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Bundesverwaltungsgericht 20.07.2011 E-7950/2008

July 20, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,903 words·~10 min·2

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 7. November 2008

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­7950/2008 Urteil   v om   2 0 .   Juli   2011 Besetzung Richter Kurt Gysi (Vorsitz), Richterin Gabriela Freihofer,  Richter Jean­Pierre Monnet;    Gerichtsschreiberin Barbara Balmelli. Parteien A._______, Afghanistan,   vertreten durch lic. iur. Urs Ebnöther, (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM  vom 7. November 2008 / N (…).

E­7950/2008 Sachverhalt: A.  Eigenen Angaben zufolge verliess der Beschwerdeführer Afghanistan am  3. September 2007 und gelangte am 23. September 2007 in die Schweiz,  wo er am folgenden Tag um Asyl nachsuchte. Am 2. Oktober 2007 wurde  er  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  B._______  befragt.  Danach  hörte  ihn das BFM am 29. November 2007 zu den Asylgründen an. Der  Beschwerdeführer gab im Wesentlichen zu Protokoll, er sei in C._______  geboren,  gehöre  der  Ethnie  der  Hazara  an  und  stamme  aus  einer  wohlhabenden  Familie.  Kurz  nach  seiner  Geburt  sei  die  Familie  nach  Kabul  übersiedelt,  wo  er  sich  bis  zur  Ausreise  aufgehalten  habe.  Von  Beruf sei er (…). Eines Morgens, als er im Begriff gewesen sei, zur Arbeit  zu  gehen,  habe  ihm  seine  Verlobte  eine  Pilgerfahrt  vorgeschlagen.  Auf  dem Rückweg von dieser Wallfahrt habe er einen Radfahrer angefahren.  Der Radfahrer  sei  in  "weitem Bogen" auf die Strasse geflogen und dort  liegen geblieben. Seine Verlobte habe im Verunfallten sofort D._______,  einen  Cousin  ihres  Vaters  und  einen  entfernten  Verwandten  seines  Vaters,  erkannt.  Sie  hätten  danach  Fahrerflucht  begangen  und  seien,  ohne  anzuhalten,  weitergefahren.  Am  späteren  Nachmittag  hätten  Verwandte  von  D._______  angerufen  und  seiner  Verlobten  mitgeteilt,  dass  der  Verunfallte  gestorben  sei.  Aus  Angst  vor  der  Polizei  habe  er  umgehend das Haus seiner Verlobten verlassen und sich ohne Gepäck  und nur im Besitze des Führerscheins nach E._______ und am folgenden  Tag von dort nach F._______ begeben, wo er einen Schlepper gefunden  und in der Folge mit diesem Afghanistan verlassen habe. Im Iran habe er  dann  seinen  Führerschein  weggeworfen.  In  der  Zwischenzeit  habe  er  erfahren, dass der Vater von D._______ bei seinem Vater vorgesprochen  habe  und  ihn  –  den  Beschwerdeführer  –  für  den  Tod  seines  Sohnes  verantwortlich gemacht habe. D._______ habe  im übrigen seinerzeit auch einmal um die Hand seiner  Verlobten  angehalten,  wobei  ihre  Mutter  die  Zustimmung  verweigert  hätte.  Damals  habe  der  Vater  von  D._______,  der  militärischer  und  politischer  Chef  des  (...)  sei,  den  Beschwerdeführer  und  seinen  Vater  wegen  Unstimmigkeiten  verhaftet  und  in  seinem  Privatgefängnis  misshandelt.  Nach  einer  Woche  seien  sie  gegen  Bezahlung  von  $ 16'000.­ wieder frei gekommen.  

