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Bundesverwaltungsgericht 16.02.2012 D-7095/2009

16. Februar 2012·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,882 Wörter·~9 min·2

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 13. Oktober 2009

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­7095/2009 law/rep Urteil   v om   1 6 .   Februar   2012 Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richter Hans Schürch, Richter Gérald Bovier; Gerichtsschreiber Philipp Reimann. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch lic. iur. Urs Ebnöther, Rechtsanwalt, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung;  Verfügung des BFM vom 13. Oktober 2009 / N (…).

D­7095/2009 Sachverhalt: A.  A.a Der Beschwerdeführer reiste am 24. April 2008 illegal in die Schweiz  ein, wo er am selben Tag um Asyl nachsuchte. Am 16. Mai 2008 erhob  das  BFM  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum  (EVZ)  Chiasso  seine  Personalien und befragte ihn zu seinem Reiseweg sowie – summarisch –  zu  seinen  Ausreisegründen.  Mit  Zwischenverfügung  vom  21. Mai  2008  wies  ihn das Bundesamt  für  die Dauer  des Asylverfahrens dem Kanton  B._______  zu.  Am  30. März  2009  hörte  ihn  das  BFM  in  Bern­Wabern  einlässlich zu seinen Asylgründen an. A.b Zur Begründung seines Asylgesuches machte der Beschwerdeführer  – eigenen Angabe zufolge ein aus der  (am 28. März 2004 gegründeten,  als  Teil  aus  der  Provinz  C._______  hervorgegangenen)  Provinz  D._______ stammender ethnischer Hazara – im Wesentlichen geltend, er  habe  seine  Heimat  im  Alter  von  neun  Jahren  gemeinsam  mit  seinen  Eltern verlassen und sei mit ihnen in den Iran gezogen. Sie hätten in der  Ortschaft  E._______  in  Teheran  gelebt,  wo  er  die  Grundschule  bis  zur  fünften  Klasse  besucht  habe.  In  Teheran  habe  er  sich  im  Alter  von  17  oder  18  Jahren  in  ein Mädchen  verliebt,  das  entfernt mit  ihm  verwandt  gewesen  sei.  In  der  Folge  habe  er  mit  ihr  geheim  ein  Liebesverhältnis  unterhalten.  Ungefähr  im  Jahr  2005  hätten  sie  sich  zur  gemeinsamen  Flucht entschlossen, da seine Geliebte inzwischen einem anderen Manne  versprochen  worden  sei.  Ihre  gemeinsame  Flucht  sei  indessen  missglückt,  nachdem  Verwandte  seiner  Freundin  diese  im  Hause  von  Freunden,  wo  er  sie  kurzzeitig  zurückgelassen  habe,  entdeckt,  mitgenommen und unverzüglich dem für sie bestimmten Mann übergeben  hätten.  In  der  Folge  habe  er  ein  Jahr  lang  in  Teheran  gelebt  und  auf  verschiedenen  Baustellen  gearbeitet.  Anschliessend  sei  er  zu  seinen  Eltern  zurückgegangen. Bereits  zwei  Tage  später  hätten  ihn Verwandte  seiner  früheren  Freundin  beziehungsweise  deren  Ehemannes  mit  Stöcken  und  Messern  attackiert.  Es  sei  nur  der  Anwesenheit  von  Nachbarn zu verdanken gewesen, dass nichts Schlimmeres passiert sei.  Daraufhin  habe  er  sich  aus  Angst  vor  weiteren  Vergeltungshandlungen  nach Afghanistan begeben, wo er etwa zwei Monate lang in einem Hotel  in  Herat  gelebt  und  einmal  auch  seinen  dort  lebenden  Onkel  mütterlicherseits und dessen Familie besucht habe. Auch in Herat hätten  ihn  jedoch Verwandte seiner Freundin und  ihres Ehemannes aufgespürt  und  bedroht,  weshalb  er  sich  erneut  zur  Rückkehr  in  den  Iran  entschlossen  habe, wo  er  fortan  in  F._______  gelebt  und  als Elektriker 

