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Bundesverwaltungsgericht 10.08.2011 D-6404/2009

10. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·2,636 Wörter·~13 min·3

Zusammenfassung

Nichteintreten auf Asylgesuch (Papierlosigkeit) und Wegweisung | Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 30. September 2009

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­6404/2009 Urteil   v om   1 0 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Martin Zoller (Vorsitz), Richter Pietro Angeli­Busi, Richter Thomas Wespi;  Gerichtsschreiber Daniel Widmer. Parteien A.______, Côte d'Ivoire, vertreten durch lic. iur. Susanne Gnekow, Rechtsanwältin,  Caritas Schweiz, (…), Beschwerdeführerin,  Gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz. Gegenstand Nichteintreten auf Asylgesuch und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 30. September 2009 / (…).

D­6404/2009 Sachverhalt: A.  Die  Beschwerdeführerin  verliess  eigenen  Angaben  zufolge  ihren  Heimatstaat  am  (…).  Am  16. Juli  2009  suchte  sie  in  B.  um  Asyl  nach.  Dabei  wurde  sie,  da  sie  bei  der  Meldung  des  Asylgesuchs  keinerlei  Dokumente zum Nachweis  ihrer  Identität abgegeben hatte, aufgefordert,  innert  48  Stunden  rechtsgenügliche  Ausweispapiere  nachzureichen,  verbunden mit der Androhung,  im Unterlassungsfall auf das Asylgesuch  nicht  einzutreten.  Am  21.  Juli  2009  wurde  sie  im  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum (EVZ) B. erstmals befragt. Am 12. August 2009 wurde  sie,  ebenfalls  dort,  durch  das  Bundesamt  in  Anwendung  von  Art. 29  Abs. 1  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  angehört. Die  Beschwerdeführerin  machte  im  Wesentlichen  geltend,  sie  sei  ivorische  Staatsangehörige,  (…).  Im Alter  von  (…)  Jahren  habe  sie  die  Schule  abgeschlossen  und  daraufhin  während  (…)  studiert.  Da  ihre  Mutter  an  (…)  gelitten  habe,  habe  sie  C.  im  (…)  verlassen  und  in  D.  Arbeit  gesucht,  um  die  benötigten  Medikamente  und  Spitalaufenthalte  finanzieren zu können. Dort habe sie E., einen Angehörigen der Rebellen,  kennengelernt, welcher  ihr Hilfe  angeboten  und Geld  gegeben  habe.  In  der Folge sei sie bei E. eingezogen und habe oft nach C. gependelt.  Im  (…)  habe  sie  E.  ihre  Papiere  aushändigen  und  kurze  Zeit  später  zusammen  mit  ihm  F.______  aufsuchen  müssen.  Dieser  habe  von  ihr  eine  Genitalbeschneidung  verlangt,  damit  er  die  weiblichen  Geschlechtsorgane opfern  könne,  um die  stockenden Geschäfte  von E.  wieder  in  Gang  zu  bringen.  Sie  habe  –  nach  aussen  hin  –  ihr  Einverständnis  gezeigt,  sei  indes  (…)  zu  G.______  nach  C.  geflüchtet.  Zunächst  habe  sie  dort  während  mehrerer  Monate  bei  verschiedenen  Freunden  und  in  Folge  während  mehrerer  Wochen  in  H.  und  I.  bei  Freundinnen  ihrer G. gewohnt, bevor sie nach C. zurückgekehrt sei und  ihren  Heimatstaat  im  Besitz  eines  Reisepasses  einer  Drittperson  verlassen habe. Für die weiteren Aussagen wird, soweit für den Entscheid wesentlich, auf  die Protokolle bei den Akten verwiesen. B.  Mit Verfügung vom 30. September 2009 – eröffnet am 5. Oktober 2009 –  trat das BFM auf das Asylgesuch gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. a AsylG  nicht  ein  und ordnete  die Wegweisung der Beschwerdeführerin  aus der 

D­6404/2009 Schweiz sowie den Vollzug der Wegweisung an, wobei sie diese am Tag  nach  Eintritt  der  Rechtskraft  zu  verlassen  habe;  zudem  wurden  ihr  die  editionspflichtigen Akten gemäss Aktenverzeichnis ausgehändigt. Zur  Begründung  führte  das  Bundesamt  im  Wesentlichen  aus,  die  Beschwerdeführerin habe den Asylbehörden innerhalb der eingeräumten  Frist von 48 Stunden keine Reise­ oder Identitätspapiere abgegeben und  auch  keine  entschuldbaren  Gründe  geltend  machen  können.  Sie  habe  erklärt, unter Verwendung des Reisepasses einer Drittperson ohne Visum  von C. in die Schweiz gereist zu sein. Indes erscheine es angesichts der  strengen Kontrollen in internationalen Flughäfen nicht glaubhaft, dass sie  auf diese Weise drei Passkontrollen passiert habe. Zudem habe sie sich  seit  ihrer Ankunft  in der Schweiz nicht ernsthaft um die Beschaffung der  erforderlichen  Ausweispapiere  bemüht,  erscheine  doch  ihre  Erklärung,  wonach  sie  in  ihrem  Heimatstaat  mit  niemandem  Kontakt  aufnehmen  könne, unglaubhaft, zumal sie dort eigenen Angaben zufolge über einen  Bekanntenkreis  verfüge.  Sodann  erachtete  die  Vorinstanz  die  Flüchtlingseigenschaft als offensichtlich nicht erfüllt und stellte fest, dass  zusätzliche  Abklärungen  zur  Feststellung  derselben  oder  eines  Wegweisungshindernisses  nicht  erforderlich  seien.  So  habe  sich  die  Beschwerdeführerin  in  zeitlicher  Hinsicht  widersprüchlich  zur  Vorbereitung  auf  die  Beschneidung  geäussert.  Ebenso  widersprüchlich  habe sie erklärt, nach ihrer Flucht einerseits regelmässig in C. spazieren  gegangen zu sein, anderseits dort das Haus nie verlassen zu haben, weil  sie  sich  habe  verstecken  müssen.  Zudem  sei  die  Beschneidung  von  Frauen  in  der  Côte  d'Ivoire  gesetzlich  verboten  und  würden  Täter  behördlich  verfolgt  und  bestraft.  Demgegenüber  habe  die  Beschwerdeführerin erklärt, sie habe sich aus Angst, für eine Angehörige  der Rebellen gehalten zu werden, nicht an die Polizei gewandt, da E. ein  Angehöriger  der  Rebellen  sei.  Sie  sei  nicht  in  der  Lage  gewesen,  zu  dessen  Vornamen,  Beruf  und  Adresse  Angaben  zu  machen.  Somit  sei  ihre  Kenntnis  von  der  Aktivität  von  E.  als  Rebell  nicht  nachvollziehbar,  umso weniger, als sie nicht in der Lage gewesen sei, die Herkunft dieser  Information  plausibel  zu  erklären. Angesichts  des  im Rahmen  ihrer  (…)  Studien erworbenen Grundverständnisses des ivorischen (…) wäre es ihr  zumutbar gewesen, sich an die Polizei zu wenden. Mithin erwiesen sich  die  geltend  gemachten  Verfolgungsvorbringen  als  offensichtlich  nicht  glaubhaft.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  sei  zulässig,  zumutbar  und  möglich.  Namentlich  habe  die  militärisch­politische  Krise,  die  das  Land  seit dem Jahr 2002 in zwei Regionen gespaltet habe, schliesslich im März  2007  zur  Unterzeichnung  eines  umfassenden  Friedensvertrags  geführt 