E­7950/2008 B.  Mit  Verfügung  vom  7.  November  2008  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft nicht, und lehnte das  Asylgesuch ab. Gleichzeitig verfügte es die Wegweisung aus der Schweiz  und ordnete deren Vollzug an.  C.  Mit  Eingabe  vom  11.  Dezember  2008  beantragt  der  Beschwerdeführer  durch seinen Rechtsvertreter,  die Verfügung sei aufzuheben. Es sei die  Flüchtlingseigenschaft festzustellen und ihm Asyl zu erteilen. Eventualiter  sei  die Unzulässigkeit  oder  zumindest  die Unzumutbarkeit  des Vollzugs  der Wegweisung festzustellen und die vorläufige Aufnahme anzuordnen.  Sodann sei die unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und auf die  Erhebung eines Kostenvorschusses zu verzichten. D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  17.  Dezember  2008  hiess  der  Instruktionsrichter  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege,  unter  Vorbehalt  der  Nachreichung  einer  Fürsorgebestätigung  beziehungsweise  der  Veränderung  der  finanziellen  Verhältnisses des Beschwerdeführers, gut. E.  Innert  der  angesetzten  Frist  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Unterstützungsbestätigung  der  Asyl­Organisation  Zürich,  Mandat  Pfäffikon, vom 23. Dezember 2008 zu den Akten. F.  Das  BFM  beantragte  in  der  Vernehmlassung  vom  19.  Januar  2009  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Mit  Zwischenverfügung  vom  22.  Januar  2009  unterbreitete  der  Instruktionsrichter  dem  Beschwerdeführer  die  Vernehmlassung zur Stellungnahme. Innert der angesetzten Frist reichte  dieser am 6. Februar 2009 die Replik ein. G.  Mit Schreiben vom 9. September 2010 verwies der Beschwerdeführer auf  die veränderte Lage in Afghanistan seit Erhebung der Beschwerde.

E­7950/2008 Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt,  hat ein schutzwürdiges  Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung und  ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert. Auf  die  frist­ und  formgerecht eingereichte Beschwerde  ist somit einzutreten  (Art.  105 AsylG  i.V.m.  Art.  37 VGG und Art.  48 Abs.  1,  Art.  50  und  52  VwVG). 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu 

E­7950/2008 werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken. (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  Das  BFM  lehnte  das  Asylgesuch  ab,  da  die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers den Anforderungen an das Glaubhaftmachen gemäss  Art. 7 AsylG nicht standhalten würden. Zur Begründung führte es aus, der  Beschwerdeführer  habe  sich  wenig  detailliert  und  substantiiert  zum  tödlichen Unfall mit dem Radfahrer geäussert. Seine Reaktionen auf den  Unfall seien sehr oberflächlich sowie stereotyp ausgefallen und überdies  würde  den  Schilderungen  jegliche  persönliche  Betroffenheit  fehlen.  Sodann sei nicht nachvollziehbar, dass der Beschwerdeführer sofort die  Flucht  ins  Ausland  ergriffen  habe,  nachdem  er  noch  nicht  einmal  als  Verursacher  des  Unfalls  identifiziert  worden  sei.  In  diesem  Zusammenhang sei auch unrealistisch, dass er noch am gleichen Tag die  Ausreise  habe  organisieren  und  das  Land  habe  verlassen  können.  Schliesslich habe er anlässlich der beiden Befragungen  in wesentlichen  Punkten  seiner  Asylbegründung  widersprüchlich  ausgesagt.  Namentlich  habe  er  sich  über  seinen  Aufenthaltsort  anlässlich  des  Erhalts  des  Telefonanrufs seiner Partnerin betreffend Pilgerfahrt sowie betreffend die  Person, welche seine Partnerin über den  tödlichen Ausgang des Unfalls  informiert habe, unvereinbar geäussert.  4.2.  In  der  Rechtsmitteleingabe  hält  der  Beschwerdeführer  an  der  Glaubhaftigkeit seiner Vorbringen fest. Angesichts des Schocks, den der  Unfall  ausgelöst  habe,  und  der  überstürzten  Flucht  sei  davon  auszugehen, dass der Beschwerdeführer nur verschwommene und grob  umrissene Erinnerungen an den Unfall habe. Insoweit sei der Vorwurf der  widersprüchlichen  Aussagen  zu  relativieren.  In  Anbetracht  der  beträchtlichen Länge der beiden Befragungen sei es unverhältnismässig,  lediglich  zwei  Unstimmigkeiten  anzuführen,  zumal  es  sich  dabei  um 

