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Bundesverwaltungsgericht 26.08.2011 D-4265/2011

August 26, 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,596 words·~8 min·3

Summary

Wegweisung und Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid) | Wegweisungsvollzug (Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid); Verfügung des BFM vom 21. Juli 2011

Full text

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4265/2011 Urteil   v om   2 6 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Robert Galliker (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Fulvio Haefeli; Gerichtsschreiber Matthias Jaggi. Parteien A._______, geboren (…), Indien,   vertreten durch lic. iur. Michael Guidon,  Berner Rechtsberatungsstelle für Menschen in Not,  (…), Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung (Dublin­ Verfahren; Beschwerde gegen Wiedererwägungsentscheid);  Verfügung des BFM vom 21. Juli 2011 / N (…).

D­4265/2011 Sachverhalt: A.  Am 17. November 2010 reichte der Beschwerdeführer im Empfangs­ und  Verfahrenszentrum  (EVZ) B._______ ein Asylgesuch ein. Anlässlich der  Kurzbefragung  im  Transitzentrum  C._______  vom  1.  Dezember  2010   machte  der  Beschwerdeführer  insbesondere  geltend,  er  sei  am  9.  November  2010  mit  einem  von  der  spanischen  Botschaft  in  Delhi  ausgestellten  Schengenvisum  via  Zürich  und  Frankfurt  nach  Spanien  gereist, von wo er am 15. November 2010 in die Schweiz geflogen sei.  B.  Das  BFM  gewährte  dem Beschwerdeführer  am  1.  Dezember  2010  das  rechtliche  Gehör  zum  bevorstehenden  Nichteintretensentscheid,  zur  Zuständigkeit  Spaniens  für  die  Durchführung  des  Asylverfahrens  beziehungsweise  zu  einer  allfälligen  Wegweisung  dorthin  und  gab  ihm  Gelegenheit, dazu Stellung zu nehmen.  C.  Aufgrund  der  Angaben  des  Beschwerdeführers  und  der  Einträge  in  seinem  Reisepass  stellte  das  BFM  am  24.  Januar  2011  ein  Übernahmeersuchen an die spanischen Behörden. Dieses Gesuch wurde  von Spanien am 25. Februar 2011 gutgeheissen.  D.  Mit Verfügung vom 28. Februar 2011 trat das BFM in Anwendung von Art.  34 Abs. 2 Bst. d des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31)  auf  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  vom  17.  November  2010  nicht ein und ordnete seine Wegweisung aus der Schweiz nach Spanien  sowie den Wegweisungsvollzug an. Gleichzeitig wurde  festgestellt, dass  einer allfälligen Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme.  Zur  Begründung  führte  das  BFM  im  Wesentlichen  aus,  der  Beschwerdeführer  gebe  zu  Protokoll,  dass  er  von  der  spanischen  Botschaft  in Neu­Delhi  ein Schengenvisum erhalten habe, welches vom  6. bis am 26. November 2010 gültig gewesen sei. Mit diesem Visum sei  er  am  9.  November  2010  in  das  Hoheitsgebiet  der  Dublin­Staaten  eingereist. Die spanischen Behörden hätten das Ersuchen des BFM um  Übernahme  des  Beschwerdeführers  gestützt  auf  Art.  9  Abs.  2  der  Verordnung [EG] Nr. 343/2003 des Rates vom 18. Februar 2003 [Dublin­ II­Verordnung;  nachfolgend  Dublin­II­VO]  zur  Festlegung  der  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  Mitgliedstaats,  der  für  die  Prüfung 

