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Bundesverwaltungsgericht 08.08.2011 D-4689/2007

8. August 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,477 Wörter·~7 min·1

Zusammenfassung

Vollzug der Wegweisung | Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 15. Juni 2007

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l Abteilung IV D­4689/2007 law/rep Urteil   v om   8 .   Augus t   2011   Besetzung Richter Walter Lang (Vorsitz), Richterin Regula Schenker Senn, Richter Pietro Angeli­Busi; Gerichtsschreiber Philipp Reimann. Parteien A._______, geboren am (…), Afghanistan,  vertreten durch lic. iur. Brigitt Thambiah, (…), Beschwerdeführer, gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz. Gegenstand Vollzug der Wegweisung; Verfügung des BFM vom 15. Juni 2007 / N (…).

D­4689/2007 Sachverhalt: A.  A.a  Der  Beschwerdeführer,  ein  ethnischer  Hazara,  verliess  seine  Heimat  eigenen Angaben zufolge im Jahre 1998 und lebte fortan im Iran, den er  ungefähr  im  April  oder  Mai  2005  verliess.  Schliesslich  gelangte  er  am  16. Juni 2005 via die Türkei und weitere Länder illegal in die Schweiz, wo  er am  folgenden Tag um Asyl nachsuchte. Am 22. Juni 2005 erhob das  BFM  im  damaligen  Empfangszentrum  (heute:  Empfangs­  und  Verfahrenszentrum;  EVZ)  Basel  seine  Personalien  und  befragte  ihn  zu  seinem Reiseweg sowie – summarisch – zu seinen Ausreisegründen. Mit  Zwischenverfügung  vom 24. Juni  2005 wies  ihn das BFM  für  die Dauer  des Verfahrens dem Kanton B._______ zu. A.b  Abklärungen des BFM  in Belgien Ende Juni 2005 haben Mitte Juli 2005  ergeben, dass der Beschwerdeführer dort am (…) daktyloskopisch erfasst  worden  ist.  Mit  Schreiben  vom  30. Mai  2007  teilte  der  Service  Public  Fédéral­Intérieur  in  Brüssel  dem  BFM  ergänzend  mit,  der  Beschwerdeführer habe am (…) in Belgien ein Asylgesuch gestellt, wobei  sich  Griechenland  am  (…)  im  Verlaufe  des  durchgeführten  Dublin­ Verfahrens zur dessen Rückübernahme bereit erklärt habe.  In der Folge  sei  Letzterer  untergetaucht.  Es  sei  auch  nicht  möglich,  die  Schweizer  Asylbehörden  mit  einer  Kopie  seiner  Asylanhörung  in  Belgien  zu  bedienen. A.c  Am  16. August  2005  befragte  die  zuständige  kantonale  Behörde  den  Beschwerdeführer  einlässlich  zu  seinen  Asylgründen.  Gleichzeitig  gewährte  sie  ihm  das  rechtliche  Gehör  hinsichtlich  der  Abklärungsergebnisse in Belgien. Anlässlich  der  Befragungen  machte  der  Beschwerdeführer  im  Wesentlichen  geltend,  sein  Vater  sei  im  Jahre  1995  als  Soldat  der  C._______  im Kampf gegen die Taliban gefallen. Nach der militärischen  Einnahme Kabuls durch die Taliban sei er mit seiner Familie nach Mazar  geflohen, wo sie D._______ kennengelernt und alsdann in Untermiete bei  ihm gelebt hätten. Im Jahre 1998 sei auch seine Mutter bei einem Angriff  der  Taliban  auf  die  Stadt  Mazar  ums  Leben  gekommen.  Nach  diesem  Vorkommnis  habe  er  sich  zusammen  mit  D._______  nach  Kabul  begeben, wo  sie  am  früheren Wohnsitz  seiner  Familie  gelebt  hätten.  In 