D­6404/2009 und  es  bestehe  namentlich  in C.  und  den  umliegenden Gebieten  keine  das gesamte Staatsgebiet  betreffende und eine  konkrete Gefahr  für  die  Bevölkerung  darstellende  Situation  allgemeiner  Gewalt.  Zudem  verfüge  die  gebildete,  gesunde  und  junge  Beschwerdeführerin  mit  ihrer  Familie  und Freunden in C. über ein soziales Beziehungsnetz. C.  Mit  Eingabe  vom  9. Oktober  2009  (Datum  des  Poststempels)  an  das  Bundesverwaltungsgericht beantragte die Beschwerdeführerin durch ihre  Rechtsvertreterin  unter  Kosten­  und  Entschädigungsfolge,  es  sei  der  Nichteintretensentscheid  der  Vorinstanz  aufzuheben  und  diese  anzuweisen,  auf  das Asylgesuch  im ordentlichen Verfahren  einzutreten;  eventualiter  sei  die  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  festzustellen  und  der  Beschwerdeführerin  von  Amtes  wegen  die  vorläufige  Aufnahme  zu  erteilen.  In  prozessualer  Hinsicht  wurden  die  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  inklusive  unentgeltliche  Rechtsverbeiständung  und  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  beantragt.  Gleichzeitig  wurden  (…)  zu  den  Akten  gereicht.  Darauf  sowie  auf  die  weiteren  im  Verlauf  des  Beschwerdeverfahrens  eingereichten  Eingaben  und  Beweismittel  wird,  soweit für den Entscheid wesentlich, in den Erwägungen eingegangen. D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  14. Oktober  2009  teilte  das  Bundesverwaltungsgericht  der  Beschwerdeführerin  mit,  dass  sie  den  Ausgang  des  Verfahrens  in  der  Schweiz  abwarten  könne.  Gleichzeitig  wurde auf die Erhebung eines Kostenvorschusses verzichtet, das Gesuch  um  Erlass  allfälliger  Verfahrenskosten  auf  einen  späteren  Zeitpunkt  verschoben  und  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtsverbeiständung abgewiesen. E.  Mit Schreiben vom 19. Oktober 2009 reichte die Beschwerdeführerin ein  ärztliches Zeugnis von Dr. J.______ zu den Akten. F.  Mit  Vernehmlassung  vom  19. Februar  2010.  Januar  beantragte  das  Bundesamt  die  Abweisung  der  Beschwerde.  Zur  Begründung  führte  es  aus,  in der Rechtsmitteleingabe werde von der Beschwerdeführerin das  Bild einer schwerkranken Frau gezeichnet. Demgegenüber habe diese im  EVZ  drei  ambulante  Konsultationen  eingeholt,  wobei  einmal  eine 

