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Bundesverwaltungsgericht 31.08.2011 D-260/2010

31 août 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,625 mots·~8 min·2

Résumé

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 18. Dezember 2009

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­260/2010 Urteil   v om   3 1 .   Augus t   2011 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Kurt Gysi, Richter Thomas Wespi,    Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien X._______, geboren am _______, Eritrea,   vertreten durch lic. iur. Daniel Habte, _______, Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 18. Dezember 2009 / _______.

D­260/2010 Sachverhalt: A.  A.a.  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  der  Beschwerdeführer  seinen  Heimatstaat  im Februar 2008 und gelangte über den Sudan, Libyen und  Italien  am  6. Oktober  2008  in  die Schweiz, wo  er  am  gleichen  Tag  ein  Asylgesuch  stellte.  Dazu  wurde  er  am  9.  Oktober  2008  summarisch  befragt. Am 22. Oktober 2009 führte das BFM eine Anhörung durch. A.b. Der Beschwerdeführer machte  geltend,  im Sudan  geboren worden  zu  sein.  Im  Jahre  1994  habe  die  Familie  nach  Eritrea  zurückkehren  müssen  und  vorerst  in  _______  gewohnt.  Nachdem  ihr  Haus  im  Jahre  2000  bei  kriegerischen  Auseinandersetzungen  durch  äthiopische  Soldaten  niedergebrannt  worden  sei,  hätten  sie  in  _______  Wohnsitz  genommen.  In der Folge sei er  in den Militärdienst eingezogen worden.  Er  habe  vorerst  nicht  in  einer  militärischen  Einheit,  sondern  in  einer  Werkstatt  der  Armee  in  _______  als  Elektriker  Dienst  geleistet.  Im  September 2005 sei er nach _______ verlegt worden, wo er drei Monate  lang  militärisch  ausgebildet  worden  sei.  Ende  Dezember  2005  sei  er  wieder in der erwähnten Werkstatt in _______ eingesetzt worden. Im Mai  2006 habe man ihn dazu verpflichten wollen, als Soldat Dienst zu leisten.  Er habe dies nicht gewollt und versucht zu fliehen. Dabei sei er von einer  Grenzpatrouille  in  _______  aufgegriffen  worden.  Man  habe  ihn  in  _______  inhaftiert  und  zwei  Tage  später  nach  _______  verlegt.  Er  sei  ungefähr ein Jahr und acht Monate lang in Haft gewesen. Danach sei er  im Januar 2008 mit anderen Gefangenen zu einem Arbeitseinsatz nach  _______  gebracht  worden.  Von  dort  aus  sei  ihm  im  Februar  2008  die  Flucht in den Sudan geglückt. Wegen seiner Desertion müsse er im Falle  der  Rückkehr  nach  Eritrea  mit  ernsthaften  Nachteilen  rechnen.  Einer  seiner Brüder halte sich bereits in der Schweiz auf (_______).  A.c.  Auf  die  im  vorinstanzlichen  Verfahren  eingereichten  Beweismittel  wird  –  soweit  entscheidwesentlich  –  in  den  nachfolgenden Erwägungen  eingegangen. B.  Mit  Verfügung  vom  18.  Dezember  2009  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das  Asylgesuch  ab.  Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz.  Die  Vorinstanz  begründete  ihren  Entscheid mit  der  fehlenden  Glaubhaftigkeit  der  Vorbringen.  Die  Ausführungen  des  Beschwerdeführers  wiesen  kaum  Realkennzeichen  auf.  Die  angebliche 

