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Bundesverwaltungsgericht 06.09.2011 D-8903/2010

6. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,761 Wörter·~14 min·3

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­8903/2010 Urteil   v om   6 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richter Bendicht Tellenbach (Vorsitz), Daniele Cattaneo, Hans Schürch,  Gerichtsschreiber Martin Scheyli Parteien A._______ B._______, geboren [...], Türkei,  vertreten durch lic. iur. et phil. Florian Wick, Rechtsanwalt,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,  Vorinstanz Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM  vom 15. Dezember 2008 / N [...]

D­8903/2010 Sachverhalt: A.  Der Beschwerdeführer, ein türkischer Staatsbürger kurdischer Ethnie mit  letztem Wohnsitz  in  Istanbul, stellte am 15. August 2000  in der Schweiz  erstmals ein Asylgesuch. Dieses wurde durch das damalige Bundesamt  für  Flüchtlinge  (BFF;  nunmehr  Bundesamt  für  Migration  [BFM])  mit  Verfügung  vom  27.  Februar  2001  abgelehnt,  unter  gleichzeitiger  Anordnung  der  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  des  Vollzugs.  Eine  gegen diese Verfügung gerichtete Beschwerde wurde durch die damalige  Schweizerische Asylrekurskommission (ARK) mit Urteil vom 24. Juli 2001  abgewiesen.  B.  Gemäss eigenen Aussagen reiste der Beschwerdeführer am 20. Oktober  2008 erneut aus der Türkei aus. Am 25. Oktober 2008 gelangte er in die  Schweiz und reichte am 3. November 2008 ein weiteres Asylgesuch ein.  Am  12. November  2008 wurde  er  durch  das  BFM  summarisch  und  am  25. November  2008  eingehend  zu  den  Gründen  seines  zweiten  Asylgesuchs angehört. C.  Mit Verfügung vom 15. Dezember 2008 lehnte das Bundesamt auch das  zweite  Asylgesuch  ab  und  ordnete  die  Wegweisung  des  Beschwerdeführers aus der Schweiz sowie den Vollzug an. D.  Gegen diese Verfügung erhob der Beschwerdeführer mit Eingabe seines  damaligen  Rechtsvertreters  vom  15. Januar  2009  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde. Diese wurde  durch  das Gericht  mit Urteil D­276/2009 vom 15. April 2010 abgewiesen.  E.  Mit  Eingabe  an  das  Bundesverwaltungsgericht  vom  19. Mai  2010  beantragte der Beschwerdeführer durch seinen heutigen Rechtsvertreter  die Revision des Urteils vom 15. April 2010.  F.  Mit  Urteil  D­3617/2010  vom  24.  Mai  2011  hiess  das  Bundesverwaltungsgericht  das  Revisionsgesuch  gut,  hob  das  Urteil  D­ 276/2009  vom  15. April  2010  auf  und  nahm  das  Beschwerdeverfahren  wieder  auf.  Dabei  gelangte  es  zum  Schluss,  der  Revisionsgrund 

D­8903/2010 nachträglich  erfahrener  erheblicher  Tatsachen  oder  nachträglich  aufgefundener entscheidender Beweismittel im Sinne von Art. 123 Abs. 2  Bst. a  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  (BGG,  SR  173.110) sei gegeben. G.  Mit  Eingabe  des  Rechtsvertreters  vom  21.  Juli  2011  reichte  der  Beschwerdeführer  ein  Schreiben  seines  türkischen  Rechtsanwalts  vom  29. Juni 2011 sowie das Protokoll einer Verhandlung vor der 14. Grossen  Strafkammer  (Ağır Ceza Mahkemesi; ACM)  Istanbul  vom 18. April  2011  ein, jeweils mit deutscher Übersetzung. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021).  Über  Beschwerden gegen Verfügungen,  die  gestützt  auf  das Asylgesetz  vom  26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) durch das BFM erlassen worden sind,  entscheidet das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich  (mit Ausnahme  von Verfahren betreffend Personen, gegen die ein Auslieferungsersuchen  des Staates vorliegt, vor welchem sie Schutz suchen) endgültig (Art. 105  AsylG i.V.m. Art. 31­33 VGG; Art. 83 Bst. d Ziff. 1 BGG). 1.2.  Mit  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  können  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  einschliesslich  Missbrauch  und  Überschreitung  des  Ermessens,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 2.  Der  Beschwerdeführer  ist  legitimiert;  auf  seine  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  ist  ­  nachdem  deren  erste  beschwerdeinstanzliche Beurteilung durch das Bundesverwaltungsgericht  mit  Revisionsurteil  vom  24. Mai  2011  wieder  aufgehoben  wurde  ­  einzutreten (Art. 6 AsylG i.V.m. Art. 48 Abs. 1, Art. 50 und 52 VwVG).

D­8903/2010 3.  3.1.  Gemäss  Art.  2  Abs.  1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  grundsätzlich  Flüchtlingen Asyl. Als Flüchtling wird eine Person anerkannt, wenn sie in  ihrem  Heimatstaat  oder  im  Land,  wo  sie  zuletzt  wohnte,  wegen  ihrer  Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen  Gruppe  oder  wegen  ihrer  politischen  Anschauungen  ernsthaften  Nachteilen ausgesetzt ist oder begründete Furcht hat, solchen Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden.  Als  ernsthafte  Nachteile  gelten  namentlich  die  Gefährdung von Leib, Leben oder Freiheit sowie Massnahmen, die einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen oder zumindest glaubhaft machen. Glaubhaft gemacht ist die  Flüchtlingseigenschaft,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen,  die  in  wesentlichen  Punkten  zu  wenig  begründet  oder  in  sich  widersprüchlich  sind,  den  Tatsachen  nicht  entsprechen  oder  massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel abgestützt werden (Art. 7 AsylG). 4.  In einem ersten Schritt  ist zu rekapitulieren, was vom Beschwerdeführer  auf den verschiedenen Verfahrensstufen bezüglich der Gründe für seine  Flucht  aus  der  Türkei  geltend  gemacht  wurde  und  zu  welchen  Beurteilungen  dies  seitens  der  Vorinstanz  sowie  des  Bundesverwaltungsgerichts führte.  4.1.  Anlässlich  der  im  ordentlichen  Verfahren  durchgeführten  Befragungen  begründete  der  Beschwerdeführer  sein  Asylgesuch  im  Wesentlichen folgendermassen: Nachdem er sich bis zum Oktober 2006  illegal  in  der  Schweiz  aufgehalten  habe,  sei  er  in  die  Türkei  zurückgekehrt, wo er mehrheitlich  in  Istanbul  gelebt  habe. Dort  habe er  verschiedentlich  an  politischen  Versammlungen  und  Kundgebungen  teilgenommen.  Weil  er  ausserdem  verschiedene  Zeitungsartikel  beziehungsweise  Leserbriefe  geschrieben  habe,  in  denen  er  sich  zum  Kurdenproblem  geäussert  habe,  seien  gegen  ihn  drei  Strafverfahren  eingeleitet  worden.  Entsprechenden  gerichtlichen  Vorladungen  habe  er  jedoch  nicht  Folge  geleistet,  und  der  Anwalt  der  betreffenden  Zeitung  habe  ihm geraten,  die Türkei  zu  verlassen. Nach Einleitung des  vierten  Verfahrens  sei  er  schliesslich  ausgereist.  Anlässlich  seiner  Anhörungen  gab  der  Beschwerdeführer  als  Beweismittel  Kopien  verschiedener 

