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Bundesverwaltungsgericht 19.12.2011 D-3233/2009

19 décembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,537 mots·~8 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 31. März 2009

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­3233/2009 Urteil   v om   1 9 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richter Bruno Huber, Richter Gérard Scherrer,    Gerichtsschreiberin Regula Frey. Parteien A._______, geboren B._______, Eritrea,   vertreten durch lic. iur. Daniel Habte,  C._______, Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 31. März 2009 / N_______.

D­3233/2009 Sachverhalt: A.  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  die  Beschwerdeführerin  –  eine  eritreische  Staatsangehörige  tigrinischer  Ethnie  –  ihren Heimatstaat  am  14.  Juli  2007,  ging  in  den  D._______  und  gelangte  mithilfe  eines  Schleppers  am  2. September  2007  auf  dem  Luftweg  über  E._______  nach F._______. Der Schlepper brachte  sie am 6. September 2007 mit  dem Auto  illegal  in die Schweiz, wo sie gleichentags  im Empfangs­ und  Verfahrenszentrum (EVZ) G._______ um Asyl nachsuchte. Zur Begründung  ihres Asylgesuches brachte die Beschwerdeführerin  im  Rahmen der summarischen Befragung vom 12. September 2007 und der  einlässlichen  Anhörung  durch  die  kantonale  Behörde  vom  5.  Oktober  2007 im Wesentlichen vor, aus H._______ (Eritrea) zu stammen und ab  ihrem 7. Lebensjahr in I._______  gelebt zu haben, wo sie geheiratet und  zwei Kinder auf die Welt gebracht habe. Nach dem Tod ihres Ehegatten  im Jahre 1989 habe sie sich nach Eritrea begeben. In der Folge habe sie  ihren Sohn zu  ihrer Mutter  in den D._______ gebracht und sei mit  ihrer  Tochter  nach  Eritrea  zurückgekehrt,  wo  sie  ab  2005  in  J._______  bei  einer Tante gelebt hätten. Im Januar 2006 hätten ihre Mutter und ihr Sohn  versucht,  vom  D._______   nach  Eritrea  zu  gelangen,  um  die  Beschwerdeführerin  zu  besuchen,  worauf  beide  an  der  Grenze  angehalten  worden  seien  und  ihr  Sohn  verhaftet  und  zwangsrekrutiert  worden sei. Daraufhin seien am (…) Behördenvertreter zu ihr nach Hause  gekommen  und  hätten  sich  bei  der  Tochter,  die  als  einzige  anwesend  gewesen  sei,  nach  dem  Aufenthaltsort  des  Sohnes  erkundigt,  welcher  aus  dem  Militär  geflüchtet  sei.  Ausserdem  hätten  sie  die  Beschwerdeführerin  für den darauf  folgenden Tag auf den Polizeiposten  vorgeladen.  Da  sie  sich  vor  einer  Inhaftierung  beziehungsweise  einer  hohen Geldstrafe  infolge der Desertion des Sohnes gefürchtet habe, sei  sie mit  ihrer  Tochter  in  ihr  Heimatdorf  H._______   geflüchtet  und  habe  aus  Angst,  die  Behördenvertreter  könnten  sie  dennoch  aufspüren,  begonnen, ihre Ausreise aus Eritrea zu organisieren. Während der Flucht  habe sie ihre Tochter zur Grossmutter in den D._______  gebracht. B.  Mit Verfügung vom 31. März 2009 – eröffnet am 21. April 2009 – wies das  BFM  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  ab  und  ordnete  deren  Wegweisung aus der Schweiz an; gleichzeitig verfügte es die vorläufige  Aufnahme der Beschwerdeführerin wegen Unzulässigkeit  des Vollzuges 