D­260/2010 Festnahme  und  die  Flucht  aus  der  Haft  habe  er  widersprüchlich  und  unsubstanziiert  geschildert.  Die  diesbezüglichen  Aussagen  liessen  jegliche Differenzierung  und  detaillierte  Beschreibung  vermissen.  Er  sei  generell nicht in der Lage gewesen, angebliche Vorkommnisse genau zu  datieren. Die Flucht aus der Haft und die anschliessende illegale Ausreise  aus Eritrea seien mithin nicht glaubhaft. Die eingereichten Beweismittel,  welche lediglich seinen Vater und seinen Bruder beträfen, vermöchten an  dieser  Einschätzung  nichts  zu  ändern.  Im Weiteren  erachtete  das  BFM  den  Vollzug  der  Wegweisung  in  den  Herkunfts­  beziehungsweise  Heimatstaat  für  unzumutbar  und  nahm  den  Beschwerdeführer  in  der  Schweiz vorläufig auf.  C.  Mit Eingabe vom 14. Januar 2010 beantragte der Beschwerdeführer beim  Bundesverwaltungsgericht  durch  seine  Vertretung  die  Aufhebung  der  angefochtenen Verfügung, die Feststellung seiner Flüchtlingseigenschaft,  die  Asylgewährung  sowie  in  prozessualer  Hinsicht  die  unentgeltliche  Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom  20. Dezember  1968  [VwVG,  SR 172.021])  samt  Entbindung  von  der  Vorschusspflicht.  Zur  Begründung  machte  er  geltend,  die  Vorinstanz  habe in Verletzung des Untersuchungsgrundsatzes keine Abwägung der  für und gegen die Glaubhaftigkeit der Vorbringen sprechenden Elemente  vorgenommen  und  die  angebliche  Unglaubhaftigkeit  rechtsungenüglich  begründet. Anlässlich der Summarbefragung sei er angewiesen worden,  sich  kurz  zu  fassen;  den  entsprechenden  Aussagen  komme  demnach  kein Beweiswert zu. Im Rahmen der Anhörung habe er ausführliche und  schlüssige  Angaben  zur  Festnahme,  dem Gefängnisaufenthalt  und  den  Fluchtumständen  gemacht.  Falls  seine  Aussagen  der  Vorinstanz  unklar  erschienen  wären,  hätte  sie  im  Rahmen  der  Untersuchungsmaxime  Nachfragen stellen müssen. Sein Militärdienst werde auch durch das jetzt  eingereichte  Foto  bestätigt.  Dass  er  in  der  Erstbefragung  eine  abweichende  Aussage  zum  Zeitpunkt  der  ersten  Flucht  aus  dem  Militärdienst gemacht habe, sei auf ein Missverständnis zurückzuführen.  Entgegen  dem  BFM  sei  sodann  nachvollziehbar,  dass  er  aufgrund  des  Zeitablaufs  nicht  in  der  Lage  gewesen  sei,  das  genaue  Datum  der  Festnahme zu nennen. Auch die angebliche Abweichung der Schilderung  der Fluchtumstände im Februar 2008 im Verlaufe der Befragungen könne  nicht  als  widersprüchliches  Aussageverhalten  gewertet  werden.  In  geografischer  Hinsicht  habe  er  den  Fluchtweg  korrekt  geschildert,  was  das  BFM  verkenne.  Da  er  desertiert  sei,  habe  er  gemäss  Praxis  der  Beschwerdeinstanz  im Falle der Rückkehr mit ernsthaften Nachteilen  im 

D­260/2010 Sinne des Asylgesetzes zu rechnen. Die Anerkennung als Flüchtling sei  auch  wegen  des  illegalen  Verlassens  des  Heimatlandes  und  der  Asylgesuchseinreichung  in  der  Schweiz  geboten.  Die  Asylbehörden  hätten in solchen Fällen wiederholt die Flüchtlingseigenschaft festgestellt.  Der Beschwerdeführer sei mithin rechtsungleich behandelt worden. Nach  dem Gesagten würde  ein  allfälliger  Vollzug  der Wegweisung  gegen  die  relevanten  gesetzlichen  Bestimmungen  verstossen.  Der  Eingabe  lagen  zwei  Landkartenausschnitte  aus  Eritrea  und  ein  Foto  des  Beschwerdeführers bei.  D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  20.  Januar  2010  verzichtete  das  Bundesverwaltungsgericht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und hiess das Gesuch im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG gut. E.  Mit  Vernehmlassung  vom  18.  Februar  2010  beantragte  das  BFM  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Auf  dem  eingereichten  Foto  sei  der  Beschwerdeführer  nicht  klar  zu  erkennen;  ausserdem  sei  kein  Bezug  dieses  Bildes  zum  Militärdienst  festzustellen.  Festzuhalten  sei  ferner,  dass  der  Beschwerdeführer  keinen  Identitätsbeleg  eingereicht  habe;  es  stünden weder seine Identität noch das richtige Ausreisedatum noch die  tatsächliche  Reiseroute  fest.  Auch  der  geltend  gemachte  Aufenthalt  in  Eritrea sei in Anbetracht der Fallumstände nicht erwiesen.  F.  Mit  Replik  vom  1.  März  2010  hielt  der  Beschwerdeführer  an  seinen  bisherigen Darlegungen fest. Entgegen den Erwägungen des BFM sei er  auf  dem  eingereichten  Foto  klar  erkennbar.  Er  sei  in  der  eritreischen  Militäruniform  abgebildet.  Es  würde  der  allgemeinen  Lebenserfahrung  widersprechen,  wenn  ein  eritreischer  Staatsbürger  im  Dienstalter  eine  eritreische  Militäruniform  tragen  würde,  ohne  dabei  unter  der  Befehlsgewalt der Militärbehörden zu stehen.  G.  Am 28. Juli 2010 gab der Beschwerdeführer als Beleg für die Praxis der  Asylbehörden  einen  vorinstanzlichen  Entscheid  in  einem  anderen  Verfahren zu den Akten.  H.  Mit  Schreiben  vom 13.  Juli  2011  erkundigte  sich  der  Beschwerdeführer 

