Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 13.10.2011 D-1366/2011

13 octobre 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,587 mots·~8 min·2

Résumé

Vollzug der Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 28. Januar 2011

Texte intégral

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­1366/2011/sed Urteil   v om   1 3 .   O k t ob e r   2011 Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz), Richter Bendicht Tellenbach, Richter Pietro Angeli­Busi; Gerichtsschreiber Matthias Jaggi. Parteien A._______, geboren (…),  alias B._______, geboren (…), Kongo (Kinshasa),   vertreten durch lic. iur. Isabelle Müller, Caritas Schweiz,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Vollzug der Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 28. Januar 2011 / N (…).

D­1366/2011 Sachverhalt: A.  Eigenen  Angaben  zufolge  gelangte  der  Beschwerdeführer  am  14.  November  2008  in  die  Schweiz,  wo  er  am  gleichen  Tag  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  C._______  um  Asyl  nachsuchte.  Dazu  wurde er am 5. Dezember 2008 vom BFM im Transitzentrum D._______  befragt  (Kurzbefragung)  und  am  10.  Dezember  2008  vom  BFM  in  E._______ zu seinen Asylgründen angehört (Anhörung).  B.  Im Wesentlichen machte  der  Beschwerdeführer  zur  Begründung  seines  Asylgesuchs geltend, er stamme aus F._______  (Provinz Süd­Kivu), sei  jedoch im ersten Lebensjahr zusammen mit seinen Eltern nach Kinshasa  gezogen,  wo  er  bis  zu  seiner  Ausreise  gelebt  habe.  Wegen  des  Familiennamens  "(…)"  habe  seine  Familie  Schwierigkeiten  in  seinem  Heimatland  gehabt,  da  die  Leute  gedacht  hätten,  sie  hätten  etwas  mit  Colonel  G._______,  einem Mitarbeiter  von  Laurent  Nkunda,  zu  tun.  Im  März  2007  sei  es  auf  den  Strassen  von  Kinshasa  zu  Ausschreitungen  zwischen den Truppen von Josef Kabila (Präsident) und denjenigen von  Jean­Pierre  Bemba  gekommen.  Mit  einer  Gruppe  von  Strassenkindern  habe er die Truppen von Bemba begleitet. Plötzlich sei er zusammen mit  seinen  Freunden  von  Soldaten  festgenommen  und  in  ein  Gefängnis  gebracht worden, wo man sie geschlagen und über  ihre Identität befragt  habe.  Als  die  Soldanten  seinen  Namen  erfahren  hätten,  hätten  sie  ihn  nach dem Aufenthaltsort seines Vaters gefragt und gesagt, sein Vater sei  aufgrund  seines  Namens  wahrscheinlich  ein  Komplize  von  General  Laurent Nkunda, da Colonel G._______ dessen Anhänger sei. Während  seine  Freunde  in  der  Folge  freigelassen worden  seien,  habe  er  in  Haft  bleiben müssen, wo er immer wieder nach dem Aufenthalt seines Vaters  gefragt  und  geschlagen worden  sei,  da man  seinen Aussagen, wonach  sein  Vater  im  Jahre  2005  nach  F._______  gezogen  sei,  nicht  geglaubt  habe. Im Juni 2007 sei er mit der Hilfe eines ihm bekannten Pastors, den  einer  seiner  freigelassenen  Freunde  benachrichtigt  habe,  aus  der  Haft  entlassen  worden.  Da  der  Pastor  befürchtet  habe,  dass  ihm  –  dem  Beschwerdeführer – etwas schlimmes passiere, wenn er das Land nicht  verlasse,  habe  der  Pastor  seine Ausreise  organisiert.  Am  27.  Juli  2008  sei er zusammen mit einem alten Mann von Kinshasa nach Casablanca  geflogen,  von  wo  sie  am  nächsten  Tag  nach  Frankfurt  weiter  gereist  seien. Von dort seien sie per Auto nach Frankreich gefahren, wo er sich 