D­3233/2009 der  Wegweisung.  Für  Einzelheiten  wird  auf  die  nachstehenden  Erwägungen verwiesen. C. Mit  Eingabe  ihres  Rechtsvertreters  vom  17.  Mai  2009  (Poststempel:  19. Mai  2009)  erhob  die  Beschwerdeführerin  gegen  diese  Verfügung  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragte  in  materieller  Hinsicht,  es  sei  ihr  die  Flüchtlingseigenschaft  zuzuerkennen  und  Asyl  zu  gewähren.  In  prozessualer  Hinsicht  ersuchte  sie  um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021)  sowie  um  Verzicht  auf  die  Erhebung eines Kostenvorschusses.  D. Mit  Verfügung  vom  16.  Juni  2009  teilte  der  Instruktionsrichter  der  Beschwerdeführerin  mit,  dass  sie  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz abwarten könne. Die Behandlung des Gesuchs um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  wurde  auf  einen  späteren  Zeitpunkt  verschoben  und  auf  die  Erhebung  eines Kostenvorschusses verzichtet. E. Der Sohn der Beschwerdeführerin, K._______  (N_______), stellte am 9.  Februar 2007 im EVZ G._______  ebenfalls ein Asylgesuch, welches von  der  Vorinstanz  mit  Verfügung  vom  31.  März  2009  abgelehnt  wurde.  Wegen  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  wurde  ihm  in  der  Schweiz  die  vorläufige  Aufnahme  gewährt.  Das  Bundesverwaltungsgericht  hiess  die  gegen  die  genannte  Verfügung  eingereichte Beschwerde mit Urteil D­2769/2009 vom 22.  Juli  2009 gut,  soweit die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft beantragt wurde, und  wies  sie  im  Übrigen  ab.  Auf  die  Begründung  und  Einzelheiten  wird,  insofern  diesem  Entscheid  in  casu  Bedeutung  zukommt,  in  den  Erwägungen eingegangen. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden 

D­3233/2009 gegen  Verfügungen  nach  Art.  5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art.  33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  in  diesem  Bereich  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art.  105  des  Asylgesetzes  vom  26.  Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art.  83  Bst.  d  Ziff.  1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). Es liegt  kein  solches  Auslieferungsbegehren  vor,  weshalb  das  Bundesverwaltungsgericht vorliegend endgültig entscheidet. 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG, Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 52 VwVG). Die Beschwerdeführerin hat am  Verfahren  vor  der Vorinstanz  teilgenommen,  ist  durch die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  48  Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 1.4. Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden  in der  Regel  in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen  (vgl. Art. 21  Abs. 1 VGG). Gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wurde vorliegend auf  die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Als  Flüchtling  wird  eine  ausländische  Person  anerkannt,  wenn  sie  in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  in  dem  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer Rasse, Religion, Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen 

D­3233/2009 Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen  ausgesetzt  ist  oder  begründete  Furcht  hat,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung  von  Leib,  Leben  oder  Freiheit sowie Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck  bewirken; den frauenspezifischen Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen  (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art.  7  AsylG). 4.  4.1. Zur Begründung des angefochtenen Entscheides  führte das BFM in   seiner  Verfügung  vom  31.  März  2009  aus,  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  seien  einerseits  durch  widersprüchliche  Angaben,  mangelnde  Substanziierung  und  Unstimmigkeiten  geprägt,  andererseits  entbehre die geltend gemachte Reflexverfolgung aufgrund der Desertion  ihres Sohnes aus dem eritreischen Militärdienst einer Grundlage, da das  BFM mit Verfügung vom 31. März 2009 das Asylgesuch ihres Sohnes mit  der  Begründung  abgelehnt  habe,  dessen  Vorbringen  seien  als  unglaubhaft zu qualifizieren, weshalb diese den Anforderungen von Art. 7  AsylG an das Glaubhaftmachen nicht zu genügen vermöchten. Unabhängig  von  der  als  unglaubhaft  qualifizierten  Zwangsrekrutierung  und Desertion des Sohnes durch das BFM seien die Schilderungen der  Beschwerdeführerin zu ihren Fluchtgründen, ihrem Reiseweg sowie ihren  Aufenthaltsorten  insgesamt  widersprüchlich,  vage  und  teilweise  nicht  nachvollziehbar,  weshalb  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  gemäss  Art.  7  AsylG  nicht  standhielten.  Demzufolge  erfülle  die  Beschwerdeführerin  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  sei  aufgrund  gegenwärtiger  Unzulässigkeit zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufzuschieben.

