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Bundesverwaltungsgericht 23.08.2011 D-8281/2010

23. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,187 Wörter·~6 min·2

Zusammenfassung

Nichteintreten auf Asylgesuch (Papierlosigkeit) und Wegweisung | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 23. November 2010

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­8281/2010/sed Urteil   v om   2 3 .   Augus t   2011 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richter Hans Schürch,    Gerichtsschreiber Patrick Weber. Parteien X._______, geboren am _______, Afghanistan,   vertreten durch lic. iur. Patricia Müller, _______ Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 23. November 2010 / N _______.

D­8281/2010 Das Bundesverwaltungsgericht stellt fest und erwägt, dass  der  Beschwerdeführer  Afghanistan  gemäss  eigenen  Angaben  Anfang September 2010 verliess und über Tadschikistan, Russland, die  Ukraine und ihm unbekannte Länder am 15. Oktober 2010 in die Schweiz  gelangte, wo er am gleichen Tag ein Asylgesuch stellte, dass er dazu am 25. Oktober 2010 summarisch befragt wurde, dass die Vorinstanz am 1. November 2010 eine Anhörung durchführte, dass der Beschwerdeführer – ein Paschtune –  im Wesentlichen geltend  machte, aus _______ zu stammen,  dass er am 19. März 2009 in _______ nach Brauch geheiratet habe,  dass  er  in  seinem  Herkunftsort  bei  der  Vereinigung  "Nationaler  Zusammenhalt" – einer durch ausländische Kräfte geleiteten Organisation  – mitgewirkt  habe  und  am  28.  September  2009  durch  Taliban­ Widerstandskämpfer in Gewahrsam genommen worden sei,  dass  diese  ihn  entführt  und  während  längerer  Zeit  in  einem  von  ihnen  kontrollierten Dorf festgehalten hätten,  dass sie  ihm Regierungstreue vorgeworfen und versucht hätten,  ihn auf  ihre Seite zu bringen, dass  sein  Vater,  welcher  über  die  Entführung  seines  Sohnes  informiert  worden sei, sich vorerst erfolglos um die Freilassung bemüht habe,  dass  ihn  die  Entführer  wegen  seines  Gesundheitszustandes  im  August  2010 zu einer Apotheke gebracht und dem Apotheker gesagt hätten, sie  würden ihn nach seiner Genesung wieder abholen,  dass es ihm jedoch gelungen sei, Verwandte zu kontaktieren, welche ihm  bei der Flucht geholfen hätten,  dass ihn sein Vater zurück nach _______ gebracht habe, von wo aus er  nach  einem  Spitalaufenthalt  verbunden  mit  Kontakten  zu  den  Sicherheitskräften schliesslich ausgereist sei,  dass er keine Identitätsdokumente zu den Akten gab,

D­8281/2010 dass  das  BFM  auf  das  Asylgesuch  mit  Verfügung  vom  23.  November  2010 – eröffnet am selben Tag – gestützt auf Art.  32 Abs. 2 Bst. a des  Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) nicht eintrat und die  Wegweisung aus der Schweiz sowie den Vollzug anordnete, dass das Bundesamt zur Begründung seines Entscheids im Wesentlichen  anführte,  aufgrund  seiner  substanzlosen  Aussagen  zu  Reise­  und  Identitätsdokumenten beziehungsweise  realitätsfremder Angaben müsse  davon ausgegangen werden, der Beschwerdeführer habe seine  Identität  nicht offengelegt, obwohl er dazu in der Lage gewesen wäre, dass  entsprechend  keine  entschuldbaren Gründe  für  die Papierlosigkeit  vorlägen, dass das BFM weiter  festhielt,  in Anbetracht  seiner Darlegungen erfülle  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  und  7  AsylG  nicht,  wobei  zusätzliche  Abklärungen  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  oder  eines  Wegweisungsvollzugshindernisses  aufgrund der Aktenlage nicht erforderlich seien, dass  er  der  geltend  gemachten  Verfolgungssituation  in  der  Provinz  _______  durch  Verlegung  des  Wohnsitzes  zu  seiner  Ehefrau  nach  _______ in der sicheren Provinz _______ zu entgehen vermöge,  dass  er  in  Anbetracht  dieser  innerstaatlichen  Fluchtalternative  nicht  auf  den Schutz der Schweiz angewiesen sei,  dass  die  angeblichen  Ereignisse  aufgrund  substanzarmer,  realitätsfremder  und  –  so  im  Vergleich  zu  Aussagen  seines  Bruders  (_______)  anlässlich  dessen  Anhörung  –  widersprüchlicher  Schilderungen überdies unglaubhaft wirkten,  dass der Vollzug der Wegweisung aufgrund der Aktenlage als  zulässig,  zumutbar und möglich erscheine, dass der Beschwerdeführer zwar aus der Provinz _______ stamme, wo  die Sicherheitslage angespannt sei,  dass  ihm  jedoch  unbenommen  sei,  sich  zu  seiner  Ehefrau  und  deren  Familie in die sichere Provinz _______ zu begeben, 