D­1366/2011 zirka drei Monate aufgehalten habe. Danach sei er mit einem Auto unter  Umgehung der Grenzkontrolle in die Schweiz gebracht worden.  Im  Laufe  des  Verfahrens  vor  der  Vorinstanz  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  auf  seinen  Namen  ausgestellte  "Attestation  de  perte des pièces d'Identité" zu den Akten.  C.  Mit  Verfügung  vom  28.  Januar  2011  –  eröffnet  am  1.  Februar  2011 –  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft nicht, und  lehnte das Asylgesuch ab. Gleichzeitig  verfügte  es  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  deren  Vollzug.  Als  Begründung  führte  die  Vorinstanz  im Wesentlichen  aus,  die  Vorbringen  des Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an die Glaubhaftigkeit  gemäss Art. 7 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31)  nicht  stand,  da  sie  in  wesentlichen  Punkten  widersprüchlich  und  nicht  genügend substanziiert seien sowie der allgemeinen Erfahrung oder der  Logik  des  Handelns  widersprächen.  Ausserdem  sei  der  Wegweisungsvollzug  nach  Kongo  (Kinshasa)  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Für  den weiteren  Inhalt wird  auf  die Verfügung  der Vorinstanz  verwiesen.  D.  Mit  Beschwerde  vom  28.  Februar  2011  (Poststempel)  an  das  Bundesverwaltungsgericht  liess  der  Beschwerdeführer  durch  seine  Rechtsvertreterin  beantragen,  die  Ziffern  4  und  5  des  angefochtenen  Entscheides des BFM seien aufzuheben, es sei die Unzumutbarkeit des  Vollzugs der Wegweisung festzustellen und ihm sei als Folge davon von  Amtes  wegen  die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  ersuchte  der  Beschwerdeführer  um  Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege sowie um Verzicht  auf die  Erhebung eines Kostenvorschusses.  Als  Begründung  wurde  im  Wesentlichen  ausgeführt,  der  Beschwerdeführer  habe  ab  dem  zweiten  Lebensjahr  in  Kinshasa  gewohnt.  Seine Mutter  sei  im  Jahre  2004  verstorben  und  seinen  Vater  habe  er  im  Dezember  2005  zu  letzten  Mal  gesehen;  seither  sei  er  verschwunden.  Geschwister  habe  der  Beschwerdeführer  keine,  ebenso  auch keine weiteren Familienangehörigen. Vor einiger Zeit habe er beim  Suchdienst  des  Schweizerischen  Roten  Kreuzes  eine  Suche  nach  seinem  Vater  in  Auftrag  gegeben.  Er  hoffe  sehr,  dadurch  ein 

D­1366/2011 Lebenszeichen  von  seinem  Vater  zu  erhalten.  Die  Annahme  des  BFM,  wonach sich der Vater des Beschwerdeführers noch in Kongo (Kinshasa)  aufhalte, sei im Lichte dieser Darlegungen nicht als erhärtet zu erachten.  Aufgrund  des Umstandes,  dass  die  Familie  des  Beschwerdeführers  die  Provinz  Süd­Kivu  vor  vielen  Jahren  verlassen  habe,  sei  es  nicht  erstaunlich  und  unglaubhaft,  dass  er  zu  dort  allfällig  noch  lebenden  Verwandten keinen Kontakt mehr habe  respektive gar nie gehabt habe.  Würde  er  im  Heimatland  über  ihm  nahestehende  Bekannte  oder  Familienmitglieder  verfügen,  stünde  er mit  diesen  von  der  Schweiz  aus  zudem  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  in  Verbindung.  Neben  dem  fehlenden  familiären  Beziehungsnetz  falle  auch  ins  Gewicht,  dass  der  jugendliche  Beschwerdeführer  über  keine  Berufsausbildung  verfüge,  welche  es  ihm  erlaube,  im  Heimatland  eine  existenzsichernde  Lebensgrundlage  aufzubauen.  Die  Vorinstanz  anerkenne  diesen  Umstand  zwar  an,  weise  aber  darauf  hin,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  während  einiger  Zeit  mit  Gelegenheitsarbeiten  durchgeschlagen  habe,  weshalb  er  im  Falle  der  Rückkehr  in  der  Lage  sein  sollte,  ein  soziales  Beziehungsnetz  aufzubauen.  Das  Leben  als  Strassenkind könne allenfalls als soziales Netz angesehen werden. Dass  es sich hierbei aber um ein tragfähiges Umfeld handle, sei zu bezweifeln.  Entgegen  der  Auffassung  der  Vorinstanz  sei  daher  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Falle  einer  Rückkehr  nach  Kinshasa  ernsthaft  gefährdet  wäre,  weswegen  der  Wegweisungsvollzug  als  unzumutbar  zu  bezeichnen  sei.  Auf  die  weitere  Begründung  der  Beschwerde  wird,  soweit  für  den  Entscheid  wesentlich,  in  den  nachfolgenden Erwägungen eingegangen. Der  Beschwerde  lagen  ein  E­Mail­Ausdruck,  ein  Sozialbericht  vom  23.  Februar  2011,  vier  Schreiben,  ein  Zeugnis  sowie  eine  Fürsorgebestätigung vom 15. Februar 2011 bei. E.  Mit  Verfügung  vom  11.  März  2011  ordnete  der  Instruktionsrichter  des  Bundesverwaltungsgerichts an, dass der Beschwerdeführer den Ausgang  des Verfahrens in der Schweiz abwarten könne. Gleichzeitig verfügte der  Instruktionsrichter,  dass  über  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Endentscheid  befunden  und  auf  die  Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet werde. Ausserdem wurde  die  Vorinstanz  zur  Einreichung  einer  Stellungnahme  bis  zum  25.  März  2011 eingeladen. 

