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Bundesverwaltungsgericht 02.09.2011 D-1742/2009

2 septembre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,698 mots·~8 min·3

Résumé

Asylwiderruf | Widerruf des Asyls; Verfügung des BFM vom 13. Februar 2009

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­1742/2009 law/mah/sed Urteil   v om   2 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richterin Nina Spälti Giannakitsas, Richterin Contessina Theis, Gerichtsschreiberin Sarah Mathys. Parteien A._______, geboren am (…), Irak, vertreten durch Guido Ehrler, Advokat, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Aberkennung der Flüchtlingseigenschaft und Widerruf  des Asyls; Verfügung des BFM vom 13. Februar 2009 / N (…).

D­1742/2009 Sachverhalt: A.  Mit  Verfügung  vom  7. Dezember  2000  anerkannte  das  damalige  Bundesamt  für Flüchtlinge  (BFF;  heute Bundesamt  für Migration  [BFM])  den  Beschwerdeführer  und  seine  Familie  als  Flüchtlinge  und  gewährte  ihnen in der Schweiz Asyl. B.  Das BFM  aberkannte mit  Verfügung  vom  20. Januar  2003  erstmals  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers  und  seiner  Familie  und  widerrief deren Asyl. C.  Die gegen diese Verfügung erhobene Beschwerde vom 20. Februar 2003  wurde  von  der  damals  zuständigen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)  mit  Beschluss  vom  7. März  2006  als  gegenstandslos  geworden  abgeschrieben,  da  das  BFM  am  27. Februar  2006 seine Verfügung vom 20. Januar 2003 in Wiedererwägung gezogen  und diese aufgehoben hatte. D.  Nachdem  das  BFM  aus  dem  Grenzkontrollrapport  der  deutschen  Grenzpolizei vom 15. Februar 2008 und den Kopien des Reiseausweises  des  Beschwerdeführers  entnehmen  konnte,  dass  dieser  sich  vom  6. ­ 20. November  2007  im  Irak  aufgehalten  habe,  erwog  das  BFM  die  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers  abzuerkennen  und  sein  Asyl  zu  widerrufen  und  gab  dem Beschwerdeführer mit  Schreiben  vom  7. Januar 2009 die Möglichkeit, hierzu Stellung zu nehmen. E.  Am  4. Februar  2009  nahm  der  Beschwerdeführer  mittels  seines  Rechtsvertreters  Stellung  zur  beabsichtigten  Aberkennung  der  Flüchtlingseigenschaft und zum Widerruf des Asyls. F.  Mit  Verfügung  vom  13. Februar  2009  –  eröffnet  am  16. Februar  2009 –  aberkannte  das  BFM  dem  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  und widerrief das ihm gewährte Asyl. G.  Der  Beschwerdeführer  liess  mit  Eingabe  vom  18. März  2009  (Datum 

D­1742/2009 Poststempel)  mittels  seines  Rechtsvertreters  gegen  diesen  Entscheid  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erheben  und  beantragen,  es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben. Er legte eine Kopie einer  Bestätigung von B._______ mit einer deutschen Übersetzung bei. H.  Mit  Zwischenverfügung  vom  24. März  2009  forderte  der  zuständige  Instruktionsrichter  den  Beschwerdeführer  unter  Androhung  des  Nichteintretens  auf  die  Beschwerde  auf,  bis  zum  14. April  2009  einen  Kostenvorschuss von Fr. 600.– zu leisten. I.  Mit  Einzahlung  vom  6. April  2009  leistete  der  Beschwerdeführer  den  verlangten Kostenvorschuss. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt 

