationen,  mit  denen  ihn  sein  angeblicher  Entführer  respektive  spätere  Befreier  bedient  haben  soll.  Als  nicht  nachvollziehbar  erscheint  schliesslich, dass sich der Fluchthelfer des Beschwerdeführers selber  in  eine  gefährliche  Situation  gebracht  haben  soll,  nur  um  dem  Vater  des  Beschwerdeführers  für eine  in der Vergangenheit gewährte Hilfestellung  zu danken. Ebenfalls nicht überzeugen kann das Vorbringen, damals sei  nur  der  Beschwerdeführer  bedroht  gewesen,  nicht  aber  auch  seine  Schwestern  (act.  A7  F. 114),  auch  wenn  der  Beschwerdeführer  im  Rahmen seiner Stellungnahme an diesem Vorbringen festhält.  4.2.3.  Zur  Stützung  seiner  Vorbringen  hat  der  Beschwerdeführer  auf  Beschwerdeebene insgesamt drei Schreiben aus der Heimat sowie zwei  Schreiben  seines  Hausarztes  nachgereicht.  Diese  Beweismittel  sind  indes nicht geeignet, die Gesuchsvorbringen als glaubhaft erscheinen zu  lassen.  In den Schreiben aus der Heimat wird über angeblich gegen die 

D­367/2009 Familie  des  Beschwerdeführers  gerichtete  Nachstellungen  berichtet,  zu  welchen es nach dessen Flucht aus der Gefangenschaft bei den Taliban  gekommen  sein  soll.  Den  Schreiben  kann  indes  keine  relevante  Beweiskraft  zugemessen  werden,  sondern  diese  sind  aufgrund  der  gesamten  Aktenlage  als  blosse  Gefälligkeitsschreiben  zu  erkennen.  Zudem  ergeben  sich  aus  den  vorgelegten  Schreiben  zusätzliche  Widersprüche. So soll es gemäss dem (ersten) Schreiben der Nachbarn  bereits ab dem 5. August 2008 zu direkten, massiven und ständig neuen  Nachstellungen  von  Seiten  der  Taliban  gegen  die  Angehörigen  des  Beschwerdeführers gekommen sein. Zu diesem Zeitpunkt befand sich der  Beschwerdeführer  jedoch  eigenen  Angaben  zufolge  noch  in  Mazar­i­ Sharif, von wo er per Telefon in Kontakt zu seinem Vater stand, welcher  bis  zum  Monatsende  die  Ausreise  seines  Sohnes  organisiert  und  schliesslich auch finanziert haben soll. Der Beschwerdeführer hat seinen  Angaben  zufolge Afghanistan  erst  am  31.  August  2008  verlassen,  über  die  zu  diesem  Zeitpunkt  angeblich  bereits  seit  fast  einem  Monat  laufenden Ereignisse hat  er  jedoch weder  anlässlich der Kurzbefragung  noch im Rahmen der einlässlichen Befragung etwas berichtet. Von daher,  aber  auch  aufgrund  der  vorstehenden  Erwägungen,  ist  das  Vorbringen  betreffend  angeblich  gegen  seine  Familie  gerichtete  Verfolgungsmassnahmen und eine daraus folgende Flucht seiner Familie  aus Kabul als offenkundig nachgeschoben und damit haltlos zu erkennen.  Der  jeweilige  zeitliche  Zusammenhang  der  Schreiben  aus  der  Heimat  belegt  hingegen,  dass  der  Beschwerdeführer  offenkundig  weiterhin  in  direktem  und  engem  Kontakt  zu  seiner  Heimat  steht  (vgl.  dazu  auch  nachfolgend). Auch die vorgelegten Schreiben des Hausarztes sprechen  nicht  für  die  Glaubhaftigkeit  der  Gesuchsvorbringen,  vielmehr  ergeben  sich  daraus  weitere  Widersprüche.  So  berichtet  der  Arzt  über  Verletzungen, welche der Beschwerdeführer bereits in der Heimat erlitten  habe  (ein  Schlüsselbeinbruch  links,  eine  gebrochene  Nase  und  ein  Buckel am Kopf). Diesbezüglich führt der Arzt an, die Verletzungen seien  dem  Beschwerdeführer  in  einem  Kampf  von  seinen  Cousins  zugefügt  worden.  Der  Beschwerdeführer  hat  indes  anlässlich  der  Kurzbefragung  ausdrücklich angegeben,  ihm sei persönlich nie etwas von Seiten seiner  Verwandten  geschehen  (vgl.  oben),  und  er  hat  auch  im  Rahmen  der  einlässlichen  Anhörung  nichts  anderes  vorgebracht  und  selbst  auf  Beschwerdeebene  nie  über  direkte  Kämpfe  berichtet.  Damit  vermögen  die  Schlüsse  des  Arztes,  welche  offenkundig  auf  Angaben  des  Beschwerdeführers beruhen, nicht zu überzeugen. 

