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Bundesverwaltungsgericht 20.07.2011 E-4000/2011

July 20, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·794 words·~4 min·2

Summary

Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin-Verfahren) | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin Verfahren); Verfügung des BFM vom 6. Juli 2011

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung V E­4000/2011 Urteil   v om   2 0 .   Juli   2011 Besetzung Einzelrichter Kurt Gysi, mit Zustimmung von Richter Walter Stöckli;   Gerichtsschreiber Christoph Berger. Parteien A._______, geboren am (…), Tunesien,  (…),   Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin­Verfahren); Verfügung des BFM vom 6. Juli 2011 / N (…).

E­4000/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass der Beschwerdeführer am 10. Mai 2011 von Italien her kommend in  der Schweiz ein Asylgesuch gestellt  hat, auf welches das BFM gestützt  auf  Art.  34  Abs.  2  Bst.  d  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,     SR 142.31) mit Verfügung vom 6. Juli 2011 nicht eintrat, dass das Bundesamt dem Beschwerdeführer anlässlich der Befragung im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  Kreuzlingen  vom  12.  Mai  2011  das  rechtliche  Gehör  bezüglich  der  Zuständigkeit  Italiens  zur  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens,  zum  Nichteintretensentscheid  und zu einer Wegweisung dorthin gewährte, dass  der  Beschwerdeführer  vorbrachte,  er  möchte  gerne  nach  Italien  zurückkehren,  dass das Bundesamt zur Begründung seiner Verfügung ausführte, dass  sich  die Schweiz mit  der Umsetzung des Abkommens  vom 26. Oktober  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen  Staates  für  die  Prüfung  eines  in  einem  Mitgliedstaat  oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  (Dublin­ Assoziierungsabkommen [DAA], SR 0.142.392.689) verpflichtet habe, die  Dublin­II­Verordnung  (Verordnung  [EG]  Nr.  343/2003  des  Rates  vom  18. Februar  2003  zur  Festlegung  der  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaates,  der  für  die  Prüfung  eines  von  einem  Drittstaatsangehörigen  in  einem  Mitgliedstaat  gestellten  Asylantrages  zuständig ist [Dublin­II­VO]) anzuwenden, dass  ein  Abgleich  der  Fingerabdrücke  mit  der  Zentraleinheit  Eurodac  nachweise,  dass  der  Beschwerdeführer  am  5.  April  2011  in  Italien  ein  Asylgesuch eingereicht habe, dass  das  BFM  am  15.  Juni  2011  die  Behörden  Italiens  um  die  Übernahme  des Beschwerdeführers  im Sinne  von Art. 16 Abs.  1  Bst.  c   Dublin­II­VO ersucht habe, dass  Italien  zum  Übernahmeersuchen  innerhalb  der  festgelegten  Frist  nicht Stellung genommen habe und somit unter Anwendung von Art. 20  Abs.  1  Bst.  c  Dublin­II­VO  die  Zuständigkeit  für  die  Durchführung  des  Asyl­  und  Wegweisungsverfahrens  am  30.  Juni  2011  an  Italien  übergegangen sei,

E­4000/2011 dass gemäss Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG auf ein Asylgesuch nicht einge­ treten werde, wenn Asylsuchende  in einen Drittstaat ausreisen könnten,  der  für die Durchführung des Asyl­  und Wegweisungsverfahrens  staats­ vertraglich zuständig sei, dass die Überstellung nach  Italien  ­  vorbehältlich einer  allfälligen Unter­ brechung  oder  Verlängerung  der  Überstellungsfrist  ­  bis  spätestens  am  30. Dezember 2011 zu erfolgen habe, dass mithin auf das Asylgesuch nicht eingetreten werde, dass  die  Folge  eines  Nichteintretensentscheides  gemäss  Art.  44  Abs. 1 AsylG in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz sei und der  Beschwerdeführer  in einen Drittstaat reisen könne, in dem er Schutz vor  Rückschiebung im Sinne von Art. 5 Abs. 1 AsylG finden würde, weshalb  das  Non­Refoulement­Gebot  bezüglich  des  Heimat­  oder  Herkunftsstaates nicht zu prüfen sei, und ferner keine Hinweise auf eine  Verletzung  von  Art.  3  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101)  im  Falle einer Rückkehr nach Italien bestehen würden, dass weder die in Italien herrschende Situation noch andere Gründe ge­ gen die Zumutbarkeit der Wegweisung nach Italien sprechen würden und  der Vollzug der Wegweisung technisch möglich und praktisch durchführ­ bar sei, dass  dem Beschwerdeführer  die  Verfügung  des  BFM  vom  6.  Juli  2011  am 11. Juli 2011 eröffnet wurde, dass  der  Beschwerdeführer  gegen  diese  Verfügung  mit  Eingabe  vom    15.  Juli  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  erhebt  und  beantragt, die Verfügung des BFM sei aufzuheben, es sei  festzustellen,  dass  die  vorsorgliche  Wegweisung  in  einen  Drittstaat  unzulässig,  unzumutbar  und  unmöglich  sei  und  es  sei  ihm  bis  zum  Abschluss  des  Asylverfahrens der Aufenthalt  in der Schweiz zu ermöglichen, es sei die  Flüchtlingseigenschaft  anzuerkennen  und  Asyl  zu  gewähren,  es  sei  festzustellen, dass der Vollzug der Wegweisung unzulässig, unzumutbar  und unmöglich sei und es sei die vorläufige Aufnahme anzuordnen, dass  er  in  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  beantragt,  es  sei  die  unentgeltliche  Prozessführung  zu  gewähren,  ihm  ein  unentgeltlicher 

