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Bundesverwaltungsgericht 18.01.2012 E-8819/2010

January 18, 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,800 words·~14 min·2

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 19. November 2010

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­8819/2010 Urteil   v om   1 8 .   J a nua r   2012 Besetzung Richter Kurt Gysi (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo,  Richterin Regula Schenker Senn;    Gerichtsschreiberin Barbara Balmelli. Parteien A._______, geboren am (…), Türkei,   vertreten durch Gabriel Püntener, Rechtsanwalt,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 19. November 2010 / N (…).

E­8819/2010 Sachverhalt: A.  Eigenen Angaben  zufolge  verliess  der Beschwerdeführer  die Türkei  am  16. Juli 2010 und  reiste am 19. Juli 2010  in die Schweiz ein, wo er am  folgenden  Tag  um  Asyl  nachsuchte.  Am  29.  Juli  2010  wurde  der  Beschwerdeführer  im Empfangs­ und Verfahrenszentrum Basel erstmals  befragt. Das BFM hörte ihn am 12. August 2010 zu den Asylgründen an.  Im Wesentlichen machte der Beschwerdeführer geltend, er stamme aus  B._______  (Provinz C._______)  und  sei  kurdischer  Ethnie.  Als  er  zehn  Jahre alt gewesen sei, sei seine Mutter gestorben. Ein Jahr später habe  sein  Vater  wieder  geheiratet  und  ihn  gezwungen,  die  Schule  zu  verlassen, um ihm bei der Arbeit (...) zu helfen. 2007 habe die Stiefmutter  verlangt,  dass  er  das  Haus  seines  Vaters  verlasse.  Er  sei  zu  seinem  Onkel beziehungsweise dessen Ehefrau nach D._______ gezogen, wo er  Arbeit  in  einem  F._______  gefunden  habe.  In  einem Hinterzimmer  des  F._______ habe sich G._______, der Besitzer des F._______, jeweils mit  Freunden getroffen. Etwa  fünf Monate nach seinem Arbeitsbeginn habe  ihn G._______ angesprochen und als Muslim aufgefordert,  ebenfalls an  diesen Treffen teilzunehmen. Er habe abgelehnt, worauf  ihm G._______  eine  Bedenkfrist  eingeräumt  habe.  In  der  Folge  habe  ihn  G._______  mehrmals  aufgefordert,  an  den  Versammlungen  teilzunehmen.  Er  habe  stets abgelehnt. Um seinen Arbeitsplatz nicht zu verlieren, habe er aber  regelmässig die Mosche besucht. Am 7. Juli 2010 habe er seine schwer  erkrankte  Grossmutter  im  Krankenhaus  von  D._______  besucht.  Nach  zwei Tagen habe er an seine Arbeit zurückkehren wollen. Dabei habe er  feststellen müssen, dass das F._______ von Polizisten umstellt  sei. Ein  Bekannter  habe  ihm  erzählt,  dass  im  hinteren  Zimmer  des  F._______  unter anderem eine Bombe gefunden worden sei und G._______ sowie  dessen weiterer Angestellter  verhaftet worden seien. Eine halbe Stunde  später habe er – der Beschwerdeführer – seine Tante angerufen, welche  ihm mitgeteilt  habe,  dass  er  bereits  von  vier  Polizisten  bei  ihr  gesucht  worden sei. Umgehend habe er einen Onkel kontaktiert, welcher ihn nach  H._______  geschickt  habe.  Aus  Angst  vor  einer  Verhaftung  sei  er  ausgereist. Im  Übrigen  gab  der  Beschwerdeführer  zu  Protokoll,  es  gehe  ihm  psychisch nicht gut, da seine Mutter und Grossmutter gestorben seien. Er  könne nachts nicht schlafen. 

E­8819/2010 B.  Mit  Schreiben  vom  13.  August  2010  an  das  BFM  verwies  der  Beschwerdeführer  auf  seinen  schlechten  psychischen  Zustand  und  ersuchte  um  eine  nähere  Untersuchung.  Mit  Zwischenverfügung  vom  23. August 2010 setzte das BFM dem Beschwerdeführer, unter Hinweis  auf  dessen  Mitwirkungspflicht,  Frist  zur  Einreichung  eines  ärztlichen  Berichts.  Fristgerecht  reichte  der  Beschwerdeführer  einen  Bericht  von  Dr. med.  I._______,  Psychosomatische  Medizin  SAPPA,  vom  7. September 2010, ein.  C.  Mit  Verfügung  vom  19.  November  2010  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  lehnte  das  Asylgesuch ab,  verfügte  die Wegweisung aus der Schweiz  und erklärte  den Vollzug der Wegweisung als durchführbar. D.  Mit  Eingabe  vom  27.  Dezember  2010  beantragt  der  Beschwerdeführer  durch  seinen  Rechtsvertreter  beim  Bundesverwaltungsgericht,  die  Verfügung des BFM sei wegen Verletzung formellen Rechts aufzuheben  und  die  Sache  sei  zur  Feststellung  des  vollständigen  Sachverhalts  und  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen.  Eventualiter  sei  die  Verfügung  aufzuheben  und  die  Sache  zur  Feststellung  des  vollständigen  und  richtigen  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  zur  Neubeurteilung  an  das  BFM  zurückzuweisen.  Subeventuell  sei  die  Verfügung  aufzuheben  und  die  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen.  Subsubeventuell  sei die Verfügung  in den Punkten 4 und 5 aufzuheben  und  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen.  In  formeller  Hinsicht  wird  beantragt,  vor  Gutheissung  der  Beschwerde  sei  dem Rechtsvertreter  Frist  zur Einreichung einer  detaillierten Kostennote  anzusetzen.  Ferner  sei  ihm  das  für  das  Verfahren  zuständige  Spruchgremium bekannt zu geben. Als  Beweismittel  reichte  der  Beschwerdeführer  vier  Zeitungsartikel  in  Kopie beziehungsweise als Internetausdrucke zu den Akten. E.  Mit Zwischenverfügung vom 19. Januar 2011 teilte der Instruktionsrichter  dem  Beschwerdeführer  antragsgemäss  die  Zusammensetzung  des  Spruchgremiums  mit  und  setzte  ihm  Frist  zur  Leistung  eines  Kostenvorschusses.