E­7950/2008 marginale  Aussageunterschiede  handle.  Ungeachtet  dessen,  dass  ihm  keine  Absicht  beim  Unfall  unterstellt  werden  könne,  drohe  ihm  nun  Blutrache seitens der Familie des Getöteten. Als  Beweismittel  reichte  der  Beschwerdeführer  eine  Kopie  der  Unfallmeldung  des  Vaters  von  D._______  bei  der  Polizeistelle  (...)  in  Kabul ein.  4.3.  In  der  Vernehmlassung  führte  das  BFM  aus,  es  sei  allgemein  bekannt,  dass  in  Afghanistan  amtliche  Dokumente  ohne  weiteres  unrechtmässig  erworben  werden  könnten,  sei  dies  durch  Korruption,  Gefälligkeit  oder  Fälschung.  Bereits  aus  diesem  Grund  sei  der  Beweiswert  der  eingereichten  Unfallmeldung  als  äusserst  gering  einzustufen.  Hinzu  komme,  dass  es  sich  beim  eingereichten Dokument  lediglich um eine Kopie handle, welche die unglaubhaften Aussagen des  Beschwerdeführers keinesfalls aufzuheben vermöge. 4.4.  In  seiner  Replik  anerkennt  der  Beschwerdeführer  die  vom  BFM  angeführte Korruption  in Afghanistan.  Indes gehe es  nicht  an,  pauschal  sämtliche  Beweismittel  dahingehend  abzutun,  sie  hätten  geringen  Beweiswert.  Damit  verletze  die  Vorinstanz  ihre  Begründungspflicht.  Vorliegend spreche sodann der Umstand, dass das Dokument lediglich in  Kopie vorliege,  für die Glaubhaftigkeit der Vorbringen, da es nur  für den  behördeinternen  Verkehr  vorgesehen  sei  und  nicht  an  die  involvierten  Personen herausgegeben werde.  5.  5.1.  Der  Beschwerdeführer  macht  geltend,  das  BFM  habe  seine  Vorbringen  zu  Unrecht  als  nicht  glaubhaft  bewertet.  Er  habe  sich  nach  dem Unfall in einem Schockzustand befunden und deshalb nur noch vage  Erinnerungen an den Vorfall. Allein mit diesem nicht näher substantiierten  Hinweis  auf  sein  Befinden,  vermag  der  Beschwerdeführer  die  Unstimmigkeiten  beziehungsweise  die  fehlenden  Realkennzeichen  in  seinen  Ausführungen  nicht  überzeugend  zu  erklären.  Hätte  er  sich  in  einem  schockartigen  Zustand  befunden,  so  wäre  es  ihm  dennoch  durchaus möglich gewesen, diesen  für  ihn aussergewöhnlichen Zustand  zu  beschreiben,  hat  er  doch  dabei  lediglich  über  sich  selbst  und  sein  Befinden beziehungsweise das von  ihm persönlich Erlebte zu berichten.  Statt  dessen  gab  er  lediglich  zu  Protokoll,  er  habe  den  Verletzten  in  weitem  Bogen  wegfliegen  und  dann  auf  der  Strasse  liegen  gesehen,  habe  die  Fahrgeschwindigkeit  vermindert  und  sei  zum  Haus  seiner 