D­4689/2007 Kabul  sei  er  indessen  wenig  später  von  den  Taliban  festgenommen  worden. Diese hätten sich nach seinem Vater erkundigt, den sie für einen  Kommandanten  der  C._______  gehalten  hätten.  Dabei  hätten  ihn  die  Taliban geschlagen und von  ihm erfahren wollen, wo sein Vater Waffen  versteckt habe. Im Weiteren hätten sie von ihm auch Informationen über  andere  Waffenbesitzer  verlangt.  Schliesslich  habe  er  den  Taliban  in  seiner  Bedrängnis  die  Namen  und  Adressen  von  drei  Personen  aus  seinem Wohnquartier  genannt.  Diese  drei  Personen  seien  in  der  Folge  von  den  Taliban  ebenfalls  festgenommen,  verhört  und  misshandelt  worden, wobei eine dieser Personen getötet worden sei. Die Familien der  Denunzierten hätten beabsichtigt sich an ihm zu rächen. Deshalb habe er  Kabul bereits eine Woche nach seiner Freilassung durch die Taliban mit  Hilfe von D._______ verlassen und sei nach Kandahar weitergereist, wo  er sich allerdings auch nicht sicher gefühlt habe. Dies sei auch der Grund  gewesen,  dass  er  in  den  Iran  weitergezogen  sei,  wo  er  als  Teppichknüpfer und später bis zu seiner Ausreise im Jahre 2005 in einem  Steinbruch gearbeitet habe. Den  Iran habe er  im Jahre 2005 verlassen,  weil  zwischenzeitlich  bekannt  geworden  sei,  dass  die  iranischen  Behörden afghanische Flüchtlinge in ihre Heimat ausschaffen würden. Hinsichtlich  der  Abklärungsergebnisse  in  Belgien  räumte  der  Beschwerdeführer ein, bereits am 20. Mai 2004 nach Europa gelangt zu  sein.  Nach  mehreren  erfolglosen  Versuchen  sei  es  ihm  schliesslich  gelungen, Griechenland zu verlassen und via Italien und Frankreich nach  Belgien zu gelangen, wo er ein Asylgesuch gestellt habe. Die belgischen  Behörden hätten  im Rahmen des Asylverfahrens allerdings entschieden,  ihn  wieder  nach  Griechenland  zurückzuschicken,  weshalb  er  untergetaucht und schliesslich Mitte Juni 2005  in die Schweiz eingereist  sei. Der  Beschwerdeführer  reichte  im  Rahmen  des  vorinstanzlichen  Verfahrens  eine  in  Ghazni  ausgestellte  afghanische  Identitätskarte  Nr.  (…) aus dem Jahre 1995 zu den Akten. B.  Mit  Verfügung  vom  15. Juni  2007  –  eröffnet  am  19.  Juni  2007  –  stellte  das  BFM  fest,  der  Beschwerdeführer  erfülle  die  Flüchtlingseigenschaft  nicht,  und  lehnte  das  Asylgesuch  ab.  Zur  Begründung  führte  das  BFM  aus,  seine  Vorbringen  genügten  den  Anforderungen  an  das  Glaubhaftmachen nicht, weshalb diese nicht auf ihre Asylrelevanz geprüft  werden  müssten.  Gleichzeitig  verfügte  das  BFM  die  Wegweisung  des 