E­8819/2010 F.  Innert der angesetzten Frist ersuchte der Beschwerdeführer um Befreiung  von  der  Bezahlung  des  einverlangten  Kostenvorschusses  und  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege.  Am  7.  Februar  2011  reichte er eine Fürsorgebestätigung der J._______, vom 2. Februar 2011,  zu den Akten. G.  Mit Zwischenverfügung vom 9. Februar 2011 hob der  Instruktionsrichter  die Dispositivziffern 3 und 4 der Zwischenverfügung vom 19. Januar 2011  wiedererwägungsweise  auf  und  hiess  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gut.  Sodann  setzte  er  dem  Beschwerdeführer  Frist  zur  Einreichung  eines  aktuellen  ärztlichen  Zeugnisses. H.  Das  BFM  beantragte  in  der  Vernehmlassung  vom  20.  April  2011  die  Abweisung der Beschwerde. Mit Zwischenverfügung vom 28. April 2011  unterbreitete  der  Instruktionsrichter  dem  Beschwerdeführer  die  Vernehmlassung zur Stellungnahme. Innert der angesetzten Frist reichte  dieser  die Replik  sowie  ein  ärztliches  Zeugnis  der  K._______,  vom  11.  Mai 2011, ein.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]).

E­8819/2010 Das Verfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht richtet sich nach dem  VGG, soweit dieses nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG). 1.2.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  berührt,  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung und  ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert. Auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  ist  einzutreten  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 1 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG). 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  Das  BFM  lehnte  das  Asylgesuch  ab,  da  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers weder  den Anforderungen an das Glaubhaftmachen  gemäss  Art.  7  AsylG  noch  denjenigen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss Art. 3 AsylG standhalten würden. 

E­8819/2010 4.1.1.  Zur  Begründung  der  fehlenden  Glaubhaftigkeit  führte  die  Vorinstanz  aus,  der  Beschwerdeführer  habe  sich  anlässlich  der  Befragungen  widersprüchlich  bezüglich  seiner  Aufenthaltsorte  vor  der  Ausreise geäussert. Zudem seien diese Aussagen  teilweise unvereinbar  mit  den  Ausführungen  im  Schreiben  vom  19.  Juli  2011. Weiter  sei  der  Beschwerdeführer  weder  in  der  Lage  gewesen,  das  Quartier  noch  die  Adresse  seines  Arbeitsortes  zu  bezeichnen,  obwohl  er  dort  während  Jahren  gearbeitet  habe.  Auch  habe  er  seine  Tante  nicht  nach  Einzelheiten  in  Bezug  auf  das  polizeiliche  Vorsprechen  gefragt.  Ein  solches  Verhalten  beziehungsweise  solche  Wissenslücken  seien  nicht  nachvollziehbar,  da  es  erfahrungsgemäss  im  Interesse  einer  verfolgten  Person sei, möglichst viele Einzelheiten über die Verfolgung in Erfahrung  zu  bringen.  Schliesslich  soll  der  Beschwerdeführer  gegenüber  seinem  Arzt  die  Aussage  gemacht  haben,  er  habe  in  D._______  Kontakte  zur  Hizbullah  gehabt.  Als  er  sich  habe  distanzieren  wollen,  sei  er  mit  dem  Tod  bedroht  worden,  weshalb  er  sich  habe  verstecken  müssen.  Diese  Angaben  würden  in  Widerspruch  zu  den  Aussagen  anlässlich  der  Erstbefragung sowie der Anhörung stehen.  Was  sodann  der  Hinweise  auf  den  schlechten  physischen  und  psychischen Zustand des Beschwerdeführers anlässlich der Befragungen  anbelange,  sei  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  anlässlich  der  Anhörung ausdrücklich angegeben habe, keine Verständigungsprobleme  zu haben. Er habe auf die ihm gestellten Fragen immer sofort mit auf die  Fragen  bezogenen  Antworten  geantwortet.  An  keiner  Stelle  habe  er  gezögert  oder  eine  Nachfrage  gestellt.  Der  anwesende  Hilfswerksvertreter  sowie  die  Substitution  des  Rechtsvertreters  hätten  denn beide  keine entsprechenden Bemerkungen angebracht. Anlässlich  der  Rückübersetzung  habe  der  Beschwerdeführer  ebenfalls  nie  nachgefragt und auch keine Korrekturen angebracht. Ferner seien auch  dem  Protokoll  der  Erstbefragung  keine  Hinweise  auf  Wahrnehmungsstörungen  zu  entnehmen.  Demnach  sei  den  Einwänden  die wesentliche Grundlage entzogen. 4.1.2.  Zur  Flüchtlingseigenschaft  stellt  das  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  fest,  der  Umstand,  dass  der  Beschwerdeführer  auf  Veranlassung  der  Stiefmutter  das  Haus  seines  Vaters  habe  verlassen  müssen,  liege zum Ausreisezeitpunkt drei Jahre zurück und stehe daher  weder zeitlich noch sachlich im Zusammenhang mit der Ausreise.