D­8903/2010 Gerichtsdokumente  ab  (Protokoll  einer  Verhandlung  vor  der  11. ACM  Istanbul  vom  28. März  2008,  Protokoll  einer  Verhandlung  vor  der  11. ACM Istanbul vom 11. Juni 2008, Schreiben des genannten Gerichts  vom  26. Juni  2008  an  die  Polizeidirektion  des  Bezirks  Esenler  [Provinz  Istanbul],  Protokoll  einer  Verhandlung  vor  der  13. ACM  Istanbul  vom  29. Mai 2008, Schreiben des genannten Gerichts vom 4. Juni 2008 an die  Polizeidirektion des Bezirks Esenler).  4.2.  Das  BFM  stützte  die  Ablehnung  des  zweiten  Asylgesuchs  in  der  angefochtenen  Verfügung  vom  15. Dezember  2008  hauptsächlich  auf  folgende Argumente: Der Beschwerdeführer habe vorgebracht,  er  sei  in  drei  Gerichtsverfahren  durch  angeklagte  Chefredaktoren  als  Autor  von  inkriminierten  Artikeln  bezeichnet  worden.  Dies  habe  er  in  zwei  Fällen  durch eingereichte Gerichtsdokumente auch belegt. Indessen sei er nach  seiner  Rückkehr  in  die  Türkei  im  Jahr  2006  weder  in  diesem  Zusammenhang  noch  aus  einem  anderen  Grund  mit  ernsthaften  Nachteilen  konfrontiert  worden.  Den  türkischen  Behörden  sei  bekannt,  dass  sich  im  Ausland  befindliche  Personen  regelmässig  als  Autoren  inkriminierter Artikel bezeichnen würden, um so die tatsächlichen Autoren  zu  schützen  und  die  angeklagten  Chefredaktoren  aufgrund  der  pressestrafrechtlichen  Kaskadenhaftung  zu  entlasten.  Angesichts  der  Aktenlage  und  der  üblichen  strafprozessualen  Vorgehensweise  der  türkischen Staatsanwaltschaften und Gerichte sei nicht zu erwarten, dass  der  Beschwerdeführer  als  Angeklagter  in  Untersuchungshaft  gesetzt  würde.  Ein  allfälliges  Strafverfahren  könne  er  in  Freiheit  abwarten  und  gelte  bis  zu  einer  allfälligen  rechtskräftigen  Verurteilung  als  unschuldig.  Eine  allfällige  erstinstanzliche  Verurteilung  werde  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit  lediglich  zu  einer  Busse  und/oder  einer  bedingten  Freiheitsstrafe  führen.  Selbst  im  Falle  einer  erstinstanzlich  unbedingt  ausgesprochenen  Freiheitsstrafe  sei  nicht  von  der  Anordnung  einer  Sicherheitshaft  auszugehen.  Vielmehr  könne  der  Beschwerdeführer  ein  derartiges  Urteil  in  Freiheit  beim  Kassationsgericht  anfechten;  sein  türkischer Anwalt sei auf Presseverfahren spezialisiert. Erst im Falle einer  Bestätigung  einer  unbedingten  Freiheitsstrafe  durch  das  Kassationsgericht  sei  ein  Aufgebot  zum  Strafantritt  zu  erwarten.  Es  sei  ihm somit zuzumuten, den Prozessverlauf  in der Türkei abzuwarten und  sich  der  türkischen Gerichtsbarkeit  als  Zeuge  zur  Verfügung  zu  halten.  Folglich  vermöge  der  Beschwerdeführer  auch  keine  begründete  Furcht  geltend  zu  machen,  er  werde  in  absehbarer  Zeit  mit  beachtlicher  Wahrscheinlichkeit mit ernsthaften Nachteilen zu rechnen haben. 

