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Bundesverwaltungsgericht 19.09.2011 D-7223/2008

19. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,771 Wörter·~9 min·2

Zusammenfassung

Vollzug der Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 4. November 2008

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­7223/2008 Urteil   v om     1 9 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richterin Contessina Theis (Vorsitz), Richter Hans Schürch,  Richter Fulvio Haefeli; Gerichtsschreiberin Bettina Schwarz. Parteien A._______, geboren am (…),  B._______, geboren am (…), C._______, geboren am (…), D._______, geboren am (…), Afghanistan,   alle vertreten durch lic. iur. Randi von Stechow, (…),  Beschwerdeführende,  Gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Vollzug der Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 4. November 2008 / N (…).

D­7223/2008 Sachverhalt: A.  A.a.  Die aus Herat stammenden Beschwerdeführenden, E._______ mit letzen  Wohnsitz  in  F._______  (Iran),  verliessen  ihr  Heimatland  im  Jahre  2000  und  zogen  für  acht  Jahren  in  den  Iran.  Im  Jahre  2008  fuhren  sie  mit  einem  Bus  nach  G.______.  Von  dort  gelangten  sie  zu  Fuss  in  ein  unbekanntes Dorf  in der H._____.  In der Folge  reisten sie mit dem Bus  nach  Istanbul,  wo  sie  eineinhalb  Monate  verblieben  und  schliesslich  in  Begleitung  der  Eltern  des  Beschwerdeführers  in  eine  unbekannte  Stadt  gelangten,  wo  sie  zwei  Monate  verblieben.  Die  Eltern  des  Beschwerdeführers  reisten  schliesslich  vorab  in  die  Schweiz.  Einen  Monat  später  folgten  ihnen  die  Beschwerdeführenden  und  reisten  im  Oktober 2008  illegal  in die Schweiz ein, wo sie am 6. Oktober 2008  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  I._______  ein  Asylgesuch  einreichten. A.b.  Am  13.  Oktober  2008  fanden  im  EVZ  I._______  die  Kurzbefragungen  statt  und  am  20.  Oktober  2008  wurden  die  Beschwerdeführenden direkt angehört. A.c. Zu ihren Fluchtgründen führten die Beschwerdeführenden anlässlich  der  Befragungen  im Wesentlichen  an,  dass  sie  ursprünglich  aus  Herat  stammen würden und in ihrer Kindheit (als (…) beziehungsweise (…) mit  ihrer Familie in den Iran gezogen seien.  Der Beschwerdeführer habe das  J._______  erlernt,  während  die  Beschwerdeführerin  nie  zur  Schule  gegangen  sei,  sondern  von  einer  Iranerin  zu  Hause  im  Lesen  und  Schreiben  unterrichtet  worden  sei.  Weshalb  ihre  Familien  seinerzeit  Afghanistan verlassen hätten, wüssten sie nicht genau. Sie selber hätten  den  Iran  aufgrund  wirtschaftlicher  und  gesellschaftlicher  Gründe,  insbesondere wegen fehlenden Arbeitsmöglichkeiten und auf Anweisung  der  Schwiegereltern  verlassen.  Auf  die  weiteren  Ausführungen  wird,  soweit  entscheidwesentlich,  in  den  nachfolgenden  Erwägungen  eingegangen. B.  Mit Verfügung vom 4. November – persönlich eröffnet  am 6. November  2008   –  stellte das BFM  fest,  dass auf das Asylgesuch gemäss Art.  32  Abs.  2 Bst.  a  des Asylgesetzes  vom 26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  nicht  eingetreten  werde  und  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  sowie  deren  Vollzug  anzuordnen  sei.  Ein  Wegweisungsvollzug  nach 