E­8819/2010 4.2. In der Rechtsmitteleingabe wird vorab die Verletzung des Anspruchs  auf  rechtliches  Gehör  gerügt  und  ausgeführt,  dieses  Prinzip  gebe  der  Partei  eines  Verwaltungsverfahrens  den  Anspruch  auf  vorgängige  Stellungnahme.  Mit  der  Verfügung  vom  29.  November  2010  habe  die  Vorinstanz  diesen  Grundsatz  verletzt.  Würden  im  Rahmen  einer  Befragung Ungereimtheiten und Widersprüche auftauchen,  so  folge aus  dem  Grundsatz  des  rechtlichen  Gehörs,  dass  der  gesuchstellenden  Person  die  Möglichkeit  gegeben  werden  müsse,  sich  anlässlich  der  Anhörung oder zu einen späteren Zeitpunkt dazu zu äussern.  Weiter  wird  in  der  Rechtsmitteleingabe  gerügt,  das  BFM  habe  den  rechtserheblichen Sachverhalt weder richtig noch vollständig festgestellt.  Es  habe  es  unterlassen,  bezüglich  des  Vorfalles  vom  9. Juli  2010  eine  Botschaftsabklärung  beziehungsweise  Internetrecherchen  vorzunehmen.  Aufgrund  einer  Internetrecherche  des  Beschwerdeführers  habe  beispielsweise festgestellt werden können, dass am 9. Juli 2010 in einer  gezielten  landesweiten  Polizeiaktion  in  D._______  fünf  Personen  verhaftet  worden  seien,  welche  der  Zugehörigkeit  der  Al­Qaida  verdächtigt  wurden.  Weiter  hätte  die  Vorinstanz  mittels  einer  Botschaftsanfrage abklären müssen, ob in der Türkei zwischenzeitlich ein  Strafverfahren  gegen  den  Beschwerdeführer  eröffnet  worden  sei.  Auch  hätte das BFM mittels einer  zweiten Befragung abklären müssen, ob er  allenfalls  Rachehandlungen  seitens  der Gruppierung  befürchte.  Sodann  hätte  das  BFM  in  Kenntnis  des  gesundheitlichen  Zustands  des  Beschwerdeführers  eine  zusätzliche  ärztliche  Abklärung  veranlassen  müssen,  mit  welcher  hätte  abgeklärt  werden  müssen,  inwiefern  der  Beschwerdeführer  in  der  Lage  sei,  Erlebnisse  in  der  vom  BFM  geforderten  Form  darzustellen.  Schliesslich  wird  in  der  Rechtsmitteleingabe  für  den  Fall,  dass  das  Bundesverwaltungsgericht  den Sachverhalt als erstellt erachte, auf die ausführliche Darstellung der  Geschehnisse  in  den  Aussageprotokollen  und  die  eingereichten  Beweismittel verwiesen. Schliesslich wird in der Rechtsmitteleingabe zur Klärung der vom BFM in  der  angefochtenen  Verfügung  angeführten  Widersprüche  einerseits  auf  den  psychischen  Zustand  des  Beschwerdeführers  hingewiesen,  andererseits eine  irreführende Fragestellung durch das BFM sowie eine  fehlerhafte Interpretation seiner Aussagen vorgebracht. 4.3.  In  der  Replik  führt  das  BFM  zum  Vorwurf  der  Verletzung  des  Anspruchs  auf  rechtliches  Gehör  aus,  der  Beschwerdeführer  sei  an 