E­4000/2011 Rechtsbeistand  beizuordnen  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses zu verzichten, dass  er  im  Weiteren  beantragt,  die  aufschiebende  Wirkung  (der  Beschwerde) sei wiederherzustellen, dass  die  vollständigen  vorinstanzlichen  Akten  am  19.  Juli  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht eingingen, und erwägt, dass  das  Bundesverwaltungsgericht  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  im  Regelfall  ­  so  auch  vorliegend  ­  endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen (Art. 5 des Bundesgesetzes über das Verwaltungsverfahren  vom  20.  Dezember  1968  [VwVG,  SR  172.021])  des  BFM  entscheidet  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 31­33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005  [VGG,  SR 173.32]  sowie  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass der Beschwerdeführer am Verfahren vor der Vorinstanz  teilgenom­ men  hat,  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren Aufhebung  beziehungsweise Änder­ ung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  ist  (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass somit auf die frist­ und formgerecht eingereichte Beschwerde ­ unter  nachfolgendem  Vorbehalt  ­  einzutreten  ist  (Art. 108  Abs. 2  AsylG  und  Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 VwVG), dass über offensichtlich unbegründete Beschwerden in einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  entschieden  wird  (Art. 111 Bst. e  AsylG),  und  es  sich  vorliegend, wie  nachfolgend  aufge­ zeigt,  um  eine  solche  handelt,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 2 AsylG), dass gestützt auf Art. 111a Abs. 1 AsylG vorliegend auf einen Schriften­ wechsel verzichtet wurde, dass  bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide,  mit  denen  es  das BFM ablehnt, das Asylgesuch auf seine Begründetheit hin zu über­ prüfen  (Art. 32­35  AsylG),  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerde­

E­4000/2011 instanz grundsätzlich auf die Frage beschränkt  ist, ob die Vorinstanz zu  Recht auf das Asylgesuch nicht eingetreten ist, dass  demnach  auf  den  Antrag,  es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  anzuerkennen und Asyl zu gewähren, nicht einzutreten ist, dass ebenso auf den Antrag, es sei  festzustellen, dass die vorsorgliche  Wegweisung  in  einen  Drittstaat  unzulässig,  unzumutbar  und  unmöglich  sei,  nicht  einzutreten  ist,  da  der  Tatbestand  der  vorsorglichen  Wegweisung  in  einen  Drittstaat  mit  der  in  Kraft  getretenen  Gesetzesänderung vom 1. Januar 2008 weggefallen ist, dass  auf  Asylgesuche  in  der  Regel  nicht  eingetreten  wird,  wenn  Asylsuchende  in  einen  Drittstaat  ausreisen  können,  welcher  für  die  Durchfüh­  rung  des Asyl­  und Wegweisungsverfahrens  staatsvertraglich  zuständig ist (Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG), dass das BFM am 15. Juni 2011 an Italien ein Ersuchen um Übernahme  des Beschwerdeführers gestellt hat,  dass dieses bis zum Ablauf der  festgelegten Frist unbeantwortet geblie­ ben und demnach die Zuständigkeit für das vorliegende Verfahren auf Ita­ lien übergegangen ist, dass der Beschwerdeführer somit ohne weiteres  in einen Drittstaat  (vor­ liegend Italien) ausreisen kann, welcher für die Prüfung seines Asylantra­ ges staatsvertraglich zuständig ist, dass  Italien  unter  anderem  Signatarstaat  des  Abkommens  vom  28. Ju­ li 1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30),  der  EMRK und des Übereinkommens vom 10. Dezember 1984 gegen Folter  oder  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder Strafe (FoK, SR 0.105) ist, dass  keine  Hinweise  dafür  bestehen,  Italien  würde  sich  nicht  an  die  massgebenden  völkerrechtlichen  Bestimmungen,  insbesondere  an  das  Rückschiebungsverbot oder die einschlägigen Normen der EMRK, halten, dass  für  das  Bundesverwaltungsgericht  insbesondere  keine  Gründe  ersichtlich sind, die das BFM zur Ausübung des Selbsteintrittsrechts der  Schweiz (Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO) hätten veranlassen sollen,