D­6404/2009 Bagatelle  und  zweimal  ein  K.______  diagnostiziert  worden  seien.  Die  diesbezügliche  ambulante  Behandlung  vermöge  betreffend  die  Zumutbarkeit  der  Wegweisung  keine  Fragen  aufzuwerfen,  weshalb  darauf  in  der  angefochtenen  Verfügung  nicht  eingegangen  worden  sei.  Zudem  habe  die  Beschwerdeführerin  eine  (…)  Asthma­Erkrankung  und  diesbezüglich  (…)  eine  Hospitalisierung  erforderliche  Krisen  geltend  gemacht.  Bei  der  Hospitalisierung  während  des  Aufenthalts  im  EVZ  handle  es  sich  um  die  erwähnte  Diagnose  einer  Bagatelle,  derweil  die  beiden Aufenthalte vom (…)  im Spital L. mangels entsprechender Akten  nicht  nachweisbar  und  dem  Bundesamt  nicht  bekannt  seien.  Das  Arztzeugnis  vom  14. Oktober  2009  weise  auf  eine  Behandlung  mit  M.______  hin,  welche  Medikamente  in  C.  problemlos  erhältlich  seien.  Zudem habe es die Beschwerdeführerin für nicht notwendig erachtet, seit  dem 14. Oktober 2009 ein abschliessendes Arztzeugnis des Hausarztes  einzureichen.  Demnach  sprächen  keine  medizinischen  Gründe  gegen  eine Wegweisung nach C.. Im Übrigen verwies das Bundesamt auf seine  Erwägungen und hielt an diesen vollumfänglich fest. G.  Nach  gewährter  Fristerstreckung  nahm  die  Beschwerdeführerin  in  ihrer  Replik vom 26. März 2010 und Ergänzung vom 1. April 2010 zum Inhalt  der Vernehmlassung Stellung. Dabei modifizierte sie ihr Rechtsbegehren  (Hauptantrag)  wie  folgt:  Es  sei  der  Nichteintretensentscheid  der  Vorinstanz  aufzuheben  und  diese  anzuweisen,  den  Sachverhalt  vollständig festzustellen. Gleichzeitig wurden (…) zu den Akten gereicht. H.  Mit Schreiben vom 2. Mai 2011  teilte die Rechtsvertreterin mit, sie habe  von  der  zuständigen  Sozialarbeiterin  erfahren,  dass  die  Beschwerdeführerin  als  Opfer  einer  strafbaren  Handlung  an  schweren  psychischen  Problemen  leide  und  deshalb  in  eine  psychiatrische  Klinik  habe  eingeliefert werden müssen. Diesbezüglich wurde  die Einreichung  von Beweismitteln in Aussicht gestellt. I.  Mit  Schreiben  vom  7. Juli  2011  teilte  die  Rechtsvertreterin  mit,  die  Beschwerdeführerin  sei  Opfer  einer  N.  geworden  und  habe  aufgrund  dieser  traumatischen  Ereignisse  einen  Suizidversuch  unternommen.  Nach der notfallmässigen Einlieferung ins Spital habe sie gerettet werden  und  die  Klinik  nach  einigen  Tagen  verlassen,  jedoch  nicht  in  ihre  Wohnung  (Tatort)  zurückkehren  können.  Die  Opferhilfe  habe  eine 

D­6404/2009 psychotherapeutische Betreuung organisiert. Sie  leide an O.______ und  sei auf konstante psychologische Hilfe angewiesen. Die Situation in Côte  d'Ivoire  sei  prekär.  Die  Geschwister  der  Beschwerdeführerin  hätten  vor  neun  Monaten  aufgrund  der  exzessiven  Gewalt  vorübergehend  aus  C.  flüchten müssen. Der Vollzug der Wegweisung in den Heimatstaat sei in  Anbetracht  der  dort  grassierenden,  insbesondere  auch  frauenspezifischen  Gewalt,  welche  mit  grosser  Wahrscheinlichkeit  eine  Retraumatisierung  zur  Folge  hätte,  unzumutbar.  Gleichzeitig  wurde  um  prioritäre  Behandlung  des  Beschwerdeverfahrens  ersucht.  Schliesslich  wurden folgende Beweismittel eingereicht: (…). Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen Verfügungen nach Art. 5 des Bundesgesetzes vom 20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR 172.021).  Das  BFM  gehört zu den Behörden nach Art. 33 VGG und ist daher eine Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts.  Eine  das  Sachgebiet  betreffende  Ausnahme  im  Sinne  von  Art. 32  VGG  liegt  nicht  vor.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  daher  zuständig  für  die  Beurteilung  der  vorliegenden  Beschwerde  und  entscheidet  auf  dem  Gebiet  des  Asyls  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  des  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  AsylG;  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Verfahren  richtet  sich  nach  dem  VwVG,  dem  VGG  und  dem  BGG, soweit das AsylG nichts anderes bestimmt (Art. 37 VGG und Art. 6  AsylG). 1.3.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Die  Beschwerdeführerin hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen,  ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Sie  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105 und Art. 108 Abs. 2 AsylG, Art. 48 Abs. 1 sowie Art. 52 VwVG).  Auf die Beschwerde ist einzutreten.

D­6404/2009 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  In  der  Beschwerde  werden  vorab  formelle  Rügen  vorgebracht.  So  wird  ausgeführt,  die  Beschwerdeführerin  leide  unter  schwerem Asthma.  Das  Bundesamt  sei  über  diese  Erkrankung  gemäss  den  Aktenstücken  (…),  in  welche  es  im  Übrigen  keine  Akteneinsicht  gewährt  habe,  informiert gewesen und die offensichtlich unter Atemproblemen  leidende  Beschwerdeführerin  sei  anlässlich  beider  Anhörungen  nach  ihrem  Gesundheitszustand  beziehungsweise  ihrer  Asthmaerkrankung  gefragt  worden,  was  allerdings  nicht  aus  den  Anhörungsprotokollen  ersichtlich  sei.  Dennoch  sei  sie  gemäss  Aktenverzeichnis  vor  Erlass  des  Nichteintretensentscheids weder aufgefordert worden, das Amt über ihren  aktuellen Gesundheitszustand zu informieren, noch habe dieses ärztliche  Auskünfte  darüber  eingeholt.  Der  schlechte  Gesundheitszustand  werde  im  Entscheid  nirgends  erwähnt.  Unter  diesen  Umständen  habe  die  Vorinstanz  den  rechtserheblichen  Sachverhalt  nicht  richtig  festgestellt  sowie  das Recht  auf  Akteneinsicht  und  die  Begründungspflicht  verletzt.  Sodann  wird  in  der  Stellungnahme  vom  1. April  2010  ausgeführt,  zwar  habe  die  Vorinstanz  in  der  Folge  in  ihrer  Vernehmlassung  die  (…)  erwähnten  Aktenstücke  aufgeführt,  diese  jedoch  falsch  zusammengefasst.  Durch  Zufall  habe  die  Rechtsvertreterin  über  P.______  Einsicht  in  die  medizinischen  Meldungen  vom  (…)  und  (…)  erhalten, wobei es sich um die Aktenstücke (…) und (…) handeln müsse.  Diesen sei zu entnehmen, dass die Beschwerdeführerin am (…) ganz klar  aufgrund  einer  Asthmakrise  ins  Spital  eingeliefert  worden  sei,  wobei  offenbar  das  damalige  Medikament  (Q.)  nicht  mehr  gewirkt  habe.  Demgegenüber sei in keiner Weise die in der Vernehmlassung erwähnte  Diagnose K.______ gestellt worden. Am (…) sei die Beschwerdeführerin  wegen  eines  nicht  stabilisierten  Asthmaanfalls  ins  Spital  eingeliefert  worden,  wobei  sich  dort  offenbar  herausgestellt  habe,  dass  dieser  im  Zusammenhang  mit  R.  aufgetreten  sei.  Trotzdem  sei  das  schwere  Asthma  zentral  gewesen,  ansonsten  die  Beschwerdeführerin  wegen  R.  nicht  hospitalisiert  worden wäre.  Damit  dränge  sich  die  Vermutung  auf,  dass die Vorinstanz die medizinischen Unterlagen nicht sorgfältig geprüft  habe  oder  die  Diagnose  Asthma  habe  verheimlichen wollen.  Jedenfalls  sei  beziehungsweise wäre  sie  im Vorfeld  des Nichteintretensentscheids  über  die  schwere  Asthmaerkrankung  informiert  gewesen  und  habe 