D­1742/2009 und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise Änderung. Er ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert (Art. 105 AsylG i. V. m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG).  Nachdem  der  einverlangte  Kostenvorschuss  innert  angesetzter  Frist  geleistet  wurde,  ist  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  (Art. 108 Abs. 1 AsylG; Art. 105 AsylG  i. V. m. Art. 37 VGG  und Art. 52 Abs. 1 VwVG) einzutreten. 3.  Gemäss  Art. 63  Abs. 1  Bst. b  AsylG  wird  das  Asyl  widerrufen  oder  die  Flüchtlingseigenschaft aberkannt, wenn Gründe nach Art. 1 Bst. C Ziff. 1­ 6  des  Abkommens  vom  28. Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge (FK, SR 0.142.30) vorliegen. Art. 1 Bst. C Ziff. 1­6 FK enthält  die  Beendigungsklauseln  betreffend  den  Flüchtlingsstatus.  Namentlich  fällt eine Person unter anderem nicht mehr unter die Bestimmungen der  FK und  endet  ihr  Flüchtlingsstatus, wenn  sie  sich  freiwillig wieder  unter  den Schutz des Landes, dessen Staatsangehörigkeit  sie besitzt, gestellt  hat (Art. 1 Bst. C Ziff. 1 FK).  4.  4.1.  Im  Einzelnen  führt  das  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  aus,  Art. 1  Bst. C  Ziff. 1  FK  komme  gemäss  Rechtsprechung  nur  dann  zur  Anwendung, wenn die  drei  folgenden Voraussetzungen  kumulativ  erfüllt  seien: Erstens müsse die Handlung des Flüchtlings freiwillig erfolgt sein,  das heisst ohne äusseren Zwang durch die Umstände  im Asylland oder  durch  die  Behörden  dieses  Landes.  Zweitens  müsse  die  betroffene  Person  in  der  Absicht  gehandelt  haben,  sich  erneut  dem  Schutz  des  Heimatstaates  zu  unterstellen.  Drittens  müsse  die  Schutzgewährung  durch  den  Heimatstaat  tatsächlich  erfolgt  sein.  Der  Beschwerdeführer  habe erklärt,  in den  Irak gereist zu sein, weil  ihn seine Ehefrau zu einer  Rückkehr gedrängt habe, und er sich deshalb habe erkundigen wollen, ob  er  im  Irak  immer  noch  verfolgt  werde.  Somit  habe  er  ohne  äusseren  Zwang durch die Umstände  im  Irak oder durch die  irakischen Behörden  gehandelt.  Ausserdem  versäume  der  Beschwerdeführer  zu  erklären,  warum  es  nötig  gewesen  sei,  persönlich  in  den  Irak  zu  reisen.  Den  Angaben  des  Beschwerdeführers  zufolge,  habe  sein  Onkel  ihm  erklärt,  dass  er  im  Irak  immer  noch  gefährdet  sei.  Es  entbehre  jeglicher  Logik,  warum  der  Beschwerdeführer  das  Risiko  auf  sich  genommen  habe,  persönlich  in  den  Irak  zu  reisen,  hätte  er  doch  telefonisch  oder  über  andere Kommunikationswege durch seinen Onkel zur selben Information  gelangen  können.  Was  die  Voraussetzung  der  effektiven 

