Skip to content

Bundesverwaltungsgericht 22.09.2011 D-4749/2011

22. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,470 Wörter·~7 min·2

Zusammenfassung

Kantonszuweisung und Kantonswechsel | Kantonszuweisung und Kantonswechsel; Verfügung des BFM vom 27. Juli 2011

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­4749/2011 Urteil   v om   2 2 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richterin Nina Spälti Giannakitsas (Vorsitz), Richter Daniele Cattaneo, Richter Hans Schürch,    Gerichtsschreiber Lorenz Mauerhofer. Parteien A._______, geboren …, Irak,   vertreten durch lic. iur. Kristina Herenda, Rechtsanwältin,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM),  Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Kantonszuweisung und Kantonswechsel;  Verfügung des BFM vom 27. Juli 2011 / N … .

D­4749/2011 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer  –  ein  Staatsangehöriger  des  Irak  aus  ...  [dem  Zentralirak] – reichte am 2. März 2009 in der Schweiz ein Asylgesuch ein.  Dabei gab er im Rahmen der Kurzbefragung und der Anhörung zu seinen  Gesuchsgründen unter anderem an, sein Vater sei auch in der Schweiz,  er  sei  im  Kanton  V._______  wohnhaft  und  er  verfüge  dort  über  eine  Aufenthaltsbewilligung. Seinen Vater  habe er  bereits  seit  sieben  Jahren  nicht mehr gesehen und er wolle nun bei ihm sein.  B.  Vier  Tage  nach  der  Anhörung  zu  den Gesuchsgründen  –  am  17. März  2009 – wies das BFM den bereits volljährigen Beschwerdeführer  für die  Dauer  des  Asylverfahrens  dem  Kanton  W._______  zu.  Dieser  Zwischenentscheid blieb unangefochten.  C.  Ein  Jahr  später – mit Verfügung vom 17. März 2010 –  lehnte das BFM  das  Asylgesuch  des  Beschwerdeführers  ab  und  verfügte  dessen  Wegweisung.  Gleichzeitig  ordnete  das  Bundesamt  zufolge  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges  in  den  Zentralirak  die  vorläufige  Aufnahme  des  Beschwerdeführers  in  der  Schweiz  an.  Dabei  wurde der bisherige Zuweisungskanton W._______ vom Bundesamt mit  der Umsetzung der vorläufigen Aufnahme beauftragt. Die Verfügung des  BFM vom 17. März 2010 ist unangefochten in Rechtskraft erwachsen.  D.  Ein  weiteres  Jahr  später  –  mit  Eingabe  vom  11.  Mai  2011  –  liess  der  Beschwerdeführer durch seine Rechtsvertreterin … [bei der zuständigen  ausländerrechtlichen  Behörde]  des  Kantons  V._______  um  die  Bewilligung  eines  Kantonswechsels  ersuchen.  In  seiner  Eingabe  führte  der Beschwerdeführer aus, er sei in X._______ [Kanton W.] angemeldet,  sein Arbeitsort liege jedoch seit geraumer Zeit in Y._______ [Kanton V.],  wo  er  nach  drei  temporären Einsätzen  seit  dem 1. Mai  2011  über  eine  Festanstellung  verfüge.  Nachdem  auch  seine  Eltern  im  Kanton  V._______  wohnhaft  seien,  ersuche  er  um  die  Bewilligung  eines  Wechsels  vom Kanton W._______  in  den Kanton V._______. Da  er  im  gleichen  Betrieb  wie  sein  Vater  arbeite  und  seine  Eltern  in  Z._______  lebten, würde er nach dem Kantonswechsel zu seinen Eltern ziehen.