D­7223/2008 Afghanistan (Herat) werde als zumutbar, zulässig und technisch möglich  sowie praktisch durchführbar erachtet. C.  Mit  Eingabe  vom  13.  November  2008  (Poststempel)  erhoben  die  Beschwerdeführenden gegen den Entscheid des BFM vom 4. November  2008  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  und  beantragten,  es  sei  die  angefochtene  Verfügung  des  BFM  im  Wegweisungspunkt  aufzuheben,  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  in  ihr  Heimatland  festzustellen  und  ihnen  die  vorläufige  Aufnahme  in  der  Schweiz  zu  gewähren.  In  formeller  Hinsicht  ersuchten  sie  um  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  sowie  um  Verzicht  auf  die  Erhebung eines Kostenvorschusses. Auf die Begründung wird, soweit für  den  Entscheid  wesentlich,  in  den  nachstehenden  Erwägungen  eingegangen. D.  Mit Eingabe vom 17. November 2008 (Poststempel) und vorab per Fax,  reichten die Beschwerdeführenden diverse Dokumente zu den Akten. Es  handelte sich um Bildausweise aus dem Iran und zwei weitere  iranische  Bescheinigungen  sowie  Shippingpapiere  ein  und  ersuchten  um  eine  amtliche Übersetzung. E.  Mit  prozessleitender  Verfügung  des  damals  zuständigen  Instruktionsrichters  vom  19.  November  2008  wurde  den  Beschwerdeführenden mitgeteilt,  dass  sie  den Ausgang des Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  können.  Zudem  wurde  festgestellt,  dass  lediglich der Vollzug der Wegweisung Gegenstand des Verfahrens bilde  und  dass  gegebenenfalls  anstelle  des  Vollzuges  eine  vorläufige  Aufnahme anzuordnen sei. Die Behandlung des Gesuchs um Gewährung  der  unentgeltlichen Prozessführung  im Sinne  von Art.  65 Abs.  1 VwVG  wurde  auf  einen  späteren  Zeitpunkt  verwiesen  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  wurde  verzichtet.  Zugleich  wurde  die  Vorinstanz  (unter  Hinweis  auf  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK] 2006 Nr. 9 E. 7.8 und  EMARK 2003 Nr. 10 E. 10 bb) zur Vernehmlassung eingeladen.

D­7223/2008 F.   Die Vorinstanz  reichte am 8. Dezember 2010 eine Vernehmlassung ein  und beantragte  ohne weitere Bezugnahme auf EMARK 2006 Nr.  9  und  2003 Nr. 10 die Abweisung der Beschwerde. G.   Mit  prozessleitender  Verfügung  vom  1.  Dezember  2010  wurde  die  Vorinstanz  zu  einem  weiteren  Schriftenwechsel  im  Hinblick  auf  die  zwischenzeitlich  von  der  Vorinstanz  verfügte  vorläufige  Aufnahme  der  Eltern des Beschwerdeführers eingeladen. H.  Am 30. Dezember 2010  reichte das BFM seine zweite Vernehmlassung  ein  und  erklärte,  dass  es  an  den  in  der  ersten  Vernehmlassung  bekräftigten  Ausführungen  zur  Wegweisung  festhalte  und  deshalb  die  Abweisung der Beschwerde beantrage. I.  Der  am  13.  Januar  2011  bevollmächtigte  Rechtsvertreter  der  Beschwerdeführenden reichte am 18. Januar 2011 seine Stellungnahme  sowie einen Auszug aus dem Geburtenregister ein.  Insbesondere wurde  die Geburt des zweiten Kindes der Beschwerdeführenden mitgeteilt. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR 142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]).