D­8903/2010 4.3. Mit  der  Beschwerdeschrift  machte  der  Beschwerdeführer  zunächst  geltend,  auch  wenn  er  nur  als  Zeuge  vorgeladen  worden  sei,  habe  er  damit  rechnen  müssen,  dass  die  Staatsanwaltschaft  aufgrund  der  Aussagen der Chefredaktoren der fraglichen Zeitungen ein Strafverfahren  gegen  ihn  einleite.  Dies  sei  seither  offenbar  auch  getan  worden.  Die  Annahme  des  BFM,  er  werde  freigesprochen  werden  oder  mit  einer  Busse  davonkommen,  sei  spekulativ.  Da  er  sich  der  gerichtlichen  Befragung als Zeuge entzogen habe, sei es wahrscheinlich, dass er bei  einer  allfälligen  Rückkehr  in  die  Türkei  wegen  Fluchtgefahr  inhaftiert  würde.  Es  sei  deshalb  von  einer  gezielten  Verfolgung  seiner  Person  auszugehen.  Im  weiteren  Verlauf  des  Beschwerdeverfahrens  wurde  gestützt auf zusätzliche (mit Eingabe vom 5. Februar 2009) eingereichte  Gerichtsdokumente  ausgeführt,  der Beschwerdeführer  sei  nicht  lediglich  als  Zeuge  vorgeladen,  sondern  als  Verfasser  bestimmter  Artikel  wegen  Propaganda  für  eine  terroristische Organisation  angeklagt  worden.  Das  Gerichtsverfahren  sei  am  11.  September  2009  eröffnet  worden,  wobei  dem  Beschwerdeführer  die  Verantwortung  als  Verfasser  für  einen  am  17. August  2009  in  der  Zeitschrift  "Özgür Ortam"  veröffentlichten Artikel  vorgeworfen  werde.  Im  Laufe  des  Beschwerdeverfahrens  reichte  der  Beschwerdeführer  zunächst  die  bereits  dem  BFM  abgegebenen  Beweismittel  ein.  Darüber  hinaus  übermittelte  er  unter  anderem  das  Protokoll einer Verhandlung vor der 12. ACM Istanbul vom 14. Mai 2008,  eine  durch  die  Polizeidirektion  Esenler  überbrachte  Vorladung  für  eine  Gerichtsverhandlung  der  11. ACM  Istanbul  am  11. Juni  2008,  ein  Schreiben  seines  türkischen Rechtsanwalts  vom  8.  Januar  2009,  einen  Internet­Ausdruck  eines  am  17. August  2009  in  der  Zeitschrift  "Özgür  Ortam"  erschienenen  Artikels,  ein  Protokoll  der  Sicherheitsdirektion  Istanbul vom 28. August 2009, eine Anklageschrift des Oberstaatsanwalts  der  türkischen  Republik  (Cumhuriyet  Başsavcısı)  Istanbul  vom  11. September  2009,  zwei  Rechtsschriften  des  14. ACM  Istanbul  vom  18. September  2009,  ein  Schreiben  des  genannten  Gerichts  vom  28. September 2009 an die nationale Sicherheitsbehörde in Ankara sowie  eine  Vorladung  des  genannten  Gerichts  für  eine  Verhandlung  am  9. Dezember 2009. 4.4.  Im Rahmen seiner Vernehmlassung vom 24. November 2009 stellte  das  BFM  zunächst  fest,  die  vom  Beschwerdeführer  eingereichten  türkischen  Gerichtsdokumente  wiesen  keine  Fälschungsmerkmale  auf.  Aus diesen Dokumenten ergebe sich, dass der Beschwerdeführer in drei  Verfahren  als  Zeuge  im  Zusammenhang  mit  dem  Verfassen  von  Zeitungsartikeln  involviert  sei.  In  einem  Verfahren  figuriere  der 

D­8903/2010 Beschwerdeführer zusammen mit einer weiteren Person als Angeklagter,  wobei  ihm Propaganda zugunsten der PKK (Partiya Karkerên Kurdistan;  Arbeiterpartei  Kurdistans)  vorgeworfen  werde,  begangen  durch  zwei  Publikationen  in  der  Zeitschrift  "Özgür  Ortam".  Allerdings  gehe  das  Bundesamt  davon  aus,  dass  der  Beschwerdeführer  den  Ausgang  des  betreffenden Gerichtsverfahrens in der Türkei in Freiheit abwarten könne.  Im  Falle  einer  Verurteilung  zu  einer  Freiheitsstrafe  würde  er  erst  nach  rechtskräftigem  Urteil  des  Kassationsgerichts  zu  einem  allfälligen  Strafantritt  aufgeboten.  Im  Übrigen  handle  es  sich  bei  den  gegen  ihn  erhobenen Anschuldigungen um gezielte Inszenierungen mit dem Zweck,  die  tatsächlichen  Verfasser  der  Artikel  zu  decken  und  ihm  einen  Aufenthaltsstatus in Europa zu verschaffen.  4.5.  Mit  dem  Urteil  vom  15. April  2010  ging  das  Bundesverwaltungsgericht  zwar  von  der  Verwicklung  des  Beschwerdeführers  in  verschiedene  Strafverfahren  in  der  Türkei  aus.  Zum einen sei er in den Jahren 2007 und 2008 in drei Strafverfahren im  Zusammenhang mit Pressedelikten involviert gewesen. Zum anderen sei  er  zum Zeitpunkt  des Urteils  in  einem weiteren Strafverfahren  aufgrund  der  Veröffentlichung  eines  Zeitungsartikels  unter  dem  Vorwurf  der  Propaganda  zugunsten  einer  terroristischen  Organisation  ­  der  PKK  ­  angeklagt  gewesen.  In  Bezug  auf  das  letztgenannte  Strafverfahren  gelangte  das  Bundesverwaltungsgericht  bei  der  Prüfung  der  asylrechtlichen  Relevanz  im  Wesentlichen  zu  folgenden  Schlüssen:  Angesichts  der  im  Beschwerdeverfahren  eingereichten  Beweismittel  (einem Schreiben der Sicherheitsdirektion Istanbul vom 28. August 2009,  einer Anklageschrift der Staatsanwaltschaft  Istanbul vom 11. September  2009,  einem  Zulässigkeitsentscheid  der  14. ACM  Istanbul  vom  18. September  2009,  einem  Protokoll  des  genannten  Gerichts  vom  18. September  2009,  einem  Schreiben  des  genannten  Gerichts  vom  28. September 2009 an die nationale Sicherheitsbehörde in Ankara sowie  einer gerichtlichen Vorladung für den 9. Dezember 2009) sei unbestritten,  dass gegen den Beschwerdeführer in der Türkei ein Strafverfahren laufe,  das  am  11.  September  2009  aufgrund  eines  angeblich  von  diesem  verfassten,  am  17.  August  2009  in  der  Zeitschrift  "Özgür  Ortam"  publizierten Artikels mit dem Titel "25. yil" ("25. Jahr") eröffnet worden sei.  Indessen  kam  das  Bundesverwaltungsgericht  unter  anderem  zur  Einschätzung,  es  sei  in  der  Türkei  in  den  letzten  Jahren  trotz  zahlreich  eröffneter  Strafverfahren wegen Pressedelikten  in  sehr  vielen  Fällen  zu  Freisprüchen  gekommen.  Soweit  entsprechende  Verfahren  zu  Schuldsprüchen geführt hätten, seien zudem überwiegend bloss bedingte 

