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Bundesverwaltungsgericht 02.12.2011 E-8106/2008

2. Dezember 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,252 Wörter·~6 min·1

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung V E­8106/2008 Urteil   v om   2 .   D e z embe r   2011 Besetzung Richterin Regula Schenker Senn (Vorsitz), Richterin Emilia Antonioni, Richter Markus König,    Gerichtsschreiberin Aglaja Schinzel. Parteien A._______, Irak,   vertreten durch Dr. iur. René Bussien, Rechtsanwalt,  Beschwerdeführerin,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom  17. November 2008 / N (…),

E­8106/2008 Sachverhalt: A.  Gemäss  eigenen  Angaben  verliess  die  Beschwerdeführerin  ihren  Heimatstaat am 20. Januar 2007 und reiste am 17. Februar 2007  in die  Schweiz  ein,  wo  sie  am  20.  Februar  2007  in  B._______  um  Asyl  ersuchte. Anlässlich der Kurzbefragung vom 5. März 2007 im Empfangs­  und Verfahrenszentrum (EVZ) B._______ und der Anhörung vom 28. Juni  2007  zu  den  Asylgründen  machte  sie  im  Wesentlichen  Folgendes  geltend: Sie gehöre einer  in Bagdad sehr bekannten und einflussreichen Familie  an.  Verschiedene  Familienmitglieder  seien  während  der  Saddam­ Regierung  in  Führungspositionen  tätig  gewesen.  Sie  habe  bis  zu  ihrer  Ausreise  in Bagdad gewohnt und sei dort  seit 1992 als Bankangestellte  bei  der  Bank  C._______,  welche  zur  Nationalbank  gehört  habe,  tätig  gewesen.  Diese  Bank  sei  (…)  auf  Anordnung  von  Saddam  Hussein  eröffnet  worden.  Die  Stelle  habe  sie  bekommen,  da  ihr  Cousin  väterlicherseits,  namens  D._______,  damals  Generaldirektor  gewesen  sei.  Sie  sei  auch Mitglied  der  Baath­Partei  gewesen.  Ihr  Cousin  sei  ab  1999  Minister  genannt  worden  und  habe  später  bei  der  Nationalbank  gearbeitet. Nach 2005, als die Amerikaner die Bank der neuen irakischen  Regierung  übergeben  hätten,  habe  sich  die  Situation  in  der  Bank  geändert.  Sie  sei  degradiert  worden  von  der  Abteilungsleiterin  zur  Sektionschefin. Ihre Arbeitskollegen hätten sie gewarnt, sie sei in Gefahr,  da  sie  ihrem  Cousin  nahe  stehe.  Ihr  Leben  sei  zu  dieser  Zeit  sehr  schwierig gewesen, da die Milizen immer wieder die Gegend bombardiert  hätten. Ein Arbeitskollege habe ihr schliesslich geraten, wegzugehen, da  sie  sonst  Gefahr  laufe,  getötet  zu  werden.  Auch  eine  entfernte  Verwandte,  deren Mann  beim  Finanzministerium  gearbeitet  habe,  habe  sie  gewarnt  und  ihr  erzählt,  dass  Nachforschungen  über  sie  angestellt  worden  seien.  Es   seien  zu  dieser  Zeit  erstmals  Angestellte  des  Finanzministeriums  getötet  worden,  sie  wisse  von  dreien,  die  vor  ihrer  Haustüre getötet worden seien, darunter eine Frau. An einem Donnerstag  im November  2006  sei  sie  ins  Finanzministerium  zitiert  worden,  wo  sie  vom  Generaldirektor  befragt  worden  sei.  Dieser  hätte  sie  auf  einen  Verwandten,  der  (…)minister  gewesen  sei,  sowie  auf  ihren  Cousin  angesprochen und gefragt, weshalb jemand wie sie überhaupt noch hier  arbeiten  dürfe.  Sie  sei  nach  diesem  Gespräch  sehr  eingeschüchtert  gewesen und habe befürchtet, dass sie nun bestimmt ihre Stelle verlieren  und  man  sie  töten  werde.  Sie  habe  sich  danach  nicht  mehr  getraut, 