D­4749/2011 E.  Am  24.  Mai  2011  überwies  …  [die  zuständige  ausländerrechtliche  Behörde]  des  Kantons  V._______  die  Gesucheingabe  ans  BFM,  wobei  die  kantonale  Behörde  beim  Bundesamt  zugleich  die  Ablehnung  des  Kantonswechselgesuches beantragte.  F.  Am 17. Juni 2011 gewährte das BFM dem Beschwerdeführer im Hinblick  auf  eine  voraussichtliche  Ablehnung  des  Kantonswechselgesuches  das  rechtliche Gehör. Dabei hielt das Bundesamt fest, der Kanton V._______  habe die Zustimmung zu einem Kantonswechsel verweigert und aufgrund  der Gesuchseingabe sei nicht zu schliessen, dass der Beschwerdeführer  über einen Anspruch auf Einheit der Familie verfüge oder dass in seinem  Fall  von  einer  schwerwiegenden  Gefährdung  auszugehen  wäre.  Die  Beziehung zu seinen  im Kanton V._______ wohnhaften Eltern könne er  als volljährige Person auch ohne gemeinsamen Wohnsitz  leben und ein  Härtefall  liege  nicht  vor,  weshalb  eine  Ablehnung  des  Kantonswechselgesuches in Erwägung gezogen werde.  G.  Am 1. Juli 2011 wurde vorab eine Arbeitgeberbestätigung eingereicht und  am  12. Juli  2011  liess  der  Beschwerdeführer  durch  seine  Rechtsvertreterin  eine  Stellungnahme  nachreichen.  In  seiner  Stellungnahme  machte  er  vorab  geltend,  der  Entscheid  über  einen  Kantonswechsel  nach  Art. 85  Abs.  3  des  Bundesgesetzes  vom  16.  Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  (AuG,  SR  142.20)  unterliege  wie  alle  Verwaltungsakte  dem  Verhältnismässigkeitsprinzip,  weshalb  das  öffentlich  Interesse  an  der  Verweigerung  eines  Kantonswechsel  seinem  privaten  Interesse  an  der  Erteilung  der  Bewilligung  gegenüberzustellen  sei.  In  dieser  Hinsicht  machte  er  unter  Verweis  auf  seine  Festanstellung  bei  einem Betrieb  in  Y._______,  seinen  sehr  langen  Arbeitsweg,  seine  Beschäftigung  im  Schichtbetrieb  und  seine  erheblichen  Reisekosten  geltend,  bei  einem  gemeinsamen Wohnsitz mit seinen Eltern würde sowohl er als auch seine  Eltern  (wegen  geringerer Wohnkosten)  enorm  profitieren.  Der  bisherige  Arbeitsweg  sei  demgegenüber  unzumutbar  lang  und  kostenintensiv,  weshalb  ein  erhebliches  Interesse  am  Kantonswechsel  gegeben  sei.  Zudem befinde sich sein gesamtes Beziehungsnetz rund um Y._______,  weshalb  er  nach  Z._______  ziehen  wolle.  Zudem  bestehe  auch  eine  enge  Bindung  zu  den  Eltern,  weshalb  er  sich  auch  auf  Art.  8  der  Konvention  vom  4. November  1950  zum  Schutze  der  Menschenrechte 

D­4749/2011 und Grundfreiheiten (EMRK, SR 0.101) stützen könne. Zwar sei er bereits  volljährig,  doch  sei  eine  Berufung  auf  den  Schutzbereich  dieser  Bestimmung  statthaft,  wenn  ein  besonderes  Abhängigkeitsverhältnis  vorliege. In seinem Falle sei eine ausserordentliche Härte gegeben, da er  an seinem Wohnort in X._______ komplett auf sich alleine gestellt sei. H.  Mit Verfügung des BFM vom 27. Juli 2011 – eröffnet am 29. Juli 2011 –  wurde  das  Kantonswechselgesuch  abgelehnt.  Auf  die  Entscheidbegründung wird nachfolgend eingegangen.  I.  Am  12.  August  2011  gelangte  der  Beschwerdeführer  durch  seine  Rechtsvertreterin  mit  einer  als  "Wiedererwägungsgesuch"  bezeichneten  Eingabe  ans  BFM,  worin  er  ausdrücklich  eine  (wiederwägungsweise)  Aufhebung  der  Verfügung  des  BFM  vom  27.  Juli  2011  und  die  Bewilligung  des  ersuchten  Kantonswechsels  beantragte.  Auf  die  Begründung der Eingabe wird nachfolgend eingegangen.   J.  Diese  Eingabe  wurde  am  29. August  2011  vom  BFM  formlos  ans  zuständige  Bundesverwaltungsgericht  weitergeleitet  (vgl.  Art.  8  Abs.  1  des  Bundesgesetzes  vom  20.  Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren [VwVG, SR 172.021]).  K.  Mit Zwischenverfügung des Bundesverwaltungsgerichts  vom 31. August  2011  wurde  die  vorgenannte  Eingabe  als  Beschwerde  gegen  die  Verfügung des BFM vom 27. Juli 2011 entgegengenommen. Gleichzeitig  wurde  der  Beschwerdeführer  aufgefordert,  innert  Frist  einen  Kostenvorschuss  von  Fr.  600.–  einzuzahlen,  unter  Androhung  des  Nichteintretens im Unterlassungsfall (vgl. Art. 63 Abs. 4 VwVG).  L.  Am 31. August 2011 erhob der Beschwerdeführer – handelnd durch seine  Rechtsvertreterin  –  mittels  Eingabe  ans  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde gegen den Entscheid  des BFM.  In  dieser  zweiten Eingabe  beantragte er wiederum die Aufhebung der Verfügung des BFM vom 27.  Juli  2011  und  die  Bewilligung  des  ersuchten  Kantonswechsels.  Auf  die  Begründung wird nachfolgend eingegangen.

