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Bundesverwaltungsgericht 15.08.2011 D-6009/2006

15. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,793 Wörter·~9 min·2

Zusammenfassung

Asyl und Wegweisung | Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 15. Juni 2006

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­6009/2006/wif Urteil   v om   1 5 .   Augus t   2011 Besetzung Richter Martin Zoller (Vorsitz), Richterin Christa Luterbacher, Richter Hans Schürch; Gerichtsschreiber Philipp Reimann. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan, vertreten durch Annelise Gerber, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern, Vorinstanz. Gegenstand Asyl und Wegweisung; Verfügung des BFM vom 15. Juni 2006 / N (…).

D­6009/2006 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  verliess  seine  Heimat  eigenen  Angaben  zufolge  am  22. Mai  2005  und  gelangte  am  14. Mai  2006  nach  längeren  Aufenthalten  im  Iran,  der  Türkei  sowie  Griechenland  illegal  in  die  Schweiz, wo er am folgenden Tag um Asyl nachsuchte. Am 18. Mai 2006  erhob das BFM im Empfangs­ und Verfahrenszentrum (EVZ) Kreuzlingen  seine  Personalien  und  befragte  ihn  zu  seinem  Reiseweg  sowie –  summarisch – zu seinen Ausreisegründen. Am 12. Juni 2006 befragte ihn  das BFM einlässlich zu seinen Asylgründen. Im Wesentlichen machte der  Beschwerdeführer  dabei  geltend,  er  sei  in  B._______  in  der  heutigen  Provinz C._______ (…) geboren (vgl. act. A1/9 S. 1 Ziff. 1.10 i.V.m. act.  A13/12 S. 1 sub "Identität").  Im Jahre 2000 oder 2001 sei seine Familie  von C._______ in die Stadt Herat gezogen. Im Jahr 2003 habe sein Vater  eine  Verlobte  für  ihn  gefunden,  wobei  ihm  das  Benehmen  ihrer  Mutter  nicht gefallen habe. Gleichwohl habe er aus Zuneigung zu seinem Vater  in  die  Verlobung  eingewilligt,  die  im  Juli  2003  gefeiert  worden  sei.  Er  selbst  sei  zusammen  mit  seinem  ältesten  Bruder  als  D._______  tätig  gewesen.  Etwa  ein  Jahr  nach  seiner  Verlobung  habe  er  in  der  Nähe  seines  Arbeitsortes  eine  junge  Frau  namens  E._______  kennengelernt,  die  bereits  verheiratet  und  deren Ehemann F._______  gewesen  sei.  Er  habe  eine  Liebesbeziehung  mit  E._______  begonnen,  wobei  sie  sich  jeden  Freitagvormittag  in  einem  Park  getroffen  hätten  und  spazieren  gegangen  seien.  Sie  beide  hätten  auch  beabsichtigt,  zu  heiraten.  Ungefähr  ein  Jahr  später  hätten  der  Ehemann  der  jungen  Ehefrau  und  deren  Schwiegervater  von  ihrer  heimlichen  Affäre  erfahren,  was  ihm  E._______  mittels  Schulkindern  als  eingesetzten  Boten  sogleich  zugetragen  habe.  Am  folgenden  Tag  sei  sein  Vater  von  einem  Verwandten  des  betrogenen  Ehemannes  abgeholt  und  zu  den  Weissbärtigen begleitet worden. Er selbst habe sich  in dieser Zeit  in der  Nähe  der  Stadt  Herat  versteckt.  Sein  Vater  habe  in  der  Folge  bei  den  Weissbärtigen erfahren, dass er, der Beschwerdeführer, und E._______  gesteinigt werden sollten. Nachdem er zwei oder drei Tage später nach  Hause zurückgekehrt sei, habe ihm sein Vater hiervon erzählt,  ihm Geld  gegeben  und  ihn  aufgefordert,  Afghanistan  schnellstmöglich  zu  verlassen,  worauf  er  seine Heimat  wenig  später  verlassen  habe  und  in  den  Iran weitergereist sei. Etwa sechs Monate später habe er auch den  Iran verlassen und sei im Mai 2006 in die Schweiz gelangt.