D­260/2010 nach dem Verfahrensstand und ersuchte um eine prioritäre Behandlung  seines Falles.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion, 

D­260/2010 Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen  (Art.  7  Abs.  1  AsylG).  Vorbringen sind dann glaubhaft, wenn sie genügend substantiiert, in sich  schlüssig und plausibel sind; sie dürfen sich nicht in vagen Schilderungen  erschöpfen  oder  den  Tatsachen  oder  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechen und sie dürfen nicht widersprüchlich sein oder der inneren  Logik  entbehren.  Darüber  hinaus  muss  die  asylsuchende  Person  persönlich glaubwürdig erscheinen, was insbesondere dann nicht der Fall  ist, wenn sie ihre Vorbringen auf gefälschte oder verfälschte Beweismittel  abstützt  (Art. 7  Abs. 3  AsylG),  wichtige  Tatsachen  unterdrückt  oder  bewusst  falsch  darstellt,  im  Laufe  des  Verfahrens  Vorbringen  auswechselt  oder  unbegründet  nachschiebt,  mangelndes  Interesse  am  Verfahren zeigt oder die nötige Mitwirkung verweigert. Glaubhaftmachung  bedeutet  –  im  Gegensatz  zum  strikten  Beweis  –  ein  reduziertes  Beweismass und lässt durchaus Raum für gewisse Einwände und Zweifel  an den Vorbringen des Beschwerdeführers. Eine Behauptung gilt bereits  als glaubhaft gemacht, wenn das Gericht von  ihrer Wahrheit nicht völlig  überzeugt  ist,  sie  aber  überwiegend  für  wahr  hält,  obwohl  nicht  alle  Zweifel  beseitigt  sind.  Für  die  Glaubhaftmachung  reicht  es  demgegenüber  nicht  aus, wenn  der  Inhalt  der Vorbringen  zwar möglich  ist,  aber  in  Würdigung  der  gesamten  Aspekte  wesentliche  und  überwiegende  Umstände  gegen  die  vorgebrachte  Sachverhaltsdarstellung  sprechen.  Entscheidend  ist  im  Sinne  einer  Gesamtwürdigung,  ob  die  Gründe,  die  für  die  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  sprechen,  überwiegen  oder  nicht;  dabei  ist  auf  eine  objektivierte  Sichtweise  abzustellen  (vgl.  die  von  der  vormaligen  Beschwerdeinstanz  begründete Rechtsprechung  in Entscheidungen und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2005  Nr.  21  E.  6.1  S.  190  f.  mit  weiteren  Hinweisen,  welche  vom  Bundesverwaltungsgericht weitergeführt wird). 3.3. Diese Grundsätze zur Glaubhaftmachung der Flüchtlingseigenschaft  kommen  im  vorliegenden  Fall  auch  auf  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  bezüglich  seiner  geltend  gemachten  Desertion  aus 

