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Bundesverwaltungsgericht 19.09.2011 D-1931/2008

19. September 2011·Deutsch·CH·CH_BVGE·PDF·1,990 Wörter·~10 min·1

Zusammenfassung

Aufhebung vorläufige Aufnahme (Asyl) | Aufhebung der vorläufigen Aufnahme; Verfügung des BFM vom 25. Februar 2008

Volltext

Bundesve rwa l t ungsge r i ch t T r i buna l   adm in istratif   f édé ra l T r i buna l e   ammin istrati vo   f ede ra l e T r i buna l   adm in istrativ   f ede ra l     Abteilung IV D­1931/2008 Urteil   v om   1 9 .   S ep t embe r   2011 Besetzung Richter Thomas Wespi (Vorsitz), Richter Fulvio Haefeli, Richter Martin Zoller,  Gerichtsschreiberin Anna Kühler. Parteien A._______, geboren B._______, alias C._______, geboren B._______, alias D._______, geboren E._______, Irak,  F._______,  Beschwerdeführer,  gegen Bundesamt für Migration (BFM), Quellenweg 6, 3003 Bern,    Vorinstanz.  Gegenstand Aufhebung der vorläufigen Aufnahme; Verfügung des BFM  vom 25. Februar 2008 / N _______.

D­1931/2008 Sachverhalt: A.  Der  Beschwerdeführer,  ein  irakischer  Staatsangehöriger  kurdischer  Ethnie  und  G._______  Glaubens  aus  H._______  in  der  Provinz  I._______  im Nordirak, suchte am 1. Juni 2004  in der Schweiz um Asyl  nach. B.  Ein  Fingerabdruckvergleich  mit  J._______  ergab,  dass  sich  der  Beschwerdeführer  vor  seiner  Einreise  in  die  Schweiz  unter  einem  anderen Namen in K._______ aufgehalten hatte.  Mit Verfügung vom 13. Oktober 2004 wies das Bundesamt für Flüchtlinge  (BFF;  seit  dem  1.  Januar  2005  Bestandteil  des  BFM)  den  Beschwerdeführer gemäss dem damals in Kraft stehenden Art. 42 Abs. 2  des Asylgesetzes vom 26. Juni 1998 (AsylG, SR 142.31) vorsorglich weg.  Der  Beschwerdeführer  habe  die  Schweiz  sofort  zu  verlassen  und  nach  K._______  zurückzukehren.  Die  vorsorgliche  Wegweisung  sei  sofort  vollstreckbar.  Einer  allfälligen  Beschwerde  komme  keine  aufschiebende  Wirkung  zu.  Die  Wegweisung  wurde  am  27.  Oktober  2004  durch  die  Kantonspolizei  L._______  vollzogen.  Mit  Beschluss  vom  26.  November  2004 schrieb das BFF das Asylgesuch als gegenstandslos geworden ab.  C.  Am  28.  Februar  2006  reichte  der  Beschwerdeführer  ein  zweites  Asylgesuch  ein.  Das  BFM  trat  mit  Verfügung  vom  31.  März  2006  in  Anwendung von Art. 32 Abs. 2 Bst. f AsylG auf das Asylgesuch nicht ein  und wies den Beschwerdeführer aus der Schweiz weg. Den Vollzug der  Wegweisung  schob  es  wegen  Unzumutbarkeit  zu  Gunsten  einer  vorläufigen  Aufnahme  auf.  Diese  Verfügung  erwuchs  unangefochten  in  Rechtskraft. D.  Mit  Schreiben  vom  19.  Oktober  2007  teilte  das  BFM  dem  Beschwerdeführer  mit,  es  ziehe  in  Erwägung,  die  verfügte  vorläufige  Aufnahme  aufzuheben.  Nach  einer  umfassenden  Analyse  der  Sicherheits­  und  Menschenrechtslage  in  den  drei  von  der  kurdischen  Regionalregierung  kontrollierten  nordirakischen  Provinzen  Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya  habe  das  BFM  beschlossen,  eine  Anpassung  der  Wegweisungspraxis  an  die  aktuellen  Verhältnisse  vorzunehmen.  In  diesen  Provinzen  herrsche  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt.  Der 