D­8903/2010 Freiheitsstrafen  oder Bussen ausgesprochen worden.  In Bezug  auf  den  Beschwerdeführer  selbst  sei  anzunehmen,  dass  ihn  die  türkischen  Behörden nicht als prokurdischen Aktivisten mit langjährigem politischem  Hintergrund  einstufen  würden,  sondern  ihn  gegebenenfalls  wegen  des  angeblich  von  ihm  verfassten  Artikels  "25.  Jahr"  zur  Verantwortung  ziehen  wollten.  Auch  sei  davon  auszugehen,  dass  die  türkischen  Strafverfolgungsbehörden  zu  erkennen  wüssten,  ob  politische  Verlautbarungen Ausdruck einer gelebten politischen Überzeugung seien  oder  lediglich  in  der  Absicht  erfolgten,  im  Ausland  ein  Bleiberecht  zu  erwirken.  Es  sei  deshalb  nicht  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  im  Zusammenhang mit  dem  hängigen Strafverfahren  eine flüchtlingsrechtlich relevante Strafe zu gewärtigen habe. Insofern sei  seine Furcht vor künftiger Verfolgung unbegründet. 4.6.  Mit  seinem  Revisionsgesuch  machte  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  geltend,  er  sei  seit  dem  Beschwerdeurteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  in den Besitz von Beweismitteln gelangt, die  belegen  würden,  dass  sowohl  das  BFM  als  auch  das  Bundesverwaltungsgericht  im  genannten  Urteil  von  falschen  Voraussetzungen  ausgegangen  seien.  So  gehe  aus  den  neu  eingereichten  Beweismitteln  hervor,  dass  ­  entgegen  den  Vermutungen  des BFM ­ gegen den Beschwerdeführer tatsächlich Haftbefehle erlassen  worden  seien.  Damit  sei  klar,  dass  nicht  davon  ausgegangen  werden  könne, dass der Beschwerdeführer das gegen  ihn  in der Türkei hängige  Strafverfahren in Freiheit abwarten könne beziehungsweise eine allfällige  Freiheitsstrafe  erst  nach  entsprechender  Rechtskraft  antreten  müsste.  Das  Vorgehen  der  14. ACM  Istanbul  wie  auch  des  zuständigen  Generalstaatsanwalts  lege  zudem  nahe,  dass  die  türkischen  Behörden  keineswegs  von  einer  blossen  Inszenierung  des  Beschwerdeführers  im  Hinblick  die Erlangung eines Aufenthaltsrechts  in  der Schweiz,  sondern  von  einem  gravierenden  Fall  ausgehen  würden.  Faktisch  habe  der  Beschwerdeführer  mit  einer  gegen  die  Rechte  von  Minderheiten  gerichteten,  die  Meinungsäusserungsfreiheit  verletzenden  und  letztlich  politisch  begründeten  hohen  Freiheitsstrafe  von  bis  zu  siebeneinhalb  Jahren  zu  rechnen.  Entgegen  der  Auffassung  des  Bundesverwaltungsgerichts im Urteil vom 15. April 2010 sei des Weiteren  aufgrund der neuen Beweismittel belegt, dass der Beschwerdeführer den  am  17. August  2009  erschienenen  Zeitungsartikel  mit  dem  Titel  "25.  Jahr",  wegen  dessen  gegen  ihn  das  fragliche  Strafverfahren  eröffnet  worden  sei,  selbst  verfasst  habe.  Ferner  sei  aufgrund  der  Berichte  verschiedener Nichtregierungsorganisationen die Annahme des Gerichts 

D­8903/2010 nicht  haltbar,  dass  es  trotz  zahlreicher  in  der  Türkei  eröffneter  Pressestrafverfahren  in  sehr  vielen  Fällen  zu  Freisprüchen  gekommen  sei. Selbstverständlich bestehe auch weder eine Garantie dafür, dass es  im  Fall  des  Beschwerdeführers  zu  einem  Freispruch  kommen  werde,  noch dafür, dass eine allfällige Strafe bedingt ausgesprochen würde. Ein  solcher  Schluss  verbiete  sich  auch  deshalb,  weil  sowohl  die  14. ACM  Istanbul  als  auch  der  Generalstaatsanwalt  Haftbefehle  erlassen  hätten,  was  nicht  darauf  hinweise,  dass  man  den  Beschwerdeführer  als  Bagatelltäter  einzustufen  gewillt  sei.  Mit  dem  Revisionsgesuch  und  im  Verlauf  des  entsprechenden  Verfahrens  übermittelte  der  Beschwerdeführer  als  Beweismittel  unter  anderem  ­  jeweils  mit  französischer  Übersetzung  ­  das  Protokoll  einer  Verhandlung  vor  der  14. ACM  Istanbul  vom  9. Dezember  2009,  ein  Schreiben  der  Polizeidirektion des Bezirks Esenler vom 10. Februar 2010, das Protokoll  einer  Verhandlung  vor  der  14. ACM  Istanbul  vom  17. März  2010,  einen  Haftbefehl vom 17. März 2010, ein Übermittlungsschreiben der 14. ACM  Istanbul vom 17. März 2010 in Bezug auf den genannten Haftbefehl, ein  Schreiben der Polizeidirektion Atişalani (Bezirk Esenler, Provinz Istanbul)  vom 18. März 2010, ein Schreiben des  türkischen Generalstaatsanwalts  vom  23. März  2010,  das  Protokoll  einer  Gerichtsverhandlung  vor  der  14. ACM  Istanbul  vom  7. Mai  2010,  ein  Schreiben  des  türkischen  Rechtsanwalts  des  Beschwerdeführers  vom  7. Mai  2010,  ein  vom  3.  Dezember  2010  datierendes  Schreiben  des  türkischen  Rechtsanwalts,  eine  Übersicht  über  den  Stand  des  Strafverfahrens  vor  der  14. ACM  Istanbul,  das  Protokoll  einer  Verhandlung  vor  dem  genannten  Gericht  vom 22. November 2010 sowie einen Auszug aus dem türkischen Gesetz  Nr. 3713 (Antiterrorgesetz).  5.  5.1.  Die  Frage  der  Glaubhaftigkeit  der  Asylvorbringen  des  Beschwerdeführers  ist  nunmehr  –  über  die  Aussagen  anlässlich  seiner  Anhörungen  und  die  im  vorinstanzlichen  Verfahren  sowie  im  ursprünglichen  Beschwerdeverfahren  abgegebenen  Beweismittel  hinaus  – unter  Berücksichtigung  der  im Revisionsverfahren  sowie  der  seit  dem  Revisionsurteil  vom  24. Mai  2011,  mit  Eingabe  vom  21. Juli  2011,  eingereichten  Beweismittel  zu  prüfen. Mit  dem Revisionsurteil  (E. 3.3.5)  wurde  bereits  festgestellt,  dass  das  Kriterium  der  Erheblichkeit  der  geltend  gemachten  Tatsachen  beziehungsweise  Beweismittel  im  Sinne  von Art. 123 Abs. 2 Bst. a BGG erfüllt ist. 