E­8106/2008 arbeiten zu gehen, und deshalb Urlaub genommen. Ende 2006 habe sie  dann  einen Drohbrief  erhalten,  weshalb  sie  ihre Wohnung  unverzüglich  verlassen habe und zu einer Freundin gezogen sei. Anfangs 2007 sei sie  mit  Hilfe  eines  Schleppers  aus  dem  Irak  aus­  und  über  die  Türkei,  Griechenland und Italien in die Schweiz eingereist. Eine Schwester der Beschwerdeführerin hält  sich seit Ende 1999  in der  Schweiz auf und erhielt zusammen mit ihrem Ehemann und ihren Kindern  im Juni 2001 einen positiven Asylentscheid  (N  […]). Die Aufenthaltsorte  der weiteren Geschwister,  die alle den  Irak  verlassen hätten,  kenne die  Beschwerdeführerin nicht.  Als Beweismittel reichte die Beschwerdeführerin folgende Dokumente zu  den  Akten:  ihre  Identitätskarte  im  Original,  zwei  Farbkopien  von  Bankausweisen,  eine  Kopie  ihres  Nationalitätenausweises,  eine  Kopie  des Drohbriefes sowie Kopien von Dokumenten die bestätigen, dass sie  als Sekretärin bei der Bank gearbeitet habe und ihr der Cousin die Stelle  besorgt habe und Briefe, die belegten, dass sie Mitglied der Baath­Partei  gewesen  sei.  Ausserdem  reicht  sie  einen  von  Saddam  Hussein  unterschriebenen  Lobesbrief  für  gute  Dienste  und  zwei  Fotografien  in  Kopie ein, von welchen sie eine mit  ihrem Cousin zeige und die andere  wie sie vom Finanzminister ein Abzeichen erhalte. B.  Mit Verfügung vom 17. November 2008 (eröffnet tags darauf) lehnte das  BFM  das  Asylgesuch  der  Beschwerdeführerin  ab,  verfügte  deren  Wegweisung  und  ordnete  wegen  Unzumutbarkeit  die  vorläufige  Aufnahme  an.  Die  Vorinstanz  begründete  ihren  ablehnenden  Asylentscheid  damit,  dass  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  den  Anforderungen  an  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  des  Asylgesetzes  vom 26. Juni  1998  (AsylG, SR 142.31)  nicht  standhielten.  Für  die  detaillierte  Begründung  wird,  soweit  wesentlich,  auf  die  Erwägungen verwiesen.  C.  Mit  Beschwerdeeingabe  vom  15.  Dezember  2008  beantragt  die  Beschwerdeführerin  die  Aufhebung  der  Verfügung  vom  17.  November  2008,  die  Gutheissung  des  Asylgesuchs,  das  Absehen  von  einer  Wegweisung  sowie  in  prozessualer  Hinsicht  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  für  die  Verfahrenskosten  und  die  unentgeltliche Rechtsvertretung. 

E­8106/2008 D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  22.  Dezember  2008  stellte  das  Bundesverwaltungsgericht  den  legalen  Aufenthalt  während  des  Beschwerdeverfahrens  fest,  gewährte  die  unentgeltliche  Rechtspflege  und wies das Gesuch um unentgeltlichen Rechtsbeistand ab. E.  Mit  Vernehmlassung  vom  14.  Januar  2009,  welche  der  Beschwerdeführerin  am  28.  Januar  2009  zur  Kenntnis  gebracht  wurde,  beantragt das BFM unter Verweis auf seine bisherigen Standpunkte und  Erwägungen die Abweisung der Beschwerde. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert 

