Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 16.01.2012 D-6417/2011

January 16, 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,370 words·~7 min·2

Summary

Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung | Asylgesuch aus dem Ausland und Einreisebewilligung; Verfügung des BFM vom 20. Oktober 2011

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­6417/2011/sed Urteil   v om   1 6 .   J a nua r   2012 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Richter Robert Galliker, Richter Gérard Scherrer,  Gerichtsschreiber Martin Scheyli Parteien A._______ B,_______, geboren am [...], sowie deren Kinder C._______, geboren am [...],  D._______, geboren am [...], und E._______,  geboren am [...], Türkei,  c/o Schweizerische Vertretung in Ankara,  Beschwerdeführende,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz Gegenstand Einreisebewilligung und Asyl;  Verfügung des BFM vom 20. Oktober 2011

D­6417/2011 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführenden  sind  türkische  Staatsangehörige  kurdischer  Ethnie  mit  Wohnsitz  in  F._______.  Mit  Schreiben  vom  6. Mai  2011  wandte  sich  die  Beschwerdeführerin  (Mutter)  an  die  schweizerische  Botschaft in Ankara (Türkei) und ersuchte um Asyl in der Schweiz. Dabei  übermittelte sie als Beweismittel Kopien  ihres Personalausweises, eines  Auszugs  aus  dem  türkischen  Familienregister  sowie  eines  Urteils  des  Staatssicherheitsgerichts G._______ vom [...] 2000. B.  Am  24.  Juni  2011  wurde  die  Beschwerdeführerin  durch  die  schweizerische Botschaft  in  Ankara  zu  den Gründen  ihres Asylgesuchs  angehört.  C.  Mit  Schreiben  vom  17.  August  2011  übermittelte  die  schweizerische  Botschaft  in  Ankara  die  Akten  des  Asylgesuchs  dem  Bundesamt  für  Migration (BFM). D.  Mit Verfügung vom 20. Oktober 2011 verweigerte das BFM die Einreise  der Beschwerdeführenden  in  die Schweiz  und  lehnte  deren Asylgesuch  ab.  Die  genannte  Verfügung  wurde  den  Beschwerdeführenden  am  11. November 2011 zugestellt. E.  Mit  einer  in  türkischer  Sprache  verfassten,  vom  16. November  2011  datierenden  Eingabe  wandten  sich  die  Beschwerdeführenden –  mutmasslich mit der Absicht, die Verfügung des BFM anzufechten – an  die  schweizerische  Botschaft  in  Ankara.  Diese  Eingabe  der  Beschwerdeführenden  übermittelte  die  Botschaft  mit  Schreiben  vom  23. November 2011 an das Bundesverwaltungsgericht. F.  Mit  Zwischenverfügung  des  Instruktionsrichters  vom  2. Dezember  2011  wurde  festgestellt,  die  in  türkischer  Sprache  verfasste  Eingabe  vom  16. November 2011 entspreche den Anforderungen an eine Beschwerde  (Art. 52 Abs.  1  des Bundesgesetzes  vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  [VwVG,  SR  172.021];  Art.  16  Abs.  1  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR  142.31]  sowie  Art. 33a 

D­6417/2011 Abs. 1  VwVG  i.V.m.  Art. 70  Abs. 1  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18. April  1999  [BV,  SR  101])  jedenfalls  insofern  nicht,  als  sie  in  türkischer  Sprache  verfasst  sei.  Zugleich  wurden  die  Beschwerdeführenden  unter  Androhung  des  Nichteintretens aufgefordert, innert sieben Tagen ab Erhalt der Verfügung  eine den gesetzlichen Anforderungen genügende Eingabe einzureichen.  G.  Mit Eingabe an die schweizerische Botschaft in Ankara vom 2. Dezember  2011 übermittelte die Beschwerdeführerin zwei ärztliche Zeugnisse. H.  Mit  vom  28. Dezember  2011  datierender,  bei  der  schweizerischen  Botschaft  in Ankara am 3. Januar 2012 eingegangener Eingabe reichten  die  Beschwerdeführenden  eine  Beschwerdeverbesserung  in  französischer  Sprache  ein.  Diese  Eingabe  wurde  dem  Bundesverwaltungsgericht  durch  die  Botschaft  mit  Schreiben  vom  4. Januar 2012 übermittelt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Über  Beschwerden  gegen  Verfügungen, die gestützt auf das AsylG durch das BFM erlassen worden  sind,  entscheidet  das  Bundesverwaltungsgericht  grundsätzlich  (mit  Ausnahme  von  Verfahren  betreffend  Personen,  gegen  die  ein  Auslieferungsersuchen  des  Staates  vorliegt,  vor  welchem  sie  Schutz  suchen)  endgültig  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 31­33  VGG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  können  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  einschliesslich  Missbrauch  und  Überschreitung  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG).

