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Bundesverwaltungsgericht 13.01.2012 D-6847/2011

January 13, 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,713 words·~9 min·2

Summary

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 17. November 2011

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­6847/2011 Urteil   v om   1 3 .   J a nua r   2012 Besetzung Einzelrichter Fulvio Haefeli, mit Zustimmung von Richterin Gabriela Freihofer;   Gerichtsschreiberin Karin Schnidrig. Parteien A._______, geboren (…), Äthiopien, alias B._______, geboren (…), alias C._______, geboren (…), Äthiopien, alias D._______, geboren (…), Äthiopien, alias E._______, geboren (…), Eritrea, (…), Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 17. November 2011 / N _______.

D­6847/2011 Sachverhalt: A.  A.a.  Eigenen  Angaben  zufolge  verliess  die  Beschwerdeführerin  –  eine  äthiopische  Staatsangehörige  –  Eritrea  am  6.  Juni  2009  in  Richtung  F._______,  wo  sie  sich  drei  Monate  lang  in  G._______  aufhielt.  Am 1. September 2009 reiste sie via H._______ illegal in die Schweiz ein, wo  sie gleichentags  im Empfangs­ und Verfahrenszentrum (EVZ)  I._______  um Asyl nachsuchte. Am 23. September 2009 fand im (…) die Befragung  zur Person statt und am 19. Oktober 2009 wurde die Beschwerdeführerin  im EVZ J._______ zu ihren Asylgründen angehört. Zur Begründung ihres Asylgesuchs machte sie im Wesentlichen geltend,  sie  sei  die  Tochter  eritreischer  Eltern,  welche  aus  Äthiopien  stammten.  Sie selbst sei ebenfalls  in K._______/Äthiopien aufgewachsen. Sie habe  eine Beziehung mit einem Mann gehabt, der halb Eritreer, halb Äthiopier  sei.  Mit  ihm  habe  sie  zwei  Kinder.  Im  Rahmen  der  Deportierung  von  Eritreern  sei  sie  im  Juni  1999  zusammen  mit  ihren  Eltern  und  Geschwistern,  jedoch  ohne  ihre  Kinder  und  ihren  Partner,  nach  Eritrea  gebracht worden. Von da an habe sie  in L._______ gelebt und  teils als  Coiffeuse  gearbeitet.  Ende  2008  seien  zwei  Brüder  in  F._______  ausgereist,  worauf  die Polizei  andauernd  vorbeigekommen  sei.  Im April  2009  sei  zuerst  die  eine  Schwester  mitgenommen  und  umgebracht  worden,  zwei  Tage  später  habe  man  die  andere  Schwester  mitgenommen. Deshalb habe sie Eritrea Anfang Juni 2009 verlassen. A.b.  Als  Beweismittel  reichte  die  Beschwerdeführerin  ihre  eritreische  Identitätskarte ein. A.c. Am 4. August 2011  führte ein dem BFM bekannter Experte mit der  Beschwerdeführerin ein Gespräch zu ihrer Herkunft durch. Dazu erstellte  er am 25. August 2011 ein Gutachten.  Im Weiteren prüfte das BFM am  28. September 2011 die  Identitätskarte auf  ihre Echtheit hin. Zum Inhalt  des  LINGUA­Gutachtens  und  zum  Ergebnis  der  Analyse  des  Identitätspapiers  wurde  der  Beschwerdeführerin  am  11.  Oktober  2011  das rechtliche Gehör gewährt. Mit Schreiben vom 20. Oktober 2011 nahm  sie dazu Stellung. B.  Mit Verfügung vom 17. November 2011 – eröffnet am 23. November 2011  – stellte  das  BFM  fest,  die  Beschwerdeführerin  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  lehnte  ihr  Asylgesuch  vom  1.  September 