D­6009/2006 B.  Mit  –  selbentags  eröffneter  –  Verfügung  vom  15. Juni  2006  stellte  das  BFM  fest,  der Beschwerdeführer erfülle die Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte  das  Asylgesuch  ab.  Zur  Begründung  führte  das  BFM  namentlich  aus,  seine  Vorbringen  genügten  den  Anforderungen  an  das  Glaubhaftmachen  nicht,  da  sie  teils  der  allgemeinen  Erfahrung  widersprechend  beziehungsweise  unlogisch,  teils  auffallend  vage,  stereotyp und undifferenziert ausgefallen seien. Gleichzeitig verfügte das  BFM  die  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  aus  der  Schweiz  und  ordnete  den  Vollzug  der  Wegweisung  an.  In  diesem  Zusammenhang  merkte die Vorinstanz an, der Beschwerdeführer verfüge in seiner Heimat  über  ein  soziales  Beziehungsnetz,  da  dort  sowohl  seine  beiden  Eltern,  seine  Geschwister  sowie  ein  Onkel  und  eine  Tante  leben  würden.  Im  weiteren  führe sein Vater  in der Stadt Herat einen G._______, während  sein  ältester  Bruder  im  H.______  tätig  sei.  Ferner  spreche  der  Beschwerdeführer nach eigenen Angaben sowohl Dari als auch Farsi und  sei  des  Lesens  und  Schreibens  kundig,  womit  seine  Chancen  gut  stünden,  sich  bei  einer  Rückkehr  nach  Afghanistan  wieder  ins  wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in seiner Heimat reintegrieren  zu  können.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  erscheine  auch  unter  Berücksichtigung  der  gegenwärtigen  Lage  im  Heimatland  als  zulässig,  zumutbar und möglich. C.  Mit Eingabe vom 17. Juli 2006 liess der Beschwerdeführer mittels seiner  Rechtsvertreterin gegen den Entscheid des BFM vom 15. Juni 2006 bei  der  damals  zuständigen  Schweizerischen  Asylrekurskommission  (ARK)  Beschwerde erheben und beantragen, es sei der negative Asylentscheid  vom  15. Juni  2006  aufzuheben.  Es  sei  seine  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen  und  ihm  als  Folge  davon Asyl  zu  gewähren.  Eventuell  sei  die Unzulässigkeit des Vollzugs der Wegweisung festzustellen und seine  vorläufige Aufnahme anzuordnen. Eventuell  sei  die Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der Wegweisung  festzustellen  und  seine  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen. In verfahrensrechtlicher Hinsicht  liess er beantragen, es sei  ihm  die  unentgeltliche  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  zu  gewähren.  Auf  die  Begründung  der  Beschwerde  wird,  soweit  entscheiderheblich,  im  Rahmen der Erwägungen eingegangen.