D­4689/2007 Beschwerdeführers  aus  der  Schweiz  und  ordnete  den  Vollzug  der  Wegweisung an. Diesbezüglich hielt es fest, der Beschwerdeführer habe  unglaubhafte  Angaben  zu  seiner  Identität  sowie  zu  seiner  persönlichen  und familiären Situation gemacht, weshalb die Annahme nahe liege, dass  er  den Schweizer Asylbehörden  sein wahres  familiäres Beziehungsnetz  wie  auch  seine  persönliche  Situation  zu  verheimlichen  beabsichtige.  Wiewohl  Wegweisungshindernisse  grundsätzlich  von  Amtes  wegen  zu  prüfen  seien,  finde  diese  Untersuchungspflicht  ihre  Grenzen  an  der  Mitwirkungs­  und  Wahrheitspflicht.  Es  sei  nämlich  nach  ständiger  gerichtlicher  Rechtsprechung  indessen  nicht  die  Aufgabe  der  Asylbehörden,  bei  fehlenden Hinweisen  seitens  des Beschwerdeführers  nach  allfälligen Wegweisungshindernissen  zu  forschen. Der Vollzug  der  Wegweisung  in den Heimatstaat Afghanistan erscheine aber auch unter  Berücksichtigung der gegenwärtigen Lage im Land als zulässig, zumutbar  und möglich.  C.  Mit  Eingabe  vom  9. Juli  2007  erhob  der  Beschwerdeführer  beim  Bundesverwaltungsgericht  Beschwerde  gegen  die  Verfügung  des  BFM  vom  15. Juni  2007.  Er  beantragte  dabei,  der  Entscheid  des  BFM  vom  15. Juni 2007 sei in den Dispositivpunkten 3, 4 und 5 aufzuheben. Es sei  die  Unzulässigkeit,  allenfalls  die  Unzumutbarkeit  des  Vollzugs  der  Wegweisung  festzustellen  und  die  vorläufige  Aufnahme  anzuordnen.  In  verfahrensrechtlicher Hinsicht beantragte er, es sei ihm die unentgeltliche  Prozessführung  zu  gewähren  und  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses  zu  verzichten.  Im  Weiteren  hielt  der  Beschwerdeführer  fest,  er  könne  nicht  nach  Afghanistan  zurückkehren,  da er dort keine Wohnmöglichkeit und kein soziales Netz habe, da beide  Eltern verstorben seien. Ausserdem habe er seine Heimat bereits  in der  Kindheit  verlassen.  Ferner  werde  die  angefochtene  Verfügung  der  prekären  Situation  in  Afghanistan  nicht  gerecht,  da  die  Einschätzungen  des  BFM  viel  zu  optimistisch  und  wohl  eher  einer  Hoffnung  als  einer  objektiven Analyse entsprungen seien. Der  Beschwerdeführer  legte  seiner  Rechtsmittelschrift  eine  Unterstützungsbestätigung  der  E._______  B._______  (…)  vom  27. Juni  2007,  zwei  Zeugnisse  der  F._______  bezüglich  absolvierter  Deutschkurse  vom  10. Februar  2006  und  vom  28. Juli  2006  sowie  ein  Zwischenzeugnis des G._______ vom 18. Juni 2007 bei.

D­4689/2007 D.  Mit  Zwischenverfügung  vom  18. Juli  2007  teilte  das  Bundesverwaltungsgericht  dem  Beschwerdeführer  mit,  er  dürfe  den  Abschluss  seines  Verfahrens  gestützt  auf  Art.  42  Abs.  1  des  Asylgesetzes  vom  26. Juni  1998  (AsylG,  SR  142.31)  in  der  Schweiz  abwarten.  Gleichzeitig  hiess  es  das  Gesuch  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von  Art. 65  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das  Verwaltungsverfahren  (VwVG,  SR  172.021)  vorbehältlich  einer  nachträglichen  Veränderung  der  finanziellen  Verhältnisse  des  Beschwerdeführers  gut  und  verzichtete  auf  die  Erhebung  eines  Kostenvorschusses.  Gleichzeitig  lud  er  die  Vorinstanz  zur  Vernehmlassung ein. E.  Das BFM beantragte  in seiner Vernehmlassung vom 2. August 2007 die  Abweisung  der  Beschwerde,  da  diese  keine  neuen  erheblichen  Tatsachen  oder  Beweismittel  enthalte,  welche  eine  Änderung  seines  Standpunktes rechtfertigen könnten. Ergänzend hielt die Vorinstanz fest,  der  Beschwerdeführer  trage  vor,  in  Afghanistan  keine Wohnmöglichkeit  und  kein  soziales  Netz  zu  haben.  In  der  Verfügung  vom  15. Juni  2007  seien  jedoch  seine  Angaben  zu  seiner  persönlichen  Situation  als  unglaubhaft taxiert worden. F.  Das  Bundesverwaltungsgericht  stellte  dem  Beschwerdeführer  am  14. August 2007 die Vernehmlassung des BFM vom 2. August 2007 zur  Kenntnisnahme zu. G.  Am  30. August  2007  reichte  die  vom  Beschwerdeführer  am  20. August  2007 mandatierte Rechtsvertreterin eine Replik ein. Darin  verwahrte  sie  sich  gegen  den  Vorwurf  der  Vorinstanz,  ihr  Mandant  habe  die  Asylbehörden  zu  täuschen  versucht  und  sei  seiner  Mitwirkungspflicht  nachgekommen. Tatsache sei, dass dieser den Schweizer Asylbehörden  anlässlich der Asylgesuchstellung eine in der Provinz Ghazni ausgestellte  afghanische Identitätskarte abgegeben habe, aus welcher seine Identität  und  ethnische  Zugehörigkeit  klar  und  zweifelsfrei  hervorgehe.  Die  Vorinstanz  habe  sich  zur  abgegebenen  Identitätskarte  nicht  geäussert  und insbesondere auch nicht geltend gemacht, diese sei eine Fälschung. 