D­1931/2008 Wegweisungsvollzug  sei  daher  grundsätzlich  zumutbar.  Der  Beschwerdeführer stamme gemäss eigenen Angaben aus H._______  in  der  Provinz  I._______,  wo  er  seine  gesamte  Kindheit  und  Jugend  verbracht  und  bis  zur  Ausreise  im  Quartier  M._______  gewohnt  habe.  Gleichzeitig  wurde  dem  Beschwerdeführer  das  rechtliche  Gehör  zur  beabsichtigten  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  und  dem  damit  verbundenen Wegweisungsvollzug gewährt.  In  der  Folge  beantragte  der  Beschwerdeführer  mit  Eingabe  vom  9.  November  2007,  wegen  der  Unzumutbarkeit  des Wegweisungsvollzugs  sei auf die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme zu verzichten.  E.  Mit  Verfügung  vom  25.  Februar  2008  hob  das  BFM  die  mit  Verfügung  vom  31.  März  2006  angeordnete  vorläufige  Aufnahme  auf,  setzte  dem  Beschwerdeführer eine Frist zum Verlassen der Schweiz bis am 26. April  2008  und  beauftragte  den  Kanton  N._______  mit  dem  Vollzug  der  Wegweisung.  F.  Mit  Eingabe  vom  22. März  2008  beantragte  der  Beschwerdeführer,  die  Verfügung  des  BFM  vom  25.  Februar  2008  sei  aufzuheben,  es  sei  auf  das Asylgesuch einzutreten, eventualiter sei diese Verfügung aufzuheben  und  es  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  festzustellen,  subeventualiter  sei  festzustellen, dass die Wegweisung unzulässig und unzumutbar sei und  er  sei  in  der  Folge  vorläufig  aufzunehmen.  In  prozessualer  Hinsicht  ersuchte  er  um  Gewährung  der  unentgeltlichen  Rechtspflege  im  Sinne  von Art.  65 Abs.  1  des Bundesgesetzes  vom  20. Dezember  1968  über  das Verwaltungsverfahren (VwVG, SR 172.021) und um Verzicht auf die  Erhebung eines Kostenvorschusses. Er stellte dabei in Aussicht, er werde  ein  Originaldokument  nachreichen,  um  die  ihm  im  Irak  drohende  Verfolgung  zu  belegen.  Auf  die  Begründung  und  die  eingereichten  Beweismittel  wird,  soweit  entscheidwesentlich,  in  den  Erwägungen  eingegangen.  G.  Mit  Zwischenverfügung  vom  27.  März  2008  forderte  das  Bundesverwaltungsgericht  den  Beschwerdeführer  auf,  das  in  Aussicht  gestellte  Beweismittel  sowie  dessen  Übersetzung  nachzureichen.  Die  Gesuche um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege im Sinne von  Art.  65  Abs.  1  VwVG  und  um  Verzicht  auf  die  Erhebung  eines 

D­1931/2008 Kostenvorschusses  wurden  mangels  Nachweises  einer  Bedürftigkeit  abgewiesen  und  der  Beschwerdeführer  wurde  aufgefordert,  einen  Kostenvorschuss  zu  leisten.  Der  Beschwerdeführer  zahlte  den  Kostenvorschuss am 31. März 2008 ein. H.  Mit  Eingabe  vom  24.  April  2008  (Poststempel)  reichte  der  Beschwerdeführer  das  Original  und  die  Übersetzung  eines  mit  der  Beschwerde  eingereichten  fremdsprachigen  Schreibens  vom  12.  März  2008  zu  den  Akten,  in  dem  bestätigt  wird,  dass  er  in  der  Gemeinde  O._______  geboren  worden  sei  und  im  P._______  gewohnt  habe.  Es  wird  in  dem  Schreiben  ferner  dargelegt,  der  Beschwerdeführer  werde  nicht  von  gerichtlichen  oder  Sicherheitsbehörden  verfolgt,  sondern  von  "anderen Kräften", die in H._______ tätig seien.  Das Bundesverwaltungsgericht zieht in Erwägung: 1.  1.1. Gemäss Art. 31 des Verwaltungsgerichtsgesetzes vom 17. Juni 2005  (VGG,  SR 173.32)  beurteilt  das  Bundesverwaltungsgericht  endgültig  Beschwerden  gegen  Verfügungen  des  BFM  in  Sachen  Aufhebung  der  vorläufigen  Aufnahme  von  Ausländerinnen  und  Ausländern  in  der  Schweiz  (Art. 84 Abs. 2 und 3 des Bundesgesetzes vom 16. Dezember  2005  über  die  Ausländerinnen  und  Ausländer  [AuG,  SR  142.20]  i.V.m.  Art.  31  und  33  VGG;  Art. 83  Bst. c  Ziff. 3  des  Bundesgerichtsgesetzes  vom 17. Juni 2005 [BGG, SR 173.110]). 1.2.  Die  Beschwerde  ist  frist­  und  formgerecht  eingereicht.  Der  Beschwerdeführer hat am Verfahren vor der Vorinstanz teilgenommen, ist  durch  die  angefochtene  Verfügung  besonders  berührt  und  hat  ein  schutzwürdiges  Interesse  an  deren  Aufhebung  beziehungsweise  Änderung.  Er  ist  daher  zur  Einreichung  der  Beschwerde  legitimiert  (Art. 37 VGG i.V.m. Art. 112 AuG und Art. 48 Abs. 1, Art. 50 und Art. 52  VwVG).  Auf  die  Beschwerde  ist  –  unter  Vorbehalt  der  nachfolgenden  Erwägungen – einzutreten. 1.3. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 49 VwVG).