E­7950/2008 Verlobten  weitergefahren,  wo  er  sich  bis  zum  Anruf  aufgehalten  habe.  Was er  in  der Zwischenzeit  erlebt,  gedacht,  empfunden oder mit  seiner  Verlobten  besprochen  hat,  hat  er  mit  keinem  Wort  erwähnt.  Mit  den  zahlreichen  und  offen  formulierten  Fragen  hat  der  Befrager  dem  Beschwerdeführer  aber  hinreichend  Gelegenheit  gegeben,  sich  zum  Erlebten  in  jeglicher Hinsicht substantiiert zu äussern. Diese Möglichkeit  hat  der  Beschwerdeführer  offensichtlich  nicht  genutzt.  Im  Übrigen  ist  festzustellen, dass er sich vor dem Unfall nicht  in einem Schockzustand  befunden  hat,  er  mithin  damit  die  unvereinbaren  Aussagen  zu  seinem  Aufenthalt  vor  der  Pilgerfahrt  sowie  den  diesbezüglichen  Mangel  an  Detailbeschreibungen  nicht  erklären  kann.  Auch  vermag  er  damit  nicht  plausibel  darzutun,  wie  er  in  weniger  als  zwei  Tagen  in  der  Lage  war,  seine  Ausreise  zu  organisieren,  namentlich  das  erforderliche  Geld  aufzutreiben,  von  Kabul  nach  E._______,  von  dort  nach  F._______  zu  reisen (insgesamt über 900 km) und einen Schlepper aufzutreiben sowie  das Land zu verlassen.  5.2. Weiter  bringt  der  Beschwerdeführer  vor,  angesichts  der  Länge  der  Befragung seien bloss zwei aufgezeigte Widersprüche nicht geeignet, die  Glaubhaftigkeit  anzuzweifeln. Diesem Einwand  ist  entgegenhalten,  dass  das BFM zunächst – wie vorstehend dargelegt – festgestellt hat, dass die  Vorbringen  des  Beschwerdeführers  wenig  substantiiert,  wenig  detailliert  und ohne jegliche persönliche Betroffenheit ausgefallen seien. Die beiden  aufgezeigten  –  wesentliche  Punkte  der  Asylbegründung  des  Beschwerdeführers betreffende – Unstimmigkeiten hat es als zusätzliche  Argumente  angeführt,  um  seinen  Schluss  auf  Unglaubhaftigkeit  der  Vorbringen zu begründen. Im Übrigen ist festzuhalten, dass die Aussagen  des  Beschwerdeführers  von  weiteren  Unstimmigkeiten  gekennzeichnet  sind. Angesicht der mangelnden Substantiierung der Asylvorbringen, der  aufgezeigten  Unvereinbarkeiten  und  in  Anbetracht  der  nachfolgenden  Gründe, erübrigt es sich vorliegend aber, weitere Unstimmigkeiten in den  Aussagen des Beschwerdeführers im Einzelnen aufzuzeigen.  5.3.  Als  Beleg  für  die  Glaubhaftigkeit  seiner  Vorbringen  hat  der  Beschwerdeführer  eine  Kopie  der  Unfallmeldung  des  Vaters  des  Verstorbenen  eingereicht.  Dieses  Dokument  hat  die  Vorinstanz  als  Beweismittel  ohne  jeglichen  Beweiswert  qualifiziert.  Diese  Qualifikation  erfolgte  entgegen  der  Ansicht  des  Beschwerdeführers  zu  Recht.  Denn  zum einen sind solche Dokumente nach den Kenntnissen des Gerichts in  Afghanistan ohne weiteres käuflich erwerbbar. Zum anderen, und dies ist  vorliegend  als  das  entscheidende  Argument  für  die  Fragwürdigkeit  des 

E­7950/2008 Dokumentes zu bewerten,  ist darin als Unfalldatum der 31. August 2007  angeführt, wohingegen der Beschwerdeführer zu Protokoll gegeben hat,  der  Unfall  habe  sich  am  1. September  2007  ereignet.  Überdies  ist  das  Dokument nicht datiert.  Insoweit vermag der Beschwerdeführer aus dem  eingereichten  Dokument  nichts  zu  seinen  Gunsten  abzuleiten  und  es  erübrigen  sich  deshalb  auch  Abklärungen  vor  Ort.  Jedenfalls  liegt  diesbezüglich  keine  Verletzung  der  Begründungspflicht  durch  die  Vorinstanz vor. 5.4. Der Beschwerdeführer befürchtet, bei einer Rückkehr als Folge des  von ihm verursachten tödlichen Unfalls Opfer einer Blutrache seitens der  Verwandten  von  D._______  zu  werden.  Nachdem  er  seine  Asylgründe  nicht  glaubhaft  darzutun  vermochte,  ist  auch  seiner  Angst  vor  einer  allfälligen Blutrache die Grundlage entzogen. Schliesslich vermag er mit  dem  blossen  Festhalten  an  der  Tatsächlichkeit  seiner  Vorbringen  nicht  substantiiert  darzutun,  inwiefern  das  BFM  zu  Unrecht  auf  Unglaubhaftigkeit geschlossen hat.  5.5.  Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  keine  Gründe  nach  Art.  3  AsylG  glaubhaft  machen  oder  nachweisen  kann.  Bei  dieser  Sachlage  erübrigt  es  sich,  auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  einzugehen,  da  sie  an  der  vorstehenden  Feststellung  nichts  zu  ändern  vermögen.  Die  Vorinstanz  hat  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  demnach  zu  Recht  abgelehnt. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 32  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1, SR 142.311) 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach 

E­7950/2008 den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungshindernissen  gilt  gemäss  ständiger  Praxis  des  Bundesverwaltungsgerichts  und  seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl.  WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Uebersax/Rudin/Hugi  Yar/Geiser  [Hrsg.],  Ausländerrecht, 2. Aufl., Basel 2009, Rz. 11.148). 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art.  83  Abs. 3 AuG). So  darf  keine  Person  in  irgendeiner  Form  zur  Ausreise  in  ein  Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.3.  Die  Vorinstanz  wies  in  der  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen  schützt, welche die Flüchtlingseigenschaft  erfüllen. Da es  dem  Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerde­