D­1366/2011 F.  In ihrer Vernehmlassung vom 22. März 2011 hielt die Vorinstanz an ihrer  Verfügung  fest  und  beantragte  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Die  Vernehmlassung des BFM wurde dem Beschwerdeführer mit Verfügung  vom 24. März 2011 zur Kenntnis gebracht.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG,  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  52  VwVG).  Der  Beschwerdeführer  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise Änderung; er ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG).  Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

D­1366/2011 3.  Die  Beschwerde  richtet  sich  gemäss  den  Rechtsbegehren  und  der  Begründung  ausschliesslich  gegen  den  Vollzug  der  von  der  Vorinstanz  verfügten Wegweisung. Die Verfügung des BFM vom 28. Januar 2011 ist,  soweit  sie  die Frage  der  Flüchtlingseigenschaft  und  der Asylgewährung  betrifft (Ziffn. 1 und 2 des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfügung),  in  Rechtskraft erwachsen, und auch die Anordnung der Wegweisung (Ziff. 3  des Dispositivs)  ist  nicht mehr  zu  überprüfen  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  [vormaligen]  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [ARK; EMARK]  2001 Nr.  21). Gegenstand des  vorliegenden Verfahrens  bildet  somit  lediglich  die  Frage,  ob  das  Bundesamt  den  Vollzug  der  Wegweisung zu Recht als zulässig, zumutbar und möglich erklärt hat. 4.  4.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 4.2.  4.2.1.  Der  Vollzug  ist  nicht  zulässig,  wenn  völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr läuft, zur Ausreise in ein solches Land gezwungen zu werden (Art.  5 Abs. 1 AsylG; vgl. ebenso Art. 33 Abs. 1 des Abkommens vom 28. Juli  1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]).

D­1366/2011 Gemäss  Art.  25  Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101),  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10.  Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR  0.105)  und  der  Praxis  zu  Art.  3  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutze  der  Menschrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 4.2.2.  Da  rechtskräftig  feststeht,  dass  es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung  nachzuweisen  oder  glaubhaft  zu machen,  kann das  in Art.  5 AsylG  verankerte Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Non­Refoulements  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  nach  Kongo  (Kinshasa)  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von  Art.  5  AsylG  rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung in sein Heimatland dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art.  3  EMRK  oder  Art.  1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft machen,  dass  ihm  im Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28.  Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§  124­127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Dies  ist  ihm  nicht  gelungen,  zumal  seine  Verfolgungsvorbringen  übereinstimmend  mit  der  Vorinstanz  als  unglaubhaft  zu  beurteilen  sind.  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  Kongo  (Kinshasa)  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl  im Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 4.3.  4.3.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und Ausländer  unzumutbar  sein, wenn  sie  im Heimatland  aufgrund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizini­ scher  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung 