D­7223/2008 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführenden  haben  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen, sind durch die angefochtene Verfügung besonders berührt  und  haben  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung;  sie  sind  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde legitimiert (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1  sowie Art. 52 VwVG). Auf die Beschwerde ist einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Die  Ziffer  1  des  Dispositivs  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  4.  November  2008  betreffend  das Nichteintreten  des Asylgesuchs  und  die  Ziffer  5,  welche  die  Aushändigung  der  editionspflichtigen  Akten  betraf,  blieben  vorliegend  unangefochten  und  sind  damit  in  Rechtskraft  erwachsen.  Wie  bereits  in  der  prozessleitenden  Verfügung  vom  19.  November  2008  festgestellt  wurde,  kann  die Wegweisung  (Ziffer  2)  als  solche nur aufgehoben werden, wenn eine Aufenthaltsbewilligung vorliegt  oder ein Anspruch auf Erteilung einer solchen besteht. Somit richtet sich  die Beschwerde einzig gegen den Vollzug der Wegweisung. Gegenstand  des vorliegenden Beschwerdeverfahrens bildet somit ausschliesslich die  Frage,  ob  das  Bundesamt  den  Vollzug  der  Wegweisung  zu  Recht  als  zulässig, zumutbar und möglich erklärt hat. 4.  4.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; dabei ist der Grundsatz der Einheit der Familie zu  berücksichtigen  (Art. 44 Abs. 1 AsylG).  Ist der Vollzug der Wegweisung  nicht  möglich,  nicht  zulässig  oder  nicht  zumutbar,  so  regelt  das  Bundesamt  das  Anwesenheitsverhältnis  nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art.  44  Abs.  2  AsylG;  Art.  83  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  16.  Dezember  2005 über die Ausländerinnen und Ausländer [AuG, SR 142.20]). 4.2.  Der  Vollzug  ist  nicht  möglich,  wenn  der  Ausländer  weder  in  den  Herkunfts­  oder  in  den  Heimatstaat  noch  in  einen  Drittstaat  verbracht 

D­7223/2008 werden kann. Er ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche Verpflichtungen  der  Schweiz  einer  Weiterreise  des  Ausländers  in  seinen  Heimat­,  Herkunfts­  oder  einen  Drittstaat  entgegenstehen.  Der  Vollzug  kann  insbesondere  nicht  zumutbar  sein,  wenn  er  für  den  Ausländer  eine  konkrete Gefährdung darstellt (Art. 83 Abs. 2­4 AuG). Diese  drei  Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit,  Unmöglichkeit)  sind  alternativer  Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  qualifizieren  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme  zu  regeln  (vgl.  BVGE 2009/51 E.  5.4 mit weiteren  Hinweisen).  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  steht der (ab­ und weggewiesenen) ausländischen Person wiederum die  Beschwerde an das Bundesverwaltungsgericht offen (vgl. Art. 105 AsylG  i.V.m.  Art.  44  Abs.  2  AsylG),  wobei  in  jenem  Verfahren  sämtliche  Vollzugshindernisse  von  Amtes  wegen  und  nach  Massgabe  der  dannzumal  herrschenden  Verhältnisse  von  Neuem  zu  prüfen  sind  (vgl. EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2. S. 54 f., EMARK 1997 Nr. 27 S. 205 ff.). 4.3.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung  –  aus  den  nachfolgend aufgezeigten Gründen – als unzumutbar erweist, ist auf eine  Erörterung  der  beiden  andern  Voraussetzungen  eines  rechtmässigen  Wegweisungsvollzugs zu verzichten. 5.  5.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von Art.  83 Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.5 S. 748,  BVGE 2009/41 E. 7.1 S. 576 f.). 5.2. Das BFM  führte  in  der  angefochtenen  Verfügung  zur  Zumutbarkeit  des Wegweisungsvollzuges  aus,  dass  die  allgemeine Sicherheitslage  in  Afghanistan  angespannt  sei.  Die  aufständischen  Kräfte  hätten  ihre  Aktivitäten  verstärkt  und  ihren Einfluss  besonders  in  den  südlichen  und  südöstlichen  Provinzen  sowie  teilweise  im  Norden  und  Westen  des  Landes  ausdehnen  können.  Die  internationale  Truppenpräsenz  sei 