D­4749/2011 M.  Mit  Zwischenverfügung  des  Bundesverwaltungsgerichts  vom  5.  September  2011  wurde  die  vorgenannte  Eingabe  als  Beschwerdeergänzung entgegen genommen und auf  die  noch  laufende  Zahlungsfrist hingewiesen.  N.  Der einverlangte Kostenvorschuss wurde  in der Folge am 8. September  2011 fristgerecht eingezahlt.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  entscheidet  unter  anderem  über  Beschwerden  gegen Verfügungen  des BFM;  im Bereich  der  vorläufigen  Aufnahme sind die Entscheide des Bundesverwaltungsgerichts endgültig  (vgl.  Art.  112  Abs.  1  AuG  i.V.m.  Art.  31  und  33  des  Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005 [VGG, SR 173.32] sowie  Art.  83  Bst.  c  Ziff.  3  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG, SR 173.110]). 1.2.  Im  verwaltungsrechtlichen  Beschwerdeverfahren  kann  im  Regelfall  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder  unvollständige  Feststellung  des  rechtserheblichen  Sachverhalts  und  die  Unangemessenheit  gerügt  werden  (Art.  49  VwVG).  Im  Zusammenhang  mit  Kantonswechselgesuchen  von  vorläufig  in  der  Schweiz  aufgenommenen  Personen  besteht  allerdings  insofern  eine  Einschränkung, als ein diesbezüglicher Entscheid des BFM nur  insoweit  angefochten  werden  kann,  als  geltend  gemacht  wird,  der  Entscheid  verletze den Grundsatz der Einheit der Familie (Art. 85 Abs. 4 AuG). Die  Bestimmungen  von  Art.  85  Abs.  4  AuG  und  Art. 27  Abs.  3  des  Asylgesetzes  vom  26.  Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31),  wonach  der  Zuweisungsentscheid  beziehungsweise  ein  Entscheid  über  ein  Kantonswechselgesuch  nur  mit  der  Begründung  angefochten  werden  kann,  der  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  sei  verletzt,  haben  den  gleichen materiellen Inhalt, weshalb es sich rechtfertigt, die in Bezug auf  Art. 27 Abs.  3 AsylG entwickelte Rechtsprechung auch  im Rahmen von  Art.  85  Abs.  4  AuG  zu  berücksichtigen.  So  wurde  in  diesem  Zusammenhang  mehrfach  auf  die  eingeschränkte  Kognition  des  Bundesverwaltungsgerichts  verwiesen  (vgl.  statt  vieler  BVGE  2009/54), 

