RVJ / ZWR 2012 149 Zivilrecht – Eherecht – Ehescheidung – Scheidungsfolgen – Kindesunterhalt – KGE (I. Zivilrechtliche Abteilung) vom 9. November 2011, X. c. Y. – TCV C1 11 94 Unterhaltsbeitrag für das Kind: Bemessung (Änderung der Rechtsprechung) – Das Gesetz schreibt keine konkrete Bemessungsmethode vor. Bei Anwendung der Zürcher Tabellen ist Folgendes zu beachten: – Der Betrag für «Pflege und Erziehung» darf ausser Acht gelassen werden. – Die Kosten für «Ernährung» und «Bekleidung» sind landesweit ungefähr gleich hoch, weshalb die Tabellenwerte zu übernehmen sind. – Die Bedarfswerte für die «Unterkunft» sind mit Rücksicht auf die tieferen Wohnkosten im Wallis um etwa 20% herabzusetzen. – Die unter «Weitere Kosten» enthaltenen Beträge für Telefon, Radio und Fernsehen sowie Versicherungen sind in Abzug zu bringen, wenn sie im Grundbetrag des obhutsberechtigten Elternteils bereits berücksichtigt sind. Der danach verbleibende Restbetrag ist um ca. 15% zu reduzieren. Ref. CH: Art. 133 ZGB, Art. 285 ZGB Ref. VS: – Contribution d’entretien de l’enfant: fixation (modification de la jurisprudence) – La loi ne prescrit pas de méthode particulière pour le calcul de l’entretien de l’enfant. En cas d’application des «tabelles zurichoises», il convient d’observer ce qui suit: – Le poste «soins et éducation» n’est pas pris en considération. – Les frais de «nourriture» et d’habillement sont, au niveau national, pour l’essentiel identiques, en sorte que les valeurs des «tabelles» doivent être reprises. – Le coût d’entretien afférent au «logement» doit être réduit parce que les frais y relatifs sont, en Valais, inférieurs de quelque 20%. – Les montants pour le téléphone, la radio, la télévision, ainsi que pour les assurances, compris dans le poste «frais divers», doivent être déduits lorsqu’ils sont déjà comptés dans les besoins d’existence du parent attributaire de la garde. Le solde est réduit d’environ 15%. Réf. CH: art. 133 CC, art. 285 CC Réf. VS: – Verfahren (gekürzt) Mit Urteil vom 24. August 2010 setzte das Kantonsgericht u.a. die Unterhaltsbeiträge für die Tochter der erstinstanzlich rechtskräftig geschiedenen X. und Y. fest. Gemäss der in der ZWR 2003 S. 265 ff. und 2002 S. 178 ff. publizierten kantonalen Rechtsprechung wandte es dabei die Zürcher Tabellen an, deren Bedarfswerte es um 30% kürzte. Eine von der Mutter X. dagegen erhobene Beschwerde in Zivilsachen hiess das Bundesgericht am 21. April 2011 gut (5A_690/2010) mit der Begründung, ceg Texte tapé à la machine ceg Texte tapé à la machine KGVS C1 11 94 ceg Texte tapé à la machine
eine derartige pauschale Kürzung verletze Bundesrecht; es hob das angefochtene Urteil in diesem Punkt auf und wies die Angelegenheit zu neuem Entscheid an das Kantonsgericht zurück. Dieses legte den Kindesunterhalt im Sinne der bundesgerichtlichen Erwägungen neu fest. Aus den Erwägungen 2. a) aa) Der Unterhaltsbeitrag für das Kind wird im Fall der Scheidung nach Art. 285 ZGB bemessen (Art. 133 Abs. 1 ZGB). Er soll den Bedürfnissen des Kindes sowie der Lebensstellung und der Leistungsfähigkeit der Eltern entsprechen und ausserdem Vermögen und Einkünfte des Kindes sowie den Beitrag des nicht obhutsberechtigten Elternteils an der Betreuung des Kindes berücksichtigen (Art. 285 Abs. 1 ZGB). Das Gesetz schreibt keine konkrete Bemessungsmethode vor. Die Festsetzung des Unterhaltsbeitrages bleibt ein Ermessensentscheid, bei dem alle bedeutenden Umstände berücksichtigt werden müssen (Art. 4 ZGB; BGE 134 III 577 E. 4; 135 III 59 E. 4.4). Bei guten finanziellen Verhältnissen sollten der Kindesunterhalt und der Bedarf des Kindes auf Grund der massgeblichen Lebenshaltung des Unterhaltspflichtigen konkret bemessen werden. Gemäss bundesgerichtlicher Rechtsprechung kommt die Berechnung der «tatsächlich gelebten Lebensstellung» (BGE 116 II 110 E. 3b) bzw. die konkrete Bedarfsermittlung nicht ohne gewisse Pauschalierungen aus, sodass das Abstellen auf vorgegebene Bedarfszahlen wie z.B. die Zürcher Tabellen unumgänglich und zulässig ist, soweit die erforderlichen Anpassungen vorgenommen werden (Bundesgerichtsurteil 5A_690/2010 vom 21. April 2011 E. 2.1 mit Hinweisen). Gemäss dem zitierten Entscheid stellen die Beträge gemäss solchen Tabellen lediglich ein Hilfsmittel für die Festsetzung des Unterhaltsbeitrags dar und haben Richtwertcharakter. bb) Im konkreten Fall hält das Bundesgericht das Vorgehen des Kantonsgerichts, indem es aus dem Umstand der unterschiedlichen Wohnkosten auf einen gleichen Unterschied in den Lebenskosten den Totalbedarf gemäss Zürcher Tabellen pauschal um 30% gekürzt hat, in zweierlei Hinsicht für bundesrechtswidrig. Erstens könne aus einem Unterschied in den Wohnkosten nicht auf einen gleichen Unterschied in den generellen Lebenshaltungskosten geschlossen werden, denn es sei nicht einsichtig, und es läge hiefür keine nachvollziehbare Erklärung vor, weshalb die Kosten für Ernährung und Bekleidung in Sitten im gleichen Verhältnis tiefer sein sollten wie die Mieten. Zweitens beruhten die Zürcher Tabellen nicht etwa auf statistischen Werten der Agglomeration Zürich, sondern auf gesamtschweizerischen Durchschnittswerten, die – nach Angaben 150 RVJ / ZWR 2012