D­4689/2007 Es sei somit davon auszugehen, dass keine Zweifel an der Identität und  der Herkunft ihres Mandanten bestünden. H.  Mit  Begleitschreiben  vom  4. August  2011  reichte  die  Rechtsvertreterin  des Beschwerdeführers ihre Kostennote ein. Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG, SR 173.32) beurteilt das Bundesverwaltungsgericht Beschwerden  gegen  Verfügungen  nach  Art. 5  VwVG.  Das  BFM  gehört  zu  den  Behörden  nach  Art. 33  VGG  und  ist  daher  eine  Vorinstanz  des  Bundesverwaltungsgerichts. Eine das Sachgebiet betreffende Ausnahme  im Sinne von Art. 32 VGG liegt nicht vor. Das Bundesverwaltungsgericht  ist daher zuständig für die Beurteilung der vorliegenden Beschwerde und  entscheidet  im  Bereich  des  Asylrechts  endgültig,  ausser  bei  Vorliegen  eines  Auslieferungsersuchens  eines  Staates,  vor  welchem  die  beschwerdeführende Person Schutz sucht (Art. 105 AsylG; Art. 83 Bst. d  Ziff. 1  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom  17. Juni  2005  [BGG,  SR 173.110]). 1.2.  Der  Beschwerdeführer  hat  am  Verfahren  vor  der  Vorinstanz  teilgenommen,  ist durch die angefochtene Verfügung besonders berührt,  hat ein schutzwürdiges  Interesse an deren Aufhebung beziehungsweise  Änderung  und  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 105  AsylG  i.V.m.  Art.  37  VGG  und  Art. 48  Abs. 1  VwVG).  Auf  die  frist­ und formgerecht (Art. 105 AsylG i.V.m. Art. 37 VGG und Art. 50 und  Art. 52 Abs. 1 VwVG) eingereichte Beschwerde ist somit einzutreten. 2.  Mit  Beschwerde  kann  die  Verletzung  von  Bundesrecht,  die  unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 106 Abs. 1 AsylG). 3.  Die vorliegende Beschwerde richtet sich gegen die Ziffern 3, 4 und 5 des  Dispositivs  der  Verfügung  des  Bundesamtes  vom  15. Juni  2007.  Die  Ziffern  1  (Nichtzuerkennung  der  Flüchtlingseigenschaft)  und  2 