D­6417/2011 1.3.  Die  angefochtene  Verfügung  bezieht  sich  formell  lediglich  auf  die  Beschwerdeführerin  (Mutter).  Indessen  ergibt  sich  aus  den  Akten  mit  hinreichender Deutlichkeit, dass das von der Beschwerdeführerin bei der  schweizerischen  Botschaft  in  der  Türkei  gestellte  Asylgesuch  auch  für  ihre  drei  minderjährigen  Kinder  C._______,  D._______  und  E._______  galt.  Es  ist  somit  festzustellen,  dass  das  Asylverfahren  wie  auch  das  vorliegende  Beschwerdeverfahren  sich  auch  auf  die  drei  Kinder  der  Beschwerdeführerin beziehen. 2.  2.1. Gemäss  Angabe  der  schweizerischen  Botschaft  in  Ankara  liegt  in  Bezug  auf  die  Zwischenverfügung  vom  2. Dezember  2011, mit  welcher  die  Beschwerdeführenden  unter  Androhung  des  Nichteintretens  zur  Einreichung  einer  Beschwerdeverbesserung  innert  sieben  Tagen  ab  Erhalt  der  Verfügung  aufgefordert  wurden,  kein  Beleg  dafür  vor,  wann  diese  den  Beschwerdeführenden  zugegangen  ist.  Indessen  trägt  die  Beweislast  für  die  erfolgte Zustellung  und deren Zeitpunkt  die Behörde,  welche  die  Zustellung  veranlasst  hat  (vgl.  FELIX  UHLMANN/ALEXANDRA  SCHWANK,  in:  Bernhard  Waldmann/Philippe  Weissenberger  [Hrsg.],  Praxiskommentar VwVG, Zürich/Basel/Genf  2009, Art.  34, N  10). Somit  ist  davon  auszugehen,  dass  die  vom  28. Dezember  2011  datierende  Beschwerdeverbesserung  innert  der  mit  der  Zwischenverfügung  vom  2. Dezember  2011  gesetzten  Frist  bei  der  schweizerischen Botschaft  in  Ankara eingegangen ist. 2.2. Die  Beschwerde  ist  somit  als  frist­  und  formgerecht  eingereicht  zu  erachten;  die  Beschwerdeführenden  sind  legitimiert  (Art.  108  Abs. 1  AsylG; Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG sowie Art. 48 Abs. 1 und Art. 52  VwVG). Auf die Beschwerde ist folglich einzutreten. 2.3. Gestützt  auf Art. 111a Abs. 1 AsylG wird  auf  die Durchführung des  Schriftenwechsels verzichtet. 3.  3.1. Gemäss Art. 19 Abs. 1 AsylG kann ein Asylgesuch  im Ausland bei  einer  schweizerischen  Vertretung  gestellt  werden,  welche  es mit  einem  Bericht an das Bundesamt überweist (Art. 20 Abs. 1 AsylG). 3.2. Die schweizerische Vertretung führt mit der asylsuchenden Person in  der  Regel  eine  Befragung  durch  (Art.  10  Abs.  1  der  Asylverordnung 1  vom 11. August  1999 über Verfahrensfragen  [AsylV 1, SR 142.311]).  Ist 