D­7095/2009 gearbeitet habe. Im März 2007 habe ihn einer seiner Verfolger an seinem  Arbeitsplatz  mit  einer  zerbrochenen  Flasche  attackiert  und  dabei  am  rechten  Arm  verletzt.  Er  sei  damals  nur  deswegen  mit  dem  Leben  davongekommen, weil sein Arbeitgeber damals zugegen gewesen sei. Er  sei  ins  Spital  gebracht  und  dort  operiert  worden.  Die  Versuche  seines  Vaters, eine gütliche Einigung mit den verfeindeten Familien zu erreichen,  seien  erfolglos  geblieben.  Schliesslich  sei  er  im  September  2007  endgültig aus dem Iran ausgereist und nach längeren Aufenthalten in der  Türkei und Griechenland am 24. April 2008 via unbekannte Länder in die  Schweiz  gereist,  da  er  realisiert  habe,  dass  ihn  die Angehörigen  seiner  früheren  Freundin  und  ihres  Ehemannes  sowohl  im  Iran  als  auch  in  Afghanistan überall aufspüren würden. A.c  Der  Beschwerdeführer  reichte  im  Rahmen  des  vorinstanzlichen  Verfahrens  eine  am  5. Mai  2006  in  Kabul  ausgestellte  Tazkara  (afghanische  Identitätskarte)  sowie  eine  Bestätigung  von  Dr. med.  G._______  vom 9. März 2007 ein, wonach er wegen einer entzündeten  Schnittwunde an der Hand und am Arm ambulant medizinisch behandelt  worden  sei. Des Weiteren  reichte  er  eine  von Nachbarn  unterzeichnete  und  undatierte  Zeugenbestätigung  ein,  wonach  er  vor  einem  Jahr  und  acht  Monaten  vor  seinem  Wohnhaus  in  E._______  von  vier  Personen  zusammengeschlagen worden sei, wobei die Täter nach dem Erscheinen  von Nachbarn die Flucht ergriffen hätten. B.  Mit Verfügung  vom 13. Oktober  2009  –  eröffnet  am 14. Oktober  2009 –  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  lehnte  dessen Asylgesuch  ab,  verfügte  die  Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnete  deren  Vollzug  an.  Zur  Begründung  hielt  das  BFM  fest,  die  Asylvorbringen  des  Beschwerdeführers hielten den Anforderungen an das Glaubhaftmachen  nicht  stand.  So  entbehre  es  unter  anderem  jeglicher  Logik,  dass  der  Beschwerdeführer, nachdem er aufgrund der Nachstellungen seitens der  Verwandtschaft seiner  früheren Freundin und deren Ehemannes  im  Iran  nach Afghanistan geflohen sei, später erneut in den Iran zurückgeflüchtet  sei.  Darüber  hinaus  lasse  auch  der  Umstand,  dass  er  trotz  des  letztmaligen Übergriffs auf seine Person im April (recte: März) 2007 bis im  September  2007  mit  seiner  endgültigen  Ausreise  aus  dem  Iran  zugewartet  habe,  an  der  Glaubhaftigkeit  seiner  Gesamtvorbingen  zweifeln. In Bezug auf den Vollzug der Wegweisung führte das BFM unter  anderem an, die Situation in den nördlichen Provinzen Parwan, Baghlan, 