D­260/2010 dem  Militär  zur  Anwendung.  Dem  Beschwerdeführer  kann  nicht  zugemutet  werden,  dass  er  diese  Vorbringen,  die  sich  im  Ausland  zugetragen haben und ihrer Natur nach schwer zu beweisen sind, strikte  nachweist;  er  befindet  sich  diesbezüglich  in  einem  Beweisnotstand,  weshalb  das  verminderte  Beweismass  der  Glaubhaftmachung  zur  Anwendung kommt. 4.  Die  Vorinstanz  hat  die  Glaubhaftigkeit  der  Kernvorbringen  des  Beschwerdeführers verneint. Diese Sichtweise überzeugt  letztlich  jedoch  nicht.  4.1.  Vorab  ist  festzuhalten,  dass  das  BFM  die  eritreische  Staatsbürgerschaft  des Beschwerdeführers  im angefochtenen Entscheid  zwar nicht bezweifelt. Im Rahmen des Beschwerdeverfahrens äussert es  hingegen  in  der  Vernehmlassung  vom  18.  Februar  2010  Zweifel,  ob  er  sich  in  seinem  Heimatland  überhaupt  (jemals)  aufgehalten  habe.  In  diesem Zusammenhang weist es grundsätzlich zu Recht darauf hin, dass  er keine Identitätsbelege, welche eine schlüssige Identifikation zuliessen,  zu den Akten gab. Hinweise für seine Identität und den Eritrea­Aufenthalt  ergeben  sich  indes bereits  aus den  vorinstanzlichen Akten  des Bruders  (_______). Dass es sich bei der Person des unter dieser Aktennummer  beim BFM geführten Verfahrens um den Bruder des Beschwerdeführers  handelt,  ist  gemäss  Verweisen  auf  den  vorinstanzlichen  Dossiedeckblättern  beider  Personen  offenbar  nicht  bezweifelt.  Auch  im  Datensystem  Zemis  der  Schweizer  Behörden  befinden  sich  Vermerke  über eine Beziehung der beiden Personen. Aus den jeweiligen Asylakten  geht  sodann  hervor,  dass  die  beiden  die  Personalien  ihrer  Eltern  weitgehend  übereinstimmend  angaben,  was  wiederum  für  das  angegebene  Verwandtschaftsverhältnis  spricht.  Der  Bruder  des  Beschwerdeführers gab bei der Erstbefragung ausserdem zu Protokoll, er  habe von Juni 2000 bis Dezember 2005  in _______ gelebt. Dort hielten  sich (unter anderen) auch seine Mutter und sein Bruder _______ auf (vgl.  dazu  die  Akten  A  1/10  und  A  9/22  S.  11  des  entsprechenden  vorinstanzlichen  Verfahrens).  Zwar  hielt  das  BFM  in  der  Verfügung  bezüglich des Bruders des Beschwerdeführers, welche unangefochten in  Rechtskraft  erwuchs,  diverse  Unglaubhaftigkeitselemente  betreffend  Asylvorbringen  fest.  Er wurde  jedoch mit  Verfügung  vom 19.  Juni  2008  wegen  subjektiver  Nachfluchtgründe  aufgrund  der  mutmasslichen  illegalen  Ausreise  aus  Eritrea  im  militärdienstpflichtigen  Alter  als  Flüchtling  vorläufig  aufgenommen. Entsprechend  ist  bereits  gestützt  auf 

D­260/2010 die Aussagen des Bruders durchaus davon auszugehen, dass die damit  übereinstimmende  Aussage  des  Beschwerdeführers,  er  habe  sich  in  _______  von  Mitte  2000  an  während  mehrerer  Jahre  aufgehalten,  grundsätzlich zutrifft. Ausserdem war er bei der Anhörung durchaus in der  Lage,  die  Wiederansiedlung  der  Familie  in  Eritrea  substanziiert  und  nachvollziehbar darzulegen (A 13/16 Antworten 26 ff.). 4.2.  In  Anbetracht  des  Alters  des  Beschwerdeführers  ist  im  Weiteren  davon  auszugehen,  dass  im  Jahre  2005  oder  auch  bereits  früher  tatsächlich eine Einberufung zum Militärdienst erfolgt sein könnte. Seine  Schilderung  der  ihn  betreffenden  Eintrittsmodalitäten  in  die  Armee  ist  relativ detailliert  ausgefallen und erweckt entgegen den vorinstanzlichen  Erwägungen  nicht  den  Eindruck  eines  blossen  Konstrukts  (A  13/16  Antworten  69  ff.).  Er  war  in  der  Lage,  die  Unterschiede  der  von  ihm  geleisteten  Dienste  (Arbeit  als  Elektriker  in  einer  Armeewerkstatt  unterbrochen  von  einer  militärischen  Grundausbildung)  anschaulich  darzulegen.  Er  macht  wiederholt  detaillierte  Ausführungen  zu  militärischen  Belangen.  Zu  den  genauen  Haftumständen  finden  sich  im  Protokoll  zwar  kaum  Aussagen;  da  aber  auch  entsprechende  (Nach­ )Fragen  nicht  gestellt  wurden,  kann  dem  Beschwerdeführer  keine  mangelhafte Substanziierung zur Last  gelegt werden. Es  trifft  ferner  zu,  dass seine Angaben zu den Fluchtgründen anlässlich der Erstbefragung  und  der  Anhörung  nicht  in  allen  Punkten  übereinstimmen.  Abgesehen  davon,  dass den Aussagen anlässlich der  summarischen Erstbefragung  praxisgemäss ohnehin ein beschränkter Beweiswert zukommt, wurde auf  die  Gesuchsgründe  vom  BFM  in  der  Erstbefragung  offenbar  noch  weniger  eingegangen  als  üblich  (vgl.  den  Vermerk  unter  Ziff.  15  des  Protokolls  A  1/8:  "Aus  Kapazitätsgründen  wird  auf  eine  vertieftere  Abklärung  verzichtet").  Seine  Aussage  bei  der  Anhörung,  er  habe  eine  Auseinandersetzung zur Flucht vom Baumwollfeld ausgenutzt, kann unter  diesen Umständen entgegen der Sichtweise des BFM und  im Sinne der  Beschwerdevorbringen  jedenfalls  nicht  als  diametrale  Abweichung  zur  knappen  Schilderung  im  Rahmen  der  Erstbefragung  gewertet  werden  (Flucht  wegen  mangelnder  Aufmerksamkeit  der  Bewacher  nach  einem  Brand).  Auch  die  weitere  Feststellung  des  BFM,  auf  dem  anschliessenden  angeblichen  Fluchtweg  hätte  der  vom  Beschwerdeführer  erwähnte  Fluss  gar  nicht  überquert  werden müssen,  kann unbesehen der genauen geografischen Situation offensichtlich nicht  als  entscheidendes  Unglaubhaftigkeitselement  gewertet  werden.  Sollte  der Beschwerdeführer den Fluss während der überstürzten Flucht bereits  einmal überquert haben, hätte sich im Übrigen auch in der Sichtweise des 