D­4689/2007 (Verweigerung des Asyls) des Dispositivs der vorinstanzlichen Verfügung  sind mangels Anfechtung in Rechtskraft erwachsen. Die Wegweisung ist  im  Übrigen  Regelfolge  eines  abgewiesenen  Asylgesuchs  (vgl.  Art. 44  Abs. 1 AsylG) und als solche – da der Beschwerdeführer weder über eine  ausländerrechtliche Aufenthaltsbewilligung noch über einen Anspruch auf  Erteilung  einer  solchen  verfügt  –  zu  Recht  angeordnet  worden  (vgl.  Entscheidungen  und  Mitteilungen  der  Schweizerischen  Asylrekurskommission [EMARK] 2001 Nr. 21). 4.  4.1.  Ist der Vollzug der Wegweisung nicht zulässig, nicht zumutbar oder  nicht möglich, so regelt das Bundesamt das Anwesenheitsverhältnis nach  den  gesetzlichen  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  von  Ausländern  (Art. 44  Abs. 2  AsylG;  Art. 83  Abs. 1  des  Bundesgesetzes  vom 16. Dezember 2005 über die Ausländerinnen und Ausländer  [AuG,  SR 142.20]). Gemäss ständiger Rechtsprechung sind die genannten drei Bedingungen  für  einen  Verzicht  auf  den  Vollzug  der  Wegweisung  alternativer  Natur.  Sobald  eine  davon  erfüllt  ist,  ist  der  Vollzug  als  undurchführbar  zu  betrachten  und  die  weitere  Anwesenheit  der  betroffenen  Person  in  der  Schweiz  gemäss  den  Bestimmungen  über  die  vorläufige  Aufnahme  zu  regeln.  Gegen  eine  allfällige  Aufhebung  dieser  vorläufigen  Aufnahme  steht dem weggewiesenen Asylsuchenden wiederum die Beschwerde an  das Bundesverwaltungsgericht  offen  (Art.  112 AuG  i.V.m. Art. 84 Abs. 2  AuG).  In diesem Verfahren wäre dann der Vollzug der Wegweisung vor  dem Hintergrund sämtlicher Vollzugshindernisse von Amtes wegen nach  Massgabe der  in diesem Zeitpunkt herrschenden Verhältnisse zu prüfen  (vgl. BVGE 2009/51 E. 5.4 S. 748, EMARK 2006 Nr. 6 E. 4.2 S. 54 f.). 4.2.  Weil  sich  vorliegend  der  Vollzug  der  Wegweisung  –  aus  den  nachfolgend  aufgeführten  Gründen  –  als  unzumutbar  erweist,  ist  dementsprechend  auf  eine  Erörterung  der  beiden  anderen  Kriterien  zu  verzichten. 5.  5.1. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsland auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG – 

D­4689/2007 die vorläufige Aufnahme zu gewähren (vgl. Botschaft zum Bundesgesetz  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  vom  8.  März  2002,  BBl  2002  3818). 5.2.  In  Bezug  auf  die  allgemeine  Lage  in  Afghanistan  ist  auf  die  vom  Bundesverwaltungsgericht vorgenommene Einschätzung der Lage im zur  Publikation  vorgesehenen  Urteil  E­7625/2008  vom  16. Juni  2011  verwiesen werden. Das Gericht stellt darin zusammenfassend fest, dass  in  weiten  Teilen  von  Afghanistan  –  ausser  allenfalls  in  Grossstädten –  eine  derart  schlechte  Sicherheitslage  und  derart  schwierige  humanitäre  Bedingungen  bestünden,  dass  die  Situation  als  existenzbedrohend  im  Sinne von Art. 83 Abs. 4 AuG zu qualifizieren sei. Von dieser allgemeinen  Feststellung sei die Situation  in der Hauptstadt Kabul zu unterscheiden.  Angesichts  des  Umstandes,  dass  sich  dort  die  Sicherheitslage  im  Verlaufe  des  vergangenen  Jahres  nicht  weiter  verschlechtert  habe  und  die  humanitäre  Situation  im  Vergleich  zu  den  übrigen  Gebieten  etwas  weniger dramatisch sei, könne der Vollzug der Wegweisung nach Kabul  unter  Umständen  als  zumutbar  qualifiziert  werden.  Solche  Umstände  könnten grundsätzlich namentlich dann gegeben sein, wenn es sich beim  Rückkehrer  um  einen  jungen,  gesunden  Mann  handle.  Angesichts  der  bisher  aufgezeigten  konstanten  Verschlechterung  der  Lage  über  die  vergangenen Jahre hinweg und der auch  in Kabul schwierigen Situation  verstehe es sich aber von selbst, dass die bereits in EMARK 2003 Nr. 10  formulierten  strengen Bedingungen  in  jedem Einzelfall  sorgfältig  geprüft  und erfüllt  sein müssten, um einen Wegweisungsvollzug nach Kabul als  zumutbar  zu  qualifizieren.  Unabdingbar  sei  in  erster  Linie  ein  soziales  Netz,  das  sich  im  Hinblick  auf  die  Aufnahme  und  Wiedereingliederung  des Rückkehres als tragfähig erweise. Ohne Unterstützung durch Familie  oder Bekannte würden die schwierigen Lebensverhältnisse auch in Kabul  unweigerlich  in  eine  existenzielle  beziehungsweise  lebensbedrohende  Situation  führen  (vgl.  a.a.O.  E.  9.9.1  f.).  Die  Frage,  ob  hinsichtlich  der  Städte  Mazar­i­Sharif  und  Herat  in  Bezug  auf  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  Ähnliches  gesagt  werden  könne  wie  zu  Kabul,  wurde im erwähnten Grundsatzurteil offen gelassen, weil von vornherein  ungenügende Anknüpfungspunkte bestanden (vgl. a.a.O. E. 9.9.3). 5.3.  Der  Beschwerdeführer  stammt  unbestrittenermassen  aus  Afghanistan.  Aufgrund  der  vom  Beschwerdeführer  im  Rahmen  des  vorinstanzlichen  Verfahrens  eingereichten  afghanischen  Identitätskarte,  die  das  BFM  nie  als  Fälschung  eingestuft  hat,  scheinen  er  beziehungsweise seine Familie ursprünglich aus dem Distrikt H._______ 