D­6847/2011 2009  ab  und  ordnete  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  den  Wegweisungsvollzug an. C.  Mit  Eingabe  vom  20.  Dezember  2011  erhob  die  Beschwerdeführerin  gegen diese Verfügung beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde und  beantragte, es sei die angefochtene Verfügung aufzuheben und ihr in der  Folge  Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  die  Sache  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen. Subeventualiter sei festzustellen, dass die Wegweisung  unzulässig  und  unzumutbar  sei  und  ihr  in  der  Folge  die  vorläufige  Aufnahme zu gewähren.  In prozessualer Hinsicht wurde um Gewährung  der  unentgeltliche  Rechtspflege,  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses und um Beiordnung einer amtlichen Rechtsvertretung  ersucht. Als  Beweismittel  wurde  eine  Kopie  eines  an  die  Beschwerdeführerin  adressierten  Briefumschlags  eines  Absenders  aus  Eritrea  ins  Recht  gelegt. Auf die Beschwerdebegründung wird – soweit entscheidrelevant – in den  Erwägungen eingegangen. D.  Mit  Eingabe  vom  21.  Dezember  2011  reichte  der  Sozialdienst  des  Kantons M._______ eine Fürsorgebestätigung nach. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls 

D­6847/2011 endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105 des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 [AsylG, SR 142.31]; Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 108  Abs. 1  und  Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  i.V.m.  Art. 48  Abs. 1 und  Art. 52 Abs. 1 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Über offensichtlich unbegründete Beschwerden wird in einzelrichterlicher  Zuständigkeit  mit  Zustimmung  eines  zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten  Richterin  entschieden  (Art. 111  Bst. e  AsylG).  Wie  nachstehend  aufgezeigt,  handelt  es  sich  vorliegend  um  eine  solche,  weshalb  der  Beschwerdeentscheid  nur  summarisch  zu  begründen  ist  (Art. 111a Abs. 2 AsylG). Gestützt  auf  Art. 111a  Abs. 1  AsylG  wurde  vorliegend  auf  die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet. 4.  4.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu 

D­6847/2011 werden (Art. 3 Abs. 1 AsylG). Als ernsthafte Nachteile gelten namentlich  die  Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen, die einen unerträglichen psychischen Druck bewirken. Den  frauenspezifischen Fluchtgründen  ist Rechnung zu  tragen  (Art. 3 Abs. 2  AsylG). 4.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 5.  5.1.  Das  BFM  lehnte  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  mit  der  Begründung  ab,  ihre  Vorbringen  hielten  den  Anforderungen  an  die  Glaubhaftigkeit  gemäss  Art.  7  AsylG  nicht  stand,  so  dass  ihre  Asylrelevanz  nicht  geprüft  werden  müsse.  Die  Aussagen  der  Beschwerdeführerin zur Herkunft und zum Lebenslauf seien unglaubhaft.  Die  im  Zusammenhang  mit  den  Geschehnissen  vor  der  Ausreise  geschilderten  Vorbringen  müssten  insgesamt  als  unsubstanziiert  und  realitätsfremd qualifiziert werden.  Im Weiteren habe die  interne Analyse  der  eritreischen  Identitätskarte  ergeben,  dass  diese  gefälscht  sei,  weshalb  sie  gestützt  auf  Art.  10  Abs.  4  AsylG  zur  Vermeidung  einer  missbräuchlichen  Verwendung  eingezogen  werde.  Zusammenfassend  ergebe  sich  somit,  dass  die  Beschwerdeführerin  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  äthiopische  Staatsangehörige  sei,  zumal  sich  zahlreiche Äthiopier als eritreische Staatsangehörige ausgäben, um  ihre  Chancen  im  Asylverfahren  zu  erhöhen.  Darüber  hinaus  sei  die  Muttersprache der Beschwerdeführerin Amharisch, was ebenfalls auf ihre  äthiopische Herkunft hindeute. Den  Vollzug  der  Wegweisung  erachtete  das  Bundesamt  als  zulässig,  zumutbar und möglich. 5.2.  5.2.1.  Auf  Rechtsmittelebene  beanstandet  die  Beschwerdeführerin  in  formeller  Hinsicht,  ihr  seien  bis  heute  keine  Akten  zugestellt  worden, 