D­1931/2008 1.4. Mit  der  angefochtenen  Verfügung  vom  25.  Februar  2008  wird  die  vorläufige  Aufnahme,  die  das  BFM  mit  Verfügung  vom  31.  März  2006  angeordnet hatte, aufgehoben. Die Frage der Flüchtlingseigenschaft des  Beschwerdeführers  und  jene  der  Asylgewährung  durch  die  schweizerischen  Behörden  sind  daher  nicht  Gegenstand  der  angefochtenen Verfügung. Auf  die Anträge  des Beschwerdeführers,  auf  sein  Asylgesuch  sei  einzutreten  oder  eventualiter  sei  die  Flüchtlingseigenschaft  gemäss  Art.  3  und  Art.  7  AsylG  festzustellen,  ist  somit  nicht  einzutreten,  zumal  das  Bundesverwaltungsgericht  ohnehin  nicht für die Prüfung eines Asylgesuchs als erste Instanz zuständig ist. Es  sprechen zudem angesichts der Aktenlage auch keine Gründe dafür, die  Eingabe zur allfälligen Prüfung als weiteres Asylgesuch an das BFM zu  überweisen. 2.  2.1. Am 1. Januar 2008 ist das AuG in Kraft getreten; gleichzeitig ist das  Bundesgesetz vom 26. März 1931 über Aufenthalt und Niederlassung der  Ausländer  (ANAG,  BS  1  121)  aufgehoben  worden  (vgl.  Art.  125  i.V.m.  Anhang Ziff.  I AuG). Gemäss Art. 126a Abs. 4 AuG gilt  unter Vorbehalt  der  Absätze  5­7  für  Personen,  die  im  Zeitpunkt  des  Inkrafttretens  der  Änderung vom 16. Dezember 2005 des AsylG sowie des AuG vorläufig  aufgenommen sind, neues Recht. Das BFM nahm den Beschwerdeführer mit Verfügung vom 31. März 2006  gestützt auf Art. 44 Abs. 2 AsylG in der Fassung vom 26. Juni 1998 (AS  1999  2273)  i.V.m.  Art.  14a  Abs.  4  ANAG  vorläufig  auf.  Aufgrund  der  übergangsrechtlichen  Regelung  gemäss  Art.  126a  Abs.  4  AuG  ist  im  vorliegenden Beschwerdeverfahren betreffend Aufhebung der vorläufigen  Aufnahme  jedoch zu prüfen, ob die Voraussetzungen  für die Aufhebung  der vorläufigen Aufnahme nach neuem Recht, mithin nach Art. 84 Abs. 2  AuG, vorliegen. 2.2. Mit Beschwerde kann die Verletzung von Bundesrecht, die unrichtige  oder unvollständige Feststellung des rechtserheblichen Sachverhalts und  die Unangemessenheit gerügt werden (Art. 112 Abs. 1 AuG i.V.m. Art. 49  VwVG). 2.3. Die Abteilungen des Bundesverwaltungsgerichts entscheiden  in der  Regel  in der Besetzung mit drei Richtern oder Richterinnen  (vgl. Art. 21  Abs.  1  VGG).  Gestützt  auf  Art.  57  Abs.  1  VwVG  (e  contrario)  wurde  vorliegend auf einen Schriftenwechsel verzichtet.