D­7095/2009 Takhar,  Badakshan,  Balkh,  Sari  Pul  sowie  in  Kabul,  in  der  westlichen  Provinz Herat und  in Bamiyan, der zentralen Provinz des Hazarajat,  sei  gemäss  Einschätzung  des  BFM  weiterhin  als  grundsätzlich  sicher  einzustufen,  weshalb  eine  Wegweisung  in  diese  Provinzen  somit  weiterhin  als  grundsätzlich  sicher  einzustufen  beziehungsweise  ein  Wegweisungsvollzug  in  diese  Provinzen  als  grundsätzlich  zumutbar  zu  erachten  sei.  Darüber  hinaus  sei  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  gemäss  seinen Aussagen  über  einen Onkel  in Herat  verfüge,  der  dort  ein  Lebensmittelgeschäft  führe.  In  Würdigung  aller  Umstände erachte das Bundesamt deshalb den Vollzug der Wegweisung  als zumutbar. C.  Mit Eingabe vom 13. November 2009 erhob der Beschwerdeführer gegen  den  Entscheid  des  BFM  vom  13. Oktober  2009  beim  Bundesverwaltungsgericht  mittels  seines  Rechtsvertreters  Beschwerde  und  beantragte,  die  Verfügung  der  Vorinstanz  sei  vollumfänglich  aufzuheben, es sei die Flüchtlingseigenschaft  festzustellen und ihm Asyl  zu  gewähren.  Eventualiter  sei  die  Unzulässigkeit  oder  zumindest  die  Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  In  verfahrensrechtlicher  Hinsicht  beantragte der Beschwerdeführer, es sei eine Nachfrist von 30 Tagen für  das Nachreichen von weiteren Beweismitteln anzusetzen. Ferner sei die  unentgeltliche Prozessführung zu bewilligen und auf die Erhebung eines  Kostenvorschusses zu verzichten. D.  Mit Begleitschreiben vom 25. November 2009 reichte der Rechtsvertreter  eine  Sozialhilfeabhängigkeitsbestätigung  des  Fürsorgeamts  der  politischen  Gemeinde  H._______  vom  23. November  2009  für  seinen  Mandanten ein. E.  Mit  Instruktionsverfügung  vom  4. Dezember  2009  hielt  das  Bundesverwaltungsgericht  fest,  der  Beschwerdeführer  dürfe  den  Ausgang seines Verfahrens in der Schweiz abwarten. Im Weiteren hiess  es  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von Art. 65 Abs. 1  des Bundesgesetzes  vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021)  unter  Vorbehalt  einer  nachträglichen  Veränderung  der  finanziellen  Verhältnisse  des  Beschwerdeführers  gut  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines 

D­7095/2009 Kostenvorschusses.  Schliesslich  forderte  es  den  Beschwerdeführer  auf  die von ihm in Aussicht gestellten Beweismittel innert 30 Tagen ab Erhalt  dieser  Verfügung  einzureichen,  ansonsten  das  Verfahren  aufgrund  der  Akten weitergeführt werde. F.  Mit  Eingabe  vom  6. Januar  2010  reichte  der  Rechtsvertreter  eine  Fotografie  ein, worauf  sein  angeblich  in Herat  lebender Onkel mit  einer  vom  28. Oktober  2009  datierenden  Ausgabe  der  Zeitung  I._______  in  Händen  haltend  abgebildet  ist.  Gleichzeitig  reichte  der  Rechtsvertreter  das  Original  der  besagten  Zeitungsausgabe  ein.  Ergänzend  hielt  der  Rechtsvertreter  fest,  sollte  sein  Mandant  weitere  relevante  Unterlagen  erhalten, werde er diese umgehend zu den Akten reichen. G.  Mit  Begleitschreiben  vom  16. Februar  2010  reichte  der  Rechtsvertreter  zwei  medizinische  Atteste  bezüglich  J._______,  dem  Bruder  des  Beschwerdeführers,  vom  11. November  beziehungsweise  vom  12. November  2008  sowie  eine  Bestätigung  des  Kreisgerichts  von  K._______  vom  13. Januar  2010  bezüglich  einer  vom  Bruder  gegen  L._______  eingereichten  Strafklage  wegen  vorsätzlicher  Körperverletzung,  Todesdrohung  und  ständiger  Störung  inklusive  deutschen Übersetzungen zu den Akten. H.  Mit  Verfügung  vom  21. Juli  2011  lud  das  Bundesverwaltungsgericht  die  Vorinstanz  zur  Einreichung  einer  Vernehmlassung  bis  zum  5. August  2011 ein. I.  Das  BFM  beantragte  in  seiner  Vernehmlassung  vom  27. Juli  2011  die  Abweisung  der  Beschwerde,  da  diese  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel  enthalte,  welche  eine  Änderung  seines  Standpunktes rechtfertigen könnten. Ergänzend hielt die Vorinstanz fest,  der Beschwerdeführer habe – wie bereits  im Asylentscheid erwähnt –  in  Herat  ein  soziales  Beziehungsnetz.  So  befinde  sich  dort  ein  Onkel  mütterlicherseits,  welcher  Anfang  2008  von  Griechenland  nach  Afghanistan  zurückgeführt  worden  sei.  Zusätzlich  befinde  sich  in  Herat  ein  weiterer  Onkel  mütterlicherseits,  der  im  Jahre  2006  vom  Iran  nach  Afghanistan  zurückgekehrt  sei  und  den  der  Beschwerdeführer  während  seines dortigen Aufenthalts auch besucht habe. Darüber hinaus weise die 