D­8281/2010 dass  er  über  eine  Berufsausbildung  verfüge  und  aus  einer  finanziell  abgesicherten  Familie  stamme,  welche  ihn  am  neuen  Wohnort  unterstützen könne,  dass  der  Beschwerdeführer  diese  Verfügung  mit  Eingabe  seiner  (vormaligen)  Rechtsvertretung  vom  30.  November  2010  beim  Bundesverwaltungsgericht anfocht, dass er die Aufhebung des vorinstanzlichen Entscheids, die Rückweisung  der  Sache  an  das  BFM  zwecks  Eintretens  auf  sein  Asylgesuch,  eventualiter  die  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  verbunden  mit  der  vorläufigen  Aufnahme  in  der  Schweiz  sowie  in  prozessualer  Hinsicht  den  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  beziehungsweise  die  unentgeltliche  Prozessführung (Art. 65 Abs. 1 des Verwaltungsverfahrensgesetzes vom  20. Dezember 1968 [VwVG, SR 172.021]) beantragte, dass  er  zur  Begründung  anführte,  seine  Argumente  für  die  bisherige  Nichteinreichung  von  Identitätsbelegen  seien  entgegen  der  vorinstanzlichen Sichtweise nachvollziehbar,  dass mithin entschuldbare Gründe für seine Papierlosigkeit bestünden, dass  das  BFM  im  Weiteren  zu  Unrecht  von  einer  zumutbaren  innerstaatlichen Fluchtalternative in der Provinz _______ ausgehe, zumal  das  UNHCR  und  die  SFH  die  dortige  Lage  als  ebenfalls  angespannt  einschätzten,  dass  der  vorliegende   Nichteintretensentscheid  demnach  zu  Unrecht  erfolgt sei, dass  das  Bundesverwaltungsgericht  mit  Zwischenverfügung  vom  2.  Dezember  2010 die  aufschiebende Wirkung der Beschwerde  feststellte,  das  Gesuch  im  Sinne  von  Art. 65  Abs.  1  VwVG  guthiess,  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  verzichtete  und  einen  Schriftenwechsel veranlasste,  dass das Bundesamt mit Vernehmlassung vom 9. Dezember 2010 ohne  zusätzliche Erwägungen die Abweisung der Beschwerde beantragte, dass  die  vorinstanzliche  Stellungnahme  dem  Beschwerdeführer  am       10. Dezember 2010 zur Kenntnis gebracht wurde,

