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Bundesverwaltungsgericht 15.09.2011 D-4591/2011

September 15, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·823 words·~4 min·4

Summary

Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone | Zuweisung der Asylsuchenden an die Kantone; Verfügung des BFM vom 5. August 2011

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4591/2011 Urteil   v om   1 5 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Einzelrichter Bendicht Tellenbach, mit Zustimmung von Richter Kurt Gysi;  Gerichtsschreiber Martin Scheyli Parteien A._______ B._______, geboren [...], Sri Lanka,  vertreten durch lic. iur. Claudia Zumtaugwald,  Rechtsanwältin,  [...] Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,  Vorinstanz Gegenstand Zuweisung an den Kanton;  Zwischenverfügung des BFM vom 5. August 2011

D­4591/2011 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest, dass  die  Beschwerdeführerin,  eine  sri­lankische  Staatsangehörige  tamilischer Ethnie, im Hinblick auf die Einreichung eines Asylgesuchs mit  Eingabe  ihrer  Rechtsvertreterin  an  das  Bundesamt  für Migration  (BFM)  vom 21. Juli 2011 sinngemäss darum ersuchte, dem Kanton Luzern, dem  Wohnkanton  ihres  in  der  Schweiz  lebenden  Bruders  C._______  B._______, zugewiesen zu werden, dass sie am 25. Juli 2011 ein Asylgesuch stellte, dass das BFM die Beschwerdeführerin am 5. August 2011 im Anschluss  an die summarische Erstbefragung im Empfangs­ und Verfahrenszentrum  Basel  zu  den  Gründen  ihres  Gesuchs  um  Zuweisung  in  den  Kanton  Luzern anhörte, dass die Beschwerdeführerin bei dieser Gelegenheit geltend machte, sie  sei krank und könne nicht alleine leben,  dass  das  BFM  die  Beschwerdeführerin  mit  Zwischenverfügung  vom  5. August  2011  ­  eröffnet  am  9.  August  2011  ­  für  die  Dauer  des  Asylverfahrens dem Kanton Aargau zuwies, dass die Beschwerdeführerin die Zwischenverfügung vom 5. August 2011  mit  Eingabe  ihrer  Rechtsvertreterin  vom  19.  August  2011  beim  Bundesverwaltungsgericht  anfocht  und  beantragte,  die  genannte  Zwischenverfügung sei aufzuheben und die Beschwerdeführerin sei dem  Kanton Luzern zuzuweisen, und zieht in Erwägung, dass  das  Bundesverwaltungsgericht  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  des  BFM  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  grundsätzlich  (mit  Ausnahme  von  Verfahren  betreffend  Personen,  gegen  die  ein  Auslieferungsersuchen  des  Staates  vorliegt,  vor  welchem  sie  Schutz  suchen)  endgültig  entscheidet  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR  142.31]  i.V.m.  Art.  31  und  33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  [VGG, SR 173.32]; Art.  83 Bst.  d Ziff.  1 des Bundesgerichtsgesetzes vom 17.  Juni 2005  [BGG,  SR 173.110]),

D­4591/2011 dass  sich  das  Verfahren  nach  dem  Bundesgesetz  vom  20. Dezember  1968 über das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) richtet, soweit  das VGG oder das AsylG nichts anderes bestimmen (Art. 37 VGG sowie  Art. 6 und 105 AsylG),  dass mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit  gerügt  werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG),  dass  die  Beschwerdeführerin  unter  anderem  eine  Verletzung  des  Grundsatzes der Einheit der Familie rügt und damit den in Art. 27 Abs. 3  AsylG  genannten  zulässigen  Rügegrund  anruft  (vgl.  BVGE  2008/47  E. 1.2), dass auf die im Übrigen frist­ und formgerechte Eingabe der legitimierten  Beschwerdeführerin somit einzutreten ist (vgl. Art. 108 Abs. 1 AsylG und  Art. 52 Abs. 1 VwVG sowie Art. 48 Abs. 1 VwVG),  dass die vorliegende Beschwerde offensichtlich unbegründet ist, weshalb  darüber in einzelrichterlicher Zuständigkeit mit Zustimmung eines zweiten  Richters  beziehungsweise  einer  zweiten  Richterin  zu  entscheiden  ist  (Art. 111 Bst. e AsylG), dass  auf  einen  Schriftenwechsel  zu  verzichten  und  der  Beschwerdeentscheid nur summarisch zu begründen ist (Art. 111a Abs. 1  und 2 AsylG), dass  das  BFM  die  Asylsuchenden  gemäss  Art.  27  Abs.  3  AsylG  den  Kantonen  zuweist  und  dabei  den  schützenswerten  Interessen  der  Kantone und der Asylsuchenden Rechnung  trägt, wobei es gemäss Art.  22  Abs.  1  der  Asylverordnung 1  vom  11. August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1, SR 142.311) bereits  in der Schweiz  lebende  Familienangehörige,  Staatsangehörigkeiten  und  eine  allfällige  Betreuungsintensität berücksichtigt, dass  sich  das  Bundesamt  dabei  in  formeller  Hinsicht  mit  einem  ausdrücklichen  und  eingehend  begründeten  Gesuch  um  Zuweisung  in  einen  bestimmten  Kanton  aus  familiären  Gründen  konkret  auseinandersetzen  muss  und  in  der  Zuweisungsverfügung  eine  Abwägung  vorzunehmen  und  diese  zu  begründen  hat  (vgl.  BVGE  2008/47 E. 3),