D­260/2010 BFM eine (erneute) Überquerung vor der Ortschaft _______ aufgedrängt.  Im Weiteren gab der Beschwerdeführer in der Summarbefragung an, bis  2006 im Rahmen des Militärdienstes als Elektriker gearbeitet zu haben (A  1/8       S.  2).  Diese  zeitliche  Angabe  stimmt  überein  mit  den  Ausführungen  in  der  Anhörung.  Dass  er  demgegenüber  in  der  Erstbefragung  (auch)  aussagte,  bereits  im  Jahre  2005  festgenommen  worden  zu  sein  (unter  der  erwähnten  Ziff.  15  des  Protokolls  A  1/8),  ist  zwar  ungereimt,  fällt  im  Lichte  der  erwähnten  Umstände  der  Summarbefragung  indes  wiederum  nicht  entscheidend  ins  Gewicht.  Vielmehr  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  seine  Darlegungen  bei  der  Anhörung  wiederholt  gewisse  Realkennzeichen  aufweisen  und  insoweit  mit tatsächlich Erlebtem in Verbindung gebracht werden können. So legte  er auch die Fluchtumstände  relativ ausführlich dar und war  in der Lage,  die Weiterreise  nach Europa  detailliert  zu  schildern  (A  13/16 Antworten  122 ff.). Die Tatsache, dass er Mühe bekundete, gewisse Vorkommnisse  auf den Tag genau zu datieren, ist in Berücksichtigung der Fallumstände  respektive  des  Zeitablaufs  wiederum  nicht  von  entscheidender  Bedeutung.  4.3. Entscheidender  ist  demgegenüber  die  mangelhafte Würdigung  der  eingereichten  Beweismittel  durch  die  Vorinstanz.  Dass  sich  gewisse  Beweismittel im – nicht paginierten – Beweismittelverzeichnis und andere  ungeordnet  im  vorinstanzlichen  Dossierrücken  _______  befinden,  erschwert  auch  eine  Würdigung  auf  Rekursebene.  Aus  dem  Anhörungsprotokoll  geht  indes  hervor,  dass  der  Beschwerdeführer  offenbar  einen  militärischen  Passierschein  in  Kopie  zu  den  Akten  gegeben  hat  (A  13/16  Antworten  95  ff.).  Ein  Dokument  in  Kopie  ohne  Übersetzung  befindet  sich  denn  auch  im  erwähnten Dossierrücken. Die  Erwägung  der  Vorinstanz,  der  Beschwerdeführer  könne  aus  den  eingereichten  Beweismitteln  nichts  zu  seinen  Gunsten  ableiten,  da  sie  nicht  seine  Person  beträfen,  erscheint  mithin  als  fraglich.  Auf  eine  nachträgliche  Auseinandersetzung  mit  dem  besagten  Dokument  beziehungsweise eine Übersetzung kann aber verzichtet werden, da die  Beschwerde  ohnehin  gutzuheissen  ist.  Anzufügen  ist,  dass  das  vom  Beschwerdeführer  im  Rekursverfahren  eingereichte  Foto  entgegen  der  Vorinstanz durchaus als – wenn auch in keiner Weise schlüssiges – Indiz  für eine Militärdienstleistung gewertet werden kann.  5.  5.1. Die Gesamtwürdigung der Vorbringen ergibt damit, dass zwar nicht  alle  Zweifel  an  der  Richtigkeit  der  Sachverhaltsdarstellung  des 