D­6847/2011 obwohl sie am 24. November 2011 ein entsprechendes Einsichtsgesuch  ans BFM gerichtet habe. 5.2.2.  Im  Weiteren  hält  sie  an  ihrer  angeblichen  eritreischen  Staatsangehörigkeit  fest  und  macht  in  diesem  Zusammenhang  insbesondere geltend, das Bundesamt widerspreche sich, indem es ihr in  der  angefochtenen  Verfügung  einerseits  zugestehe,  sie  spreche  gutes  bzw. nur gebrochenes Tigrinya, während es andererseits davon ausgehe,  ihre Muttersprache sei Amharisch. Tatsache sei, dass sie gutes Tigrinya  spreche. Sodann habe sie beim Interview beispielsweise das "(…) Hotel"  und  das  "(…)  Hotel"  genannt,  weshalb  sie  sich  nicht  erklären  könne,  warum das BFM nun davon ausgehe, sie kenne keine Hotels. Auch die  Feststellung, der Experte sei insgesamt zum Schluss gekommen, sie sei  zwar in einem Tigrinya­Milieu aufgewachsen, habe jedoch nicht so lange  in Eritrea gelebt wie sie behaupte, sei sehr problematisch. Da der Experte  offensichtlich  ebenfalls  davon ausgehe,  dass  sie  in Eritrea  gelebt  habe,  sei es unverständlich, aus welchem Grund das BFM sie als äthiopische  Staatsangehörige  betrachte.  Hinsichtlich  der  eritreischen  Identitätskarte  werfe das Bundesamt ihr schliesslich vor, sie habe bei der Befragung zur  Person gesagt, nie eine  Identitätskarte besessen zu haben. Damit habe  sie  jedoch  gemeint,  keine  Identitätskarte  auf  sich  zu  tragen, welche  sie  vorweisen  könnte.  Sie  habe  die  Identitätskarte  im  Jahr  2000  in  Eritrea  legal erhalten, weshalb sie nicht verstehe, warum sie gefälscht sein sollte. Bei  einer  Rückkehr  nach  Eritrea  würden  ihr  aufgrund  ihrer  illegalen  Ausreise  Haft  ohne  ein  Gerichtsverfahren  oder  sogar  der  Tod  drohen.  Auch  eine Wegweisung  nach  Äthiopien  komme  nicht  in  Frage,  weil  sie  dort  als  Eritreerin  nicht  problemlos  leben  könne.  Sie  sei  aus  Äthiopien  deportiert  worden,  weshalb  eine  Wegweisung  dorthin  unzulässig  und  unzumutbar wäre. 5.3.  5.3.1.  Was  die  Rüge  der  fehlenden  Aktenzustellung  anbelangt,  ist  festzuhalten,  dass  das  BFM  mit  eingeschriebenem  Brief  vom  29.  November  2011  eine  Kopie  des  Aktenverzeichnisses  sowie  Kopien  der  zur Edition  freigegebenen Aktenstücke an die  aktuell  bekannte Adresse  der Beschwerdeführerin verschickte. Gemäss Track & Trace­Auszug der  schweizerischen  Post  wurde  die  Sendung  am  30.  November  2011  zur  Abholung  gemeldet,  konnte  jedoch  nicht  erfolgreich  zugestellt  werden,  weshalb  sie  am  13.  Dezember  2011 mit  dem Vermerk  "nicht  abgeholt"  dem BFM  retourniert  wurde.  Da  die  Beschwerdeführerin  beim BFM  um 