D­1931/2008 3.  3.1. Das BFM hebt die vorläufige Aufnahme auf und ordnet den Vollzug  der Weg­  oder  Ausweisung  an,  wenn  die  Voraussetzungen  nicht  mehr  gegeben  sind  (Art.  84  Abs.  2  AuG).  Die  Voraussetzungen  für  die  vorläufige  Aufnahme  sind  nicht  mehr  gegeben,  wenn  der  Vollzug  der  rechtskräftig  angeordneten  Wegweisung  zulässig  (Art.  83  Abs.  3  AuG)  und  es  der  ausländischen  Person  zumutbar  (Art.  83  Abs.  4  AuG)  und  möglich ist (Art. 83 Abs. 2 AuG), sich rechtmässig in ihren Heimat­, in den  Herkunftsstaat oder in einen Drittstaat zu begeben. 3.2. In der angefochtenen Verfügung hielt die Vorinstanz im Wesentlichen  fest,  es  sei  rechtskräftig  festgestellt,  dass  der  Beschwerdeführer  die  Flüchtlingseigenschaft nicht erfülle, weil mit Verfügung vom 6. September  2006  auf  das  Asylgesuch  aufgrund  der  Tatsache,  dass  der  Beschwerdeführer  in  K._______  einen  ablehnenden  Asylentscheid  erhalten  habe,  nicht  eingetreten  worden  sei.  Deshalb  verletze  der  Wegweisungsvollzug  das  in  Art.  5  AsylG  und  Art.  33  des  Abkommens  vom  28.  Juli  1951  über  die  Rechtsstellung  der  Flüchtlinge  (FK,  SR  0.142.30)  verankerte  Refoulement­Verbot  nicht.  Im  Weiteren  lasse  die  allgemeine  Menschenrechtssituation  in  der  Provinz  I._______  den  Wegweisungsvollzug  grundsätzlich  nicht  als  unzulässig  erscheinen.  Vorliegend  ergebe  sich  überdies  aus  dem  Persönlichkeitsprofil  des  Beschwerdeführers  insgesamt  kein  über  die  schwierige  Alltagslage  der  kurdischen  Mehrheitsbevölkerung  im  Nordirak  hinausgehendes  individuelles  Gefährdungsindiz.  Sodann  ergebe  sich,  dass  der  Beschwerdeführer  in  seiner  Herkunftsregion  keiner  verbotenen  Strafe  oder Behandlung  im Sinne von Art. 3 der Konvention vom 4. November  1950 zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK, SR  0.101)  ausgesetzt  wäre,  weshalb  der  Vollzug  der  Wegweisung  als  zulässig  erachtet  werden  könne.  Der  Wegweisungsvollzug  sei  sodann  technisch  möglich  und  praktisch  durchführbar.  Zur  Frage  der  Zumutbarkeit  verwies das BFM auf  die  beruhigte Lage  im Nordirak und  erwog weiter, es sprächen  im vorliegenden Fall auch keine  individuellen  Gründe  gegen  die  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs.  Im  ordentlichen  Asylverfahren  sei  die  vom  Beschwerdeführer  geltend  gemachte  Gefährdung  als  nicht  glaubhaft  erachtet  worden,  weshalb  davon  auszugehen  sei,  er  könne  von  der  im  Nordirak  garantierten  Niederlassungsfreiheit  Gebrauch  machen.  Er  sei  im  Alter  von  {…….}  Jahren  in  die  Schweiz  eingereist  und  habe  den  weitaus  grössten  Teil  seines  Lebens  in  der  Provinz  I._______  verbracht,  sei mit  der  dortigen  Sprache,  Kultur,  Lebens­  und  Arbeitsweise  also  bestens  vertraut. 