E­8819/2010 verschiedenen  Stellen  auf  seine  widersprüchlichen  und  nicht  nachvollziehbaren  Aussagen  aufmerksam  gemacht  worden.  Sodann  habe er im Rahmen des Beschwerdeverfahrens Gelegenheit erhalten, zu  den  Ausführungen  im  erstinstanzlichen  Entscheid  Stellung  zu  nehmen.  Dies  habe  er  getan.  Ferner  spreche  der  Beschwerdeführer  in  der  Rechtsmitteleingabe  von Personen, welche  ihn mehrfach  zum Beitritt  in  die  fundamentalistische  Gruppierung  aufgefordert  hätten.  Tatsache  sei,  dass der Beschwerdeführer anlässlich beider Befragungen nur von einer  Person gesprochen habe,  die  ihn habe  rekrutieren wollen. Den Hinweis  auf  begründete  Furcht  vor  Rache  habe  der  Beschwerdeführer  nie  vorgebracht.  Abgesehen  davon  sei  die  Rache  nicht  glaubhaft.  Den  eingereichten Zeitungsartikeln  komme schliesslich keine Beweiskraft  zu,  weil  einerseits  der  Beschwerdeführer  darin  nicht  erwähnt  werde,  andererseits daraus nicht hervorgehe, wo in D._______ die Festnahmen  stattgefunden haben.  4.4.  In  der  Duplik  wird  ausgeführt,  das  BFM  verstehe  vorliegend  das  Prinzip  des  rechtlichen  Gehörs  nicht.  Es  gehe  nicht  darum,  einem  Betroffenen  erst  im  Rahmen  des  Beschwerdeverfahrens  das  rechtliche  Gehör  zu  gewähren.  Dies  habe  vor  Erlass  der  erstinstanzlichen  Verfügung  zu  geschehen.  Auch  unterlasse  es  die  Vorinstanz,  zu  den  gerügten  Fehlinterpretationen  Stellung  zu  nehmen.  Sodann  sei  nachvollziehbar,  dass  der  Beschwerdeführer  von  den  Besuchern  der  Versammlungen  im  F._______  im  Rahmen  ihres  religiösen  Sendungsbewusstseins  angesprochen  worden  sei.  Der  Beschwerdeführer sei sich der Rachegedanken der verhafteten Personen  erst während seines Aufenthalts in der Schweiz bewusst worden. Mit den  eingereichten  Beweismitteln  belege  der  Beschwerdeführer,  dass  die  geltend  gemachte  Verhaftung  stattgefunden  habe.  Schliesslich  ergebe  sich  aus  dem  Arztbericht,  dass  beim  Beschwerdeführer  Konzentrationsstörungen  vorliegen  würden  und  er  im  formalen  Denken  umständlich sei, was vom BFM nicht berücksichtigt worden sei. 4.5.  4.5.1.  Zunächst  ist  die  Rüge  der  Verletzung  des  Anspruchs  auf  rechtliches  Gehör  zu  prüfen.  Nach  Ansicht  des  Beschwerdeführers  hat  das BFM  ihm anlässlich der Befragung beziehungsweise vor Erlass der  angefochtenen  Verfügung  nicht  die  Möglichkeit  gegeben,  sich  zu  den  Ungereimtheiten und Widersprüchen in seinen Aussagen zu äussern. 

E­8819/2010 4.5.2.  Das  durch  Art.  29  Abs.  2  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR  101)  garantierte  rechtliche  Gehör  umfasst  den  Anspruch  einer  Partei,  sich  vorgängig einer behördlichen Anordnung zu allen wesentlichen Punkten  zu  äussern  und  von  der  betreffenden  Behörde  alle  dazu  notwendigen  Informationen  zu  erhalten.  Dieser  Anspruch  beschlägt  nur  die  Feststellung des rechtserheblichen Sachverhaltes und nicht die rechtliche  Würdigung  desselben,  welche Sache  der  zu  beurteilenden Behörde  ist.  Beruht  der  Entscheid  weder  auf  nachträglich  eingetretenen  oder  den  Parteien  unbekannten  tatsächlichen  Umständen  noch  auf  neuen,  unvorhersehbaren  Rechtsgrundlagen,  ist  somit  der  Anspruch  auf  rechtliches Gehör gewahrt. Dem Betroffenen  ist  somit  in der Regel kein  Recht  auf  vorgängige  Stellungnahme  bezüglich  Fragen  der  rechtlichen  Beurteilung  und  Würdigung  von  Tatsachen  einzuräumen  (vgl.  BVGE  2007/21  E.  10.2  mit  Hinweisen;  sowie  PATRICK  SUTTER  in:  Auer/Müller/Schindler  [Hrsg.],  VwVG,  Kommentar  zum  Bundesgesetz  über das Verwaltungsverfahren, Zürich/St. Gallen 2008, Art. 29 Rz. 14).  Ob  die  vom  Beschwerdeführer  gemachten  Aussagen  in  wesentlichen  Punkten voneinander abweichen, mithin unglaubhaft  sind,  ist  somit eine  Frage der Beweiswürdigung.  Aufgrund der Akten ergibt sich, dass der Beschwerdeführer vor Erlass der  angefochtenen  Verfügung  zwei  Mal  angehört  wurde,  einmal  in  der  Empfangsstelle,  das  zweite  Mal  durch  das  BFM.  Sodann  ergibt  die  Durchsicht des Protokolls der Anhörung, dass der Beschwerdeführer  im  Rahmen  dieser  Befragung  mit  den  Unstimmigkeiten  betreffend  den  Zeitpunkt  des  Verlassens  von  D._______  sowie  der  Rückkehr  an  den  Arbeitsplatz  konfrontiert  wurde  (vgl.  Akten  BFM  A13/14  S.  6  und  11).  Damit  konnte  sich  der  Beschwerdeführer  im  Sinne  der  vorstehenden  Ausführungen  vor  Erlass  der  vorinstanzlichen  Verfügung  zu  allen  wesentlichen  Punkten  seiner  Asylbegründung  äussern  und  darüber  hinaus  auch  noch  zu  einzelnen  Unstimmigkeiten  in  seinen  Aussagen  Stellung nehmen. Auch hat das BFM das Asylgesuch nicht aufgrund von  Umständen, die dem Beschwerdeführer nicht bekannt waren, abgelehnt.  Da dem Beschwerdeführer vor Erlass der Verfügung kein weitergehendes  Äusserungsrecht  zugestanden  hat,  namentlich  nicht  im  Hinblick  auf  die  rechtliche Würdigung,  liegt  in  casu  keine Verletzung des Anspruchs auf  rechtliches  Gehörs  vor.  Der  Antrag  auf  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  und  Rückweisung  der  Sache  an  die  Vorinstanz  wegen  Verletzung des rechtlichen Gehörs ist daher abzuweisen.