D­6417/2011 dies nicht möglich, so wird die asylsuchende Person von der Vertretung  aufgefordert,  ihre  Asylgründe  schriftlich  festzuhalten  (Art. 10  Abs. 2  AsylV 1). Die  schweizerische Vertretung überweist  dem Bundesamt das  Befragungsprotokoll  oder  das  schriftliche  Asylgesuch  sowie  weitere  zweckdienliche  Unterlagen  und  einen  ergänzenden  Bericht,  der  ihre  Beurteilung des Asylgesuchs enthält (Art. 10 Abs. 3 AsylV 1). 3.3. Das BFM kann ein im Ausland gestelltes Asylgesuch ablehnen, wenn  die asylsuchende Person keine Verfolgung glaubhaft machen kann oder  ihr die Aufnahme in einem Drittstaat zugemutet werden kann (vgl. Art. 3,  Art. 7 und Art.  52 Abs. 2 AsylG). Gemäss Art. 20 Abs. 2 AsylG bewilligt  das  Bundesamt  Asylsuchenden  die  Einreise  zur  Abklärung  des  Sachverhaltes, wenn  ihnen nicht  zugemutet werden kann,  im Wohnsitz­  oder Aufenthaltsstaat zu bleiben oder in ein anderes Land auszureisen. 3.4. Bei diesem Entscheid sind die Voraussetzungen zur Erteilung einer  Einreisebewilligung  grundsätzlich  restriktiv  zu  umschreiben,  wobei  den  Behörden  ein  weiter  Ermessensspielraum  zukommt.  Neben  der  erforderlichen Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG sind namentlich die  Beziehungsnähe  zur  Schweiz,  die  Möglichkeit  der  Schutzgewährung  durch einen anderen Staat, die Beziehungsnähe zu anderen Staaten, die  praktische  Möglichkeit  und  objektive  Zumutbarkeit  der  anderweitigen  Schutzsuche  sowie  die  voraussichtlichen  Eingliederungs­  und  Assimilationsmöglichkeiten  in  Betracht  zu  ziehen  (vgl.  Entscheidungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  1997  Nr. 15,  insbesondere  S. 131 ff.,  welcher  angesichts  bloss  redaktioneller  Änderungen bei der  letzten Totalrevision des Asylgesetzes nach wie vor  Gültigkeit hat). Ausschlaggebend für die Erteilung der Einreisebewilligung  ist dabei die Schutzbedürftigkeit  der betroffenen Personen  (vgl. EMARK  1997  Nr. 15  E. 2c  S. 130),  mithin  die  Prüfung  der  Fragen,  ob  eine  Gefährdung im Sinne von Art. 3 AsylG glaubhaft gemacht wird und ob der  Verbleib  am  Aufenthaltsort  für  die  Dauer  der  Sachverhaltsabklärung  zugemutet werden kann. 4.  4.1.  In  Bezug  auf  die  Asylgründe  der  Beschwerdeführenden  ergibt  sich  aus den Akten Folgendes. 4.1.1.  Mit  der  schriftlichen  Eingabe  vom  6. Mai  2011  machte  die  Beschwerdeführerin  im  Wesentlichen  geltend,  sie  sei  in  der  Provinz  Şirnak  in  der  Osttürkei  geboren  worden.  Das  Dorf  ihrer  Familie  sei  im 