D­7223/2008 zahlenmässig  zu  schwach,  um  flächendeckend  wirksam  zu  sein.  Funktionierende  staatliche  Strukturen  seien  in  vielen  Regionen  noch  kaum entwickelt. Dennoch könne nicht  von einer  konkreten Gefährdung  der  gesamten  Bevölkerung  in  Afghanistan  oder  von  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt  im  Sinne  von  Art.  83  Abs.  4  AuG  ausgegangen  werden.  Trotz  vereinzelter  Anschläge  sei  die  Lage  in  den  nördlichen  Provinzen Parwan, Baghlan, Takhar, Badakshan, Kunduz, Balkh, Sari Pul  sowie  in  Kabul,  in  der  westlichen  Provinz  Herat  und  in  Bamiyan,  der  zentralen  Provinz  des  Hazarajat,  weiterhin  als  grundsätzlich  sicher  einzustufen.  In  diesen  Regionen  könne  nicht  von  einer  permanent  instabilen  Situation  gesprochen  werden.  Eine  Wegweisung  in  diese  Provinzen  sei  somit  grundsätzlich  zumutbar.  Zudem würden auch  keine  individuellen Gründe gegen die Zumutbarkeit eines Wegweisungsvollzugs  sprechen.  Im Falle der Beschwerdeführenden namentlich deshalb nicht,  weil diese gesunde junge Leute seien und zudem der Beschwerdeführer  das  J._______  gelernt  habe  und  auch  als  K._______  gearbeitet  habe.  Zudem  habe  der  Beschwerdeführer  ­  entgegen  den  anlässlich  der  Bundesanhörung  gemachten  Aussagen  ­  in  Herat  Nachkommen  zweier  verstorbener  Onkel  mütterlicherseits.  Obwohl  der  Beschwerdeführer  einerseits  geltend  gemacht  habe,  dieser  Kontakt  sei  spärlich  gewesen,  müsse er andererseits doch so häufig gewesen sein, dass sein Vater das  in  Herat  gelegene  Haus  verkaufen  konnte,  selbst  wenn  auch  der  Beschwerdeführer  keine  Kenntnis  davon  gehabt  haben  will,  auf  welche  Weise  das  Geschäft  abgewickelt  worden  sei.  Aufgrund  der  wenig  substantiierten  und  erst  noch  widersprüchlichen  Angaben  zu  den  aktuellen Eigentumsverhältnissen des Hauses, sei es durchaus möglich,  dass das Haus  immer noch  im Besitze der Familie sein könne.  (…) Die  Beschwerdeführerin  habe  zudem  den  Kontakt  zu  den  Witwen  dieser  Onkel lebhafter beschrieben als ihr Ehemann. Zudem habe sie berichtet,  dass ihre Tanten sie manchmal angerufen hätten. Zudem sei der Vollzug  der Wegweisung technisch möglich und praktisch durchführbar. 5.3.  In  der  Rechtsmitteleingabe  verweisen  die  Beschwerdeführenden  unter  anderem  auf  die  Reisehinweise  des  Eidgenössischen  Departements  für auswärtige Angelegenheiten  (EDA). Diese halten  fest,  dass  die  Regierung  nur  wenig  Einfluss  ausserhalb  von  Kabul  habe.  Gemäss  dem  Report  von  "Internal  Displacement  Monitoring  Centre"  (IDMC) vom 28. Oktober 2008 hätten sich die Aktivitäten der bewaffneten  Oppositionsgruppierungen  nun  auch  im  vorher  stabilen  Herat  ausgeweitet.  Zudem  bestehe  gemäss  eines  Berichtes  der  Schweizerischen Flüchtlingshilfe vom 21. August 2008 das Risiko, Opfer 