D­4749/2011 was zudem dazu  führt,  dass auch  formelle Rügen nur  insoweit  zulässig  sind,  als  sie  sich  auf  die  Frage  der  Einheit  der  Familie  beziehen  (vgl.  BVGE 2008/47). 1.3. Der Beschwerdeführer  ist demnach insoweit  legitimiert (Art. 48 Abs.  1 VwVG), als er eine Verletzung des Grundsatzes der Einheit der Familie  geltend macht (Art. 85 Abs. 4 AuG). Die Beschwerde erweist sich als frist­  und formgerecht (Art. 50 Abs. 1 i.V.m. Art. 22a Abs. 1 Bst. b sowie Art. 52  Abs.  1  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  daher  in  diesem  Sinne  einzutreten.  1.4. Gestützt auf Art. 57 Abs. 1 VwVG ist auf einen Schriftenwechsel zu  verzichtet,  da  sich  die  Beschwerde  –  wie  nachfolgend  aufgezeigt  –  als  zum Vornherein unbegründet erweist.  2.  2.1. Zur Begründung seines Entscheides führt das BFM im Wesentlichen  aus,  vorläufig  aufgenommene  Personen  seien  innerhalb  ihres  Zuweisungskantons bei Wahl ihres Wohnortes frei, wogegen ein Wechsel  des  Zuweisungskantons  nur  verfügt  werde,  wenn  ein  Anspruch  auf  Einheit der Familie bestehe oder wenn eine schwerwiegende Gefährdung  vorliege.  Würden  anderen  Gründe  geltend  gemacht,  bedürfe  dies  der  Zustimmung  der  betroffenen  Kantone.  Nachdem  …  [die  zuständige  ausländerrechtlichen Behörde]  des Kantons V._______ die Zustimmung  zu  einem  Kantonswechsel  verweigert  habe  und  im  Falle  des  Beschwerdeführers die  vorgenannten Kriterien  (Einheit  der Familie  oder  schwerwiegende Gefährdung) nicht erfüllt seien, sei das Gesuch vom 11.  Mai  2011  abzuweisen.  Entgegen  seinen  Vorbringen  könne  sich  der  volljährige Beschwerdeführer auch nicht auf den Schutzbereich von Art. 8  EMRK  berufen,  da  dieser  der  Kernfamilie  und  damit  Ehegatten  und  minderjährigen  Kindern  vorbehalten  sei.  Als  volljähriges  Kind  könnte  er  sich  darauf  nur  berufen,  wenn  er  wegen  körperlicher  oder  geistiger  Invalidität  oder  schwerer  Krankheit  eine  dauernde  Betreuung  benötigen  würde und in einem eigentlichen Abhängigkeitsverhältnis zu seinen Eltern  stände. Dies sei jedoch nicht der Fall.  2.2. Im Rahmen seiner Eingaben vom 12. und 31. August 2011 bekräftigt  der  Beschwerdeführer  sein  Begehren  nach  einem  Wechsel  des  Zuweisungskantons, welchem sowohl in Beachtung des Grundsatzes der  Verhältnismässigkeit  nach  Art.  5  Abs.  2  und  Art.  36  der  Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft vom 18. April 

D­4749/2011 1999 (BV, SR 101) als auch vor dem Hintergrund seiner Ansprüche aus  Art.  8 EMRK zu entsprechen  sei. Diesbezüglich  führt  er  in  der Eingabe  vom 12. August 2011 an, sein persönliches Interesse an einem Wechsel  des  Zuweisungskantons  sei  aufgrund  seiner  Arbeits­  und  Familiensituation  offensichtlich  ausgewiesen,  wogegen  ein  öffentliches  Interesse an einer Verweigerung der Bewilligung nicht erkennbar sei. Ein  Wechsel  läge  vielmehr  auch  im  öffentlichen  Interesse,  da  damit  seine  wirtschaftliche  Situation  gefestigt  und  der  Kanton  W._______  vor  möglichem Schaden durch eine allfällige Sozialhilfeabhängigkeit bewahrt  werde.  Mit  der  Verweigerung  der  Bewilligung  des  Kantonswechsels  werde  er  zudem  in  seinen  grundrechtlich  geschützten  Ansprüchen  auf  Bewegungsfreiheit  nach Art.  10 Abs.  2 BV und auf Gewährleistung des  Familienlebens  nach Art.  14 BV  beeinträchtigt, was  sich mangels  eines  öffentlichen  Interesses  an  der  Verweigerung  des  ersuchten  Kantonswechsels als unverhältnismässig und mit Art. 36 BV unvereinbar  erweise.  In  seiner  Eingabe  vom  31.  August  2011  bekräftigte  der  Beschwerdeführer  seine  Ausführungen  zur  Frage  der  Verhältnismässigkeit der Verweigerung des ersuchten Kantonswechsels,  wobei  wiederum  auf  seine  kosten­  und  zeitmässige  Belastung  durch  seinen  bisherigen  Wohnort  verwies,  respektive  auf  die  verschiedenen  Entlastungsmöglichkeiten im Falle eines Kantonswechsels. Aus Gründen  der  Verhältnismässigkeit  habe  er  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  der  Bewilligung  des  Kantonswechsels,  was  das  Bundesamt  in  seinem  Entscheid nach Art. 85 Abs. 4 AuG – bei welchem das BFM nicht an die  kantonalen Anträge gebunden sei – pflichtgemäss zu würdigen habe.  In  dieser  Hinsicht  stehe  den  Kantonen  bei  der  Verweigerung  der  Zustimmung  nicht  mehr  als  ein  blosses  Meinungsäusserungsrecht  zu.  Auch sei seinem persönlichen Interesse in analoger Anwendung von Art.  27  Abs.  3  AsylG  Nachachtung  zu  verschaffen.  Die  Bewilligung  des  Kantonswechsels  stehe  ihm  jedoch  nicht  nur  aus  Gründen  der  Verhältnismässigkeit zu, sondern auch unter Beachtung der Bestimmung  von Art.  8  EMRK.  Als  bereits  volljähriges Kind  falle  er  zwar  nicht mehr  unter  den  Schutzbereich  der  Kernfamilie,  eine  Berufung  auf  den  Schutzbereich von Art. 8 EMRK sei aber dennoch statthaft, da er erst ein  junger  Erwachsener  und  noch  sehr  stark  auf  die  Unterstützung  seines  Elternhauses  angewiesen  sei.  Für  ihn  sei  es  eine  ausserordentliche  Härte,  dass  er  an  seinem Wohnort …  komplett  auf  sich  alleine  gestellt  sei, während ihn seine Eltern im Kanton V._______ unterstützen könnten.  Da  sich  seine  gesamten  sozialen  Anknüpfungspunkte  im  Kanton  V._______  befänden,  sei  er  aktuell  komplett  von  seinem  Lebensmittelpunkt  ausgegrenzt.  Im  Übrigen  sei  es  im  Hinblick  auf  den 