E­8819/2010 4.6.  4.6.1. Weiter macht  der  Beschwerdeführer  geltend,  das BFM habe  den  Sachverhalt  weder  vollständig  noch  richtig  abgeklärt.  Anlässlich  der  Anhörung  habe  der  Beschwerdeführer  die  Polizeiaktion  gegen  die  fundamentalistische  Gruppe  vom  9.  Juli  2010  und  die  daraus  resultierende Suche nach ihm angeführt. Das BFM habe es unterlassen,  dieses  Vorbringen  im  Rahmen  einer  Botschaftsabklärung  oder  einer  Internetabfrage zu überprüfen. Ebenso habe die Vorinstanz unterlassen,  weiter  abzuklären,  ob  gegen  den  Beschwerdeführer  in  der  Türkei  ein  Strafverfahren  eröffnet  worden  sei.  Ferner  hätte  das  BFM mittels  einer  weiteren  Befragung  abklären  müssen,  ob  der  Beschwerdeführer  Angst  vor  Racheakten  habe.  Und  schliesslich  hätte  das  BFM  mittels  eines  Arztzeugnisses abklären müssen, ob der Beschwerdeführer  in der Lage  sei, Erlebnisse in der vom BFM geforderten Form darzustellen.  Die  Durchsicht  der  Protokolle  ergibt,  dass  dem  Beschwerdeführer  anlässlich  der  Anhörung  zahlreiche  offen  und  geschlossen  formulierte  Fragen,  aber  auch  konkrete  Fragen  im  Zusammenhang  mit  dem  Vorkommnis vom 9. Juli 2010 und der für den Beschwerdeführer daraus  abgeleiteten Gefährdung gestellt wurden. Trotz  dieser  unterschiedlichen  Fragestellungen  war  der  Beschwerdeführer  nicht  in  der  Lage,  die  genauen Umstände dieses Vorkommnisses und der daraus abgeleiteten  Gefährdung  substantiiert  darzutun.  Zwar  hat  das  BFM  den  Sachverhalt  von  Amtes  wegen  abzuklären  (vgl.  Art.  12  VwVG  i.V.m.  Art.  6  AsylG),  indes  steht  diesem  Untersuchungsgrundsatz  des  BFM  gemäss  Art.  8  AsylG die Pflicht des Asylsuchenden zur Mitwirkung an der Feststellung  des  Sachverhalts  und  zur  Bezeichnungen  und  Einreichung  allfälliger  Beweismittel gegenüber. So hätte vorliegend der Beschwerdeführer etwa  im Rahmen  des  erstinstanzlichen  Verfahrens  bei  seinen  Verwandten  in  der  Türkei  nachfragen  können,  ob  ein  Strafverfahren  gegen  ihn  eingeleitet worden sei oder von sich aus eine Internetabfrage zum Vorfall  vom 9. Juli 2010 tätigen können. In Anbetracht der insgesamt vagen und  in  sich  nicht  stimmigen Parteivorbringen  sowie mangels  Vorliegens  von  gegenteiligen Beweismitteln und anderer konkreter Anhaltspunkte in den  Akten,  bestand  für  die  Vorinstanz  nach  der  Anhörung  nach  keiner  Richtung  eine  Veranlassung  zu  weiteren  Abklärungen  (zusätzliche  Anhörung, Botschaftsanfrage,  Internetrecherche), mithin durfte das BFM  im Zeitpunkt seiner Entscheidfällung zu Recht zum Schluss gelangen, der  Sachverhalt sei hinreichend festgestellt und abschliessend beurteilbar. 