D­8903/2010 5.2.  Aus  den  heute  vorliegenden  Beweismitteln  geht  im  Wesentlichen  Folgendes hervor. 5.2.1. Gemäss dem Protokoll einer Verhandlung vor der 11. ACM Istanbul  vom 28. März 2008 wurde der Beschwerdeführer in einem Strafverfahren  gegen den Inhaber und Chefredakteur der Zeitschrift " Çağdaş Özgür" als  Verfasser eines beanstandeten Artikels bezeichnet; dabei beantragte die  angeklagte  Person,  der  Beschwerdeführer  sei  durch  das  Gericht  als  Zeuge  vorzuladen.  Im  Protokoll  einer  Verhandlung  vor  der  11. ACM  Istanbul  vom  11. Juni  2008  wurde  festgehalten,  der  als  Zeuge  aufgebotene  Beschwerdeführer  sei  nicht  erschienen;  zudem  wurde  beschlossen,  den  Beschwerdeführer  erneut  als  Zeugen  vorzuladen. Mit  Schreiben  vom  26. Juni  2008  wandte  sich  das  genannte  Gericht  im  Hinblick  auf  die  Vorführung  des  Beschwerdeführers  als  Zeuge  an  die  Polizeidirektion  des  Istanbuler  Bezirks  Esenler.  Gemäss  dem  Protokoll  einer Verhandlung vor der 13. ACM Istanbul vom 29. Mai 2008 wurde der  Beschwerdeführer  in  einem  Strafverfahren  gegen  den  Inhaber  und  Chefredakteur der Zeitung "Haftaya Bakış" als Autor eines beanstandeten  Artikels genannt und sollte auf Antrag der angeklagten Person als Zeuge  vorgeladen werden. Im Zusammenhang mit dieser Vorladung richtete das  genannte  Gericht  mit  Datum  vom  4. Juni  2008  ein  Schreiben  an  die  Polizeidirektion des Bezirks Esenler. Die soeben genannten Dokumente  wurden im vorinstanzlichen Verfahren abgegeben. 5.2.2. Gemäss dem Protokoll einer Verhandlung vor der 12. ACM Istanbul  vom  14. Mai  2008  wurde  das  betreffende  Verfahren  aufgeschoben,  um  der angeklagten Person die Möglichkeit zu geben, die Autorenschaft des  Beschwerdeführers  bezüglich  eines  bestimmten  Zeitungsartikels  zu  beweisen.  Aus  einem  Schreiben  seines  türkischen  Rechtsanwalts  vom  8. Januar 2009 geht im Wesentlichen hervor, der Beschwerdeführer sei in  der  Türkei  aufgrund  der  Publikation  verschiedener  Zeitungsartikel  angeklagt, wobei  ihm eine Haftstrafe von bis zu  fünf  Jahren drohe. Aus  dem  Internet­Ausdruck  eines  am  17. August  2009  in  der  Zeitschrift  "Özgür  Ortam"  erschienenen  Artikels  geht  hervor,  dass  sich  ein  Autor  namens  Selahattin  ERDEM  zum  25. Jahrestag  des  Beginns  des  kurdischen  Widerstands  in  der  Türkei  äusserte.  Mit  Schreiben  vom  28. August  2009  teilte  die  Sicherheitsdirektion  Istanbul  der  Oberstaatsanwaltschaft  Istanbul  im  Wesentlichen  mit,  nach  Veröffentlichung  eines  Artikels  mit  dem  Titel  "Die  Unvergessenen  des  15. August"  und eines Artikels mit  dem Titel  "25. Jahr"  in  der Zeitschrift  "Özgür  Ortam"  vom  17. August  2009,  in  welchen  zugunsten  der 