D­6009/2006 D.  Mit Instruktionsverfügung vom 21. Juli 2006 hielt die vormalige ARK fest,  der  Beschwerdeführer  dürfe  den  Ausgang  seines  Verfahrens  in  der  Schweiz abwarten. Im Weiteren verwies sie das Gesuch um Gewährung  der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art.  65 Abs.  1 VwVG  in  den  Endentscheid  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Ausserdem ersuchte  die ARK die Rechtsvertretung  darum, ihr allfällige Veränderungen in den finanziellen Verhältnissen des  Beschwerdeführers umgehend mitzuteilen. E.  Das BFM beantragte in seiner Vernehmlassung vom 29. August 2006 die  Abweisung der Beschwerde. F.  Die  ARK  stellte  der  Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  die  Vernehmlassung des BFM vom 29. August 2006 am 11. September 2006  zur Kenntnisnahme zu. G.  Mit  Schreiben  vom  11. Juli  2007  teilte  die  Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  dem  seit  dem  1. Januar  2007  als  Nachfolgeorganisation  der  ARK  zuständigen  Bundesverwaltungsgericht  mit,  dass  sie  ab  sofort  nicht  mehr  bei  der  Asylhilfe  Bern  arbeite,  das  vorliegende  Beschwerdeverfahren  indessen  weiterhin  betreue,  wobei  weitere Korrespondenz an ihre neue Adresse (…) zu richten sei. H.  Mit  Zwischenverfügung  vom  19. Juli  2011  räumte  das  Bundesverwaltungsgericht  dem  Beschwerdeführer  mittels  seiner  Rechtsvertreterin  die  Möglichkeit  ein,  angesichts  der  bereits  länger  zurückliegenden  Ausreise  aus  seiner  Heimat  allfällige  Änderungen  hinsichtlich  seines  sozialen  Beziehungsnetzes  in  der  Stadt  Herat  bekanntzugeben.  Sollte  das  Gericht  bis  zum  3. August  2011  ohne  Nachricht  geblieben  sein,  werde  davon  ausgegangen,  dass  die  vom  Beschwerdeführer  diesbezüglich  im  Rahmen  des  Asylverfahrens  gemachten Aussagen nach wie vor aktuell seien. I.  Mit Eingabe vom 2. August 2011 teilte die Rechtsvertreterin mit, dass ihr  Mandant heute mit seiner Familie keinen Kontakt mehr habe. Wie er zu 

D­6009/2006 einem  früheren Zeitpunkt  in Erfahrung  gebracht  habe,  sei  sein  jüngerer  Bruder,  I._______, zu einem Onkel nach Pakistan gegangen.  I._______  habe  ihm  seinerzeit  erzählt,  dass  die  Familie  wieder  von  Herat  nach  C._______  zurückgekehrt  sei  und  den G._______  in Herat  aufgegeben  habe.  Sein  Bruder  habe  ihm  damals  auch  mitgeteilt,  dass  seine  (des  Beschwerdeführers)  frühere  Freundin  (E._______)  vielleicht  ebenfalls  nach  Pakistan  geflohen  sei.  Seit  einem  Jahr  sei  indessen  auch  der  Kontakt  zwischen  ihrem  Mandanten  und  dessen  vorerwähntem  Bruder  abgebrochen.  Er  wisse  somit  nicht,  wo  sich  seine  Familie  momentan  aufhalte. Im Weiteren  reichte die Rechtsvertreterin namentlich drei Bestätigungen  bezüglich vom Beschwerdeführer besuchter Deutschkurse in den Jahren  2006 und 2007 zu den Akten. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  im  Bereich  des  Asylrechts  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  eines  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende  Person  Schutz  sucht  (Art. 105  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  [AsylG,  SR  142.31];  Art. 83  Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2. Das  Bundesverwaltungsgericht  hat  am  1. Januar  2007  die  bei  der  vormaligen ARK am 31. Dezember 2006 hängig gewesenen Rechtsmittel  übernommen.  Die  Beurteilung  erfolgt  nach  neuem  Verfahrensrecht  (Art. 53 Abs. 2 VGG). 1.3.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt,  hat ein schutzwürdiges  Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung und  ist daher zur Einreichung der Beschwerde  legitimiert. Auf 