D­6847/2011 Einsicht  in  die  Akten  ersuchte  und  demzufolge  mit  deren  Zustellung  rechnen  musste,  wäre  sie  im  Sinne  der  in  Art.  8  AsylG  statuierten  Mitwirkungspflicht  gehalten  gewesen,  die  Postsendung  innert  der  ihr  angesetzten  Frist  entgegenzunehmen.  In  diesem  Zusammenhang  ist  darauf  hinzuweisen,  dass  eine  Zustellung  an  die  letzte  den  Behörden  bekannte  Adresse  von  Asylsuchenden  nach  Ablauf  der  ordentlichen  siebentägigen  Abholfrist  rechtsgültig  wird,  auch  wenn  die  Sendung  als  unzustellbar zurückkommt (vgl. Art. 12 Abs. 1 AsylG). Angesichts dieser  Sachlage  ist  die  erhobene  Rüge  als  unbegründet  zu  erachten.  Schliesslich ergibt sich vorliegend aus der Beschwerdebegründung, dass  die Verfügung des BFM auch ohne entsprechende Akteneinsicht wirksam  angefochten werden konnte. 5.3.2.  Hinsichtlich  der  Staatsangehörigkeit  der  Beschwerdeführerin  kommt  das  Bundesverwaltungsgericht  nach  einer  genauen  Prüfung  der  Akten  zum Schluss,  dass  die  Ausführungen  in  der  Rechtsmitteleingabe  nicht  geeignet  sind,  die  als  zutreffend  zu erachtenden Erwägungen des  BFM  zu  entkräften.  Sowohl  das  LINGUA­Gutachten  als  auch  die  vom  Bundesamt als gefälscht erachtete Identitätskarte führen zur Auffassung,  dass die Beschwerdeführerin mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht  eritreische  Staatsangehörige  sein  kann.  So  schliesst  insbesondere  der  Umstand,  dass  sie  eigenen  Angaben  zufolge  gut  bzw.  gemäss  dem  Gutachter fliessend Tigrinya spricht (vgl. LINGUA­Gutachten, A22, S. 3),  ihre äthiopische Staatsangehörigkeit nicht von vornherein aus. Dies umso  weniger als Tigrinya auch in Nordäthiopien verbreitet  ist (vgl. A22, S. 4).  Bei  dieser  Sachlage  ist  es  durchaus  möglich,  dass  eine  Person  mit  Kenntnissen des Tigrinya amharischer Muttersprache sein kann, weshalb  die  entsprechenden  Ausführungen  des  BFM  entgegen  anderslautender  Auffassung in der Beschwerde keinen Widerspruch erkennen lassen. Wie  sich aus dem Gutachten im Weiteren ergibt, war die Beschwerdeführerin  unter  anderem  nicht  in  der  Lage,  ein  einziges  der  Hotels  in  N._______/Eritrea,  wo  sie  rund  10  Jahre  lang  gelebt  haben  will,  zu  nennen (vgl. A22, S. 2). Da es keinen Grund gibt, an den Ausführungen  des Gutachters  zu  zweifeln,  erweist  sich  ihr  Vorbringen,  sie  habe  beim  Interview  das  "(…)  Hotel"  und  das  "(…)  Hotel"  genannt,  als  wahrheitswidrig.  Auch  die  Tatsache,  dass  die  Beschwerdeführerin  wohl  einige Jahre  in Eritrea verbrachte, spricht nicht gegen die Annahme der  äthiopischen  Staatsangehörigkeit.  Schliesslich  muss  sie  die  bei  der  Befragung  zur  Person  gemachte  Angabe,  sie  habe  nie  eine  Identitätskarte  besessen  (vgl.  Befragungsprotokoll  vom  23.  September  2009,  A1,  S.  4),  gegen  sich  gelten  lassen,  da  sie  nach  der 

D­6847/2011 Rückübersetzung  des  Protokolls  unterschriftlich  bestätigte,  dieses  entspreche  ihren  Aussagen  und  der  Wahrheit  (vgl.  A1,  S.  10).  Somit  vermag sie auch aus den diesbezüglichen Vorbringen in der Beschwerde  nichts zu ihren Gunsten abzuleiten. Zur Vermeidung von Wiederholungen  kann  im Übrigen vollumfänglich auf die zutreffenden Erwägungen  in der  angefochtenen Verfügung verwiesen werden. Es erübrigt sich somit, auf  die  weiteren  Ausführungen  in  der  Beschwerde  und  das  damit  eingereichte Beweismittel einzugehen, da das Gericht dadurch zu keiner  anderen  Einschätzung  gelangen  würde.  Bei  dieser  Sachlage  gibt  es  keinen  Anlass,  das  Verfahren  zur  Neubeurteilung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen, weshalb der entsprechende Eventualantrag abgewiesen  wird. Zusammenfassend  ist  festzuhalten,  dass  das  BFM  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin zu Recht abgelehnt hat. 6.  6.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 6.2. Die Beschwerdeführerin verfügt weder über eine ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1  AsylG;  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 7.  7.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Bezüglich  der  Geltendmachung  von  Wegweisungsvollzugshindernissen  gilt  gemäss ständiger Praxis des Bundesverwaltungsgerichts und seiner  Vorgängerorganisation  ARK  der  gleiche  Beweisstandard  wie  bei  der  Flüchtlingseigenschaft, das heisst, sie sind zu beweisen, wenn der strikte  Beweis möglich ist, und andernfalls wenigstens glaubhaft zu machen (vgl. 