D­8281/2010 dass der Beschwerdeführer am 13. Dezember 2010 einen Identitätsbeleg  (Taskira)  und  Beweismittel  im  Zusammenhang  mit  seinen  Vorbringen  nachreichte (vgl. die Auflistung auf S. 1 der Akte 6),  dass er mit Eingabe seiner neu bestellten Rechtsvertretung vom 10. Juni  2011 weitere  Beweismittel  einreichte  (vgl.  die  Auflistung  auf  S.  1  f.  der  Akte A 7) und gesundheitliche Probleme geltend machte, dass auf die besagten Beweismittel und weitere Beschwerdevorbringen –  soweit  entscheidwesentlich  –  in  den  nachfolgenden  Erwägungen  einzugehen ist,  dass das Bundesverwaltungsgericht auf dem Gebiet des Asyls endgültig  über  Beschwerden  gegen  Verfügungen  (Art.  5 VwVG)  des  BFM  entscheidet,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG,  i. V. m.  Art. 31 – 33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [VGG,  SR 173.32];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]), dass  der  Beschwerdeführer  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen hat, durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  ist,  ein  schutzwürdiges  Interesse  an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung  hat  und  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  ist  (Art. 105 AsylG und Art. 48 Abs. 1 VwVG), dass  somit  auf  die  frist­  und  formgerecht  eingereichte  Beschwerde  einzutreten ist (Art. 108 Abs. 2 AsylG und Art. 52 VwVG), dass  mit  Beschwerde  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden können (Art. 106 Abs. 1 AsylG), dass  das  BFM  den  angefochtenen  Nichteintretensentscheid  auf  der  Grundlage von Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG getroffen hat, dass  bei  Beschwerden  gegen  Nichteintretensentscheide  die  Beurteilungszuständigkeit  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Überprüfung der Frage beschränkt ist, ob die Vorinstanz zu Recht auf das  Asylgesuch nicht eingetreten ist,

D­8281/2010 dass  bei  Begründetheit  der  Beschwerde  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  die  Sache  zu  neuer  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen  ist  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK] 2000 Nr. 34 E. 2.1 S.  240 f.), dass  gemäss  der  Bestimmung  von Art.  32 Abs.  2 Bst.  a  AsylG  auf  ein  Asylgesuch  nicht  eingetreten  wird,  wenn  Asylsuchende  den  Behörden  nicht  innerhalb  von  48  Stunden  nach  Einreichung  des  Gesuchs  Reise­  oder Identitätspapiere abgeben, dass  diese  Bestimmung  jedoch  keine  Anwendung  findet,  wenn  Asylsuchende  glaubhaft  machen  können,  sie  seien  dazu  aus  entschuldbaren Gründen nicht  in der Lage (Art. 32 Abs. 3 Bst. a AsylG),  oder wenn auf Grund der Anhörung sowie gestützt auf Art. 3 und 7 AsylG  die Flüchtlingseigenschaft  festgestellt wird  (Art.  32 Abs. 3 Bst.  b AsylG)  oder wenn sich auf Grund der Anhörung die Notwendigkeit  zusätzlicher  Abklärungen  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  oder  eines  Wegweisungsvollzugshindernisses ergibt (Art. 32 Abs. 3 Bst. c AsylG), dass  mithin  auch  die  Flüchtlingseigenschaft  Prozessgegenstand  des  Beschwerdeverfahrens  bildet,  wobei  im  Rahmen  der  summarischen  Prüfung das offenkundige Fehlen der Flüchtlingseigenschaft, sei es, weil  die  Vorbringen  offensichtlich  unglaubhaft  sind,  oder  sei  es,  weil  sie  offensichtlich  keine  flüchtlingsrechtliche  Relevanz  nach  Art.  3  AsylG  aufweisen,  und  das  offenkundige  Fehlen  von  Wegweisungsvollzugshindernissen zu beurteilen sind (vgl. BVGE 2007/8  E. 2.1), dass gemäss BVGE 2007/8  im Fall des Vorliegens von Umständen, die  auf Grund einer summarischen materiellen Prüfung keine abschliessende  Beurteilung erlauben, auf das Asylgesuch gestützt auf Art. 32 Abs. 3 Bst.  c  AsylG  zwecks  weiterer,  im  ordentlichen  Verfahren  vorzunehmender  Abklärungen  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  oder  von  Wegweisungsvollzugshindernissen einzutreten ist, dass bei der beabsichtigten Anwendung von Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG  mithin  ausgeschlossen  bleibt,  einen  Nichteintretensentscheid  zu  fällen,  wenn das Fehlen der Flüchtlingseigenschaft oder der Vollzugshindernisse  nicht  offenkundig  ist,  beziehungsweise  wenn  zusätzliche  Abklärungen  jeglicher  Art  nötig  erscheinen  oder  der  Entscheid  einer  einlässlichen 