D­6404/2009 dennoch  keine  Abklärungen  getroffen.  Schliesslich  werde  mit  der  eingereichten ärztlichen Bestätigung   auch die Hospitalisierung vom (…)  bewiesen.  Auch  habe  die  Vorinstanz  im  Zusammenhang  mit  dem  Wegweisungsvollzug  die  persönliche  Situation  der  Beschwerdeführerin  im Heimatstaat ungenügend abgeklärt. 3.2. Die Asylbehörde hat  den  rechtserheblichen Sachverhalt  von Amtes  wegen  festzustellen  (Art.  6  AsylG  i.V.m.  Art.  12  VwVG).  Relevante  Gesundheitsprobleme  sind  von  Asylsuchenden  unaufgefordert  und  so  substanziiert  wie  möglich  aktenkundig  zu  machen.  Liegen  noch  keine  medizinischen  Berichte  vor,  hat  die  asylsuchende  Person  sich  nach  Aufforderung  durch  die  zuständige  Behörde  darum  zu  bemühen,  innert  einer  angemessenen  Frist  entsprechende  Beweismittel  zu  beschaffen  (vgl.  BVGE  2009/50  E. 10  S. 733  ff.).  Der  Grundsatz  des  rechtlichen  Gehörs  (Art.  29  Abs.  2  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft vom 18. April 1999 [BV, SR 101], Art. 29 und 32 Abs.  1  VwVG)  verlangt  weiter,  dass  die  verfügende  Behörde  die  Vorbringen  der betroffenen Person tatsächlich hört, sorgfältig und ernsthaft prüft und  in  der  Entscheidfindung  berücksichtigt,  was  sich  entsprechend  in  der  Entscheidbegründung  niederschlagen  muss  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der Schweizerischen Asylrekurskommission  [EMARK]  2004  Nr. 38 E. 6.3 S. 264). Die Begründungsdichte richtet sich dabei nach den  Verfahrensumständen,  dem  Verfügungsgegenstand  und  den  Interessen  der  Betroffenen,  wobei  die  bundesgerichtliche  Rechtsprechung  bei  schwerwiegenden  Eingriffen  in  die  rechtlich  geschützten  Interessen  der  Betroffenen – was bei der Frage der Gewährung oder Verweigerung des  Asyls  regelmässig  der  Fall  ist  –  eine  sorgfältige  und  ausführliche  Begründung  verlangt  (vgl.  EMARK  2006  Nr.  24  E.  5.1  S.  256).  Die  asylrechtliche  Beschwerde  ist  vom  Grundsatz  her  reformatorisch  ausgestaltet. Die Kassation eines materiellen Entscheides der Vorinstanz  kommt  nur  ausnahmsweise  in  Frage,  etwa  wenn  der  Sachverhalt  als  ungenügend  erstellt  zu  erachten  ist  (Art. 61  Abs. 1  VwVG;  vgl.  ALFRED  KÖLZ/ISABELLE  HÄNER,  Verwaltungsverfahren  und  Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 2. Aufl., Zürich 1998, Rz 694). Ob  die  in  diesen  Fällen  fehlende  Entscheidungsreife  durch  die  Vorinstanz  oder  durch  die  Rechtsmittelinstanz  herzustellen  sei,  ist  bei  reformatorischen  Rechtsmitteln  eine  Frage  der  Abwägung  nach  Gesichtspunkten  der  Prozessökonomie  (vgl.  FRITZ  GYGI,  Bundesverwaltungsrechtspflege, 2. Aufl., Bern 1983, S. 232 f.).