D­7095/2009 Tatsache,  dass  er  problemlos  ein  Visum  für  den  Iran  und  für  Dubai  erhalten  habe,  darauf  hin,  dass  er  offensichtlich  in  begüterten  Verhältnissen gelebt habe. J.  Das  Bundesverwaltungsgericht  stellte  dem  Rechtsvertreter  die  Vernehmlassung  des  BFM  vom  27. Juli  2011  am  4. August  2011  zur  Kenntnisnahme  und  zur  allfälligen  Einreichung  einer  Replik  bis  am  19. August 2011 zu. K.  Mit Eingabe vom 19. August 2011 reichte der Rechtsvertreter eine Replik  ein. Darin  hielt  er  namentlich  fest,  in Herat  lebe bloss ein Onkel  seines  Mandanten,  welcher  aber  seit  einem  Schlaganfall  körperlich  schwer  behindert sei, in prekären finanziellen Verhältnissen lebe und überdies für  seine Ehefrau und sieben Kinder aufkommen müsse. Dies sei auch der  Grund, weshalb sein Mandant aktuell die Familie dieses Onkels finanziell  unterstütze. Die Angabe des BFM, der Beschwerdeführer besitze in Herat  zwei Onkel, gründe auf der irrigen Annahme, wonach einer der Onkel im  Jahre  2008  aus Griechenland,  der  andere  dagegen  aus  dem  Iran  nach  Afghanistan zurückgekehrt sei. Eine genaue Lektüre der entsprechenden  Protokollstelle  ("Zio  materno,  espulso  quando  mi  trova  in  Grecia  inizio  2008,  dall'  Iran  verso  l'Afghanistan,  si  trova  a  Herat.")  zeige  aber  auf,  dass  eben  nicht  jener  Onkel,  sondern  er,  der  Beschwerdeführer,  sich  anfangs  des  Jahres  2008  in  Griechenland  befunden  habe,  weshalb  es  sich bei  dem von  ihm sowohl  bei  der Erst­  als auch der Zweitanhörung  erwähnten Onkel um ein und dieselbe Person handle. Darüber hinaus sei  vor  ungefähr  eineinhalb  Jahren  auch  der  im  Iran  lebende  Vater  des  Beschwerdeführers verstorben, weshalb auch die engsten seiner im Iran  lebenden  Verwandten  auf  seine  finanzielle  Unterstützung  aus  der  Schweiz  angewiesen  seien.  So  besehen  könne  mitnichten  davon  gesprochen  werden,  dass  sein  Mandant  in  Herat  auf  ein  tragfähiges  familiäres Beziehungsnetz zurückgreifen könne. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1. 