D­6847/2011 WALTER  STÖCKLI,  Asyl,  in:  Peter  Uebersax/Beat  Rudin/Thomas  Hugi  Yar/Thomas  Geiser  [Hrsg.]  Ausländerrecht,  Handbücher  für  die  Anwaltspraxis, Band VIII, 2. Auflage, Basel 2009, S. 568 Rz. 11.148). 7.2. Der Vollzug ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer Weiterreise  der  Ausländerin  oder  des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen  (Art. 83  Abs. 3 AuG). 7.2.1. So darf keine Person in irgendeiner Form zur Ausreise in ein Land  gezwungen  werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art. 3  Abs. 1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art. 5  Abs. 1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art. 33  Abs. 1  des  Abkommens  vom  28. Juli 1951 über die Rechtsstellung der Flüchtlinge [FK, SR 0.142.30]). Gemäss  Art. 25  Abs. 3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  (BV,  SR 101),  Art. 3  des  Übereinkommens  vom  10. Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK,  SR 0.105)  und  der  Praxis  zu  Art. 3  der  Konvention  vom  4. November 1950 zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten  (EMRK,  SR 0.101)  darf  niemand  der  Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden. 7.2.2. Die  Vorinstanz  wies  in  ihrer  angefochtenen  Verfügung  zutreffend  darauf hin, dass das Prinzip des  flüchtlingsrechtlichen Non­Refoulement  nur Personen schützt,  die die Flüchtlingseigenschaft  erfüllen. Da es der  Beschwerdeführerin  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Gefährdung nachzuweisen oder glaubhaft zu machen, kann der  in Art. 5  AsylG  verankerte  Grundsatz  der  Nichtrückschiebung  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  der  Beschwerdeführerin  in  den  Heimatstaat  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von Art. 5 AsylG rechtmässig. 7.2.3.  Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  der  Beschwerdeführerin  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  sie  für den Fall einer Ausschaffung  in den Heimatstaat dort mit beachtlicher  Wahrscheinlichkeit  einer  nach Art. 3  EMRK  oder  Art. 1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener 

D­6847/2011 des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  die  Beschwerdeführerin  eine  konkrete Gefahr ("real risk") nachweisen oder glaubhaft machen, dass ihr  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen würde  (vgl. EGMR  [Grosse Kammer], Saadi gegen  Italien, Urteil  vom  28. Februar  2008,  Beschwerde  Nr. 37201/06,  §§ 124 – 127,  mit  weiteren  Hinweisen).  Auch  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  im  Heimatstaat  lässt  den Wegweisungsvollzug  derzeit  nicht  als  unzulässig  erscheinen. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl  im Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 7.3. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 7.3.1.  In  konstanter  Praxis wird  von  einer  grundsätzlichen  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  nach  Äthiopien  ausgegangen  (vgl.  bereits  EMARK  1998  Nr.  22).  Der  zweieinhalb  Jahre  dauernde  Grenzkrieg  zwischen  Äthiopien  und  Eritrea  wurde  im  Juni  2000 mit  einem  von  der  Organisation  für  die  Einheit  Afrikas  (OAU)  vermittelten  Waffenstillstand  und einem von beiden Staaten am 12. Dezember 2000 unterzeichneten  Friedensabkommen beendet. Trotz Abzugs der UN­Friedenstruppen aus  Eri­trea im März 2008 und aus Äthiopien im August 2008 ist im heutigen  Zeitpunkt  nicht  von  einem  offenen  Konflikt  im  Grenzgebiet  zwischen  Äthiopien  und Eritrea  auszugehen.  Insgesamt  kann  jedenfalls  nicht  von  einer  rechtlich  relevanten  Verschlechterung  der  allgemeinen  Lage  in  Äthiopien gesprochen werden. 7.3.2.  Bei  einer  Gesamtwürdigung  der  aktuellen  Situation  in  Äthiopien  bestehen keine Hinweise darauf, dass die noch junge und gemäss Akten  gesunde Beschwerdeführerin, welche eigenen Angaben zufolge während  mehrerer  Jahre  die  Schule  besuchte  und  über  Arbeitserfahrung  verfügt  (vgl. A1, S. 2/3),  in Äthiopien einer konkreten Gefährdung  im Sinne von  Art. 83 Abs. 4 AuG ausgesetzt sein könnte. Es  ist  ihr somit zuzumuten,  sich dort eine neue Existenz aufzubauen.  Im Weiteren  lebte sie gemäss  eigenen Angaben bis im Jahr 1999 in Äthiopien (vgl. Anhörungsprotokoll  vom  19.  Oktober  2009,  A9,  S.  3  F14),  weshalb  sie mit  diesem Umfeld  bestens vertraut ist. Der Vollzug der Wegweisung ist nach dem Gesagten  auch als zumutbar zu bezeichnen.