D­7223/2008 einer  Entführung  zu  werden.  Entführt  würden  Rückkehrer  und  deren  Familienangehörigen  vor  allem,  weil  sich  die  Täter  ein  hohes  Lösegeld  von aus dem Ausland zurückkehrenden Personen erhoffen. Zudem habe  eine Befragung über die Lage der Rückkehrer ergeben, dass über 50%   der  Rückkehrer  als  Tagelöhner  und  unqualifizierte  Arbeitskräfte  ihren  Lebensunterhalt  verdienen. Von den arbeitenden Personen, gaben 60%  an,  über  weniger  als  50  Afghanis  pro  Tag  zu  verfügen.  Personen  mit  guten Sprachkenntnissen und einer guten Bildung hätten bei der Suche  nach  Arbeit  bessere  Chancen.  Auch  sei  für  die  Rückkehrer  und  ihre  Reintegration  die  Landlosigkeit  und  das  fehlende  Einkommen  ein  seriöses Problem. Zudem habe der UNHCR in einem Schreiben vom 10.  November 2008 dargelegt, dass in Afghanistan eine Nahrungsmittelkrise  drohe und die Menschen vor allem im Norden und Westen bereits etliche  Wohnorte verlassen hätten, um woanders Arbeit und Hilfe zu suchen. Die  Nahrungsmittelpreise  seien  in den Städten enorm angestiegen, was vor  allem  die  kleinen  Bauern,  die  Landlosen,  die  Nomaden  und  die  Gelegenheitsarbeiter sehr stark betreffe.   Die  Beschwerdeführenden  machen  hinsichtlich  ihren  persönlichen  Verhältnissen geltend, dass sie aus Herat stammen würden und mitten in  das von der Nahrungsmittelkrise betroffene Gebiet zurückkehren und sich  mit  Gelegenheitsjobs  durchschlagen  müssten.  Zudem  könne  der  Beschwerdeführer  mit  nur  zwei  Jahren  Schulbesuch,  nicht  als  gebildet  bezeichnen  werden  und  deshalb  habe  er  schlechte  Chancen  auf  dem  Arbeitsmarkt. Er würde somit mit Gelegenheitsarbeit sehr unregelmässig  und  wenig  verdienen  und  somit  keine  Familie  ernähren  können.  Das  Haus, welches  sie  gehabt  hätten,  hätten  sie  verkaufen müssen,  um die   Reise  in  die  Schweiz  finanzieren  zu  können. Deshalb  seien  sie  landlos  und  wüssten  nicht  wohin.  Eine  Wohnung  würden  sie  sich  nicht  leisten  können, da die Preise dafür sehr teuer geworden seien. Zudem könnten  sie  nicht mit  einem Kleinkind  an  einen Ort  zurückkehren, wo  sie weder  Wohnung  noch  Nahrung  hätten,  und  dies  schon  gar  nicht  im  Winter.  Obwohl sie noch Verwandte in Afghanistan hätten, könnten sie von ihnen  keine Hilfe erwarten, da sie selber darauf bedacht seien, ihre Familie über  die Runden  zu  bringen. Ausserdem  sei  zu  bemerken,  dass  die  Lage  in  Afghanistan  zunehmend  instabiler  werde  und  sie  sich  dadurch  sehr  bedroht fühlen würden. 5.4.  In der vorliegend zu berücksichtigenden Rechtsprechung hatte sich  die  vormalige  Schweizerische  Asylrekurskommission  (ARK)  in  den  Grundsatzurteilen Entscheidungen und Mitteilungen der Schweizerischen  Asylrekurskommission  [EMARK]  2003  Nrn.  10  und  30  eingehend  zur 