D­367/2009 4.2.4.  Nach  den  vorstehenden  Erwägungen  handelt  es  sich  bei  den  Gesuchvorbringen  des  Beschwerdeführers,  wonach  er  von  den  Taliban  entführt  worden  sei  und  auch  weiterhin  Nachstellungen  zu  befürchten  habe, um einen konstruierten Sachverhalt.  4.3.  Zusammenfassend  ergibt  sich,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  nachweisen  oder  glaubhaft  machen  konnte.  Die  Vorinstanz  hat  die  Flüchtlingseigenschaft  demnach  im  Ergebnis  zu  Recht  verneint  und  das  Asylgesuch  abgelehnt.  An  dieser  Einschätzung  vermögen  weder  die  Ausführungen  auf  Beschwerdeebene  noch  die  vorgelegten Beweismittel etwas zu ändern. 5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1 AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733). 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  der  vormaligen  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 6.2.  6.2.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des 

D­367/2009 Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner  Form zur Ausreise  in  ein  Land gezwungen werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  [FK,  SR 0.142.30]).  Sodann  darf  gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April  1999 (BV, SR 101), Art. 3 des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention vom 4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen  werden. 6.2.2.  Die  Vorinstanz  wies  in  der  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  Heimatstaat  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von  Art. 5  AsylG  rechtmässig.  Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür, dass er für den Fall einer Ausschaffung in den Heimatstaat dort mit  beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer nach Art. 3 EMRK oder Art. 1 FoK  verbotenen Strafe oder Behandlung ausgesetzt wäre. Gemäss Praxis des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm im Fall einer Rückschiebung Folter oder unmenschliche Behandlung  drohen würde  (vgl. EGMR  [Grosse Kammer], Saadi gegen  Italien, Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde  Nr. 37201/06,  §§ 124 ­ 127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  im  Heimatstaat lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt nicht  als unzulässig erscheinen (vgl. dazu auch E. 6.3.). Nach dem Gesagten  ist der Vollzug der Wegweisung sowohl  im Sinne der asyl­ als auch der  völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig.

D­367/2009 6.3. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 6.3.1.  Im  vorerwähnten  Urteil  BVGE  E­7625/2008  vom  16.  Juni  2011  skizziert  das  Bundesverwaltungsgericht  ein  äusserst  düsteres  Bild  der  aktuellen Lage in Afghanistan, und zwar über alle Regionen hinweg. Das  Gericht  kommt  zum  Schluss,  dass  in  weiten  Teilen  von  Afghanistan –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre  Bedingungen  bestehen, dass die Situation als existenzbedrohend im Sinne von Art. 83  Abs. 4 AuG zu qualifizieren  ist. Von dieser allgemeinen Feststellung sei  die Situation  in  der Hauptstadt Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlauf  des  vergangenen Jahres nicht weiter verschlechtert habe und die humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch  sei,  könne  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kabul  unter  Umständen als  zumutbar  qualifiziert werden. Solche Umstände  könnten  grundsätzlich  namentlich  dann  gegeben  sein,  wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann  handle.  Angesichts  der  konstanten  Verschlechterung  der  Lage  über  die  vergangenen  Jahre  hinweg und der auch in Kabul schwierigen Situation verstehe es sich aber  von  selbst,  dass  die  bereits  von  der  vormaligen  Beschwerdeinstanz  in  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (EMARK)  2003  Nr.  10  formulierten  strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssten,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren. Unabdingbar sei  in erster Linie ein soziales Netz, das sich  im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehrers  als  tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte  würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen.  Für einen Rückkehrer aus Europa bestehe aufgrund der Vermutung, dass  er  Devisen  auf  sich  trage,  gleich  nach  seiner  Ankunft  in  Kabul  ein  erhöhtes Risiko,  entführt  oder  überfallen  zu werden. Verfüge  er  auf  der  anderen Seite  über  keine  genügenden  finanziellen Mittel,  hätte  er  ohne  soziale  Vernetzung  kaum  Aussicht  auf  eine  zumutbare  –  das  heisst  winterfeste  und  mit  minimaler  sanitärer  Einrichtung  ausgestattete – 