D­4591/2011 dass  das  BFM  im  vorliegenden  Fall  den  formellen  Anforderungen  Rechnung getragen hat, indem es der Beschwerdeführerin am 5. August  2011  zur  Frage  der  Kantonszuweisung  mündlich  das  rechtliche  Gehör  gewährte  und  sich  in  der  angefochtenen  Zwischenverfügung  mit  den  betreffenden  Vorbringen  in  ausreichender  Einlässlichkeit  auseinandersetzte, dass  mit  der  Beschwerdeschrift  unter  anderem  vorgebracht  wird,  der  angefochtenen Zwischenverfügung  fehle es  im Zusammenhang mit dem  vom  BFM  angeordneten  Entzug  der  aufschiebenden  Wirkung  an  einer  rechtsgenüglichen  Begründung,  womit  das  rechtliche  Gehör  verletzt  worden sei,  dass zwar festzustellen ist, dass nicht nachvollziehbar erscheint, weshalb  mit  der  angefochtenen  Zwischenverfügung  durch  das  BFM  der  Entzug  der aufschiebenden Wirkung angeordnet wurde, ist doch nicht ersichtlich,  inwiefern im vorliegenden Fall eines Zuweisungsentscheids im Sinne von  Art. 27  AsylG  einer  Beschwerde  überhaupt  ein  Suspensiveffekt  zukommen könnte, dass  jedoch  bei  der  Anfechtung  eines  Entscheids  des  BFM  über  die  Zuweisung an einen Kanton nach Art. 27 Abs. 3 AsylG formelle Rügen ­  so  insbesondere betreffend die Verletzung des  rechtlichen Gehörs  ­ nur  insoweit  zulässig  sind,  als  sie  im  Zusammenhang  mit  der  Frage  des  Grundsatzes der Einheit der Familie stehen (BVGE 2008/47 E. 1.3), dass  somit  auf  die  Rüge,  der  Anspruch  der  Beschwerdeführerin  auf  rechtliches  Gehör  sei  im  Zusammenhang  mit  dem  Entzug  der  aufschiebenden Wirkung verletzt worden, nicht weiter einzugehen ist, dass das Bundesamt zur Begründung des angefochtenen Entscheids  in  materieller  Hinsicht  im  Wesentlichen  ausführte,  der  Bruder  der  Beschwerdeführerin  lebe seit dem Jahr 1989 in der Schweiz, womit sich  die  Beschwerdeführerin  nicht  auf  ein  vorbestehendes  Abhängigkeitsverhältnis  berufen  könne,  und  mit  der  Zuweisung  in  den  Kanton  Aargau  werde  der  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  nicht  verletzt, dass  das  Bundesamt  weiter  festhielt,  es  werde  in  jedem  Zuweisungskanton eine adäquate medizinische Versorgung gewährt,

D­4591/2011 dass  mit  Blick  auf  das  Beschwerderecht  bei  Kantonszuteilungen  der  Schutzbereich  des  in  Art.  27  Abs.  3  letzter  Satz  AsylG  erwähnten  Grundsatzes  der  Einheit  der  Familie  nicht  über  denjenigen  hinausgeht,  der sich aus den entsprechenden Begriffen in Art. 44 Abs. 1 und Art. 51  Abs. 1 und 2 AsylG sowie Art. 8 der Konvention vom 4. November 1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101) ergibt (BVGE 2008/47 E. 4.1), dass  mithin  für  die  Berufung  auf  diesen  Grundsatz  bei  nahen  Angehörigen,  die  nicht  der  Kernfamilie  zuzurechnen  sind,  nach  der  Rechtsprechung  ein  Abhängigkeitsverhältnis  gegeben  sein  muss  (vgl.  dazu BVGE 2008/47 E. 4.1.2, mit weiteren Hinweisen), dass die volljährige Beschwerdeführerin und ihr in der Schweiz lebender,  ebenfalls  volljähriger  Bruder  C._______  B._______  [...]  entgegen  der  Behauptung  in  der  Beschwerdeschrift  offensichtlich  nicht  der  gleichen  Kernfamilie im Sinne der relevanten Bestimmungen angehören, dass  C._______  B._______  ­  der  heute  im  Besitz  der  schweizerischen  Staatsangehörigkeit ist ­ seinen ursprünglichen Heimatstaat Sri Lanka am  6. Oktober  1989  verliess  und  seit  der  damaligen  Einreichung  seines  Asylgesuchs  am  16. Oktober  1989  in  der  Schweiz  lebt,  womit  eine  tatsächlich  gelebte  Beziehung  zur  Beschwerdeführerin  bereits  seit  entsprechend langer Zeit nicht mehr besteht, dass  mit  der  Eingabe  der  Rechtsvertreterin  an  das  BFM  vom  21.  Juli  2011, mit welcher sinngemäss um Zuweisung in den Wohnsitzkanton von  C._______  B._______  ersucht  wurde,  keinerlei  Angaben  zu  einem  allfälligen Abhängigkeitsverhältnis gemacht wurden, dass  die  Beschwerdeführerin  im  Rahmen  des  rechtlichen  Gehörs  vom  5. August 2011 ausschliesslich geltend machte, sie sei krank und könne  nicht alleine leben, wobei sie auch auf entsprechende Nachfrage hin nicht  weiter konkretisierte, worin ihre Erkrankung bestehe,  dass die Beschwerdeführerin anlässlich der summarischen Erstbefragung  vom 5. August 2011 im Zusammenhang mit ihren Asylgründen ausführte,  sie  habe  im  sri­lankischen  Bürgerkrieg  am  10.  Februar  2009  eine  Schussverletzung an der Hüfte erlitten,  sei  deshalb  in Spitalbehandlung  gewesen und habe aufgrund der Operation nach wie vor Schmerzen,