D­3233/2009 4.2.  Die  Beschwerdeführerin  hält  dem  Vorwurf  der  Unglaubhaftigkeit  einleitend  entgegen,  die  Vorinstanz  habe  in  Verletzung  des  Untersuchungsgrundsatzes  keine  Abwägung  der  für  und  gegen  sie  sprechenden  Sachverhaltselemente  vorgenommen,  sondern  habe  sich  auf  unwesentliche  Nebenpunkte  gestützt  und  den  Sachverhalt  einseitig  und damit ungenügend gewürdigt. Sie habe auf alle ihr gestellten Fragen  in  einer  Genauigkeit  und  Ausführlichkeit  geantwortet,  die  dem  Erlebten  entspreche.  Ausserdem  seien  die  von  der  Vorinstanz  beanstandeten  Ungenauigkeiten  nicht  wesentlich  für  den  Kernpunkt  ihrer  Vorbringen,  nämlich  die  geltend  gemachte  Reflexverfolgung  aufgrund  der  Desertion  ihres  Sohnes.  Ferner  sei  auf  den  summarischen  Charakter  der  Erstbefragung  zu  verweisen,  wonach  die  dort  gemachten  Angaben  nur  geringen Beweiswert hätten. Insofern handle es sich bei ihren Aussagen  zum Zeitpunkt des Wegzuges aus Äthiopien und danach aus dem Sudan  sowie zu den Fluchtumständen nach Kodofalasi nicht um Widersprüche,  sondern  um  Ergänzungen  beziehungsweise  Präzisierungen  des  Sachverhaltes und um Berichtigungen von allfälligen Missverständnissen,  was dem Sinn und Zweck der einlässlichen Anhörung entspreche. Die  Vorinstanz  laufe  mit  ihrem  Hauptargument,  wonach  ihr  Sohn  die  Desertion aus dem eritreischen Militärdienst nicht habe glaubhaft machen  können  und  folglich  der  Beschwerdeführerin  die  Grundlage  ihrer  Vorbringen  entziehe,  ins  Leere,  zumal  (zum  Zeitpunkt  der  Einreichung  der  vorliegenden  Beschwerde)  noch  nicht  letztinstanzlich  darüber  befunden worden sei.   Sodann  sei  festzuhalten,  dass  sich  die  Situation  in  Eritrea  für  rückkehrende  Asylsuchende  allgemein  wesentlich  verschlechtert  habe.  Zudem würden die eritreischen Behörden  insbesondere Rückkehrer aus  Europa mehr denn je verdächtigen. In der Wahrnehmung der eritreischen  Militärdiktatur  werde  das  Ersuchen  um  Schutz  in  einem  anderen  Staat  einem  Landesverrat  gleichgesetzt.  Ihr  drohe  daher  aufgrund  der  Asylgesuchseinreichung  in  der  Schweiz  in  Eritrea  eine  unverhältnismässig  hohe  Haftstrafe,  Folter  und  Verschleppung.  Zudem  verkenne die Vorinstanz bei der Einschätzung ihrer Ausreise die Situation  in  Eritrea  in  gravierender  Weise,  da  eine  legale  Ausreise  aus  Eritrea  nahezu unmöglich sei. Ungeachtet der Desertion ihres Sohnes drohe ihr  wegen  ihrer  illegalen  Ausreise  aus  dem  Heimatstaat  eine  unverhältnismässig  hohe  Strafe,  weshalb  das  BFM  und  das  Bundesverwaltungsgericht  in  zahlreichen  vergleichbaren  Fällen  eritreische  Staatsangehörige  als  Flüchtlinge  anerkannt  hätten.  Folglich 