E­7950/2008 führers nach Afghanistan ist demnach unter dem Aspekt von Art. 5 AsylG  rechtmässig. Sodann ergeben sich weder aus den Aussagen des Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung nach Afghanistan dort mit beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­ Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft machen,  dass  ihm  im Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28. Februar 2008, Beschwerde Nr. 37201/06, §§ 124 – 127, mit weiteren  Hinweisen). Auch die allgemeine Menschenrechtssituation in Afghanistan  lässt den Wegweisungsvollzug zum heutigen Zeitpunkt klarerweise nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Nach  dem  Gesagten  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  sowohl  im  Sinne  der  asyl­  als  auch  der  völkerrechtlichen  Bestimmungen zulässig. 7.4.    Gemäss  Art. 83  Abs. 4  AuG  kann  der  Vollzug  für  Ausländerinnen  und  Ausländer  unzumutbar  sein,  wenn  sie  im  Heimat­  oder  Herkunftsstaat  auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83 Abs. 7 AuG – die vorläufige Aufnahme anzuordnen. 7.4.1. Was die  allgemeine  Lage  in Afghanistan  anbelangt,  kann auf  die  vom Bundesverwaltungsgericht vorgenommene Einschätzung in dem vor  kurzem  ergangenen  und  zur  Publikation  vorgesehenen  Urteil  BVGE­ 7625/2008  vom  16.  Juni  2011  verwiesen  werden.  Darin  stellte  das  Gericht zusammenfassend fest, dass  in weiten Teilen Afghanistans eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre  Bedingungen  bestehen  würden,  dass  die  Situation  insgesamt  als  existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei.  Davon sei jedoch die Situation in der Hauptstadt Kabul zu unterscheiden.  Die dortige Sicherheitslage habe sich  im vergangenen Jahr nicht weiter  verschlechtert  und  die  humanitäre  Situation  sei  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  weniger  drastisch,  so  dass  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kabul  unter  gewissen  Umständen  zumutbar  sei.  Solche  seien  grundsätzlich  dann  gegeben,  wenn  es  sich  beim 

E­7950/2008 Rückkehrer um einen jungen und gesunden Mann handle. Angesichts der  bisher  aufgezeigten  konstanten  Verschlechterung  der  Lage  über  die  vergangenen Jahre hinweg und der auch  in Kabul schwierigen Situation  verstehe es sich aber von selbst, dass die bereits in Entscheidungen und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2003  Nr.  10  formulierten  strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssten,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren. Unabdingbar  sei  in  erster  Linie  ein  soziales  Netz,  welches  sich  im  Hinblick  auf  die  Aufnahme  und  Wiedereingliederung  des  Rückkehres  als  tragfähig  erweise.  Ohne  Unterstützung  durch  Familie  oder  Bekannte  würden  die  schwierigen  Lebensverhältnisse  auch  in  Kabul  unweigerlich  in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen.  Für  einen  Rückkehrer  aus  Europa  bestehe,  aufgrund  der  Vermutung,  dass  er  Devisen auf sich trage, gleich nach seiner Ankunft  in Kabul ein erhöhtes  Risiko,  entführt  oder  überfallen  zu werden.  Verfüge  er  auf  der  anderen  Seite  über  keine  genügenden  finanziellen  Mittel,  hätte  er  ohne  soziale  Vernetzung kaum Aussicht auf eine zumutbare Unterkunft. Auch bei der  Arbeitssuche  sei  die  Einstellung,  selbst  von  unqualifizierten  Arbeitskräften,  regelmässig  von  persönlichen  Beziehungen  abhängig.  Eine  die  Gesundheit  nur  einigermassen  garantierende  Ernährung  wäre  ohne die Hilfe von nahestehenden Personen ebenfalls kaum möglich, und  der  Zugang  zu  sauberem  Trinkwasser  schwierig;  Unterstützungsmassnahmen  der  Regierung  oder  internationaler  Organisationen könnten  laut zuverlässigen Quellen nichts daran ändern.  Kämen  in  einer  solchen  Situation  noch  gesundheitliche  Schwierigkeiten  hinzu,  würde  auch  ein  junger  und  gesunder  Mann  ohne  soziale  Vernetzung  unweigerlich  innert  absehbarer  Zeit  in  eine  existenzbedrohende Situation (vgl. a.a.O. E. 9.9.1 f.). 7.4.2. Der Beschwerdeführer stammt aus der Hauptstadt Kabul. Gemäss  seinen  persönlichen  Angaben  ist  er  kurze  Zeit  nach  seiner  Geburt  mit  seiner  –  wohlhabenden  –  Familie  in  die  Hauptstadt  gezogen.  Er  hat  somit,  abgesehen  von  seinem  noch  nicht  vierjährigen  Aufenthalt  in  der  Schweiz,  sein ganzes Leben  in Kabul  verbracht. Dort  leben heute noch  seine  Eltern  und  Geschwister  sowie  seine  Verlobte  und  deren  Verwandtschaft.  Zudem  hat  der  Beschwerdeführer  in  Kabul  die  Primarschule  und  das  Gymnasium  abgeschlossen.  Danach  hat  er  sich  zum  (…) ausbilden  lassen und war anschliessend als  selbständiger  (...)  tätig.  Insoweit  verfügt  er  in  Kabul  über  hinreichende  familiäre,  freundschaftliche und anderweitige soziale Beziehungen, mithin über ein 