D­8281/2010 Begründung  bedarf  (was  sich  auch  aus  dem Umkehrschluss  zu Art.  40  AsylG und in Anlehnung an Art. 41 AsylG ergibt), dass  der  Gesetzgeber  mit  dieser  Regelung  insbesondere  mit  Blick  auf  das  verkürzte  Verfahren  die  Gefahr  der  vorschnellen  falschen  Einschätzung  einer  Situation  sowohl  in  rechtlicher  oder  in  sachlicher  Hinsicht vermeiden wollte, dass  die  Vorinstanz  in  ihrem  Entscheid  festhielt,  es  lägen  keine  entschuldbaren Gründe vor, die es dem Beschwerdeführer verunmöglicht  hätten,  Reise­  oder  Identitätspapiere  einzureichen,  und  zum  Schluss  gelangte, er erfülle die Flüchtlingseigenschaft gemäss Art. 3 und 7 AsylG  nicht,  und  es  seien  auf  Grund  der  Aktenlage  keine  zusätzlichen  Abklärungen  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  oder  eines  Wegweisungsvollzugshindernisses erforderlich, dass  entsprechend  die  Voraussetzungen  für  ein  Nichteintreten  gemäss  Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG erfüllt seien, dass diese Sichtweise vom Bundesverwaltungsgericht nicht geteilt wird,  dass die Behörde im Rahmen der Untersuchungsmaxime verpflichtet  ist,  von  Amtes  wegen  für  die  richtige  und  vollständige  Abklärung  des  rechtserheblichen Sachverhaltes zu sorgen (Art. 12 VwVG), dass die verfügende Behörde im Rahmen des rechtlichen Gehörs (Art. 29  Abs. 2 BV, Art. 29 VwVG, Art. 32 Abs. 1 VwVG)  ferner gehalten  ist, die  Vorbringen  der  betroffenen  Person  tatsächlich  zu  hören,  sorgfältig  und  ernsthaft zu prüfen und in der Entscheidfindung zu berücksichtigen, was  sich  entsprechend  in  der  Entscheidbegründung  niederschlagen  muss  (vgl. Art. 35 Abs. 1 VwVG), dass sich die Begründungsdichte nach dem Verfügungsgegenstand, den  Verfahrensumständen und den Interessen der betroffenen Person richtet,  wobei  die  bundesgerichtliche  Rechtsprechung  bei  schwerwiegenden  Eingriffen  in die rechtlich geschützten Interessen der betroffenen Person  eine sorgfältige Begründung verlangt, dass  die  Vorinstanz  im  angefochtenen  Entscheid  als  erstes  Argument  eine innerstaatliche Fluchtalternative des Beschwerdeführers hervorhebt, 