E­8819/2010 Betreffend  die  unvollständige  und  unrichtige  Sachverhaltsfeststellung  macht  der  Beschwerdeführer  auch  noch  geltend, mittels  eines weiteren  Arztzeugnisses hätte vor Erlass der angefochtenen Verfügung abgeklärt  werden  müssen,  inwiefern  der  Beschwerdeführer  in  der  Lage  sei,  Erlebnisse  in der vom Beschwerdeführer geforderten Form darzustellen.  Die  Durchsicht  der  Protokolle  ergibt,  dass  der  Beschwerdeführer  offensichtlich  keine  Mühe  hatte,  die  gestellten  Fragen  korrekt  zu  beantworten.  Er  antwortete  jeweils  sachbezogen  und  verständlich.  Zudem  stellte  er  weder  während  der  Anhörung  noch  anlässlich  der  Rückübersetzung  Rückfragen.  Weiter  verlangte  weder  der  zur  Beobachtung  der  Durchführung  einer  korrekten  Befragung  anwesende  Hilfswerksvertreter,  noch  der  ebenfalls  anwesende  Substitut  des  Rechtsvertreters des Beschwerdeführers eine Anmerkung zum Protokoll,  gemäss  welcher  der  Beschwerdeführer  Mühe  mit  der  Befragung  bekundet  hätte.  Vor  diesem  Hintergrund  bestand  für  das  BFM  keine  Veranlassung  ein  entsprechendes  Arztzeugnis  in  Auftrag  zu  geben.  Insoweit  liegt  ebenfalls  keine  unvollständige  oder  unrichtige  Sachverhaltsfeststellung vor.  Aufgrund  der  vorstehenden  Erwägungen  erweist  sich  die  mehrfach  erhobene  Rüge  der  unvollständigen  und  unrichtigen  Sachverhaltsfeststellung somit als  in  jeder Hinsicht unzutreffend, und es  besteht  keine  Veranlassung,  die  Akten  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen. 4.7.  4.7.1.  Zur  Erklärung  der  vom  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  angeführten Unstimmigkeiten wird  in  der Rechtsmitteleingabe  vorab  auf  den schlechten psychischen Zustand des Beschwerdeführers  verwiesen  und ausgeführt, er leide unter einer rezidivierenden depressiven Störung  und  an  Konzentrationsstörungen,  weshalb  er  teilweise  Mühe  habe,  auf  Fragen zu antworten. Es sei allgemein bekannt, dass Personen, welche  unter  einer  depressiven  Störung  leiden  würden,  Mühe  hätten,  Dinge  in  logischer und widerspruchsfreier Weise dazutun. Beim Beschwerdeführer  komme noch sein jugendliches Alter und die geringe Schulbildung dazu.  4.7.2.  Wie  bereits  vorstehend  ausgeführt,  ergibt  die  Durchsicht  der  Protokolle,  dass  der  Beschwerdeführer  offensichtlich  keine Mühe  hatte,  die  –  sowohl  offen  als  auch  geschlossenen  formulierten,  aber  auch  konkretisierenden – Fragen korrekt zu beantworten. Er antwortete jeweils  sachbezogen und verständlich auf die ihm unterbreiteten Fragen. Zudem 

E­8819/2010 stellte  er  weder  während  der  Anhörung  noch  anlässlich  der  Rückübersetzung  Fragen,  welche  darauf  schliessen  liessen,  er  hätte  etwas  nicht  verstanden.  Auch  gab  er  zu  Protokoll,  den Dolmetscher  zu  verstehen.  Sodann  –  und  dies  ist  vorliegend  von  entscheidender  Bedeutung  –  hat  weder  der  zur  Beobachtung  der  Durchführung  einer  korrekten  Befragung  anwesende Hilfswerksvertreter,  noch  der  ebenfalls  anwesende  Substitut  des Rechtsvertreters  des  Beschwerdeführers  eine  Anmerkung  zum  Protokoll  verlangt,  wonach  welcher  der  Beschwerdeführer Mühe mit der Befragung bekundet hätte. Insoweit sind  dem  Protokoll  denn  auch  keinerlei  Hinweise  zu  entnehmen,  gemäss  welchen sich der Beschwerdeführer anlässlich der Anhörung unwohl oder  in  einem  schlechten  psychischen  Zustand  befunden  hätte,  der  es  ihm  verunmöglichte, über das von ihm Erlebte grundsätzlich widerspruchsfrei  zu berichten. Sodann darf auch von einem jungen und wenig gebildeten  Asylsuchenden  erwartet  werden,  dass  er  seine  Vorbringen  in  den  wesentlichen Zügen übereinstimmend darzulegen vermag. 4.7.3.  Weiter  wird  in  der  Rechtsmitteleingabe  zu  den  vom  BFM  aufgezeigten Unstimmigkeiten  in  den Aussagen des Beschwerdeführers  ausgeführt,  diese  seien  auf  eine  irreführenden  Fragestellung  anlässlich  der  Anhörungen  und  eine  Fehlinterpretation  der  Aussageprotokolle  zurückzuführen.  Eine  irreführende  Fragestellung  liegt  nach  Ansicht  des  Gerichts  jedenfalls  nicht  vor,  wenn  der  Befrager  innerhalb  einer  Frage  beispielshaft  im  Sinne  einer  Hilfe  verschieden  lange  Aufenthaltszeiten  anführt.  Sodann  liegt  mit  dem  Gegenüberstellen  der  unterschiedlichen  zeitlichen  Angaben  des  Beschwerdeführers  zu  seinem  Aufenthalt  in  H._______ keine mangelnde Interpretation beziehungsweise eine falsche  Schlussfolgerung  vor, welche  ohne den Einbezug  des Kontextes  erfolgt  ist.  Damit  erweist  sich  dieser  Erklärungsversuch  als  haltlos.  Sodann  ist  festzuhalten,  dass  die  Ausführungen  in  den  Eingaben  den  Eindruck  vermitteln, der Beschwerdeführer versuche auf Beschwerdeebene seinen  selbst  vorgetragenen  unsubstantiierten  und  vagen  Asylvorbringen  nun  nachträglich  einen  asylrechtlich  relevanten Gehalt  zu  vermitteln.  Dieses  bewusstes  Aufbauschen  der  Vorbringen  ist  als  nachträgliche  Sachverhaltsanpassung  zu  werten,  weshalb  darauf  nicht  weiter  einzugehen ist.  Als  Beleg  für  den  behaupteten  Überfall  vom  9.  Juli  2010  auf  seinen  ehemaligen Arbeitsort hat der Beschwerdeführer mehrere Zeitungsartikel  eingereicht.  Entgegen  der  vom  Beschwerdeführer  vertretenen  Ansicht  sind diese nicht  geeignet,  seine Vorbringen  in einem anderen Lichte  zu 