D­4265/2011 eines von einem Drittstaatsangehörigen in einem Mitgliedstaat gestellten  Asylantrags zuständig ist, am 25. Februar 2011 gutgeheissen. Somit liege  gemäss  dem  "Abkommen  vom  26.  Oktober  2004  zwischen  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  und  der  Europäischen  Gemeinschaft  über  die  Kriterien  und  Verfahren  zur  Bestimmung  des  zuständigen Staates für die Prüfung eines in einem Mitgliedstaat oder  in  der  Schweiz  gestellten  Asylantrags  (Dublin­Assoziierungsabkommen  [DAA,  SR  0.142.392.68])"  die  Zuständigkeit  bei  Spanien,  das Asyl­  und  Wegweisungsverfahren  durchzuführen.  Die  Überstellung  nach  Spanien  habe  –  vorbehältlich  einer  allfälligen  Unterbrechung  oder  Verlängerung  der  Überstellungsfrist  (Art.  19  f.  Dublin­II­VO)  –  bis  spätestens  am  25.  August 2011 zu erfolgen. Somit sei auf das Asylgesuch nicht einzutreten,  die Wegweisung aus der Schweiz die Regelfolge des Nichteintretens auf  ein Asylgesuch und der Vollzug der Wegweisung nach Spanien zulässig,  zumutbar  und möglich.  Für  die weitere Begründung der Verfügung wird  auf die Akten verwiesen.  E.  Das  Bundesverwaltungsgericht  wies  eine  gegen  diese  Verfügung  eingereichte Beschwerde vom 7. März 2011 mit Urteil D­1487/2011 vom  10. März 2011 ab. F.  Am  4.  Mai  2011  ging  beim  BFM  ein  ärztlicher  Bericht  von  Dr.  med.  D._______ (Psychiatriezentrum E._______) vom 13. April 2011 ein. G.  Mit als "Wiedererwägungsgesuch" bezeichneter Eingabe vom 4. Juli 2011   liess  der  Beschwerdeführer  durch  seinen  neu  mandatierten  Rechtsvertreter  beim  BFM  beantragen,  es  sei  die  ursprüngliche  Verfügung  wiedererwägungsweise  aufzuheben  und  ein  nationales  Verfahren  durchzuführen.  Zudem  seien  die  Vollzugsbehörden  im  Sinne  einer  vorsorglichen  Massnahme  anzuweisen,  von  Vollzugshandlungen  bis  zu  einem  Entscheid  über  das  vorliegende Wiedererwägungsgesuch  abzusehen. Ausserdem sei  ihm die Bezahlung von Verfahrenskosten zu  erlassen  und  auf  die  Erhebung  eines  Gebührenvorschusses  zu  verzichten.  Als  Begründung  für  sein  Gesuch  machte  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  geltend,  er  habe mit  Todesängsten  auf  den  angedrohten  Wegweisungsvollzug reagiert. Wegen Selbstgefährdung habe er vom 17. 

D­4265/2011 bis am 30. März 2011 hospitalisiert werden müssen. Die Entlassung sei in  leicht  verbessertem  Zustand  erfolgt.  Aufgrund  der  gesundheitlichen  Entwicklung respektive neuer, auf einlässlicher Untersuchung beruhender  Erkenntnisse  über  seine Gesundheit  ergebe  sich  im Vollzugspunkt  eine  relevante  Veränderung  der  Sachlage.  Diese  werde  im  beiliegenden  ärztlichen Bericht  der  (…)  vom 24.  Juni  2011 detailliert  beschrieben. Er  leide  gemäss  diesem  Bericht  unter  einer  komplexen  posttraumatischen  Belastungsstörung  und  einer  mittelgradigen  depressiven  Episode.  Die  drohende Rückführung nach Spanien  löse bei  ihm massive Ängste  und  das (rein subjektive) Gefühl einer erneuten direkten Bedrohung von Leib  und Leben aus. Es müsse mit verstärktem Auftreten von Suizidgedanken  gerechnet werden. Eine subjektive Sicherheit könne es für ihn momentan  nur  in  der  Schweiz  geben.  Eine  Rückführung  nach  Spanien  hingegen  würde  für  ihn  eine  akute  existenzielle  Bedrohung mit  sich  bringen.  Die  vorliegende  ärztliche  Beurteilung  erfordere  die  wiedererwägungsweise  Korrektur  der  ursprünglichen  Verfügung.  Angesichts  der  besonderen  medizinischen Situation erscheine es zum jetzigen Zeitpunkt unzulässig,  auf der Umsetzung des Dublin­Verfahrens zu beharren.  Dem  Wiedererwägungsgesuch  lag  ein  Kurzaustrittsbericht  von  Dres.  med. D._______ sowie F._______  (Psychiatriezentrum E._______) vom  30. März 2011, ein ärztliches Zeugnis von Dres. med. G._______ sowie  H._______ (…) vom 24. Juni 2011 sowie eine Fürsorgebestätigung vom  4. Juli 2011 bei.  H.  Mit Verfügung vom 21. Juli 2011 – eröffnet am 25. Juli 2011 – wies das  BFM  das  Wiedererwägungsgesuch  vom  4.  Juli  2011  ab,  stellte  die  Rechtskraft und Vollstreckbarkeit seiner Verfügung vom 28. Februar 2011  fest,  erhob  eine  Gebühr  von  Fr.  600.­­  und  stellte  fest,  dass  einer  allfälligen Beschwerde keine aufschiebende Wirkung zukomme.  I.  Mit  Beschwerde  vom  2.  August  2011  (Poststempel)  ans  Bundesverwaltungsgericht  liess  der  Beschwerdeführer  durch  seinen  Rechtsvertreter  beantragen,  es  sei  die  Verfügung  der  Vorinstanz  aufzuheben  und  die  Sache  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen  mit  der  Anweisung,  das  Selbsteintrittsrecht  auszuüben  und  sich  für  das  vorliegende  Asylgesuch  als  zuständig  zu  erachten.  Zudem  sei  der  Beschwerde die aufschiebende Wirkung zu erteilen und die Vorinstanz im  Rahmen  von  vorsorglichen  Massnahmen  unverzüglich  anzuweisen,  bis 