D­4689/2007 in der Provinz Ghazni  zu stammen. Zwar  trifft  es zu, dass die Angaben  des  Beschwerdeführers  hinsichtlich  einzelner  Familienangehöriger  Unstimmigkeiten  enthalten:  So  gab  er  einerseits  an,  eine  Tante  mütterlicherseits lebe in H._______ (vgl. act. A1/9 S. 3 Ziff. 12), wogegen  er bei der kantonalen Anhörung verneinte, dass seine Mutter Schwestern  gehabt habe (vgl. act. A13/24 S. 5). Nicht plausibel ist sodann auch seine  Aussage, wonach ein im Iran lebender Onkel I._______ (vgl. act. A1/9 S.  3 Ziff. 12) beziehungsweise J._______ (vgl. act. A13/24 S. 5) heisse. Die  entsprechenden  Unklarheiten  fallen  vorliegend  indessen  nicht  ins  Gewicht,  da  der  fragliche  Onkel  des  Beschwerdeführers  nach  dessen  übereinstimmenden  Angaben  im  Iran  lebt  (vgl.  act.  A1/9  S.  3  Ziff.  12  unten und act. A13/24 S. 5), wohin der Beschwerdeführer – wie auch die  Vorinstanz implizit anzunehmen scheint – nicht mehr zurückkehren kann.  Alsdann  ist  selbst  für den Fall, dass eine Tante des Beschwerdeführers  heute noch  in Afghanistan  leben sollte, nicht anzunehmen, diese sei als  einzelne – zumal weibliche – Person in der Lage, dem Beschwerdeführer  die  wirtschaftliche  und  soziale  Wiedereingliederung  im  Heimatland  entscheidend zu unterstützen. Demgegenüber hat der Beschwerdeführer  hinsichtlich  des  Zeitpunkts  sowie  der  Todesumstände  seiner  Eltern  in  Afghanistan  konzise  Angaben  gemacht  (vgl.  act.  A1/9  S.  3  Ziff. 12),  weshalb davon auszugehen ist, dass seine Eltern heute tatsächlich nicht  mehr  leben.  Unbestritten  ist  im  Weiteren  die  Aussage  des  Beschwerdeführers  geblieben,  wonach  er  Afghanistan  bereits  im  Jahre  1998  –  also  im  Alter  von  etwa  zehn  Jahren  –  verlassen  und  anschliessend während  sechs  oder  sieben  Jahren  im  Iran  gelebt  habe.  Dass er dabei – mit der Tatsache konfrontiert, im Februar 2005 in Belgien  ein  Asylgesuch  eingereicht  zu  haben  –  einräumte,  bereits  im Mai  2004  und  nicht  erst  im  Mai  oder  Juni  2005  nach  Europa  gelangt  zu  sein,  vermag nichts daran zu ändern, dass der Beschwerdeführer Afghanistan  aufgrund der Aktenlage bereits vor etlichen Jahren endgültig verlassen zu  hat  und  demnach  in  Afghanistan  selbst  zufolge  seines  damaligen  Kindesalters  nicht  nachhaltig  sozialisiert  worden  ist.  Dass  der  Beschwerdeführer  überdies  in  Afghanistan  nebst  der  erwähnten  Tante  über weitere Verwandte verfügt,  lässt sich aufgrund der Akten ebenfalls  nicht annehmen. 5.4.  Der  Vollzug  der  Wegweisung  des  Beschwerdeführers  nach  Afghanistan  erweist  sich  nach  dem Gesagten  als  unzumutbar  im Sinne  von  Art.  83  Abs.  4  AuG.  Nachdem  sich  aus  den  Akten  keine  Ausschlussgründe  im  Sinne  von  Art.  83  Abs.  7  AuG  ergeben,  sind  die 