E­8819/2010 besehen.  Namentlich  ergibt  sich  aus  den  Artikeln  kein  konkreter  Zusammenhang zu den Vorbringen des Beschwerdeführers. Schliesslich  vermag  der  Beschwerdeführer  auch  mit  dem  Verweis  auf  seine  Aussagen  und  die  eingereichten  Beweismittel  nicht  substantiiert  dazutun,  inwiefern  das  BFM  zu  Unrecht  auf  Unglaubhaftigkeit  seiner  Vorbringen  geschlossen  hat.  Um  Wiederholungen  zu  vermeiden,  kann  einerseits auf die vorstehenden Erwägungen im Zusammenhang mit dem  psychischen  Befinden,  der  Schulbildung  und  des  Alters  des  Beschwerdeführers, andererseits auf die zutreffenden Erwägungen in der  angefochtenen Verfügung verwiesen werden.  4.8.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  glaubhaft  machen  oder  nachweisen  kann.  Bei  dieser  Sachlage  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der Rechtsmitteleingabe  sowie  den weiteren Eingaben  einzugehen,  da  sie  an  der  vorstehenden  Feststellung  nichts  zu  ändern  vermögen.  Die  Vorinstanz  hat  demnach  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführer zu Recht abgelehnt. 5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  16. Dezember  2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner 

E­8819/2010 Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 6.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 6.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt, die die Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da es dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerde­ führers  in  die  Türkei  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von  Art. 5  AsylG  rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung in die Türkei dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung 

E­8819/2010 ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine Menschenrechtssituation  in  die  Türkei  lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt klarerweise nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 6.4.  6.4.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug  für Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme zu gewähren. Art. 83 Abs.  4  AuG  findet  insbesondere  Anwendung  auf  Personen,  die  nach  ihrer  Rückkehr  einer  konkreten  Gefahr  ausgesetzt  wären,  weil  sie  aus  objektiver  Sicht  wegen  der  vorherrschenden  Verhältnisse  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  in  völlige  und  andauernde Armut  gestossen würden,  dem  Hunger  und  somit  einer  ernsthaften  Verschlechterung  ihres  Gesundheitszustandes,  der  Invalidität  oder  sogar  dem  Tod  ausgeliefert  wären (vgl. BVGE 2009/28 E. 9.3.1). 6.4.2.  In  der  angefochtenen  Verfügung  stellte  das  BFM  im  Zusammenhang mit der geltend gemachten psychischen Erkrankung des  Beschwerdeführers fest, in der Türkei seien alle geeigneten Medikamente  erhältlich und  in den Gross­ und Provinzhauptstädten sei die ambulante  Betreuung  psychisch  Kranker  gewährleistet.  Der  Beschwerdeführer  könne  eine  "grüne  Versicherungskarte"  beantragen,  die  ihn  zu  unentgeltlichen  medizinischen  Leistungen  in  den  staatlichen  Gesundheitseinrichtungen  berechtige.  Der  Vollzug  der Wegweisung  sei  daher  zumutbar.  Diese  Einschätzung  wird  in  der  Rechtsmitteleingabe  bestritten. 6.4.3.  Zunächst  ist  festzuhalten,  dass  nach  Einschätzung  des  Bundesverwaltungsgerichts die allgemeine Lage in der Türkei nicht durch 