D­6009/2006 die  frist­ und  formgerecht eingereichte Beschwerde  ist somit einzutreten  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1,  50  und  Art. 52  VwVG). 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  3.1.  Gemäss  Art. 2  Abs. 1  AsylG  gewährt  die  Schweiz  Flüchtlingen  grundsätzlich  Asyl.  Flüchtlinge  sind  Personen,  die  in  ihrem Heimatstaat  oder  im Land,  in dem sie zuletzt wohnten, wegen  ihrer Rasse, Religion,  Nationalität,  Zugehörigkeit  zu  einer  bestimmten  sozialen  Gruppe  oder  wegen ihrer politischen Anschauungen ernsthaften Nachteilen ausgesetzt  sind  oder  begründete  Furcht  haben,  solchen  Nachteilen  ausgesetzt  zu  werden. Als  ernsthafte Nachteile  gelten  namentlich  die Gefährdung  des  Leibes,  des  Lebens  oder  der  Freiheit  sowie  Massnahmen,  die  einen  unerträglichen psychischen Druck bewirken (vgl. Art. 3 AsylG). 3.2.  Wer  um  Asyl  nachsucht,  muss  die  Flüchtlingseigenschaft  nachweisen  oder  zumindest  glaubhaft  machen.  Diese  ist  glaubhaft  gemacht,  wenn  die  Behörde  ihr  Vorhandensein  mit  überwiegender  Wahrscheinlichkeit  für  gegeben  hält.  Unglaubhaft  sind  insbesondere  Vorbringen, die in wesentlichen Punkten zu wenig begründet oder in sich  widersprüchlich sind, den Tatsachen nicht entsprechen oder massgeblich  auf  gefälschte  oder  verfälschte  Beweismittel  abgestützt  werden  (Art. 7  AsylG). 4.  4.1.  Der  Beschwerdeführer  begründete  sein  Asylgesuch  namentlich  damit, er habe aus Afghanistan  flüchten müssen, da  ihm die Steinigung  gedroht  habe,  nachdem  sein  Liebesverhältnis  mit  einer  verheirateten  Frau  deren Ehemann  beziehungsweise  dessen Vater  bekanntgeworden  sei. 4.2. Wie das BFM  in der angefochtenen Verfügung  indessen zutreffend  festgestellt  hat,  weisen  die  Schilderungen  des  Beschwerdeführers  in  Bezug auf den Verlauf der Affäre und  in Bezug auf sein Verhalten nach  Bekanntwerden  seines  Liebesverhältnisses  derart  viele Ungereimtheiten 

D­6009/2006 auf,  dass  an  der  Glaubhaftigkeit  seiner  entsprechenden  Vorbringen  gezweifelt werden muss. 4.2.1.  So  ist  tatsächlich  nicht  nachvollziehbar,  weshalb  der  Beschwerdeführer  jeden Freitag einen Spaziergang mit seiner Geliebten  in einem öffentlichen Park unternommen und sie bisweilen auch zuhause  besucht haben soll, da hierdurch das reelle Risiko bestanden hätte, von  einer Person aus dem Umfeld des Ehemannes oder seiner Geliebten als  deren  Begleiter  entdeckt  beziehungsweise  beobachtet  zu  werden.  Die  diesbezügliche,  im  Übrigen  reichlich  undifferenziert  anmutende  Entgegnung  in  der  Beschwerde,  die  Nachbarn  in  Herat  seien  "alles  vertriebene Menschen" gewesen, die "sich auch nicht so für die privaten  Angelegenheiten der anderen"  interessiert hätten  (vgl. Beschwerde S. 4  oben), vermag hieran im Ergebnis nichts zu ändern, da sie die Gefahr für  den  Beschwerdeführer,  von  Bekannten  oder  Verwandten  der  Geliebten  oder  deren  Ehemannes  in  der  Öffentlichkeit  entdeckt  zu  werden,  ja  keineswegs beseitigt hätte. 4.2.2.  Realitätsfremd  wirkt  sodann  die  Behauptung  des  Beschwerdeführers,  er  habe  sich  erst  in  der  Umgebung  von  Herat  versteckt,  nachdem  sein  Vater  von  einem  Verwandten  des  betrogenen  Ehemannes zu einer Aussprache mitgenommen worden sei, wiewohl ihn  die  Geliebte  bereits  am  Vortag  darüber  unterrichtet  habe,  dass  ihr  Verhältnis  aufgeflogen  sei,  musste  er  doch  als  Ehebrecher  im  afghanischen Kontext – wie von  ihm denn auch geltend gemacht wird –  unter  Umständen  damit  rechnen,  zum  Tode  verurteilt  zu  werden.  Dieselbe  Feststellung  gilt  auch  bezüglich  der  Behauptung  des  Beschwerdeführers,  nach  zwei  oder  drei  Tagen  zu  seinem  Vater  nach  Hause  zurückgekehrt  zu  sein,  hätte  er  doch  jederzeit  damit  rechnen  müssen, dort seitens der Angehörigen des Ehemannes seiner Geliebten  ausfindig gemacht beziehungsweise festgenommen zu werden. 4.2.3.  Gegen  die  Glaubhaftigkeit  seiner  Asylvorbringen  spricht  schliesslich  auch  die  aus  emotionaler  Sicht  zumindest  befremdlich  anmutende  Verhaltensweise  des  Beschwerdeführers,  seine  Heimat  auf  Anraten  seines  Vaters  unverzüglich  zu  verlassen,  ohne  den  weiteren  Verlauf  der  Geschehnisse  abzuwarten  oder  sich  um  das  weitere  Schicksal  seiner  Geliebten  zu  kümmern,  äusserte  er  sich  doch  unmissverständlich dahingehend, diese zu lieben und heiraten zu wollen  (vgl. act. A1/9 S. 5 Ziff. 15 i.V.m. act. A13/12 S. 7).