D­7095/2009 1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet im Bereich des Asylrechts in der Regel – so auch vorliegend  – endgültig,  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt,  hat ein schutzwürdiges  Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung  und  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  frist­  und  formgerecht  (Art. 108  Abs.  1  AsylG;  Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art. 37  VGG  und  Art. 52  Abs. 1  VwVG)  eingereichte  Beschwerde  ist  einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (vgl. Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich 

D­7095/2009 widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1. Der Beschwerdeführer begründete sein Asylgesuch im Wesentlichen  damit,  er  sei  anhaltenden  Vergeltungsmassnahmen  seitens  der  Verwandtschaft  seiner  früheren  Freundin  und  ihres  Ehemannes  ausgesetzt gewesen, weil er ein Liebesverhältnis zu ihr unterhalten habe. 4.2.  Unbesehen  der  Frage  der  Glaubhaftigkeit  dieser  Vorbringen  ist  festzuhalten,  dass dem Beschwerdeführer  zweifellos bewusst war,  dass  er  gegen  im  Iran  und  in  Afghanistan  verwurzelte  gesellschaftliche  Wertvorstellungen  verstösst,  wenn  er  eine  aussereheliche  Liebesbeziehung zu einer Frau unterhält, und er im Falle der Entdeckung  dieses  Verhältnisses  ernsthafte  Probleme mit  der  Familie  der  Freundin  und derjenigen ihres Verlobten beziehungsweise Ehemannes zu erwarten  hätte. Den geltend gemachten Vergeltungsabsichten der Familien seiner  früheren Freundin beziehungsweise ihres Ehemannes liegt indessen kein  asylrechtlich  relevantes  Verfolgungsmotiv  im  Sinne  von  Art. 3  Abs. 1  AsylG  zugrunde,  weshalb  er  aus  seinen  diesbezüglichen  Vorbringen  in  Bezug auf die Anerkennung der Flüchtlingseigenschaft  nichts  zu seinen  Gunsten ableiten  kann. Es erübrigt  sich daher,  auf  die Ausführungen  in  der  Beschwerde  näher  einzugehen,  da  diese  lediglich  Aspekte  der  Glaubhaftigkeit der Asylvorbringen des Beschwerdeführers betreffen und  deshalb nicht geeignet sind, im Hinblick auf die Flüchtlingseigenschaft zu  einer von derjenigen des BFM abweichenden Beurteilung zu führen. Dem  Beschwerdeführer gelingt es somit mit seinen Vorbringen nicht, eine asyl­  beziehungsweise  flüchtlingsrechtlich  erhebliche  Verfolgungsgefahr  nachzuweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Das Bundesamt hat  das Asylgesuch demnach im Ergebnis zu Recht abgelehnt. 5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44 

D­7095/2009 Abs. 1  AsylG;  BVGE  2008/34  E.  9.2  S. 510,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2001  Nr. 21). 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Gemäss ständiger Rechtsprechung sind die genannten drei Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  alternativer  Natur.  Sobald  eine  davon  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  der  betroffenen  Person  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln.  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  dieser  vorläufigen  Aufnahme  steht dem weggewiesenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an  das Bundesverwaltungsgericht  offen  (Art. 112 AuG  i.V.m. Art. 84 Abs. 2  AuG).  In diesem Verfahren wäre dann der Vollzug der Wegweisung vor  dem Hintergrund sämtlicher Vollzugshindernisse von Amtes wegen nach  Massgabe der  in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse zu prüfen  (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748, EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 f.). 6.2.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung  –  aus  den  nachfolgend  aufgeführten  Gründen  –  als  unzumutbar  erweist,  ist  dementsprechend  auf  eine  Erörterung  der  beiden  anderen  Kriterien  zu  verzichten. 7.  7.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsland auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter  Vorbehalt  von  Art. 83  Abs. 7  AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8. März  2002,  BBl  2002  3818).