D­3233/2009 sei  es  nicht  nachvollziehbar,  weshalb  die  Vorinstanz  ihr  die  Flüchtlingseigenschaft  abspreche und damit  das Rechtsgleichheitsgebot  verletze.  Des  Weiteren  habe  das  eritreische  Regime  begonnen,  Verwandte  von  Refraktären  und  Deserteuren  vorzuladen  und  teilweise  festzunehmen.  Ferner  würden  sich  ihre  schlüssigen,  genauen  und  konkreten  Vorbringen  bezüglich  der  Lage  in  Eritrea  und  der  damit  einhergehenden Konsequenzen für die eritreischen Staatsbürger mit den  Lageberichten  von  anerkannten Menschenrechtsorganisationen  decken,  was  als  weiteres  Indiz  für  die  Glaubhaftigkeit  ihrer  Asylvorbringen  spreche. 4.3.  Das  Bundesverwaltungsgericht  kommt  nach  Durchsicht  der  Akten  zum Schluss, dass die angefochtene Verfügung und  ihre Begründung  in  Bezug  auf  die  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  aus  folgenden  Gründen einer Prüfung nicht standhält:  4.3.1.  Soweit  die  von  der  Beschwerdeführerin  vorgebrachten  Vorfluchtgründe  betreffend,  ist  Folgendes  festzuhalten:  Gemäss  ihrer  Darstellung  erfolgte  die  angebliche  Reflexverfolgung  aufgrund  der  Desertion  ihres  Sohnes.  Mit  Urteil  vom  22.  Juli  2009  hiess  das  Bundesverwaltungsgericht  im  Asylverfahren  ihres  Sohnes  die  Beschwerde,  soweit  es  um  die  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  aufgrund subjektiver Nachfluchtgründe ging, gut (vgl. D­2769/2009). Was  die  geltend  gemachten  Vorfluchtgründe  betrifft,  kam  das  Bundesverwaltungsgericht  in  Übereinstimmung  mit  der  Vorinstanz  zum  Schluss, die Ausführungen zur Zwangsrekrutierung und anschliessenden  Desertion würden den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit gemäss Art.  7 AsylG nicht genügen und der Sohn der Beschwerdeführerin habe seine  Vorbringen  nicht  hinreichend  belegen  können.  Er  habe  vor  seiner  Ausreise aus dem Sudan in keinem konkreten Kontakt mit den staatlichen  Militärbehörden gestanden und die Rüge der Verletzung von Art. 7 AsylG  erweise sich folglich als unbegründet.  4.3.2.  Die  Beschwerdeführerin  stützte  sich  zur  Begründung  ihrer  Vorbringen bezüglich der  erlittenen Reflexverfolgung ausschliesslich auf  befürchtete  Behelligungen  durch  die  Behörden  im  Rahmen  der  Suche  nach ihrem desertierten Sohn. Da sich die von ihrem Sohn vorgebrachten  Vorfluchtgründe als unglaubhaft erwiesen haben, ist auch der Darstellung  der Beschwerdeführerin  jede glaubhafte Grundlage entzogen. Bei dieser  Sachlage  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  von  der  Vorinstanz 