D­1742/2009 Schutzgewährung  im  Heimatland  anbelange,  so  sei  diese  erfüllt,  wenn  objektive  Anhaltspunkte  dafür  bestünden,  dass  die  betreffende  Person  tatsächlich  nicht  mehr  gefährdet  sei.  Es  bestünden  dadurch,  dass  der  Beschwerdeführer  offensichtlich  problemlos  legal  in  den  Irak  ein­  und  ausgereist sei und sich zwei Wochen  in seinem Heimatland aufgehalten  habe,  objektive  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  im  Irak  effektiv  geschützt  worden  sei.  Die Erklärung,  der  Aufenthalt  des Beschwerdeführers  habe  sich ungewollt verlängert, weil beim Rückflug Probleme aufgetreten seien  – ohne  dies  zu  belegen  und  zur  spezifizieren,  um was  für Probleme es  sich  gehandelt  habe  –  ändere  nichts  an  der  Sachlage.  Auch  sei  aus  seiner Stellungnahme nicht ersichtlich, wie der Beschwerdeführer, gegen  den  ein  rechtskräftiges Urteil  vorliege,  die Grenzkontrolle  am Flughafen  problemlos  habe  passieren  können.  Aus  diesen  Gründen  vermöge  die  Aussage,  der  Beschwerdeführer  habe  sich  unter  den  Schutz  seines  Onkels und nicht unter den Schutz des  irakischen Staates gestellt, nicht  zu  überzeugen.  Weil  die  obigen  Bedingungen  erfüllt  seien,  werde  das  Asyl widerrufen und die Flüchtlingseigenschaft aberkannt. 4.2.  In  der  Beschwerde  wird  im  Wesentlichen  ausgeführt,  der  Beschwerdeführer  habe  sich  unbestritten  während  14 Tagen  im  kurdischen  Irak aufgehalten. Die ursprüngliche Absicht habe wegen des  nach wie vor gegebenen Verfolgungsrisikos nur  in einem Aufenthalt von  zwei  Tagen  bestanden.  Der  Aufenthalt  habe  sich  verlängert,  weil  der  Rückflug  verschoben worden  sei.  Nach  dem Handbuch  des  Amtes  des  Hohen  Flüchtlingskommissars  der  Vereinten  Nationen  (UNHCR)  führe  dieser Sachverhalt nicht zur Beendigung der Flüchtlingseigenschaft. Der  Beschwerdeführer  habe  nie  die  Absicht  gehabt,  sich  dauernd  im  Irak  niederzulassen. Er habe die Reise nicht mit dem irakischen, sondern mit  dem  von  der  Schweiz  ausgestellten  Flüchtlingspass  unternommen. Wie  aus  dem Wortlaut  von Art. 1  Bst. C  Ziff. 4  FK  hervorgehe,  beziehe  sich  die  Freiwilligkeit  auf  die  definitive  Niederlassung.  Ein  einmaliger  kurzer  Aufenthalt von (ungewollt) zwei Wochen erfülle den Tatbestand von Art. 1  Bst. C Ziff. 4 FK von vornherein nicht. Die Freiwilligkeit sei nicht gegeben.  Die  Ehefrau  des  Beschwerdeführers  habe  in  der  Schweiz  keine  Verwandten.  Sie  leide  sehr  unter  der  Trennung  von  ihrer  Familie.  Sie  habe den Beschwerdeführer andauernd gedrängt, mit der ganzen Familie  zurückzukehren.  Dies  habe  zu  erheblichen  Spannungen  in  der  Ehe  geführt.  Der  Beschwerdeführer  sei  vor  der  Alternative  gestanden,  entweder  das  Scheitern  der  Ehe  zu  riskieren,  gegebenfalls  seine  Frau  und  seine  Kinder  zu  verlieren,  oder  aber  im  Irak  zu  erkunden,  ob  eine  Rückkehr möglich  wäre. Wäre  er  nicht  gegangen,  hätte  seine  Frau  die 