D­6009/2006 4.3. Zusammenfassend  ist  festzuhalten, dass es dem Beschwerdeführer  nicht  gelungen  ist,  eine  asylrechtlich  erhebliche  Verfolgungsgefahr  nachzuweisen  oder  zumindest  glaubhaft  zu  machen.  Zur  Vermeidung  weiterer  Wiederholungen  kann  im  Übrigen  vollumfänglich  auf  die  Erwägungen  in  der  angefochtenen  Verfügung  verwiesen  werden.  Es  erübrigt  sich  daher,  auf  weitere  Vorbringen  in  der  Beschwerde  einzugehen, da sie am Ergebnis nichts ändern können. Das Bundesamt  hat  sein  Asylgesuch  daher  zu  Recht  und  mit  zutreffender  Begründung  abgelehnt. 5.  5.1. Lehnt  das Bundesamt  das Asylgesuch  ab  oder  tritt  es  darauf  nicht  ein,  so  verfügt  es  in  der  Regel  die Wegweisung  aus  der  Schweiz  und  ordnet den Vollzug an; es berücksichtigt dabei den Grundsatz der Einheit  der Familie (Art. 44 Abs. 1 AsylG). 5.2. Der Beschwerdeführer  verfügt weder  über  eine  ausländerrechtliche  Aufenthaltsbewilligung  noch  über  einen  Anspruch  auf  Erteilung  einer  solchen. Die Wegweisung wurde demnach zu Recht angeordnet (Art. 44  Abs. 1  AsylG;  BVGE  2009/50  E.  9  S.  733  mit  weiteren  Hinweisen,  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 6.  6.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Gemäss ständiger Rechtsprechung sind die genannten drei Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  alternativer  Natur.  Sobald  eine  davon  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  der  betroffenen  Person  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln  (vgl.  EMARK  2006  Nr.  6  E.  4.2  S.  54  f.).  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  dieser  vorläufigen  Aufnahme  steht  dem  weggewiesenen  Asylsuchenden  wiederum  die  Beschwerde  an  das  Bundesverwaltungsgericht offen (Art. 112 AuG i.V.m. Art. 84 Abs. 2 AuG).  In  diesem  Verfahren  wäre  dann  der  Vollzug  der Wegweisung  vor  dem 