D­4689/2007 Voraussetzungen  für  die  Anordnung  der  vorläufigen  Aufnahme  somit  erfüllt. 6.  Die Beschwerde  ist  folgerichtig gutzuheissen, soweit sie sich gegen den  angeordneten  Vollzug  der Wegweisung  richtet.  Die  Ziffern  4  und  5  des  Dispositivs  der  vorinstanzlichen  Verfügung  vom  15. Juni  2007  sind  demnach  aufzuheben  und  das  BFM  ist  anzuweisen,  den  Beschwerdeführer  wegen  gegenwärtiger  Unzumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs vorläufig aufzunehmen. 7.  7.1.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  dem  Beschwerdeführer  keine Verfahrenskosten aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1 und 2 VwVG). 7.2.  Gemäss  Art.  64  Abs.  1  VwVG  kann  die  Beschwerdeinstanz  der  obsiegenden  Partei  eine  Parteientschädigung  für  die  notwendigen  und  verhältnismässig  hohen  Kosten  zusprechen.  Angesichts  des  vollumfänglichen Obsiegens  ist  dem vertretenen Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung  zuzusprechen  (Art. 7  Abs. 2  des  Reglements  vom  21. Februar  2008  über  die  Kosten  und  Entschädigungen  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  (VGKE, SR 173.320.2). Die Rechtsvertreterin  des  Beschwerdeführers  hat  am  4. August  2011  eine  Kostennote  im  Betrage  von  Fr. 1'269.30  (inklusive  Auslagen  und  8% Mehrtwertsteuer)  eingereicht.  Da  sie  das  Mandat  erst  im  Verlaufe  des  hängigen  Beschwerdeverfahrens am 20. August 2007 übernommen und einzig die  vom  30. August  2007  datierende  Replik  verfasst  und  eingereicht  hat,  erweisen  sich  die  in  der Kostennote  ausgewiesenen Aufwendungen  als  überhöht.  Unter  Berücksichtigung  der  massgebenden  Berechnungsfaktoren (Art. 9­11 und 13 VGKE) sind die als notwendig zu  erachtenden  Kosten  für  die  Parteivertretung  auf  Fr. 550.­  (inklusive  Auslagen  und  Mehrwertsteuer)  zu  veranschlagen.  Das  BFM  ist  anzuweisen,  dem  Beschwerdeführer  diesen  Betrag  als  Parteientschädigung zu entrichten. (Dispositiv nächste Seite)

D­4689/2007 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird gutgeheissen. 2.  Die Ziffern 4 und 5 des Dispositivs der  vorinstanzlichen Verfügung vom  15. Juni  2007  werden  aufgehoben.  Das  BFM  wird  angewiesen,  den  Beschwerdeführer vorläufig aufzunehmen. 3.  Es werden keine Verfahrenskosten auferlegt. 4.  Das  BFM  wird  angewiesen,  dem  Beschwerdeführer  eine  Parteientschädigung von Fr. 550.­ auszurichten. 5.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Der Gerichtsschreiber: Walter Lang Philipp Reimann Versand:

D-4689/2007 — Bundesverwaltungsgericht 08.08.2011 D-4689/2007 — Swissrulings