D­6847/2011 An  dieser  Stelle  gilt  es  festzuhalten,  dass  die  Untersuchungspflicht  der  Asylbehörden hinsichtlich Zulässigkeit, Zumutbarkeit und Möglichkeit des  Vollzugs nach Treu und Glauben ihre Grenzen an der Mitwirkungspflicht  der Beschwerde  führenden Person  findet  (Art.  8 AsylG), die  im Übrigen  auch  die  Substanziierungslast  trägt  (Art.  7  AsylG).  Vorliegend  ist  die  Beschwerdeführerin  aufgrund  des  grösstenteils  unglaubhaften  Sachvortrags und der Einreichung einer gefälschten  Identitätskarte  ihrer  Mitwirkungs­ und Wahrheitspflicht im Rahmen der Sachverhaltsermittlung  nicht nachgekommen, weshalb es nicht Aufgabe der Asylbehörden sein  kann,  näher  nach  allfälligen  Wegweisungshindernissen  in  ihrem  Heimatland zu forschen. 7.4.  Schliesslich  obliegt  es  der  Beschwerdeführerin,  sich  bei  der  zuständigen  Vertretung  des  Heimatstaates  die  für  eine  Rückkehr  notwendigen  Reisedokumente  zu  beschaffen  (vgl.  Art. 8  Abs. 4  AsylG,  dazu auch BVGE 2008/34 E. 12 S. 513 – 515), weshalb der Vollzug der  Wegweisung auch als möglich zu qualifizieren ist (Art. 83 Abs. 2 AuG). 7.5. Zusammenfassend  hat  die  Vorinstanz  den Wegweisungsvollzug  zu  Recht als zulässig, zumutbar und möglich erachtet. Nach dem Gesagten  fällt  eine  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  ausser  Betracht  (Art. 83  Abs. 1 – 4 AuG). 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art. 106  AsylG).  Die  Beschwerde ist demnach abzuweisen. 9.  9.1. Eine Partei, die nicht über die erforderlichen Mittel verfügt, wird auf  Antrag  hin  von  der  Bezahlung  der  Verfahrenskosten  befreit,  sofern  ihr  Begehren  nicht  aussichtslos  erscheint  (Art.  65  Abs.  1  VwVG).  Dabei  verfügt  eine  Person  dann  nicht  über  die  erforderlichen Mittel,  wenn  sie  ohne  Beeinträchtigung  des  notwendigen  Lebensunterhaltes  die  Prozesskosten nicht zu bestreiten vermag. Da  die  Voraussetzungen  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  (bedürftig/nicht  aussichtslos)  kumulativ  erfüllt  sein  müssen  und  sich  in  casu  die  Rechtsbegehren  aufgrund  tatsachenwidriger  Angaben  als  aussichtslos  erwiesen  haben,  ist  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen 

D­6847/2011 Rechtspflege im Sinne von Art. 65 Abs. 1 VwVG unbesehen der durch die  Fürsorgebe­stätigung  vom  21.  Dezember  2011  ausgewiesenen  Bedürftigkeit  der  Beschwerdeführerin  abzuweisen.  Das  Gesuch  um  Beiordnung  einer  amtlichen  Rechtsvertretung  gemäss  Art.  65  Abs.  2  VwVG  ist  mangels  Erfüllung  der  Voraussetzungen  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG ebenfalls abzuweisen. Das Gesuch um Verzicht auf die Erhebung eines Kostenvorschusses wird  mit vorliegendem Urteil gegenstandslos. 9.2.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  der  Beschwerdeführerin  aufzuerlegen  (Art. 63  Abs. 1  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr. 600.–  festzusetzen  (Art. 1  –  3  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

D­6847/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art. 65 Abs. 1 und 2 VwVG werden abgewiesen. 3.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  der  Beschwerdeführerin  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Die Gerichtsschreiberin: Fulvio Haefeli Karin Schnidrig Versand:

D-6847/2011 — Bundesverwaltungsgericht 13.01.2012 D-6847/2011 — Swissrulings