D­4265/2011 zum  Entscheid  über  die  Gewährung  der  aufschiebenden  Wirkung  von  jeglichen  Vollzugshandlungen  abzusehen.  Ausserdem  sei  ihm  die  unentgeltliche  Rechtspflege  zu  gewähren  und  von  der  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  abzusehen.  Auf  die  Beschwerdebegründung  wird,  soweit entscheidrelevant, in den Erwägungen eingegangen.  Der Rechtsmittelschrift lag eine Kopie des bereits eingereichten ärztlichen  Zeugnisses  von  Dres. med.  G._______  sowie  H._______  (…)  vom  24.  Juni  2011  sowie  ein  Ausdruck  einer  E­Mail  betreffend  ambulante  Konsultation vom 29. Juli 2011 bei.  J.  Mit  vorsorglicher  Massnahme  vom  4.  August  2011  setzte  das  Bundesverwaltungsgericht den Vollzug der Wegweisung gestützt auf Art.  112 AsylG per sofort aus. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3. Die Beschwerde ist frist­ und formgerecht eingereicht (Art. 108 Abs. 1  AsylG, Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 52 VwVG). Zudem ist  der  Beschwerdeführer  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders 

D­4265/2011 berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise Änderung, weshalb er zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert  ist  (Art.  105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art.  48  Abs.  1  VwVG). Auf die Beschwerde ist somit einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Die  Abteilungen  des  Bundesverwaltungsgerichts  entscheiden  in  der  Regel  in  der  Besetzung  mit  drei  Richtern  oder  Richterinnen  (Spruchkörper;  vgl. Art.  21 Abs.  1 VGG). Gestützt  auf Art.  111a Abs.  1  AsylG kann das Bundesverwaltungsgericht auch in solchen Fällen auf die  Durchführung eines Schriftenwechsels verzichten. 4.  4.1. Prozessgegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens  ist die  verweigerte Wiedererwägung eines in Anwendung von Art. 34 Abs. 2 Bst.  d AsylG gefällten Nichteintretensentscheides (Dublin­Verfahren). 4.2. Die Wiedererwägung im Verwaltungsverfahren ist ein gesetzlich nicht  geregelter  Rechtsbehelf,  auf  dessen  Behandlung  durch  die  verfügende  Behörde  grundsätzlich  kein  Anspruch  besteht.  Gemäss  herrschender  Lehre und ständiger Praxis des Bundesgerichts wird  jedoch aus Art.  29  der Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18.  April  1999  (BV,  SR  101)  unter  bestimmten  Voraussetzungen  ein  verfassungsmässiger Anspruch auf Wiedererwägung abgeleitet (vgl. BGE  127  I  133  E.  6,  mit  weiteren  Hinweisen).  Danach  ist  auf  ein  Wiedererwägungsgesuch  einzutreten,  wenn  sich  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  seit  dem  ursprünglichen  Entscheid  beziehungsweise  seit  dem  Urteil  der  mit  Beschwerde  angerufenen  Rechtsmittelinstanz  in  wesentlicher  Weise  verändert  hat  und  mithin  die  ursprüngliche  (fehlerfreie)  Verfügung  an  nachträglich  eingetretene Veränderungen  der  Sachlage  anzupassen  ist.  Sodann  können  auch Revisionsgründe  einen  Anspruch  auf  Wiedererwägung  begründen,  sofern  sie  sich  auf  eine  in  materielle  Rechtskraft  erwachsene  Verfügung  beziehen,  die  entweder  unangefochten  geblieben  oder  deren  Beschwerdeverfahren  mit  einem  formellen Prozessurteil abgeschlossen worden ist. Ein solchermassen als  qualifiziertes Wiedererwägungsgesuch zu bezeichnendes Rechtsmittel ist 