D­6404/2009 3.3.  Vorliegend  ist  aus  den  Akten  nicht  ersichtlich,  dass  durch  die  Beschwerdeführerin  anlässlich  ihrer  Befragungen  gesundheitliche  Probleme  irgendwelcher  Art  geltend  gemacht  worden  wären.  Solche  ergeben  sich  lediglich  aus  den  (…)  Aktenstücken  (…)  der  für  die  Betreuung der Asylsuchenden  in den EVZ zuständigen S.. Daraus geht  hervor,  dass  die  Beschwerdeführerin  am  (…),  (…)  und  (…)  zur  Konsultation  ins Spital T. gebracht wurde, und zwar beim ersten Mal  im  Zusammenhang  mit  einer  Asthmakrise  beziehungsweise  weil  das  Medikament Q. nicht wirkte, während beim zweiten Mal kein spezifischer  Grund ersichtlich, aber von einem Bagatellfall ohne Behandlungsfolge die  Rede  ist,  und  zuletzt  wegen  nicht  stabilisierten  Asthmas,  (…)  im  Zusammenhang mit R. Sodann handelt  es  sich bei  den beiden  von der  Beschwerdeführerin  am  1. April  2010  eingereichten  Dokumenten  je  um  das  Übermittlungs­  und  medizinische  Informationsformular  der  S.  betreffend die Konsultationen vom (…) und (…), welche Aktenstücke sich  nicht  in  den  Akten  des  BFM  befinden.  Im  ersten  wurde  die  Diagnose  Asthmakrise  gestellt,  wobei  wegen  der  fehlenden  Wirkung  von  Q.  (…)  andere  Medikamente  verschrieben  wurden,  während  im  zweiten  R.  diagnostiziert und entsprechende Medikamente verschrieben wurden und  im  Zusammenhang  mit  der  Asthmakrise  angemerkt  wurde,  dass  diese  vorüber  sei  und  die  Verschreibung  von  Q.  erneuert  werde.  Nachdem  mithin  die  Beschwerdeführerin  von  sich  aus  ihre  gesundheitlichen  Probleme nicht aktenkundig gemacht hat, erweist sich bereits aus diesem  Grund die in diesem Zusammenhang erhobene Rüge der unvollständigen  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  als  unbegründet.  Sodann  waren  offensichtlich  bis  zum  Erlass  des  erstinstanzlichen  Entscheids  keine  gesundheitlichen  Probleme  der  Beschwerdeführerin  mehr  zu  verzeichnen –  die  geltend gemachte Hospitalisierung  vom  (…)  findet  in den Akten keine Stütze –, weshalb diese durch das Bundesamt  aufgrund  der  Aktenlage  als  genesen  beziehungsweise  gesund  eingeschätzt  werden  konnte  und  ihre  vorgängigen  Probleme  –  als  rechtlich  nicht  erheblich  –  im  Sachverhalt  keiner  Erwähnung  bedurften;  demgegenüber  erfolgte  die  Hospitalisierung  vom  (…)  erst  nach  Erlass  des  Nichteintretensentscheids,  und  zwar  aufgrund  (…),  und  nicht  des  medikamentös  behandelten  Nebenbefundes  Asthmas  (…) wegen.  Zwar  trifft  der Einwand  der Beschwerdeführerin  zu, wonach  die Vorinstanz  in  ihrer Vernehmlassung die (…) medizinischen Aktenstücke (…), in welche  keine  Akteneinsicht  gewährt  worden  war,  falsch  zusammengefasst  hat,  indem  dort  von  K.______  die Rede war,  jedoch  die  Asthmaproblematik  nicht erwähnt wurde. Trotzdem ging die Vorinstanz darauf gestützt auf die  Ausführungen in der Beschwerde und das eingereichte ärztliche Zeugnis 

D­6404/2009 vom (…) ein und führte aus, dass die darin erwähnten Medikamente in C.  problemlos  erhältlich  seien.  Nachdem  mithin  der  rechtserhebliche  Sachverhalt  spätestens  auf  Vernehmlassungsstufe  erstellt  war  und  sich  die  Beschwerdeführerin  dazu  in  ihrer  Stellungnahme  vom  1. April  2010  äussern  konnte,  müsste  eine  durch  die  falsche  Zusammenfassung  der  medizinischen  Aktenstücke  erfolgte  Verletzung  des  Anspruchs  auf  rechtliches  Gehör  als  geheilt  betrachtet  werden.  Im  Übrigen  ist  dem  zusammen mit  der Stellungnahme  (…) eingereichten ärztlichen Zeugnis  von  Dr.  J.______  zu  entnehmen,  dass  bezüglich  des  Asthmas  eine  kompensierte  Situation  besteht,  die  Beschwerdeführerin  trotzdem  an  intermittierenden Asthmaanfällen leidet, jedoch weitere Abklärungen nicht  notwendig  und  die  Medikamente  gemäss  ärztlicher  Einschätzung  im  Heimatstaat  erhältlich  sind.  Demnach  erweist  sich  das  Verfahren  als  entscheidungsreif,  weshalb  auch  unter  diesem Gesichtspunkt  von  einer  Kassation  der  angefochtenen  Verfügung  abzusehen  ist.  Schliesslich  erweist sich der unter Bezugnahme auf das Urteil (…) erhobene Einwand  (dieses verpflichte  zur detaillierten Sachverhaltsermittlung betreffend die  persönliche Situation von Asylsuchenden, soweit es sich nicht um junge,  gesunde Männer aus C. handle, die sich auf ein  familiäres Netz stützen  könnten)  als  unbegründet,  zumal  die  Beschwerdeführerin  zu  verkennen  scheint,  dass  solche  Sachverhaltsermittlungen  gemäss  dem  erwähnten  Urteil in Bezug auf aus dem Westen oder Norden des Landes kommende  Personen ohne Verbindung zu C. vorzunehmen sind.  3.4.  Zusammenfassung  ergibt  sich,  dass  der  rechtserhebliche  Sachverhalt erstellt ist, die Begründungspflicht durch die Vorinstanz nicht  verletzt  worden  und  eine  allfällige  Verletzung  des  Anspruchs  auf  rechtliches  Gehör  geheilt  ist.  Der  diesbezüglich  gestellte  Antrag  auf  Kassation ist demnach abzuweisen. 4.  4.1. Das  BFM  hat  den  angefochtenen  Nichteintretensentscheid  auf  der  Grundlage  von Art.  32 Abs.  2 Bst.  a AsylG getroffen. Bei Beschwerden  gegen  solche  Nichteintretensentscheide  ist  die  Beurteilungskompetenz  der  Beschwerdeinstanz  grundsätzlich  auf  die  Frage  beschränkt,  ob  die  Vorinstanz  zu Recht  auf  das Asylgesuch nicht  eingetreten  ist, wogegen  die  Vorinstanz  die  Frage  der  Wegweisung  und  des  Vollzugs  materiell  prüft,  weshalb  dem  Bundesverwaltungsgericht  diesbezüglich  volle  Kognition  zukommt.  Bei  Begründetheit  der  Beschwerde  ist  die  angefochtene  Verfügung  aufzuheben  und  die  Sache  zu  neuer  Entscheidung  an  die  Vorinstanz  zurückzuweisen  ist  (vgl.  EMARK  2004 