D­7095/2009 7.2.  In Bezug auf die allgemeine Lage  in Afghanistan kann auf die vom  Bundesverwaltungsgericht in BVGE 2011/7 vorgenommene Einschätzung  der  Lage  verwiesen werden. Das Gericht  stellt  darin  zusammenfassend  fest,  dass  in  weiten  Teilen  von  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre  Bedingungen  bestünden,  dass  die  Situation  als  existenzbedrohend im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei.  Von  dieser  allgemeinen  Feststellung  sei  die  Situation  in  der Hauptstadt  Kabul  zu  unterscheiden. Angesichts  des Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlaufe  des  vergangenen  Jahres  nicht  weiter  verschlechtert  habe  und  die  humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen Gebieten  etwas weniger  dramatisch  sei,  könne  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Kabul  unter  Umständen  als  zumutbar  qualifiziert  werden.  Solche  Umstände  könnten  grundsätzlich  namentlich  dann  gegeben  sein,  wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden Mann handle. Angesichts der bisher aufgezeigten  konstanten  Verschlechterung der Lage über die vergangenen Jahre hinweg und der  auch  in  Kabul  schwierigen  Situation  verstehe  es  sich  aber  von  selbst,  dass  die  bereits  in  EMARK  2003  Nr. 10  formulierten  strengen  Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssten,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren. Unabdingbar sei  in erster Linie ein soziales Netz, das sich  im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehres  als  tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte  würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen  (vgl.  BVGE  2011/7  E. 9.9.1  f.  S. 104 f.).  Die  Frage,  ob  hinsichtlich  der  Städte  Mazar­i­Sharif  und  Herat  in  Bezug  auf  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  Ähnliches  gesagt  werden  könne  wie  zu  Kabul,  wurde im erwähnten Grundsatzurteil offen gelassen, weil von vornherein  ungenügende Anknüpfungspunkte bestanden (vgl. BVGE 2011/7 E. 9.9.3  S. 105).  7.3.  Aufgrund  der  Akten  stellt  sich  vor  diesem  Hintergrund  einzig  die  Frage, ob es dem Beschwerdeführer unter individuellen Gesichtspunkten  zuzumuten  ist,  nach  Herat  zurückzukehren.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  im  Urteil  D­2312/2009  vom  28. Oktober  2011  in Bezug auf die allgemeine Lage  in der Stadt Herat zum Schluss  gelangt, dass die dortige Situation mit derjenigen Kabuls vergleichbar ist,  weshalb  es  nicht  gerechtfertigt  sei,  dort  von  einer  Situation  allgemeiner  Gewalt zu sprechen (BVGE D­2312/2009 E. 4.3.3.1).

D­7095/2009 Zunächst  ist  aufgrund  der  Aktenlage  davon  auszugehen,  dass  der  aus  der  Provinz  D._______  stammende  Beschwerdeführer  Afghanistan  gemeinsam mit seinen Eltern bereits  im Kindesalter verlassen hat und –  von  einem  mehrmonatigen  Aufenthalt  in  Herat  abgesehen  –  nie  mehr  nach  Afghanistan  zurückgekehrt  ist,  sondern  ausschliesslich  im  Iran  gelebt  hat,  womit  er  in  Afghanistan  nicht  sozialisiert  wurde.  Er  besitzt  eigenen Angaben zufolge zwar einen Onkel mütterlicherseits, welcher mit  seiner Familie (Ehefrau und fünf Kinder) seit dem Jahre 2006 in der Stadt  Herat  lebt  und  den  er  während  seines  dortigen  zweimonatigen  Aufenthalts im selben Jahr 2006 einmal besucht hat (vgl. act. A14 S. 6 f.  F53 ff.).  Nach  Darstellung  des  Beschwerdeführers  lebt  dieser  Onkel  indessen angesichts seiner grossen Familie und seiner gesundheitlichen  Situation  (Querschnitts­  beziehungsweise  halbseitige  Lähmung  nach  einem  Schlaganfall)  finanziell  in  einer  angespannten  Situation  und  vermag geradewegs für den Unterhalt seiner Familie aufzukommen (vgl.  act. A14 S. 6 F56 bis 63 und Beschwerde S. 7). So besehen scheint nicht  hinreichend  gesichert,  dass  der  Beschwerdeführer  bei  einer  Rückkehr  nach Herat auf ein  tragfähiges Beziehungsnetz und damit einhergehend  auf  eine  gesicherte  Wohnsituation  zurückgreifen  könnte.  Im  Falle  des  Beschwerdeführers sind demnach die in EMARK 2003 Nr. 10 formulierten  Voraussetzungen  für  die  Bejahung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  nach  Kabul  beziehungsweise  Herat  nicht  erfüllt  sind,  weshalb  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Afghanistan  im  Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG als unzumutbar erweist. Nachdem sich aus  den  Akten  keine  Ausschlussgründe  im  Sinne  von  Art. 83  Abs. 7  AuG  ergeben,  sind  die  Voraussetzungen  für  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme somit erfüllt. 8.  Die  Beschwerde  ist  folgerichtig  gutzuheissen,  soweit  beantragt  wird,  es  sei  die  Unzumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen;  im  Übrigen  ist  sie  abzuweisen.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  13. Oktober  2009  sind  demnach  aufzuheben  und  das  BFM  ist  anzuweisen,  den  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  nach  den  gesetzlichen Bestimmungen über die vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl.  Art. 44 Abs. 2 AsylG i.V.m. Art. 83 Abs. 4 AuG). 9.  9.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  ist  dem  Beschwerdeführer  grundsätzlich  ein  reduzierter  Anteil  der  Verfahrenskosten  aufzuerlegen 