E­8106/2008 (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen  psychischen  Druck  bewirken.  Den  frauenspezifischen  Fluchtgründen ist Rechnung zu tragen (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1. Die Vorinstanz begründete  ihren ablehnenden Asylentscheid damit,  die Vorbringen der Beschwerdeführerin hielten den Anforderungen an die  Flüchtlingseigenschaft  nicht  stand,  so  dass  ihr  Asylgesuch  abzulehnen  sei. So habe die Beschwerdeführerin geltend gemacht, als Sunnitin und  ehemaliges Mitglied der Baath­Partei  sei  sie an  ihrem Arbeitsplatz nicht  mehr  genehm  gewesen.  Sie  sei  aufgefordert  worden,  muslimische  Kleidung zu tragen. Diese Benachteiligungen würden gemäss Bundesamt  nicht  nur  die  Beschwerdeführerin,  sondern  auch  zahlreiche  andere  irakische  Staatsangehörige  betreffen  und  seien  deshalb  nicht  asylrelevant.  Das  Gleiche  gelte  für  die  Vorbringen,  sie  habe  sich 

E­8106/2008 gefürchtet, aus dem Haus zu gehen, weil  im Irak die Häuser  täglich von  Milizen  beschossen  worden  seien  und  Leute  durch  Bombenanschläge  ums Leben gekommen seien. Schliesslich habe die Beschwerdeführerin  geltend  gemacht,  sie  habe  am  24.  November  2006  einen  Drohbrief  in  ihrem  Garten  vorgefunden,  der  alle  Sunniten  dazu  auffordere,  das  Quartier  binnen  24  Stunden  zu  verlassen.  Aufgrund  der  allgemeinen  Sicherheitssituation  in Bagdad würden mittlerweile die meisten Quartiere  nur  noch  von  Angehörigen  derselben  religiösen  Konfession  bewohnt.  Bewohner, die nicht der vorherrschenden Konfession angehörten, hätten  diese  Quartiere  weitgehend  freiwillig  oder  gezwungenermassen  verlassen. Diese Benachteiligung gehe nicht über dasjenige Mass hinaus,  von dem die meisten in Bagdad lebenden Bewohner betroffen seien und  hätte somit ebenfalls keine Asylrelevanz.  4.2. In ihrer Rechtsmitteleingabe wendet die Beschwerdeführerin ein, sie  sei  in  ihrem  Herkunftsland  verfolgt.  Sie  sei  Mitglied  einer  bekannten  Familie,  deren  Angehörige  in  wichtigen  Funktionen  der  ehemaligen  Regierung  gestanden  hätten  und  als  Anhängerin  des  ehemaligen  Diktators  Saddam  Hussein  beziehungsweise  Mitglied  der  Baath­Partei  verfolgt.  Sie  sei  als  Bankangestellte  unter  Druck  gesetzt  worden  und  habe einen Drohbrief erhalten. Verwandte der Beschwerdeführerin seien  verschwunden. Sie müsse eine ernsthafte Gefährdung an Leib und Leben  und unerträglichen Druck befürchten. Der irakische Staat sei nicht willens  und auch nicht im Stande, sie zu schützen. 4.3.  Mit  Zwischenverfügung  vom  22.  Dezember  2008  stellte  das  Bundesverwaltungsgericht  fest,  die  Beschwerdeeingabe  sei  nach  summarischer  Prüfung  der  Verfahrensakten  nicht  als  zum  Vornherein  aussichtslos  zu  bezeichnen,  hiess  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  gut  und  gewährte  der  Vorinstanz  Frist  zur  Vernehmlassung. 4.4.  In  seiner  die  Abweisung  der  Beschwerde  beantragenden  Vernehmlassung  vom  14.  Januar  2009  verwies  das  Bundesamt  vollumfänglich auf seine bisherigen Standpunkte und Erwägungen, ohne  inhaltlich zur Beschwerde Stellung zu beziehen.  5.  5.1.  Strittig  ist  vorab  die  Frage  der  rechtskonformen  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts.  Im  Asylverfahren  –  wie  im  übrigen 