D­1366/2011 festgestellt, ist – unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen und Ausländer vom 8. März 2002, BBl 2002 3818). 4.3.2. Hinsichtlich  der  allgemeinen  Situation  in  Kongo  (Kinshasa)  kann  auf die detaillierte, noch von der ARK in EMARK 2004 Nr. 33 publizierte  Lageanalyse verwiesen werden, die das Bundesverwaltungsgericht als im  Wesentlichen  weiterhin  zutreffend  erachtet.  Namentlich  geht  es  davon  aus,  dass  in  Kongo  (Kinshasa)  keine  landesweite  Bürgerkriegssituation  oder Situation allgemeiner Gewalt herrscht. Ende März 2007 kam es  im  Westen  des  Landes  und  in  der  Hauptstadt  Kinshasa  zwischen  der  regulären  kongolesischen  Armee  und  der  Garde  von  Ex­Rebellenchef  Jean­Pierre  Bemba  zu  blutigen  Auseinandersetzungen.  Nach  der  Niederlage  von  Bemba  und  dessen  Reise  ins  Exil  nach  Portugal  beruhigte sich die Lage.  In Kinshasa  ist es danach zu keinen grösseren  Gewaltausbrüchen  mehr  gekommen,  und  es  kann  in  Bezug  auf  den  Westen  des  Landes  und  die  Hauptstadt  Kinshasa  nicht  generell  von  Krieg,  Bürgerkrieg  oder  von  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  gesprochen werden.  4.3.3. Die Rückkehr von Personen aus Kongo (Kinshasa) kann indes nur  unter bestimmten, eingeschränkten Umständen als zumutbar bezeichnet  werden,  nämlich  dann,  wenn  sich  der  letzte  Wohnsitz  der  betroffenen  Person  in  der  Hauptstadt  Kinshasa  oder  in  einer  anderen,  über  einen  Flughafen verfügenden Stadt  im Westen des Landes befand, oder wenn  die  Person  in  einer  dieser  Städte  über  ein  gefestigtes  Beziehungsnetz  verfügt.  Trotz  Vorliegens  dieser  Kriterien  erscheint  der  Vollzug  der  Wegweisung  jedoch  nach  Prüfung  und  Abwägung  der  individuellen  Umstände  in aller Regel als nicht zumutbar, wenn die zurückzuführende  Person (kleine) Kinder bei sich hat, für mehrere Kinder verantwortlich ist,  sich  in einem  fortgeschrittenen Alter befindet, oder wenn es sich bei  ihr  um  eine  alleinstehende,  über  kein  soziales  oder  familiäres  Netz  verfügende Frau handelt (vgl. EMARK 2004 Nr. 33). 4.3.4. Der gemäss den Akten heute neunzehnjährige Beschwerdeführer  wohnte  nach  eigenen  Aussagen  ab  seinem  ersten  Lebensjahr  bis  zu  seiner  Ausreise  aus  seinem  Heimatland  im  Juli  2008  in  Kinshasa.  Aufgrund  seiner  langen  Aufenthaltsdauer  in  dieser  Stadt  sowie  seinen  Äusserungen anlässlich der Befragungen ist davon auszugehen, dass er  dort  Freundschaften  aufgebaut  hat,  auf  die  er  bei  einer  Rückkehr  bei  Bedarf  zurückgreifen  kann.  Nachdem  sich  die  von  ihm  geltend 