D­6417/2011 Jahr 1995 durch den türkischen Staat zerstört worden, und sie seien zur  Auswanderung gezwungen worden. Einer  ihrer Brüder sei nach  Istanbul  geflohen,  sie  selbst  sei  zu  ihrer  Schwester  nach  F._______  gegangen.  Als  Kurdin  habe  sie  in  F._______  an  kurdischen  Veranstaltungen  teilgenommen.  Nach  einer  Demonstration  sei  es  zu  einer  Auseinandersetzung mit Stöcken und Steinen gekommen, und sie sei  in  der  Folge  verhaftet,  während  mehrerer  Tage  gefoltert  und  schliesslich  durch das Staatssicherheitsgericht von G._______ verurteilt worden. Seit  ihrer  Freilassung  aus  der  Haft  seien  nunmehr  elf  Jahre  vergangen,  sie  werde  aber  noch  immer  nicht  in  Ruhe  gelassen.  Anlässlich  des  kurdischen Neujahrsfests Newroz werde sie  regelmässig  in Gewahrsam  genommen. Wenn sie einige Tage bei Verwandten übernachte, werde ihr  Ehemann  deswegen  verhört  und  geschlagen.  Auch  erhalte  sie  wegen  ihrer Verurteilung nicht das gesetzlich vorgesehene Kindergeld.  4.1.2.  Anlässlich  ihrer  Anhörung  durch  die  Botschaft  führte  die  Beschwerdeführerin  im  Wesentlichen  Folgendes  aus:  Sie  sei  seit  ihrer  Jugend Mitglied der kurdischen Partei BDP  (Bariş ve Demokrasi Partisi;  Partei  des  Friedens  und  der  Demokratie)  beziehungsweise  deren  Vorgängerorganisation  DTP  (Demokratik  Toplum  Partisi;  Partei  der  demokratischen Gesellschaft). Im Jahr 1999 sei sie im Anschluss an eine  Demonstration gewaltsam verhaftet worden. Sie sei während fünf Tagen  in  der  Sicherheitsdirektion  von  F._______  festgehalten  worden,  wobei  man sie misshandelt habe. Unter anderem habe man  ihr verweigert,  ihr  erstes Kind, das damals einen Monat alt gewesen sei, zu stillen. Im Jahr  2000  sei  sie  während  zweier  Monate  in  F._______  inhaftiert  gewesen,  aber  vor  der  Fällung  des  Urteils  durch  das  Staatssicherheitsgericht  wieder entlassen worden. Damals habe sie  ihr Kind  in der Haft bei sich  gehabt;  dabei  sei  es  erkrankt  und  habe  einen  Teil  seines  Augenlichts  eingebüsst.  Sie  habe  vor  und  nach  ihrer  Verurteilung  an  vielen  Demonstrationen  für  kurdische Belange  teilgenommen. Zudem habe sie  die BDP unterstützt, indem sie bei deren Wahlkampagnen geholfen habe.  Wegen  ihres  Einsatzes  für  die  kurdische  Sache  und  die  Partei  sei  sie  unzählige Male belästigt worden. Insbesondere in ihrem Wohnquartier  in  F._______  habe  sie  oft  Schwierigkeiten.  Beispielsweise  werde  ihr  vorgeworfen,  ihre Blumen hätten die Farben der PKK  (Partiya Karkerên  Kurdistan;  Arbeiterpartei  Kurdistans);  ihr  heute  dreizehnjähriger  Sohn  C._______  sei  in  der  Schule  von  der  Lehrerin  als  Terroristenkind  beschimpft  worden.  Zudem werde  sie  von  Polizeibeamten  behelligt.  So  habe sie am 15. Februar 2011 ­ dem Jahrestag der Verhaftung des PKK­ Führers  Abdullah  Öcalan  ­  wie  auch  andere  Kurden  in  ihrem  Viertel 

D­6417/2011 schwarze Kleidung getragen, und sie sei deswegen von Polizeibeamten  mündlich  bedroht worden.  Anlässlich  einer Demonstration  habe  sich  an  diesem Tag ausserdem ihr dreizehnjähriger Sohn an der Hand verbrannt,  als  er  eine  Tränengasgranate  der  Polizei  zurückgeworfen  habe.  Des  Weiteren  führte  die Beschwerdeführerin  aus,  sie  leide  an Epilepsie  und  an psychischen Problemen.  4.1.3. Mit der Beschwerdeverbesserung vom 28. Dezember 2011 machte  die Beschwerdeführerin weiter geltend, sie sei mit den Kindern anlässlich  eines  religiösen  Fests  zu  ihren  Eltern  nach  Şirnak  gefahren.  Auf  der  Strecke und im Dorf ihrer Eltern habe es viele Gendarmen gehabt. Sie sei  in  eine  Identitätskontrolle  geraten,  und  man  habe  sie  auf  ein  Polizeikommissariat gebracht, wo sie beschimpft worden sei. Nach  ihrer  Rückkehr  nach  F._______  sei  sie  ins  Polizeikommissariat  ihres  Wohnviertels  vorgeladen  worden,  wo  sie  ebenfalls  misshandelt  und  beschimpft worden sei. Anschliessend habe sie einen Selbstmordversuch  mit Tabletten unternommen und sei deswegen im Spital gewesen. Ferner  wies  sie  auf  die  ärztliche  Behandlung  wegen  ihrer  gesundheitlichen  Probleme hin. 4.1.4.  Aus  der  als  Beweismittel  eingereichten  Kopie  eines  Urteils  des  Staatssicherheitsgerichts G._______ vom [...] 2000 geht im Wesentlichen  hervor, dass die Beschwerdeführerin wegen Unterstützung der PKK und  separatistischer  Propaganda,  begangen  am  [...]  1999,  angeklagt  war.  Indessen  wurde  die  Behandlung  des  Strafverfahrens  aufgeschoben.  Zugleich  wurde  der  Beschwerdeführerin  in  Aussicht  gestellt,  das  Verfahren  werde  ganz  aufgehoben,  falls  sie  nicht  innert  fünf  Jahren  erneut straffällig werde.  4.2.  Das  BFM  begründete  seinen  Entscheid,  die  Erteilung  der  Einreisebewilligung  zu  verweigern  und  das  Asylgesuch  abzulehnen,  im  Wesentlichen folgendermassen: Seit den geltend gemachten Ereignissen  in  den  Jahren  1999  und  2000  seien  mittlerweile  mehr  als  elf  Jahre  verstrichen,  womit  weder  in  zeitlicher  noch  in  kausaler  Hinsicht  ein  ausreichend  enger  Zusammenhang  mit  dem  Asylgesuch  bestehe.  Die  Beschwerdeführenden  würden  ausserdem  über  eine  innerstaatliche  Fluchtalternative  verfügen.  Zwar  sei  denkbar,  dass  die  Beschwerdeführerin auf  lokaler Ebene den Sicherheitsbehörden bekannt  sei  und  mit  Schikanen  rechnen  müsse.  Es  sei  jedoch  nicht  damit  zu  rechnen, dass sich diese Probleme landesweit auswirken würden. 