D­1931/2008 Gemäss  eigenen  Angaben  habe  er  dort  während  ungefähr  {…….}  besucht. Es sei zudem davon auszugehen, dass er in seinem Heimatland  über ein  familiäres Beziehungsnetz  verfüge. Der  junge und aktenkundig  gesunde Beschwerdeführer sei alleinstehend, mithin habe er nach seiner  Rückkehr lediglich für den Unterhalt für sich selbst zu sorgen, was ihm –  wenn  auch  mit  Anfangsschwierigkeiten  –  gelingen  dürfte.  Er  verfüge  zudem mittlerweile über Berufserfahrung im Q._______. Im Übrigen habe  er  auch  durch  seine  Migration  in  die  Schweiz  eine  gewisse  Flexibilität  unter  Beweis  gestellt  und  er  sei  hier  erwerbstätig.  Deshalb  sei  nicht  ersichtlich, weshalb  ihm der Aufbau  einer  neuen Existenz  nicht  auch  in  seinem  Heimatland  gelingen  sollte.  Trotz  der  unbestreitbar  schwierigen  Verhältnisse  in  der  Herkunftsprovinz  des  Beschwerdeführers  gehe  das  BFM  insgesamt  davon  aus,  dass  Hilfsleistungen  der  Verwandten,  das  Beziehungsnetz  vor  Ort  sowie  Hilfsorganisationen  die  Wiedereingliederung  stützen  könnten  und  er  bei  einer  Rückkehr  aus  wirtschaftlichen  Gründen  nicht  in  eine  existenzbedrohende  Situation  geraten  würde.  Sodann  verwies  die  Vorinstanz  auf  ihr  Rückkehrhilfeprogramm "Irak" und hielt zudem fest, eine gute Integration  in  der  Schweiz  einerseits  und  die  schlechten  Zukunftsperspektiven  andererseits  seien  hinsichtlich  der  Frage  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzuges unbeachtlich. 3.3. Diesen Erwägungen hielt der Beschwerdeführer entgegen, er befinde  sich  in grösster Gefahr,  bei  einer Rückkehr  in den  Irak  von  islamischen  Fanatikern  ermordet  zu  werden.  Im  Irak  herrschten  grosse  politische  Spannungen.  Die  Sicherheitslage  sei  besonders  im  Norden  äusserst  prekär.  Oftmals  handle  es  sich  dabei  um  Ehrenmorde  und  Morde  aus  Rache. Es sei offensichtlich, dass momentan niemand im Irak in Frieden  und  Würde  leben  könne.  Dies  zeigten  auch  die  jüngsten,  blutigen  Anschläge  im  Nordirak.  Er  sei  wirtschaftlich  unabhängig,  habe  die  deutsche  Sprache  gut  gelernt  und  erledige  sein  Alltagsleben  und  die  Arbeit problemlos. Er habe während seines Aufenthaltes  in der Schweiz  viele Bekanntschaften gewonnen und Freundschaften geknüpft. Er könne  belegen,  einen  Deutschkurs  besucht  zu  haben.  Er  habe  überdies  kurz  nach seiner Einreise versucht, sich in die schweizerische Gesellschaft zu  integrieren,  und  habe  mit  dem  Sport  einen  sehr  guten  Zugang  zur  Integration  geschafft.  Zur  Stützung  seiner  Angaben  reichte  der  Beschwerdeführer  verschiedene  Dokumente  betreffend  seine  berufliche  Tätigkeit,  einen  Zeitungsartikel  ("Spielend  einfach  Deutsch  lernen")  zu  einem  Integrationsprojekt  in  R._______  sowie  einen 

D­1931/2008 "Unterstützungsbrief",  der  den  Grund  seiner  Flucht  bestätige,  zu  den  Akten.  4.  4.1. Der Vollzug der Wegweisung ist nicht zulässig, wenn völkerrechtliche  Verpflichtungen der Schweiz einer Weiterreise der Ausländerin oder des  Ausländers  in  den  Heimat­,  Herkunfts­  oder  in  einen  Drittstaat  entgegenstehen (Art. 83 Abs. 3 AuG). So darf keine Person in irgendeiner  Form zur Ausreise  in  ein  Land gezwungen werden,  in  dem  ihr  Leib,  ihr  Leben  oder  ihre  Freiheit  aus  einem  Grund  nach  Art.  3  Abs.  1  AsylG  gefährdet  ist  oder  in  dem  sie  Gefahr  läuft,  zur  Ausreise  in  ein  solches  Land  gezwungen  zu  werden  (Art.  5  Abs.  1  AsylG;  vgl.  ebenso  Art.  33  Abs. 1 FK). Gemäss  Art.  25  Abs.  3  der  Bundesverfassung  der  Schweizerischen  Eidgenossenschaft  vom  18.  April  1999  (BV,  SR  101),  Art.  3  des  Übereinkommens  vom  10.  Dezember  1984  gegen  Folter  und  andere  grausame,  unmenschliche  oder  erniedrigende  Behandlung  oder  Strafe  (FoK, SR 0.105) und der Praxis zu Art. 3 EMRK darf niemand der Folter  oder  unmenschlicher  oder  erniedrigender  Strafe  oder  Behandlung  unterworfen werden. 4.2. Der Grundsatz der Nichtrückschiebung schützt nur Personen, die die  Flüchtlingseigenschaft erfüllen. Da Hinweise auf Ereignisse im Sinne von  Art.  32  Abs.  2  Bst.  f  AsylG  nicht  zumindest  glaubhaft  gemacht  wurden  (vgl. Verfügung des BFM vom 31. März 2006), kann das  in Art. 5 AsylG  verankerte  Prinzip  des  flüchtlingsrechtlichen  Non­Refoulement  im  vorliegenden  Verfahren  keine  Anwendung  finden.  Eine  Rückkehr  des  Beschwerdeführers  in  den  kurdisch  verwalteten  Nordirak  ist  demnach  unter  dem  Aspekt  von  Art.  5  AsylG  rechtmässig.  Sodann  ergeben  sich  weder  aus  den  Aussagen  des  Beschwerdeführers  noch  aus  den  Akten  Anhaltspunkte  dafür,  dass  er  für  den  Fall  einer  Ausschaffung  in  den  kurdischen Nordirak  dort mit  beachtlicher Wahrscheinlichkeit  einer  nach  Art.  3  EMRK  oder  Art.  1  FoK  verbotenen  Strafe  oder  Behandlung  ausgesetzt  wäre.  Gemäss  Praxis  des  Europäischen  Gerichtshofes  für  Menschenrechte  (EGMR)  sowie  jener  des  UN­Anti­Folterausschusses  müsste  der  Beschwerdeführer  eine  konkrete  Gefahr  ("real  risk")  nachweisen  oder  glaubhaft  machen,  dass  ihm  im  Fall  einer  Rückschiebung  Folter  oder  unmenschliche  Behandlung  drohen  würde  (vgl.  EGMR,  [Grosse  Kammer],  Saadi  gegen  Italien,  Urteil  vom  28.  Februar  2008,  Beschwerde  Nr.  37201/06,  §§  124­127,  mit  weiteren 