D­6009/2006 Hintergrund  sämtlicher  Vollzugshindernisse  von  Amtes  wegen  nach  Massgabe der  in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse zu prüfen  (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748). 6.2.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung  –  aus  den  nachfolgend  aufgeführten  Gründen  –  als  unzumutbar  erweist,  ist  dementsprechend  auf  eine  Erörterung  der  beiden  anderen  Kriterien  zu  verzichten. 7.  7.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsland auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818). 7.2.  In Bezug auf die allgemeine Lage  in Afghanistan kann auf die vom  Bundesverwaltungsgericht  vorgenommene  Einschätzung  der  Lage  in  einem  vor  kurzem  ergangenen,  zur  Publikation  vorgesehenen  Grundsatzurteil  verwiesen  werden  (vgl.  Urteil  des  Bundesverwaltungsgerichts  E­7625/2008  vom  16.  Juni  2011).  Das  Gericht  stellt  dort  zusammenfassend  fest, dass  in weiten Teilen von Afghanistan – ausser  allenfalls  in  Grossstädten  –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und  derart schwierige humanitäre Bedingungen bestünden, dass die Situation  als existenzbedrohend  im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren  sei.  Von  dieser  allgemeinen  Feststellung  sei  die  Situation  in  der  Hauptstadt  Kabul  zu  unterscheiden.  Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich dort  die Sicherheitslage  im Verlaufe des  vergangenen Jahres nicht  weiter verschlechtert habe und die humanitäre Situation  im Vergleich zu  den übrigen Gebieten etwas weniger dramatisch sei,  könne der Vollzug  der Wegweisung  nach Kabul  unter  Umständen  als  zumutbar  qualifiziert  werden.  Solche  Umstände  könnten  grundsätzlich  namentlich  dann  gegeben  sein,  wenn  es  sich  beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden Mann handle. Angesichts der bisher aufgezeigten  konstanten  Verschlechterung der Lage über die vergangenen Jahre hinweg und der  auch  in  Kabul  schwierigen  Situation  verstehe  es  sich  aber  von  selbst,  dass  die  bereits  in  EMARK  2003  Nr.  10  formulierten  strengen 

D­6009/2006 Bedingungen  in  jedem  Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und  erfüllt  sein  müssten,  um  einen  Wegweisungsvollzug  nach  Kabul  als  zumutbar  zu  qualifizieren. Unabdingbar sei in erster Linie ein soziales Netz, dass sich  im Hinblick auf die Aufnahme und Wiedereingliederung des Rückkehres  als  tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie oder Bekannte  würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul unweigerlich in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen  (vgl.  a.a.O.  E.  9.9.1  f.).  Die  Frage,  ob  hinsichtlich  der  Städte  Mazar­i­ Sharif  und  Herat  in  Bezug  auf  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  Ähnliches  gesagt  werden  könne  wie  zu  Kabul,  wurde im erwähnten Grundsatzurteil offen gelassen, weil von vornherein  ungenügende Anknüpfungspunkte bestanden (vgl. a.a.O. E. 9.9.3). 7.3. Der  Beschwerdeführer  hat  zwar  nach  eigenem Bekunden während  der  letzten  vier  oder  fünf  Jahre  bis  zu  seiner  Ausreise  im  Mai  2005  zusammen mit seinen Eltern sowie mehreren Geschwistern  in der Stadt  Herat  gelebt.  Da  seine  Familie  indessen Herat  gemäss  dem Schreiben  seiner  Rechtsvertreterin  vom  2. August  2011  zu  einem  nicht  näher  bekannten  Zeitpunkt  wieder  verlassen  und  nach  C._______  zurückgekehrt  sein  soll,  muss  aufgrund  der  Akten  davon  ausgegangen  werden,  dass  er  in  Herat  über  keine  Verwandten  und  damit  kein  tragfähiges  Beziehungsnetz  mehr  verfügt,  welches  ihm  aufgrund  der  aktuell  schwierigen  Verhältnisse  bei  der  Reintegration  in  dieser  Stadt  behilflich sein könnte. Mit Blick auf die vorstehend dargelegte Situation im  Heimatland  (vgl.  E.  7.2)  ist  der  Wegweisungsvollzug  des  Beschwerdeführers  nach Herat  somit  ohne eingehende weitere Prüfung  als  nicht  zumutbar  zu  qualifizieren.  Da  der  Beschwerdeführer  überdies  gemäss den Akten weder in den Grossstädten Kabul noch Mazar­i­Sharif  über  weitere  Verwandte  verfügt,  kommt  von  vorneherein  auch  keine  Aufenthaltsalternative in diesen afghanischen Städten in Frage. 7.4.  Insgesamt  erweist  sich  der  Vollzug  der  Wegweisung  nach  Afghanistan im Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG als unzumutbar. Nachdem  sich aus den Akten keine Ausschlussgründe im Sinne von Art. 83 Abs. 7  AuG  ergeben,  sind  die  Voraussetzungen  für  die  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme somit erfüllt. 8.  Nach dem Gesagten  ist die Beschwerde gutzuheissen, soweit beantragt  wird, es sei die Unzumutbarkeit des Wegweisungsvollzugs  festzustellen;  im  Übrigen  ist  sie  abzuweisen.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der 