D­8281/2010 dass  an  die  Effektivität  des  am  innerstaatlichen  Zufluchtsort  durch  den  Heimatstaat  gewährten  Schutz  allerdings  –  unter  Berücksichtigung  des  Umstandes,  dass  der  betroffenen  Person  in  einem  Teil  des  Heimatstaates  bereits  verfolgt  worden  ist  –  hohe  Anforderungen  zu  stellen sind (vgl. dazu bereits EMARK 1996 Nr. 1), dass  sich  in  Anbetracht  der  komplexen  Situation  in  Afghanistan  vorliegend  die  Frage  stellt,  ob  eine  solche  Auseinandersetzung  im  Rahmen  der  Begründungsdichte  eines  Nichteintretensentscheides  sinnvollerweise überhaupt erfolgen kann,  dass  sich  das  BFM  im  angefochtenen  Entscheid  im  Eintretenspunkt  darauf  beschränkt,  dem  Beschwerdeführer  eine  innerstaatliche  Fluchtalternative  in _______ bei seiner Ehefrau "in der sicheren Provinz  _______" entgegenzuhalten,  dass diese Kurzerwägung offensichtlich nicht zu überzeugen vermag,  dass  die  ARK  in  ihrer  Rechtsprechung  zu  Vollzugsfragen  betreffend  Afghanistan  die  Situation  in  besagter  Provinz  zwar  –  wenn  auch  unter  Beachtung  strenger  Anforderungen  –  im  damaligen  Zeitpunkt  noch  für  grundsätzlich zumutbar erachtete (vgl. EMARK 2003 Nr. 10 und 2006 Nr.  9),  dass sich diese Feststellungen aber auf die Vollzugsfrage beschränkten  und  die  Frage  der  effektiven  Schutzgewährung  im  Rahmen  einer  innerstaatlichen Fluchtalternative nicht tangierten, dass das BFM entsprechend bereits  in Würdigung der damaligen Praxis  der  Beschwerdeinstanz  gehalten  gewesen  wäre,  entsprechende  Erwägungen  zur  Sicherheit  von  Personen,  welche  wie  der  Beschwerdeführer  eine  Taliban­Verfolgung  im  Herkunftsgebiet  geltend  machen, in der vorgehaltenen Zufluchtsprovinz (_______) zu machen,  dass  solche  in  Anbetracht  der  blossen  Behauptung  der  dortigen  Sicherheit  indes  fehlen,  was  als  Verletzung  der  Begründungspflicht  zu  werten  ist  (zur  innerstaatlichen  Fluchtalternative  vgl.  im  Übrigen  u.a.  BVGE 150/2010 vom 24. Juni 2011 E. 4.1),  dass  das  Bundesverwaltungsgericht  sodann  im  zur  Publikation  vorgesehenen Urteil BVGE E­7625/2008 vom 16. Juni 2011 ein äusserst  düsteres Bild  der  aktuellen Sicherheitslage  in Afghanistan  skizziert,  und 

D­8281/2010 zwar über alle Regionen hinweg, und betreffend Vollzug der Wegweisung  insbesondere  eine  solche  nach  Kabul  unter  praxisgemäss  strengen  Voraussetzungen in Erwägung zieht,  dass  im  erwähnten  Urteil  eine  abschliessende  Auseinandersetzung  mit  der  Sicherheitslage  in  den  beiden  anderen  Grossstädten  Herat  und  Mazar­e­Sharif unterbleibt,  dass in Anbetracht der vom Gericht festgehaltenen Verschlimmerung der  Lage  in  Afghanistan  die  vom  BFM  ohne  rechtsgenügliche  Begründung  erwogene  innerstaatliche  Fluchtalternative  in  _______  aktuell  entsprechend umso weniger zu überzeugen vermag,  dass  das  BFM  in  weiteren  –  wenn  auch  zum  Teil  eher  spekulativen –  Erwägungen  zwar  auch  die  Glaubhaftigkeit  der  Entführung  des  Beschwerdeführers durch die Taliban verneinte,  dass  in  den  Akten  möglicherweise  Anhaltspunkte  für  die  fehlende  Glaubhaftigkeit der Verfolgung bestehen, sich das offensichtliche Fehlen  der  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers  damit  aber  schon  insofern  kaum  schlüssig  begründen  lässt,  als  das BFM  an  erster  Stelle  die fehlende Asylrelevanz hervorhob,  dass sich  in den entsprechenden Schilderungen des Beschwerdeführers  überdies  Realkennzeichen  und  Übereinstimmungen  zu  Darlegungen  seines  Bruders  (_______),  welcher  den  Angriff  der  Taliban  miterlebt  haben soll, finden,  dass  die  Vorinstanz  im  Entscheid  betreffend  den  Bruder  des  Beschwerdeführers  keine  Unglaubhaftigkeitselemente  feststellte,  ihm  eine  innerstaatliche  Aufenthaltsalternative  vorhielt  und  gleichzeitig  die  vorläufige Aufnahme wegen Unzumutbarkeit des Vollzugs anordnete,  dass  nach  dem Gesagten  im  Rahmen  einer  summarischen  materiellen  Prüfung  zum  einen  nicht  vom  offenkundigen  Fehlen  der  Flüchtlingseigenschaft  des  Beschwerdeführers  auszugehen  war  respektive  ist  und  dieses  –  in  der  Sichtweise  des  BFM  –  Fehlen  nicht  rechtsgenüglich begründet wurde,  dass  sich  auch  bezüglich  der  Zulässigkeit  und  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  eine  einlässliche  Auseinandersetzung  mit  der  aktuellen Lage aufdrängt (vgl. BVGE 7625/2008),