D­6417/2011 4.3. Bezüglich der Kriterien zur Behandlung eines Asylgesuchs aus dem  Ausland  (E. 3.3.  f.)  ist  zunächst  festzustellen,  dass  die  Beschwerdeführenden  in  ihrem  Gesuch  keinerlei  spezifische  Beziehungen  zur  Schweiz  geltend  gemacht  haben.  Somit  ist  nicht  begründet,  warum  es  den  Beschwerdeführenden  nicht  im  Sinne  von  Art. 52 Abs. 2 AsylG zumutbar sein soll, sich in einem anderen Staat um  Aufnahme zu bemühen (vgl. EMARK 1997 Nr. 15 E. 2f).  4.4.  Im  vorliegenden  Fall  ist  allerdings  insbesondere  nicht  davon  auszugehen,  dass  den  von  der  Beschwerdeführerin  geltend  gemachten  Schwierigkeiten  in  der  Türkei  eine  asylrechtliche  Relevanz  zukommt.  Zwar ist als glaubhaft zu erachten, dass die Beschwerdeführerin aufgrund  ihrer  Unterstützung  für  die  Anliegen  der  kurdischen  Volksgruppe  in  der  Türkei  sowie  insbesondere  die  politischen  Ziele  der  BDP  mit  Schwierigkeiten  und  Behelligungen  seitens  der  türkischen  Behörden  konfrontiert ist. Jedoch ist davon auszugehen, dass im Anschluss an das  Urteil des Staatssicherheitsgerichts G._______ vom [...] 2000 ­ nachdem  die  Beschwerdeführerin  keinerlei  spätere  strafrechtliche  Folgen  erwähnt  hat  ­  das  entsprechende  Verfahren  eingestellt  wurde,  obwohl  der  Beschwerdeführerin mit dessen Wiederaufnahme im Falle einer erneuten  Straffälligkeit  innert  fünf  Jahren  gedroht  worden  war.  Somit  wurde  das  politische  Engagement  der  Beschwerdeführerin  seit  jenem  Urteil  durch  die  türkischen  Behörden  offensichtlich  nicht  erneut  als  deliktisches  Verhalten  im  Sinne  der  strafrechtlichen  Staatsschutzbestimmungen  aufgefasst.  Dabei  ist  auch  zu  berücksichtigen,  dass  die  Beschwerdeführerin gemäss ihren Angaben zwar oft an Demonstrationen  teilnahm, dabei aber keinerlei spezifische politische Funktionen ausübte,  die  in  irgendeiner Weise zu einer besonderen Exponierung  ihrer Person  geführt hätten. Nachdem das Strafverfahren im Zusammenhang mit dem  Urteil vom [...] 2000 offensichtlich abgeschlossen  ist, besteht angesichts  des  Fehlens  eines  eigenen  politischen  Profils  der  Beschwerdeführerin  daher  kein  Grund  zur  Annahme,  sie  sei  heute  in  der  Türkei  einer  landesweiten  asylrelevanten  Verfolgung  seitens  des  türkischen  Staats  ausgesetzt.  Es  kann  somit  davon  ausgegangen  werden,  dass  die  Behelligungen,  welchen  die  Beschwerdeführerin  seit  dem  Jahr  2000  ausgesetzt  war  und  weiterhin  ausgesetzt  ist,  angesichts  ihrer  vergleichsweise  unspezifischen  politischen  Meinungsbekundungen  lediglich von lokalen Behörden ausgehen. Folglich  ist mit überwiegender  Wahrscheinlichkeit  anzunehmen,  dass  die  Beschwerdeführerin  und  ihre  Kinder  den  geltend  gemachten  Problemen  mit  den  lokalen  Sicherheitskräften  in  F._______  ohne  weiteres  im  Sinne  einer 