D­4265/2011 grundsätzlich  nach  den  Regeln  des  Revisionsverfahrens  zu  behandeln  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2003 Nr. 17 E. 2a S. 103 f., mit weiteren  Hinweisen). 4.3.  Nachdem  das  BFM  den  Anspruch  des  Beschwerdeführers  auf  Behandlung seines Wiedererwägungsgesuchs nicht in Abrede gestellt hat  und  auf  das  Wiedererwägungsgesuch  eingetreten  ist,  hat  das  Bundesverwaltungsgericht  zu  prüfen,  ob  die  Vorinstanz  das Gesuch  zu  Recht abgewiesen hat. 5.  5.1. Das BFM hielt zur Begründung seines ablehnenden Entscheides im  Wesentlichen  fest,  der  Gesundheitszustand  des  Beschwerdeführers  vermöge  die  Zuständigkeit  Spaniens  zur  Durchführung  des  Asylverfahrens  gemäss  Dublin­II­VO  aus  folgenden  Gründen  nicht  zu  widerlegen: Die Dublin­II­VO gehe aufgrund ihres Wortlautes davon aus,  dass  alle  Dublin­Staaten  über  eine  adäquate  medizinische  Versorgung  aller  Krankheitsbilder  verfügen.  Der  Zugang  zu  einer  angemessenen  medizinischen  Versorgung  werde  durch  die  Aufnahmerichtline  (RI  2003/9/EG)  garantiert.  Gemäss  dieser  Richtlinie  werde  Asylsuchenden  nicht  nur  die  unbedingt  erforderliche  Behandlung  von  Krankheiten,  sondern  auch  bei  besonderen  Bedürfnissen  eine  entsprechende  medizinische  Versorgung  angeboten.  Die  spanischen  Behörden  hätten  diese  Richtlinie  fristgerecht  und  ohne  Beanstandung  der  Europäischen  Kommission  umgesetzt.  Der  Beschwerdeführer  könne  daher  die  in  der  Schweiz  begonnene  Behandlung  in  Spanien  weiterführen.  Soweit  er  geltend  mache,  es  müsse  bei  einer  Rückführung  nach  Spanien  mit  verstärktem  Auftreten  von  Suizidgedanken  gerechnet  werden,  sei  festzuhalten, dass sich Gedanken um suizidale Handlungen nicht selten  bei  der  Überstellung  bemerkbar  machen  und  akzentuieren  würden.  Dieses Phänomen stehe  jedoch dem Wegeweisungsvollzug weder unter  dem Aspekt von Art. 83 Abs. 4 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20)  noch  unter  jenem  von  Art.  3  der  Konvention  vom  4.  November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte  und  Grundfreiheiten  (EMRK,  SR  0.101)  entgegen. Vor diesem Hintergrund sehe sich das BFM nicht  veranlasst,  vom Selbsteintrittsrecht im Sinne von Art. 3 Abs. 2 Dublin­II­VO Gebrauch  zu  machen.  Somit  ergäben  sich  keine  individuellen  Gründe,  welche  gegen  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  nach  Spanien  sprächen. 