D­4749/2011 Schutz  des  Familienlebens  nicht  nachvollziehbar,  dass  seiner  aus  dem  Herkunftsland  angereisten  Familie  in  der  Schweiz  eine  Wiedervereinigung verwehrt werde. 3.   3.1. Wurde eine vorläufig in der Schweiz aufgenommenen Person einem  Kanton  zugewiesen,  so  wird  –  wie  vom  BFM  zu  Recht  erwogen  –  ein  Wechsel  des  Zuweisungskantons  auf  Gesuch  hin  nur  bei  Zustimmung  beider  Kantone,  bei  Anspruch  auf  Einheit  der  Familie  oder  bei  schwerwiegender  Gefährdung  der  asylsuchenden  Person  oder  anderer  Personen  verfügt  (Art.  85  Abs.  3  AuG;  Art. 21  der  Verordnung  vom  11. August  1999  über  den  Vollzug  der  Weg­  und  Ausweisung  von  ausländischen Personen  [VVWA, SR 142.281]  i.V.m. Art.  22 Abs. 2 der  Asylverordnung 1 vom 11. August 1999 über Verfahrensfragen  [AsylV 1,  SR 142.311]). 3.2. Gemäss Art. 85 Abs. 3 AuG ist das Gesuch um Kantonswechsel von  vorläufig aufgenommenen Personen beim BFM einzureichen, wobei das  Bundesamt  nach  Anhörung  der  betroffenen  Kantone  grundsätzlich  endgültig  entscheidet.  Vorbehalten  bleibt  wie  bereits  erwähnt  gemäss  Art. 85  Abs. 4  AuG  die  Anfechtung  und  dementsprechend  auch  die  Überprüfung  dieses  Entscheides  bezüglich  einer  Verletzung  des  Grundsatzes der Einheit der Familie.  3.3. Auf  den Schutz  der Einheit  der Familie  im Sinne  von Art.  8 EMRK  können  sich  zunächst  die Mitglieder  der  Kernfamilie  berufen, mithin  die  Ehegatten  und  ihre  minderjährigen  Kinder.  Ferner  fallen  nach  der  Rechtsprechung  der  Strassburger  Organe  grundsätzlich  auch  über  diesen engen Kern hinausgehende verwandtschaftliche Bande unter den  Schutz  der Einheit  der  Familie,  sofern  eine  nahe,  echte  und  tatsächlich  gelebte Beziehung zwischen den Angehörigen besteht  (vgl. dazu BVGE  2008/47).  Gemäss  bundesgerichtlicher  Rechtsprechung  setzt  eine  über  die  eigentliche  Kernfamilie  hinaus  gehende  schützenswerte  verwandtschaftliche Beziehung  voraus,  dass  zwischen diesen Personen  ein  eigentliches  Abhängigkeitsverhältnis  besteht  (vgl.  BGE  115  Ib  5  E.  2c).  Von  diesem  Familienbegriff  ist  in  den  nachfolgenden  Erwägungen  auszugehen (vgl. auch BVGE 2008/47). 4.  4.1.  Der  volljährige  Beschwerdeführer  macht  namentlich  in  seiner  Eingabe  vom  31. August  2011  das  Vorliegen  eines  besonderen 