D­8903/2010 Terrororganisation  PKK/Kongra­Gel  Propaganda  betrieben  worden  sei,  sei  gegen  den  Beschwerdeführer  ­  welcher  unter  dem  Pseudonym  "Selahattin  ERDEM"  Verfasser  des  letztgenannten  Artikels  sei  ­  eine  Untersuchung  eröffnet  worden.  Dabei  hätten  Polizeibeamte  den  Beschwerdeführer am 26. August 2009 bei seiner Wohnadresse gesucht,  aber  nicht  angetroffen.  Dessen  Ehefrau  habe  ausgesagt,  der  Beschwerdeführer sei seit einem Jahr abwesend, und sie wisse nicht, wo  er  sich  aufhalte.  Aus  der  Anklageschrift  der  Oberstaatsanwaltschaft  Istanbul  vom  11. September  2009  geht  im  Wesentlichen  hervor,  dass  aufgrund  der  Veröffentlichung  des  Artikels  "25. Jahr"  in  der  Zeitschrift  "Özgür Ortam" vom 17. August 2009 gegen den Beschwerdeführer sowie  den  Chefredakteur  der  Zeitschrift  namens  C._______  D._______  Verfahren eröffnet wurden. Aus den beiden Rechtsschriften des 14. ACM  Istanbul  vom  18. September  2009  geht  hervor,  dass  gegen  den  Beschwerdeführer  und  C._______  D._______ Gerichtsverfahren  wegen  Propaganda  zugunsten  einer  terroristischen  Organisation  eröffnet  wurden;  des Weiteren  wurde  als  Prozesstermin  der  9. Dezember  2009  festgelegt.  Gemäss  dem  Schreiben  des  genannten  Gerichts  vom  28. September  2009  an  die  nationale  Sicherheitsbehörde  in  Ankara  wurde die Durchführung einer Untersuchung mit dem Ziel beantragt, die  Verbindungen  des  Beschwerdeführers  zur  PKK  beziehungsweise  zu  deren  Nachfolgeorganisation  Kongra­Gel  (Kongra  Gelê  Kurdistan;  Volkskongress Kurdistan) zu ermitteln. Ausserdem erliess das genannte  Gericht  eine  Vorladung  des  Beschwerdeführers  für  die  auf  den  9. Dezember  2009  festgelegte  Verhandlung.  Die  soeben  genannten  Dokumente wurden durch den Beschwerdeführer im Verlauf des mit Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  15. April  2010  abgeschlossenen  ursprünglichen Beschwerdeverfahrens eingereicht. 5.2.3. Mit Schreiben vom 10. Februar 2010 teilte die Polizeidirektion des  Bezirks  Esenler  an  die  Adresse  der  Polizeidirektion  Atişalani  mit,  der  Beschwerdeführer  sei  in  einem  Gebäude  wohnhaft,  das  bei  der  Polizeidirektion  Esenler  registriert  sei.  Gemäss  Protokoll  der  14. ACM  Istanbul  vom  17. März  2010  wurde  anlässlich  einer  mündlichen  Verhandlung  im  Wesentlichen  festgestellt,  dass  der  Beschwerdeführer  nicht  anwesend  sei,  dass  das  eröffnete  Verfahren  weitergeführt  werde,  dass  in Bezug auf den Beschwerdeführer ein Haftbefehl ausgestellt und  ein  nächster  Gerichtstermin  für  den  7. Mai  2010  festgesetzt  werde.  Gemäss zwei durch die 14. ACM Istanbul ausgestellten Dokumenten vom  17. März 2010 (Haftbefehl und Übermittlungsschreiben an die zuständige  Justizbehörde) wurde  in  Bezug  auf  den Beschwerdeführer  gleichentags 

D­8903/2010 ein  Haftbefehl  erlassen,  wobei  als  Anklagegrund  Propaganda  für  eine  terroristische Organisation  genannt  wurde. Mit  Schreiben  vom  18. März  2010  teilte  die  Polizeidirektion  Atişalani  der  14. ACM  Istanbul  mit,  bezüglich des Prozesses vom 17. März 2010 werde die Abwesenheit des  Beschwerdeführers  von  seinem  Wohnort  bestätigt.  Mit  Schreiben  vom  23. März  2010  ordnete  die  Generalstaatsanwaltschaft  von  Istanbul  die  Verhaftung  und  Zuführung  des  Beschwerdeführers  an.  Ferner  wurden  gemäss  entsprechenden  Protokollen  am  7. Mai  2010  und  am  22. November  2010  vor  der  14. ACM  Istanbul  zwei  weitere  mündliche  Verhandlungen  durchgeführt,  wobei  jedesmal  die  Anhängigkeit  des  Verfahrens  bestätigt  und  der  Beschwerdeführer  erneut  zur  Verhaftung  ausgeschrieben wurde. Die soeben aufgeführten Beweismittel wurden im  Rahmen des Revisionsverfahrens eingereicht.  5.2.4. Aus dem Protokoll einer mündlichen Verhandlung vor der 14. ACM  Istanbul  vom  18. April  2011  geht  im  Wesentlichen  hervor,  dass  die  Feststellung  getroffen  wurde,  der  Angeklagte  ­  der  Beschwerdeführer  ­  sei  nach  wie  vor  nicht  gefasst  worden,  wobei  gemäss  Bericht  der  Sicherheitsdirektion  Istanbul  weiterhin  nach  ihm  gesucht  werde.  Zudem  wurde  entschieden,  dass  der  Haftbefehl  gegen  den  Beschwerdeführer  bestehen  bleibe,  und  auf  den  29. Juli  2011  ein  nächster Gerichtstermin  festgesetzt.  Ferner  informierte  der  türkische  Rechtsanwalt  des  Beschwerdeführers mit Schreiben  vom 29. Juni  2011 über  die weiterhin  bestehende  Hängigkeit  des  Verfahrens.  Die  soeben  genannten  Beweismittel  wurden  mit  Eingabe  vom  21. Juli  2011  im  vorliegenden  wiederaufgenommenen Beschwerdeverfahren eingereicht.  5.3. Aufgrund der nunmehr vorliegenden Beweismittel erweist sich, dass  in  Bezug  auf  die  Glaubhaftigkeit  der  Asylvorbringen  des  Beschwerdeführers eine andere Einschätzung zu treffen ist, als mit Urteil  des Bundesverwaltungsgerichts vom 15. April 2010 erfolgt.  5.3.1. Dabei ist zunächst festzustellen, dass angesichts der vorhandenen  gerichtlichen  und  weiteren  behördlichen  Dokumente  kein  Zweifel  daran  besteht,  dass  der  Beschwerdeführer  in  der  Türkei  ­  je  nach  dem  als  Zeuge  oder  als  Angeklagter  ­  in  verschiedene  Strafverfahren  involviert  war und ist. Insbesondere ist er seit dem 11. September 2009 (Datum der  Erhebung der Anklage durch die Oberstaatsanwaltschaft Istanbul) einem  zum  heutigen  Zeitpunkt  noch  hängigen  Strafverfahren  unterworfen,  in  welchem  er  aufgrund  der  Veröffentlichung  eines  ihm  von  den  Strafverfolgungsbehörden  als  Autor  zugeschriebenen  Artikels  in  der 