D­7223/2008 Lage in Afghanistan geäussert und die Unterschiede zwischen der Stadt  Kabul  und  anderen  Regionen  Afghanistans  dargestellt.  Infolge  der  vergleichsweise günstigeren Situation hatte sie den Wegweisungsvollzug  nach Kabul  unter  bestimmten  strengen Voraussetzungen,  insbesondere  einem  tragfähigen  Beziehungsnetz,  der  Möglichkeit  der  Sicherung  des  Existenzminimums  und  einer  gesicherten  Wohnsituation,  als  grundsätzlich zumutbar qualifiziert.  In EMARK 2006 Nr. 9 bestätigte und  ergänzte die ARK  ihre Rechtsprechung aus dem Jahre 2003. Zusätzlich  zu  Kabul  bezeichnete  sie  den  Wegweisungsvollzug  in  jene  Regionen  Afghanistans  als  grundsätzlich  zumutbar,  in  welchen  seit  2004  keine  signifikanten  militärischen  Aktionen  zu  verzeichnen  und  die  keiner  dauernden  Unsicherheit  ausgesetzt  waren.  Der  Wegweisungsvollzug  wurde  demgemäss  zusätzlich  zu  Kabul  in  weitere,  abschliessend  aufgezählte Provinzen (Parwan, Baghlan, Takhar, Badakhshan, Kunduz,  Balkh,  Sari  Pul,  Herat  und  die  Gegend  von  Samangan,  die  nicht  zum  Hazarajat zu zählen  ist) als grundsätzlich zumutbar definiert,  jedoch nur  unter  den  in  EMARK  2003  Nr.  10  aufgeführten,  restriktiven  Voraussetzungen;  namentlich  könnten  nur  gesunde,  junge  und  ledige  Personen oder kinderlose Paare in Gebiete zurückgeschickt werden, aus  welchen sie stammten und wo sie über ein  tragfähiges Beziehungsnetz,  welches  die  Sicherung  des  Existenzminimums  und  der  Wohnsituation  gewährleisten könnte, verfügten. In den übrigen östlichen, südlichen und  südöstlichen  Provinzen  bestand  hingegen  weiterhin  eine  allgemeine  Gewaltsituation,  weshalb  der Wegweisungsvollzug  dorthin  nach wie  vor  als  generell  unzumutbar  qualifiziert wurde  (EMARK 2006 Nr.  9 E.  7.5.3  und  7.8).  Mit  neuster  Lagebeurteilung  kommt  das  Bundesverwaltungsgericht  im  zu  publizierenden  Länderurteil  BVGE  E­ 7625/2008  vom  16.  Juni  2011  zum Schluss,  dass  in  weiten  Teilen  von  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  den  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte Sicherheitslage und derart schwierige humanitäre Bedingungen  bestehe, dass die Situation als existenzbedrohend  im Sinne von Art. 83  Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Von dieser allgemeinen Feststellung sei  die Situation  in  der Hauptstadt Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlauf  des  vergangenen Jahres nicht weiter verschlechtert habe und die humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger  dramatisch  sei,  könne  der  Vollzug  der  Wegweisung  in  die  Hauptstadt  unter  Umständen  als  zumutbar  qualifiziert  werden.  Solche  Umstände  könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es sich beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann  handle.  Allerdings  müssten zudem die bereits in EMARK 2003 Nr. 10 formulierten strengen 

D­7223/2008 Bedingungen  in  jedem Einzelfall  sorgfältig  geprüft werden. Unabdingbar  sei  in  erster  Linie  ein  soziales  Netz,  das  sich  im  Hinblick  auf  die  Aufnahme  und  Wiedereingliederung  des  Rückkehrers  als  tragfähig  erweise. Denn ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte würden  die schwierigen Lebensverhältnisse auch in der Stadt Kabul unweigerlich  zu  einer  existenziellen  beziehungsweise  lebensbedrohlichen  Situation  führen.  Bezüglich  der  Grossstädte  Mazar­i­Sharif  und  Herat  wurde  die  Frage offengelassen. Hinsichtlich der Überprüfung der Zumutbarkeit einer  Wegweisung nach Herat sind demnach nach wie vor die Kriterien gemäss  EMARK 2003 Nr. 10 massgebend. Die  Beschwerdeführenden  stammen  zwar  aus  Herat,  zogen  jedoch  im  Jahre  2000  zusammen  mit  ihren  Familien  nach  L._______  (Iran).  Zusammen mit  ihren Eltern resp. Schwiegereltern verliessen sie  im Jahr  2008  den  Iran  und  gelangten  in  die  Schweiz.  Die  Eltern  resp.  Schwiegereltern  wurden  vom  BFM  mit  Verfügung  vom  10.  November  2010  wegen  Unzumutbarkeit  der  Wegweisung  vorläufig  aufgenommen.  Dies  unter  anderem mit  der  Begründung,  dass  sie  bereits  60  Jahre  alt  seien und  keine nähere Familie mehr  in  ihrem Heimatland  sei, welches  sie  schon  vor  über  zehn  Jahre  verlassen  hätten.  Die  Kernfamilien  der  Beschwerdeführenden  sind  demnach  im  Iran  und  in  der  Schweiz.  Die  blosse  Tatsache,  dass  die  Beschwerdeführenden  vor  mehr  als  zehn  Jahren in Herat lebten und dort noch über ein paar wenige Verwandte wie  beispielsweise ein paar Cousins verfügen, genügt ­ gesehen an den unter  5.4.  dargelegten  strengen  Voraussetzungen  unter  welchen  eine  Wegweisung  als  zumutbar  zu  erachten  ist  ­  kaum;  ohne  jegliche  Abklärungen  kann  weder  von  einer  sozialen  Unterstützung  und  der  Sicherung  eines  Existenzminimums,  noch  von  einer  gesicherten  Wohnsituation  für  die  Beschwerdeführenden  in  Herat  ausgegangen  werden. Letztlich  kann  die  Frage  des  Vorhandenseins  eines  tragfähigen  Beziehungsnetzes  jedoch  offenbleiben:  Unbesehen  davon,  sind  die  Beschwerdeführenden  Eltern  (…).  Das  O._______  ist  (…)  und  das  P._______  (…).  Alleine  aus  diesem  Grund  ist  eine  Wegweisung  der  Beschwerdeführenden nach Herat nicht zumutbar, da ein solcher ohnehin  nur  für  Junge,  Gesunde,  Ledige  oder  kinderlose  Paare  zumutbar  sein  kann (vgl. E. 5.4).  Zusammenfassend kann also festgehalten werden, dass der Vollzug der  Wegweisung  aus  der  Schweiz  nach  Afghanistan  für  die 