D­6009/2006 vorinstanzlichen Verfügung vom 15. Juni 2006 sind demnach aufzuheben  und  das  BFM  ist  anzuweisen,  den  Aufenthalt  des  Beschwerdeführers  nach  den  gesetzlichen Bestimmungen  über  die  vorläufige Aufnahme  zu  regeln  (vgl.  Art.  44  Abs.  2  AsylG  und  Art.  83  Abs.  4  AuG). 9.  9.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  ist  dem  Beschwerdeführer  grundsätzlich  ein  reduzierter  Anteil  der  Verfahrenskosten  aufzuerlegen  (Art.  63  Abs.  1  und  2  VwVG).  Der  Beschwerdeführer  hat  im  Rahmen  seiner  Beschwerde  ein  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  gestellt,  das  vom  Instruktionsrichter mit Verfügung vom 21. Juli 2006  in den Endentscheid  verwiesen  worden  ist.  Da  der  Beschwerdeführer  erst  seit  kurzem  einer  Erwerbstätigkeit  im  Gastgewerbe  nachgeht,  ist  immer  noch  von  seiner  Bedürftigkeit  auszugehen,  weshalb  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Prozessführung  –  soweit  nicht  durch  die  teilweise  Gutheissung der Beschwerde gegenstandslos geworden – gutzuheissen  und folglich auf die Erhebung von Verfahrenskosten zu verzichten ist. 9.2.  Gemäss  Art.  64  Abs.  1  VwVG  kann  die  Beschwerdeinstanz  der  obsiegenden  Partei  eine  Parteientschädigung  für  die  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zusprechen.  Angesichts  des  teilweisen  Obsiegens  ist  dem  vertretenen  Beschwerdeführer  eine  reduzierte  Parteientschädigung  zuzusprechen  (Art.  7  Abs.  2  des Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE, SR 173.320.2). Die Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  hat  keine  Kostennote  eingereicht.  Der  Vertretungsaufwand  lässt  sich  indessen  aufgrund  der  Verfahrensakten  verlässlich  einschätzen,  weshalb  auf  die  Einforderung  einer  Kostennote  zu  verzichten  ist  (vgl.  Art.  14  Abs.  2  in  fine  VGKE).  Unter  Berücksichtigung der massgebenden Berechnungsfaktoren (Art. 9­11 und  13  VGKE)  ist  die  um  die  Hälfte  zu  kürzende  Parteientschädigung  auf  Fr. 400.–  (inklusive  Auslagen  und  Mehrwertsteuer)  festzusetzen.  Das  BFM  ist  anzuweisen,  dem  Beschwerdeführer  diesen  Betrag  als  Parteientschädigung zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­6009/2006 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die  Beschwerde  wird  gutgeheissen,  soweit  die  Feststellung  der  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  und  die  Anordnung  der  vorläufigen Aufnahme beantragt wird; im Übrigen wird sie abgewiesen. 2.  Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der Verfügung des BFM vom 15. Juni  2006 werden aufgehoben. 3.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer  vorläufig  aufzunehmen. 4.  Das Gesuch um Gewährung der  unentgeltlichen Rechtspflege  im Sinne  von Art.  65 Abs.  1 VwVG wird  gutgeheissen,  soweit  es  nicht  durch  die  teilweise Gutheissung der Beschwerde gegenstandslos geworden ist. 5.  Es werden keine Verfahrenskosten erhoben. 6.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung  von  Fr. 400.–  (inklusive  Auslagen  und  Mehrwertsteuer) auszurichten. 7.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Martin Zoller Philipp Reimann Versand:

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