D­6404/2009 Nr. 34 E. 2.1. S. 240 f.). Indessen ist im Falle des Nichteintretens auf ein  Asylgesuch gestützt auf Art. 32 Abs. 2 Bst. a und Abs. 3 AsylG über das  Nichtbestehen  der  Flüchtlingseigenschaft  abschliessend  materiell  zu  entscheiden,  soweit  dies  im  Rahmen  einer  summarischen  Prüfung  möglich  ist  (vgl.  BVGE  2007/8  insb.  E. 5.6.5  S. 90 f.).  In  einem  entsprechenden   Beschwerdeverfahren  bildet  dementsprechend –  ungeachtet  der  vorzunehmenden  Überprüfung  eines  formellen  Nichteintretensentscheides  –  auch  die  Flüchtlingseigenschaft  Prozessgegenstand (vgl. BVGE 2007/8 E. 2.1 S. 73). 4.2. Gemäss Art.  32 Abs.  2 Bst.  a AsylG wird auf  ein Asylgesuch nicht  eingetreten,  wenn  Asylsuchende  den  Behörden  nicht  innerhalb  von  48  Stunden  nach  Einreichung  des  Gesuchs  Reise­  oder  Identitätspapiere  abgeben.  Diese  Bestimmung  findet  jedoch  keine  Anwendung,  wenn  Asylsuchende  entweder  glaubhaft  machen  können,  sie  seien  dazu  aus  entschuldbaren Gründen nicht  in der Lage (Art. 32 Abs. 3 Bst. a AsylG),  oder auf Grund der Anhörung sowie gestützt auf Art. 3 und 7 AsylG die  Flüchtlingseigenschaft festgestellt wird (Art. 32 Abs. 3 Bst. b AsylG) oder  aber sich auf Grund der Anhörung erweist, dass zusätzliche Abklärungen  zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  oder  eines  Wegweisungsvollzugshindernisses  nötig  sind  (Art.  32  Abs. 3  Bst.  c  AsylG). 4.3.  Trotz  entsprechender  Aufforderung  hat  die  Beschwerdeführerin  innerhalb  von  48  Stunden  nach  Einreichung  des  Asylgesuchs  keinerlei  Reisepapiere  oder  Identitätsdokumente  im  Sinne  von  BVGE  2007/7  abgegeben. Zudem ergeben sich keine Anhaltspunkte  für das Vorliegen  entschuldbarer  Gründe.  Die  im  Zusammenhang  mit  den  Reise­  beziehungsweise  Identitätspapieren  abgefassten  vorinstanzlichen  Erwägungen,  auf  welche  zwecks  Vermeidung  von  Wiederholungen  verwiesen werden kann, erweisen sich nach einer Überprüfung der Akten  als zutreffend und werden auf Beschwerdeebene nicht bestritten. 4.4.  Sodann  konnte  die  Vorinstanz  im  vorliegenden  Fall  aufgrund  der  Aktenlage,  wie  sie  sich  nach  der  Anhörung  vom  12. August  2009  präsentierte,  unter  Verzicht  auf  zusätzliche  tatbeständliche  oder  rechtliche  Abklärungen  im  Rahmen  einer  bloss  summarischen  Prüfung  den  Schluss  ziehen,  dass  die  Beschwerdeführerin  die  Flüchtlingseigenschaft  offenkundig  nicht  erfüllt  und  einem  Vollzug  der  Wegweisung  ebenso  keine  Hindernisse  entgegenstehen  (vgl.  zu  den 

D­6404/2009 Anforderungen  betreffend  Art. 32  Abs.  3  Bstn.  b  und  c  AsylG:  BVGE  2009/50 E. 5­8 und 10; BVGE 2007/8 E. 5.5. und 5.6.). Die Überprüfung der Akten in diesem Kontext ergibt, dass die Vorinstanz  die  Vorbringen  der  Beschwerdeführerin  zu  Recht  als  offensichtlich  unglaubhaft  qualifizierte,  wobei  wiederum  auf  die  entsprechenden  Erwägungen  des  BFM  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen  werden  kann,  welche  auf  Beschwerdeebene  ebenfalls  unbestritten  bleiben. Bei dieser Sachlage erübrigen sich zusätzliche Abklärungen zur  Feststellung  der  Flüchtlingseigenschaft  oder  eines  Wegweisungsvollzugshindernisses  im  Sinne  von  Art.  32  Abs.  3  Bst.  c  AsylG.  Das  BFM  ist  daher  zu  Recht  gestützt  auf  Art.  32  Abs.  2  Bst.  a  i.V.m. Art. 32 Abs. 3 AsylG auf das Asylgesuch der Beschwerdeführerin  nicht eingetreten. 5.  Lehnt das Bundesamt das Asylgesuch ab oder tritt es darauf nicht ein, so  verfügt es in der Regel die Wegweisung aus der Schweiz und ordnet den  Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit der Familie  (Art. 44 Abs. 1 AsylG). Die  Beschwerdeführerin  verfügt  weder  über  eine  fremdenpolizeiliche  Aufenthaltsbewilligung noch einen Anspruch auf Erteilung einer solchen.  Die Wegweisung wurde  demnach  zu Recht  angeordnet  (Art.  44  Abs.  1  AsylG; vgl. BVGE 2009/50 E. 9 S. 733 mit weiteren Hinweisen). 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember  2005 über  die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). 6.2. Die erwähnten drei Bedingungen für einen Verzicht auf den Vollzug  der  Wegweisung  (Unzulässigkeit,  Unzumutbarkeit  und  Unmöglichkeit)  sind  alternativer Natur:  Sobald  eine  von  ihnen  erfüllt  ist,  ist  der Vollzug  der  Wegweisung  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme zu regeln (vgl. EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54  ff.).  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  der  vorläufige  Aufnahme  steht  dem 