D­3233/2009 aufgezeigten Unstimmigkeiten und Widersprüche im Sachverhaltsvortrag  der Beschwerdeführerin einzugehen. 4.3.3.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  es  der  Beschwerdeführerin  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  relevante  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, und das BFM die  Vorbringen  im Zusammenhang mit  der  angeblichen Verfolgung  bis  zum  Zeitpunkt  ihrer  Ausreise  aus  Eritrea  zu  Recht  und  mit  zutreffender  Begründung als nicht glaubhaft erachtet hat. 4.3.4.  Lediglich  der  Vollständigkeit  halber  ist  festzuhalten,  dass  die  Beschwerdeführerin  nach  eigenen  Angaben  bis  zu  ihrer  Ausreise  aus  Eritrea  keinen  Militärdienst  leistete  und  auch  nicht  in  einem  konkreten  Kontakt zu den Militärbehörden stand (vgl. Akten BFM A8, S. 5). Sie hatte  demnach  während  ihres  Aufenthaltes  im  Heimatstaat  nach  ständiger  Rechtsprechung  trotz  der  für  Männer  und  für  Frauen  bestehenden  grundsätzlichen  Dienstpflicht  vom  18.  bis  zum  40.  Altersjahr  keine  begründete Furcht vor einer Bestrafung wegen Dienstverweigerung oder  Desertion  (vgl.  dazu  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen Asylrekurskommission [EMARK] 2006 Nr. 3). 5.  5.1. Es bleibt zu prüfen, ob die Beschwerdeführerin durch  ihre Ausreise  aus  dem Heimatstaat  oder  ihr  seitheriges Verhalten  bei  einer Rückkehr  nach  Eritrea  – mithin  wegen  subjektiver  Nachfluchtgründe  –  befürchten  müsste, ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt zu  werden. 5.2.  Die  Beschwerdeführerin  verweist  in  ihrer  Rechtsmitteleingabe  auf  das  Vorhandensein  subjektiver  Nachfluchtgründe  und  damit  verbunden  auf  das  Fehlen  der  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft.  Subjektive  Nachfluchtgründe  liegen  vor,  wenn  Flüchtlinge  erst  durch  ihre  Ausreise  aus dem Heimat­ oder Herkunftsstaat oder wegen ihres Verhaltens nach  der  Ausreise  Flüchtlinge  im Sinne  von  Art.  3  AsylG werden.  Subjektive  Nachfluchtgründe  begründen  zwar  die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  von Art. 3 AsylG,  führen  jedoch  gemäss Art.  54 AsylG  zum Ausschluss  des  Asyls,  unabhängig  davon,  ob  sie  missbräuchlich  oder  nicht  missbräuchlich  gesetzt  wurden.  Stattdessen  werden  Personen,  welche  subjektive Nachfluchtgründe nachweisen oder glaubhaft machen können,  als Flüchtlinge vorläufig aufgenommen  (vgl.  dazu BVGE 2009/28 E. 7.1  S. 352, mit weiteren Hinweisen).

D­3233/2009 5.3.  Aufgrund  der  Akten  ist  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführerin  ihren  Heimatstaat  illegal,  das  heisst  ohne  behördliches Ausreisevisum, verlassen hat. Davon geht auch das BFM in  der  angefochtenen  Verfügung  aus.  Allerdings  hat  es  diese  Umstände  nicht unter dem Gesichtspunkt von Art. 3 AsylG, sondern  lediglich unter  demjenigen  von  Art.  3  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  berücksichtigt und nur die vorläufige Aufnahme wegen Unzulässigkeit des  Vollzuges  der  Wegweisung  angeordnet,  nicht  aber  die  Flüchtlingseigenschaft  der  Beschwerdeführerin  festgestellt.  Die  Vorinstanz  verkennt  auch,  dass  die  Beschwerdeführerin  angesichts  der  illegalen  Ausreise  begründete  Furcht  hat,  bei  einer  Rückkehr  in  ihren  Heimatstaat erheblichen Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt  zu  werden.  Die  Beschwerdeführerin  erfüllt  demnach  die  Anforderungen  an die Flüchtlingseigenschaft. Da die drohende Verfolgung allerdings auf  die  illegale Ausreise der Beschwerdeführerin aus Eritrea zurückzuführen  ist,  ist  ihr  in  Anwendung  von  Art.  54  AsylG  kein  Asyl  zu  gewähren,  weshalb  die  vorinstanzliche  Verfügung  insoweit  –  die  Dispositiv­Ziffer  2  der angefochtenen Verfügung betreffend – zu bestätigen ist. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Ist der Vollzug der Wegweisung nicht  zulässig, nicht zumutbar oder nicht möglich, so regelt das Bundesamt das  Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme von Ausländern (Art. 44 Abs. 2 AsylG; Art. 83 Abs. 1  des Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über  die Ausländerinnen  und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 6.2. Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen.  Die  Wegweisung  wurde  demnach  zu  Recht  angeordnet  (vgl.  BVGE 2009/50 E.  9 S.  733). Da die Beschwerdeführerin mit Verfügung  des  BFM  vom  9.  Mai  2008  wegen  Unzulässigkeit  des  Wegweisungsvollzuges  vorläufig  aufgenommen  wurde,  erübrigen  sich  sodann Ausführungen zur Frage der Durchführbarkeit des Vollzuges. 7. 