D­4749/2011 Abhängigkeitsverhältnisses  zu  seinen  Eltern  im  Sinne  der  vorbeschriebenen  Praxis  geltend.  Seine  diesbezüglichen  Vorbringen  können indes nicht überzeugen. Beim Beschwerdeführer handelt es sich  gemäss  den Akten  um einen  jungen Erwachsenen, welcher  bereits  seit  dem  24.  Juli  2009  selbständig  in  X._______  (Kanton W._______)  lebt.  Zuvor  war  er  während  vier  Monaten  …  [andernorts  im  Kanton  W._______)  wohnhaft.  Zwar  macht  er  geltend,  er  sei  auf  die  Unterstützung  seiner  Eltern  angewiesen.  Diese  Unterstützung  geht  jedoch offensichtlich nicht weiter, als dies bei jungen Erwachsenen üblich  ist,  sich also vorab auf moralischen Beistand beschränkt,  und damit ein  Zusammenleben  in  keiner  Weise  bedingt.  Der  Beschwerdeführer  ist  soweit  ersichtlich  bereits  seit  einem  Jahr  voll  erwerbstätig.  Dauernder  persönlicher  Pflege  aufgrund  besonderer  Gebrechen  bedarf  er  offenkundig nicht. Es besteht namentlich auch kein Anlass zur Annahme  einer  psychischen  Instabilität,  aufgrund  welcher  der  Beschwerdeführer  durch  die  Trennung  von  seinen  Eltern  akut  an  seiner  Gesundheit  gefährdet wäre. Das Vorbringen des Beschwerdeführers, der Grundsatz  der Einheit  der Familie werde verletzt, weil  er durch eine Trennung von  seinen  Eltern  ein  vollständig  isoliertes  Leben  führen  müsse,  erscheint  aufgrund  dieser  Erwägungen  in  keiner  Weise  überzeugend.  Bezeichnenderweise  wurde  denn  auch  das Gesuch  um  die  Bewilligung  des  Kantonswechsels  vom  11.  Mai  2011  ausschliesslich  mit  der  unterschiedlichen Lage von Arbeits­  und Wohnort  begründet,  respektive  der grossen Distanz dazwischen und den  finanziellen sowie praktischen  Vorteilen  einer  Wohnsitznahme  im  Kanton  V._______.  Von  einem  Abhängigkeitsverhältnis  zwischen  dem  volljährigen  Sohn  und  seinen  Eltern  im  Sinne  der  geltenden  Rechtsprechung  kann  unter  den  gegebenen  Umständen  selbst  unter  Berücksichtigung  des  Verhältnismässigkeitsprinzips keine Rede sein.  4.2.  Wie  vorstehend  aufgezeigt  kann  der  Entscheid  über  ein  Kantonswechselgesuch gemäss dem klaren Wortlaut von Art. 85 Abs. 4  AuG  nur  mit  der  Begründung  angefochten  werden,  dieser  verletze  den  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie.  Vorliegend  ist  eine  entsprechende  Verletzung im Sinne der vorstehenden erwähnten Praxis nicht ersichtlich  gemacht,  weshalb  sich  weitere  Ausführungen  zu  den  Beschwerdebegehren erübrigen. 5.  Nach  dem  Gesagten  ist  festzustellen,  dass  im  Falle  des  Beschwerdeführers  die  Verweigerung  der  Bewilligung  des  ersuchten 

D­4749/2011 Kantonswechsels  den  Grundsatz  der  Einheit  der  Familie  im  Sinne  von  Art.  85  Abs.  4  AuG  nicht  verletzt,  womit  die  Beschwerde  gegen  die  Verfügung des BFM vom 27. Juli 2011 abzuweisen ist. 6.  Bei diesem Ausgang des Verfahrens sind dem Beschwerdeführer Kosten  aufzuerlegen  (vgl.  Art. 63  Abs. 1  VwVG  und Art.  1  ­  3  des Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  [VGKE, SR 173.320.2]). Die Kosten – welche  auf  insgesamt  Fr. 600.–  festzusetzen  sind  –  sind mit  dem  einbezahlten  Kostenvorschuss vollständig gedeckt und werden mit diesem verrechnet. 

D­4749/2011 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.–  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt.  Die  Kosten  sind  mit  dem  einbezahlten  Kostenvorschuss  vollständig gedeckt und werden mit diesem verrechnet. 3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständigen kantonalen Behörden. Die vorsitzende Richterin: Der Gerichtsschreiber: Nina Spälti Giannakitsas Lorenz Mauerhofer Versand:

D-4749/2011 — Bundesverwaltungsgericht 22.09.2011 D-4749/2011 — Swissrulings