D­6404/2009 weggewiesenen  Asylsuchenden  wiederum  die  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht  offen  (Art. 112  AuG  i. V. m.  Art. 84  Abs. 2  AuG),  wobei  in  jenem  Verfahren  die  Vollzugshindernisse  von  Amtes  wegen  und  nach  Massgabe  der  dannzumal  herrschenden  Verhältnisse  von  Neuem  zu  prüfen  sind  (vgl.  BVGE  2009/51  E. 5. 4  mit  weiteren  Hinweisen). 6.3.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung  aus  den  nachfolgend  aufgezeigten Gründen  als  unzumutbar  erweist,  ist  auf  eine  Erörterung der beiden anderen Kriterien zu verzichten. 7.  7.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung festgestellt, ist ­ unter Vorbehalt von Art. 83 Abs. 7 AuG ­ die  vorläufige  Aufnahme  zu  gewähren  (vgl.  Botschaft  zum  Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8. März  2002,  BBl  2002  3818). 7.2.  In  Bezug  auf  die  gegenwärtige  Menschenrechtslage  in  der  Côte  d'Ivoire ist vorweg auf die vom Bundesverwaltungsgericht vorgenommene  Lageeinschätzung  im  publizierten  Urteil  vom  24.  November  2009  zu  verweisen: Das Gericht hält darin fest, dass im Rahmen des Abkommens  von  Ouagadougou  vom  März  2007  die  politische  Lage  deutlich  habe  stabilisiert werden können und eine positive Entwicklung der allgemeinen  Sicherheits­  und  Menschenrechtslage  festzustellen  sei  (vgl.  BVGE  2009/41 E. 7.3.2 ff.). Weiter wurde im erwähnten Entscheid festgehalten,  dass eine Rückkehr von Personen in den Norden und in den Westen des  Landes  aufgrund  der  dort  zurzeit  herrschenden  ungenügenden  Sicherheitslage  nicht  zumutbar  sei. Bei Personen,  die  aus dem Westen  oder dem Norden des Landes stammen, könne jedoch grundsätzlich eine  interne  Aufenthaltsalternative  im  Süden  und  Osten  des  Landes,  insbesondere in den grossen Städten, bejaht werden, wobei  jedoch eine  individuelle  Prüfung  ihrer  Situation  (Gesundheitszustand,  Berufsausbildung,  Beziehungsnetz,  Möglichkeit  der  Reintegration)  zu  erfolgen  habe  (vgl.  a.a.O.  E. 7.10  f.).  Diese  Einschätzung  trifft  grundsätzlich  nach  wie  vor  zu,  obwohl  es  im  Zusammenhang  mit  den  Präsidentschaftswahlen  vom  November  2010  in  der  Côte  d'Ivoire  zu  gewaltsamen  Auseinandersetzungen  zwischen  den  Anhängern  des 

D­6404/2009 ehemaligen  Präsidenten  Laurent  Gbagbo  und  dessen  Herausforderers  Alassane  Ouattara  gekommen  ist,  welche  zu  einer  humanitären  Krise  geführt haben. Insbesondere waren dabei auch in C. sexuelle Übergriffe  auf  Frauen  zu  verzeichnen  und  sind  weiterhin  Racheakte  an  Getreuen  und Sympathisanten des Ex­Präsidenten festzustellen. 7.3. Eigenen Angaben zufolge wurde die Beschwerdeführerin in der Nähe  von C. geboren. Dort wuchs sie bei U. auf und studierte an V.______, bis  sie sich im (…) nach D. begab. Zwar seien auch die Geschwister (wieder)  in  C.  wohnhaft,  aus  welcher  Stadt  sie  im  (…)  wegen  der  exzessiven  Gewalt unvermittelt hätten  flüchten müssen, doch seien sie gezwungen,  sich  bei  verschiedenen  Bekannten  aufzuhalten,  und  hätten  keine  feste  Bleibe.  Allenfalls,  doch  kaum  wahrscheinlich,  vermöchten  die  gute  Ausbildung  und  das  familiäre  und  soziale  Beziehungsnetz,  soweit  allerdings  überhaupt  noch  vorhanden,  eine  Reintegration  der  Beschwerdeführerin  in  C.  nicht  gänzlich  verunmöglichen.  Hinzu  kommt  indes,  dass  ihr  gestützt  auf  die  am  7. Juli  2011  eingereichten  Beweismittel  nach  einer  N.  mit  anschliessendem  Suizidversuch  die  Diagnose  O.  gestellt  wurde,  wobei  sie  zwingend  auf  eine  traumabezogene  Psychotherapie  mit  einer  voraussichtlichen  Dauer  von  (…) Jahren angewiesen sei: Sie brauche Ruhe und Sicherheit  im Alltag  und  eine  Retraumatisierung  sei  zu  vermeiden;  sie  spreche  gut  auf  die  Behandlung an und wirke aktiv mit, leide aber immer noch sehr unter der  Gewalterfahrung und  sei  latent  suizidal;  ein Therapieabbruch wäre  sehr  ungünstig,  wobei  angesichts  der  noch  nicht  erfolgten  Verarbeitung  der  traumatischen  Erfahrungen  die  Gefahr  einer  Chronifizierung  der  Symptome  bestünde.  In  Berücksichtigung  ihres  aktuellen  Gesundheitszustands  und  insbesondere  vor  dem  Hintergrund  der  dargelegten  Situation  im  Heimatstaat,  welche  sich  sowohl  generell  als  auch  im  Lichte  des  privaten  Umfelds  besehen  als  äusserst  unsicher  erweist,  erscheinen  die  persönlichen  Verhältnisse  der  Beschwerdeführerin  zum  gegenwärtigen  Zeitpunkt  als  derart  ungünstig,  dass das öffentliche  Interesse am Wegweisungsvollzug gegenüber dem  gegenläufigen  privaten  Interesse  zurückzutreten  hat  (vgl.  dazu  EMARK  1994  Nr. 18).  Aufgrund  des  Gesagten  ist  der  Wegweisungsvollzug  der  Beschwerdeführerin  in  die  Côte  D'Ivoire  ohne  eingehende  weitere  Prüfung als zurzeit nicht zumutbar zu qualifizieren. 7.4. Der Vollzug der Wegweisung  in die Côte d'Ivoire erweist  sich nach  dem  Gesagten  als  unzumutbar  im  Sinne  von  Art. 83  Abs. 4  AuG.  Nachdem  sich  aus  den  Akten  keine  Hinweise  auf  das  Vorliegen  von 