D­8903/2010 Wochenzeitung  "Özgür  Ortam"  unter  dem  Vorwurf  separatistischer  Propaganda  zugunsten  der  als  Terrororganisation  bezeichneten  PKK  beziehungsweise deren Nachfolgeorganisation Kongra­Gel angeklagt ist.  5.3.2.  Dabei  ergibt  sich  aus  den  betreffenden  Schriftstücken,  dass  die  türkischen  Behörden  das  hängige  Strafverfahren  gegen  den  Beschwerdeführer  mit  beträchtlicher  Konsequenz  verfolgen.  Die  zuständigen  Strafverfolgungsbehörden  unternehmen  anhaltende  Anstrengungen,  den  Beschwerdeführer  zu  verhaften  und  zur  Durchführung  des Strafverfahrens  vor  die  14. ACM  Istanbul  zu  bringen.  So  wurden  gestützt  auf  Ermittlungen  der  Polizei  von  Istanbul,  die  Anklageschrift  der  Oberstaatsanwaltschaft  Istanbul  vom  11. September  2009  und  den  Zulassungsentscheid  des  14. ACM  Istanbul  vom  18. September 2009 bislang (am 9. Dezember 2009, am 17. März 2010,  am  7. Mai  2010,  am  22. November  2010  und  am  18. April  2011)  fünf  mündliche Verhandlungen vor der 14. ACM Istanbul durchgeführt. Dabei  wurde  jedesmal  die  Anhängigkeit  des  Verfahrens  bestätigt  und  der  Beschwerdeführer  erneut  zur  Verhaftung  ausgeschrieben.  Aus  den  vorliegenden  Schreiben  der  lokalen  Polizeidirektionen  der  Istanbuler  Stadtteile  Esenler  und  Atişalani  ergibt  sich  ausserdem,  dass  die  beauftragten  Polizeibehörden  dem  Beschwerdeführer  auch  effektiv  nachstellen. Zu berücksichtigen  ist ausserdem, dass es sich bei der mit  dem  Fall  des  Beschwerdeführers  befassten  14. Grossen  Strafkammer  Istanbul  um  ein  Gericht  für  schwere  Strafsachen  handelt,  das  gemäss  Art. 250  der  türkischen  Strafprozessordnung  für  Taten  mit  einer  Strafandrohung  von mehr als  zehn Jahren Gefängnis  zuständig  ist  (vgl.  PHILIPP THALHEIMER, Türkei: Zuständigkeit und Aufgaben der "Gerichte für  schwere  Straftaten",  in:  [deutsches]  Bundesamt  für  Migration  und  Flüchtlinge  [Hrsg.],  Entscheidungen Asyl  14  [2007], Nr. 3, S. 6  f.;  SILVIA  TELLENBACH,  Reformen  in  Strafrecht,  Strafprozessrecht  und  Strafvollzugsrecht  ­  Ein  erster  Überblick  über  die  türkischen  Reformgesetze  des  Jahres  2004,  S. 11,  abrufbar  unter  <http://www.tuerkei­recht.de/downloads/strafrecht_  tellenbach.pdf>). Dies  geht  jeweils  auch  aus  den  betreffenden  Aktenstücken  der  14. ACM  Istanbul hervor, die allesamt den Hinweis enthalten, dass dieses Gericht  für  die  Behandlung  von  schweren Straffällen  im Sinne  von Art. 250  der  türkischen Strafprozessordnung zuständig ist.  5.3.3. Aus der vorliegenden Übersetzung eines Internet­Ausdrucks des in  der  Ausgabe  der  Zeitschrift  "Özgür  Ortam"  vom  17. August  2009  veröffentlichten Artikels "25. Jahr" geht hervor, dass in dem betreffenden 

D­8903/2010 Text  im Wesentlichen ausgeführt wird, welche Fortschritte die kurdische  Widerstandsbewegung  in  der  Türkei  bei  ihrem  Bestreben  nach  Selbstbestimmung  in  den  seit  dem  Datum  des  15. August  1984  vergangenen 25 Jahren erreicht habe. An jenem Tag besetzten Einheiten  der  PKK  die  beiden  Städte  Şemdinli  (Provinz  Hakkâri)  sowie  Eruh  (Provinz Siirt)  und  griffen  die  dortigen Polizeistationen  und militärischen  Einrichtungen an. Diese Ereignisse werden seitens der PKK als Beginn  des  bewaffneten  Kampfs  gegen  den  türkischen  Staat  aufgefasst  und  entsprechend  idealisiert.  Dieser  Hintergrund  ist  bei  der  Beurteilung  der  von  den  türkischen  Strafverfolgungsbehörden  gegen  den  Beschwerdeführer  erhobenen  Anklage  zu  berücksichtigen.  Dabei  ist  insbesondere  zu  erwähnen,  dass  gemäss  öffentlich  zugänglichen  Berichten im August 2009 ­  im zeitlichen Umfeld des 25. Jahrestags des  15. August  1984  ­  durch  die  türkischen  Behörden  verschiedene  repressive  Massnahmen  gegen  Zeitungen  und  Journalisten  ergriffen  wurden,  welche  der  propagandistischen  Unterstützung  der  PKK  verdächtigt  wurden  (vgl.  REPORTERS  SANS  FRONTIÈRES/REPORTERS  WITHOUT BORDERS [RSF], Government urged to include press freedom in  its opening to Kurdish minority, 2. September 2009; RSF, Media allowed  to  use  Kurdish  language  but  still  forbidden  to  discuss  Kurdish  issues  freely, 20. November 2009). So wurden gestützt auf das türkische Gesetz  Nr. 3713  (Antiterrorgesetz)  am  22. August  2009  die  Tageszeitung  "Günlük"  und am 25. August  2009 die Zeitschrift  "Özgür Ortam"  jeweils  aufgrund des Vorwurfs, Propaganda zugunsten der PKK veröffentlicht zu  haben,  vorübergehend  verboten,  und  mehr  als  15  Journalisten  wurden  unter  dem  gleichen Vorwurf  unter  Anklage  gestellt.  Aus  den  erwähnten  Berichten  der  Presseschutz­Organisation  RSF  geht  ausserdem  hervor,  dass  die  Massnahmen  gegen  die  Zeitschrift  "Özgür  Ortam"  aufgrund  zweier  in  der  Ausgabe  vom  17. August  2009  veröffentlichter  Artikel  erfolgte.  Der  von  RSF  dokumentierte  Sachverhalt  betrifft  mithin  unter  anderem  den  Fall  des  Beschwerdeführers.  Es  erweist  sich  somit,  dass  das  strafprozessuale  Vorgehen  gegen  den  Beschwerdeführer  im  Zusammenhang  mit  weitergehenden  Bemühungen  der  türkischen  Sicherheitskräfte zu sehen  ist,  journalistische Kommentare zur PKK und  zum  kurdischen  Widerstand  zu  verhindern.  Dies  erscheint  insofern  als  von  Belang,  als  davon  auszugehen  ist,  dass  die  Veröffentlichung  des  Artikels "25. Jahr" durch die türkischen Behörden im Zusammenhang mit  dem  betreffenden  Jahrestag  des  Beginns  des  bewaffneten  Kampfs  der  PKK  gesehen  wird,  was  auch  die  erhebliche  Beharrlichkeit  zu  erklären  vermag, mit welcher das Strafverfahren gegen den Beschwerdeführer bis  heute verfolgt wird. 