D­1742/2009 Reise  allenfalls  selber  unternommen  und  die  beiden  Kinder  mitgenommen. Das Risiko, seine Partnerin und seine Kinder zu verlieren,  habe  der  Beschwerdeführer  nicht  eingehen  können.  Er  habe  die  Reise  nicht  freiwillig,  sondern  unter  massivem  psychischen  Druck  unternommen.  Die  seelische  Notlage  sei  so  stark  gewesen,  dass  der  Beschwerdeführer das Risiko auf sich genommen habe, im Irak verhaftet  zu  werden.  Das  BFM  habe  eingewendet,  die  Reise  entbehre  jeglicher  Logik,  da  sich  der  Beschwerdeführer  telefonisch  oder  über  andere  Kommunikationswege  bei  seinem  Onkel  informieren  und  zum  selben  Resultat  hätte  gelangen  können.  Das  BFM  verkenne,  dass  die  grundlegende  Entscheidung  der  Rückkehr  in  den Heimatstaat  nicht  per  Telefon getroffen werden könne. Der Beschwerdeführer habe persönlich  Gespräche  mit  seinem  Onkel  führen  müssen,  um  die  Realisierungschancen  des  Loskaufes  von  der  Strafe  zu  erkunden  und  das Gefahrenpotenzial einzuschätzen, das von der Familie des Getöteten  C._______  ausgehe.  Der  Beschwerdeführer  habe  ursprünglich  gehofft,  dies in zwei Tagen erledigen zu können. Er habe deshalb gute Gründe für  die  Reise  in  den  Irak  gehabt.  Sein  Aufenthalt  entbehre  nicht  jeglicher  Logik,  wie  das  BFM  wahrhaben  wolle.  In  D._______  habe  sich  der  Beschwerdeführer unter den Schutz seines Onkels und  (…) B._______,  der  (…)  der  Patriotischen  Union  Kurdistans  (PUK)  sei,  begeben.  Als  Vorsichtsmassnahme  habe  er  dessen  Haus  immer  nur  in  seiner  Begleitung  verlassen.  Der  Beschwerdeführer  habe  sich  nicht  unter  den  Schutz  des  kurdischen  Staates,  sondern  unter  denjenigen  seines  einflussreichen  Onkels  begeben.  Da  sein  Onkel  ein  angesehener  (…),  (…) und Mitglied der  (…)  sei,  habe er davon ausgehen dürfen,  dass er  nicht  in  seiner Anwesenheit  verhaftet werden würde. Er  sei  von seinem  Onkel  von  der  nach  wie  vor  bestehenden  Verfolgungsgefahr  geschützt  worden.  Der  Beschwerdeführer  habe  nie  beabsichtigt,  sich  unter  den  Schutz  des  kurdischen  Staates  zu  stellen.  Gemäss  Art. 61  Abs. 4  des  Bundesgesetzes vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung  der  Ausländer  (ANAG,  BS  1  121;  recte:  Art. 61  Abs. 2  letzter  Satz  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005  über  die Ausländerinnen  und  Ausländer [AuG, SR 142.20]) könne die Niederlassungsbewilligung nach  der  Abmeldung  aus  der  Schweiz  während  vier  Jahren  aufrechterhalten  werden.  Der  Gesetzgeber  wolle  damit  den  Versuch  der  Wiedereingliederung  im  Heimatstaat  erleichtern,  ohne  dass  der  Verlust  des  Aufenthaltsrechts  riskiert  werden  müsse.  Diese  grundlegende  gesetzgeberische  Wertung  spreche  dafür,  dass  auch  die  Flüchtlingseigenschaft nicht allein deshalb entzogen werden dürfe, wenn  der  Flüchtling  eine  Erkundigung  zu  den  Rückkehrmöglichkeiten 