D­367/2009 Unterkunft.  Auch  bei  der  Arbeitssuche  sei  die  Einstellung,  selbst  von  unqualifizierten  Arbeitskräften,  regelmässig  von  persönlichen  Beziehungen  abhängig.  Eine  die  Gesundheit  nur  einigermassen  garantierende  Ernährung  wäre  ohne  die  Hilfe  von  nahestehenden  Personen  ebenfalls  kaum  möglich  und  der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig; Unterstützungsmassnahmen der Regierung oder  internationaler Organisationen könnten  laut zuverlässigen Quellen daran  nichts  ändern.  Kämen  in  einer  solchen  Situation  noch  gesundheitliche  Umstellungsschwierigkeiten  hinzu,  geriete  auch  ein  junger  gesunder  Mann  ohne  soziale  Vernetzung  unweigerlich  innert  absehbarer  Zeit  in  eine  existenzbedrohende  Situation.  Im  Übrigen  betone  auch  der  schweizerische Botschafter in Islamabad die vorrangige Bedeutung eines  tragfähigen  sozialen  Netzes  für  einen  Rückkehrer  zur  Vermeidung  unüberbrückbarer Schwierigkeiten (vgl. E. 9.3. ff.). 6.3.2.  Der  Beschwerdeführer  stammt  den  Akten  zufolge  aus  einer  vermögenden  Familie  in  Kabul.  So  soll  sein  Vater  als  Kaufmann  im  Grosshandel  tätig  sein  und  in Kabul  drei  Ladengeschäfte  sowie weitere  Ländereien besitzen. Der Beschwerdeführer hat seinen Angaben gemäss  während  zwölf  Jahren  die  Schule  besucht,  das  Abitur  gemacht  und  danach Sprach­ und PC­ Kurse besucht. Diese Schilderungen sprechen  für eine Herkunft aus einer vergleichsweise sehr wohlhabenden Familie.  Aufgrund der vorgelegten Arztberichte ist im Übrigen davon auszugehen,  dass er bereits in der Heimat einmal operativ behandelt wurde (am linken  Schlüsselbein),  was  ebenfalls  auf  wohlhabende  Verhältnisse  schliessen  lässt.  Der  Beschwerdeführer  hat  die  angebliche  Entführung  nicht  glaubhaft  machen  können.  Darüber  hinaus  besteht  –  entgegen  den  anders  lautenden Vorbringen namentlich  im Rahmen der Stellungnahme  vom  7.  September  2011  –  auch  kein  Anlass  zur  Annahme,  die  Familie  des  Beschwerdeführers  habe  ihren  Herkunftsort  Kabul  verlassen.  Aufgrund  der  Akten  darf  vielmehr  davon  ausgegangen  werden,  der  Beschwerdeführer  habe  dort  weiterhin  einen  tragfähigen  familiären  Rückhalt.  Der  Beschwerdeführer  ist  schliesslich  jung  und  verfügt  wie  erwähnt  über  eine  überdurchschnittliche  Schulbildung  sowie  über  Kenntnisse  in  mehreren  Sprachen.  Zwar  wurde  von  seinem  Hausarzt  über  medizinische  Behandlungen  in  der  Schweiz  berichtet.  Diese  Behandlungen  scheinen  indes  weitgehend  abgeschlossen  zu  sein  und  wären im Übrigen auch in Kabul möglich. 

D­367/2009 6.3.3.  Nach  dem  Gesagten  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kabul  auch  in  Anbetracht  der  geschilderten  Situation  in  der  Hauptstadt im vorliegenden Einzelfall als zumutbar.  6.4.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 ff.), weshalb der Vollzug der  Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 6.5. Nachdem sich  der Vollzug  der Wegweisung als  zulässig,  zumutbar  und  möglich  erweist,  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG). 7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 8.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären die Kosten grundsätzlich dem  Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Nachdem jedoch  das Gesuch um Erlass der Verfahrenskosten (im Sinne von Art. 65 Abs. 1  VwVG)  mit  Zwischenverfügung  vom  26.  Januar  2009  gutgeheissen  wurde, ist von der Kostenauflage abzusehen. 9.  Das  vom  Beschwerdeführer  auf  Beschwerdeebene  vorgelegte  Identitätspapier  ist  zuhanden  des  BFM  einzuziehen  (Art.  10  Abs.  2  AsylG). (Dispositiv nächste Seite)

D­367/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 3.  Das nachgereichte Identitätspapier wird zuhanden des BFM eingezogen.  4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Lorenz Mauerhofer Versand:

D-367/2009 — Bundesverwaltungsgericht 22.09.2011 D-367/2009 — Swissrulings