D­4265/2011 5.2.  Im  Wiedererwägungsgesuch  vom  4.  Juli  2011  sowie  in  der  Rechtsmittelschrift  vom  2.  August  2011  wird  als  wiedererwägungsrechtlich  relevanter  Sachverhalt  im  Wesentlichen  der  Umstand bezeichnet,  dass der Beschwerdeführer mit Todesängsten auf  den  angedrohten  Wegweisungsvollzug  reagiere.  Der  Beschwerdeführer  leide gemäss dem ärztlichen Zeugnis von Dres. med. G._______ sowie  H._______ vom 24. Juni 2011 unter einer komplexen posttraumatischen  Belastungsstörung  und  einer  mittelgradigen  depressiven  Episode.  Die  drohende  Rückführung  nach  Spanien  löse  beim  Beschwerdeführer  massive Ängste und das (rein subjektive) Gefühl einer erneuten direkten  Bedrohung von Leib und Leben aus. Es müsse mit verstärktem Auftreten  von Suizidgedanken gerechnet werden. Eine subjektive Sicherheit könne  es für den Beschwerdeführer momentan nur in der Schweiz geben. Eine  Rückführung  nach  Spanien  bringe  für  ihn  eine  akute  existenzielle  Bedrohung mit  sich.  Die  vorliegende  ärztliche  Beurteilung  erfordere  die  wiedererwägungsweise  Korrektur  der  ursprünglichen  Verfügung.  Angesichts  der  aktuellen  medizinischen  Situation  erscheine  es  zum  jetzigen Zeitpunkt unzulässig, auf der Umsetzung des Dublin­Verfahrens  zu beharren.  5.3. Vorab  ist  festzuhalten, dass sich seit dem ursprünglichen Entscheid  der Vorinstanz vom 28. Februar 2011 an der Zuständigkeit Spaniens zur  Durchführung  des  Asylverfahrens  des  Beschwerdeführers  nichts  geändert hat (vgl. Art. 19 Abs. 3 Dublin­II­VO). 5.4.  5.4.1.  Die  wiedererwägungsweise  geltend  gemachten  gesundheitlichen  Beeinträchtigungen,  unter  denen  der  Beschwerdeführer  gemäss  den  Akten  seit  März  2011  leidet,  sprechen  nicht  gegen  den  Vollzug  der  Überstellung nach Spanien. Aus dem ärztlichen Zeugnis von Dres. med. G._______ sowie H._______  (…)  vom  24.  Juni  2011  geht  hervor,  dass  der  Beschwerdeführer  unter  einer  posttraumatischen  Belastungsstörung  (F43.1)  sowie  einer  mittelgradigen depressiven Episode  (F.32.1)  leidet.  Im Weiteren wird  im  Zeugnis  darauf  hingewiesen,  dass  eine  spezialisierte  psychotraumatologische  und  medikamentöse  Weiterbehandlung  zur  Verhinderung  einer  Chronifizierung  der  posttraumatischen  Belastungsstörung  wie  auch  im  Hinblick  auf  die  Suizidprävention  dringend  notwendig  sei.  Eine  längerfristig  erfolgreiche  Traumabehandlung  könne  nur  unter  stabilen  und  sicheren 