D­1742/2009 unternehme. Die strenge Praxis des BFM erscheine  in diesem Fall nicht  verhältnismässig.  Das  BFM  habe  im  ersten  Widerrufsverfahren  anerkannt,  dass  die  Vollstreckung  des  im  Jahre  (…)  ausgesprochenen  Urteils des (…) E._______ drohe. Sein (…) und Onkel habe  ihm erklärt,  dies sei insbesondere dann der Fall, wenn die Verwandten des Getöteten  C._______ dies beim Strafgericht beantragen würden. Würde er sich mit  seiner  Familie  niederlassen,  würde  dieses  Urteil  vollstreckt.  Er  habe  vergeblich  versucht,  sich  von  dieser  Strafe  loszukaufen.  Er  sei  deshalb  trotz  seiner  Reise  nach  wie  vor  gefährdet,  im  Irak  Opfer  von  asylrelevanter Verfolgung  zu werden. Es bestünden  trotz  der Heimreise  keine  objektiven  Anhaltspunkte,  dass  dieses  Urteil  nicht  vollstreckt  werden  könnte.  Zudem  sei  auch  die  Gefahr  der  Verwandten  von  C._______, welche ihn für dessen Tod verantwortlich machten, nicht aus  der Welt geschafft. Das BFM wende ein, der Beschwerdeführer habe an  der Grenze  die  Kontrolle  problemlos  passieren  können. Diese Aussage  sei  richtig.  Trotzdem habe eine Unterschutzstellung  nicht  stattgefunden.  Die erstinstanzlichen Urteile der Strafgerichte würden im Irak nicht zentral  erfasst.  Auch  wenn  die  politischen  Gegensätze  in  jüngster  Zeit  an  Bedeutung verloren hätten, seien die Polizei­ und Sicherheitskräfte sowie  die  gerichtlichen  Instanzen  nach  wie  vor  entlang  der  Parteigrenzen  orientiert.  Das  Urteil  des  Jahres  (…)  sei  vom  (…)  E._______  im  PUK­ Gebiet  getroffen  worden,  währendem  sich  der  Beschwerdeführer  in  D._______  im  Gebiet  der  Kurdischen  Demokratischen  Partei  (KDP)  aufgehalten  habe.  Die  Sicherheitskräfte  am  Flughafen  hätten  deshalb  keine Kenntnis von der zehn Jahre zurückliegenden Verurteilung gehabt,  weswegen  er  die  Grenze  unbehelligt  habe  passieren  können.  Eine  Unterschutzstellung  könne  daraus  nicht  abgeleitet  werden.  Wie  bereits  erwähnt, würde aber bei einer definitiven Rückkehr die Verwandten des  Getöteten auf die Vollstreckung des Urteils drängen oder aber das Heft in  die eigenen Hände nehmen. Der Beschwerdeführer sei  im Irak nach wie  vor gefährdet. 5.  5.1. Wie  das  BFM  zutreffend  festhält,  setzt  die  Anwendung  von  Art. 1  Bst. C Ziff. 1 FK kumulativ voraus, dass der Flüchtling freiwillig in Kontakt  mit seinem Heimatstaat getreten ist, er mit der Absicht gehandelt hat, von  seinem  Heimatstaat  Schutz  in  Anspruch  zu  nehmen,  und  er  diesen  Schutz auch tatsächlich erhalten hat (BVGE 2010/17 E. 5.1.1 S. 202).  5.2. 

D­1742/2009 5.2.1.  Das  Kriterium  der  Freiwilligkeit  bedingt,  dass  der  Akt  des  Flüchtlings,  (welcher  auf  eine  Unterschutzstellung  hinweist)  ohne  äusseren Zwang weder durch die Umstände im Asylland noch durch die  Behörden des Heimatstaates geschieht  (BVGE 2010/17 E. 5.2.1 S. 202  f.). 5.2.2.  Nach  der  Darstellung  in  der  Stellungnahme  und  der  Beschwerdeschrift  hat  sich  der  Beschwerdeführer  auf  Drängen  seiner  Frau  zurück  in  den  Irak  begeben,  um  seine  aktuelle  Gefährdung  abzuschätzen. Er habe keine andere Wahl gehabt, weil sonst seine Ehe  auf dem Spiel gestanden hätte. In  diesem  Erklärungsversuch  des  Beschwerdeführers  ist  keine  Zwangslage  zu  erkennen,  von  der  auf  eine  fehlende  Handlungsfreiheit  seinerseits geschlossen werden müsste. Auch wenn seine Frau unter der  Trennung ihrer Familie im Irak leidet und den Beschwerdeführer zu einer  Rückkehr drängte, ist kaum vorstellbar, dass sie gewollte hätte, dass sich  ihr Mann  in  den  Irak  begibt, wenn  ihm dort  noch  immer  eine Haftstrafe  und  ein Racheakt  drohen würde. Es  ist  auch  nicht  ersichtlich,  inwiefern  die Reise  in den  Irak die einzige Möglichkeit hätte darstellen sollen, um  die  aktuelle  Gefährdung  des  Beschwerdeführers  zu  eruieren  und  abzuschätzen, ob eine Rückkehr der Familie in Betracht gezogen werden  könnte.  Entgegen  der  Darstellung  in  der  Beschwerde  ist  mit  dem  BFM  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  sehr  wohl  von  der  Schweiz aus die nötigen Schritte hierfür hätte veranlassen können, zumal  sein Onkel  im Irak, der zugleich sein (…) gewesen  ist und über Einfluss  bei  der  PUK  verfügt,  durchaus  hätte  abklären  können,  ob  die  ihm  drohende Haftstrafe im Irak noch vollzogen und die Familie des Getöteten  allenfalls gegen Geld von einem Racheakt absehen würde. Es ist deshalb  nicht  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  tatsächlich  gezwungen  war,  in  den  Irak  zu  reisen.  Die  Voraussetzung  der  Freiwilligkeit der Kontaktnahme mit dem Heimatstaat ist demnach erfüllt. 5.3. Weiter sind auch die Kriterien der beabsichtigten Unterschutzstellung  und die effektive Schutzgewährung durch den Heimatstaat gegeben. Wie  den Akten zu entnehmen  ist und vom Beschwerdeführer nicht bestritten  wird,  hielt  sich  dieser  14 Tage  im  kurdischen  Irak  auf.  Die  in  der  Beschwerde  in  Aussicht  gestellten  Buchungsbelege,  welche  hätten  bestätigen sollen, dass sich der beabsichtigte Aufenthalt von zwei Tagen  wegen  der  Verschiebung  des  Rückflugs  auf  14 Tage  verlängert  hat,  wurden bis heute nicht nachgereicht. Ausserdem hat sich das BFM in der 