D­6417/2011 innerstaatlichen  Fluchtalternative  durch  einen  Wechsel  des  Wohnorts  innerhalb  der  Türkei  entgehen  könnten.  Gegen  diese  Annahme  spricht  auch  nicht,  dass  die  Beschwerdeführerin  bei  einer  Reise  in  ihre  Heimatprovinz  Şirnak  kontrolliert  und  belästigt  wurde,  gehört  diese  Provinz  doch  zu  den  Brennpunkten  der  Konfrontationen  zwischen  der  kurdischen  Bevölkerungsgruppe  und  dem  türkischen  Staat.  Namentlich  ist  nicht  davon  auszugehen,  dass  die  Beschwerdeführerin  bei  einem  Umzug  in  den  Grossraum  Istanbul  oder  eine  andere  westtürkische  Grossstadt mit  asylrelevanten Problemen zu  rechnen hätte. Schliesslich  ist  festzustellen,  dass  auch  die  übrigen  Schwierigkeiten,  welche  die  Beschwerdeführerin  zur  Begründung  ihres  Asylgesuchs  anführt  –  so  namentlich,  dass  sie  wegen  ihrer  Verurteilung  nicht  das  gesetzlich  vorgesehene Kindergeld erhalte, an Epilepsie und an einer psychischen  Erkrankung  leide sowie einen Selbstmordversuch unternommen habe –,  nicht  einer  asylrechtlich  relevanten  Gefährdung  gleichkommen,  die  mit  einer entsprechenden Schutzbedürftigkeit verbunden wäre. 4.5. Zusammenfassend ergibt  sich  somit,  dass  die Vorinstanz  zu Recht  die Erteilung der Einreisebewilligung verweigert und das Asylgesuch der  Beschwerdeführenden abgelehnt hat. 5.  Aus  den  angestellten  Erwägungen  folgt,  dass  die  angefochtene  Verfügung Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt  richtig und vollständig feststellt und angemessen ist (Art. 106 AsylG). Die  Beschwerde ist folglich abzuweisen. 6.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens wären dessen Kosten grundsätzlich  den  Beschwerdeführenden  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs. 1  VwVG).  Aus  verwaltungsökonomischen  Gründen  sowie  in  Anwendung  von  Art. 63  Abs. 1  in  fine VwVG und Art. 6 Bst. b des Reglements vom 21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE,  SR  173.320.2)  ist  indessen  auf  die  Erhebung der Verfahrenskosten zu verzichten.  (Dispositiv nächste Seite)

D­6417/2011 D­6417/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Es  wird  festgestellt,  dass  sich  das  Asylverfahren  und  das  vorliegende  Beschwerdeverfahren  auch auf  die  drei Kinder  der Beschwerdeführerin,  C._______, D._______ und E._______, beziehen. 2.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführenden,  das  BFM  und  die  schweizerische Botschaft in Ankara.  Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Martin Scheyli Versand:

D-6417/2011 — Bundesverwaltungsgericht 16.01.2012 D-6417/2011 — Swissrulings