E­7950/2008 tragfähiges soziales Beziehungsnetz, auf welches er bei einer Rückkehr  zurückgreifen kann und welches  ihm bei einer Reintegration hilfreich zur  Seite  stehen  kann.  Insbesondere  ist  davon  auszugehen,  dass  er  nach  seiner Rückkehr nach Kabul bei seiner Familie, seinen Verwandten oder  Bekannten wohnen kann, bis er eine eigene Wohnung gefunden hat, und  dass  seine  Verwandtschaft  ihn  bei  der  Suche  nach  einer  Arbeitsstelle  unterstützen  kann.  Da  der  –  soweit  den  Akten  zu  entnehmen  ist –  gesunde  Beschwerdeführer  gemäss  seinen  eigenen  Angaben  zufolge  über  Berufserfahrung  als  (...)  verfügt,  erscheint  auch  eine  berufliche  Wiedereingliederung ohne weiteres möglich. Vor diesem Hintergrund  ist  davon  auszugehen,  dass  er  sich  bei  einer  Rückkehr  nach  Afghanistan  sowohl in sozialer als auch wieder beruflicher Hinsicht wieder integrieren  kann.  Dieser  Schluss  drängt  sich  aufgrund  der  Tatsache,  dass  der  Beschwerdeführer  eine  höhere  Schule  besucht  hat  umso mehr  auf,  als  dies  darauf  schliessen  lässt,  dass  er  aus  gehobenen  Verhältnissen  stammt und privilegiert aufgewachsen ist, mithin bei einer Rückkehr nach  Kabul nicht  in eine existenzielle Notlage geraten wird. Schliesslich steht  es dem Beschwerdeführer frei, einen Antrag auf Rückkehrhilfe zu stellen  (Art.  74  der  Asylverordnung  2  vom  11.  August  1999  [AsylV  2,  SR  142.312]).  7.4.3. Bei dieser Sachlage erweist sich der Vollzug der Wegweisung des  Beschwerdeführers nach Kabul als zumutbar.  7.5.  Schliesslich  obliegt  es  dem  Beschwerdeführer,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  seines  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG  und dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug  der  Wegweisung  auch  als  möglich  zu  bezeichnen  ist  (Art. 83  Abs. 2  AuG). 7.6. Insgesamt ist der durch die Vorinstanz verfügte Wegweisungsvollzug  zu bestätigen. Die Vorinstanz hat diesen zu Recht als zulässig, zumutbar  und  möglich  erachtet.  Die  Anordnung  einer  vorläufigen  Aufnahme  fällt  damit ausser Betracht (Art. 83 Abs. 1 – 4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist daher abzuweisen.

E­7950/2008 9.  Mit  Zwischenverfügung  vom  17.  Dezember  2008  hat  der  Instruktionsrichter  das  Gesuch  des  Beschwerdeführers  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  unter  Vorbehalt  der  Veränderung  der  finanziellen  Verhältnisse  gutgeheissen.  Nachdem  sich  die  finanziellen  Verhältnisse  nicht  geändert  haben,  sind  dem Beschwerdeführer  für  das  vorliegende Verfahren keine Kosten aufzuerlegen. (Dispositiv nächste Seite)

E­7950/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 3.  Dieses Urteil geht an den Beschwerdeführer, das BFM und G._______. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Kurt Gysi Barbara Balmelli Versand:

E-7950/2008 — Bundesverwaltungsgericht 20.07.2011 E-7950/2008 — Swissrulings