E­8819/2010 Krieg,  Bürgerkrieg  oder  durch  eine  Situation  allgemeiner  Gewalt  gekennzeichnet  ist,  aufgrund  derer  die  Zivilbevölkerung  als  konkret  gefährdet  bezeichnet  werden  müsste.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  ist  daher als grundsätzlich zumutbar zu bezeichnen. 6.4.4.  Im  Rahmen  des  Asylverfahrens  hat  der  Beschwerdeführer  ein  Arztzeugnis  von  Dr. med.  I._______,  vom  7.  September  2010,  und  ein  ärztliches  Zeugnis  der  K._______,  vom  11. Mai  2011  eingereicht.  Im  Attest  vom  11.  Mai  2011  wird  eine  Anpassungsstörung  mit  gemischter  Störung  von  Gefühlen  und  Sozialverhalten  (ICD­10  F43.25)  diagnostiziert.  Als  Beschwerden  werden  in  beiden  Zeugnissen  Stimmungstief, Schlafstörungen, Unruhe und Apathie angeführt. Sodann  werden  Einsamkeit  im  Durchgangszentrum  und  Stimmenhören  geschildert. Unter Beurteilung wird im aktuellen Zeugnis festgehalten, das  psychische  Zustandsbild  sei  geprägt  von  einer  deutlichen  Überforderungssymptomatik.  Diese  beruhe  auf  den  nicht  verarbeiteten  familiären  Todesfällen  (Mutter  und  Grosseltern)  sowie  einer  unklaren  Aufenthaltssituation.   Der Beschwerdeführer leidet an einer Anpassungsstörung mit gemischter  Störung von Gefühlen und Sozialverhalten. Dieser Diagnose liegt gemäss  beiden ärztlichen Zeugnissen übereinstimmend der frühe Tod der Mutter  des Beschwerdeführers – er war damals zehn Jahre alt – zu Grunde und  die hier in der Schweiz empfundene Einsamkeit. Aufgrund  der  Akten  ergibt  sich,  dass  zahlreiche Mitglieder  der  grossen  Familie  des  Beschwerdeführers  an  verschiedenen  Orten  in  der  Türkei  leben. Mit  einer  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  seine Heimat  und  damit  in  sein  angestammtes  familiäres  und  soziales  Umfeld  und  Beziehungsnetz wird die  eine Ursache  seines psychischen Leidens,  die  Einsamkeit, hinfällig werden. Was sodann die Verarbeitung der familiären  Todesfälle anbelangt, so hat dieses Leiden bereits vor der Ausreise aus  der Heimat bestanden. Trotz dieses Leidens war der Beschwerdeführer in  der  Lage,  einer  geregelten  Arbeit  nachzugehen  und  für  seinen  Lebensunterhalt  aufzukommen.  Vor  diesem  Hintergrund  ist  davon  auszugehen,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  bei  einer Heimkehr  ohne  weiteres  wieder  ins  Erwerbs­  und  Alltagsleben  integrieren  kann,  zumal  blosse  soziale  und  wirtschaftliche  Schwierigkeiten  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  keine  existenzbedrohende  Situation  darstellen,  die  den  Vollzug  der  Wegweisung  als  unzumutbar  erscheinen  liesse.  Sollte  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  die 

E­8819/2010 nicht  verarbeiteten  familiären  Verluste  weiter  psychotherapeutisch  aufarbeiten  wollen,  so  steht  ihm  nach  den  Erkenntnissen  des  Bundesverwaltungsgerichts  auch  in  der  Türkei  die  Möglichkeit  einer  psychotherapeutischen  Behandlung  offen.  Um  diesbezüglich  Wiederholungen zu vermeiden, kann auf die zutreffenden Erwägungen in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen  werden.  Sodann  ist  es  dem  Beschwerdeführer  zuzumuten,  sich  in  den  kommenden  Wochen  im  Rahmen seiner  therapeutischen Gespräche an der K._______, die nicht  bewältigten Todesfälle weiter aufzuarbeiten und sich  in Zusammenarbeit  mit  seinem  Therapeuten  gezielt  auf  eine  Rückkehr  in  die  Türkei  vorzubereiten.  Schliesslich  steht  es  dem  Beschwerdeführer  frei,  beim  BFM einen Antrag auf medizinische Rückkehrhilfe zu stellen (Art. 93 Abs.  1  Bst.  c  AsylG,  Art.  75  AsylV  2).  Damit  liegen  entgegen  der  in  der  Rechtsmitteleingabe vertretenen Ansicht keine Hindernisse medizinischer  Art  vor,  welche  dem  Vollzug  der  Wegweisung  als  nicht  zumutbar  erscheinen liessen. 6.5. Der Beschwerdeführer ist im Besitze einer türkischen Identitätskarte,  weshalb der Vollzug der Wegweisung auch als möglich zu bezeichnen ist  (Art. 83 Abs. 2 AuG). 6.6. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 7.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist nach dem Gesagten abzuweisen. 8.  Mit  Zwischenverfügung  vom 19.  Januar  2011  hat  der  Instruktionsrichter  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  gutgeheissen.  Demnach  sind  dem  Beschwerdeführer  keine  Verfahrenskosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite)

E­8819/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Kurt Gysi Barbara Balmelli Versand:

E-8819/2010 — Bundesverwaltungsgericht 18.01.2012 E-8819/2010 — Swissrulings