E­8106/2008 Verwaltungsverfahren – gilt der Untersuchungsgrundsatz, das heisst, die  Asylbehörde hat den rechtserheblichen Sachverhalt vor  ihrem Entscheid  von Amtes wegen vollständig und richtig abzuklären (Art. 6 AsylG i.V.m.  Art. 12 VwVG, Art. 106 Abs. 1 Bst. b AsylG). Dabei muss sie die für das  Verfahren  erforderlichen  Sachverhaltsunterlagen  beschaffen  und  die  relevanten  Umstände  abklären  und  darüber  ordnungsgemäss  Beweis  führen.  Gemäss  Art.  8  AsylG  hat  die  asylsuchende  Person  demgegenüber  die  Pflicht  und  unter  dem  Blickwinkel  des  rechtlichen  Gehörs im Sinne von Art. 29 VwVG und Art. 29 Abs. 2 BV das Recht, an  der  Feststellung  des  Sachverhalts  mitzuwirken  (vgl.  BVGE  2008/24  E.  7.2, BVGE 2007/21 E. 11.1.3 mit Hinweis auf EMARK 2003 Nr. 13). Die  Artikel 7  (Glaubhaftmachung) und 8 AsylG  (Mitwirkungspflicht) befassen  sich mit Fragen des Beweismasses beziehungsweise der Beweislast. Art.  7  AsylG  lässt  für  die  Sachverhaltsermittlung  im  Grundsatz  das  Beweismass der Glaubhaftigkeit genügen (vgl. oben E. 4.2), wobei Art. 8  AsylG – als Korrelat zum in Art. 12 VwVG verankerten und der Behörde  obliegenden  Untersuchungsgrundsatz  –  die  asylsuchende  Person  einer  weitreichenden  Mitwirkungspflicht  unterstellt;  Kernpunkt  dieser  Mitwirkungspflicht  ist  die  Angabe  der  Asylgründe  (Art.  8  Abs.  1  Bst.  c  AsylG).  Die  beiden  Bestimmungen  beschlagen  somit  einerseits  die  Erfassung des gemäss Mitwirkungspflicht von den Asylgesuchstellenden  vorzutragenden und gegebenenfalls durch Beweismittel zu unterlegenden  Sachverhalts  sowie  behördlicherseits  die  (gegebenenfalls  durch weitere  Untersuchungs­  und  Beweismassnahmen  vorzunehmende)  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts.  In  einem  nachfolgenden  Schritt  ist  im Asylverfahren zu prüfen, ob und wie der so ermittelte rechtserhebliche  Sachverhalt  unter  Art.  3  AsylG  subsumierbar  ist  und  im  Falle  der  flüchtlingsrechtlichen  Beachtlichkeit  zur  Flüchtlingseigenschaft  führen  kann;  im  Verneinungsfalle  ist  der  Sachverhalt  zusätzlich  unter  dem  Aspekt der Wegweisungs­ und Vollzugsvoraussetzungen zu prüfen. 5.2.  Unter  diesem  Gesichtspunkt  mutet  es  eigentümlich  an,  dass  die  Vorinstanz  in  ihrer  Verfügung  mit  keinem  Wort  auf  die  Familie  der  Beschwerdeführerin  einging.  Diese  machte  stets  –  im  Rahmen  der  summarischen  Befragung  (vgl.  vorinstanzliche  Akte  A1  S.  4),  der  Anhörung  zu  den  Asylgründen  (vgl.  A9  S.  8­9)  sowie  mit  der  Beschwerdeeingabe – geltend, dass sie einer bekannten, der Regierung  Saddam Husseins nahestehenden Familie angehöre.  Ihre Stelle bei der  Bank, welche von Saddam Hussein gegründet worden sei, habe sie über  ihren Cousin D._______ erhalten, da dieser damals Generaldirektor der  Bank  gewesen  sei.  Die  diesbezüglichen  Ausführungen  der 