D­1742/2009 Verfügung  nicht  auf  Ziffer 4  sondern  auf  Ziffer 1  des  Art. 1  Bst. C  FK  abgestützt.  Ziffer  1  bedingt  keine  beabsichtigte  Niederlassung  als  Voraussetzung  (vgl.  Handbuch  über  Verfahren  und  Kriterien  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  des  UNHCR  Rz. 118  f.).  In  der  Beschwerde wird zudem auf Art. 61 Abs. 2 letzter Satz AuG und dessen  Botschaft  verwiesen,  wonach  die  Niederlassungsbewilligung  eines  Ausländers,  der  die  Schweiz  verlässt,  auf  Gesuch  hin  vier  Jahre  aufrechterhalten  werden  könne.  Daraus  kann  jedoch  nicht  der  Schluss  gezogen  werden,  auch  die  Flüchtlingseigenschaft  dürfe  nicht  entzogen  werden,  wenn  der  Flüchtling  eine  Erkundigung  zu  den  Rückkehrmöglichkeiten  unternehme.  Ein  Flüchtling  ist  im Gegensatz  zu  einem Ausländer oder einer Ausländerin in ihrer beziehungsweise seiner  Heimat ernsthaften Nachteilen im Sinne von Art. 3 AsylG ausgesetzt oder  hat begründete Furcht, solchen Nachteilen ausgesetzt zu werden. Zudem  gilt  bei  Flüchtlingen  das  Rückschiebungsverbot  (vgl.  Art. 5  AsylG).  Die  Aberkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  und  den  Widerruf  des  Asyls  gemäss  Art. 63  AsylG  können  deshalb  nicht  mit  dem  Erlöschen  und  Widerruf  von  Bewilligungen  eines  Ausländers  oder  einer  Ausländerin  gleichgesetzt werden. Ferner wird in der Beschwerde bestätigt, dass der  Beschwerdeführer mit seinem Flüchtlingspass in den Irak kontrolliert ein­  und  ausgereist  ist.  Dieses  Verhalten  zeigt  auf,  dass  der  Beschwerdeführer  den  Kontakt  mit  den  Organen  des  Staates  nicht  zu  vermeiden  versuchte,  und  insofern  –  was  bereits  ausreicht  –  die  Unterschutzstellung zumindest in Kauf genommen hat (BVGE 2010/17 E.  5.2.3  S.  203).  In  der  Beschwerde  wird  zwar  ausgeführt,  die  Sicherheitskräfte in D._______ hätten keine Kenntnis von der zehn Jahre  zurückliegenden  Verurteilung  in  E._______  gehabt,  weswegen  er  die  Grenze  unbehelligt  habe  passieren  können.  Gemäss  seinen  Ausführungen  in  der  Stellungnahme  vom  4. Februar  2009  hat  sich  der  Beschwerdeführer  aber  nicht  nur  in  D._______,  sondern  auch  in  E._______  aufgehalten  (vgl.  act. C5/4  S. 1).  Er  macht  zwar  geltend,  er  habe das Haus nie ohne seinen einflussreichen Onkel verlassen und sich  in Anwesenheit  seines Onkels  nicht  vor  einer Verhaftung  gefürchtet,  da  dieser  ein  angesehener  (…),  (…)  und  Mitglied  der  (…)  sei.  Einerseits  erstaunt  diese  Aussage,  zumal  ihm  dieser  Onkel  den  Schutz  vor  einer  Verhaftung  vor  seiner  Ausreise  aus  dem  Irak  im  Jahre  1998  angeblich  nicht  geben konnte  (vgl.  act. A1/8 S. 4, A4/27 S. 12). Andererseits  lässt  diese Aussage aber auch darauf schliessen, dass der Beschwerdeführer  sich  im  Nordirak  in  der  Öffentlichkeit  bewegte  und  nicht  beabsichtigte,  seinen  Aufenthalt  zu  verheimlichen.  Vor  diesem  Hintergrund  sind  dem  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  im  Nordirak  insgesamt  hinreichende 