D­1366/2011 gemachten  Verfolgungsvorbringen  als  unglaubhaft  erwiesen  haben,  bestehen  gewichtige  Zweifel,  dass  er  in  Kinshasa  beziehungsweise  in  seinem  Heimatland  über  kein  familiäres  Beziehungsnetz  verfügt,  zumal  seine Behauptung anlässlich der Kurzbefragung, wonach er die Familien  seines Vaters und seiner Mutter nicht kenne (Akten BFM A 1/10, S. 3), im  afrikanischen  Kontext  wenig  realistisch  erscheint.  Demzufolge  ist –  entgegen  den Vorbringen  des Beschwerdeführers  –  anzunehmen,  dass  er  in  Kinshasa  respektive  in  seinem  Heimatland  über  ein  tragfähiges  Beziehungsnetz verfügt, welches ihm bei der Reintegration behilflich sein  wird.  Der  Beschwerdeführer  hat  gemäss  eigenen  Aussagen  vor  seiner  Ausreise aus Kongo (Kinshasa) Gelegenheitsarbeiten verrichtet und sich  so  seinen  Lebensunterhalt  verdient.  Er  spricht  zudem  Lingala,  seine  Muttersprache,  und  verfügt  über  Französisch­  und  Deutschkenntnisse.  Überdies  hat  er  in  seinem  Heimatland  während  sechs  Jahren  die  Primarschule  besucht  und  in  der  Schweiz  eine  weiterführende  Schulausbildung genossen, weshalb davon auszugehen ist, er werde sich  bei einer Rückkehr nach Kinshasa auch beruflich  integrieren können.  In  diesem  Zusammenhang  ist  auf  die  Möglichkeit  der  Beantragung  von  Rückkehrhilfe  durch  die  Schweiz  zu  verweisen,  die  dem  Beschwerdeführer den Wiedereinstieg  in seine Heimat erleichtern dürfte  (Art.  93  Abs.  1  Bst.  d  AsylG;  Art.  73  ff.  der  Asylverordnung  2  vom  11.  August 1999 über Finanzierungsfragen  [AsylV 2, SR 142.312]). Sodann  sind keine weiteren persönlichen Gründe ersichtlich, aufgrund derer unter  Umständen geschlossen werden könnte, der Beschwerdeführer gerate im  Falle  der  Rückkehr  in  eine  existenzbedrohende  Situation,  zumal  keine  gesundheitlichen  Beeinträchtigungen  aktenkundig  sind.  Nach  Berücksichtigung aller wesentlicher Entscheidungselemente erweist  sich  der Vollzug der Wegweisung des Beschwerdeführers nach Kinshasa als  zumutbar.  Die  Ausführungen  in  der  Beschwerde  vermögen  an  dieser  Einschätzung nichts zu ändern. Was insbesondere die geltend gemachte  gute  Integration  in  der  Schweiz  anbelangt,  ist  festzuhalten,  dass  die  beinahe  dreijährige  Aufenthaltsdauer  in  der  Schweiz  einem  Wegweisungsvollzug nicht entgegen steht,  zumal der Beschwerdeführer  den  weitaus  überwiegenden  Teil  seines  bisherigen  Lebens  in  seinem  Heimatland  verbracht  hat,  weshalb  es  ihm  zumutbar  ist,  in  seinen  gewohnten Kultur­ und Lebenskreis zurückzukehren. Von einer über das  übliche  Mass  hinausgehenden  Entwurzelung  ist  vorliegend  nicht  auszugehen. 4.4. Schliesslich obliegt es dem Beschwerdeführer, sich bei der zuständi­ gen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen 

D­1366/2011 Reisedokumente  zu  beschaffen  (Art.  8  Abs.  4  AsylG;  vgl.  auch  BVGE  2008/34 E. 12 S. 513 ff.), weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als  möglich zu bezeichnen ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 4.5.  Insgesamt  ist  der  durch  die  Vorinstanz  verfügte  Vollzug  der  Wegweisung  zu  bestätigen.  Die  Vorinstanz  hat  diesen  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung der  vorläufigen Aufnahme ausser Betracht  (Art.  83 Abs.  1­4  AuG). 5.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die Beschwer­ de ist nach dem Gesagten abzuweisen. 6.  6.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  wären  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art. 63 Abs. 1 VwVG). Dieser  ersuchte  jedoch um die Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von  Art.  65  Abs.  1  VwVG.  Danach  kann  die  Beschwerdeinstanz  eine  bedürftige  Partei,  deren  Begehren  nicht  aussichtslos  erscheinen,  auf  Gesuch davon befreien, Verfahrenskosten zu bezahlen.  6.2.  Vorliegend  ist  von  der  Bedürftigkeit  des  Beschwerdeführers  auszugehen. Auch können die Begehren der Beschwerde (zumindest im  Wegweisungsvollzugspunkt)  nicht  als  aussichtslos  bezeichnet  werden.  Das Gesuch  um Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  ist  somit  gutzuheissen, weshalb keine Verfahrenskosten aufzuerlegen sind. (Dispositiv nächste Seite)

D­1366/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird gutgeheissen.  3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt.  4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Robert Galliker Matthias Jaggi Versand:

D-1366/2011 — Bundesverwaltungsgericht 13.10.2011 D-1366/2011 — Swissrulings