D­7223/2008 Beschwerdeführenden  im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG nicht zumutbar  ist.  6.  Nach  dem  Gesagten  ist  diese  sich  einzig  gegen  den  vorinstanzlich  angeordneten  Vollzug  der  Wegweisung  richtende  Beschwerde  gutzuheissen.  Die  Ziffern  3  und  4  des  Dispositivs  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  4.  November  2008   sind  aufzuheben,  und  das  BFM  ist  anzuweisen,  die  Beschwerdeführenden  wegen  gegenwärtiger  Unzumutbarkeit  des Vollzuges vorläufig aufzunehmen. Einer  vorläufigen  Aufnahmen  stehen  im  Übrigen  keine  einschränkenden  gesetzlichen  Tatbestände  (Art.  83  Abs.  7  AuG)  entgegen. 7.  7.1. Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind keine Kosten aufzuerlegen  (Art. 63  Abs.  1  und  2  VwVG).  Das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen Prozessführung wird damit gegenstandslos. 7.2. Den seit dem 13. Januar 2011 vertretenen Beschwerdeführerenden  ist  angesichts  ihres  Obsiegens  eine  Parteientschädigung  für  die  ihnen  notwendigerweise  erwachsenen  Kosten  zuzusprechen  (Art.  64  Abs.  1  VwVG  sowie  Art.  16  Abs.  1  Bst.  a  VGG  i.V.m.  Art.  7  Abs.  1  des  Reglements vom 21. Februar 2008 über die Kosten und Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR  173.320.2]).  Die  Rechtsvertretung  reichte  keine  Kostennote  ein.  Indessen  lässt  sich  der  Parteiaufwand  auf  Grund  der  Akten  (vgl.  Art.  14  Abs.  2  VGKE)  und  in  Berücksichtigung der massgebenden Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8  ff.  VGKE)  festlegen.  Die  Vorinstanz  ist  anzuweisen,  den  Beschwerdeführenden  eine  Parteientschädigung  von  Fr.  300.­  (inkl.  Auslagen und allfällige MWSt.) auszurichten.  (Dispositiv nächste Seite)

D­7223/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die Ziffern 3 und 4 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 4.  November 2008 werden aufgehoben. Das BFM wird angewiesen, die  Beschwerdeführenden in der Schweiz vorläufig aufzunehmen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführenden  eine  Parteientschädigung in der Höhe von Fr. 300.­ auszurichten. 5.  Dieses Urteil geht an den Rechtsvertreter der Beschwerdeführenden, das  BFM und die zuständige kantonale Behörde. Die vorsitzende Richterin: Die Gerichtsschreiberin: Contessina Theis Bettina Schwarz Versand:  

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D-7223/2008 — Bundesverwaltungsgericht 19.09.2011 D-7223/2008 — Swissrulings