D­4265/2011 Lebensbedingungen  erfolgen.  In  der  Schweiz  fühle  sich  der  Beschwerdeführer  subjektiv  in  Sicherheit,  dieses  innere  Gefühl  der  Sicherheit  sei  eine wesentliche Voraussetzung  für den positiven Verlauf  einer  Traumatherapie. Der Gedanke  an  eine Ausreise  aus  der Schweiz  löse beim Beschwerdeführer massive Ängste und das subjektive Gefühl  einer  erneuten  Bedrohung  an  Leib  und  Leben  aus.  Für  diesen  Fall  sei  eine  Verstärkung  der  vorhandenen  Symptome  und  die  Durchführung  eines  erneuten  Suizidversuchs  nicht  auszuschliessen.  Suizidalität  sei  eine  Begleiterscheinung  der  posttraumatischen  Belastungsstörung  wie  auch  der  depressiven  Störung  und  könne  unter  einer  erhöhten  psychosozialen Belastung verstärkt auftreten.  Aus  den Akten  ist weiter  ersichtlich,  dass  der Beschwerdeführer  zurzeit  im Psychiatriezentrum E._______ stationär behandelt wird.  5.4.2.  Dem  Dublin­System  ist  es  –  wie  die  Vorinstanz  in  ihrem  angefochtenen  Entscheid  vom  21.  Juli  2011  zu  Recht  ausführte –  immanent,  dass  grundsätzlich  davon  ausgegangen  werden  kann,  der  betreffende  zuständige  Staat  erbringe  die  nötigen  medizinischen  Versorgungsleistungen,  hat  doch  jeder  Staat  –  so  auch  Spanien  –  die  EU­Richtlinie  2003/9/EG  vom  27.  Januar  2003  zur  Festlegung  von  Mindestnormen  für  die  Aufnahme  von  Asylbewerbern  in  den  Mitgliedstaaten,  welche  die  medizinische  Versorgung  garantiert,  im  Landesrecht  umgesetzt.  Eine  Unzumutbarkeit  der  Wegweisung  des  Beschwerdeführers nach Spanien kann demnach grundsätzlich aufgrund  der psychischen Erkrankung und einer allenfalls erhöhten Suizidalität  im  Zusammenhang mit  der Angst  vor  einer  Zwangsrückkehr  nach Spanien  nicht  angenommen  werden;  es  darf  davon  ausgegangen  werden,  dass  der  Beschwerdeführer  in  Spanien  adäquate  medizinische  und  psychologische Betreuung findet, zumal keine Hinweise darauf bestehen,  Spanien  komme  seinen  Mindestverpflichtungen  aus  dem  EU­ Gemeinschaftsrecht systematisch nicht nach (vgl. auch BVGE 2010/45 E.  7.6.3  und  7.6.4  sowie  E.  8).  Davon  geht  übrigens  auch  der  Rechtsvertreter des Beschwerdeführers aus ("Er  [RV Guidon] gehe aber  auch davon aus, dass Hr. (…) auch in Spanien der nötige Schutz und die  medizinische Versorgung zustehe und er diese auch erhalten würde." vgl.  [Bst.  I,  S.  5  vorstehend]  Ausdruck  einer  E­Mail  betreffend  ambulante  Konsultation vom 29. Juli 2011). Somit ist auch gestützt auf Art. 29a Abs.  3  der  Asylverordnung  1  vom  11.  August  1999  über  Verfahrensfragen  (AsylV 1, SR 142.311) vorliegend ein Selbsteintritt nicht angezeigt. 

D­4265/2011 Bezüglich  der  vom  Beschwerdeführer  vorgebrachten  gesundheitlichen  Beschwerden  ist  zudem  festzuhalten,  dass  gemäss  der  Praxis  des  Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) der Vollzug der  Wegweisung  eines  abgewiesenen  Asylsuchenden  mit  gesundheitlichen  Problemen  im  Einzelfall  einen  Verstoss  gegen  Art.  3  EMRK  darstellen  kann,  wobei  hierfür  jedoch  ganz  aussergewöhnliche  Umstände  vorausgesetzt  sind  (vgl. EMARK 2005 Nr. 23 E. 5.1 S. 211  f., mit einer  Zusammenfassung der Rechtsprechung des EGMR). Vorliegend können  – insbesondere auch unter Berücksichtigung der vom Beschwerdeführer  eingereichten  ärztlichen  Unterlagen  –  solche  ganz  aussergewöhnlichen  Umstände  ("very  exceptional  circumstances"),  wie  sie  der  EGMR  in  seinem Urteil vom 2. Mai 1997  i.S. D. gegen Grossbritannien  feststellte,  wo  neben  einer  kurzen  Lebenserwartung  aufseiten  des  an  AIDS  erkrankten Auszuweisenden erschwerend die Gefahr eines Todes unter  extremen  physischen  und  psychischen  Leiden  hinzukam,  bei  einer  Rückkehr des Beschwerdeführers nach Spanien ausgeschlossen werden  (BVGE 2009/2 E. 9.1.3). 5.4.3.  Hingegen  ist  der  gesundheitlichen  Situation  des  Beschwerdeführers  und  einer  allfälligen  Suizidalität   bei  der  Ausgestaltung  der  Vollzugsmodalitäten  Rechnung  zu  tragen  (vgl.  dazu  EMARK  2005  Nr.  23  E.  5.1  S.  212):  Bei  einer  Überstellung  des  Beschwerdeführers  von  der  Schweiz  nach  Spanien  sind  geeignete  Massnahmen (Begleitung sowie ärztliche Betreuung) zu ergreifen, um die  Umsetzung der Suiziddrohung  im Zusammenhang mit der Ausschaffung  zu  verhindern.  Insbesondere  ist  sicherzustellen,  dass  die  spanischen  Behörden  über  die  Ankunft  und  die  gesundheitliche  Problematik  des  Beschwerdeführers umfassend informiert sind und der Beschwerdeführer  auch  tatsächlich  den  Behörden  übergeben  wird,  welche  die  Verantwortung für ihn übernehmen können. Es  obliegt  dem  BFM  in  Zusammenarbeit  mit  den  kantonalen  Vollzugsbehörden,  im  Vorfeld  und  bei  der  Überstellung  des  Beschwerdeführers  an  die  spanischen  Behörden  die  notwendigen  Vorkehren zu treffen. 5.5. Nach dem Gesagten erweist sich der Vollzug der Wegweisung nach  Spanien  auch  in  Berücksichtigung  der  gesundheitlichen  Probleme  des  Beschwerdeführers  als  zulässig  und  zumutbar,  weshalb  vorliegend –  entgegen  der  Behauptung  des  Beschwerdeführers  in  der 