D­8281/2010 dass  nochmals  auf  obenstehende  Erwägung,  wonach  das  BFM  keine  Nichteintretensverfügung  zu  erlassen  hat,  wenn  der  Entscheid  einer  einlässlichen Begründung bedarf, hinzuweisen ist,  dass bei dieser Sachlage die Frage, ob für die verspätete Einreichung der  Taskara  als  Identitätsdokument  des  Beschwerdeführers  wirklich  keine  entschuldbaren Gründe bestanden, offengelassen werden kann,  dass  die  angefochtene  Verfügung  gemäss  vorstehenden  Ausführungen  mit schwerwiegenden Mängeln behaftet ist,  dass der gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG gefällte Entscheid den  gesetzlichen Anforderungen nach dem Gesagten nicht entspricht, dass es das BFM unterlassen hat, in der Vernehmlassung weitergehende  Erwägungen zu machen, dass  auch  in  Anbetracht  der  nachgereichten  Beweismittel  des  Beschwerdeführers  ein  reformatorischer  Entscheid  durch  das  Bundesverwaltungsgericht nicht als angezeigt erscheint, dass das Verfahren entsprechend an die Vorinstanz zurückzuweisen  ist,  damit  diese  –  sofern  erforderlich  –  weitere  Abklärungen  vornimmt  und  diese  in  einem  neuen,  beschwerdefähigen  und  rechtsgenüglich  begründeten Entscheid berücksichtigt, dass  die  Beschwerde  somit  gutzuheissen,  die  angefochtene  Verfügung  des  BFM  vom  23.  November  2010  aufzuheben  und  die  Sache  zur  Neubeurteilung  im  Sinne  der  Erwägungen  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen ist, dass  bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  keine  Kosten  aufzuerlegen  sind (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG), dass obsiegende Parteien Anspruch auf eine Parteientschädigung für die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  Kosten  haben  (Art.  7  Abs.  1  des  Reglements vom 11. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE, SR 173.320.2]), dass  weder  die  vormalige  noch  die  aktuelle  Rechtsvertretung  eine  Kostennote eingereicht haben, weshalb die Kosten von Amtes wegen auf 

D­8281/2010 insgesamt  Fr.  900.­­  festzusetzten  sind  (vgl.  Art.  8  ff.  und  14  Abs.  2  VGKE). (Dispositiv nächste Seite)

D­8281/2010 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutgeheissen,  2.  Die Verfügung des BFM vom 23. November 2010 wird aufgehoben. Die  Akten werden zur Neubeurteilung dem BFM überwiesen. 3.   Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Die  Parteientschädigung  wird  auf  Fr.  900.­­  festgesetzt.  Das  BFM  wird  angewiesen, diesen Betrag dem Beschwerdeführer zu entrichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Patrick Weber Versand:

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