D­1742/2009 Anhaltspunkte  zu  entnehmen,  um  unzweifelhafte  Rückschlüsse  auf  das  Fehlen  einer  Verfolgungsfurcht  und  auf  die  subjektive  Empfindung –  ausreichenden, effektiven Schutz zu erhalten – ziehen zu können. Unter  diesen  Umständen  ist  insgesamt  festzustellen,  dass  sowohl  die  Inanspruchnahme  von  Dienstleistungen  irakischer  Grenzbehörden  wie  auch  der  Aufenthalt  im  Irak  selbst  als  Unterschutzstellung  unter  den  Heimatstaat  zu werten  sind.  Schliesslich  rechtfertigt  der Umstand,  dass  der Beschwerdeführer offenbar  in den  Irak einreisen, sich  in D._______  und  E._______  während  zwei  Wochen  ohne  Zwischenfälle  aufhalten  konnte und  in der Folge über einen offiziellen Grenzübergang und unter  Inanspruchnahme der grenzpolizeilichen Formalitäten wieder ungehindert  aus  dem  Land  ausreisen  konnte,  die  Annahme,  er  sei  während  des  Aufenthaltes im Nordirak nicht mehr gefährdet gewesen, sondern effektiv  geschützt worden (BVGE 2010/17 E. 5.3 S. 204).  5.4. Zusammenfassend ergibt sich, dass die in Art. 1 Bst. C Ziff. 1 FK und  Art. 63  Abs. 1  Bst. b  AsylG  statuierten  Voraussetzungen  für  die  Aberkennung  der  Flüchtlingseigenschaft  als  erfüllt  zu  erachten  sind.  Es  erübrigt  sich deshalb auf die weiteren Ausführungen  in der Beschwerde  und  die  eingereichten  Beweismittel  einzugehen,  da  sie  an  dieser  Würdigung des Sachverhalts  nichts  zu ändern  vermögen. Das BFM hat  dem  Beschwerdeführer  zu  Recht  die  Flüchtlingseigenschaft  aberkannt  und  das  Asyl  widerrufen.  Die  Beschwerde  ist  demnach  ohne  Durchführung  eines  Schriftenwechsels  (Art.  111a  Abs.  1  AsylG)  abzuweisen. 6.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  in  der  Höhe  von  insgesamt  Fr. 600.–  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  und  mit  dem  am  6. April  2009  geleisteten  Kostenvorschuss  von  Fr. 600.–  zu  verrechnen (Art. 63 Abs. 1 und 5 VwVG i. V. m. Art. 1–3 des Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

D­1742/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.–  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt  und  mit  dem  geleisteten  Kostenvorschuss  von  Fr. 600.–  verrechnet. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Walter Lang Sarah Mathys Versand:  

D­1742/2009 Zustellung erfolgt an: – den Rechtsvertreter des Beschwerdeführers (Einschreiben) – das BFM, Asyl und Rückkehr, Zentrale Verfahren und Rückkehr, mit  den Akten N (…) (per Kurier; in Kopie) – (…)

D-1742/2009 — Bundesverwaltungsgericht 02.09.2011 D-1742/2009 — Swissrulings