D­4265/2011 Rechtsmittelschrift – kein Anlass zum Selbsteintritt besteht. Das BFM hat  folglich zu Recht das Wiedererwägungsgesuch abgewiesen.  6.  Dem Beschwerdeführer  ist  es  damit  nicht  gelungen  darzutun,  inwiefern  die angefochtene Verfügung Bundesrecht verletzt, den rechtserheblichen  Sachverhalt unrichtig oder unvollständig feststellt oder unangemessen ist  (Art. 106 AsylG), weshalb die Beschwerde abzuweisen ist.  7.  Mit dem Urteil  in der Hauptsache sind die Gesuche um Verzicht auf die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  und  um  Erteilung  der  aufschiebenden Wirkung der Beschwerde gegenstandslos geworden.  8.  Der  am  4.  August  2011  verfügte  Vollzugsstopp  wird  mit  vorliegendem  Entscheid hinfällig. 9.  9.1.  Der  Beschwerdeführer  beantragt  die  unentgeltliche  Rechtspflege  nach  Art.  65  Abs.  1  VwVG.  Gemäss  dieser  Bestimmung  wird  von  der  Erhebung von Verfahrenskosten abgesehen, wenn der Beschwerdeführer  nicht über die erforderlichen Mittel verfügt und seine Begehren nicht als  aussichtslos erscheinen. 9.2.  Aufgrund  der  vorstehenden  Erwägungen  erweist  sich  die  Beschwerde  als  aussichtslos.  Mangels  Erfüllen  der  kumulativen  Voraussetzungen von Art. 65 VwVG (bedürftig/nicht aussichtslos) ist das  Gesuch um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege abzuweisen. 9.3.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  dem  Beschwerdeführer  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  5  VwVG)  und  auf  insgesamt  Fr.  600.­­  festzusetzen  (Art.  1­3  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]). (Dispositiv nächste Seite)

D­4265/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Das  BFM  wird  angewiesen,  die  Überstellung  des  Beschwerdeführers  nach  Spanien  im  Sinne  der  Erwägungen  durchzuführen  und  die  spanischen  Behörden  über  die  gesundheitliche  Situation  des  Beschwerdeführers vorgehend zu informieren.  3.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art. 65 Abs. 1 VwVG wird abgewiesen.  4.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr.  600.­­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Dieser  Betrag  ist  innert  30  Tagen  ab  Versand  des  Urteils  zu  Gunsten der Gerichtskasse zu überweisen.  5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Robert Galliker Matthias Jaggi Versand:

D-4265/2011 — Bundesverwaltungsgericht 26.08.2011 D-4265/2011 — Swissrulings