D­1931/2008 Hinweisen  ).  Auch  die  allgemeine  Sicherheits­  und  Menschenrechtssituation  im  kurdischen  Nordirak  lässt  den  Wegweisungsvollzug  zum  heutigen  Zeitpunkt  nicht  als  unzulässig  erscheinen  (vgl. BVGE 2008/4 E. 6.2­ 6.6 S. 42  ff.). Allfällige ernsthafte  Drohungen  von  Seiten  Dritter  kann  der  Beschwerdeführer  bei  den  zuständigen  Sicherheitsbehörden  anzeigen.  Mit  der  eingereichten  Bestätigung  vom  12.  März  2008,  wonach  er  von  "anderen  Kräften"  gesucht  werde,  wird  jedenfalls  keine  unmenschliche  Behandlung  dargetan. Nach dem Gesagten ist der Vollzug der Wegweisung sowohl im  Sinne der asyl­ als auch der völkerrechtlichen Bestimmungen zulässig. 4.3. Gemäss Art. 83 Abs. 4 AuG kann der Vollzug für Ausländerinnen und  Ausländer unzumutbar sein, wenn sie im Heimat­ oder Herkunftsstaat auf  Grund  von  Situationen  wie  Krieg,  Bürgerkrieg,  allgemeiner  Gewalt  und  medizinischer  Notlage  konkret  gefährdet  sind.  Wird  eine  konkrete  Gefährdung  festgestellt,  ist  –  unter Vorbehalt  von Art.  83 Abs.  7 AuG –  die vorläufige Aufnahme zu gewähren. 4.3.1.  Das  Bundesverwaltungsgericht  ist  aufgrund  einer  umfassenden  Beurteilung  der  Situation  in  den  nordirakischen  Provinzen  Dohuk,  Erbil  und  Suleimaniya  zum Schluss  gekommen,  dass  in  den  drei  kurdischen  Provinzen  keine  Situation  allgemeiner  Gewalt  herrscht,  und  die  dortige  politische  Lage  nicht  dermassen  angespannt  ist,  als  dass  eine  Rückführung dorthin  als  generell  unzumutbar  betrachtet werden müsste  (vgl.  BVGE 2008/5).  Zudem  ist  die Region mit Direktflügen  aus Europa  und aus den Nachbarstaaten erreichbar. Damit entfällt  das Element der  unzumutbaren  Rückreise  via  Bagdad  und  anschliessend  auf  dem  Landweg durch den Zentralirak. Zusammenfassend wurde im erwähnten  Entscheid festgehalten, dass die Anordnung des Wegweisungsvollzugs in  der Regel  für alleinstehende, gesunde und  junge kurdische Männer, die  ursprünglich aus einer der drei Provinzen stammen und dort nach wie vor  über  ein  soziales  Netz  oder  Parteibeziehungen  verfügen,  zumutbar  ist.  Für alleinstehende Frauen und für Familien mit Kindern, sowie für Kranke  und  Betagte  ist  bei  der  Feststellung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  grosse  Zurückhaltung  angebracht  (vgl.  BVGE  2008/5 E. 7.5 und insbesondere E. 7.5.8). Die  Sicherheitssituation  im  Nordirak  hat  sich  seit  der  Publikation  des  erwähnten  Urteils  nicht  verschlechtert.  In  der  überwiegenden  Mehrheit  der  Berichte  von  Regierungs­  und  Nichtregierungsorganisationen  sowie  des UN­Sicherheitsrats wird eine insgesamt stabile Situation beschrieben 