E­4000/2011 dass zwar das italienische Fürsorgesystem für Asylsuchende in der Kritik  steht, in den Aufenthalts­ und Verfahrensbedingungen für Personen, wel­ che  sich  im  Rahmen  eines  Asylverfahrens  in  Italien  aufhalten,  aber  insgesamt kein Vollzugshindernis zu erkennen ist, dass  nach  Kenntnis  des  Bundesverwaltungsgerichts  Dublin­Rückkeh­ rende  und  verletzliche  Personen  bezüglich  Unterbringung  von  den  ita­ lienischen Behörden bevorzugt behandelt werden und sich  ­ neben den  staatlichen  Strukturen  ­  auch  zahlreiche  private  Hilfsorganisationen  der  Betreuung von Asylsuchenden und Flüchtlingen annehmen, dass der Einwand des Beschwerdeführers in der Rechtsmitteleingabe, er  möchte in der Schweiz bleiben, bis sich die Situation in Tunesien beruhigt  habe, in entscheidwesentlicher Hinsicht offenkundig nicht stichhaltig ist, dass  auch  die  weiteren  Vorbringen  in  der  Beschwerdeeingabe  für  das  vorliegende Verfahren nicht von Relevanz sind, dass das Bundesverwaltungsgericht zum Schluss kommt, dass das BFM  zu  Recht  in  Anwendung  von  Art.  34  Abs.  2  Bst.  d  AsylG  auf  das  Asylgesuch des Beschwerdeführers nicht eingetreten ist, dass das Nichteintreten auf ein Asylgesuch in der Regel die Wegweisung  aus der Schweiz zur Folge hat (Art. 44 Abs. 1 AsylG), wobei in Verfahren  nach  Art. 34  Abs. 2  Bst. d  AsylG  die  Frage  nach  der  Zulässigkeit  und  Möglichkeit  des Wegweisungsvollzugs bereits Voraussetzung  (und nicht  erst Regelfolge)  des Nichteintretensentscheides  und  deshalb  vorliegend  nicht zu prüfen ist, dass sich die Frage nach der Zumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs in  Verfahren nach Art. 34 Abs. 2 Bst. d AsylG nicht  unter  dem Aspekt  von  Art. 83 Abs. 1 und 4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember 2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  (AuG, SR 142.20)  stellt,  sondern vor  der Prüfung des Nichteintretens im Rahmen der Ausübung des Selbstein­ trittsrechts  (Art. 3  Dublin  II­VO)  oder  gegebenenfalls  ­  wenn  sich  Fami­ lienmitglieder  in  verschiedenen  Dublin­Mitgliedstaaten  befinden  und  zu­ sammengeführt  werden  sollen  ­  bei  der  Ausübung  der  sogenannten  Humanitären Klausel (Art. 15 Dublin II­VO), dass nach dem Gesagten der vom Bundesamt verfügte Vollzug der Weg­ weisung zu bestätigen ist,

E­4000/2011 dass  der  Beschwerdeführer  mit  seiner  Beschwerde  nicht  darzutun  ver­ mag,  inwiefern  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht  verletzt,  den  rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig oder unvollständig  feststellt oder  unangemessen  ist  (Art. 106  AsylG),  weshalb  die  Beschwerde  abzuwei­ sen ist, soweit auf diese einzutreten ist, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  die  Kosten  von  Fr.  600.­­  (Art. 1­3  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2])  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  sind  (Art. 63  Abs. 1 VwVG)  und  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  und  um  Beiordnung  eines  unentgeltlichen  Rechtsbeistandes  wegen  der  Aussichtslosigkeit  der  Begehren  abzuweisen ist, dass mit vorliegendem Urteil das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung  eines Kostenvorschusses gegenstandlos ist, dass  auch  der  Antrag,  die  aufschiebende Wirkung  der  Beschwerde  sei  wiederherzustellen, gegenstandslos ist. (Dispositiv nächste Seite)

E­4000/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit auf diese eingetreten wird. 2.  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  und  um  Beiordnung eines unentgeltlichen Rechtsbeistandes wird abgewiesen. 3.  Die Verfahrenskosten von Fr. 600.­­  werden dem Beschwerdeführer auf­ erlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Kurt Gysi Christoph Berger Versand:

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