E­8106/2008 Beschwerdeführerin erscheinen substantiiert, sie kann Namen und Daten  nennen  und  reicht  ausserdem  auch  Beweismittel  (Farbkopien  von  Bankausweisen  und  weiteren  Bankdokumenten  sowie  eine  Fotografie,  die sie mit ihrem Cousin zeigt) ein, um ihre Aussagen zu belegen. Diese  von  der  Beschwerdeführerin  eingereichten  Beweismittel  werden  vom  BFM  nicht  gewürdigt.  Die  Vorinstanz  macht  aber  auch  keine  Ausführungen,  welche  darauf  schliessen  liessen,  dass  es  sich  bei  den  Beweismitteln  um  Fälschungen  oder  Gefälligkeitserweisungen  handeln  könnte  oder  sonstige  Gründe  vorliegen  würden,  weshalb  deren  Beweiswert reduziert wäre.  5.3.  Indem die Vorinstanz Teile  der Vorbringen  der Beschwerdeführerin  nicht in ihrer Verfügung erwähnt und auch die eingereichten Beweismittel  nicht  entsprechend  würdigt,  hat  sie  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  nicht  vollständig  und  aktenwidrig  erstellt.  Angesichts  dieser  nicht  heilbaren  formellen  Mängel  besteht  für  das  Bundesverwaltungsgericht  weder  Anlass  noch  die  rechtliche  Möglichkeit,  die  vorinstanzlichen  Erwägungen zur Frage der flüchtlingsrechtlichen Beachtlichkeit unter dem  Aspekt  von  Art.  3  AsylG  einer materiellen  Überprüfung  zu  unterziehen.  Das  Bundesverwaltungsgericht  enthält  sich  deshalb  jeglicher  Aussage  darüber,  ob  die  Erwägungen  des  Bundesamtes  diesbezüglich  rechtskonform sind.  6.   Aus  vorstehenden  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  angefochtene  Verfügung den rechtserheblichen Sachverhalt unrichtig und unvollständig  feststellt (Art. 106 AsylG). Die Verfügung vom 9. März 2010 ist von Amtes  wegen aufzuheben und die Sache ist an das BFM zur vollständigen und  richtigen  Sachverhaltsfeststellung  und  zur  neuen  Entscheidung  zurückzuweisen.  Die  Beschwerde  ist  dementsprechend  insofern  gutzuheissen,  als  damit  die  Aufhebung  der  angefochtenen  Verfügung  beantragt wird. 7.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  keine  Verfahrenskosten  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  2  VwVG).  Der  Beschwerdeführerin  wurde  ausserdem mit  Zwischenverfügung  vom  22.  Dezember  2008  die  unentgeltliche Prozessführung gewährt.  8.  Gemäss Art. 64 Abs. 1 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG kann der obsiegenden 

E­8106/2008 Partei  von Amtes wegen oder auf Begehren eine Entschädigung  für die  ihr  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zugesprochen  werden.  Angesichts  ihres  Obsiegens  ist  der  Beschwerdeführerin  eine  angemessene  Parteientschädigung  für  die  ihr  durch  das  Beschwerdeverfahren  erwachsenen  notwendigen  Kosten  zuzusprechen  (Art.  7  des  Reglements  vom  21.  Februar  2008  über  die  Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,  SR 173.320.2]). Es  ist einstweilen nur der  für die Kassation notwendige  Anteil  der  Beschwerde  entschädigungspflichtig,  nicht  aber  jener  Anteil  betreffend  die  (vorliegend  ungeprüfte)  Beanstandung  der  materiellen  Verfügungsinhalte.  Da  keine  Kostennote  vorliegt,  werden  die  zu  entschädigenden Kosten aufgrund der Akten geschätzt (vgl. Art. 14 Abs.  2 VGKE). Gestützt auf die in Betracht zu ziehenden Bemessungsfaktoren  (Art. 7 ff. VGKE) wird die Parteientschädigung, welche von der Vorinstanz  zu entrichten ist, auf angemessene Fr. 300.­­ (inkl. Auslagen und MWSt)  festgesetzt. (Dispositiv nächste Seite)

E­8106/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Verfügung des BFM vom 17. November 2008 wird aufgehoben und  die Beschwerde wird insoweit gutgeheissen. 2.  Die  Sache  wird  dem  BFM  zur  vollständigen  und  korrekten  Sachverhaltsfeststellung und zur neuen Entscheidung zurückgewiesen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  der  Beschwerdeführerin  eine  Parteientschädigung  von  Fr.  300.­­  (inklusive  Auslagen  und  MWSt)  zu  entrichten. 5.  Dieses Urteil  geht  an  den Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführerin,  das  BFM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Regula Schenker Senn Aglaja Schinzel  Versand:

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