D­6404/2009 Ausschlussgründen  im Sinne  von Art.  83 Abs. 7 AuG ergeben,  sind die  Voraussetzungen für die Anordnung der vorläufigen Aufnahme erfüllt. 8.  Aus  diesen  Erwägungen  ergibt  sich,  dass  die  Beschwerde  nach  dem  Gesagten  gutzuheissen  ist,  soweit  sie  die  Frage  des  Wegweisungsvollzugs betrifft.  Im Übrigen  ist sie abzuweisen. Die Ziffern  3 und 4 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 30. September 2009  sind  aufzuheben,  und  die  Vorinstanz  ist  anzuweisen,  die  Beschwerdeführerin  in  der  Schweiz  wegen  gegenwärtiger  Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. 9.  9.1. Im Hinblick auf die Kostenliquidation ist der Ausgang des Verfahrens  bezüglich der Fragen des Eintretens und der Anordnung der Wegweisung  als teilweises Unterliegen (Art. 63 Abs. 1, Satz 2 VwVG) zu werten, wobei  das  Bundesverwaltungsgericht  nach  seiner  Praxis  im  Asylbeschwerdeverfahren  bei  Konstellationen  wie  der  vorliegenden  den  partiellen  Misserfolg  mit  der  Hälfte  veranschlagt.  Dem  Ausgang  des  Verfahrens  entsprechend  wären  die  Kosten  des  Verfahrens  der  Beschwerdeführerin somit  in ermässigtem Umfang aufzuerlegen (Art. 63  Abs. VwVG). Nachdem sich die Beschwerde jedoch zum Zeitpunkt  ihrer  Anhängigmachung nicht als aussichtslos erwiesen hat und aufgrund der  Aktenlage  nach  wie  vor  von  der  prozessualen  Bedürftigkeit  der  Beschwerdeführerin auszugehen  ist,  ist das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen  Rechtspflege  (Art.  65  Abs.  1  VwVG)  gutzuheissen  und  auf die Auferlegung von Verfahrenskosten zu verzichten. 9.2. Ganz oder teilweise obsiegende Parteien haben Anspruch auf eine  Parteientschädigung  für  die  ihnen  erwachsenen  notwendigen  Kosten  (Art. 64 Abs. 1 VwVG; Art. 7 Abs. 1 des Reglements vom 21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE, SR 173.320.2]). Beim vorliegenden  Verfahrensausgang  ist  die  Beschwerdeführerin  mit  ihren  Rechtsbegehren  teilweise  durchgedrungen,  und  das  Bundesverwaltungsgericht  geht  in  diesem  Fall  praxisgemäss  von  einem  hälftigen  Obsiegen  aus.  Angesichts  dessen  ist  der  Beschwerdeführerin im Beschwerdeverfahren für diesen (einen) Teil in  Anwendung  von  Art.  64  Abs.  1  VwVG  i.V.m.  Art. 37  VGG  für  die 

D­6404/2009 Kosten  der Vertretung  und allfälligen weiteren  notwendigen Auslagen  eine  reduzierte  Parteientschädigung  zuzusprechen  (Art.  7  VGKE).  Nachdem keine Kostennote zu den Akten gereicht worden ist und sich  der  notwendige  Vertretungsaufwand  aufgrund  der  Aktenlage  hinreichend  zuverlässig  abschätzen  lässt,  ist  die  von  der  Vorinstanz  auszurichtende,  um  die  Hälfte  reduzierte  Parteientschädigung  unter  Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfaktoren von Amtes  wegen  auf  Fr.  (…)  (inklusive  Auslagen  und  allfällige Mehrwertsteuer)  festzusetzen (Art. 14 Abs. 2 VGKE). (Dispositiv nächste Seite)

D­6404/2009 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  hinsichtlich  des  Wegweisungsvollzugs  gutgeheissen. Im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die  Ziffern  3  und  4  des  Dispositivs  der  Verfügung  vom  30. September  2009  werden  aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen,  die  vorläufige  Aufnahme der Beschwerdeführerin anzuordnen. 3.  In  Gutheissung  des  Gesuchs  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  werden  der  Beschwerdeführerin  die  Verfahrenskosten  erlassen. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  der  Beschwerdeführerin  für  das  Rechtsmittelverfahren  eine  reduzierte  Parteientschädigung  von  Fr.  (…)  (inkl. Auslagen und allfällige Mehrwertsteuer) zu entrichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  die  Beschwerdeführerin,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Martin Zoller Daniel Widmer Versand:

D-6404/2009 — Bundesverwaltungsgericht 10.08.2011 D-6404/2009 — Swissrulings