D­8903/2010 5.4.  Soweit  aus  den  vorhandenen  Akten  ersichtlich,  wird  dem  Beschwerdeführer  durch  die  türkischen  Sicherheitsbehörden  ausschliesslich vorgeworfen, durch die Publikation des Artikels "25. Jahr"  Propaganda  zugunsten  der  verbotenen  Organisation  PKK  betrieben  zu  haben.  Jedoch  resultiert  aus  der  vorliegenden  Übersetzung  des  betreffenden  Artikels  nicht,  dass  der  Beschwerdeführer  etwa  zu Gewalt  oder zu anderweitigen Delikten aufgerufen hätte, sondern er sprach sich  im Gegenteil mit lobenden Worten zugunsten der Bestrebungen um eine  friedliche  Lösung  des  Konflikts  um  die  kurdischen  Ansprüche  auf  kulturelle  und  politische  Selbstbestimmung  aus.  Es  ist  somit  keine  ausschliesslich  gemeinrechtliche,  rechtsstaatlich  legitime  Motivation  der  Strafverfolgung durch die türkischen Behörden zu erkennen.  5.5. Eine allfällige  Inhaftierung und Verurteilung des Beschwerdeführers  im Falle seiner Rückkehr in die Türkei aufgrund seiner Verantwortlichkeit  als Verfasser eines Zeitungsartikels mit dem Titel  "25. Jahr" käme somit  einer  flüchtlingsrechtlich  relevanten  Verfolgung  gleich.  Aus  den  vorliegenden  Beweismitteln  und  den  weiteren  zu  berücksichtigenden  Informationen  lässt  sich auch schliessen, dass der Beschwerdeführer  in  objektiv  nachvollziehbarer Weise  (vgl.  Entscheidungen  und Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2000  Nr. 9  E. 5a  sowie 2004 Nr. 21 E. 3b/aa) befürchtet, er würde im Falle einer Rückkehr  in  die  Türkei  durch  die  türkischen  Behörden  inhaftiert,  im  Rahmen  des  gegen  ihn  hängigen  Strafverfahrens  zu  einer  Haftstrafe  verurteilt  und  somit  im Sinne von Art. 3 AsylG ernsthaften Nachteilen ausgesetzt. Des  Weiteren  ist  festzustellen,  dass  die  Begründetheit  der  Furcht  des  Beschwerdeführers  vor  staatlichen Verfolgungsmassnahmen  ­  nachdem  mit  dem  14. ACM  Istanbul  ein  Gericht  für  schwere  Strafsachen  mit  seinem  Fall  befasst  ist  und  zudem  die  nationale  Sicherheitsbehörde  in  Ankara eingeschaltet wurde ­ offensichtlich auch nicht örtlich beschränkt  ist.  Dem  Beschwerdeführer  steht  folglich  in  der  Türkei  auch  keine  innerstaatliche Fluchtalternative offen. 6.  Zusammenfassend  ergibt  sich  somit,  dass  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  im  Sinne  von  Art. 3  AsylG  erfüllt.  Nachdem  den  Akten  keine Hinweise auf  das Vorliegen  von Asylausschlussgründen  zu  entnehmen  sind,  ist  die  Beschwerde  folglich  gutzuheissen,  und  die  angefochtene Verfügung ist aufzuheben. Das BFM wird angewiesen, den  Beschwerdeführer als Flüchtling zu anerkennen und  ihm  in der Schweiz  Asyl zu gewähren.

D­8903/2010 7.  7.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten zu erheben  (Art. 63 Abs. 3 VwVG i.V.m. Art. 37 VGG).  7.2.  Gemäss  Art.  64  Abs.  1  VwVG  i.V.m.  Art.  37  VGG  kann  die  Beschwerdeinstanz  der  ganz  oder  teilweise  obsiegenden  Partei  von  Amtes  wegen  oder  auf  Begehren  eine  Entschädigung  für  die  ihr  erwachsenen  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zusprechen  (vgl.  für  die  Grundsätze  der  Bemessung  der  Parteientschädigung  ausserdem  Art. 7  ff.  des  Reglements  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  vom  21. Februar  2008  [VGKE,  SR 173.320.2]).  Weder  durch  den  Rechtsvertreter  des  Beschwerdeführers  im  ursprünglichen  Beschwerdeverfahren D­276/2009 noch seitens des Rechtsvertreters  im  vorliegenden  wiederaufgenommenen  Beschwerdeverfahren  wurden  Kostennoten  eingereicht.  Auf  die  Nachforderung  solcher  Belege  wird  indessen  verzichtet  (vgl.  Art. 14  Abs. 2  VGKE),  weil  im  vorliegenden  Verfahren  der  Aufwand  des  Schriftenwechsels  zuverlässig  abgeschätzt  werden  kann.  Gestützt  auf  die  in  Betracht  zu  ziehenden  Bemessungsfaktoren  (Art. 9­13  VGKE)  sind  dem  Beschwerdeführer  Fr. 1'000.­­  (inkl. Auslagen und Mehrwertsteuer) als Parteientschädigung  zuzusprechen. Dieser Betrag ist ihm durch das BFM zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­8903/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  und  die  Verfügung  des  BFM  vom  15. Dezember 2008 wird aufgehoben. 2.  Das BFM wird angewiesen, dem Beschwerdeführer Asyl zu gewähren. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Dem  Beschwerdeführer  wird  eine  Parteientschädigung  von  Fr. 1'000.­­  zugesprochen, die ihm durch das BFM zu entrichten ist. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Bendicht Tellenbach Martin Scheyli Versand:

D-8903/2010 — Bundesverwaltungsgericht 06.09.2011 D-8903/2010 — Swissrulings