D­7095/2009 (Art. 63  Abs. 1  und  2  VwVG).  Der  Beschwerdeführer  hat  im  Rahmen  seiner  Beschwerde  ein  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  VwVG  gestellt,  das  vom  Instruktionsrichter  mit  Verfügung  vom  4. Dezember  2009  –  unter  Vorbehalt einer nachträglichen Veränderung der finanziellen Verhältnisse  des  Beschwerdeführers  –  gutgeheissen  worden  ist.  Der  Beschwerdeführer  geht  seit  Juni  2010  einer  Erwerbstätigkeit  als  Mitarbeiter  im Gemüsebau nach. Es  ist  jedoch nicht davon auszugehen,  dass  er  dadurch  Einkünfte  erzielt,  die  über  den  für  Alleinstehende  geltenden  Grundbetrag  von  Fr. 1'100.–  hinausgehen.  Somit  ist  er  nach  wie vor als prozessual bedürftig zu betrachten, weshalb die ihm gewährte  unentgeltliche Rechtspflege nicht zu widerrufen  ist. Folgerichtig sind  ihm  keine Verfahrenskosten aufzuerlegen. 9.2.  Gemäss  Art. 64  Abs. 1  VwVG  kann  die  Beschwerdeinstanz  der  obsiegenden  Partei  eine  Parteientschädigung  für  die  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zusprechen.  Angesichts  des  teilweisen  Obsiegens  ist  dem  vertretenen  Beschwerdeführer  eine  reduzierte  Parteientschädigung  zuzusprechen  (Art. 7  Abs. 2  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE,  SR 173.320.2]).  Nachdem  der  Rechtsvertreter keine Kostennote eingereicht hat, ist die Parteientschädigung auf  Grund  der  Akten  festzulegen  (Art. 14  Abs. 2  in  fine  VGKE).  Unter  Berücksichtigung der massgeblichen Bemessungsfaktoren (vgl. Art. 8 ff. VGKE)  ist die um die Hälfte zu kürzende Parteientschädigung  auf Fr. 600.– (inkl.  Auslagen  und Mehrwertsteuer)  festzusetzen. Das BFM  ist  anzuweisen,  dem  Beschwerdeführer diesen Betrag als Parteientschädigung zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­7095/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  soweit  die  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  und  die  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme beantragt wird. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  Verfügung  des  BFM  vom  13. Oktober 2009 werden aufgehoben. 3.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer  vorläufig  aufzunehmen. 4.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 5.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung von Fr. 600.– auszurichten. 6.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Lang Philipp Reimann Versand:

D-7095/2009 — Bundesverwaltungsgericht 16.02.2012 D-7095/2009 — Swissrulings