D­260/2010 Beschwerdeführers ausgeräumt sind, die dafür sprechenden Gründe aber  überwiegen. In Berücksichtigung aller Aspekte, welche für oder gegen die  Glaubhaftigkeit  der  Kernvorbringen  sprechen,  ist  nach  dem  Gesagten  davon auszugehen, dass der Beschwerdeführer als Kind tatsächlich nach  Eritrea  zurückkehrte  und  in  der  Folge  als  eritreischer  Staatsbürger  Militärdienst  leistete.  Unbesehen  allfälliger  Zweifel  an  den  genauen  Umständen der geltend gemachten Desertion ist überwiegend glaubhaft,  dass er diesen nicht ordnungsgemäss verliess.  5.2. Mit Blick auf die von der vormaligen Beschwerdeinstanz begründete  Rechtsprechung, welche vom Bundesverwaltungsgericht fortgeführt wird,  ist  zunächst  festzustellen,  dass  Dienstverweigerung  und  Desertion  in  Eritrea unverhältnismässig streng bestraft werden; die Bestrafung  ist als  politisch  motiviert  einzustufen  (absoluter  Malus).  Demzufolge  sind  Personen,  die  begründete  Furcht  haben,  einer  solchen  Bestrafung  ausgesetzt  zu  sein,  als  Flüchtlinge  anzuerkennen.  Die  Furcht  vor  einer  Bestrafung  wegen  Dienstverweigerung  oder  Desertion  ist  dann  begründet,  wenn  die  betroffene  Person  in  einem  konkreten  Kontakt  zu  den  Militärbehörden  stand.  Ein  solcher  Kontakt  ist  regelmässig  anzunehmen,  wenn  die  betroffene  Person  im  aktiven  Dienst  stand  und  desertierte (vgl. dazu EMARK 2006 Nr. 3).  5.3.  Der  Beschwerdeführer  hat  nach  dem  Gesagten  einen  solchen  Kontakt glaubhaft gemacht. Im Falle seiner Rückkehr ins Heimatland hat  er  begründete  Furcht  vor  ernsthaften  Nachteilen.  Zusammenfassend  ergibt sich, dass die Voraussetzungen von Art. 3 und 7 AsylG erfüllt sind.  Aus  den Akten  ergeben  sich  sodann  keine  konkreten Hinweise  auf  das  Vorliegen  von  Asylausschlussgründen.  Demnach  ist  das  BFM  anzuweisen,  dem  Beschwerdeführer  Asyl  zu  gewähren.  Bei  dieser  Sachlage  kann  davon  abgesehen  werden,  auf  weitere  Beschwerdevorbringen,  Beweismittel  und  Beschwerdeanträge  einzugehen. 5.4.  Demnach  ist  die  Beschwerde  gutzuheissen  und  die  angefochtene  Verfügung der Vorinstanz vollumfänglich aufzuheben. 6.  6.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen.

D­260/2010 6.2. Obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine Parteientschädigung  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  Kosten  (Art.  7  Abs.  1  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]).  Nachdem  sich  der  notwendige  Vertretungsaufwand  aufgrund  der  Aktenlage  hinreichend  zuverlässig  abschätzen  lässt,  erübrigt  sich  die   Einholung  einer  Kostennote.  Die  von  der  Vorinstanz  auszurichtende  Parteientschädigung  ist  unter  Berücksichtigung  der  massgebenden  Bemessungsfaktoren von Amtes wegen auf Fr. 2'000.– festzusetzen (Art.  14 Abs. 2 VGKE). (Dispositiv nächste Seite)

D­260/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die  angefochtene  Verfügung  wird  aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen, den Beschwerdeführer als Flüchtling anzuerkennen und ihm  Asyl zu gewähren. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.  4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 2'000.– auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand:

D-260/2010 — Bundesverwaltungsgericht 31.08.2011 D-260/2010 — Swissrulings