D­1931/2008 (vgl.  UK Home Office,  Country  of  Origin  Information  Report  –  Iraq,  10.  Dezember  2009,  Ziff.  8.85  ff.).  Auch  die Schweizerische Flüchtlingshilfe  (SFH)  spricht  in  einem  Lagebericht  vom  Sommer  2008  von  einer  "vergleichsweise friedlichen und stabilen Situation". Die 2007 begonnene  und 2008 fortgesetzte türkische Militäroffensive gegen PKK­Stellungen im  Nordirak  sowie  grenzübergreifende  Bombenangriffe  des  iranischen  Militärs hätten die allgemeine Sicherheitslage nicht beeinflusst  (MICHAEL  KIRSCHNER, SFH,  Irak, Update: Aktuelle Entwicklungen,  vom 14. August  2008,  Ziff.  3.1,  S.  9).  Auch  Amnesty  International  legt  dar,  dass  die  Menschenrechtslage  in  den  nordirakischen  Provinzen  sich  weiterhin  verbessert habe. Die kurdische Region des Irak sei weitgehend verschont  geblieben  von  den  jüngsten  Ausbrüchen  politischer  Gewalt,  die  sich  in  anderen  Teilen  des  Landes  ereignet  hätten  (Amnesty  International,  Annual Report 2011). 4.3.2.  Mit  der  Vorinstanz  geht  das  Bundesverwaltungsgericht  sodann  davon  aus,  dass  sich  aus  den  Akten  und  den  Angaben  des  Beschwerdeführers keine hinreichend konkreten Anhaltspunkte ergeben,  die  darauf  schliessen  liessen,  der  alleinstehende  Beschwerdeführer  gerate im Falle der Rückkehr in die nordirakische Provinz I._______ aus  individuellen  Gründen  wirtschaftlicher,  sozialer  oder  gesundheitlicher  Natur  in  eine  existenzbedrohende  Situation.  Er  absolvierte  in  seinem  Heimatland eine Schul­ und Berufsbildung und verfügt auch über einige  Berufserfahrung. Dem ist anzufügen, dass er seit {…….} als S._______ in  einem  namhaften  Hotel  in  T._______  angestellt  ist.  Der  Beschwerdeführer bringt vor, von seiner Familie lebe nur noch ein Onkel  väterlicherseits  in H._______. Alle  anderen Familienmitglieder  seien  bei  {…….} ums Leben gekommen. Das BFM würdigte diesen Umstand in der  angefochtenen Verfügung, auf welche an dieser Stelle verwiesen werden  kann.  Es  ist  festzuhalten,  dass  der  Beschwerdeführer  bei  diesem  tragischen  Ereignis  {…….}  war,  und  er  zwischen  diesem  und  seiner  Ausreise aus dem Irak im Jahr 2001 noch 13 Jahre in seinem Heimatland  verbrachte. Daher kann angenommen werden, dass er sich in dieser Zeit  ein soziales Netzwerk aufbauen konnte, auf das er bei einer Rückkehr in  den  Irak  zurückgreifen  kann.  Gemäss  eigenen  Angaben  des  Beschwerdeführers  ist  sein  Onkel,  der  ihm  bei  der  Organisation  der  Ausreise behilflich war (vgl. act. B 8/15 S. 11), zudem eine einflussreiche  Persönlichkeit,  der  die  Funktion  eines  U._______  (eine  Art  V._______)  innehat  (vgl.  act.  B  8/15  S.  11)  und  somit  über  viele  soziale  Kontakte  verfügen  dürfte.  Es  ist  daher  davon  auszugehen,  dass  der  Beschwerdeführer  aufgrund  dieses  Anknüpfungspunktes  bei  einer 