D­3233/2009 Aus  diesen  Erwägungen  und  in  Berücksichtigung  der  gesamten  Umstände  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  soweit  sie  die  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  betrifft.  Die Beschwerde  ist  nach  dem Gesagten  insoweit  gutzuheissen,  als  die  Verfügung des BFM vom 31. März 2009 teilweise – die Dispositiv­Ziffer 1  betreffend  –  aufzuheben  ist.  Das  Bundesamt  ist  anzuweisen,  die  Flüchtlingseigenschaft  der  Beschwerdeführerin  anzuerkennen.  Demgegenüber  ist  die  angefochtene  Verfügung,  soweit  darin  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  abgewiesen  und  in  der  Folge  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  angeordnet,  jedoch  der  Vollzug  der  Wegweisung zugunsten einer vorläufigen Aufnahme aufgeschoben wird,  zu  bestätigen.  Es  erübrigt  sich  bei  dieser  Sachlage,  auf  weitere  Einwendungen  in  der  Beschwerde  einzugehen,  zumal  diese  nicht  geeignet sind, eine andere Betrachtungsweise herbeizuführen.  8.  8.1. Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  nach  dem  Grad  des  Durchdringens  praxisgemäss  zur  Hälfte  der  Beschwerdeführerin  aufzuerlegen  (Art.  63 Abs.  1  und 5 VwVG; Art.  1­3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Angesichts  der  Tatsache,  dass  die  Beschwerde  nicht  als  aussichtslos zu bezeichnen war und aufgrund der Aktenlage nach wie vor  von  der  mit  Bestätigung  vom  8.  Mai  2009  belegten  prozessualen  Bedürftigkeit  auszugehen  ist,  ist  indessen  das  Gesuch  um  Gewährung  der unentgeltlichen Rechtspflege gemäss Art. 65 Abs. 1 VwVG – soweit  nicht durch die teilweise Gutheissung der Beschwerde hinfällig geworden  – gutzuheissen und von der Kostenauferlegung abzusehen. 8.2. Da die vertretene Beschwerdeführerin teilweise mit ihrer Beschwerde  durchgedrungen  ist,  ist  ihr  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  eine  um  die  Hälfte  reduzierte  Parteientschädigung zuzusprechen (Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 7 ff.  VGKE).  Von  der  Rechtsvertretung  wurde  keine  Kostennote  eingereicht.  Auf das Nachfordern einer solchen kann indes verzichtet werden, da sich  der  notwendige  Vertretungsaufwand  aufgrund  der  Akten  hinreichend  zuverlässig abschätzen lässt (vgl. Art. 14 Abs. 2 VGKE). Gestützt auf die  in Betracht  zu ziehenden Bemessungsfaktoren  (vgl. Art. 9­13 VGKE)  ist  die  um  die Hälfte  gekürzte  Parteientschädigung  – welche  vom BFM  zu  entrichten  ist  –  auf  Fr.  500.–  (inklusive  Auslagen  und  allfällige  Mehrwertsteuer) festzusetzen. 

D­3233/2009 (Dispositiv nächste Seite)

D­3233/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  soweit  die  Anerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft beantragt wird; im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die  Verfügung  des  BFM  vom  31.  März  2009  wird  teilweise  –  soweit  Dispositiv­Ziffer  1  betreffend  –  aufgehoben,  und  die  Vorinstanz  wird  angewiesen, die Beschwerdeführerin als Flüchtling anzuerkennen. 3.  Das Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Prozessführung gemäss  Art.  65  Abs.  1  VwVG  wird  gutgeheissen.  Es  werden  keine  Verfahrenskosten erhoben. 4. Das  BFM  wird  angewiesen,  der  Beschwerdeführerin  eine  Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 500.­ auszurichten. 5. Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  kantonale Behörde.  Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Thomas Wespi Regula Frey Versand:

D-3233/2009 — Bundesverwaltungsgericht 19.12.2011 D-3233/2009 — Swissrulings