D­4591/2011 dass  mit  der  Beschwerdeschrift  im  Wesentlichen  ­  soweit  zumindest  annähernd für die vorliegenden Rechtsfragen relevant ­ geltend gemacht  wird,  die  Beschwerdeführerin  sei  verwirrt,  habe  Depressionen  und  Albträume,  da  sie  im  Krieg  Kinderleichen  sowie  Frauen  gesehen  habe,  die keine Füsse gehabt hätten,  dass  zudem  ihr  Handgelenk  gebrochen  gewesen  sei,  dass  sie  Schwindelgefühle und Probleme mit der Verdauung habe und  ihre Nase  andauernd laufe, dass  mit  der  Beschwerdeschrift  ausserdem  ausgeführt  wird,  die  Beschwerdeführerin  sei  seit  geraumer  Zeit  alleine  gewesen  und  habe  niemanden  zum  Reden  gehabt,  der  sie  von  ihren  Erfahrungen  als  Soldatin  in Sri Lanka abgelenkt hätte, weshalb sie bei  ihrem Bruder und  dessen Familie ihre Depression eher überwinden könnte, dass  das  Laufen  der  Nase  ein  typisches  Zeichen  dafür  sei,  dass  die  seelischen  Schmerzen  sehr  gross  seien  und  sich  die  Abwesenheit  von  ihrer Familie auch physisch bemerkbar mache, dass  die  Beschwerdeführerin  ausserdem  geltend  macht,  die  verwandtschaftliche Unterstützung unter Tamilen sei ausgesprochen eng  und die Familienbande sehr intensiv, dass indessen festzustellen ist, dass die geltend gemachten körperlichen  und psychischen Probleme ­ die im Übrigen in keiner Weise mit ärztlichen  Zeugnissen belegt worden sind ­ nicht eine derartige Intensität aufweisen,  dass  aufgrund  einer  erheblichen  physischen  oder  psychischen  Beeinträchtigung  von  einer  ausgeprägten  Unterstützungsbedürftigkeit  auszugehen wäre, dass auch das mit der Beschwerdeschrift eingereichte Beweismittel,  ein  Auszug  aus  einem  Ratgeber  zur  Betreuung  depressiv  Erkrankter,  in  Bezug auf diese Einschätzung nichts zu ändern vermag, dass  ferner  auch  eine  allenfalls  sozio­kulturell  bedingt  besonders  enge  familiäre  Verbundenheit,  wie  durch  die  Beschwerdeführerin  geltend  gemacht, keine andere Einschätzung herbeiführen kann, dass das BFM in der angefochtenen Zwischenverfügung somit zu Recht  das  Vorliegen  eines  Abhängigkeitsverhältnisses  im  Sinne  der  zitierten  Rechtsprechung verneint hat,

D­4591/2011 dass  das  Bundesamt  ferner  zutreffenderweise  darauf  hingewiesen  hat,  dass  bei  gegebener  Notwendigkeit  ungeachtet  des  konkreten  Zuweisungskantons  adäquate  medizinische  Behandlungsangebote  bestehen,  was  sowohl  für  allfällige  psychische  als  auch  für  körperliche  Leiden gilt, dass  es  der  Beschwerdeführerin  somit  nicht  gelungen  ist,  darzulegen,  inwiefern  die  angefochtene  Zwischenverfügung  den  Grundsatz  der  Einheit der Familie verletze, weshalb die Beschwerde abzuweisen ist, dass bei diesem Ausgang des Verfahrens die Kosten von Fr. 600.­­ der  Beschwerdeführerin  aufzuerlegen  sind  (Art. 63  Abs. 1  und  5  VwVG;  Art. 1­3  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2] i.V.m. Art. 16 Abs. 1 Bst. a VGG). (Dispositiv nächste Seite)

D­4591/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Kosten  des  Verfahrens  in  der  Höhe  von  Fr.  600.­­  werden  der  Be­ schwerdeführerin auferlegt. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der Einzelrichter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Martin Scheyli Versand:

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