D­1931/2008 Rückkehr  in sein Heimatland auch wieder ein Beziehungsnetz aufbauen  können  wird.  Zusammenfassend  kann  vor  diesem  Hintergrund  davon  ausgegangen werden,  dass  er  auch  nach  seiner Rückkehr  in  der  Lage  sein  wird,  sich  in  seiner  Heimat  eine  wirtschaftliche  Existenzgrundlage  aufzubauen. 4.3.3. Soweit der Beschwerdeführer auf seinen langjährigen Aufenthalt in  der  Schweiz  und  die  beruflich  erfolgreiche  Eingliederung  hinweist,  ist  festzuhalten,  dass  die  damit  verbundene  Integration  –  wie  vom  Bundesamt  zutreffend  dargestellt  –  keine  andere  Beurteilung  der  Zumutbarkeit  des  Wegweisungsvollzugs  zulässt.  Nachdem  die  Bestimmungen  betreffend  vorläufige  Aufnahme  infolge  einer  schwerwiegenden persönlichen Notlage (insb. Art. 44 Abs. 3­5 AsylG) auf  den  1.  Januar  2007  aufgehoben  worden  sind,  kann  bei  Beschwerden  gegen  Verfügungen  des  BFM  im  Verfahren  vor  dem  Bundesverwaltungsgericht  das  Vorliegen  einer  schwerwiegenden  persönlichen  Notlage  nicht  mehr  geprüft  werden.  Die  Integration  in  der  Schweiz  war  unter  altem  Recht  primär  im  Rahmen  eben  jener  Notlagenprüfung  zu  berücksichtigen.  Nach  geltendem  Recht  ist  es  nun  dem  Kanton  vorbehalten,  mit  Zustimmung  des  Bundesamtes  einer  ihm  nach  Gesetz  zugewiesenen  Person  eine  Aufenthaltsbewilligung  zu  erteilen,  wenn  wegen  der  fortgeschrittenen  Integration  ein  schwerwiegender  persönlicher  Härtefall  vorliegt  (Art.  14  Abs.  2  Bst.  c  AsylG). 4.3.4.  Gestützt  auf  die  vorstehenden  Erwägungen  ist  der  Vollzug  der  Wegweisung  im  heutigen  Zeitpunkt  sowohl  in  genereller  als  auch  in  individueller Hinsicht als zumutbar zu erachten.  4.4.  Schliesslich  bleibt  gemäss  Art.  83  Abs.  2  AuG  zu  prüfen,  ob  der  Vollzug der Wegweisung möglich ist. Es bestehen gemäss Erkenntnissen  des  Bundesverwaltungsgerichts  direkte  Flugverbindungen  zwischen  Europa  und  dem  Nordirak.  Die  Beschaffung  der  für  die  Rückkehr  notwendigen Reisedokumente obliegt dem Beschwerdeführer (Art. 8 Abs.  4  AsylG).  Der  Vollzug  der  Wegweisung  ist  somit  auch  als  möglich  zu  bezeichnen.  5.  Aus den vorstehenden Erwägungen folgt, dass das BFM den Vollzug der  Wegweisung  zu  Recht  als  zulässig,  zumutbar  und  möglich  erklärt  hat,  weshalb die Aufhebung der vorläufigen Aufnahme zu bestätigen ist. 

D­1931/2008 Zusammenfassend  ergibt  sich  somit,  dass  die  angefochtene  Verfügung  Bundesrecht nicht verletzt, den rechtserheblichen Sachverhalt richtig und  vollständig  feststellt  und  angemessen  ist  (Art.  49  VwVG).  Die  Beschwerde ist demnach abzuweisen, soweit darauf einzutreten ist.  6.  Bei  diesem  Ausgang  des  Verfahrens  sind  die  Kosten  in  der  Höhe  von  insgesamt Fr. 600.­ dem Beschwerdeführer aufzuerlegen (Art. 63 Abs. 1  und  5 VwVG; Art.  1­3  des Reglements  vom 21.  Februar  2008  über  die  Kosten und Entschädigungen vor dem Bundesverwaltungsgericht [VGKE,  SR  173.320.2])  und  mit  dem  am  31.  März  2008  in  gleicher  Höhe  geleisteten Kostenvorschuss zu verrechnen.

D­1931/2008 Demnach erkennt das Bundesverwaltungsgericht: 1.  Die Beschwerde wird abgewiesen, soweit darauf eingetreten wird. 2.  Die  Verfahrenskosten  von  Fr. 600.­  werden  dem  Beschwerdeführer  auferlegt  und  mit  dem  in  gleicher  Höhe  geleisteten  Kostenvorschuss  verrechnet.  3.  Dieses  Urteil  geht  an  den  Beschwerdeführer,  das  BFM  und  die  zuständige kantonale Behörde. Der vorsitzende Richter: Die Gerichtsschreiberin: Thomas Wespi Anna Kühler Versand:

D-1931/2008 — Bundesverwaltungsgericht 19.09.2011 D-1931/2008 — Swissrulings